Die Vielfalt der romantisch-musikalischen Welten mit Timothy Ridout
Im Rahmen der Konzertreihe „Junge Wilde“ war am 19. November 2024 der britische Musiker Timothy Ridout, einer der herausragenden Bratschisten seiner Generation, im Dortmunder Konzerthaus zu Gast. Gemeinsam mit seinem temperamentvollen Klavierpartner Jonathan Ware, gebürtig aus Texas und heute in Berlin lebend, präsentierte er ein vielseitiges Programm, das die Zuhörer auf eine faszinierende Reise durch die unterschiedlichen Facetten der romantischen Musik mitnahm.
Der Abend begann mit den drei Romanzen op. 94 (1849) von Robert Schumann, die speziell für Viola und Klavier arrangiert wurden. Besonders die zweite Romanze entfaltete eine bemerkenswerte Innigkeit, sodass sich das Publikum in eine zauberhafte romantische Welt versetzt fühlte. Anschließend folgte ein echtes Juwel der Romantik: die Sonate für Klavier und Violoncello Nr. 1 in e-Moll op. 38 (1865) von Johannes Brahms, die in einer Bearbeitung für Viola und Klavier dargeboten wurde. Timothy Ridout und Jonathan Ware schufen in den drei Sätzen – geprägt von ausdrucksstarken Übergängen – eine eindrucksvolle und bewegende Klangwelt. Besonders hervorzuheben ist das Menuett im zweiten Satz sowie die strahlende E-Dur-Schlussklanglandschaft, die durch ihre elegante Transformation des Hauptthemas beeindruckte.
Uraufführung und Abschluss mit César Franck
Nach der Pause wartete das Publikum gespannt auf die Uraufführung von Shadow Walkers, einem Werk der koreanisch-amerikanischen Komponistin Nahra Sol (*1991). Dieses fünfteilig angelegte Stück faszinierte durch den Kontrast zwischen meditativen und dynamischen Passagen, in denen avantgardistische Elemente die traditionellen Formen ergänzten. Diese geschickte Verbindung schuf eine Balance zwischen Licht und Schatten, die nicht vollständig greifbar, aber umso eindringlicher war. Es gelang dem Werk, eine besondere Tiefgründigkeit zu erzeugen, die die Zuhörer in ihren Bann zog.
Timothy Ridout faszinierte mit dem Spiel auf seiner Viola. (Foto: (c) Jiyang Chen)
Den krönenden Abschluss des Abends bildete César Francks berühmte Sonate für Violine und Klavier in A-Dur (1886), die in einer Bearbeitung für Viola und Klavier aufgeführt wurde. Dieses Meisterwerk begeisterte durch die motivische Verknüpfung aller vier Sätze. Nach einem ruhigen Beginn entwickelte sich die Sonate über leidenschaftliche Hymnen und träumerische Passagen bis hin zu einem lebhaften Rondo-Finale. Ridouts meisterhafte Interpretation und die einfühlsame Begleitung durch Ware verliehen der Aufführung eine mitreißende Intensität.
Dank der beeindruckenden Performance von Timothy Ridout und Jonathan Ware wurde das Publikum auf eine musikalische Reise mitgenommen, die nicht nur die Vielfalt romantischer Musik aufzeigte, sondern auch die außergewöhnliche künstlerische Qualität der beiden Musiker unterstrich. Der Abend bewies eindrucksvoll, warum diese „Jungen Wilden“ zu den spannendsten Künstlern ihrer Generation zählen.
Schuberts „Winterreise“ in einer besonderen Bearbeitung mit Daniel Behle
Startenor Daniel Behle begeistert erneut beim KLANGVOKAL Musikfestival
Am 17. November 2024 war Startenor Daniel Behle beim KLANGVOKAL Musikfestival im Dortmunder Reinoldihaus zu Gast. Der vielseitige Künstler, bekannt für seine Innovationsfreude, präsentierte eine außergewöhnliche Interpretation von Franz Schuberts Winterreise (op. 89, D 911), einem der bekanntesten Liederzyklen der Romantik mit Texten von Wilhelm Müller. Diesmal brachte er eine Bearbeitung für Tenor und Klaviertrio mit auf die Bühne, die er selbst arrangiert hat.
An seiner Seite musizierten Oliver Schnyder (Klavier), Andreas Janke (Violine) und Benjamin Nyffenegger (Violoncello). Diese Besetzung verlieh den 24 Liedern der Winterreise eine zusätzliche Klangdimension und hob besonders den Reichtum der Klavierstimme hervor. Die erweiterte Fassung, die Schubert aus den ursprünglich 12 „Wanderliedern“ zu einem umfassenden Liederzyklus ausbaute, wurde so in neuem Glanz präsentiert.
Ein musikalischer Zyklus voller Tiefe und Romantik
Die düstere, oft melancholische Grundstimmung der Winterreise ist eng mit ihrem zentralen Thema verknüpft: der Liebe, oder genauer gesagt, der unglücklichen Liebe eines Wanderers. Der Zyklus pendelt zwischen der Sehnsucht nach Erfüllung und der bitteren Enttäuschung über unerwiderte Gefühle. Die Lieder, geprägt von Wehmut, Schmerz, Einsamkeit und Visionen von Tod und Erlösung, ziehen das Publikum in ihren Bann. Besonders bekannt ist das Lied Der Lindenbaum, das als Symbol für Trost und Erinnerung gilt.
Tenor Daniel Behle mit dem Oliver Schnyder Trio. (Foto: (c) C. Spitzner)
Das Wandermotiv spiegelt den romantischen Zeitgeist wider, in dem das Gehen durch die Natur als Heilmittel für seelische Wunden und als Aufbruch zu Neuem betrachtet wurde. Schuberts Kompositionen, überwiegend in Moll-Tonarten gehalten, unterstützen dieses Gefühl durch langsame, regelmäßige Rhythmen, die den Eindruck einer gleichmäßigen Wanderbewegung verstärken.
Daniel Behle und sein Ensemble beeindrucken mit emotionaler Tiefe
Daniel Behles facettenreiche Stimme brachte die Tiefen und Nuancen von Schuberts Musik eindrucksvoll zum Ausdruck. Darüber hinaus setzte er Gestik und Mimik gezielt ein, um die emotionale Wirkung zu verstärken. Das Zusammenspiel mit seinen musikalischen Partnern – Schnyder, Janke und Nyffenegger – war harmonisch und präzise. Gemeinsam schufen sie ein Klangerlebnis, das das Publikum von der ersten Note bis zum tragisch-romantischen Schlusslied Der Leiermann in den Bann zog.
Diese Interpretation von Daniel Behle hat bewiesen, dass Schuberts Winterreise auch in dieser besonderen Besetzung nichts von ihrer emotionalen Intensität verliert und immer wieder neu fasziniert. Ein Höhepunkt des Musikfestivals, der nachhaltig in Erinnerung bleibt.
Einflüsse musikalischer Pioniergestalten Amerikas
Das 3. Philharmonische Konzert am 05. und 06. November 2024 in Dortmund stand unter dem Motto „Go West!“. Im Dortmunder Konzerthaus präsentierten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Frank Dupree unter anderem die „Billy the Kid“-Ballettsuite von Aaron Copland (1900–1990) und entführten das Publikum in die verklärte Welt des „Wilden Westens“ und der Prärie. Dupree übernahm dabei selbst den Part des Solisten am Klavier und brachte zusammen mit Meinhard „Obi“ Jenne am Schlagzeug und Jacob Krupp am Jazz-Kontrabass zusätzlichen Schwung in die Darbietung.
Die musikalische Reise durch die USA
Das Konzert begann mit der „Ouvertüre zu Strike Up the Band“ aus dem gleichnamigen Musical von George Gershwin (1898–1937), orchestriert von Don Rose. Diese Komposition, die mit einem Augenzwinkern geschrieben wurde, enthält auffallend militärisch anmutende Elemente, die immer wieder durch Jazz-Akkorde und -Rhythmen aufgelockert werden. Zum Verständnis: Die Handlung des Musicals spielt in einer amerikanischen Käsefabrik, deren Besitzer seine Monopolstellung durch hohe Strafzölle auf Schweizer Käse sichern möchte – eine Entscheidung, die letztlich zu einem fiktiven Krieg mit der Schweiz führt. 1930 wurde diese satirische Fassung entschärft, doch das Thema der Einfuhrzölle ist auch heute in politischen Diskussionen aktuell.
Die Solisten: Jakob Krupp, Frank Dupree und Meinhard „Obi“ Jenne. Foto: Ralph Steckelbach
Anschließend wurde Gershwins „Concerto in F“ aufgeführt, das Jazz und klassische Tradition kunstvoll verbindet. Der erste Satz erinnert teils an Rachmaninow, angereichert mit Jazzelementen, während der zweite Satz eher an den Blues und der dritte an den Ragtime angelehnt ist.
Nach der Pause folgte Aaron Coplands Western-Ballettsuite, bestehend aus sieben Sätzen. Mit Anklängen an mexikanische Volksmelodien und Cowboy-Lieder sowie Coplands unverwechselbarer Musiksprache wird die dramatische Geschichte des Revolverhelden Billy the Kid bis zu seinem Tod lebendig. Man hört das Trampeln von Pferden und auch das Knallen von Schüssen.
Den Höhepunkt des Konzertabends bildete schließlich der berühmte „Bolero“ von Maurice Ravel (1875–1937), der das Publikum in seinen Bann zog. Obwohl hier der „Wilde Westen“ verlassen wurde, zeigt auch dieses französische Stück subtile Anklänge an den amerikanischen Jazz. Ravel verfolgte dabei eine klare musikalische Idee und inszenierte einen berauschenden Klangteppich, der sich durch eine stetige, langsame Steigerung auszeichnet. Die einzelnen Instrumente konnten sich in dieser eindrucksvollen Darbietung besonders gut entfalten.
Zauber traditioneller Musik im Konzerthaus Dortmund
Im Rahmen der Reihe „Junge Wilde“ stand am 29.10.2024 im Konzerthaus Dortmund die junge niederländische Blockflötistin Lucie Horsch im Mittelpunkt. An ihrer Seite musizierten Emmy Storms (Violine) und der französische klassische Gitarrist Raphaël Feuillâtre. Das vielseitige Programm umfasste hauptsächlich lebendige Arrangements traditioneller Volksmusik, darunter Werke aus Irland (Thomas Tollett), den Niederlanden (Jacob van Eyck) sowie dem Barock (Antonio Vivaldi). Hier zeigte sich, wie viel Verbindendes in der Musik steckt.
Meisterhaftes Zusammenspiel und feine Nuancen
Neben der Musik aus früherer Zeit reichte das Programm auch in die jüngere Vergangenheit und beinhaltete Kompositionen von Claude Debussy, Gabriel Fauré (Frankreich), Manuel de Falla (Spanien), Béla Bartók (Ungarn), Igor Strawinsky (Russland) und zum Abschluss Astor Piazzolla (Argentinien). Die drei Künstler*innen beeindruckten das Publikum nicht nur durch die virtuose Beherrschung ihrer Instrumente und ihr harmonisches Zusammenspiel. In wechselnden Konstellationen – solo, zu zweit oder im Trio – überzeugten sie durch großes Feingefühl für die Eigenheiten der jeweiligen Stücke. Mit Leichtigkeit meisterten sie den Wechsel zwischen temperamentvoll-rasanten und ruhig-melancholischen Passagen.
Lucie Horsch zeigte ihre große Vielseitigkeit, indem sie mühelos zwischen Flöten verschiedener Größe und Tonlage wechselte. (Foto: (c) Simon Fowler)
Lucie Horsch zeigte dabei ihre große Vielseitigkeit, indem sie mühelos zwischen Flöten verschiedener Größe und Tonlage wechselte, darunter Renaissance- und Barockflöten. Wer dachte, Blockflöte sei langweilig, wurde hier eines Besseren belehrt. Horsch ließ sogar zweimal ihre klare, helle Gesangsstimme erklingen und verlieh dem Konzert damit zusätzliche Intensität.
Durch den Einsatz besonderer Instrumente vermittelten die drei Künstler*innen die besondere Magie der traditionellen Musik und zogen das Publikum in ihren Bann. Besonders berührte die sensible Interpretation von Astor Piazzollas berühmtem „Libertango“ aus dem Jahr 1974. Man darf gespannt sein, was von diesen „Jungen Wilden“ noch zu erwarten ist.
Lustvoll-gruseliges Konzert für junge Leute
Beim zweiten Konzert für junge Leute, „Hollywood Hits Mutprobe: Die Nacht des Horrors“, wurde das Dortmunder Konzerthaus am 28.10.2024 kurz vor Halloween zum „Horrorhaus“ umfunktioniert. Schüler*innen und zwei Lehrer*innen des Mallinckrodt-Gymnasiums Dortmund dekorierten den Saal stimmungsvoll mit gruseligen Elementen wie Skeletten, Särgen, Grabsteinen mit witzigen, ironischen Sprüchen und weiteren unheimlichen Details.
Die Dortmunder Philharmoniker, unter der einfühlsamen Leitung von GMD Gabriel Feltz, zeigten sich bestens aufgelegt und sorgten für eine effektvolle Symbiose von Musik und Bildschirmprojektionen. Die Moderation übernahm humorvoll Peter Saurbier, der auch als Sänger (u. a. mit „Thriller“ von Michael Jackson, arrangiert von Andres Reukauf) beeindruckte. Zudem war Saurbier für Regie und Konzept verantwortlich und produzierte Einspielfilme. Mit ihrer starken Stimme bereicherte Sängerin Sarah Gadinger die Aufführung und bewies eindrucksvoll, wie selbst aus dem friedlichen „Ave Maria“ ein Horrorerlebnis entstehen kann.
Grusel-Hits und schaurige Hollywood-Klänge
Neben einer Vielfalt an Hollywood-Horrorhits, komponiert von renommierten Künstlern wie Jerry Goldsmith („Thema aus Alien“) und Ray Parker Jr. („Ghostbusters Main Title“), erhielt das Publikum spannende Einblicke in die Entwicklung des Genres. Die Programmauswahl enthielt Werke von Hollywood-Größen wie John Williams, Jerry Goldsmith, Howard Shore, Danny Elfman und dem polnischen Komponisten Wojciech Kilar, die sich oft von spätromantischer Musik oder Kirchenmusik inspirieren ließen. Der Philharmonische Chor des Dortmunder Musikvereins, unter der Leitung von Granville Walker, beeindruckte dabei ebenfalls. Besonders eindrucksvoll war Goldsmiths verfremdete Klangwelt gregorianischer Choräle für „Das Omen“. Alfred Hitchcocks Hauptkomponist, Bernard Herrmann, verwendete avantgardistische Psycho-Klänge und Horror-Komödien wie die „Addams Family“ brachten Humor in das Genre, wodurch sich das Konzept „Horror kann auch Spaß machen“ durchsetzte.
Leka Hindenburg von den Dortmunder Philharmonikern macht auch eine gute Figur als Vampir. (Foto: (c) Sophia Hegewald)
Tänzer*innen der „The Michael Jackson Tribute Show“ unterstützten Peter Saurbier tatkräftig beim „Thriller“-Arrangement, während fantasievoll geschminkte und ausgestattete Statist*innen des Stadttheaters mit ihren schaurig-schwarzen Kostümen für wohlige Schauermomente sorgten. Besonders geheimnisvoll wirkte die moderne Musik des 20. Jahrhunderts in „Polymorphia“ von Krzysztof Penderecki, die für eine ungewöhnliche Besetzung mit 48 Streichern komponiert wurde.
Zum Abschluss des gelungenen Konzerts überraschte Sarah Gadinger in der Rolle der Tochter Wednesday aus dem Addams Family Musical mit einer weiteren eindrucksvollen Kostprobe ihres Könnens.
Die verbindend-magische Kraft der Musik
Das ursprünglich für Anfang Juni 2024 geplante Konzert „Iberia < 1492“ von Orpheus XXI NRW im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals konnte am 27. Oktober 2024 schließlich im Reinoldihaus Dortmund stattfinden. Geleitet wurde es von dem syrischen Komponisten, Sänger und Musiker Rebal Alkhodari.
Orpheus XXI NRW begann als interkulturelles Projekt, das geflüchtete Musiker*innen mit Talent unterstützt und ihnen eine Plattform bietet. Daraus entstand der „Chor der neu Angekommenen“, der seit Mai 2018 unter der Leitung von Alkhodari eine fast symbiotische Mischung aus arabischer und europäischer Musik entwickelt. Zum Ensemble gehören rund 20 Sängerinnen und Musiker*innen an traditionellen Instrumenten aus Syrien, Ägypten, Jordanien, Kurdistan, Palästina, Iran und Deutschland.
Orpheus XXI NRW – Kulturelle Vielfalt und die verbindende Kraft der Musik
Das Jahr 1492 markierte für „al-Andalus“ ein einschneidendes Ereignis, als die arabisch-berberische Herrschaft in Andalusien mit der Übergabe Granadas an die spanischen Könige endete. Über sieben Jahrhunderte hinweg hatten Muslime, Christen und Juden in Andalusien relativ friedlich zusammengelebt und kulturell wie sozial interagiert. Das Konzert zeigte eindrucksvoll, wie Musik als universelle Sprache überlebenswichtige Kraft schenken und Menschen in existenziell bedrohlichen Situationen vereinen kann.
Das Ensemble von Orpheus XII NRW mit dem Leiter Rebal Alkhodari. (Foto: Klangvokal Musikfestival)
Die individuell gestalteten Arrangements der Lieder aus Griechenland, Spanien, Marokko, Syrien, Kurdistan und der Berberkultur spiegelten die Vielfalt des musikalischen Erbes Andalusiens vor 1492 wider. Chorleiter Alkhodari begleitete das Ensemble mit heller, eindringlicher Stimme und spielte zudem Klavier. Verschiedene Chormitglieder überzeugten als Solist*innen, während die Musiker*innen an Violine, Oud, Santur, Kamanche und Percussion das Publikum durch ihr einfühlsames Spiel in ihren Bann zogen und bei den Instrumentalstücken eine eigene, faszinierende Klangwelt schufen.
Das Konzert ermöglichte es dem Publikum, die fremde, arabische Klangwelt näher kennenzulernen und verband kulturelle Unterschiede in einer einheitlichen musikalischen Erfahrung.
Kammerkonzert an einem außergewöhnlichen Ort
Die Kokerei Hansa ist ein Architektur- und Industriedenkmal in Huckarde, das unter anderem für Kunst- und Kulturveranstaltungen genutzt wird. Bereits in der vergangenen Spielzeit fand ein Kammerkonzert in der Kompressorenhalle statt, und am 24. Oktober 2024 diente das Salzlager als Konzertort.
Im Salzlager wurde früher Ammoniumsulfat gelagert, ein Nebenprodukt der Koksherstellung, das als Dünger verwendet wurde. An diesem Abend zeugten nur noch die Förderbänder und Maschinen von dieser Vergangenheit. Im Mittelpunkt standen neun Musiker der Dortmunder Philharmoniker, die ein abwechslungsreiches Programm darboten.
Beethoven, Klein und Mozart im Fokus
Das Oktett in Es-Dur, op. 103, von Ludwig van Beethoven wurde vermutlich zwischen 1792 und 1793 komponiert, in einer Phase, als Beethoven noch stark vom Stil der Wiener Klassik und insbesondere von Mozart beeinflusst war. Ursprünglich für zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Hörner und zwei Fagotte geschrieben, trägt das Werk eine leichte, unterhaltsame und charmante Note und gehört zur sogenannten Harmoniemusik, einer Form höfischer Bläsermusik.
Mit dabei: Alina Heinl (Klarinette). Foto: (c) Leszek Januszewski.
Ein bedrückendes Zeitzeugnis ist das Divertimento für Bläseroktett von Gideon Klein. Der tschechische Komponist verarbeitete in diesem Werk die Besetzung seines Landes durch die Wehrmacht. Es offenbart eine bemerkenswerte künstlerische Tiefe und formale Raffinesse, die die Tragik und zugleich die künstlerische Widerstandskraft des Komponisten unter schwierigen Bedingungen widerspiegelt.
Mozarts Serenade in c-Moll, KV 388, auch als Bläseroktett oder Nachtmusique bekannt, hebt sich von der sonst heiteren und geselligen Tradition der Serenade ab. Komponiert um 1782 für zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Hörner und zwei Fagotte, verleiht die Tonart c-Moll dem Werk eine ungewöhnlich ernste und dramatische Ausdruckskraft, die klassische Erwartungen an das Genre durchbricht.
Ein gelungener Kammermusikabend in einer außergewöhnlichen Umgebung. Mitwirkende waren Reika Kosaka und Stefanie Dietz (Oboe), Alina Heinl und Amely Preuten (Klarinette), Minori Tsuchiyama und Pablo Gonzáles Hernández (Fagott), Sofie Herstvik Berge und Peter Loreck (Horn) sowie Tomoko Tadokoro (Kontrabass).
Musikalisches Rom-Porträt der besonderen Art
Das 2. Philharmonische Konzert in Dortmund führte am 15./16. Oktober 2024 unter dem Titel „Roma aeterna – Ewige Stadt“ musikalisch in die Hauptstadt Italiens. Auf dem Programm im Konzerthaus stand die „Rom-Trilogie“ (entstanden 1916–1928) von Ottorino Respighi (1879–1936). Dem Komponisten gelang damit eindrucksvoll der Nachweis, dass Italiener auch großartige Orchestermusik schreiben können. Die Zuhörenden wurden in die Tiefe der Geschichte Roms entführt, und die Schönheit der italienischen Landschaft wurde spürbar.
Die drei Werke wurden sensibel von den Dortmunder Philharmonikern unter der lebhaften Leitung von Gabriel Feltz (GMD) interpretiert. Die Stücke sind jeweils in vier pausenlos ineinander übergehende Sätze gegliedert, die unterschiedliche Stimmungen und Sujets darstellen.
Der Konzertabend begann mit der Symphonischen Dichtung „Fontane di Roma“ (Brunnen von Rom). Der Weg führte von der geheimnisvollen Morgendämmerung bei der Villa Borghese über den Triton-Brunnen, bei dem die Wasserspiele vor den Augen der Zuhörer lebendig wurden. Weiter ging es zum berühmten Trevi-Brunnen bis in die Abenddämmerung bei den Gärten der Villa Medici.
Generalmusikdirektor Gabriel Feltz dirigierte die Dortmunder Philharmoniker mit voller Kraft. (Foto: (c) Andy Spyra)
Es folgte der letzte Teil der Trilogie, „Feste Romane“, ein deutlicher Kontrast. Zunächst entführt das Werk in die dramatisch-grausame Zeit der Christenverfolgung, dann in das Pilgerleben des Mittelalters. Die letzten beiden Sätze widmen sich dem modernen Christentum im 20. Jahrhundert. Die musikalische Reise führt von einem Oktoberfest, das der Weinlese gewidmet ist und von Mandolinenklängen begleitet wird, bis zum ausgelassenen Dreikönigsfest auf der Piazza Navona. Diese Abschnitte zeigen die beeindruckende Vielfalt der Musik und die Bildhaftigkeit der Klänge, ebenso wie Respighis grandiose Instrumentation. Eine besondere Herausforderung für alle Beteiligten auf der Bühne.
Ein Klangfeuerwerk in „Pini di Roma“
Nach der Pause erhellte „Pini di Roma“ die Atmosphäre mit unbeschwert spielenden Kindern in den Pinienhainen der Villa Borghese. Dieser Beginn in der Morgendämmerung gleitet unvermutet in die düsteren Katakomben mit wehmütigen Klängen. Der dritte Satz, eher naturalistisch geprägt, ließ in einer Nacht auf dem Gianicolo zauberhafte Klänge und sogar eingespielte Vogelstimmen erklingen.
Der letzte Satz spielt auf der alten Heerstraße „Via Appia“. Mit dem Einsatz von Buccinen (Naturhörnern) wird der triumphale Einzug römischer Soldaten schmetternd begleitet. Die Musik steigert sich in Dramatik, und ein Gefühl der Bedrohung macht sich breit, bis am Ende nur noch Aggressivität übrig bleibt.
Die Dortmunder Philharmoniker, unter der Leitung des sich körperlich stark einbringenden Gabriel Feltz, konnten erneut ihr Können eindrucksvoll unter Beweis stellen.
Spanisches Temperament mit Al Ayre Español
Italien, Frankreich, Deutschland oder England: Diese Länder sind bekannt für ihre Rolle im Barock. Aber Spanien? Das Ensemble Al Ayre Español bewies am 11. Oktober 2024 im Reinoldihaus beim Festival Klangvokal, wie bereichernd das musikalische Erbe Spaniens im 17. Jahrhundert war. Schon 2015 hatte das Ensemble in der Marienkirche beeindruckt.
Die Volksmusik prägte die spanische Barockmusik entscheidend. Bei jedem Stück spürten die Zuhörer*innen die Magie alter Volkslieder, die im Programm „¡oigan, miren y vengan a ver!“ (Hör, schau und komm und sieh!) zum Leben erweckt wurden. Auch die Gitarre spielte eine zentrale Rolle und hatte in vielen Werken eine Schlüsselposition.
Moderne Erstaufführungen spanischer Barockwerke durch Al Ayre Español
Eduardo López Banzo, der Leiter des Ensembles, transkribierte die meisten Stücke aus Originalmanuskripten. So wurden Werke von Komponisten wie Matías Juan de Veana oder Sebastián Durón nach Jahrhunderten wieder lebendig. Zwei Sonaten von Arcangelo Corelli, die italienische Akzente setzten, ergänzten das Programm.
Mit spanischer BArockmusik überzeugte das Ensemble „Al Ayre Español“ das Publikum bei Klangvokal. (Foto: (c) Klangvokal)
Trotz der eher sakralen Themen blieb die fröhliche Stimmung der Volksmusik stets präsent und sprang schnell von der Bühne auf das Publikum über. Den Höhepunkt bildete „¿Ola qué?“ (Was nun). Duróns Villancico, vorgetragen von allen Musikerinnen des Al Ayre Español und den Sängerinnen von Vozes del Ayre, riss das Publikum beinahe von den Stühlen. Das Konzert zeigte eindrucksvoll, wie lebendig und mitreißend spanische Barockmusik sein kann – und wie sie frischen Wind in die Konzertwelt bringt.
Zeitinsel Beat Furrer – Auf der Suche nach den Grenzen von Sprache und Klang
Mit vier Konzertabenden würdigte das Dortmunder Konzerthaus das Wirken des schweizerischen Komponisten Beat Furrer mit einer Zeitinsel. Furrer, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, war selbst anwesend und dirigierte an zwei Tagen seine Werke. Ein Bericht über die vier Zeitinseltage.
Zeitinsel Beat Furrer Tag 1 – Enigma Zyklus
Der Donnerstag, der 03.10.24, präsentierte gleich zwei Avantgardisten der Musik. Neben Beat Furrer wurden noch Kompositionen von Giovanni Gabrieli gespielt, der den Übergang zwischen Renaissance und Barock mitgeprägt hat.
Doch der Schwerpunkt lag auf dem Zyklus „Enigma“. Beat Furrer benutzt dabei Texte des Universalgelehrten Leonardo da Vinci. Die Fragmentierung der Texte und ihre oft wissenschaftlich-philosophische Natur stehen im Einklang mit Furrers musikalischer Sprache, die das Publikum in einen Zustand des Suchens, Fragens und der ständigen Veränderung versetzt. Furrer experimentiert in „Enigma“ mit der menschlichen Stimme als Instrument, zerlegt Sprache in ihre klanglichen Elemente und schafft dadurch eine komplexe, spannungsgeladene Klangwelt.
Die barocken Kompositionen von Gabrieli, Orlando di Lasso und Antonio Lotti fügten sich überraschenderweise gut in die eher avantgardistische Musik Furrers ein. Das ist auch dem Chorwerk Ruhr zu verdanken, das unter der Leitung von Zoltán Pad eine bravouröse Leistung zeigte.
Zeitinsel Beat Furrer Tag 2 – Schubert und Furrer
Die Kombination zwischen dem Romantiker Franz Schubert und dem Avantgardisten Beat Furrer klingt auf den ersten Blick merkwürdig, doch vielleicht gibt es ja Gemeinsamkeiten, beispielsweise in der Schaffung atmosphärischer Klangwelten.
Den Beginn am 04.10.24 machte Furrers Violinkonzert, die Solistin war Noa Wildschut, die in der vergangenen Spielzeit bereits in einem Kammerkonzert der Dortmunder Philharmoniker musiziert hatte. Furrer setzt in der Solovioline zahlreiche erweiterte Spieltechniken ein, um die klanglichen Möglichkeiten des Instruments zu erweitern. Dazu gehören Flageoletts, Sul Ponticello (Spielen nahe am Steg), Sul Tasto (Spielen über dem Griffbrett) und perkussive Klänge. Diese Techniken erzeugen ungewöhnliche Klangfarben, die das Konzert über die traditionellen Klangmöglichkeiten eines Violinkonzerts hinausführen. Das machte die Sache für Wildschut herausfordernd. Begleitet wurde Wildschut vom WDR Sinfonieorchester.
Im dritten Satz gesellt sich ein Akkordeon als „Vermittler“ zum Orchester hinzu, zieht sich gegen Ende aber wieder zurück. Freund oder Feind der Violine? Ein spannendes Konzert.
Franz Schuberts 4. Sinfonie in c-Moll, auch bekannt als die „Tragische“, ist ein Werk, das sich stilistisch zwischen der Klassik und der Frühromantik bewegt. Sie entstand 1816, als Schubert erst 19 Jahre alt war, und ist geprägt von starken dramatischen Kontrasten sowie einer intensiven Auseinandersetzung mit der klassischen Form. Die Wahl der Tonart c-Moll, die oft mit Schicksal und Ernsthaftigkeit assoziiert wird, verstärkt diese dramatische Wirkung. Schubert setzt in dieser Sinfonie auf starke dynamische Kontraste und ausdrucksstarke Harmonien, die eine dunkle, spannungsreiche Atmosphäre schaffen. Beat Furrer dirigierte das WDR Sinfonieorchester.
Das Konzerthaus Dortmund widmete dem Komponisten Beat Furrer eine eigene Zeitlinsel. (Foto: (c) Manu Theobald)
Zeitinsel Beat Furrer Tag 3 – Klangkosmos Furrer
Wieder eine Kombination mit Werken aus der Vergangenheit, diesmal aus dem 14. Jahrhundert, mit Werken von Beat Furrer. Zwei spannende Werke von Furrer gefielen mir besonders. Die Kombination zwischen Sopran und Saxophon („In mia vita da vuolp“) sowie zwischen Sopran und Posaune („Spazio immergente“) erforschte die Koexistenz zwischen Stimme und Instrument. Beide suchen und finden sich, entfernen sich voneinander, spielen miteinander und gehen sich aus dem Weg.
Passend dazu die Musik aus dem 14. Jahrhundert. „Fumeux fume par fumée“, komponiert von Solage um 1390, ist ein außergewöhnliches Werk aus dem Ars Subtilior, einem Stil der mittelalterlichen Musik. Die Texte beschreiben eine „raucherfüllte“ Atmosphäre und spielen mit Themen wie Dunkelheit, Verwirrung und möglicherweise Trunkenheit. Sowohl die Musik als auch die Worte schaffen eine surreale und traumhafte Stimmung.
Im Mittelpunkt stand „Akusmata“ von Beat Furrer. Es ist ein Werk für acht Stimmen und acht Instrumente, das 2019/2020 komponiert wurde. Es ist inspiriert von den geheimnisvollen und teils rätselhaften Sprüchen, die Pythagoras zugeschrieben werden. Furrer verarbeitet diese Sprüche musikalisch, indem er die harmonischen Strukturen dekonstruiert und die Beziehung zwischen Stimme und Instrument neu gestaltet. Das Ergebnis ist eine dichte und sich ständig verändernde Klangwelt, die den Hörer in eine mystische und nur im Ohr existierende Realität führt.
An dem Abend wirkten mit: Cantando Admont, das Klangforum Wien mit Cordula Bürgi als Dirigentin, Johanna Zimmer als Sopran, Gerald Preinfalk (Saxophon) und Mikael Rudolfsson an der Posaune.
Zeitinsel Beat Furrer Tag 4 – Begehren
Der letzte Abend der Zeitinsel Beat Furrer gehörte seiner Oper „Begehren“. Das Werk ist nicht als traditionelle Oper konzipiert, sondern als eine experimentelle Form von Musiktheater. Furrer bricht die lineare Erzählstruktur auf, indem er verschiedene Texte und musikalische Ebenen miteinander verschränkt. Die Gesangsstimmen und Instrumente interagieren auf vielschichtige Weise, wobei die Musik oft fragmentarisch und dissonant ist, was die Unmöglichkeit des Begehrens musikalisch darstellt. Die Geschichte ist angelehnt an die antike Erzählung von „Orpheus in der Unterwelt“, einem der ältesten Opernstoffe.
Ein zentrales Element von „Begehren“ ist die Interaktion von Stimme und Sprache. Die musikalischen Linien der Sänger sind oft zersplittert, fast gesprochen, was der expressiven Tiefe des Textes eine zusätzliche Dimension verleiht. Die Klanglandschaft ist geprägt von wiederholten Motiven, die Spannung und Unruhe erzeugen, was das zentrale Thema der unerfüllten Sehnsucht verstärkt.
Wieder waren Cantando Admont sowie das Klangforum Wien involviert. Sarah Aristidou spielte SIE, Christoph Brunner sang und sprach die männliche Hauptrolle. Beat Furrer dirigierte seine Oper selbst.
Somit gingen vier intensive Abende zu Ende, die den Komponisten Beat Furrer gut präsentierten. Es war zeitgenössische klassische Musik, und es war klar, dass es nicht jedermanns Geschmack traf. Dennoch war es eine spannende Auseinandersetzung mit Musik und Musikformen, die im üblichen, von Musik der Romantik geprägten Konzertleben selten vorkommt.