Wunder überall! „Das Loch in der Oberfläche“ im Theater im Depot

Im Dunkeln entzündet sich ein Licht. Klein. Zunächst. Es wird heller und heller. Zwei Personen auf der Bühne. Sound kommt dazu. Sie reißen die Münder weit auf. Was sehen sie?



Das Publikum muss glauben, dass sie etwas Besonderes sehen. Schauen sie auf etwas Gutes oder Schreckliches? Auf ein Wunder gar? „Wenn es dich berührt, ist es echt.“

Im Alltag wundert man sich über vieles und empfindet manches kleine Ereignis als Wunder. „Auch Ameisen sind wundervoll.“

„Wunder! Wunder! Wunder!“ Überall. Auch im Kleinen. Bei genauer Betrachtung.

In der Welt der Gläubigen, insbesondere in der katholischen Kirche braucht es mehr. Braucht es größere Wunder, um zum Heiligen erklärt zu werden. Die Gruppe „äöü“ hat sich viel mit diesen Wundern beschäftigt, ist in verschiedene Wallfahrtsorte gepilgert, um sich den Umgang mit den Wundern vor Ort anzuschauen. „You can touch, you can kiss, but no photos.“

"Wunder gibt es immer wieder", sang schon Katja Ebstein. (Foto: (c) Katharina Kemme)
„Wunder gibt es immer wieder“, sang schon Katja Ebstein. (Foto: (c) Katharina Kemme)

Auf der Bühne spielt sich das Geschehen in einem Kreis ab, der nicht eingezeichnet ist, den aber die Orgel markiert, die immer wieder vorgerückt wird. Im Kreis verändern sich die kreierten Bilder. Das künstliche Plastik spielt eine Rolle. Zum Beispiel zu beeindruckenden Priesterornaten geschneidert. (Kostüme: Sylvia Straub, Bühne: Sofia Falsone)

„Ein Heiliger ist im selben Jahr geboren wie ich.“ Ist das nicht schon ein Wunder? Es geht um den ersten Heiligen des Generation Y, den „Influencer Gottes“. „You can touch, you can kiss, but no photos.“

Patricia Bechtold und Johannes Karl zelebrieren auf der Bühne statistisch unwahrscheinliche Ereignisse, schaffen eindrückliche Bilder u. a. mit Nebel, der auch Weihrauch sein kann, jedenfalls schwenkt die Nebelmaschine wie ein Weihrauchfass über die Bühne. Die Effekte sind gut durchdacht und man schaut nimmermüde fasziniert zu, wie sich schlichtes Plastik erhebt und über die Bühne wirbelt.

Insgesamt eine stimmige Inszenierung, in der die beiden DarstellerInnen die „Landschaft hinter dem Wissen“ zugänglich machen und auch in gewisser Weise abheben, die Erdanziehungskraft „wirkt heute ganz schlecht“.

Die Bilder hängen noch lange nach, auch in der Besprechung nach zum Teil stehendem Applaus in dieser zweiten Aufführung (Premiere war einen Tag zuvor), beschreibt eine Zuschauerin die „Intensität dieser Fülle“, viele sind ganz beseelt von der Einfachheit der Requisiten, die einen Zauber auf die Bühne gebracht haben. Aber nicht nur die Bilder, auch die zum Teil selbst erstellten Texte von äöü und Texte der Autorin Sina Ahlers finden viel Anklang.

Äöü ist ein Theater- und Performance-Kollektiv aus dem Ruhrgebiet, die Produktion „Das Loch in der Oberfläche“, das unter anderem auf einen Ameisenhügel anspielt, wurde mit verschiedenen Partnern realisiert (z. B. Theater im Depot, Ringlokschuppen) und von mehreren Städten gefördert. U. a. Dortmund, Bochum, Frankfurt. Sowie von unterschiedlichen weiteren Fördergebern, Stiftungen, Land und Bund. Dementsprechend sind die nächsten Aufführungen in Bochum, Frankfurt, München und erst im November mit Herne wieder im Ruhrgebiet. Mehr unter www.aeoeue.de

Erst diese Kooperationen und Förderungen machen so manche Produktionen erst möglich, auch wenn man sich wünschen möge, das Stück noch öfter in Dortmund zu sehen. Die Inszenierung prägt jedenfalls beim Publikum ein und bringt vielleicht das ein oder andere Licht in den Alltag.

Www.aeoeue.de

Ein weiteres Stück „Wenn die Tauben singen“, eine musikalische Performance über Mensch und Taube, ist zeitnah in den Flottmannhallen Herne am 29.05.2026 zu sehen.




äöü – Geh zur Ruh´: Gut, okay oder schlecht? Einfach müde!

Bei der Performance Geh zur Ruh´ lädt das Kollektiv äöü alle ins Theater ein, die dringend mal ein Nickerchen brauchen. Denn hier dreht sich alles um die Erschöpfung. Die beiden Performer:innen Patricia Bechtold und Johannes Karl treten dem Publikum in Kunstturnkostümen entgegen, die an vergangene vitale Zeiten erinnern. Doch jetzt sind sie einfach müde.



In einer klinischen Atmosphäre, irgendwo zwischen Irrenanstalt und Kurhaus, geben sie sich ihrer Erschöpfung hin. Ein mit Steppdecken verhülltes Doppelbett füllt den weißen Raum, auf dem die Performer:innen zuweilen ruhen oder ihre Müdigkeit zur Schau stellen. Im Hintergrund der Bühne thronen vier Säulen unterschiedlicher Größe, zwei davon präsentieren uns eine Kristallglas-Pyramide und einen antiken Tonkrug. Symbolträchtig wird diese Pyramide im Laufe der Performance befüllt und erwartbar überfüllt – der Tropfen, der das System zum Überlaufen bringt, gerinnt mahnend zu einer Pfütze auf dem Boden. Beiläufig, fragmentiert und unaufgeregt berichten die Performer:innen dem Publikum von verschiedenen Erschöpfungserzählungen – von schleichender Erschöpfung, von Abgeschlagenheit in Intervallen, von Überforderung bei scheinbarer Kontrolle, von selbstauferlegter Belastung, von permanenten Krisen und vom absoluten Zusammenbruch.

Die Frage, wie es dem anderen eigentlich geht, unterbricht und verbindet die Geschichten und wiederholt sich unermüdlich bei maximaler Müdigkeit. Das abgekämpfte „Geht’s dir gut?“ bleibt unbeantwortet und es ist dem Publikum überlassen, ob es darin Sorge, Wunsch oder Zwang erkennt. Doch die Erschöpfung endet nicht. Immer weiter hören wir, wie die alltäglichen Belastungen des Lebens den Abstieg unausweichlich provozieren, emotional unverfügbar machen, auslaugen bis zum letzten Tropfen, bis eine kleine Banalität wie die Aufgabe, eine Popcorn-Maschine zu putzen, zur schlussendlichen Katastrophe führt.

Johannes Karl und Patricia Bechtold geben sich der Erschöpfung hin. (Foto: (c) Simon Lenzen)
Johannes Karl und Patricia Bechtold von äöü geben sich der Erschöpfung hin. (Foto: (c) Simon Lenzen)

Einen träumerischen Kontrast zum Reigen der Kraftlosigkeit bildet das gelegentliche Schwelgen in Erinnerungen an das längst vergangene System der Kur-Anwendungen in Deutschland. äöü zeichnen es als Sinnbild für die seit Mitte der 90er-Jahre gesellschaftlich und politisch verworfene Vorsorge und stellen provokant die Frage, warum wir heute erst abbrennen müssen, um uns dann wieder neu aufzubauen. Denn was bleibt, ist eine politische Situation, in der das Ausruhen des Einzelnen zur Unruhe der Anderen wird. Ein Leben, in dem wir uns Erschöpfung nicht mehr leisten können und sie doch ständig da ist. Die Frage „Geht’s dir gut?“ mutiert schließlich zu einem „Kann ich dir helfen?“. Das Sorgen füreinander scheint der etwas trostlose Ausweg aus der Erschöpfungsschleife. Die Verschiebung des Kümmerns vom staatlichen in den privaten Raum wird dem Publikum als notgedrungenes Pflaster gegen die systematische Zerschlagenheit präsentiert.

Schließlich verwandelt sich die Bühne, gestaltet von Sofia Falsone, sukzessive vom sterilen Whitecube in eine kuschelige Stoffhöhle. In einem schwerfälligen Kraftakt suhlen, winden und schlängeln sich die Performer:innen durch unzählige Decken, die immer weiter den Raum bedecken und zu guter Letzt mit Seilzügen zu einem bühnenfüllenden Zelt aufgezogen werden. äöü lädt das Publikum ein, diesen Raum als Utopie des Ruhens, der Sorge, der Solidarität oder der Geborgenheit mit ihnen zu betreten – ein Ort, in dem selbst das vorherige Schreckensbild der Popcorn-Maschine kindliche Genüsse und Träume weckt.

Die Performance Geh zur Ruh´ war am 12. und am 13. April 2024 im Theater im Depot zu sehen.