Ein besonderes Orchestererlebnis beim 3. Konzert für junge Leute

Zwei Orchester zum Preis von einem? Nicht ganz – aber fast. Denn am 3. Juli 2025 standen im Dortmunder Konzerthaus das Dortmunder Jugendorchester (DOJO) und die Dortmunder Philharmoniker gemeinsam auf der Bühne. Unter der Leitung von Olivia Lee-Gundermann präsentierten sie Sergej Prokofjews 7. Sinfonie – ein Werk voller leiser Töne und emotionaler Tiefe.

Schon mit den ersten Takten verschmolzen die Klänge der jungen Musiker:innen mit denen der erfahrenen Profis. Die musikalische Einheit wirkte so selbstverständlich, als würde dieses generationenübergreifende Orchester schon seit Jahren gemeinsam musizieren. Die harmonische Verbindung war nicht nur hör-, sondern förmlich spürbar.

Foto des Programmflyers des 3. Konzertes für junge Leute.
Foto des Programmflyers des 3. Konzertes für junge Leute.

Ein Glücksgriff war auch die Programmauswahl: Prokofjews 7. Sinfonie – sein letztes vollendetes Werk – gilt als poetisches Vermächtnis. Anstelle eines triumphalen Finales entfaltet sich hier eine zarte, transparente Melancholie, die an einen stillen Rückblick erinnert. Eine Komposition, die weniger durch Dramatik als durch Feinfühligkeit beeindruckt – und genau diesen Charakter ließen die Musiker:innen eindrucksvoll lebendig werden.

Für einen temperamentvollen Kontrast sorgte schließlich die Zugabe: Der mitreißende erste Satz aus Arturo Márquez’ „Danzón Nr. 2“ brachte rhythmische Energie und tänzerische Leichtigkeit ins Konzerthaus – ein gelungener Abschluss eines außergewöhnlichen Konzertabends.




Rachmaninow total – Ein Tag zwischen Triumph, Trauma und Transzendenz

Text: Michael Lemken & Lisa Lemken

Das 10. Philharmonische Konzert am 15. Juni 2025 im Konzerthaus Dortmund war ein ganz besonderes Ereignis: Es bestand aus drei vollständigen Konzertprogrammen. Unter dem Titel „Rachmaninow total“ wurden um 11 Uhr das 1. Klavierkonzert und die 1. Sinfonie, um 15 Uhr das 2. Klavierkonzert sowie die 2. Sinfonie und schließlich um 19 Uhr das 3. Klavierkonzert sowie die 3. Sinfonie aufgeführt.

Das erste und letzte Konzert wurden von den Dortmunder Philharmonikern gespielt, das zweite gestalteten die Kolleginnen und Kollegen der Beogradska Filharmonija. Als Solist*innen traten Beatrice Berrut, Olga Scheps und Bernd Glemser auf. Auch am Dirigentenpult wechselte die Besetzung: Den Auftakt übernahm Mateusz Molęda, gefolgt von Moritz Gnann; zum Abschluss dirigierte der scheidende Generalmusikdirektor Gabriel Feltz den dritten Konzertblock.

„Rachmaninow total“ war kein klassischer Konzertmarathon wie etwa ein Beethoven-Zyklus. Es war keine Heldensaga, sondern eine emotionale Reise – zwischen russischer Seele, Exilerfahrung und tief empfundener Romantik. Die Besucherinnen und Besucher hörten nicht nur Musik, sie erlebten ein musikalisches Lebenspanorama.

11 Uhr – Jugendkraft und Dramatik

Das Klavierkonzert Nr. 1 in fis-Moll, op. 1 ist ein Werk voller Elan – noch suchend in der Form, aber reich an Energie. Wer dieses Konzert hört, erkennt die deutlichen Einflüsse Tschaikowskys: lyrische Melodien, kraftvolle Themen und ein ausgeprägtes Ausdrucksbedürfnis. Als Opus 1 ist es eine Visitenkarte des jungen Rachmaninow – eindrucksvoll interpretiert von Beatrice Berrut.

Die Sinfonie Nr. 1 in d-Moll, op. 13 ist ausdrucksstark, düster und tief in slawischer Klangsprache verwurzelt. Eine gelungene Aufführung – wie sie Mateusz Molęda hier lieferte – zeigt die unterschätzte dramatische Kraft des Werkes. Die Sinfonie wirkt wie ein musikalisches Seelenbild zwischen nationalem Pathos und persönlicher Verzweiflung.

15 Uhr – Reife und Romantik

Am Nachmittag standen zwei Werke vom Beginn des 20. Jahrhunderts auf dem Programm: das erfolgreiche Klavierkonzert Nr. 2 in c-Moll, op. 18, gefolgt von der Sinfonie Nr. 2 in e-Moll, op. 27.

Das Klavierkonzert wurde virtuos und zugleich einfühlsam von der in Moskau geborenen Pianistin Olga Scheps interpretiert – begleitet von der Beogradska Filharmonija unter der souveränen Leitung von Moritz Gnann. Der magische Beginn des Soloklaviers, der erzählende Ton des Hauptthemas sowie die kraftvollen Steigerungen im Wechsel mit melancholisch-ruhigen Passagen machten die Interpretation bewegend. Besonders das Zusammenspiel im zweiten Satz (Adagio sostenuto) berührte durch seine Transparenz und Innigkeit. Ein furioses Finale krönte das Werk.

Die 2. Sinfonie entstand in einer Phase des Aufschwungs im Leben des Komponisten. Nach einer ausgedehnten langsamen Einleitung folgen immer wieder klanggewaltige, emotionale Steigerungen. Die ausdrucksstarken Streicherpassagen lassen schwärmerische Bilder russischer Landschaften entstehen. Der zweite Satz (Scherzo) ist temporeich und technisch anspruchsvoll, mit abrupten Wechseln zwischen Virtuosität und Elegie. Nach einem traumhaften dritten Satz endet das Werk in einem mitreißenden Finale, das das Publikum förmlich aus seiner Versunkenheit riss.

Gabriel Feltz konnte trotz Sportverletzung das dritte Konzert um 19 Uhr selbst dirigieren.
Gabriel Feltz konnte trotz Sportverletzung das dritte Konzert um 19 Uhr selbst dirigieren.

19 Uhr – Spätstil und Abschied

Der Abschluss des Tages war in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Im Abendkonzert erklangen das Klavierkonzert Nr. 3 in d-Moll, op. 30 sowie die Sinfonie Nr. 3 in a-Moll, op. 44.

Trotz eines gebrochenen Fingers ließ es sich der scheidende Generalmusikdirektor Gabriel Feltz nicht nehmen, Teile des Konzerts persönlich zu dirigieren – mit einem gemischten Orchester aus Dortmunder Philharmonikern und Beogradska Filharmonija.

Mit Bernd Glemser konnte ein Ausnahmepianist für das wohl anspruchsvollste Klavierkonzert Rachmaninows gewonnen werden. Das über 40-minütige Werk – geprägt von spätromantischer Dichte und technischer Brillanz – meisterte er mit beeindruckender Souveränität. Das eröffnende Thema im ersten Satz (Allegro ma non tanto), vom Klavier in Oktaven vorgestellt, durchzieht das gesamte Werk mit wehmütigem Charakter. Immer neue Steigerungen, klanggewaltige Akkordblöcke und atemberaubend schnelle Läufe fordern höchste Konzentration – Glemser ließ es leicht erscheinen.

Nach der Pause folgte die 3. Sinfonie, entstanden 1935 im amerikanischen Exil. Die bedrückenden Einflüsse der russischen Umwälzungen und der heraufziehenden Weltkriegskrise sind spürbar. Die stilistische Entwicklung gegenüber der zweiten Sinfonie ist deutlich: Zwar gibt es noch immer schwelgerische Momente, doch sie werden von moderneren, oft dissonanten Klängen durchbrochen – besonders eindrucksvoll im zweiten Satz. Der Finalsatz besticht durch rhythmische Energie und tänzerische Elemente. Trotz der neuen Formensprache bleibt Rachmaninow seiner russischen Klangwelt treu.

Die Sinfonie besteht nur aus drei Sätzen, wirkt aber dennoch in sich geschlossen und ausdrucksstark.

Am Ende wurden nicht nur die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne gefeiert. Auch Gabriel Feltz wurde als „Motor“ der Dortmunder Philharmoniker gebührend verabschiedet. Bereits vor Konzertbeginn würdigten Oberbürgermeister Thomas Westphal und Tobias Ehinger, geschäftsführender Direktor des Theaters Dortmund, seine Verdienste. Zum Abschied gab es fantasievolle Geschenke – überreicht von „seinen“ Philharmonikern.




Musik am Abgrund – Das 4. Philharmonische Konzert der Dortmunder Philharmoniker

Mit einem beeindruckenden Programm aus Benjamin Brittens Sinfonia da Requiem und Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 4 zeigten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz am 10. und 11. Dezember 2024 ihre künstlerische Qualität. Beide Werke, entstanden unter außergewöhnlichen persönlichen und politischen Bedingungen, spiegeln eindringlich die existenziellen Herausforderungen ihrer Zeit wider.

Brittens Pazifistisches Meisterwerk

Benjamin Britten schrieb seine Sinfonia da Requiem im Jahr 1940, inmitten der Bedrohung durch den Zweiten Weltkrieg. Für Britten bedeutete diese Zeit nicht nur einen künstlerischen Wendepunkt, sondern auch einen persönlichen Neubeginn: Gemeinsam mit seinem Partner Peter Pears entschied er sich für ein Exil in den USA. Dieses Werk, ursprünglich als Auftragskomposition zum 2600-jährigen Jubiläum der japanischen Kaiserherrschaft gedacht, wurde von den japanischen Auftraggebern abgelehnt, da es ihrer Ansicht nach zu wenig festlich war. Die liturgischen Titel der drei Sätze (Lacrymosa, Dies irae, Requiem aeternam) verleihen dem Werk eine spirituelle Tiefe, die Brittens pazifistischer Botschaft und seiner Abscheu vor Krieg und Gewalt Ausdruck verleiht.

Generalmusikdirektor Gabriel Feltz überzeugte mit seinen Dortmunder Philharmonikern. (Foto: (c) Jürgen Altmann)
Generalmusikdirektor Gabriel Feltz überzeugte mit seinen Dortmunder Philharmonikern. (Foto: (c) Jürgen Altmann)

Die Dortmunder Philharmoniker erweckten dieses außergewöhnliche Werk mit beeindruckender Präzision und emotionaler Intensität zum Leben. Besonders die Blechbläser brillierten mit aggressiver Dynamik und rhythmischer Schärfe, insbesondere im zweiten Satz (Dies irae), in dem Trompeten und Posaunen die Führung übernahmen.

Schostakowitschs Sinfonie Nr. 4: Ein Monument der Verzweiflung

Nach der Pause erklang Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 4, ein Werk, das während der Jahre 1935 bis 1936 im Kontext des stalinistischen Terrors entstand. Schostakowitschs prekäre Situation als Künstler in der Sowjetunion prägte diese monumentale Sinfonie, die in ihrer Struktur und Instrumentation deutlich den Einfluss Gustav Mahlers erkennen lässt. Die Klangwelt der Sinfonie ist dunkel und von Verzweiflung geprägt, mit abrupten Wechseln zwischen brutaler Schärfe, groteskem Humor und melancholischer Tiefe.

Die Dortmunder Philharmoniker meisterten die immensen Herausforderungen dieses Werks mit Bravour. Die komplexe Polyphonie, die massiven orchestralen Klangblöcke und die solistischen Passagen wurden mit beeindruckender Klarheit und Ausdruckskraft dargeboten. Die Musiker*innen entfalteten die gesamte emotionale Bandbreite dieser Sinfonie, von schneidender Brutalität bis hin zu tiefster Melancholie.

Der langanhaltende Applaus am Ende des Abends war ein verdientes Lob für die Dortmunder Philharmoniker, die mit diesem Konzert die künstlerische Tiefe der Werke eindrucksvoll unter Beweis stellten.




Modern Times: Stummfilmerlebnis mit Live-Orchesterbegleitung

Bereits im Jahr 2018 konnte das Publikum in Dortmund ein Stummfilmkonzert zu Charlie Chaplins Meisterwerk „Modern Times“ genießen. Am 2. Juli 2024 bot sich erneut die Gelegenheit, dieses besondere Erlebnis eines pantomimisch ausdrucksstarken Stummfilms mit der passenden Live-Orchestermusik im Dortmunder Konzerthaus zu erleben.



Meisterhafte Inszenierung durch die Dortmunder Philharmoniker

Die bestens aufgelegten Dortmunder Philharmoniker, unter der professionellen Leitung von Adrian Prabava, sorgten mit viel Feingefühl dafür, dass „Modern Times“ in restaurierter Fassung eine besondere Lebendigkeit erfuhr. In seiner letzten Rolle als tollpatschig-sympathischer Tramp läuft Charlie Chaplin zur Hochform auf, um soziale Verelendung und den Optimierungswahn in Produktionsprozessen offen zu legen und anzuprangern. Damals, zur Zeit der großen Weltwirtschaftskrise, war der Film eine treffende Satire. Leider hat er nichts von seiner Aktualität eingebüßt und wechselt ständig zwischen Tragik und Komik.

Der gutherzige Tramp gerät von einem ungewollten Fettnäpfchen ins nächste, kommt aber immer wieder durch glückliche Umstände auf die Beine und findet seine Liebe. Obwohl die prekären Zustände mit unverblümter Direktheit dargestellt werden, steht am Ende das Motto „Immer wieder Aufstehen“. Mit seiner Fähigkeit, jeder Gefühlsregung durch Gesicht und Gesten Ausdruck zu verleihen, drückt Chaplin dem Film seinen unverwechselbaren Stempel auf, trotz der ebenfalls herausragenden Darsteller.

Musikalische Brillanz und perfektes Timing

Den Dortmunder Philharmonikern gelang es wunderbar, jede Stimmungslage, ob Verzweiflung und Entsetzen über die Zustände, Dramatik oder bittersüße Romanze, durch ihre Instrumente musikalisch fühlbar zu machen. Die Wirkung des Films beruht auf dem exakten Zusammenspiel von Filmbildern und Musik, was ein präzises Timing des Orchesters erforderte.

Obwohl ich bereits 2018 das Stummfilmkonzert erlebt hatte, war es auch dieses Mal wieder eine ganz besondere Erfahrung.




Crossover Concert um die Thematik Wasser

Wasser ist Leben und von besonderer Bedeutung für unsere Existenz. Ein einziger Tropfen davon kann viel bewegen. Im übertragenen Sinn auch in der Musik.



Das 3. Konzert für junge Leute in Dortmund setzte sich am 04.03.2024 unter dem Titel „A Drop of Water“ in einem „Crossover Concert“ auf unterschiedlicher Weise mit dem Thema Wasser (Aqua) auseinander.

Im hiesigen Konzerthaus spielte einerseits Musik aus verschiedenen Zeiten und Stilrichtungen eine Rolle, die mit Wasser in seinen unterschiedlichsten Zuständen zu tun haben. Die Dortmunder Philharmoniker, unter der temperamentvollen und emphatischen Leitung von Andrea Alessandini, machte mit einem Auszug aus der „Moldau“ von Smetana (1821-1884) einen passenden Anfang für das Konzert.

Die Schauspielerin Isa Weiß stellte sich als „Special Guest“ Aqua in einem aquamarinblauem Glitzerkostüm dar und zeigte mit jugendlicher Frische die wichtige Funktion von Wasser und dessen Bedrohung. Der Klimawandel, die Versiegelung vieler Flächen, die Verschmutzung durch Chemikalien und anderen Müll sowie die Vermarktung als Ware machen dem lebensnotwendigen und vielschichtigen Element zu schaffen .

Ein witziger Einfall war, dass „Aqua“ sich in ihren Pausen in einem kleinen aufgeblasenen „blauen Sitz-Bassin“ mit zwei Leuchtketten zurückziehen konnte.

Der Geologe und Hydrologe Dr. André Baumeister meldete sich mit interessanten wissenschaftlichen Videos von seinen jüngsten Exkursionen per Leinwand.

Das Repertoire umfasste vorwiegend Stücke aus dem 20. Jahrhundert. Das Spiel der Wellen und deren Bewegungen wurde dem Publikum durch Sergej Rachmaninow und Claude Debussy eindrucksvoll vor Augen geführt. Im Gegensatz dazu verdeutlichte Frank Bridges „The Sea: IV. Storm“ mit musikalischen Mitteln die unbändige Wildheit des Meeres bei Sturm und Blitz. Entstehungszeit: 1905 – 1911.

Stimmungsvoll modern kam Alexander Litvinovskys (*1962) „Les Grand Cahier: II. Les alertes“ aus dem Jahr 2015 daher. Sergej Prokofjews (Alexander Newski op. 78: V.: Die Schlacht auf dem Eis) eisig-frostig.

Das ungewöhnlichste Stück des Abends war sicherlich „Water Music“ von Daniel Schnyder (*1961). Das Musikstück  beschreibt Kolumbus auf seiner Reise durch den Atlantik und die Karibik. Zusätzlich erklang die Ouvertüre zu Georg Friedrich Händels (1685-1759) „Wassermusik“. Ein spannendes Crossover-Erlebnis. Das Konzert endete mit einem starken Medley aus „Pirates of the Caribbean“.

Die musikalischen Werke sollten für sich sprechen, und so wurde nichts weiter zu Komponisten und Entstehung erzählt.

Ein unterhaltsamer Abend für ein junges oder auch älteres Publikum, der Lust auf weitere musikalische Abenteuer mit den Dortmunder Philharmonikern macht.




Faszination Stadionstimmung und klassische Musik

Die Dortmunder Philharmoniker präsentieren in der Spielzeit 2023/2024 das Ruhrgebiet in seinen verschiedenen Facetten. Am 16./17.01.2024 wurde im hiesigen Konzerthaus eine spannende Verbindung zwischen der Faszination des Stadions und klassischer Musik geschaffen. Die Dortmunder Philharmoniker unter der temperamentvollen Leitung des jungen belgischen Dirigenten Martijn Dendievel hatte hierfür als Moderatoren Dr. Michael Stille (Orchesterdirektor) sowie BVB-Stadionsprecher Nobby Dickel eingeladen.



Als passender Einstieg (wie vor jedem Heimspiel) wurde auch hier „You’ll Never Walk Alone“ (Richard Roger/Oscar Hammerstein II) gesungen. Kammersänger Morgan Moody sorgte mit seinem kraftvoll-warmen Bassbariton für Gänsehaut-Feeling und ab der zweiten Strophe wurde (so gut es ging) mitgesungen. Einige Menschen aus dem Publikum ließen es sich nicht nehmen, ihre schwarz-gelben BVB-Schals zu tragen und selbst beim Orchester wurde eine entsprechende Devotionalie ausgelegt.

Nobby Dickel gab einige Fußball-Anekdoten und rückblickend humorvolle Erinnerungen zum Pokal-Endspiel 1989 zum Besten.

Die folgende „Suite und Fußballspiel“ aus dem Ballett „Das goldene Zeitalter op. 22“ von Dimitri Schostakowitsch (1906-1975) boten sich als „verbindende“ klassische Musik idealerweise an. Der russische Komponist war nicht nur ein glühender Anhänger von Zenit St. Petersburg, sondern hatte sogar eine Schiedsrichter-Lizenz.

Die Handlung mit einer Fußballmannschaft im Mittelpunkt war wie für Schostakowitsch geschaffen. Allerdings wollte das Regime Stalins das musikalische Fußballspiel „sowjetischer Fußballverein gegen dekadenten kapitalistischen Westverein“ gerne für seine Zwecke instrumentalisieren. Wenig begeistert wegen der platten, propagandistischen Handlung changierte der Komponist zwischen sarkastischer Parodie, schrillen Modernismen, grotesken Witz und überhöhtem Pathos. Alle musikalischen Register wurden dann im Fußballspiel aus dem II. Akt gezogen, um die unterschiedlichen Stimmungslagen während eines Fußballspiels für das Publikum spürbar zu machen. Einzelne Instrumente hatten Gelegenheit, sich hier zu profilieren.

Ein besonderer Genuss für die Ohren war die folgende sportlich-dynamische „Carmen Fantasie“ über Themen aus der Oper „Carmen“ (Georges Bizet) von dem jüdischen Komponisten Franz Waxman (1906-1967). Inspiriert wurde der vor den Nazis bis in die USA geflohene Komponist hierzu von dem berühmten Geiger Jascha Heifetz. Die von der jungen Mira Foron (Violine) virtuos und gefühlvoll interpretierte Version der „Carmen Fantasien“ wurde vom Publikum begeistert gefeiert.

Nach der Pause folgte die anspruchsvolle „Sinfonie Nr. 5 d-Moll op. 47“ von Dimitri Schostakowitsch. Wichtig zu wissen ist hier, dass der Komponist im Laufe des Jahres 1936 immer mehr unter dem Druck des Stalin-Regimes stand.  Im Angesicht von Säuberungen und Schauprozessen fürchte er, jederzeit von der Polizei oder dem Geheimdienst abgeholt zu werden.

Unter diesem emotionalen Ausnahmezustand musste die Sinfonie musikalisch oberflächlich den Forderungen nach „Volksverbundenheit“ oder „Heroik“ genügen, aber gleichzeitig den Zuhörenden eine grundsätzlich oppositionelle Haltung verdeutlichen. Der letzte Satz steht exemplarisch für diese Doppelbödigkeit. Nach einer dramatisch explosiven Entwicklung findet die Musik ein nicht gelöstes, sondern aggressiv-bombastisches Ende in D-Dur.




Neujahrskonzert – Mit Musik aus dem Großraum Amerika in das Jahr 2024

Die Dortmunder Philharmoniker unter der temperamentvollen Leitung von GMD Gabriel Feltz schlug am 1. Januar 2024 bei ihrem Neujahrskonzert unter dem Motto „Americas“ einen musikalischen Bogen über beide Hälften des amerikanischen Doppelkontinents.



Der europäische Einfluss im 20. Jahrhundert kam vor allen durch die Migration jüdischer und andere Komponisten nach Amerika.

Schwungvoll ging es schon von Beginn an mit dem „Danzón Cubano“ (I. Moderately) von dem aus Litauen emigrierten Komponisten Aaron Copland (1900 – 1990) los.

Eine besondere Version der „Rhapsody in Blue“ von dem ebenfalls vor der Verfolgung der Juden aus Litauen nach Amerika immigrierten Komponisten George Gershwin konnte das Publikum danach erleben.

Als Virtuose auf dem Akkordeon sorgte der Litauer Martynas Levickis (*1990) mit seinem Soloinstrument mit starker Orchesterbegleitung für besonders tiefe Melancholie, Schwermut sowie aggressiv temperamentvolle Momente.

Begeistern konnte er auch bei den folgenden drei argentinischen Tangos von dem aus Italiennach Argentinien immigrierten Bandoneon-Spieler und Komponist Astor Piazolla (1921 – 1992).

Die Seele des Tangos wurde durch Levickis sensibles und virtuoses Akkordeonspiel beim Libertango (in den späten Siebzigern bekannt gemacht durch Grace Jones), Oblivion sowie Adios Nonino spürbar.  Stimmungsvoll war die sensible Begleitung durch die Streicherfraktion der Philharmoniker.

Wachgerüttelt wurden die Zuhörenden zum Schluss bei den vier Tänzen op. 8a Esteancia von dem argentinischen Komponisten Alberto Ginastera (1916 – 1983). Sein Vater stammte aus Spanien, seine Mutter aus Italien. Seine Musik für ein argentinisches Rinderfarm-Musical machte das Leben dort für das Publikum spürbar.

Als lustige Zugabe gab es noch eine eigenwillige Mischung der Musik aus „Carmen“ mit amerikanischen Klangelementen. Eine spezielle musikalische Verbindung Amerika-Europa. Ein schöner Einstieg in das Musikjahr 2024.




Nutcracker 2.0 – Von der Phantastik zum Ballettmärchen und Retour.

Viele alte und moderne Märchen. Kinder und Jugendgeschichten wurzeln im alltäglichen, die diese Geschichten mit der Fantasiewelt und dem Übernatürlichen verbinden. So auch der Nußknacker. Der Nußknacker ist frühes Beispiel dafür, dass diese Erzählungen so geschrieben sind/wurden, dass sie auch Erwachsene in ihren Bann ziehen und können.



Die Geschichte vom Nussknacker ist ein echter Weihnachtsklassiker und wurde schon auf vielen Bühnen, Filmen und Zeichentrickfilmen dieser Welt erzählt. Mal gut, mal besser, mal naja, mal oh Gott … diese Fusion aus Klassik und elektronischer Musik mit Schauspiel aber ist phantastisch!

In der Version der Dortmunder Philharmoniker hat sich Birgit Eckenweber auf die Erzählung von E.T.A. Hoffmann von 1816 besonnen.

Die junge Klara bekommt am Weihnachtsabend einen Nussknacker geschenkt, der plötzlich in ihrer Fantasie lebendig wird. Im Traum nimmt der Nussknacker, der sich in einen Prinzen verwandelt, das Mädchen mit auf eine fantastische Reise in eine fremde, jedoch auch unheimliche Märchenwelt, die zudem auch brutal sein kann. In dieser Welt sind die Grenzen zwischen hell und dunkel, zwischen Gut und Böse unklar und verschwommen. Wie auch noch die Napoleonischen Kriege in der Erzählung nachhallen. Dieser Stoff hatte Peter Tschaikowsky zu seinem berühmten Ballett angeregt, dessen Musik wir auf eine ganz neue Weise entdecken: voller Groove!

Mit den Dortmunder Philharmonikern sind zwei Musiker aus der Berliner Clubszene, Niels Poensgen und Julius Rülke, ins Boot geholt worden, die die beliebte Nussknacker-Suite von Peter Tschaikowsky mit ihren ganz besonderen Sounds kombinieren. Dabei tragen sie das Stück in das hier und heute.

In der Groove-Symphonie Fassung von Birgit Eckenweber wird die Geschichte des Nußknackers frei nacherzählt und mit den Elektrosounds von Poensgen und Rülke an das Heute herangeführt. Klara ist eine Jugendliche von Heute, der eine Männergestalt gegenübersteht, in der sich drei Charaktere offenbaren: der Dark Lord, wie aus einem Fantasy oder Sciencefiction Roman, der Nußknacker selbst, der verwandelte Prinz und der Erzähler E.T.A. Hoffmann, der seinen Text mit Anspielungen und Zitaten aus der Nußknacker Erzählung spickt.

Während der Aufführung entstanden im Kopf unweigerlich die verschiedensten Bilder aus den unterschiedlichsten Aufführungen und Darbietungen des Nußknackers, die man bisher gesehen hatte, und doch war man sogleich wieder im Heute im Konzerthaus bei der aktuellen Aufführung.

Unterstützt wird die Nacherzählung durch eigene visuelle Effekte, dargestellt durch Irina Usova und Julian Sinclair Jäckel. Dabei kommt eine klassische Geschichte heraus, die nah an der Fantasy steht: Nutcracker goes Twilight!

Das Ende der Geschichte ist offen … War es ein Traum? Was geschah tatsächlich?

Tatsächlich haben uns aber die Dortmund Philharmoniker unter dem Dirigat von Olivia Lee-Gundermann eine phantastische und musikalisch vollendete Traumreise geboten die das Publikum mit Begeisterung aufgenommen hat.

Schauspieler*innen                Irina Usova, Julian Sinclair Jäckel
Live-Elektronik                        Niels Poensgen, Julius Rülke

Dortmunder                           Philharmoniker

Buch und Regie                      Birgit Eckenweber
Dirigat                                    Olivia Lee-Gundermann




 Ein besonderer Abend mit Cello und mehr

Ein Konzert an ungewöhnlicher Stelle: Die Maschinenhalle der Kokerei Hansa in Huckarde war Schauplatz eines besonderen Kammerkonzertes „Cellissimo Plus“. Das Cello stand am 07. September 2023 im Mittelpunkt und die ausgesuchten Werke zeigten die Bandbreite dieses Instrumentes.



Angeführt von Hauke Hack, zeigten Aglaja Camphausen, Mladen Milodarovic, Andrei Simion und Christiane Schröder, was das Cello musikalisch so kann. Hinzu kam Frank Kistner, der Kontrabass spielte. Du dem Plus gehörte auch, dass die Cellistin Camphausen als Sopranistin auftrat und drei Morgensternlieder von Bernhard Hölscher mit Cellobegleitung sang. Höscher war der Musiklehrer von Hauke Hack.

Die Musik reichte von Barock (J.S. Bach) über sozialistischen Realismus (Nikolai Rakov) bis hin zu Ragtime oder den Evergreen „Mr. Sandman“. Der Komponist Peter Jansen zeigte, dass man auch über ein einfaches Kinderlied („Bi-Ba-Butzemann“) ein interessantes Stück für vier Celli und Kontrabass schrieben kann.

Alles in allem: Coole Location, cooles Konzert, gelungener Start in die neue Spielzeit.




Stummfilmkonzert als besonderes Erlebnis

Die Reihe „Stummfilmkonzerte“ der Dortmunder Philharmoniker erfreut sich nicht ohne Grund großer Beliebtheit. In dieser Spielzeit stand am 23.05.2023 im hiesigen Konzerthaus die deutsche Fassung von Charles Chaplins „The Circus“ in voller Länge auf dem Programm.



Der Film aus dem Jahr 1925 wurde von der Dortmunder Philharmoniker und Tatjana Prushinskaya am Klavier unter der Leitung von Adrian Prabava live mit dem starken Original-Soundtrack untermalt. Dabei überzeugten sie wieder einmal mit viel Feingefühl und gutes Timing. Emotionale Regungen und Gesten wurden ausdrucksvoll verstärkt.

Dieser letzte Stummfilm von Chaplin hat einen etwas bitteren Grundton. Soziale Ungerechtigkeit, Machtmissbrauch aber auch selbstlose Liebe.

Ein Außenseiter und Tramp (Chaplin) landet durch Zufall beim Zirkus und wird wegen seiner ungewollten Komik zum ausgenutzten Kassenschlager. Er verliebt sich in die Tochter des autoritären Direktors. Seine Chancen bei der hübschen Akrobatin stehen zunächst gut. Dann taucht ein smarter Seiltänzer als Konkurrent auf. Am Ende verzichtet der Tramp zugunsten seiner Angebeteten auf sein persönliches (Liebes-) Glück und geht weiter seines Weges. 

Der Stummfilm voll tragisch-komischen Momenten ist ein Meisterwerk an grotesk- komischen Einfällen, waghalsiger Akrobatik, scharfen Bildern, überraschend moderner Trickfilmtechnik und echten Löwen.

Die Musik im Vaudeville-Stil passte wunderbar zum „Circus“ und die Situationskomik brachte das Publikum im Konzertsaal trotz des tragisch-ernsten Hintergrunds oft zum Lachen.

Es darf sich schon auf Chaplins „Modern Times“ in der nächsten Spielzeit freuen.