Session Night – Funkiger Abend im Fletch Bizzel

Seit einiger Zeit hat das Fletch Bizzel mit Dixon Ra auch einen musikalischen Leiter. Der Saxophonist und Multiinstrumentalist nutzt seine musikalischen Fähigkeiten nicht nur, Theaterstücke zu begleiten, sondern bietet Interessierten auch unter dem Namen „Session Night“ eine neue musikalische Reihe an, bei der er auch Gäste einlädt. Manche werden sich an das „Small Beast“ erinnern, das unter dem damaligen musikalischen Leiter des Schauspielhauses, Paul Wallfisch, zum festen Repertoires der Dortmunder Musikliebhaber avancierte.

Den ersten Abend der „Session Nights“ am 05.10.21 bestritt Dixon Ra alleine, begleitet von Marc Reece (Gitarre), Caspar van Meel (Bass) und Lennart Rybica (Schlagzeug). Und die Musik zeigte sofort die Richtung an: Funk. „Stratus“ von Billy Cobham und „Blast“ von Marcus Miller ließen Erinnerungen an Serien wie „Straßen von San Francisco“ aufkommen. Der dritte Titel „Jovano Jovanke“ zeigte auch, dass Dixon Ra sehr gut Jazz-Funk mit traditionellen Balkanmelodien verbinden kann. Nach zwei Liedern vom Gastgeber gab es noch drei Zugaben. Bei „Bar Jedan Ples“ sang dann die künstlerische Leiterin Rada Radojčić und brachte den Saal vollends in Stimmung.

Sorgten für einen gelungenen Abend: (v.l.n.r.) Marc Reece, Lennart Rybica, Dixon RA und Casper van Mee. (Foto: © Rada Radojčić)
Sorgten für einen gelungenen Abend: (v.l.n.r.) Marc Reece, Lennart Rybica, Dixon RA und Casper van Mee. (Foto: © Rada Radojčić)

Gute Stimmung herrschte schon vorher. Denn alle Beteiligten waren handwerklich oberste Klasse. Dixon Ra ließ sein Saxophon mal weich mal rau klingen. Verzerrte Töne machten den Sound des Instrumentes interessant. Daneben hatte Dixon Ra auch Hochkaräter eingeladen. Marc Reece bewies, dass er nicht nur im Bluesrock-Genre zu Hause ist, sondern auch als Funk-Gitarrist begeistern kann. Caspar van Meel wurde 2003 beim „Grote Prijs van Nederland“ als bester Bassist ausgezeichnet und er zeigte, dass er den Titel 2021 vermutlich verteidigen könnte. Das Fundament legte Lennart Rybica am Schlagzeug, der auch mit einigen Soloeinlagen punkten konnte.

Insgesamt ein guter Start in die „Session Nights“, der neugierig macht auf die weiteren Folgen. Am 02.11.21 hat Dixon Ra die Coverband Wild Child eingeladen, wer am 07.12.21 dabei sein wird, ist noch eine Überraschung.

Mehr Informationen unter www.fletch-bizzel.de




Piratenmolly Ahoi! Vom Mädchen, das auszog Seemann zu werden

Ein Theaterstück von Eva-Maria Stüting für Erwachsene ab 6 Jahren

Das Publikum noch im #corona modus … der 3G-Standard. Aber endlich wieder Theater, auch für die Kinder! Die Kulturbrigaden bieten im Fletch Bizzel ein turbulentes und buntes Stück mit viel Sprachwitz, Männer – Männ*innen, Musik und ein bisschen Lebensphilosophie für Erwachsene ab 6 Jahren. Das Stück räumt auf mit klassischer Rollenverteilung und entführt das Publikum auf eine abenteuerliche und bunte Seereise.

„Träume sind dazu da in Erfüllung zu gehen“, meint Molly Kelly und beschließt ihren Traum wahrzumachen. Sie möchte Seemann werden. Aber die Seefahrt ist ein hartes Geschäft, und harte Geschäfte, die werden meist von „harten“ Männern erledigt. Wie Captain Sparrow in „Pirates of the Caribbean“ … oder nicht?

Olly/Molly (Christiane Wilke) hat es schwer an Bord und versucht es dem Kapitän (Bettina Stöbe) recht zu machen. (Foto: © Kulturbrigaden)
Olly/Molly (Christiane Wilke) hat es schwer an Bord und versucht es dem Kapitän (Bettina Stöbe) recht zu machen. (Foto: © Kulturbrigaden)

Rada Radojčić inszenierte dieses Stück für Kinder von Eva-Maria Stüting, das am 24. September Premiere hatte. Die Theatertruppe Kulturbrigaden lieferte eine mitreißende und professionelle Vorstellung.

Molly Kelly wird von ihrer Mutter mehr oder weniger vor die Tür gesetzt. In einer Gesellschaft ohne soziale Sicherheiten, brutalisiert, wie vor dem 20. Jahrhundert bei Armen häufig üblich. Jedoch Molly gelingt es, ihren Traum zu realisieren und kann, sich als Junge ausgebend, als Schiffsjunge Olly anheuern. An Bord meistert sie die ihr gestellten Aufgaben und Dienste, bis es in einem Sturm, den sie vorhersieht, ihr Kapitän aber arrogant ignoriert, zu einem Unglück kommt.

Molly geht über Bord.

Molly wird alleine auf dem Meer treibend wach. Sie ist verzweifelt. Doch Rettung naht … nur die Rettung besteht aus einem Piratenschiff.

Mit List und Mut wird sie schließlich sogar zur gefürchteten Piratenkapitänin!

Das Stück gab einen guten subtilen Hinweis auf die Gleichberechtigung zwischen Jungen/Männern und Mädchen/Frauen. Denn jeder kann jeder werden. Weil es KEINE Beschränkung von Tätigkeiten, Berufen und Aufgaben auf ein Geschlecht gibt. In dem Stück wurde auch die Sprache Gleichheit verwendet. Mann/Mann und Männ*Innen, was für große Lacher sorgte. Da vor allem unsere Konservativen auf diesem Thema herumreiten und es als Sprachschikane deklarieren, als hinge ihr Leben davon ab.

Es spielen Vassily Kazakos, Bettina Stöbe und Christiane Wilke.

Regie: Rada Radojčić
Musikalische Leitung: Dixon Ra
Kostüm & Bühne: Anna Hörling
Licht: Marco Scholz

So. 28.11             11.00 Uhr            8,— €

Mi. 01.12             10.00 Uhr            8,— €    ermäßigt 6,— €

So. 10.10             15.00 Uhr            8,— €




Piratenmolly Ahoi oder warum sollte ein Mädchen nicht Piratin werden können?

Molly hat einen Traum: Die will unbedingt Seemann werden. Doch auf hoher See werden harte Männer gebraucht. Kann sie es trotzdem schaffen, als Matrose die sieben Weltmeere zu bereisen? Aus der Vorlage von Eva-Maria Stüting bringt Regisseurin und künstlerische Leiterin Rada Radojčić eine rund 50-minütige Version für Kinder ab sechs Jahren auf die Bühne des Fletch Bizzels mit viel Musik. Die Premiere ist am 24. September 2021 um 18 Uhr.

Da ich das Vergnügen hatte bei einer Probe dabei zu sein, konnte ich erste Eindrücke sammeln. Bühnenbild und Kostüme haben eine leichte Anmutung der Augsburger Puppenkiste und auch die drei Schauspieler*innen agieren auf der Bühne ein wenig, als ob sie an unsichtbaren Schnüren hängen. Dazu passt, dass die Kostüme der Schauspieler*innen wirken, als ob sie für Anziehpuppen gemacht wurden. Ein ungewöhnlicher Grundstoff ist Pappe. „Ich habe die Pappe dann gebogen, damit das am Körper besser sitzt und habe dann mit Stoffen und Farbe die Kostüme mehr modelliert“, erzählt Kostümbildnerin Anna Hörling.

Drama: Kann Molly (Christiane Wilke) den Piratenkapitän (Vassily Kazakos) von ihren Fähigkeiten überzeugen? (Foto: © Kulturbrigaden)
Drama: Kann Molly (Christiane Wilke) den Piratenkapitän (Vassily Kazakos) von ihren Fähigkeiten überzeugen? (Foto: © Kulturbrigaden)

Diese Art von Kostümen ist für die Akteure auf der Bühne ungewöhnlich. „Das Spielen ist sehr anspruchsvoll“, so Radojčić, „es ist eine viel größere Körperlichkeit nötig“. Zur Musik, die wie bei der Produktion „Alice im Wunderland“ von Dixon Ra stammt, ist zu sagen, dass sie die comichafte Inszenierung mit entsprechender Musik begleitet. Bei aller Buntheit und Fröhlichkeit ist Regisseurin Radojčić wichtig, dass das Stück für Jung und Alt ist, denn schließlich ist das Thema der klassischen Rollenverteilung immer noch ein ernstes. Die Kinder sollen animiert werden, ihre Träume zu verwirklichen.

Die drei Schauspieler*innen, die bei der Produktion von „Piratenmolly Ahoi!“ dabei sind, Bettina Stöbe, Christiane Wilke und Vassily Kazakos, sind lange mit dem Fletch Bizzel verbunden.

Für die Premiere am 24. September 2021 gibt es noch wenige Restkarte, weitere Vorstellungen sind am 10. Oktober um 15 Uhr, am 28. November um 11 Uhr und am 01. Dezember um 10 Uhr.

Mehr Informationen unter www.fletch-bizzel.de




Fantasievolle Alice im Fletch Bizzel

Am 21. August 2021 hatte die neue Produktion „Alice im Wunderland“ der Kulturbrigaden unter der neuen künstlerischen Leitung von Rada Radojcic Premiere im Fletch Bizzel. Ein schwarz-weiß hypnotisierendes Bühnenbild traf auf bunte Kostüme, viel Musik und spielfreudige Akteure.

Die Geschichte von Alice im Wunderland ist oft erzählt worden. Ob im Film oder auf der Bühne, die Geschichte von Alice fasziniert junge und junggebliebene Menschen. Kein Wunder, dass Regisseurin Rada Radojcic nach 2015 erneut ihre Alice auf die Bühne schickte und mit der Hilfe des Fletch Bizzels zu Zuschauerinnen und Zuschauer in eine fantastische Welt schickte. Denn sind wir nicht alle ein bisschen verrückt?

Obwohl sich Radojcic mit der Bühnenbildnerin Anna Hörling eine wirklich gute Partnerin an die Seite gestellt hatte, blieb das Markenzeichen der Kulturbrigaden erhalten: die bunten, farbenfrohen Kostüme. Sie kontrastierten wunderbar das hypnotische Bühnenbild, das uns immer tiefer in das Wunderland hineinzog und seine skurrilen Bewohner präsentierte.

Die Grinsekatze irritiert Alice ziemlich. (Foto: © Kulturbrigaden)
Die Grinsekatze irritiert Alice ziemlich. (Foto: © Kulturbrigaden)

Präsentiert wurden unter anderem das Kaninchen, die Raupe, der Märzhase, der verrückte Hutmacher, sprechende Blumen, Humpty Dumpty, die Herzogin, die Grinsekatze und natürlich die Herzkönigin. Alle haben eine eigene – meist skurrile – Persönlichkeit. Die Raupe entspannt sich beim Shisha-Rauchen, die drei sprechenden Blumen sind blasiert und machen sich über Alice lustig. Natürlich ist die Herzkönigin grausam und wird dementsprechend mit dem Star-Wars-Motiv von Bösewicht „Darth Vader“ auf der Bühne präsentiert. Fehlt natürlich Alice: Die Schauspielerin geht mit ihrer Figur durch alle Emotionen, ist gerne vorlaut und zeigt sich voller Spielfreude.

Musik und Choreografie sind ein wichtiges Element im Stück. Der Klangteppich mit Liedern und die große Choreografie bei der Teeparty passen sehr gut in das Stück und ergänzen es zu einem stimmigen Gesamtbild. Wer das Stück bereits 2015 im Depot gesehen hat, wird einige Szenen wiedererkennen, aber Radojcic hat sie gehörig aufpoliert und weiterentwickelt.

Es lohnt sich auf jeden Fall, dem Fletch Bizzel einen Besuch abzustatten und mit Alice den Sprung ins Kaninchenloch zu wagen.

Weitere Termine: Am 12. und am 17. September, am 01. und 02. Oktober sowie am 17. und 18. Dezember 2021.

Kartenbestellungen unter www.fletch-bizzel.de




Mit Alice nimmt das Fletch wieder Fahrt auf

Aufgrund rechtlicher Streitereien war das Theater Fletch Bizzel nicht nur durch Corona blockiert. Um das Theater wieder ans Laufen zu bekommen, hat Horst Hanke-Lindemann, das Urgestein hinter dem Theater, Rada Radojcic bis zum Dezember als kommissarische Leitung eingesetzt. Die Interimslösung ist beileibe kein Notnagel, denn Radojcic war vorher bereits im Gespräch als Leiterin der Kinder- und Jugendabteilung des Fletch. Zudem kennt sie das Haus durch viele Produktionen seit Jahren. Darüber hinaus ist es wichtig, dass überhaupt wieder Premieren stattfinden, so Hanke-Lindemann. „Das Haus soll nicht brach liegen“.

Mit „Alice im Wunderland“ startet die erste Premiere am 21.08.2021 um 20 Uhr. Das Stück ist für Rada Radojcic nicht unbekannt. Bereits 2015 inszenierte sie mit den Kulturbrigaden das Stück im Theater im Depot. Doch nach sechs Jahren hat sich viel verändert. Damals waren viele der Mitwirklenden Kinder, in der diesjährigen Inszenierung spielen sogar zwei Mitglieder des Ensembles Fletch Bizzel mit, so dass aus einem Kinderstück ein Familienstück entsteht.

Die Herzogin im schwarz-gelben Outfit im schwarz-weißen Bühnenbild. (Foto: © Rada Radojcic)
Die Herzogin im schwarz-gelben Outfit im schwarz-weißen Bühnenbild. (Foto: © Rada Radojcic)

Ein besonders wichtiges Element in dem Stück wird die Musik sein. „Es gibt Live-Musik von musikalischen Leiter Dixon Ra“, erklärt Radojcic. „Zudem haben wir eigens für das Stück komponierte Songs.“

Ein besonderes Merkmal in den Produktionen der Kulturbrigaden sind die farbenfrohen und ausgefallenen Kostüme von Rada Radojcic. Dieses Mal hat sie mit Anna Hörling eine Verbündete gefunden, die für die nötige Finesse sorgt. Hörling hat auch das Bühnenbild entworfen, das im Gegensatz zu den Kostümen in schwarz-weiß gehalten ist.

Der Choreograph Erin Tobi ist ebenfalls mit von der Partie und sorgt bei der Tee-Party für Schwung im Stile der Tänze der 40er Jahre.

Zurück zum Theater Fletch Bizzel. Corona ist und bleibt ein Thema für Theater. „Glücklicherweise“ hat die Pandemie dafür gesorgt, dass das Fletch Bizzel künftig mit einer Klimaanlage wird. Was aber – nicht nur für dieses Haus – problematisch bleibt, ist die Zuschauerauslastung. Hanke-Lindemann ist skeptisch, dass es wieder zu einer 100% Auslastung kommen wird. Doch er macht Mut: „Wenn 140 Plätze nicht gehen, dann wenigstens 70. Dieser Weg muss beschritten werden.“

Neben dem Premierenwochenende am 21. August um 20 Uhr und am 22. August 2021 um 16 Uhr finden weitere Termine statt am 12. und am 17. September, am 01. und 02. Oktober sowie am 17. und 18. Dezember 2021 statt.

Weitere Informationen und Kartenbestellungen unter www.fletch-bizzel.de




Was zieht uns zum Abgrund?

Warum stehen die Menschen dem drohenden Klimawandel so tatenlos entgegen? Eigentlich unverständlich bei den Folgen, die eine Erwärmung unseres Planeten mit sich bringen würde. Welcher Mechanismus sorgt also dafür, dass der Klimawandel den meisten Menschen irgendwie egal ist. Darauf gibt es einige Erklärungsmöglichkeiten, eine theatrale Antwort gibt Björn Gabriel und seine Theatergruppe „Trafique“ in dem Stück „Abgrund“, das am 03. Oktober 2020 Premiere im Fletch Bizzel feierte.

Schon 2014 veröffentlichte der Klimaaktivist George Marshall sein Buch „Don‘t even think about it“ mit dem schönen Untertitel „Warum unsere Gehirne so darauf eingestellt sind, den Klimawandel zu ignorieren“. Einer seiner Kernthesen ist folgender: Der Klimawandel ist vielschichtig, er hat keinen klaren Anfang und kein klares Ende. Es gibt keine einzelne Ursache und keine einzelne Lösung. Er ist sehr anfällig für mehrere Bedeutungen und Interpretationen. Das macht den Klimawandel für den Menschen sehr schwer fassbar.

Doch ein Theaterstück ist keine wissenschaftliche Abhandlung und Björn Gabriel versucht eigene Antworten darauf zu finden. Beide sehen aber in dem Verursacher der Problematik den Menschen. In dem Stück tauchen bestimmte Charaktere auf, die historisch (Kolumbus), mythisch (der Tod) oder fiktional sind. Als Hauptfigur fungierte Doga Gürer als eine Art wissenschaftliches Versuchsobjekt, das selbst auf die Suche geht, nach dem „Warum“ der menschlichen Selbstzerstörungswut. Liegt es an der Prägung, der Reizüberflutung, der Liebe als Form der Verblendung?

Mit Kolumbus trat eine historische Figur auf, die für das Stück als Sinnbild für die beginnende Globalisierung steht. Durch die Entdeckung der Seewege und neuen Länder begann das Zeitalter der Kolonialisierung.

Doga Gürer und im Hintergrund Aischa-Lina Löbbert von "Trafique" in "Abgrund". (Foto: © Anna Lena Marienfeld)
Doga Gürer und im Hintergrund Aischa-Lina Löbbert von „Trafique“ in „Abgrund“. (Foto: © Anna Lena Marienfeld)

Die zweite Figur war ein kleiner selbstironischer Seitenhieb, denn Fiona Metscher spielte eine Künstlerin, entrückt in ihrer Kunst und verloren in der Kulturwirtschaft. „Ich bin nie zufrieden mit mir“, Ich kann mich nie ausruhen“, so ihr Lamento. Doch all die Künstlerinnen und Künstler bekamen mit dem wiederholten Ausspruch „Ihr Wichser“ ihr Fett weg.

Sehr beeindruckend war auch das Kapitel „Routine“. Hier wurde der tägliche Loop, die ständigen Wiederholungen zwischen Aufstehen, Schule/Arbeit, Essen in Dauerschleife gezeigt. Da kommen einem die Textzeiten von „Mad world“ der Gruppe „Tears for fears“ in den Sinn: „Bright and early for the daily races. Going nowhere, going nowhere“ Es hatte etwas von „Das Goldene Zeitalter“ von Kay Voges, dem ehemaligen Intendanten des Dortmunder Schauspielhaus, mit dem Björn Gabriel lange Zeit zusammengearbeitet hat. Passend auf der Leinwand dazu die Bilder von Rädern wie in einem Uhrwerk in dem die Menschen gefangen sind.

Auch die neuen Bewegungen wie „Friday for future“ waren natürlich Thema in „Abgrund“. Bei einer Mittelklassefamilie zu Tisch wurde gelästert. „Die wollen nur nach oben“, „Rache ist das Motiv, nicht Gerechtigkeit“ oder „abweichende Meinung wird als Angriff gewertet“. Besonders dreist wird es, als Familienvater (Dominik Hertrich) sich als „mittelalter weißer Mann“ quasi zum Opfer stilisiert. Das sorgt bei der Tochter (Aisha-Lina Löbbert) logischer für totalen Frust.

In „Abgrund“ gibt es neben der Performance der vier Schauspieler auch einiges an audiovisuellen Content, wie man es neudeutsch sagt. Denn die Hauptbühne war mit Gaze überzogen, worauf Bilder und Videos erschienen. So war es oft, dass man das Gefühl hatte einen Film zu schauen, denn die Akteure sprachen oft in die Kamera. Wer das Fletch Bizzel kennt, wird sich gewundert haben, der Platz, auf sich die Schauspielerinnen und Schauspieler bewegten, war deutlich ausgedehnt worden. Es gab einen Pool, der durchaus genutzt wurde und ein Gewächshaus.

„Abgrund“ bietet keine Antworten, die Zuschauer müssen schon ihre eigenen Schlüsse ziehen. Ob es notwendig ist, Bilder von Naturkatastrophen zu zeigen, ist fraglich. George Marshall, um auf den Beginn zurückzukommen, ist gegen die Missionierung durch Weltuntergangsfantasien, weil es die Menschen ermüdet.

Letztendlich ist „Abgrund“ ein facettenreiches, intensives Theaterstück mit vier sehr engagierten Schauspielerinnen und Schauspielern. Ein großer Dank an Doga Gürer, Dominik Hertrich, Aischa-Lina Löbbert und Fiona Metscher, aber auch an die anderen Mitwirkenden, die für einen gelungenen Abend sorgten. Eine ganz klare Empfehlung für einen Theaterbesuch.

Weitere Termine sind am 16.10., 18.10 und am 07.11. 2020 im Theater Fletch Bizzel. Mehr Infos unter www.fletch-bizzel.de




Die Weihnachtsgeschichte durchgelüftet

Zur Einstimmung auf die anstehenden Festtage bot sich im Theater Fletch Bizzel mit „Drei Monarchen mit dem Weihrauchfass“ eine witzig-ironische Inszenierung an. In einer Mischung aus Kabarett, Musik und Klamauk streifen Leslie Sternenfeld und Stefan Keim in ihrem Stück durch die Weihnachtsgeschichte.

In einen roten und einen blauen Nikolausmantel gehüllt, mit tiefschwarzen Sonnenbrillen ziemlich cool aussehend, erschienen die Protagonisten auf der Bühne und intonierten zur Musik von „Highway to Hell“ den Text „Rentier zu schnell“ einen pompösen Auftakt. Der imaginierte Rentierschlitten geriet natürlich in eine Radarfalle und wurde geblitzt.

Die folgende Weihnachtsgeschichte wurde allerdings ganz neu erzählt. Denn: Eine Bibel wurde gefunden! Das Original! Geschrieben weit vor der uns bekannten! Sie enthält „Das Neue Testament nach Jussuf“ – eigentlich aus heutiger Sicht das älteste.

Drei Skatbrüder fungierten als die drei Könige, Stefan Keim als blindes Schaf Jossele kann nur bellen statt blöken und fragt ausdauernd „Wann sind wir da?“, ein Engel versichert, dass die Herberge noch zu besichtigen sei.

Zwischendurch fantasierten die Beiden über eine Neuinszenierung in Oberammergau. Der Ochsenkarren könnte durch einen E-Roller ersetzt werden, die Hirten durch Helikoptereltern, am Kreuz könnte eine feministische Maria hängen…

(v.l.n.r.) Stefan Keim als "Anita" und Leslie Sternenfeld als "Roy Black" in der skurrilen Weihnachtsshow "Drei Monarchen mit dem Weihrauchfass". (Foto: © Anja Cord)
(v.l.n.r.) Stefan Keim als „Anita“ und Leslie Sternenfeld als „Roy Black“ in der skurrilen Weihnachtsshow „Drei Monarchen mit dem Weihrauchfass“. (Foto: © Anja Cord)

Eine wilde Phantasie folgte der Nächsten. Abwechselnd singend oder am Piano spielend spickten Stefan Keim und Leslie Sternenfeld die Erzählung mit umgedichteten Schlagertexten. Auf den Song von Brings „Kölsche Jung“ dichteten sie: „Als kleiner Junge hab ich mich mal verlaufen, ich glaube ich wollte Jesuslatschen kaufen“

Neben der Weihnachtsgeschichte erfuhr in einem zweiten Erzählstrang die Hitparade mit Dieter Thomas (Stefan Keim) und dem Heck (Leslie Sternenfeld) eine Wiederbelebung. Im Countdown von acht Schlagerevergreens verpackten die Kaberettisten ihre neuen Texte in Ohrwürmer aus den siebziger Jahren oder auch der Neuen Deutschen Welle („Codo“ von DÖF). In schwarzen Glitzerjackets intonierten sie Songs von Roland Kaiser, Jürgen Marcus oder Udo Jürgens. Auf Platz eins landeten zum Höhepunkt der Vorstellung Roy Black und Anita, durch Stefan Keim mit blonden langen Zöpfen herzallerliebst dargestellt.

Mit viel Spaß am Wortwitz, manchmal absurden Gedankenkapriolen, aber immer mit viel Begeisterung und Phantasie bereiteten die Künstler ihrem Publikum einen sehr vergnüglichen Abend.

Eine weitere Vorstellung geht am Samstag, den 21. Dezember ab 20 Uhr im Fletch Bizzel (www.fletchbizzel.de) über die Bühne.




The Silly Siblings werfen die Zeitmaschine an

Die Theaterband „The Silly Siblings“
entführte das Publikum im Fletch Bizzel in die 20er und 30er Jahre
des letzten Jahrhunderts. Unter dem Titel “Wermut, Schwermut und
Chansons“ warfen die Mitglieder der Kulturbrigaden einen
liebevollen, aber auch sehr kritischen Blick auf die ereignisreiche
und politisch brisante Zeit zwischen zwei Weltkriegen.

Die
zeitliche Einordnung der Revue lieferte zu Beginn ein Journalist. An
seiner Schreibmaschine sitzend hämmerte er eine Reportage über die
letzten Tage des ersten Weltkrieges in die Tasten. Eine Stimme aus
dem OFF lässt das Publikum an dem zu schreibenden Text teilhaben.
Der Kaiser dankt ab und geht ins Exil, der Krieg endet am 9. November
1918. Dies ist der Ausgangspunkt für die Erzählung des Abends, die
am Ende den nächsten Krieg am Horizont aufflackern sieht.

Kraftvoll und kämpferisch gesungen das Arbeiterlied „Brüder zur Sonne zur Freiheit“, frivol „die fesche Lola“ von Marlene Dietrich, verbittert ein Lied der Mütter, die ihre Söhne nicht im Krieg verheizen lassen wollten. Wunderbar zart und sehnsuchtsvoll rezitierte Anna Marienfeld Kurt Schwitters Gedicht „An Anna Blume“. Einzelne Gassenhauer wie „Mutter, der Mann mit dem Koks ist da“, fehlten nicht. In der dazugehörigen Szene wurde neben der schwarzen Kohle zugleich auch weißes Pulver mitgeliefert. Große Lacher erzeugte eine Schwarzmarktszene in der der Händler sich nach Art des Schlemils aus der Sesamstraße an potenzielle Käufer heranmachte.

Entführten die Zuschauer in die wilden Zwanziger und Dreißiger: The Silly Siblings (v.l.n.r.) Christiane Wilke, Anna Marienfeld, Rada Radojcic, Dixon Ra und Lennart Rybica. (Foto: © Anja Cord)
Entführten die Zuschauer in die wilden Zwanziger und Dreißiger: The Silly Siblings (v.l.n.r.) Christiane Wilke, Anna Marienfeld, Rada Radojcic, Dixon Ra und Lennart Rybica. (Foto: © Anja Cord)

Überzeugend schlüpften Regisseurin Rada Radojcic, Anna Marienfeld und Christiane Wilke in die Rollen der unterschiedlichsten Protagonisten. Schriftsteller, Arbeiter, Unternehmer, Hure, Tänzerin, Mutter oder Schwarzhändler. Stimmlich sehr überzeugend interpretierten sie die unterschiedlichsten Musikstücke mal ironisch, witzig oder auch mit großer Verve. Perfekt unterstützt durch die Musiker Dixon Ra & Lennart Rybica an Schlagzeug und Keyboard entrollten die Schauspielerinnen ein rauschhaftes Bild von Schmerz, Trauer, Lebensfreude, Liebe und Absinth- und Drogenexzessen. Geschickt sind die Übergänge und Kostümwechsel der einzelnen Szenen miteinander verwoben.

Die
Zuschauer honorierten die Darsteller immer wieder mit Szenenapplaus
und nach der Vorführung mit Standing Ovations.

Wer
sich auch in diese faszinierende Zeit entführen lassen möchte, kann
dies das nächste Mal am
31. Dezember
um 21
Uhr zur
Silvester-Sondervorstellung im
Theater im
Depot machen. Weitere Termine sind am 31.01.2020 um 20 Uhr und am
22.02.2020 um 20 Uhr (im Fletch Bizzel).




KindergartenBuchTheater Festival im Fletch Bizzel

Ein beliebter Bestandteil im Rahmen des LesArt.Festivals in Dortmund
(schon seit 14 Jahren) ist das KindergartenBuchTheaterfestival im
Theater Fletch Bizzel an der Humboldtstraße 45. In diesem Jahr
findet es dort vom 11. bis 15.11.2019 statt. Die künstlerische und
pädagogische Leitung hat Bettina Stöbe.

In diesem Jahr
beteiligen sich 14 Dortmunder Kita-Gruppen und und bringen ihr
Lieblingsbuch auf die Bühne. Es wurden gemeinsam Dialoge
geschrieben, Bühnenbilder gebastelt und auch Kostüme entworfen. Nun
warten die Kinder sowie ihre Verwandten gespannt und aufgeregt auf
ihren Auftritt, auf den sie so lange hingearbeitet haben.

Insgesamt neun
Bücher werden bespielt, darunter sogar ein englischsprachiges. Die
Fabido Kuithanstraße führt das humorvolle „The Birthday Crown“
am Montag, den 11.11.2019 als zweite Gruppe auf. Es geht an den fünf
Tagen um 15.00 Uhr los, und jeweils drei Kita-Gruppen bespielen ihre
Lieblings-Bilderbücher. Wie wichtig Mut ist, und das auch mutig sein
kann „Nein“ zu sagen, beweist der erste Beitrag der Kita
Kunterbund mit „Trau dich Koala…“ am 11.11.2019 um 15:00 Uhr
und am Ende Fabido Kita Beurhausstraße mit „Mutig, mutig“ am
15.11.2019.

14 Dortmunder Kitagruppen präsentieren ihr Lieblingsbuch auf der Bühne. Die Organisatoren (v.l.n.r.) Janesha Jeyaharan (FSJ Kulturbüro), Hartmut Salmen (LesArt Festival) und Isabel Pfarre (Literaturreferentin Kulturbüro) sind schon sehr gespannt auf die Ergebnisse.
14 Dortmunder Kitagruppen präsentieren ihr Lieblingsbuch auf der Bühne. Die Organisatoren (v.l.n.r.) Janesha Jeyaharan (FSJ Kulturbüro), Hartmut Salmen (LesArt Festival) und Isabel Pfarre (Literaturreferentin Kulturbüro) sind schon sehr gespannt auf die Ergebnisse.

In lustiger Form,
ohne erhobenen Zeigefinger, behandeln die ausgewählten Kinderbücher
unter anderem das Problem mit dem Einschlafen, der Angst vor den
fremden neuen Nachbarn oder was für Folgen eine weggeworfene
Bananenschale verursachen kann (Bewegungskindergarten Kletterland mit
„Chaos in Babelsberg“).

Drei Gruppen pro Tag
stellen ihr Lieblingsbuch spielerisch theatral vor. Dabei kommt es
vor , dass sich zwei Kitas auch mal das gleich Kinderbuch ausgesucht
haben. Es wurde von der Festivalleitung jedoch darauf geachtet, dass
diese nicht direkt hintereinander gezeigt werden. Unterschiedliche
Darstellungen und Interpretationen haben ja auch ihren Reiz.

Den genauen
Terminplan finden Sie unter
https://www.lesart.ruhr/kindergartenbuchtheaterfestival/




Verdorbene Liebe

Eigentlich eine Schocksituation: Ein Polizist kommt in die Wohnung von Paula Spencer (Sandra Schmitz) und erklärt, dass ihr Mann tot sei. Erschossen von einem Polizisten während er ein krummes Ding gedreht hat. So beginnt das Solostück „Die Frau, die gegen Türen rannte“ von Roddy Doyle im Fletch Bizzel. Doch bei Paula ist keine große Trauer oder gar Freude anzumerken. Im Laufe des Stückes erfahren die Besucher auch wieso.

Paula erzählt ihre
Lebensgeschichte nicht chronologisch. Sie beginnt mit dem
Kennenlernen ihres Mannes Charlo. Unter den Klängen von „Sugar
baby love“ berichtet sie vom ersten Treffen in einer Diskothek.
Schnell wird ihr klar „ich gehörte ihm“.

Doch Paula hatte es
nicht leicht in ihrem Leben. In der Schule kam sie in die letzte
Klasse, sie bezeichnet sich selbst als „dumm“, träumte aber von
einer Karriere als Model oder Schauspielerin. In der Realität hieß
das „Putzfrau“. Sie benutzte früh ihre Sexualität, um sich
durchzusetzen. „Ich war irgendwie, ohne es zu begreifen und ohne
dass ich was dagegen machen konnte, eine dreckige Schlampe geworden,
an der sich alle aufgeilten“, berichtet Paula.

Paula heiratet
Charlo. Für sie ein wichtiger Schritt, der sie zu etwas besseren
macht. „Ich gehörte jetzt Charlo, und dadurch war ich eine
anständige Frau geworden.“ Zunächst läuft alles glatt, dann
beginnt er sie zu schlagen, immer heftiger. Sie versucht die
Verletzungen zu kaschieren mit den Worten „Ich bin gegen die Tür
gelaufen“. Sie gibt sich eine Mitschuld an seinen
Gewaltausbrüchen. „Er war gereizt. Es war meine Schuld.“ Neben
ihrem gewalttätigen Mann hat Paula noch ein anderes Problem. Sie
trinkt seit sie 16 ist und ist mittlerweile Alkoholikerin, was wie
unumwunden zugibt. „Ich hab nie was dagegen gemacht, hab nie
versucht aufzuhören“, sagt sie. Ein wichtiges Element sind ihre
vier Kinder Nicola, John Paul, Leanne und Jack. Die geben ihr Kraft,
denn endgültig Schluss macht Paula erst, als Charlo ihre gemeinsame
Tochter Nicola „komisch ansah“. Sie schmeißt ihn aus der Wohnung
und sieht in erst kurz vor seinem Tod wieder.

Sandra Schmitz zeige als Paula Spencer eine eindrucksvolle Leistung. (© Standout)

„Die Frau, die
gegen Türen rannte“ ist ein Stück, das betroffen macht an manchen
Stellen sogar fassungslos. Warum bleiben Frauen bei ihren
gewalttätigen Männern? Psychologen sprechen von einem Verhalten wie
bei einer Spielsucht. Die Gewalt wird als Pechsträhne gesehen, die
bald wieder vorbei ist. Wenn dann ein Glücksmoment kommt, kann der
so intensiv und erfüllend seien, dass das Opfer die Pechsträhne
vergisst. Frauen trennen sich mit größerer Wahrscheinlichkeit, wenn
sie herausgefunden hatten, dass auch ihre Kinder Opfer ihres Partners
werden könnten, so wie Paula.

Sandra Schmitz spielte die Paula mit großen Engagement. Es gelang ihr, Paula mit all ihren – auch widersprüchlichen – Facetten darzustellen. Die Kraft, die Energie von Paula, trotz aller Widrigkeiten mit Alkohol und gewalttätigem Mann, zeigte Sandra Schmitz in dem Solo-Programm mit viel Leidenschaft.
Das Bühnenbild spiegelte Paulas Zustand: einfacher Tisch, Stühle, an der Seite ein angedeutetes Kinderzimmer. Dann wurden auch noch Paulas Dämonen hineingerollt. Etliche Flaschen zeugten von Paulas vergebenen Kampf gegen den Alkohol.

Neben Sandra Schmitz
sorgte DJ Joey Porner mit Pop-Songs von den Rubettes bis Rammstein
für einem musikalischen Soundteppich. Im Mittelpunkt standen aber
„Sugar Baby Love“ von den Rubettes und „Vincent“ von Don
McLean, die für Paula eine große Bedeutung hatten.

„Die Frau, die
gegen Türen rannte“ wird noch am 18. und 19. Oktober sowie am 29.
November im Theater Fletch Bizzel gezeigt. Nähere Informationen
unter www.fletch-bizzel.de