Getanzte Hommage an die kleinen Leute

Marianne (Monica Fotescu-Uta) tanzt mit einem Skelett. (Foto: ©Thomas M. Jauk / Stage Picture)
Marianne (Monica Fotescu-Uta) tanzt mit einem Skelett. (Foto: ©Thomas M. Jauk / Stage Picture)

Die Uraufführung des neuen Balletts von Xin Peng Wang „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Ödön von Horváth am 22. Februar 2014 im Opernhaus präsentierte das Kleinbürgertum als handelnde Protagonisten. Xin Peng Wang und seine Mitstreiter zauberten herrliche Bilder aus Wien auf die Bühne. Ob der Tod nun ein Wiener ist? Keine Ahnung, aber er kann sehr gut tanzen.

 

Keine Könige und Kaiser, kein Drama an einem Fürstenhof und weltpolitische Entscheidungen werden auch nicht gefällt. Die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ von Ödön von Horváth stellt die kleinen Leute in den Mittelpunkt. Sie leben irgendwo in den Vorstädten und erleben dort ihre Komödien, Tragödien und Dramen, von denen in der Regel niemand sonst Notiz nimmt. Von Horváth schreibt sie aus seiner Wiener Sicht, doch die Geschichten können auch in der Dortmunder Nordstadt oder in Scharnhorst passieren und vermutlich tun sie es sogar jeden Tag.

 

Zur Geschichte: Es gibt in Wien eine Legende, dass die Toten, die auf der Erde noch eine Rechnung offen haben, einmal im Jahr die Chance bekommen, etwas zu verändern. An dieser Aufgabe versuchen sich Marianne, Oskar, Alfred und Valerie.

Marianne und der biedere Oskar sind verlobt. Marianne trifft aber den Hallodri Alfred, der mit Valerie zusammen ist. Anton verlässt Valerie um mit Marianne zu leben, die ein Kind von ihm bekommen hat. Es dauert nicht lange, dann hat Alfred Marianne und das Kind satt und er kehrt zu Valerie zurück. Marianne ist allein, arbeitet aus Verzweiflung in einem Nachtclub. Auch die Kirche, an die sie sich in ihrer Verzweiflung wendet, gewährt ihr keine Absolution. Als Oskar schließlich erfährt, dass das Kind, das Marianne in eine Pflegefamilie gegeben hat, tot ist, nimmt er sie wieder auf.

 

Xin Peng Wang hat dieser Geschichte noch zwei wichtige Personen hinzugefügt. Zum einen den „Tod“ als handelnde Figur, der wie ein Dirigent oder ein Marionettenspieler die Toten unter seiner Kontrolle hat und zum anderen „das kleine Mädchen“, die einzige lebende Figur, denn alle anderen sind ja tot. Ob sie nun den Geist oder die Seele des ursprünglich verstorbenen Mädchens verkörpert, die Hoffnung oder das Gewissen, bleibt dem Zuschauer überlassen.

 

Das Corps de Ballet spielt in dem Stück mehrere Rollen. Erst beim zweiten oder dritten Blick erkennt man, dass die Tänzer wie Totenköpfe geschminkt sind. Sie verkörpern einerseits die Natur wie beispielsweise die Wellen der Donau oder die Büsche im Wind, andererseits spielen sie auch das „Volk“. Besonders beeindruckend ist die Szene in der Wiener Vorstadt, als alle weiblichen Mitglieder des Ensembles mit Kinderwagen auf die Bühne kamen. Hier kommt mir das Zitat von Heinrich Böll in den Kopf, der über das ähnliche Milieu in Köln geschrieben hat:

„Mädchen kreuzten meinen Schulweg, balgten sich am Straßenrand, heute – morgen, so schien es mir, waren sie schon junge Frauen, übermorgen Mütter“ (Heinrich Böll, Essayistische Schriften und Reden, Band 1, ©1979 Kiepenheuer & Witsch, Köln.

Kommen wir zu den Solisten: „Der Tod ist pünktlich, er kommt weder zu spät noch zu früh“, sagte Dramaturg Christian Baier bei der Premierenfeier. Hinzu kommt, dass er bei den „Geschichten aus dem Wiener Wald“ noch eine majestätische Bühnenpräsenz und Sprungkraft hat. Das alles verlieh ihm Mark Radjapov, der schon in Fantasia als Dr. Zaponetti glänzte.

Die Primaballerina Monica Fostecu-Uta tanzte die Marianne. Dabei deckte sie das ganze Gefühlsspektrum, was diese junge Frau durchleben muss ab. Erst forsch , als sie sich von Oskar trennt und sich für Alfred entscheidet flatterhaft wie ein Schmetterling.Später zeigt uns Fotescu-Uta eine verletzte, hoffnungslose, immer verzweifelter werdende Marianne, die von allen verlassen scheint.

In dem Stück spielen die Männer eher eine Nebenrolle. Oscar (Howard Quintero Lopez) als verlassener Verlobter, der Marianne am Ende doch wieder zurück nimmt. Dimitry Semionov tanzt einen von sich überzeugten Alfred, der immer wieder Glück bei den Frauen hat und dem auch Valerie letztendlich nicht widerstehen kann.

Valerie (getanzt von Emilie Nguyen) hat einen äußert komischen Auftritt, als sie in einem Liegestuhl dösend, von lästigen Mücken und Fliegen gestört wird.

 

Das kleine Mädchen wird getanzt von Stephanine Ricciardi. Sie ist die einzige lebende Figur in diesem Stück. Ihre berührendste Szene hat sie zusammen mit ihrer Mutter Marianne, die sie aber nicht berühren darf, denn der Tod ist immer dazwischen und achtet darauf, dass diese Linie zwischen den lebenden und den Toten nicht überschritten wird.

 

Trotz dieses Dramas gibt es einige Stellen, die zum Schmunzeln sind wie die erwähnte Badeszene mit den Mücken. So setzt das Corps de Ballet die Klänge der „Trisch-Tratsch-Polka“ von Johann Strauss das Tratschen herrlich tänzerisch um.

Ein großes Kompliment auch für wunderschönen Kostüme unter Leitung von Ute Werner, wie zum Beispieles die Badeanzüge im Stil des beginnenden 20. Jahrhunderts oder die Mönchskutten in der Szene in der Kirche. Die Beleuchtung wurde von Stefan Schmidt sehr geschickt eingesetzt. Besonders beeindruckend war etwa der einsam in einem Lichtstrahl stehende Kinderwagen. Die Mutter Marianne will von der dunklen rechten Seite zu ihrem Kind, wird aber von Alfred zurückgehalten.

Die Bühne war sparsam, aber effektvoll. Neben typischen Wiener Bildern wie dem Prater, wurden die Handlungsorte rudimentär und skizzenhaft im Hintergrund gezeigt. Beeindruckend waren die Skelette, die schon ziemlich am Anfang von der Decke schwebten und Marianne zum Tanzen animierten.

 

Kommen wir zur Musik. Sie wird live gespielt von den Dortmunder Philharmonikern. Bei der Premiere war Motonori Kobayashi auf dem Dirigentenpult. Neben Johann Strauß, der mit seinen Walzern und Polkas einen wesentlichen Teil der Musik „beisteuerte“, erklangen noch Werke von Alban Berg. Berg steht zwar im Spannungsfeld zwischen Neuromantik und Atonalität, doch zusammen mit den Werken von Strauss verbanden sie sich zu einer Art Gesamtmusik. Neben den gefälligen Melodien, erklangen auch sperrige. Wie im wirklichen Leben.

 

So war es nicht verwunderlich, dass am Ende des Abends die Besucher stehend alle Beteiligten feierten. Dortmund erlebte wieder einen großen Ballettabend.

Weitere Termine: So, 09. März 2014, Sa, 15. März 2014, Fr, 21. März 2014, Mi, 26. März 2014, Sa, 29. März 2014, Mi, 16. April 2014, Sa, 26. April 2014, Sa, 03. Mai 2014, Fr, 09. Mai 2014, So, 25. Mai 2014, Sa, 31. Mai 2014 und Sa, 14. Juni 2014. Infos und Karten unter www.theaterdo.de




Der Frühling kann kommen

Mit zwei berühmten Stücken der klassischen Musik haben die Dortmunder Philharmoniker beim 6. Philharmonischen Konzert den Frühling eingeleitet: Zu Beginn standen „Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi auf dem Programm, nach der Pause ertönte das „Frühlingsopfer“ (Le sacre du printemps) von Igor Strawinsky. Ars tremonia war am Mittwoch, dem 12. Februar 2014 im Dortmunder Konzerthaus.

 

Die beiden Stücke haben eine Gemeinsamkeit: Nicht nur, weil in beiden der Frühling thematisiert wird, sondern auch durch ihre bildhafte Musik. Natürlich liegen zwischen dem barocken Meisterwerks und der Musik des Expressionismus Welten, deutlich zu sehen bei der Besetzung. War bei Vivaldi nur ein kleiner Teil des Orchesters auf der Bühne, füllte die Bühne sich bei Strawinsky deutlich mit Musikern. Ich schätze mal, über 100 (inklusive Dirigent).

 

Schließt man die Augen, kann der Hörer bei Vivaldi fast auf Anhieb die Jahreszeiten erkennen. Der Frühling singt ein Schlummerlied, das Leben in der Natur erwacht, im Sommer gibt es ein ordentliches Unwetter, das Erntedankfest wird mit viel Wein gefeiert und im Winter ist Schlittschuhlaufen angesagt. Die „Vier Jahreszeiten“ sind eigentlich vier Konzerte für Solo-Violine. Gespielt wurden sie von Ariadne Daskalakis. Die Künstlerin ist ein anderer Typ wie Guiliano Carmignola, der vor einigen Wochen bei der „Zeitinsel Caldara“ mit dem Barockorchester La Cetra im Konzerthaus zu Gast war. Carmignola tanzte beinahe die „Vier Jahreszeiten“, aber Daskalakis ging mehr in die Tiefe, die Musik kam quasi aus dem Inneren. Ihre Interpretation war vor allem bei den ruhigen Stellen (beispielsweise dem zweiten Satz des „Winters“, den Daskalakis als Zugabe spielte) ein Genuss.

Dennoch kamen die Philharmoniker noch nicht ganz an die Magie des Barocks heran, wie es die Barockspezialisten von „La Cetra“ schafften. Aber ich finde, es ist ein guter Weg, auch mit den Dortmunder Philharmonikern weiter Richtung Alte Musik zu gehen. Eine Konzertreihe wie sie es schon zur Wiener Klassik gibt, kann ich mir auch für die Alte Musik vorstellen. Potential ist vorhanden.

 

Nach der Pause gehörte die Musik dem Expressionismus. Igor Strawinskys „Sacre du printemps“ wurde ja bei der Uraufführung 1913 als „barbarisch“ verrissen. Denn bei dem Stück steht nicht die Melodie im Mittelpunkt, sondern der Rhythmus. Selbst Melodieinstrumente müssen sich dem Rhythmus beugen. Manche Teile wecken Erinnerungen an Free-Jazz, auch wenn Strawinsky den Jazz erst nach der Komposition von „Sacre“ kennengelernt hatte.

Doch es gibt durchaus lyrische Teile. Strawinsky verarbeitete einige folkloristische Themen, das erste ist gleich zu Beginn vom Fagott zu hören.

Generalmusikdirektor Gabriel Feltz (er hatte bei Vivaldi frei) meisterte die Aufgabe, ein wirklich riesiges Orchester zu leiten. Trotz der vielen rhythmischen Wechsel und Dissonanzen zeigten die Dortmunder Philharmoniker eine famose Leistung und sorgten – im Gegensatz zu 1913 – für Beifallsstürme im Konzerthaus.




Kammerkonzert mit ungewöhnlichem Klang

Das zweite Kammerkonzert am 03. Februar im Orchesterzentrum brachte den Zuhörern das Bläseroktett (samt Kontrabass) der Dortmunder Philharmoniker näher. Zu hören waren Werke von Mozart, Farkas und Liszt.

 

Es ist eine Mischung von Vertrautheit und einer gewissen Fremdheit. Musik keinesfalls reduziert, sondern transponiert auf die Musikgruppe der Bläser. Oboe, Klarinette, Fagott und Horn füllen auch die Rolle der Streicher mit aus. In früheren Zeiten nichts ungewöhnliches, waren Bläseroktette dazu da, draußen (heute sagt man wohl „outdoor“) Opern oder Sinfonien zu spielen.

 

Das Konzert mit Mozarts erster Sinfonie in Es-Dur, die er mit acht Jahren schrieb. Das recht kurze Stück wurde von Andreas N. Tarkmann geschickt für die Bläser umgesetzt, so dass es einen Vergleich mit dem „Original“ nicht zu scheuen brachte.

 

Das zweite Stück war „Contrafacta Hungarica“ von Ferenc Farkas. Dieses Stück war speziell für Bläseroktett geschrieben worden. Obwohl Farkas ein Mensch des 20. Jahrhunderts war, entführte er uns in die Zeit des Mittelalters und der Renaissance. Tanzmusik war angesagt und das Bläseroktett zeigte sich spielfreudig.

 

Vor der Pause stand die Ungarische Rhapsodie Nr. 14 von Franz Liszt auf dem Programm. Bei diesem sehr rhythmischen Stück machte sich die besondere Klangfarbe des Oktetts bemerkbar. Vor allem bei den schnellen Passagen klang es Richtung Weltmusik á la „Balkan Brass“.

 

Nach der Pause war wieder Mozart an der Reihe. Seine Serenade in c-moll für Bläseroktett zeigte nochmals, wie abwechslungsreich und virtuos diese Musik ist, vor allem, wenn die Melodieführung von verschiedenen Instrumenten übernommen wird.

 

Alles in allem ein sehr spannender Abend mit gut aufgelegten Musikern.




Großstadttrubel im Konzerthaus

Beim 5.Philharmonischen Konzert am 21. und 22. Januar stand die Großstadt im Zentrum des musikalischen Schaffens. Rhythmik, Dissonanzen, die Dynamik der modernen Stadt zeigten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Gastdirigent Fabrice Bollon. Zu hören waren Komposition von Berlioz, Schnyder, Honegger, Bernstein und Gershwin.

 

Der Abend begann romantisch. Berlioz‘ „römischer Karneval“ (Le carnaval romain), komponiert 1843, begann erst leise und langsam, um dann um so mehr Schwung aufzunehmen. In dem Stück ist noch nichts vom Großstadttrubel mitzubekommen, die Menschen feiern ausgelassen auf den Straßen der Stadt und freuen sich ihres Lebens.

Das wurde mit dem Werk von Daniel Schnyder anders. Sein 2010 komponiertes Stück „Concerto grosso für Trompete, Klarinette, Posaune und Orchester“ erinnert vom namen und der Struktur an Barockmusik. Schnyder mischt spanisch-maurisch anmutende Musik, mit Tango, Zwölftonmusik und einer Gigue, die orientalische Anklänge besitzt. Die musikalischen Elemente vermischen sich. Zeitweise hat der Zuhörer den Eindruck, er ginge auf einer belebten Straße und aus verschiedenen Lokalen dringen Fetzen von Jazz- und Weltmusik auf die Straße. Für manche Hörer sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber die Musik zeigte ihre Kraft vor allem durch die Solisten. Martin Spangenberg (Klarinette), Wolfgang Bauer (Trompete) und Henning Wiegräbe (Posaune) zeigten bei dem ungewöhnlichen Stück ihre instrumentalen Fähigkeiten. Auch die Zugabe kam von Schnyder. Der „Schweizer Karnevalsmarsch“ entpuppte sich als jazzige Variante eines Marsches. Torkelnd, nicht fassbar, aber dennoch blieb der Karneval im Hintergrund sichtbar.

 

Nach der Pause ging es mit dem Zug weiter. Natürlich mit dem „Pacific 231“ von Arthur Honegger. Beim Stück von 1923 kann der Besucher eigentlich die Augen schließen, denn vor seinem inneren Auge entsteht bald das Bild einer Dampflokomotive. Das Anfahren, die Steigerung der Geschwindigkeit, bis hin zum Halt, alles ist in Honeggers „Mouvement symphonique“ enthalten.

Bei der Reise durch die Großstadt landen wir bei Leonard Bernstein. Aus seinem 1944 verfasstem Musical „on the town“ waren die „Three dance episodes“ zu hören. Jazz und klassische Musik vermischten sich, Tänze, die zu der Zeit populär waren, hat Bernstein in seine integriert.

 

George Gershwin ist vor allem bekannt durch seine „Rhapsody in blue“ sowie „An American in Paris“. Der Amerikaner in Paris, geschrieben 1928 integriert wie Bernstein Jazz und Blues, Gershwin benutzt zur Untermalung sogar Taxihupen. Gershwins Musik transportiert den Lebensdrang, die Heiterkeit, aber auch (vor allem im Mittelteil) das sentimental Verträumte eines Amerikaners.

 

Die Dortmunder Philharmoniker zeigten sich unter Bollon gewohnt spielfreudig, auch mit dem neuen Material. Es bleibt zu hoffen, dass dieser Ausflug in die Großstadt kein einmaliges Ereignis bleibt. Denn Dortmund ist nun mal eine Großstadt, da sind Taxihupen vertrauter als weite grüne Wiesen und Auen.




Im Dreivierteltakt ins neue Jahr

Standen beim Neujahrskonzert 2013 noch der nahe Abschied von Jac van Steen und Spanien im Mittelpunkt, wählte der neue Generalmusikdirektor Gabriel Feltz und die Dortmunder Philharmoniker Wien mit Walzern oder Polkas von Johann Strauß Jr., sowie die Operetten von Franz Lehár für 2014 als thematischen Hintergrund aus. Die festliche, in dunkelrot gehaltene Dekoration aus der Operettengala konnte in der Dortmunder Oper gleich wieder Verwendung finden.

 

Der Abend begann mit der Ouvertüre zur Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ von Otto Nicolai (1810 -1849). Nicolai war der „Urvater“ des sinfonischen Orchesters, wie Feltz dem Publikum erklärte.

Die Sopranistin Mirella Hagen glänzte mit ihrer klaren Stimme bei der Arie der Adele „Mein Herr Marquis“aus „Die Fledermaus“ von Johann Strauß Jr. Danach zeigten die Dortmunder Philharmoniker, das Märsche Lebensfreude vermitteln können. „Das hat schon fast etwas anti-militaristisches, bemerkte Feltz.

Es folgte die temperamentvolle und spritzige Pizzicato-Polka op. 335 von Strauß Jr.. Bei dem folgenden „Kaiserwalzer“ und dem Walzer „An der schönen blauen Donau“ von Strauß Jr. machten der GMD und die die Philharmoniker die Faszination der Walzer und ihre verschiedenen Facetten deutlich. Mal schwungvoll spritzig, mal wienerisch melancholisch.

Julia Amos, die bald in der Operette „Der Graf von Luxemburg“ von Franz Lehár zu hören und bewundern sein wird, brachte gefühlvoll die Arie der Giuditta „Meine Lippen sie küssen so heiß“ aus Lehárs Operette „Giuditta“ auf die Bühne.

Danach folgte die rasante „Tritsch-Tratsch-Polka“ von Strauß Jr.. Ein musikalischer Glanzpunkt war sicherlich auch die von dem badischen Tenor Daniel Ohlmann gesungene Arie des Prinzen Sou-Chong „Dein ist mein ganzes Herz“ aus dem „Land des Lächelns“ von Franz Lehár.

Diese Arie wird vor allem mit dem legendären Richard Tauber in Verbindung gebracht, Da liegt die Messlatte schon hoch. Ohlmann stellte sich dieser Herausforderung.

 

Die Dortmunder Philharmoniker konnten ihr Können mit einigen Soloeinsätzen einzelner Instrumente beim „Perpetuum Mobile op. 257“ von Strauß Jr. Beweisen. Dass Gabriel Feltz nicht nur ein temperamentvoller Dirigent ist, sondern auch über eine gehörige Menge Humor verfügt, bewies er zum Ende dieser Nummer. Um das Ende herbeizuführen, versuchte er es zunächst mit Bestechung, dann sogar mit dem drohenden Einsatz einer Pistole. Selbst ein Zuschauer, der von Feltz den Dirigentenstab bekam, konnte die Musiker nicht zum Aufhören bewegen. Erst als Opernintendant Jens-Daniel Herzog sowie die Solisten auf die Bühne kamen und allen Besuchern ein „Frohes Neues Jahr“ wünschte, war die schnelle Polka beendet. Zum Schluss wurde zur Freude des Publikums der selten gespielte Strauß-Walzer „Rosen aus dem Süden“ op. 399 gespielt. Als krönende Zugabe gab es noch den „Radetzky-Marsch“ von Johann Strauß (Vater).

Ein gelungenes Neujahrskonzert und schwungvoller Beginn für ein hoffentlich gutes Jahr 2014!




Festlich-schwungvolle Operettengala

Die Operette ist tot? Davon konnte am 13. Dezember bei der festlichen Operettengala keine Rede sein oder wie Gastgeber Kammersänger Hannes Brock angesichts des fast ausverkauften Opernhauses zur Begrüßung sagte: „Es sind aber viele zur Trauerfeier gekommen.“ Die Operettengala „Die ganze Welt ist himmelblau“ zeigte, dass die Operette in seinen Facetten sowohl gefühlvoll, temperamentvoll, humorvoll und für die Interpreten äußerst anspruchsvoll ist.

 

Die Bühnendekoration war in einem festlichen rot gehalten. Neben zwei Kronleuchtern, rotem Vorhang waren auf der linken Seite eine riesige Rose aus Stoff zu sehen.

Das Programm gab Einblicke in die Operetten von Robert Stolz (z. B. Die ganze Welt ist Himmelblau), Johann Strauss ( z. B. Fledermaus), Franz Lehár (z.B. Lustige Witwe), Jacques Offenbach (La Grande Duchesse de Gérolstein), Carl Millöcker (Der Bettelstudent) oder Eduard Künneke ( Der Vetter aus Dingsda).

Gleich drei Dirigenten, nämlich der GMD Gabriel Feltz, Motonori Kobayashi und Philipp Armbruster führten die Dortmunder Philharmoniker musikalisch temperamentvoll und engagiert durch den Abend.

Tatkräftig unterstützt wurden die Interpreten ab und zu durch den elegant gekleideten Chor des Theater Dortmund unter der Leitung von Granville Walker.

Als wunderbarer und charmanter Moderator und Interpret zeigte sich einmal mehr Kammersänger Hannes Brock. Er führt mit viel Witz durch das Programm.

Das Programm selbst setzte sich aus verschiedenen Arten der Operette zusammen. Angefangen von den Offenbach-Operetten über die berühmten Wiener Operetten („Die Fledermaus“) oder den eher burschikosen Berliner Operetten („Der Vetter aus Dingsda“)

 

Ein Highlight des Abends war sicherlich das von Eleonore Marguerre wunderbar vorgetragene Vilja-Lied aus Franz Lehárs „LustigenWitwe“. Nicht nur Brock war schwer begeistert: „Das war schon Weltklasse“. Auch wie Marguerre die schwierigen Koloraturen bei „Conduisez-moi vers celui que j’adore“ („Robinson Crusoe“ von Jacques Offenbach) fast mühelos meisterte, war beeindruckend. Im Duett zusammen mit Hannes Brock konnte sie auch mit „Ich bin ein echtes Wiener Blut“ aus der Operette Wiener Blut von Johann Strauss begeistern.

Zu sehen und zu hören war auch das neue Paar aus Franz Lehárs „Der Graf von Luxemburg“ (Premiere ist am 11. Januar 2014): Julia Amos und Lucian Krasznec. Beide boten eine Kostprobe ihres gesanglichen Könnens mit „Wer hat die Liebe uns ins Herz gesenkt“ aus Franz Léhars „Das Land des Lächelns“.

Für einen gelungenen Abend trugen auch John Zuckerman, Morgan Moody, Anke Briegel und Ileana Mateescu bei. Mateescu verzauberte bei ihrem Lied „Ah, que j’aime les militaires“ aus „La Grande-Duchesse de Gerolstein“ von Jacques Offenbach, nicht nur mit ihrer Stimme, sondern auch mit einem Kleid mit tiefen Rückenausschnitt.

Ein großes Kompliment für die wunderbare Choreographie von Adriana Naldoni für den „Batavia-Fox aus dem „Vetter aus Dingsda“ von Eduard Künneke.

 

Geplant war eigentlich, dass Christian Sist das Lied „Ach , ich hab sie ja nur auf die Schulter geküsst“ aus dem Bettelstudent von Carl Millöcker Lied singen sollte. Sist kam aber erst zum Finale und zur Zugabe auf die Bühne. Als Ersatz beeindruckte Morgan Moody mit „Wenn auch die Jahre enteilen…es war einmal“ aus „Im Reich des Indra“ von Paul Lincke.

 

Die Besucher der Operettengala verlangten eine Zugabe und bekamen sie: Das gesamte Ensemble sang das Finale des zweiten Aktes der „Fledermaus“. Diese Zugabe wurde zur Freude des Publikums wiederholt.




Orientalische Düfte im Konzerthaus

Am 13. November 2913 entführten uns die Dortmunder Philharmoniker im Konzerthaus Dortmund beim 3. Philharmonischen Konzert unter dem Titel „orient_düfte“in den Nahen und Fernen Osten. Mit Unterstützung des in Beirut (Libanon) geborenen Dirigenten George Pehlivanian und der Pianistin Lilya Zilberstein ging die Reise los. Ihren Höhepunkt fand sie in Armenien mit Chatschaturjans „Gayaneh-Suite“.

Der Orient hatte und hat für manche Künstler jeglicher Couleur immer eine besondere Faszination ausgeübt. Von der Literatur über Architektur bis hin zu Musik. In der Musik denken wir beispielsweise an Mozarts „Entführung aus dem Serail“ (diese Spielzeit in der Oper zu sehen) oder Lehars „Land des Lächelns“. Bei 3. Philharmonischen Konzert standen vor der Pause zwei Komponisten im Mittelpunkt, die den Orient quasi von außen betrachten. Carl Nielsen und Camille Saint-Saëns.

 

Carl Nielsens „Aladdins-Suite“ war eigentlich als Musik für ein gleichnamiges Schauspiel entstanden. Doch das Schauspiel floppte und nur Nielsens Musik überlebte. Glücklicherweise, so konnten die Philharmoniker und Dirigent George Pehlivanian sich langsam an den Orient heranwagen. Nielsens Komposition nimmt gegen Ende des Stückes Fahrt auf, der „Tanz der Gefangenen“ und vor allem der „Tanz der Mohren“ bedeuten Schwerarbeit und höchste Konzentration bei der Schlagzeug-Gruppe.

 

Camille Saint-Saëns Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 in F-Dur beginnt erst einmal wenig orientalisch. Im ersten Satz wurden die orientalischen Elemente noch in homöopathischen Dosen verabreicht, verwandelt sich der Klang im 2. Satz, dem Andante“, völlig. Hier sind auch die Fähigkeiten des Pianisten gefragt und Lilya Zilberstein meisterte die Schwierigkeiten mit Bravour. Naher und Ferne Osten zum Greifen nah. Der dritte Satz entführte uns wieder zu den Nildampfern nach Ägypten. Ein wirklich gelungenes Stück, dargeboten von einer spielfreudigen Solistin und gut aufgelegten Philharmonikern. Leider entließ uns Zilberstein ohne Zugabe in die Pause.

 

Nach der Pause wurde es Zeit für den Komponisten, der den Orient aus eigener Erfahrung kannte, auch wenn Armenien eher an der Peripherie liegt: Aram Chatschaturjan. Vor allem sein „Säbeltanz“ aus der „Gayaneh-Suite“ ist zum „Welthit“ geworden , so Dirigent George Pehlivanian im Vorgespräch. Seine Bekanntheit in Deutschland hat sicher auch damit zu tun, dass in den 70er Jahren der „Säbeltanz“ die Musikuntermalung für einen Werbespot in Fernsehen war. Beworben wurde damals ein Kaffeelikör.

Doch die „Gayaneh-Suite“ auf den Säbeltanz zu reduzieren wäre falsch, denn die Musik schwelgt in armenischen und kaukasischen Volkstänzen. Und hier zeigte das Orchester auch sein Können. Nichts gegen Nielsen und Saint-Saëns, aber nun tauten Orchester und Dirigent richtig auf. Bei der Mischung zwischen langsamen Adagio-Stücken und schnellen Tänzen machte das Zuhören Spaß. Einfach die Augen schließen und sich in die wilde Welt des Kaukasus entführen lassen.

Ein wirklich gelungener Abend mit fremden Klängen, viel Schlagwerk und engagierten Musikern.

 




Philharmonisches Konzert mit armenischem Temperament

 

Armenisches Temperament beim 3. Philharmonischen Konzert unter der Leitung von George Pehlivanian.
Armenisches Temperament beim 3. Philharmonischen Konzert unter der Leitung von George Pehlivanian.

Am 12. und 13. November können Besucher im Konzerthaus Dortmund die Düfte des Orients erleben. Natürlich nur musikalisch. Die Dortmunder Philharmoniker spielen unter der Leitung von George Pehlivanian die Aladdin-Suite von Carl Nielsen, das „Concerto égyptien“ von Camille Saint-Saëns und als Höhepunkt Auszüge aus den „Gayaneh“-Suiten von Aram Chatschatuarjan.

Wie duftet der Orient. Vielleicht nicht nach einem bestimmten Duft. „Es gibt so viele verschiedene Gerüche“, antwortete Gastdirigent Pehlivanian. „Vielleicht wie in den Souks in Marokko oder Algerien.“ Er muss es wissen, denn George Pehlivanian wurde in Beirut (Libanon) geboren und ging 1975 mit seiner Familie in die USA. Eine besondere Beziehung besteht zu Aram Chatschatuarjan, denn auch Pehlivanian hat armenische Vorfahren. „Und dieses armenische Temperament fließt noch in unseren Adern“, so der Dirigent.

 
Wem der Name Chatschatuarjan kein Begriff sein sollte, der „Säbeltanz“ aus der „Gayaneh“-Suite hat ihn weltbekannt gemacht, quasi ein Welt-Hit in der Klassischen Musik. So stehen in seiner Musik die armenischen Folkloretänze in Mittelpunkt, das armenische Lebensgefühl und die Lebensfreude. Von diesen Lebensfreuden war auch Chatschatuarjan nicht abgeneigt. „Er war ein fröhlicher Mensch und hat besonders gern gegessen“, so Pehlivanian, der Musik von Chatschatuarjan 1993 in seinem Heimatland Armenien dirigiert hat.

 

Auch die beiden anderen Stücke von Nielsen und Saint-Saëns entführen uns in den Orient. Hier blicken beide Komponisten zwar von außen auf den Orient, doch sie verknüpfen westliche musikalische Tradition mit Orientalismen zu einem ganz eigenen Klang.

 
Zufrieden war George Pehlivanian auch mit den Dortmunder Philharmonikern. „Es ist sehr toll mit den Musikern zu arbeiten. Sie sind sehr flexibel“, lobte der Dirigent seine Musiker. Auch wenn sie Chatschatuarjan noch nie gespielt haben, sieht Pehlivanian dies nicht als Nachteil: „Es ist wichtig für das Orchester, auch mal etwas anderes zu spielen.“




Beat meets Bratsche

Bei der generalproble im Konzertaus: Beatamines& David Jach mit Dirigent Philipp Armbruster und den Dortmudner Philharmonikern.
Bei der Generalprobe im Konzerthaus: Beatamines& David Jach mit Dirigent Philipp Armbruster und den Dortmunder Philharmonikern.

Einen großartigen Erfolg konnte das 1. Konzert für Junge Leute am 04.11.2013 verbuchen. Die Dortmunder Philharmoniker unter der engagierten Leitung von Philipp Armbruster und Beatamines & David Jach groovten das Konzerthaus mit einer Weltpremieren: Dem Remix von „The Planets“ von Gustav Holst. Wer vorher dachte, Beats und Bratschen vertragen sich nicht, der muss ab Montag umdenken.

Die Eingangshalle des Konzerthaus bot einen ungewöhnlichen Anblick: Sehr viele junge Leute, doch auch traditionelles Konzertpublikum war ab und an zu sichten. Ein Spielehersteller würde sagen: Von 9 bis 99 Jahren. Und so unterschiedlich waren vermutlich die Erwartungen. Bei den Jüngeren standen sicher Pascal Augner von Beatamines & David Jach im Vordergrund, während bei den Konzerthausgängern die Frage im Mittelpunkt stand, wie schlagen sich die Philharmoniker mit den Elektronik-Musikern. Um die Frage sofort zu beantworten: Sehr gut. Schon vom ersten Takt an spürten alle Besucher, dass sie Augen- und Ohrenzeugen von einem ganz besonderen Konzert waren. Es war kein Abklatsch á la „Orchester X spielt Songs von Queen oder Abba“, sondern es entstand etwas Gemeinsames. Es war zu spüren, dass sich die Philharmoniker mit House ebenso auseinander gesetzt haben wie Beatamines & David Jach mit Holst. Es war keine Überstülpung von Holsts Werk, sondern eine Ergänzung, fast eine Fortführung.

„Die Planeten“ boten sich natürlich an. Gustav Holst nimmt hier quasi die künftige Filmmusik von John Williams und anderen schon vorweg. Von Star Wars bis hin zu Star Trek, alles ist in seiner Musik bereits vorhanden. So entführten uns die Philharmoniker mit ihren besonderen Solisten in den Weltraum und wir besuchten die Planeten.

Wie es sich bei einen „richtigen“ Konzert mit House gehört, gab es auch Lichteffekte. Rot, Grün, Weiß: Hinter den Philharmonikern leuchtete es und ab und an zogen Nebenschwaden auf. Toni Haupt war für das Lichtdesign zuständig und kreierte eine passende Lichtstimmung zu der Musik.

Wie bereits erwähnt: Das Publikum war verhältnismäßig jung, doch während des Konzertes äußerst diszipliniert im fast ausverkauften Konzerthaus. Es wurde erst bei den beiden Zugaben mitgetanzt und mitgeklatscht, dann aber auch mit großer Begeisterung.

Ein Konzert von dem jeder etwas hatte: Die Musiker konnten sich gegenseitig kennenlernen, das eher klassisch orientierte Publikum lernte, dass House nicht Krach bedeutet, die Jüngeren lernten, dass klassische Musik und vor allem der „olle“Holst auch „cool“ sein können. Allen Beteiligten, vor allem aber Barbara Volkwein, die dieses Konzert organisiert hat, muss man ein großes Lob aussprechen. Wieder hat Dortmund gezeigt, dass es hochwertige kulturelle Sternstunden setzen kann und offen für Experimente ist. Mehr davon!




Überlebenskunst unter bedrohlichen Umständen

Müssen ihr "Schtetl" Anatevka letztendlich doch verlassen: Ilse Winkler (Golde), Ks. Hannes Brock (Tevje) (Foto: ©Thomas M. Jauk / Stage Picture)
Müssen ihr „Schtetl“ Anatevka letztendlich doch verlassen: Ilse Winkler (Golde), Ks. Hannes Brock (Tevje)
(Foto: ©Thomas M. Jauk / Stage Picture)

Mit der Premiere von „Anatevka (Fiddler on the Roof)“ am Samstag, den 19. Oktober brachte das Dortmunder Opernhaus eines der erfolgreichsten und meist gezeigten Musicals auf die Bühne. Grundlage für das Buch von Jerry Brock und das Musical sind die Geschichten von Scholem Alejchem. 

Im Mittelpunkt steht das Leben im Schtetl (Städtchen) Anatevka in der Ukraine zu Beginn des 20.Jahrhunderts. Wie die anderen jüdischen Bewohner meistert der der Milchmann Tevje mit seiner Frau Golde und seinen fünf Töchtern sein Leben mit Witz, schwarzen Humor und schlitzohrig in einem festen jüdisch-traditionellen Rahmen. Oft antisemitischen Anfeindungen des russischen Umfeldes und der zaristischen Machthaber ausgesetzt. Ein Balanceakt zwischen Alltagsbewältigung und dem Druck der zaristischen Regierung. Sinnbild dafür ist der „Geiger auf dem Dach“

von Marc Chagall. Erste Risse im Leben des Milchmanns gibt es, als seine älteste Tochter Tzeitel einen armen Schneider heiraten will, obwohl unter Zuhilfenahme einer Heiratsvermittlerin eine Vermählung mit einem reichen Fleischer vorgesehen ist. Dann will auch noch die zweite Tochter Hodel den Hauslehrer der Familie mit den revolutionären Ideen heiraten. Er wird bald nach Sibirien verbannt. Auch diese Kröte wird geschluckt. Als die dritte Tochter Chava den jungen russischen Freigeist Fetja heiraten will, verstößt sie Tevje. Doch die Situation ändert sich, als alle Juden nach einem Erlass des Zaren Anatevka innerhalb von drei Tagen verlassen.müssen…

Regisseur Johannes Schmid gibt mit seiner Inszenierung „Anatevka“ einen sensiblen Einblick in das jüdisches Leben Anfang des letzten Jahrhunderts in einem „Schtetl“ in Osteuropa. Dabei wurde viel Wert auf Detailgenauigkeit gelegt. Das betraf sowohl die traditionellen Kostüme der jüdischen Bevölkerung wie auch die Details zum jüdischen Leben. So zum Beispiel die Feier des Sabbat oder die jüdische Hochzeit der ältesten Tochter unter dem Baldachin. Die russische Bevölkerung und Obrigkeit trugen zum anschaulichen Gegensatz farbigere, bunte Kleidung.

Beim Bühnenbild wurde für einen wechselnden Hintergrund moderne Videotechnik geschickt eingesetzt. Sonst war die Bühne dem Leben der Leute entsprechend einfach gehalten und örtliche Veränderungen mit Hilfe von Hebebühnen eingeführt.

 

Als „Fiddler on the Roof“ führte Maurice Maurer das Publikum gleich musikalisch atmosphärisch mit melancholischer Klezmer-Musik in das Schtetl ein. Er war ständiger Begleiter des Abends. Für das Ensemble war bei dem Musical neben dem Gesang die schauspielerischen Anforderungen eine große Herausforderung. Das sie beides können, haben sie hier wieder einmal gezeigt.

 

Viele Menschen werden bei „Anatevka“ an Ivan Rebroff denken. Dennoch ist Tevje mehr. Kammersänger Hannes Brock drückte der Figur des Tevje mit ironischem Augenzwinkern, viel (Selbst):Ironie seinen eigenen Stempel auf. Brock spielt einen Tevje, der sich letztendlich mit schwarzen Humor in seine Rolle als ewiger Flüchtling fügt. Zum Schluss öffnet sich eine kleine Tür zu seiner zunächst hartherzig verstoßenen Tochter Chava.

 

Für ein Musical braucht ein Theater auch einige Gäste. Ein besonders glückliches Händchen bewies man bei Ilse Winkler als Tevjes Frau Golde. Sie stand ihm mit Humor und ihrer starken Präsenz wunderbar zur Seite. Ein besonders berührender Moment war, als Tevje seine Frau nach fünfundzwanzig Jahren Ehe fragt „Ist es Liebe“.

 

Die Paare Tzeitel (Ileana Mateescu) und Mottel (Lucian Krasznec), Hodel (Tamara Weimerich) und Perchik (Morgan Moody), sowie Chava (Anke Briegel) und Fetja (Marcus Schneider) zeigten nicht nur ihr gesangliches Können, sondern brachten auch glaubhaft den zunehmenden Mut zur Veränderung und Emanzipation von überkommenen Traditionen. Ein Plädoyer für Toleranz und Offenheit.

 

Ein Plädoyer, dass den Juden aber nichts nutzt, denn am Ende steht die Vertreibung. Daher ist „Anatevka“ auch keine Komödie, sondern eine Tragödie. Ein großes Lob gehört Regie, Kostüme und Bühne, gerade weil sie keinen direkten Bezug zum Dritten Reich machen. Denn deshalb bleibt das letztendliche Schicksal der osteuropäischen Juden in jeder Sekunde spürbar. Besonders in den Szenen, in denen die Russen ihre Macht gegenüber den Juden zeigen, kommen die Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg automatisch in den Kopf. Gerade weil diese Welt für immer brutal zerstört wurde, sollten wir in „Avatevka“ mehr sehen, als nur „Wenn ich einmal reich wär“.

 

Eine bis in die Nebenrollen gut besetzte Aufführung wurde stark vom Opernchor des Theater Dortmund unter der Leitung von Granville Walker und einem hervorragenden Tanzensemble unterstützt.

Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster sowie Andreas Trenk am Akkordeon und Christian Kiefer an der Gitarre begleiteten den Abend sensibel und professionell gekonnt.

Ein gelungener Musical-Abend wurde vom Publikum begeistert gefeiert.

 

Weitere Termine: 23. Oktober 2013, 26. Oktober 2013, 27. Oktober 2013, 02. November 2013, 10. November 2013, 15. November 2013, 23. November 2013, 14. Dezember 2013, 20. Dezember 2013, 28. Dezember 2013, 31. Dezember 2013, 03. Januar 2014, 12. Januar 2014, 16. Januar 2014 und 24. Januar 2014. Karten unter www.theaterdo.de oder 0231 5027222.