Brahms-Zyklus im Konzerthaus Dortmund

Am 28. und 29. April 2026 fand im Konzerthaus Dortmund ein besonderer Brahms-Zyklus statt. Sinfonien von Johannes Brahms stehen zwar landauf, landab auf den Konzertprogrammen, doch die Gelegenheit, alle vier Werke im unmittelbaren, ungestörten Zusammenhang eines Zyklus zu erleben, ist selten. Die Dortmunder Philharmoniker unter der souveränen Leitung von Generalmusikdirektor Jordan de Souza nutzten diesen Anlass, um den tiefen Verbindungen zwischen den Werken nachzuspüren und die musikalische sowie persönliche Entwicklung des Komponisten greifbar zu machen.
Ein gemeinsamer Beitrag von Lisa und Michael Lemken



Erster Abend: Sinfonie Nr. 1 und 2 (28. April 2026)

Der dramatische Durchbruch: Die 1. Sinfonie

Der Weg, den Brahms bis zu seiner ersten Sinfonie zurücklegen musste, war lang und steinig. Er fühlte stets den „Riesen“ Beethoven hinter sich marschieren. Die 1. Sinfonie ist ein Werk des Durchbruchs im doppelten Sinn: Sie markiert nicht nur Brahms’ eigenen Durchbruch als Sinfoniker, sondern thematisiert diesen Prozess auch in der Musik selbst.

Der Abend begann bereits dramatisch mit einem Paukenschlag. Das Werk besticht durch zwei gewichtige Einleitungen und eine durchgehend dramatische Grundhaltung. Im Finalsatz, der sich kontrapunktisch dem Zitat der „Jupiter“-Sinfonie von Mozart nähert, schien die alte Europahymne aus dem Barock auf, bevor der Durchbruch am Ende durch die majestätische Wiederkehr eines Chorals gelang.

Der helle Gegenpol: Die 2. Sinfonie

Die 2. Sinfonie bildet einen völligen Gegensatz zur Ersten. Wo dort Düsternis und Dramatik herrschten, dominieren hier Helle und Idylle. Beide Werke stehen jedoch nicht unverbunden nebeneinander, sondern bilden ein widersprüchliches Gefüge. Die Sinfonie beginnt mit einer vorsichtig tastenden Einleitung, in der die Musik noch auf dem Weg zu sich selbst ist.

Ein Dirigent der Kontraste

Geleitet wurden die Dortmunder Philharmoniker von Jordan de Souza, der sich als vielseitiger und international renommierter Dirigent präsentierte. Seine stilistische Bandbreite und interpretatorische Tiefe halfen dabei, die feinen Nuancen und historischen Bezüge präzise herauszuarbeiten. Das Publikum verabschiedete die Musiker nach diesem ersten Teil mit großem Applaus und Standing Ovations.

Zwei intensive Abende mit Musik von Johannes Brahms.
Zwei intensive Abende mit Musik von Johannes Brahms.

Zweiter Abend: Sinfonie Nr. 3 und 4 (29. April 2026)

Ein origineller und traditionsverhafteter Aufbau: Die 3. Sinfonie

Auch an diesem zweiten Tag meisterten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Jordan de Souza die technischen und physischen Herausforderungen mit Bravour. Der erste Satz der 3. Sinfonie begann erneut mit einem Paukenschlag. Das bedrohlich Dunkle ist hier kontrastreich zur lebhaften, hellen Stimmung gesetzt und musikalisch im Hintergrund präsent, wodurch die komplexe Persönlichkeit des Komponisten mit all ihren Widersprüchen spürbar wird. Eine bedeutende Rolle für Brahms spielte dabei die hohe Messlatte von Beethovens 9. Sinfonie sowie seine Konkurrenz zum neuen Giganten Richard Wagner.

Im zweiten Satz erscheint der „Grazioso“-Typus, eine Kreuzung zwischen einem langsamen Satz und einem Scherzo. Eine große Überraschung bietet der dritte Satz: Das traditionelle Scherzo wird durch eine in die Tiefe gehende, wehmütige Romanze ersetzt. Dieser emotionale Teil spiegelt Brahms’ Persönlichkeit und sein Leben wider – man denke nur an seine komplizierte Beziehung zu Clara Schumann.

Ambivalenz und barocke Strenge: Die 4. Sinfonie

Die 4. Sinfonie enthält – als Zeichen der Ambivalenz und trotz ihrer negativen Grundstimmung – an dieser Stelle das einzige echte Scherzo des Zyklus. Dieser Satz strotzt förmlich vor guter Laune und Übermut. Der gesangliche zweite Satz entspricht dagegen dem Charakter des langsamen Satzes der 1. Sinfonie.

Eine entscheidende Neuerung bietet der vierte Satz: Dieses Finale wurde vom Komponisten als barocke Passacaglia (ein Variationssatz mit beibehaltenem Thema im Bass) konzipiert. Dies stellt eine scheinbar ungewöhnliche Rückbesinnung auf Johann Sebastian Bach dar, war aber zugleich eine radikale Neuerung in der Ausdrucksebene. Brahms gestaltet so eine spannungsvolle Musik von schonungsloser Negativität. Es ist ein illusionsloses Finale, das im starken Kontrast zu Beethovens letzter Sinfonie mit ihrer Ode an die Freude steht.

Fazit

Es war ein furioser Zyklus, der dem Publikum nicht nur die Musik von Johannes Brahms, sondern auch den Menschen dahinter ein Stück nähergebracht hat.




Alles muss einen Sinn haben

Am 03. und 04. Juni 2014 findet das 10. Philharmonische Konzert statt. Zweimal Brahms steht auf dem Programm. Neben seinem Klavierkonzert Nr.1 ist auch seine Sinfonie Nr.2 in D-Dur im Konzerthaus Dortmund zu hören. Der Solist beim Klavierkonzert ist Lars Vogt, dirigieren wird Muhai Tang. Tang ist seit 2006 Dirigent und Musikdirektor des Zürcher Kammerorchesters, hat aber bereits in Australien, Asien und den USA Orchester geleitet. Eine besondere Ehrung erhielt er 2002: Er wurde für seine Einspielung von Christopher Rouses Concert de Gaudí for Guitar and Orchestra mit den „Grammy Award for Best Classical Contemporary Composition“ ausgezeichnet. Ars tremonia sprach mit Muhai Tang.

 

Wie sind Sie zur Musik gekommen?

 

Das kommt aus der Kindheit. Ich bin in Shanghai geboren. Mein Vater [Tang Xiaodan, d. Red.] war einer der bekanntesten Filmregisseure in China. Er liebte als Regisseur natürlich jede Musik, und als ich ganz klein war, habe ich sehr viel Musik von Schallplatte gehört wie die Klavierkonzerte von Chopin,sein Lieblingsstücke, oder Tschaikowskis Schwanensee. Daneben habe ich auch Theater, Malerei und alles was möglich war, kennengelernt. Aber ich habe festgestellt: Ich liebe Musik. Das ist das einzige, das ich meinem Leben widme.

Meine Mutter hatte ein Klavier für mich gekauft, darauf habe ich gelernt und habe auch sehr früh angefangen zu komponieren. Als ich ganz jung war, habe ich bereits in einem professionellen Tanz- und Musiktheater gearbeitet. Während der Kulturrevolution, eine furchtbare Zeit, habe ich durch Glück am Shanghai-Konservatorium begonnen, Komposition und Dirigieren zu studieren. Später habe ich ein Stipendium in Deutschland bekommen und in München an der Hochschule für Musik die Meisterklasse absolviert.

 

Wie sind Sie zum Dirigieren gekommen?

 

Der Grund war die Kulturrevolution. Für viele Leute eine furchtbare Zeit, aber ich habe Glück gehabt. Ich habe zunächst angefangen mit dem Studium der Komposition. Aber ich wurde gefragt, ob ich dirigieren lernen kann, weil ein Orchester wartet auf einen Dirigenten, nur es gab keinen. Denn viele hatten während der Kulturrevolution keine Erlaubnis zum Dirigieren. Dann habe ich gedacht, ich kann dirigieren und Instrumentierung lernen über praktische Arbeit. Daher habe ich zugesagt. Ich habe gelernt und gleich mit der Orchesterprobe angefangen.

 

Was ist Ihnen beim Dirigieren wichtig?

 

Dirigieren hängt mit dem Komponieren ganz eng zusammen. Weil jede Note, die man macht, hat einen Sinn. Ob man Konzert, Sinfonie oder Oper macht: Alles muss zuerst einen Sinn haben. Natürlich muss man erst das Technische beherrschen, also alle Noten im richtigen Tempo und Ausdruck spielen können.

 

Sie haben auf vielen Kontinenten gearbeitet. Was gibt es für Unterschiede?

 

Es gibt riesiger Unterschiede, nicht nur beim Klima, Sprache oder so, sondern allein die Kultur. Die Mentalität ist ganz verschieden. Selbst innerhalb Europa gibt es Unterschiede. Man muss in einem neuen Land, einer neuen Kultur seine Position finden. Eigentlich sollte man gar nicht reden, man dirigiert einfach. Das wäre das beste eigentlich. Aber wenn man die Sprache beherrscht, dann ist man den Kollegen näher.

Die Begeisterung bei den Musikfans ist überall gleich. Man merkt während des Konzertes jeden Moment, zum Beispiel die Japaner, wenn die Publikum sind, man hat sogar ein bisschen Angst. Die sind so still, da ist eine so große Konzentration beim Hören. Es gibt natürlich lockeres und ziemlich lautes Publikum wie in China zum Beispiel. Dann ärgert man sich. Manches Publikum geht nach dem Konzert sofort weg, aber manche bleiben sehr lange und bedanken sich mit großem Applaus und wollen sogar eine Unterschrift haben, manche kommen sogar mit der Partitur.

 

Kommen wir zum 10. Philharmonischen Konzert. Zu Beginn steht ja das 1. Klavierkonzert von Brahms. Was ist das für ein Werk in ihren Augen?

 

Eigentlich ist für mich Brahms Violin- oder Klavierkonzert ein sinfonisches Stück. Er nutzt zwar ein Soloinstrument, aber es „gehört“ dem ganzen Orchester. Der musikalische Gedanke wird durch den Solisten und dem Orchester gemeinsam gebildet. Ich dirigiere es auch als Sinfonie. Es hat natürlich wie die traditionellen Solo-Konzerte drei Sätze und nicht wie die Sinfonie vier Sätze. Ich glaube, das Publikum soll merken, dass es ein sinfonisches Werk ist, dass man musikalische Gedanken nicht nur durch den sogenannten „Virtuoso“ wie bei Liszt oder Rachmaninow erkennen kann. Das Technische ist bei Brahms schon schwer.

 

Das zweite Werk, die 2. Sinfonie von Brahms?

 

Das Stück habe ich gehört als ich jung war und die Boston Sinfoniker mit Seiji Ozawa in China aufgetreten sind. Da habe ich mich in dieses Stück verliebt. Es ist in D-Dur, was für mich die schönste Tonart ist. Ich habe auch Violine gespielt, D-Dur für einen Violinisten ist eigentlich die schönste Tonart. Die Sinfonie ist so lyrisch, man erlebt sie wie ein Traum. Erst kommt der lyrische Anfang und danach ein ganz ernsthafter zweiter Satz („Adagio“). Für mich wirkt es, wenn das Adagio zu Ende ist, als wenn jemand stirbt. Und dann kommt plötzlich der dritte Satz, ganz leichte Folklore, mit einem Scherzo, dass man wie bei Mahler an Kinderlieder denkt. Im vierten Satz gibt es einen brillanten Effekt des Orchesters. Kurz vor der Reprise ist es so, als ob sich der Himmel öffnet und Gott spricht. Das ist alles meine eigene Interpretation. Ich lese nicht sehr viel Literatur. Ich versuche direkt über die Musik, von den Noten zu sehen, was im Stück steht, was Brahms wollte.

 

Wie ist die Zusammenarbeit mit den Dortmunder Philharmonikern?

 

Die Musiker sind sehr ernsthaft und sehr aktiv. Sie haben, wie ich gesehen habe, sehr viel zu arbeiten . Aber bei der Probe sind sie jede Minute so konzentriert und versuchen, das Beste zu geben.