„Dein Ernst? Is‘ nich‘ wahr“ – Oscar Wilde mit Augenzwinkern
Ein paar weiße Handschuhe, eine Schürze, ein Gehstock, eine Melone und ein Diadem. Und Gurkensandwiches. Es braucht nicht viel, um ein Theaterpublikum in eine andere Welt zu versetzen. In seiner mittlerweile sechsten Produktion widmet sich der Schauspieltreff des Vereins Halte-Stelle Oscar Wilde und seiner Komödie „Bunbury – The Importance of Being Earnest“.
Gleich zwei Gentlemen sind „Bunburianer“. Sie erfinden Freunde oder Verwandte – der eine, um in die Stadt zu kommen, der andere, um ab und an seiner Tante entfliehen und ungehindert ausgehen zu können. „In der Stadt amüsiert man sich, auf dem Land amüsiert man die anderen“, lautet ein Motto.
Das geht gut, bis sich der erste verliebt. Unter dem falschen Namen Ernest. Den seine Angebetete aber ganz wunderbar findet. Einen Mann mit einem anderen Namen will sie auf keinen Fall heiraten!

Verwicklungen und Verwirrungen sind also vorprogrammiert. Man leidet mit Ernest alias Jack. Man hofft, dass die Angebetete „Ja“ sagt. Sein Freund versucht ihm alles auszureden. Und dann sind da auch noch diese wunderbaren Schwiegereltern, die den Bewerber ganz genau unter die Lupe nehmen und von der Wahl der Tochter gar nicht „amused“ sind. Ganz herrlich das Paar auf Sofa und Sessel beim „Verhör“.
Überhaupt sind die Figuren von der Theatergruppe skurril gezeichnet, man merkt allen die Spielfreude an, freut sich an den kleinen Gesten, z. B. wie etwa Ernest/Jack seinen Hut, eine Melone, knetet, an dem theatralischen Heiratsantrag und den vielen liebevollen Kleinigkeiten, die auch auf der großen Bühne im Theater im Depot gut rüberkommen.
Im Foyer erhielt das Publikum bereits eine kurze Einführung, sodass man vorbereitet in den Theatersaal geht – mit Gitarrenbegleitung. Denn ganz nach der reinen Lehre hat die Gruppe das Stück nicht inszeniert.
So werden immer wieder auch eigene Gedichte und Lieder eingebaut, es geht um Liebe und die Gesellschaft und unser Miteinander. Sehr treffend auch im Programmzettel formuliert: „ Wer liebt wen? Und warum? Und ist das überhaupt eine gute Idee? Was macht Liebe mit uns – und was stellen wir im Gegenzug mit ihr an? Oder auch: Warum gibt es in unserer modernen Gesellschaft immer noch Menschen, die glauben, sie dürften über andere urteilen?“
Die Darstellerinnen und Darsteller wechseln mühelos von Oscar Wilde zu eigenen Texten. Zeigen viel Humor, z. B. wenn der spätjugendliche Bewerber sein Alter auf neunundzwanzig plus datiert. Lacher gibt es viele in den kurzweiligen anderthalb Stunden.
Der ein oder andere Hänger des „Theaters Normal Gibt’s Schon“, wie das Ensemble sich nennt, wird charmant überspielt, das muss man auch erst einmal können. Da sind sie bei Ekkehard Freye, der das Projekt als Schauspieler (im Hauptberuf beim Schauspiel Dortmund engagiert) professionell anleitet, durch eine gute Schule gegangen. Viel Sicherheit gibt ihnen aber auch die Gemeinschaft, die sie selbst „als Familie“ empfinden. Und Halt durch die weitere Begleitung des Vereins, der in der Blücherstraße ansässig ist, mit Anna Becker und Anna Helmsorig.
Oscar Wilde schrieb diese Komödie, um Geld zu verdienen. Auch wenn das Stück im Theater im Depot mit dem Titel „Dein Ernst? Is‘ nich‘ wahr“ Eintritt kostet, für Geld spielen die Darstellerinnen und Darsteller der Halte-Stelle nicht, aber für Spaß und Freude und für Applaus, den es zum Schluss reichlich und verdient gibt. Ein Theatervergnügen mit wenig Brimborium, viel Herzblut und einigen Herzensanliegen, die als Botschaften mit nach Hause genommen werden können: Z. B. „Ein Lächeln kostet gar kein Geld, es wärmt die kalte, graue Welt.“
In diesem Sinne verabschiedet sich das Publikum in einen tatsächlich eher durchwachsenen Junitag und trägt vermutlich ein Lächeln auf den Lippen und bestimmt viel Wärme im Herzen.