Zeitinsel Caldara – Ende mit Jubelgesang

Die Zeitinsel Caldara endete am 18.01. 2014 mit der musikalischen Jubelfeier „La concordia de‘ Planeti“ (die Einigkeit der Planeten) des damaligen Vize-Hofkapellmeisters Antonio Caldara. Das Stück wurde zu Ehren des Namenstages der Gattin von Kaiser Karl VI. Elisabeth Christine 1723 uraufgeführt.

 

Worum geht es in diesem Stück? Die Planeten (unter anderem Venus, Mars, Jupiter), unterhalten sich darüber, ob es Elisabeth Christine erlaubt sein soll, unter ihresgleichen aufgenommen zu werden. Natürlich sind die Planeten gleichzusetzen mit den gleichnamigen antiken Gottheiten. Am Ende steht fest: Elisabeth ist in ihrer Schönheit und Tugendhaftigkeit selbst den Göttern überlegen.

 

Es fällt schwer, bei den Lobhudeleien der kleinen Oper auf „Elisa“ wie sie dort genannt wird, ernst zu bleiben. So etwas kennen wir heutzutage höchstens noch aus Nordkorea. Schnell sind die Planeten/Götter sich einig, dass Elisa alle in den Schatten stellt, so dass sogar die Grazien, die Dienerinnen der Venus, quasi Fahnenflucht begehen und bei Elisa anheuern. Es ist ja auch schon ziemlich bemerkenswert, dass sich ein so katholisches Haus wie die Habsburger heidnischer Götter bemühen, um ihre Größe zu demonstrieren. Natürlich sind die Götternamen nicht wörtlich zu nehmen, die Barockzeit war die große Zeit der Allegorien und so sind die Götter selbstverständlich nicht als reale Personen zu verstehen, sondern eher Sinnbilder der Tugend.

Darüber hinaus hat der Textdichter ein Danaer-Geschenk eingearbeitet. Denn Elisabeth Christine hatte zu diesem Zeitpunkt noch keinen Thronfolger geboren (ihr Sohn Leopold Johann starb schon nach wenigen Monaten). Mehrmals taucht in den Arien der Wunsch auf, dass die Kaiserin doch nun einen Thronfolger gebären solle. Letztendlich ging der Wunsch nicht in Erfüllung. Karl VI. schuf die „pragmatische Sanktion“, so dass seine Tochter Maria Theresia den Thron besteigen konnte. Leider musste erst der Österreichische Erbfolgekrieg für Klarheit sorgen.

Das La Cetra Barockorchester unter der Leitung von Andrea Marcon und unterstützt vom La Cetra Vokalensemble sowie den Solisten Verónica Cangemi (Diana) , Delphine Galou (Venere), Carlos Mena (Marte) ,Franco Fagioli (Apollo),Ruxandra Donose (Giove), Daniel Behle (Mercurio) und Luca Tittoto (Saturno) boten eine erstklassige Leistung.




Zeitinsel Caldara – der zweite Tag

Das "La cetra Barockorchester" unter der Leitung von Andrea Mancon. (Foto: © Pascal Amos Rest)
Das „La cetra Barockorchester“ unter der Leitung von Andrea Marcon. (Foto: © Pascal Amos Rest)

Am Freitag, dem 17. Januar 2014 fand im Konzerthaus Dortmund der zweite Teil der „Zeitinsel Caldara“ statt. Auf dem Programm standen Werke von Vivaldi und natürlich Caldara selbst. Die beiden Komponisten haben einen ähnlichen Lebensweg hinter sich gebracht, Vivaldi hatte das Glück, dass seine Musik Anfang des 20.Jahrhunderts wiederentdeckt wurde, während Caladaras Musik überwiegend vergessen blieb. (Konzertbericht zum ersten Tag)

 

Während die fünf gespielten Werke von Caldara selbst für Klassik-Experten Neuland waren, spielte das La Cetra Barockorchester Basel unter der Leitung von Andrea Marcon „Die vier Jahreszeiten“ von Vivaldi. Warum eigentlich „Die vier Jahreszeiten“? In seiner Einführung erklärte Prof. Dr. Michael Stegemann dem Publikum, dass Vivaldi 1711 mit seiner Konzertsammlung L’estro armonico „Die harmonische Eingebung“) op.3 eine europäische Berühmtheit wurde und Musikgeschichte schrieb. Er erfand quasi das Solokonzert. Doch zu hören war das Opus 3 nicht, statt dessen gab es eben „Die vier Jahreszeiten“. Ein Stück, dass vermutlich auf keiner Klassiksammlung CD fehlen darf (zumindest eine Jahreszeit ist immer dabei). Dabei möchte ich nicht die Schönheit des Stückes schmälern. Denn wenn „Die vier Jahreszeiten“ von einem reinen Barockorchester wie dem La Cetra gespielt wird, unter anderem Lauten und Cembalo das basso continuo bilden, verfällt man sofort dieser barocken Schönheit. Wer dann auch noch einen Soloviolinisten wie Guiliano Carmignola aufbieten kann, versetzt die Besucher schnell in atemloses Staunen.

 

Carmignola, ein ausgezeichneter Spezialist in barocker italienischer Musik, lebt jede einzelne Note von Vivaldis Musik mit. Manchmal hat man das Gefühl, Carmignola fängt gleich an zu tanzen, so reißt es ihn mit. Diese Begeisterung, diese Leidenschaft für die Musik springt auch schnell auf das Publikum über. So wurde Carmignola erst nach zwei Zugaben entlassen.

 

Und wie schlägt sich Caldara? Ganz gut, die meisten seiner gespielten Werke stammen aus seiner Spätzeit (zwischen 1732-35) und enthalten schon leichte Elemente des aufkommenden „galanten Stils“ der Frühklassik. Haydn und Mozart warten schon am Horizont. Caldaras Musik ist solide, routiniert, eben wie ein erstklassiger Handwerker. Nicolas Altstaedt (Solo-Violincello), Jonathan Pešek (Violoncello, b.c.), Katharina Heutjer (Violine) und Éva Bohri (Violine) zeigen als Solisten die Qualität von Caldaras Kompositionen.

 

Ein gelungener, runder Abend mit perfekt gespielter Barockmusik von Orchester und Solisten. Vielleicht hätte man den Mut haben sollen, statt den „Vier Jahreszeiten“ lieber einige Konzerte aus „L’estro armonico“ zu spielen.




Wiederentdeckung eines vergessenen Meisters

Die Solisten mit dem La Cetra Barockorchester sowie dem La Cetra Vokalensemble unter der Leitung von Andrea Marcon. (Foto: © Pascal Amos Rest).
Die Solisten mit dem La Cetra Barockorchester sowie dem La Cetra Vokalensemble unter der Leitung von Andrea Marcon. (Foto: © Pascal Amos Rest).

Ungerecht, Zufall oder warum ist Antonio Vivaldi selbst Menschen geläufig, die keine Berührung mit klassischer Musik haben, während sein Zeitgenosse und Namensvetter Antonio Caldara selbst unter Klassik-Fans nur wenigen bekannt ist? Schwierige Frage. Das Konzerthaus Dortmund bemüht sich in einer dreiteiligen Zeitinsel vom 16. bis zum 18. Januar dem italienischen Komponisten den Raum zu geben, den er verdient. Begonnen wurde die Zeitinsel am Donnerstag mit einem „Concerto di Arie“, mit dem La Cetra Barockorchester unter der Leitung von Andrea Marcon.

Vor dem Konzert stellte der Experte Prof. Dr. Michael Stegemann erst einmal den Komponisten Antonia Caldara vor. Caldara und Vivaldi haben sehr viel gemeinsam. Zunächst sind sie Zeitgenossen, Caldara lebte von 1670-1736 und Vivaldi von 1678-1741. Beide sind Venezianer und beide sind in Wien gestorben. „Venedig war zu dieser Zeit ein spannender und produktiver Schauplatz“, so Stegemann. Neben den beiden erwähnten Komponisten gab es noch Alessandro Marcello oder Tomaso Albinoni zu nennen. Caldara versuchte schnell, woanders Fuß zu fassen und war von 1699-1708 in Diensten des Herzogs von Mantua. Dorthin zog es später auch Vivaldi. Ab 1716 wird Caldara Vize-Kapellmeister am Hof von Wien. Kaiser Karl VI. Ist musikbegeistert und dirigiert die Opern seines Komponisten selbst. Caldara bleibt bis zu seinem Tode in Wien. Als Vivaldi 1740 ebenfalls versucht, in Wien in die Fußstapfen von Caldara zu treten, wird er enttäuscht, denn Karl VI. stirbt im gleichen Jahr. Zehn Monate später stirbt auch Vivaldi.

Nach ihrem Tod geraten die beiden Musiker mehr und mehr in Vergessenheit. „Damals wollten die Leute neue Musik hören“, erklärte Stegemann. Neue Musikstile kündigen sich an: Ab 1730 ist schon die Frühklassik am Horizont zu erkennen. Erstaunlicherweise ist der Nachruhm Caldaras noch Anfang des 19. Jahrhunderts zu erkennen. Felix Joseph Lipowsky schreibt in seinem „Baierischen Musik-Lexikon“ von 1811 in einer Fußnote zu Johann Niklas Hemmerlein: „Anton Caldara, einer der größten und berühmtesten Komponisten Italiens“.

Vielleicht hatte Vivaldi einfach das Glück zu Beginn des 20. Jahrhunderts eher wiederentdeckt zu werden als Caldara. Das beide meisterhafte spätbarocke Werke komponiert haben, dafür steht die Zeitinsel als Beweis.

Der erste Abend stand unter dem Zeichen der Arien-Komposition Caldaras. Caladara komponierte über 90 Opern, 50 Oratorien sowie etwa 500 Solokantaten. Für Sänger bietet dieser Fundus einen reichen Schatz. Daraus wurde am 16. Januar beim „Concerto di arie“ geschöpft. Eine kleine Besetzungsänderung gab es zu vermelden: Für die erkrankte Anna Prohaska sprang kurzfristig Julia Lezhneva ein.
Mit dem La Cetra Barockorchester unter der souveränen Leitung von Andrea Marcon war ein Orchester zu Gast, das mit der ersten Note es schaffte, die Zuhörer etwa 300 Jahre zurück in die Zeit zu versetzen. Instrumente wie Laute oder Cembalo haben ihren eigenen magischen Klang. Zum Klang des Barocks gehören eigentlich auch Kastraten. Da es glücklicherweise die Tradition der Kastration von Jungen nicht mehr gibt, behilft man sich mit Countertenören, deren Falsett aber nicht mit einer Knabenstimme zu vergleichen ist. Nichts desto trotz machte Countertenor Carlos Mena einen tollen Job. Vor allem das zarte „Ah! Come quella un tempo“ aus Caldaras „Sedecia“ lohnte den Besuch des Konzertes. Auch weil bei der Musik ein selten gespieltes Instrument die Hauptrolle übernahm: ein Hackbrett. Kennt man das Instrument nur aus der alpenländischen Musiktradition, ist man überrascht, wie zärtlich das Instrument klingen kann.
Bassist Luca Tittoto brauchte etwas, um warm zu werden. Sein erster Einsatz „Da la faccia de la terra“ aus „Joaz“ ging im Spiel des Orchesters ein wenig unter. Danach war seine Stimme auf Betriebstemperatur und „Se mai rimbomba“ sowie „Buon pescatore non é“ klangen satt und voluminös.

Die Russin Julia Lezhneva war der Star des Abends. Zwar sang sie ihre erste Arie „Dio, che mentir non puo“ mit ein wenig zu viel Vibrato nach meinem Geschmack, aber ihre Stimme ist außergewöhnlich. Als Gast wurde ihr die Ehre zuteil, zwei Zugaben zu singen, die sie mit einer wunderbaren Brillianz und Kalrheit sang. Eine echte Entdeckung, die noch ihren Weg machen wird.




Im Dreivierteltakt ins neue Jahr

Standen beim Neujahrskonzert 2013 noch der nahe Abschied von Jac van Steen und Spanien im Mittelpunkt, wählte der neue Generalmusikdirektor Gabriel Feltz und die Dortmunder Philharmoniker Wien mit Walzern oder Polkas von Johann Strauß Jr., sowie die Operetten von Franz Lehár für 2014 als thematischen Hintergrund aus. Die festliche, in dunkelrot gehaltene Dekoration aus der Operettengala konnte in der Dortmunder Oper gleich wieder Verwendung finden.

 

Der Abend begann mit der Ouvertüre zur Oper „Die lustigen Weiber von Windsor“ von Otto Nicolai (1810 -1849). Nicolai war der „Urvater“ des sinfonischen Orchesters, wie Feltz dem Publikum erklärte.

Die Sopranistin Mirella Hagen glänzte mit ihrer klaren Stimme bei der Arie der Adele „Mein Herr Marquis“aus „Die Fledermaus“ von Johann Strauß Jr. Danach zeigten die Dortmunder Philharmoniker, das Märsche Lebensfreude vermitteln können. „Das hat schon fast etwas anti-militaristisches, bemerkte Feltz.

Es folgte die temperamentvolle und spritzige Pizzicato-Polka op. 335 von Strauß Jr.. Bei dem folgenden „Kaiserwalzer“ und dem Walzer „An der schönen blauen Donau“ von Strauß Jr. machten der GMD und die die Philharmoniker die Faszination der Walzer und ihre verschiedenen Facetten deutlich. Mal schwungvoll spritzig, mal wienerisch melancholisch.

Julia Amos, die bald in der Operette „Der Graf von Luxemburg“ von Franz Lehár zu hören und bewundern sein wird, brachte gefühlvoll die Arie der Giuditta „Meine Lippen sie küssen so heiß“ aus Lehárs Operette „Giuditta“ auf die Bühne.

Danach folgte die rasante „Tritsch-Tratsch-Polka“ von Strauß Jr.. Ein musikalischer Glanzpunkt war sicherlich auch die von dem badischen Tenor Daniel Ohlmann gesungene Arie des Prinzen Sou-Chong „Dein ist mein ganzes Herz“ aus dem „Land des Lächelns“ von Franz Lehár.

Diese Arie wird vor allem mit dem legendären Richard Tauber in Verbindung gebracht, Da liegt die Messlatte schon hoch. Ohlmann stellte sich dieser Herausforderung.

 

Die Dortmunder Philharmoniker konnten ihr Können mit einigen Soloeinsätzen einzelner Instrumente beim „Perpetuum Mobile op. 257“ von Strauß Jr. Beweisen. Dass Gabriel Feltz nicht nur ein temperamentvoller Dirigent ist, sondern auch über eine gehörige Menge Humor verfügt, bewies er zum Ende dieser Nummer. Um das Ende herbeizuführen, versuchte er es zunächst mit Bestechung, dann sogar mit dem drohenden Einsatz einer Pistole. Selbst ein Zuschauer, der von Feltz den Dirigentenstab bekam, konnte die Musiker nicht zum Aufhören bewegen. Erst als Opernintendant Jens-Daniel Herzog sowie die Solisten auf die Bühne kamen und allen Besuchern ein „Frohes Neues Jahr“ wünschte, war die schnelle Polka beendet. Zum Schluss wurde zur Freude des Publikums der selten gespielte Strauß-Walzer „Rosen aus dem Süden“ op. 399 gespielt. Als krönende Zugabe gab es noch den „Radetzky-Marsch“ von Johann Strauß (Vater).

Ein gelungenes Neujahrskonzert und schwungvoller Beginn für ein hoffentlich gutes Jahr 2014!




Ausflug in die russische und finnische Natur

Mit dem programmatischen Titel „reine_natur“ entführte Generalmusikdirektor Gabriel Feltz die Zuhörer im Konzerthaus Dortmund am 03. und 04. Dezember die Steppen Mittelasiens, nach Russland und Finnland. Ars tremonia lauschte dem 04. Philharmonischen Konzert am 04. Dezember.

 

Der Abend begann mit Alexander Borodins. Seine sinfonische Dichtung „Eine Steppenskizze aus Mittelasien“ aus dem Jahre 1880 mischte russische und fernöstliche Klänge. Borodin, auch ein berühmter Chemiker, wollte dem russischen Expansionsstreben in Mittelasien ein musikalisches Denkmal setzen. Es ist ein typisches Beispiel für Programmmusik: Borodin erzählt auf musikalische Weise wie eine orientalische Karawane unter dem Schutz der russischen Waffen durch die Steppe zieht. Ein kleines, nettes Horsd’œuvre.

 

Danach wurde es Zeit für eines der ältesten Instrumente, der Harfe. Da Marie-Pierre Langlamet aus persönlichen Gründen absagen musste, übernahm Emmanuel Ceysson den Solopart. Und wie: Spielen Harfen bei den meisten Komponisten nur eine Nebenrolle, brillierte der junge Franzose an dem rund 40 kg schweren Instrument bei Reinhold Glières „Konzert für Harfe und Orchester“ in Es-Dur, op. 74. Es ist Erstaunlich welche Klangfarben die Harfe hervorbringt und Ceysson spielt sie ganz vorzüglich. Glière komponierte das Stück 1938, doch es klingt eher 1888. Der Komponist ist trotz seines französischen Namens Russe und blieb der russischen Kompositionslehre treu: So kommen vor allem im dritten Satz sehr stark russische Melodien zum Klingen. Als Zugabe spielte Ceysson noch ein Stück von Claude Debussy auf der Harfe.

 

Nach der Pause entführte Feltz die Besucher des Konzerthauses nach Finnland. Eines der bekanntesten Werke Jean Sibelius‘ stand auf dem Programm. Ein Stück das Orchester und Dirigent sichtbar forderte. Der finnische Nationalkomponist Sibelius legte seine zweite Sinfonie etwas „wärmer“ an als seine erste. Dennoch ruft das Stück Bilder der finnischen Wälder und Seen hervor. Gerade im vierte Satz, dem grandiosen Finale, können Feltz und seine Dortmunder Philharmoniker nochmal alles aus sich heraus holen.




Rainald Grebe – sein Leben als Programm

Von der Kleinstadt Frechen ins große Berlin. Als die Zuschauer am 23. November nach dreieinhalb Stunden aus dem Schauspielhaus Dortmund kamen, erfuhren sie einiges über Grebes Kindheit und Jugend.

Auf der Bühne lag symbolisch der Müll seines Lebens, aufgemalt auf einem Laken, aber in Wirklichkeit befand sich dort ein Minischlagzeug mit der Puppe Chucky. Chucky, bekannt aus der gleichnamigen Horrorfilm-Reihe, hatte besondere Aufgaben, denn mit jedem Schlag erklangen Soundfetzen wie alte 80er Jahre-Werbung, Auszüge aus einer Schallplatte des niederländischen Missionars John Thiessen und ähnliches.

 

Grebe breitet seine Kindheit und Jugend völlig ungeniert aus, seine Hobby wie beispielsweise Auswendiglernen (!) von Briefmarken machten ihn sicher zu einem skurrilen Außenseiter in seiner Heimatstadt Frechen. Heute würde man vermutlich den Begriff „Nerd“ wählen. Hier hat das Konzert auch seine tiefsten, emotionalsten Momente, wenn Grebe am Klavier davon singt, als Jugendlicher alleine zu Hause am Klavier zu sitzen, währen die anderen in Köln in den Diskotheken feiern. Dazu gehört auch sein Lied über seine Zivildienstzeit in einer psychiatrischen Klinik in Bielefeld

 

Eigentlich war das Rainald Grebe Konzert ein Soloprogramm, doch man könnte mit Fug und Recht behaupten, dass der Tontechniker Franz Schumacher als Sidekick eine nicht unterschätzende Rolle spielte. Am Anfang war der Dialog der beiden vielleicht etwas zu langatmig, aber im Laufe des Konzert pegelte es sich wunderbar ein und das gegenseitige Bälle zuwerfen sorgte für einige Lacher.

 

Natürlich durfte auch der spezielle Humor von Rainald Grebe nicht fehlen, seine aufgerissenen Augen und seine feine Beobachtungsgabe vor allem zwischenmenschlicher Beziehungen wie beispielsweise bei „30-jährige Pärchen“. Gegen Ende bekamen die Zuhörer noch eine gehörige Portion Schweizer Dadaismus serviert und das Eingeständnis „I feel so overfordert“ mit Tanzeinlage. Hier konnte sich jeder, der mittlerweile eine Spiegel-Online-Allergie bekommen hat, wiederfinden.

Gegen Ende des Abends zweigte Grebe auch seine Fähigkeit zur (Selbst)-Ironie. Gekonnt nahm er dabei das „Künstlergetue“ auf die Schippe.

Zieht man die Pause ab, stand Rainald Grebe netto drei Stunden auf der Bühne. Das allein verdient den höchsten Respekt. Das davon fast keine Sekunde langweilig war, zeigt seine hohe Qualität.




Small Beast weckte das Wolfsrudel

Paul Wallfisch und Alexander Hacke beim "Small beast".
Paul Wallfisch und Alexander Hacke beim „Small beast“.

Am Freitag, dem 22. November gab es beim Musik-Club „Small Beast“ im Studio des Schauspielhauses schon einmal einen Vorgeschmack auf die kommende Produktion „Republik der Wölfe“. Drei der vier aus dem „Ministerium der Wölfe“ waren zu Gast: Neben Gastgeber Paul Wallfisch, spielten auch Alexander Hacke und Danielle de Picciotto. Am Schluss war noch Martin Bisi zu hören.

 

Volles Programm beim Small Beats. Zuerst begann wie immer Paul Wallfisch mit einem kleinen Set. Er spielte unter anderem Stücke aus seinem früheren Programm „Meister und Margarita“, eine Hommage an Lou Reed „Turning time around“ aus Reeds Album „Ecstasy“ und „Waterloo Sunset“ von den „Kinks“.

Dann gesellte sich Alex Hacke dazu und nach einem launigen „Für mich soll’s rote Rosen regnen“ gab es zwei Lieder aus dem neuen Programm „Republik der Wölfe“. Die Musik lässt auf ein interessantes und spannendes Projekt hoffen.

 

Dann war es Zeit für die beiden „Wölfe“ Alexander Hacke und Danielle de Picciotto. Ihr Auftritt war eine Mischung aus Musik, Video und Lesung. Die Musik war durchaus rockig, aber auch experimentell, teilweise sphärisch. De Picciottos Texte drehten sich um das Leben als „Zigeuner“, Beide gaben ihren festen Wohnsitz auf, um als tourende Musiker durch die Welt zu reisen. Es fing gut an, danach wurden die Texte aber etwas zu esoterisch und es ging um „Energielinien“ und Nostradamus, den „Seher“, Tore zum Himmel und zur Hölle.

 

Martin Bisi kam nach der Pause mit seiner Band und präsentierte psychedelische Musik, die von Gesangsstil aber durchaus auch ins Metal-Gefilde gehören könnten. Neben den obligatorischen Loops (ist das eigentlich mittlerweile ein Muss?), erzeugten die vier Musiker eine enorme Wall of Sound.

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Kammermusik für drei

Klaviertrios aus drei Epochen waren am 18. November im Orchesterzentrum NRW auf der Brückstraße zu hören. Das 1. Kammerkonzert wurde präsentiert vom Berliner Klaviertrio, dessen Cellistin Franziska Batzdorf ist, die Solo-Cellistin der Dortmunder Philharmoniker. Das Berliner Klaviertrio besteht darüber hinaus aus Franziskas Vater Wolf-Dieter Batzdorf und Gabriele Kupfernagel.

Eröffnet wurde der Abend mit dem Klaviertrio Nr.12 in e-moll. Schnell wird klar, warum Hadyns Klaviertrios zu den schönsten Klavierwerken gehört. Es perlt, es vibriert, es macht Laune, Gabriele Kupfernagel bei ihrem Spiel zuzusehen. Doch Violine und Cello sind nicht bloßes Beiwerk, der österreichische Meisterkomponist sorgte für ein harmonisches Ganzes. Ein Auftakt nach Maß in das Konzert.

 

Ihm wurde von seinen russischen Komponistenkollegen „Gefälligkeit“ und „Schönspielerei“ nachgesagt. Anton Arenski hatte keinen leichten Stand mit seinen Kompositionen. Und wenn man ehrlich ist, hatten seine Konkurrenten recht. Typisch russische Klänge in winzigen Dosen, dafür klang es in seinem Klaviertrio Nr.1 in d-moll wie in einem Wiener Kaffeehaus. Eine hübsche Melodie an die andere geknüpft. Andererseits, wen stört das, wenn diese gefällige Musik von den drei Musikern überzeugend dargebracht wurde wie an diesem Abend.

 

Nach der Pause kam mit Dimitri Schostakowitsch ein „echter“ Russe. Seine 2. Klaviertrio in e-moll ist tief und emotional und so spielten es Kupfernagel sowie Vater und Tochter Batzdorf. Hervorzuheben ist das lyrische Largo. Eröffnet von langsamen Klavierakkorden, erklingt auf der Violine ein jüdisches Volksmusikthema, berührend und ergreifend. Mit Sicherheit der Höhepunkt des Abends.

 

Mit viel Applaus belohnte das Publikum die drei Musiker für den gelungenen Abend.

 

Ein weiteres positives Merkmal des Abends abseits der Musik: Das Restaurant Stravinski sorgte dafür, dass es in der Pause auch etwas zu trinken gab.




Noch Karten für „Small Beast“

Paul Wallfisch lädt wieder exzellente Musiker als Gäste ein zu seiner Kult-Late-Night „Small Beast, Dortmund“: Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten und Loveparade-Mitbegründerin Danielle de Picciotto präsentieren ihr Graphic Diary We are gypsies now, in dem sie von ihrem Experiment berichten, 18 Monate unterwegs zu sein.

Beide gehören außerdem auch zur Band „Ministry of Wolves“ und haben gemeinsam mit Mick Harvey und Paul Wallfisch die Musik zum großen Live-Event „Republik der Wölfe“ geschrieben, das ab Februar im Schauspiel Dortmund zu sehen ist. Alexander Hacke arbeitet derzeit auch am Soundtrack zu dem neuen Film von Fatih Akin. Ein weiterer Gast beim nächsten „Small Beast“ ist der New Yorker Indie-Artist Martin Bisi. Seine Musik bietet klassischen Rock mit kryptisch-intelligenten Texten! Für die Veranstaltung am Freitag, 22. November, um 22.30 Uhr im Studio des Schauspiel Dortmund gibt es noch Karten an der Vorverkaufskasse im Opernhaus, unter 0231/50-27222 oder www.theaterdo.de.




Orientalische Düfte im Konzerthaus

Am 13. November 2913 entführten uns die Dortmunder Philharmoniker im Konzerthaus Dortmund beim 3. Philharmonischen Konzert unter dem Titel „orient_düfte“in den Nahen und Fernen Osten. Mit Unterstützung des in Beirut (Libanon) geborenen Dirigenten George Pehlivanian und der Pianistin Lilya Zilberstein ging die Reise los. Ihren Höhepunkt fand sie in Armenien mit Chatschaturjans „Gayaneh-Suite“.

Der Orient hatte und hat für manche Künstler jeglicher Couleur immer eine besondere Faszination ausgeübt. Von der Literatur über Architektur bis hin zu Musik. In der Musik denken wir beispielsweise an Mozarts „Entführung aus dem Serail“ (diese Spielzeit in der Oper zu sehen) oder Lehars „Land des Lächelns“. Bei 3. Philharmonischen Konzert standen vor der Pause zwei Komponisten im Mittelpunkt, die den Orient quasi von außen betrachten. Carl Nielsen und Camille Saint-Saëns.

 

Carl Nielsens „Aladdins-Suite“ war eigentlich als Musik für ein gleichnamiges Schauspiel entstanden. Doch das Schauspiel floppte und nur Nielsens Musik überlebte. Glücklicherweise, so konnten die Philharmoniker und Dirigent George Pehlivanian sich langsam an den Orient heranwagen. Nielsens Komposition nimmt gegen Ende des Stückes Fahrt auf, der „Tanz der Gefangenen“ und vor allem der „Tanz der Mohren“ bedeuten Schwerarbeit und höchste Konzentration bei der Schlagzeug-Gruppe.

 

Camille Saint-Saëns Konzert für Klavier und Orchester Nr. 5 in F-Dur beginnt erst einmal wenig orientalisch. Im ersten Satz wurden die orientalischen Elemente noch in homöopathischen Dosen verabreicht, verwandelt sich der Klang im 2. Satz, dem Andante“, völlig. Hier sind auch die Fähigkeiten des Pianisten gefragt und Lilya Zilberstein meisterte die Schwierigkeiten mit Bravour. Naher und Ferne Osten zum Greifen nah. Der dritte Satz entführte uns wieder zu den Nildampfern nach Ägypten. Ein wirklich gelungenes Stück, dargeboten von einer spielfreudigen Solistin und gut aufgelegten Philharmonikern. Leider entließ uns Zilberstein ohne Zugabe in die Pause.

 

Nach der Pause wurde es Zeit für den Komponisten, der den Orient aus eigener Erfahrung kannte, auch wenn Armenien eher an der Peripherie liegt: Aram Chatschaturjan. Vor allem sein „Säbeltanz“ aus der „Gayaneh-Suite“ ist zum „Welthit“ geworden , so Dirigent George Pehlivanian im Vorgespräch. Seine Bekanntheit in Deutschland hat sicher auch damit zu tun, dass in den 70er Jahren der „Säbeltanz“ die Musikuntermalung für einen Werbespot in Fernsehen war. Beworben wurde damals ein Kaffeelikör.

Doch die „Gayaneh-Suite“ auf den Säbeltanz zu reduzieren wäre falsch, denn die Musik schwelgt in armenischen und kaukasischen Volkstänzen. Und hier zeigte das Orchester auch sein Können. Nichts gegen Nielsen und Saint-Saëns, aber nun tauten Orchester und Dirigent richtig auf. Bei der Mischung zwischen langsamen Adagio-Stücken und schnellen Tänzen machte das Zuhören Spaß. Einfach die Augen schließen und sich in die wilde Welt des Kaukasus entführen lassen.

Ein wirklich gelungener Abend mit fremden Klängen, viel Schlagwerk und engagierten Musikern.