Das 10. Philharmonische Konzert am 02. und 03. Juni 2015 im Konzerthaus präsentierte wohl den Helden der klassischen Musik: Siegfried. Schlau wie Frodo (auch bei dem geht es um einen Ring) und ähnlich unverwundbar wie Achill. Mit dem Siegfried-Idyll und dem dritten Akt aus der Oper „Siegfried“ näherten sich Gabriel Feltz und seine Dortmunder Philharmoniker dem Helden, dessen Taten Richard Wagner in Musik packte.
Zunächst stand das Siegfried-Idyll auf dem Programm. Richard Wagner komponierte es als Geburtstags-Gruß für seine Frau Cosima und nahm schon einige Elemente der späteren Oper „Siegfried“ vorweg. Die Besetzung ist für Wagnerianische Verhältnisse spärlich, denn ursprünglich wurde es für ein Kammerorchester geschrieben.
Wer beim Siegfried-Idyll dramatische Musik, ähnlich wie beim Walküren-Ritt, erwartet, liegt völlig falsch. Das Stück ist zärtlich, warm und wie sein Name schon sagt, es weckt Gedanken an eine imaginäre idyllische Landschaft. Das Stück passt sehr gut zu Feltz und seinem Orchester, da der Dirigent ein Meister der Zwischentöne ist, der Pausen zwischen den Noten, die für die Musik ebenso wichtig sind wie die gespielten Noten selbst.
Der zweite Teil des Abends gehörte dem dritten Akt von „Siegfried“. Dem Ort geschuldet, wurde es natürlich konzertant aufgeführt. Das heißt, Sänger vorne und die Musiker, die in „wagnerianischer Stärke“ angetreten waren, im Hintergrund. Ich vermute mal, dass es daran lag, dass die Solisten, vor allem Olafur Sigurdarson (Wotan) bei lauten Stellen etwas schwer zu verstehen sind. Denn in einer „normalen“ Aufführung sind die Musiker ja in einem Orchestergraben.
Ansonsten gab es überhaupt nichts zu meckern. Denn alle Solisten machten einen hervorragenden Eindruck, sei es der erwähnte Sigurdarson, Ewa Wolak (Erda), Petra Lang (Brünnhilde) oder Andreas Schager (Tenor). Schager sah man seine Spielfreude sofort an, er hätte wohl gerne etwas szenischer gespielt, zumindest was im Rahmen einer konzertanten Aufführung möglich ist.
Insgesamt war das 10. Philharmonische Konzert ein fulminanter Abschluss einer überaus gelungenen Spielzeit. Die Zuhörer dankten den Beteiligten verdientermaßen mit lang anhaltendem Applaus.
Wiener Klassik bot bekannte Melodien
Die dritte (und letzte) Ausgabe der Reihe Wiener Klassik in dieser Spielzeit am 18.05.2015 lockte wieder eine große Zahl Besucher in das Konzerthaus. Die Dortmunder Philharmoniker spielten die Oevertüre zur Oper „Guillaume Tell“ von Rossini, das Klavierkonzert Nr. 20 von Mozart und Beethovens fünfte Sinfonie. Am Dirigentenpult stand Generalmusikdirektor Gabriel Feltz.
Ein Italiener komponiert eine französischsprachige Oper über einen Schweizer Nationalhelden: Willkommen bei „Guillaume Tell“. Rossinis Ouvertüre zu seiner Oper ist in vier Teile aufgespalten, die sich an der Handlung orientieren. Spürt man zu beginn die Stille und Erhabenheit der Bergwelt, endet die Ouvertüre mit dem bekannten „Freiheitsmarsch“ oder besser „Freiheitsgalopp“, denn dieser Abschnitt erklang in Filmen gerne in Reiterszenen.
Danach spielte Pianistin Anny Hwang das Konzert für Klavier und Orchester Nr. 20 von Mozart. Für manche wohl Mozarts schönstes Klavierkonzert, im ersten Satz geheimnisvoll und düster, ist der zweite Satz dagegen ein „typischer Mozart“ voller Galanterie. Im dritten Satz kehrt der Komponist wieder zu seiner Tiefgründigkeit zurück. Hwang präsentierte einen anderen Mozart, düsterer, weniger galant, mehr schicksalsbewusst. Zusammen mit den Dortmunder Philharmonikern bot sie virtuos dem Publikum eine andere Seite Mozarts.
Nach der Pause erklang Beethovens Fünfte. Ta-ta-ta-taa. Oder für Musikkenner: Eine große Terz von G nach Es. Dieser Beginn der „Schicksalssinfonie“ ist weltberühmt und auch Menschen, die nichts mit Klassik zu tun haben, kennen ihn. Gabriel Feltz und seine Dortmunder Philharmoniker präsentieren an diesem Abend die Sinfonie in seiner ganzen Kraft und Wucht.
Aus Stücken zusammengefügt
Ein „Loop“ ist ein Klangelement, das durch technische Mittel wiederholt wird. Normalerweise werden Loops eher in der elektronischen Musik benutzt, doch in den aufgeführten Werken des 9. Philharmonischen Konzertes konnte man solche Loops oder „bruch_stücke“ wie der Titel lautete, hören. Ars tremonia war beim Konzert am 13. Mai dabei.
Heute würde man vermutlich „Re-Mix“ zu Alfred Schnittkes „Moz-Art á la Haydn“ aus dem Jahre 1977 sagen. Unter der Leitung der Generalmusikdirektorin des Staatstheaters Hannover, Karen Kamensek, wurde das Stück zur einer Choreografie aus Musik und Licht. Die beiden Solisten Alexander Prushinsky und Shinkyung Kim sowie elf Musiker der Dortmunder Philharmoniker boten nicht nur hohe musikalische Kunst, sondern zeigten auch eine kleine Choreografie. Atmosphärisch wurde es im Konzerthaus durch kleine Lichteffekte während des Stückes.
Ob man sie jetzt „Loop oder „Motiv“ nennt, der Beginn der 4. Sinfonie von Brahms, die nach der Pause erklang, besteht aus absteigenden Terzen. Dass man aus dieser musikalischen Ideen seine Sinfonie aufbauen kann, zeigt der Komponist wahrhaft meisterlich. Beim vierten Satz seiner 4. Sinfonie „mixt“ Brahms einiges Material aus Bachs Kantate „Nach dir, Herr, verlanget mich“ (BWV 150). Doch auch Brahms wird remixt. Auf dem 1972 erschienen Album „Fragile“ der Progressive Rock Band „Yes“ erklingt beim Song „Cans and Brahms“ der dritte Satz. Durchaus als „bruch_stück“ erkennbar.
Bliebe noch Haydn übrig. Denn seine 48. Sinfonie „Maria Theresia“ machte den Anfang des 9. Philharmonischen Konzertes. Gibt es hier auch Bruchstücke? Musikalisch ist sie durchaus fordernd, doch ihre Entstehungszeit 1769 ist eine Zeit, die voller Brüche ist. „Sturm und Drang“ nennt man sie in der Literatur und die Ahnungen der kommenden Französischen Revolution werfen ihre Schatten voraus.
Musikalisch waren die Musiker der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Karen Kamensek in allen drei Epochen der Werke auf der Höhe. Ob es Klassik (Haydn), Moderne (Schnittker) oder Romantik (Brahms). Ein gelungener Abend.
Liebesabenteuer in 140 Zeichen
Es ist die wohl berühmteste Liebesgeschichte: Romeo und Julia. Die Tragödie von William Shakespeare hat zahllose Komponisten inspiriert, beispielsweise Hector Berlioz, Sergej Prokofjew oder in einer aktuellen Version Leonard Bernstein. Barbara Volkwein inszenierte den Stoff beim 3. Konzert für junge Leute am 27. April 2015 im Konzerthaus Dortmund mit den Dortmunder Philharmonikern, der Sängerin Natascha Valentin und den beiden Tänzern der Dortmunder Ballettcompagnie Clara Hernandez und Dayne Florence.
Das Leben, die Liebe, alles mittlerweile auf 140 Zeichen heruntergebrochen. Die Idee Shakespeare, Romeo und Julia mit eigenem Twitter-Profil auszustatten, machte die Geschichte ein wenig frischer, eine ähnliche Idee hatte aber bereits die Royal Shakespeare Company, die den Stoff 2010 unter dem Namen „Such Tweet Sorrow“ in die Neuzeit brachte.
Gespielt wurde hauptsächlich Musik von Berlioz (Romeo et Juliette), Prokofjew (Romeo and Juliet) sowie George Gershwin (An American in Paris), obwohl das präsentierte Stück in New York spielt.
Dazu spielten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Elisabeth Fuchs auch ein paar moderne Töne wie beispielsweise „Tico, Tico“ von Zequinha de Abreu oder „You can’t take back a step“ von Gregg Alexander.
Hernandez und Florence setzten dank der guten Choreografie die optischen Glanzpunkte, die eingeblendeten Twitternachrichten setzten die Geschichte „altersgerecht“ um, denn schließlich spielt sich bei vielen der jungen Besucher das soziale Leben und auch die Liebe auf sozialen Plattformen wie Facebook oder Twitter ab.
Beim Blick durch die Reihen konnte man feststellen, dass das Konzept der Konzerte für junge Leute mit Erfolg angenommen wird.
Nach „Elias“ (Mendelssohn-Bartholdy) und die „Schöpfung“ (Haydn) konnte das Publikum in der Oper Dortmund am 25.04.2015 mit der Premiere von „Saul“ (Georg Friedrich Händel) zum dritten Mal ein szenisches Oratorium erleben. Die Koproduktion mit dem Staatstheater Kassel wurde unter der Regie von der Regisseurin Katharina Thoma, den Opern-Fans durch schon sieben Produktionen auch als Spezialistin für barocke Stoffe, wie zum Beispiel „Eliogabalo“ (Cavalli) bekannt, für die Dortmunder Bühne bearbeitet.
Das Libretto von „Saul“ Charles Jennens hat als biblische Grundlage das Buch Samuel.
Unter der punktgenauen und lockeren musikalischen Leitung des 1. Kapellmeisters Motonori Kobayashi spielte ein kleines Ensemble der Dortmunder Philharmoniker: Cembalo/Orgel: Wallewei Witten, Luca Di Marchi und an der Theorbe Andreas Nachtsheim.
Thoma legte bei ihrer Inszenierung ein besonderes Augenmerk auf die Wirkung der „Volksmasse“ auf das Individuum und auf dessen Umgebung. Das gibt dem Opernchor des Theaters Dortmund unter der Leitung des „reaktivierten“ Granville Walker eine große Bedeutung und Chance, sein Können zu zeigen und einmal im Vordergrund zu stehen.
Das Bühnenbild von Sibylle Pfeiffer war minimalistisch aber praktisch gestaltet. Ein großes transparentes Plateau auf der Bühne und ein Zweites von der Decke hängend, dienten als Tempel oder Königshof. Das Deckenplateau war multifunktional verwendbar und diente als Symbol für eine höhere Macht.
Das Libretto orientiert sich überwiegend an die biblische Geschichte. Saul wird per Los zum König der Stämme Israels gewählt. Doch mit der Bürde kommt er schlecht zurecht. Schon gar nicht, als ein junger Kriegsheld, namens David, ihm die Sympathie des Volkes streitig macht. Saul verheiratet David zwar mit seiner Tochter Michal, nachdem ihm die ältere Tochter Merab abgelehnt hatte, aber plant nichtsdestotrotz Davids Tod. Saul fühlt sich von Allen verlassen und sucht in seiner Verzweiflung Rat bei den Mächten der Unterwelt. Der Geist Samuels erklärt, das Saul wegen der nicht Befolgung eines Gottesbefehls seine Herrschaft an David abtreten muss und mit seinem Sohn Jonathan auf dem Schlachtfeld ums Leben kommen wird.
Thoma legt in ihrer Inszenierung einen deutlichen Fokus auf die Psychologie der Protagonisten. Saul treibt die gefühlte Ablehnung des Volkes in eine Art bipolarer Störung. Erst sehr freundlich, dann einen Tag später zum Mord gegen David entschlossen. Saul Wahnsinn führt letztendlich zu seinen eigenen Tod. Interessant ist auch die Beziehung zwischen David und Jonathan, Sauls Sohn. Wenn beide sich treffen, ist eine deutliche homoerotische Beziehung erkennbar, die durch Jonathans Tod abrupt beendet wird. Auch Davids Trauer um Jonathan spricht Bände: „Great was the pleasure I enjoy’d in thee, And more than woman’s love thy wondrous love to me!“(Groß war die Wonne, die mir ward von dir, und mehr als Frauenlieb‘ war deine Liebe mir!)“.
Christian Sist, mit seiner überragenden Körpergröße und Stimme eine passende Besetzung für Saul,
Er zeigt die wachsende Verzweiflung, Neid und Eifersucht auf den neuen Günstling des Volkes überzeugend. Mit ihrem klaren Mezzosopran und viel Empathie spielte und sang Ileana Mateescu, schon fast spezialisiert auf „Hosenrollen“, zuletzt im „Rosenkavalier (Richard Strauss), den David.
Tamara Weimerich als zunächst hochmütige Merab, gelang auch spielerisch den Haltungswechsel gegenüber David überzeugend darzustellen. Als kongenialer Gegenpart spielte Julia Amos die sanfte Michal, der oberflächlicher Standesdünkel fremd ist.
Eine besondere Herausforderung gab es für Lucian Krasznec als Jonathan. Neben dem Vater-Sohn Konflikt gab es noch die besondere Freundschaft zu David. Die Darstellung der unterschwelligen homoerotischen Tendenz der Beziehung von David und Jonathan, wurde mit Feingefühl gemeistert.
Als vielseitiger Mann für skurrile Rolle zeigte sich wieder einmal Kammersänger Hannes Brock. Neben den Hohepriester fungierte er als Abner und als Hexe von Endor aus der Unterwelt.
Den kürzesten Auftritt hatte Min Lee. Als ein Amalekiter, der die traurige Botschaft vom Tod Sauls und Jonathans überbringt, wird er bald von David ermordet.
In der Rolle des Doeg sowie als eindrucksvolle Projektion und Stimme von Samuels Geist war Morgan Moody zu erleben.
Besonders bewegend war der Chor. Er symbolisierte die Volksmasse. Die Masse, die sich leicht formen lässt und (blind) dem nächsten „Superstar“ folgt. Frei nach dem Motto: Vox populi, vox dei – Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes. Thoma schuf mit dem Chor wunderbare Bilder, beispielsweise als sie David mit ihren Händen vor der Wut und dem Zorn Sauls schützten.
Ein großes Kompliment geht auch an die Kostümabteilung unter Irina Bartels. Sie zeigte verschiedenste epochenübergreifende Kostüme. Ob bunt barock-höfisch, einheitliches schwarz des Chores, mal ohne oder mal mit Verschleierung, oder zeitgenössische Bekleidung der Sängerinnen und Sänger. Das unterstreicht die Zeitlosigkeit des Themas. Es gibt genug Beispiele in der Gegenwart, wie schnell sich die Gunst der Bevölkerung zum Beispiel bei Politikern wenden kann.
Ein eindrucksvolles Zeichen, als am Ende bei der Ernennung Davids zum König bei der Übergabe eines Schwertes Blut am Hemd von David zu sehen ist. Symbolhaft für das Blut der Opfer der kommenden Kriege.
Ein gelungener Abend, der mit viel Beifall honoriert wurde. Die Entscheidung von Jens-Daniel Herzog, in Dortmund Oratorien auch szenisch aufzuführen, zahlt sich aus. Händels Musik passte ideal zu einer „Veroperung“, denn Händel verknüpfte in „Saul“ große Chormusik mit Arien, die mehr in Richtung der italienischen „Opera seria“ gingen. Nicht nur für Barockfreunde empfehlenswert.
Weitere Termine: Fr, 08. Mai 2015, So, 17. Mai 2015, So, 24. Mai 2015, Do, 18. Juni 2015, Sa, 20. Juni 2015 und Fr, 26. Juni 2015.
Mahlers Schicksalssinfonie in voller Pracht
Es war voll auf der Bühne des Konzerthauses. Die 6. Sinfonie von Gustav Mahler brachte Musiker und Organisatoren beim 8. Philharmonischen Konzert an ihre Grenzen. Hätte Mahler für seine Sinfonie noch ein paar (exotische) Instrumente hinzugefügt, dann wäre es eng geworden. Sehr eng. So konnten die Zuhörer am Dienstag und Mittwoch der geballten Wucht und den zärtlichen Klängen der Dortmunder Philharmoniker lauschen.
Eigentlich sollte die Sinfonie im vierten Satz drei Hammerschläge haben, aber Mahler hat den letzten (aus Aberglaube?) in einer Überarbeitung gestrichen. So gibt es Versionen mit zwei oder drei Hammerschlägen. Gabriel Feltz gab der Version mit zweien den Vorzug. Vielleicht ahnte er, dass am Mittwoch für viele Dortmunder die Ankündigung des Weggangs von Jürgen Klopp wie ein Hammerschlag wirkte. So waren es zumindest für manchen am Mittwochabend derer drei.
Feltz hatte also mit dieser großen Besetzung alle Hände voll zu tun und lenkte die Philharmoniker in sehr gewohnt energischen und mitreißenden Art durch die 6. Sinfonie. In Mahlers Werk mischen sich energisch-militärische Elemente mit idyllischer Klangmalerei. Eine Sinfonie für Schlagwerker. Von Kuhglocken über Rute, Glockenspiel, Pauken, Trommeln bis hin zum berühmten Hammer waren bekannte und exotische Instrumente vertreten. Die Musiker rund um den ersten Schlagzeuger Louis-Pierre Janquin waren auf Zack. Herauszuheben waren ebenfalls die drei Harfinistinnen, die meist kleine dissonante Akzente setzten.
Die 90 Minuten intensiver Musik, eine Pause brauchte es nicht, denn Mahler und die Dortmunder Philharmoniker fesselten die Zuhörer so sehr, dass die Zeit wie im Fluge verging.
Furiose Heldenmusik
Mit Rolf Liebermann, Carl Maria von Weber und Ludwig van Beethoven präsentierte das 7. Philharmonische Konzert am 17. und 18. März 2015 drei Komponisten mit unterschiedlichen Musik für „Heldenfeiern“. Am Dirigentenpult stand Marcus Bosch und die Solistin war Sharon Kam an der Klarinette.
Begonnen wurde der Abend mit einem Wirbelwind aus Musik. Rolf Liebermanns „Furioso“, 1947 uraufgeführt, trägt seinen Namen nicht zu Unrecht. Gleich zu Beginn drücken die Pauken mit ihrer Rhythmik den Zuhörer in den Sessel, um uns im zweiten Teil in einer sehr ruhigen und fliessenden Passage wieder zum Atem holen kommen zu lassen. Danach ging es wild weiter, als das Orchester mit einer jazzartigen Kontrapunktik die Themen der ersten beiden Teile wiederholt. Zumindest das kurze Stück (unter zehn Minuten) sollte als Appetizer dienen, um den Schweizer Musiker, Opernintendanten und Komponisten wiederzuentdecken.
Einen kleinen Ausflug zu den Anfängen der romantischen Musik bescherte den Zuhörern das Klarinettenkonzert Nr. 1 in f-Moll von Carl Maria von Weber. Auch wenn vor allem im zweiten Satz noch Anklänge an Mozart herauszuhören sind. Das Konzert gehört zu den Lieblingsstücken der Klarinettisten und Sharon Kam hatte auch sichtlich Spaß an dem Konzert.
Nach der Pause stand ein Schwergewicht unter den Klassikern auf dem Programm. Die 3. Sinfonie von Ludwig van Beethoven in Es-Dur, auch Eroica genannt. Bosch führte die Philharmoniker souverän durch die Musik, die Beethoven eigentlich Napoleon widmen wollte, doch als er sich zum Kaiser krönte, war der Komponist „not amused“. Besonders beeindruckend war der langsame zweite Satz, der „Trauermarsch“. Schicksalsschläge und Freude hat Beethoven hier musikalisch eingearbeitet.
Nach „Nosferatu“ in der vergangenen Spielzeit hieß am 11. März 2015 im Konzerthaus „Film ab“ für das zweite Stummfilmkonzert mit Gabriel Feltz und seinen Dortmunder Philharmonikern. Und wieder wurde ein Film gezeigt, der technische Maßstäbe setzte: „Metropolis“ von Fritz Lang aus dem Jahre 1927.
Bei seiner Premiere 1927 ist „Metropolis“ gnadenlos gefloppt. Nur 15.000 Zuschauer soll er damals gehabt haben. Die Kritik war vernichtend und meiner Meinung nach inhaltlich auch gerechtfertigt. Das schwache Drehbuch von Thea von Harbou präsentiert eindimensionale Charaktere, die entweder gut oder böse sind. Kombiniert mit einem für heutige Verhältnisse schwülstigen Pathos. Vielleicht versuchte von Harbou die herrschenden politischen Strömungen in der Weimarer Republik unter einen Hut zu bringen, was aber nicht funktionierte.
Dafür lädt die Ästhetik des Filmes immer noch zum Staunen ein. Die futuristische Großstadt, mit ihren riesigen Verkehrsströmen und vor allem die Roboter-Maria sind futuristische Ikonen geworden. Das Labor von Rottwang, dem Erfinder, ist wahrscheinlich Vorbild von Legionen von Laboren „verrückter Wissenschaftler“ geworden.
Was passt zu einem Technik-feindlichen und christlich-mystisch überhöhtem Film besser als eine spätromantische Musik? Der Sänger, Schauspieler und Dirigent Gottfried Huppertz komponierte die Filmmusik für „Metropolis“. Schon für den Film „Nibelungen“ aus dem Jahre 1924 arbeitete er mit Fritz Lang zusammen.
Huppertz Musik passt wunderbar zum Film. Dunkel und düster in der Unterstadt der Arbeiter, hell und froh in der Oberstadt der Bourgeoisie. Bedrohlich als die Unterstadt überflutet wird, romantisch in den Szenen zwischen Maria und Freder. Natürlich durfte die „Marseillaise“ nicht fehlen, als die Arbeiter, angestachelt vom Maschinen-Menschen, ihr Schicksal in die eigenen Hände nahmen und die verhassten Maschinen zerstörten und ihre Stadt zum Untergang verurteilten.
Trotzdem, ob einem der Film gefällt oder nicht: Es ist immer wieder ein Erlebnis einen Stummfilm mit Live-Musik zu schauen. Das war bei „Nosferatu“ so und das galt auch für „Metropolis“. Ein großes Lob an Gabriel Feltz und die Dortmunder Philharmoniker für zwei Stunden intensives Klangerlebnis.
Am 08. März 2015 stand die Premiere von „Don Giovanni“ auf dem Programm des Dortmunder Opernhauses. Die Inszenierung von Opernintendant Jens-Daniel Herzog überzeugte mit einer pfiffigen Bühnenidee, guten Sängerinnen und Sängern und aufregender Musik von Mozart.
Beim Bühnenbild hat sich Regisseur Jens-Daniel Herzog mit dem Bühnenbildner Mathis Neidhardt etwas ganz besonderes einfallen lassen: Musiker und Dirigent hinter einem Gaze-Vorhang, es gab kein Orchestergraben, dafür wurde eine Art Laufsteg quer durch den Zuschauerraum errichtet. Ansonsten war das Bühnenbild spartanisch, die Sängerinnen und Sänger standen im Mittelpunkt.
Schon der Beginn war ungewöhnlich inszeniert: Die Sänger stellten Stühle mach vorne und simulierten während der Ouvertüre eine Reihe im Theater mit Hustenden, Zuspätkommenden usw. Schon hier wurden die Konflikte zwischen den Figuren angerissen.
Die Geschichte: Das Hobby von Don Giovanni ist Frauen verführen. Zusammen mit seinem Diener Leporello reist er quer durch die Lande. Bei Donna Anna hatte er Erfolg, auch Zerlina ist ihm nicht abgeneigt, obwohl sie mit Masetto verlobt ist. Ihre Männer stehen mehr oder weniger hilflos daneben. Masetto mit Wut im Bauch. Don Ottavio, der Verlobte von Donna Anna, ist eher der kühle Analytiker. Zum Ärger von Don Giovanni heftet sich Donna Elvira auf seine Fährte, denn er habe ihr dir Ehe versprochen, behauptet sie. Als Don Giovanni aber Donna Annas Vater, den Komtur (Christian Sist) tötet, setzt er eine Spirale in Gang, die er nicht mehr stoppen kann.
Einen Don Giovanni in seiner Umgebung zu haben, ist für die meisten Menschen vermutlich der Alptraum. Jemand, der wie ein chirurgisches Instrument die Bruchstellen einer Beziehung erkennt und gnadenlos ausnutzen kann, ist wie Sprengstoff. Während er den Frauen ihre geheimen Wünsche nach Leidenschaft und Aufstieg befriedigt oder zumindest so tut, bleibt den Männern der Frust. Ob sie ihn wie Masetto offen zeigen oder wie Ottavio unter ihrer kühlen Hülle verbergen, bleibt gleich.
Morgan Moody sang den Leporello. Der Diener von Don Giovanni ist ein typischer Sidekick. Eine komische Figur, in deren Wunsch auch mal Frauen abzubekommen, eine gewisse Tragik liegt. Moody liegt die Rolle sichtlich. Hier kann er sein komisches Talent ausleben, und seine Anmachversuche gegenüber Donna Elvira (Emily Newton) spielen beide mit herrlichem Witz. Moody gibt den treuen Diener mit Hingabe und singt die bekannte Arie „Madamina, il catalogo e questo“, in der er Donna Elvira über die Eroberungen seines Herren aufklärt.
Eleonore Marguerre singt die Donna Anna. Eigentlich eine einfache Figur, Don Giovanni hat ihren Vater ermordet und sie will Rache. Das soll ihr Verlobter, Don Ottavio, besorgen. Eigentlich. Denn was ist zwischen Don Giovanni und ihr wirklich abgelaufen? Die Vorgeschichte kennen wir nicht, aber es scheint, als ob die beiden sich schon länger kennen. Ist Donna Anna also nicht so ganz unschuldig wie es scheint? Marguerre bringt den Zwiespalt der Figur zwischen der Rächerin, der Verlobten von Don Ottavio und ihrer Begierde für Don Giovanni sehr gut auf den Punkt.
Don Ottavio, gesungen von Lucian Krasznec, ist eine interessante Figur in der Oper. Er bleibt ruhig, obwohl Don Giovanni an seiner Verlobten Donna Anna baggert. Wenn man soll will, ist Don Ottavio eine moderne Figur, denn er nimmt die Frauen ernst. Er will eigentlich nicht in das Ränkespiel gegen Don Giovanni mitmachen, doch aus Liebe zu Donna Anna macht er mit. Krasznec spielt den Don Ottavio kühl und nachdenklich, nur in den Momenten, in denen er seine Liebe zu Donna Anna gesteht, ist seine Leidenschaft spürbar.
Kommen wir nur „niederen Paar“: Zerlina und Masetto. Zerlina (Tamara Weimerich) scheint glücklich verlobt mit Masetto (Sangmin Lee), doch wie heißt es so schön „Glück und Glas, wie leicht bricht das.“ Denn Zerlina hofft, durch Don Giovanni in die höheren Kreise aufzusteigen, möglicherweise ein besseres Leben zu führen als mit dem Bauer Masetto. Doch Zerlina durchschaut das böse Spiel von Don Giovanni sehr spät. Weimerich singt wunderbar die Zerlina zunächst als Dummerchen vom Land, dass aber durch die Bloßstellung von Don Giovanni auch zu den Verschwörern gehört.
Masetto ist ein Bauer und weder vom Stand her noch von der Eloquenz Don Giovanni gewachsen. Sangmin Lee ist herrlich komisch in seiner Rolle von Masetto. Seine Wutausbrüche und sein Versuch, Don Giovanni mit Gewalt ans Leder zu gehen, scheitern grandios. Auch lässt er sich immer wieder von Zerlinas Liebesschwüren überzeugen.
Donna Elvira (EmilyNewton) ist eine ebenso tragikomische Figur wie Masetto oder Leporello. Eigentlich ist sie wie eine Stalkerin hinter Don Giovanni her, nur um unfreiwillig mit Leporello vorlieb nehmen zu müssen. In Elviras Arien ist bis zum Schluss immer noch die Liebe zu Don Giovanni spürbar. Newton bringt sehr viel Witz in ihr Spiel ein und ihre Kabbeleien mit Morgan Moody (Leporello) sind herrlich.
Don Giovanni ist die zentrale Figur in der Oper. Gerado Graciacano mimt ihn mit einer gewissen Überheblichkeit und einer Spur Brutalität. Er nimmt sich das, was er kriegen kann, wenn nötig mit Gewalt, auch wenn Menschen (Komtur) dabei zu Tode kommen. Zudem ist er manipulativ (oft auf Kosten von Leporello) und versucht, die Fäden in der Hand zu halten. Das unterscheidet ihn von einem reinen Hedonisten.
Der Höllensturz, das Ende von Don Giovanni, erinnerte ein wenig an den Krimi „Mord im Orient-Express“. Die sechs Verschwörer haben mit Hilfe des toten Komturs die Kraft gefunden, Don Giovanni unschädlich zu machen und nacheinander stoßen sie ihr Messen in den Körper des Verführers.
Auch Dank der gut aufgelegten Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Gabriel Feltz wurde dieser Abend wieder zu einem besonderen Opernabend in Dortmund. Die Idee, das Orchester weiter nach hinten zu versetzen und die Sängerinnen und Sänger näher an das Publikum zu bringen, ist meiner Meinung nach voll aufgegangen. Über den Sinn und Zweck des Laufstegs kann man streiten, ich fand diese Idee nicht überzeugend. Dennoch war die Inszenierung insgesamt ein voller Erfolg.
Das 2. Konzert für junge und jung gebliebene Leute widmete sich am 2. März 2015 im vollen Dortmunder Konzerthaus den Hollywood-Filmhits mit dem Augenmerk auf die verschiedenen Superhelden. Die Dortmunder Philharmoniker unter der routinierten Leitung von Philipp Armbruster boten ein breites Spektrum der Hollywood Filmmusiken von John Williams „Indiana Jones“ bis zu John Powels „Drachenzähmung leicht gemacht“. Durch den Abend führte das gut aufgelegte Moderatoren-Duo Sabine Osthoff und Wolfram Boelzle.
Der Dirigent und die beiden Moderatoren zogen passend feierlich zu den dramatischen Klängen der „The Twentieth Century Fox Fanfare“ von Alfred Newman in den Konzertsaal ein. Die Stimmung wurde von Beginn an mit dem bekannten „The Raiders March“ aus Indiana Jones von John Williams temperamentvoll angeheizt. Es folgte das Thema „Mission Impossible“ (1966)von Lalo Schifrin, vielen Menschen kennen die Serie auch als „Kobra, übernehmen Sie“.
Zur Bedeutung von der Filmmusik befragt, erklärte Philipp Armbruster: „Sie schafft erst einen besonderen emotionalen sinnlichen Zugang zum Film.“
Die Moderatoren verrieten: „Es gibt unterschiedliche Arten von „Helden“. Unerschrockene Typen wie Indiana Jones, die unerschrocken für die Unterdrückten, Bedürftigen und Schwachen eintreten, oder „Superhelden“ wie „Superman“, „Spiderman“ oder „Batman“, die mit übermenschlichen Kräfte ausgestattet sind. Dann gibt es noch die leisen Helden des Alltags wie „Forrest Gump“ oder Bart Simpson von den „Simpsons“, die Alltagsproblem dadurch lösen, dass sie über sich hinaus wachsen oder sie in eine Leichtigkeit überführen.“
Als nächste wurde das Liebesthema aus „Superman“(1978) von John Williams gespielt. Hier herrschten nicht die kraftvollen, temperamentvollen Klänge, sondern die leisen, sensiblen Töne vor. Mit der folgenden „Batman“-Suite (Batman v.s. Joker) von Danny Elfman ging es kraftvoll-emotional weiter.
Während der anschließenden „Matrix“-Suite von Don Davis setzten nicht nur Dirigent und Moderatoren eben mal eine „Matrix-Sonnenbrille“ auf, sondern die Moderatoren rezitierten die entsprechenden Stellen aus dem Matrix-Film zur Musik.
Die Sonnenbrille konnte Philipp Armbruster gleich für die nächste Nummer aufbehalten. Gespielt wurde das „Peter Gunn“-Thema von Henry Mancini, bekannt auch durch die „Blues Brothers“ mit ihrem ganz speziellem Sound. Da durfte der berühmte „Blues Brothers“-Hut auf dem Kopf des Dirigenten nicht fehlen.
Die nächste musikalische Superheld folgte mit dem TV Thema „Spiderman“ von Paul Francis Webster und Bob Harris.
Gänsehaut-Atmosphäre gab dann die Suite „Forrest Gump“ von Alan Silvestri. Dafür sorgten neben den Musikern die beiden Moderatoren als „Jenny“ und „Forrest Gump“. Sie sprachen die bewegende Szene zwischen dem ungleichen Paar, als Forrest seiner Liebe Jenny einen Antrag macht. Auch die bekannte Titelmelodie aus der Serie „The Simpsons“ von Danny Elfman wurde danach vom überwiegend jungem Publikum begeistert aufgenommen. Den Schluss bildete die Suite „Drachenzähmen leicht gemacht“ von John Powell aus der bekannten US-Animationsfilm-Serie mit einem schönen Violinen-Solo im Mittelteil.
Für ein gelungenes Konzert für junge Leute gab es viel Beifall vom Publikum und mit Musik aus „Indiana Jones“ und „The Simpsons“ auch noch zwei Zugaben.