Barocker Zauber in der Reinoldikirche

Ann Hallenberg (weißes Kleid) und Lydia Teuscher (blaues Kleid) gaben ein gefeiertes Konzert zusammen mit den Musikern der Accademia Bizantina mit ihrem Dirigenten Ottavio Dantone (ganz rechts). Foto: © Bülent Kirschbaum
Ann Hallenberg (weißes Kleid) und Lydia Teuscher (blaues Kleid) gaben ein gefeiertes Konzert zusammen mit den Musikern der Accademia Bizantina mit ihrem Dirigenten Ottavio Dantone (ganz rechts). Foto: © Bülent Kirschbaum

Im römischen Palast von Fürst Francesco Maria Ruspoli gaben sich im Jahr 1707 zur Uraufführung von Alessandro Scalattis „Il giardino di Rose“ namhafte barocke Komponisten und Musiker ein Stelldichein. Darunter auch der damals erst 22-jährige Sachse Georg Friedrich Händel. Er wollte das römische Publikum zum Staunen bringen. Damals waren in Italien Opern verboten, und sinnliche, leidenschaftliche (geistliche) Oratorien, die weltliche und klerikale Themen verbanden, beim Publikum beliebt. Händel, obwohl selbst kein Katholik, bediente gekonnt die emotionalen und rituellen religiösen Bedürfnisse.

Im Rahmen des Klangvokal Festivals 2015 brachte Ottavio Dantone (Musikalische Leitung) und sein Ensemble Accademia Bizantina mit Unterstützung der renommierten Schwedin Ann Hallenberg (Mezzosopran) und der jungen Sopranistin Lydia Teschner barocken Zauber in die Reinoldikirche. Ein passender Rahmen mit exzellenter Akustik. Die Vorbereitungen für dieses Konzert waren schon Dienstag gestartet, denn die Musiker, die Sängerinnen und der Dirigent kamen aus unterschiedlichen Orten nach Dortmund.

Die Musiker spielten auf Originalinstrumenten. In der Mitte spielte Dantone auf der Orgel und dem Cembalo. Das Konzert begann mit der bewegenden Marienverehrung von Scarlattis Sinfonie „Il Giardino di Rose“ mit den Arien der Hoffnung, der Buße der Barmherzigkeit. Abwechselnd mit starker Stimme und Emotion von Teschner und Hallenberg. Der Teil schloss mit einem Duett der Barmherzigkeit und Buße der beiden Sängerinnen.

Es folgte als emotionaler Höhepunkt noch Giovanni Ferrandinis „Il pianto di Maria“ mit abwechselnden Rezitativen und sanften, weniger leidenschaftlichen Cavatinen, eine schlichtere Form der Arie. Ann Hallenberg machte die Leiden der Gottesmutter Maria mit ihrer hochemotionalen Gesangs-und Gestaltungskunst für das Publikum spürbar.

Nach einer kurzen Pause ging es mit Georg Friedrich Händels Salve Regina g-Moll HWV 241, Domenico Scarlettis Salve regina A-Dur. Die bewegende Huldigung der „Jungfrau und Königin Maria“ fand einen Höhepunkt mit „Haec est Regina virginum HWV 235 (Dies ist die Königin der Jungfrauen).

Am Ende begeisterten Teschner und Hallenberg mit dem Duett „Dolci chiodi, amate spine“ zwischen Magdalena und Kleophas aus „La Resurrezione“ (Die Auferstehung). Hier ist Magdalena keine reuige Sünderin, sondern mutige Zeugin der Auferstehung Jesu.

Ein gelungener Abend für Freunde der Barockmusik auf hohem Niveau, starken Stimmen und stimmungsvollem Ambiente, der erst nach zwei Zugaben zu Ende ging. Es zeigt sich erneut, dass das Festival Klangvokal ein absolutes Muss für Liebhaber alter Musik ist. Wer Renaissance- und Barockmusik auf hohem Niveau schätzt, kommt an Klangvokal nicht vorbei.




Julia Biel – Eine faszinierende Stimme erobert das domicil

Neben Klavier und Gitarre überzeugte Julia Biel vor allem durch ihre Stimme. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Neben Klavier und Gitarre überzeugte Julia Biel vor allem durch ihre Stimme. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Wie schaffen das die Briten eigentlich? Musikalische Stilrichtungen wie Jazz, Blues oder Soul werden in den USA erfunden, veredelt werden sie aber im Vereinigten Königreich. Ebenso werden in Großbritannien immer mal wieder Frauenstimmen entdeckt, die zu den ganz großen der Welt gehören wie Adele oder Amy Winehouse. In diese Liga gehört auf alle Fälle auch Julia Biel, die aber wie eine Mischung zwischen Billy Holliday (ihrem Vorbild) und der isländischen Sängerin Björk klingt. Biel brachte am 18. Juni 2015 im domicil Liebesbriefe und andere Geschosse mit.

Biels Songs waren überwiegend angenehme ruhige Jazz/Pop-Lieder, die die Sängerin entweder auf dem Klavier oder der Gitarre begleitete. Zwei weitere Musiker standen ebenfalls auf der Bühne, ihre Mitmusiker Idris Rahman (Bass) und Saleem Raman (Schlagzeug) überzeugten ebenfalls. Rahman spielte nicht den typischen Jazz-Bass, der sich mit Läufen und Skalen auszeichnete, sondern überwiegend auf den Punkt genauen Rock-Pop-Bass. Raman zeigte am Schlagzeug durch sein brillantes Spiel mehr Jazzanklänge.

Biel schaffte es von Anfang an, das Publikum im domicil auf ihre Seite zu bekommen trotz (oder gerade wegen) der sanften Jazz-Pop-Melange. Nur einmal wurde es etwas wilder, als Biel ihren „Sex, Drugs and Rock’n‘ Roll“-Song „Out if control“ sang. Ein famoses Konzert einer famosen Stimme.

Mit Alben lässt die Julia Biel anscheind Zeit: Zehn Jahre lagen zwischen der Veröffentlichung ihres Albums „not alone“ und dem aktuellen Werk „Love letters and other missiles“, aus dem sie die meisten Lieder sang.




Großes Chorfest in der Dortmunder Innenstadt

Mit "Sounding People" ist auch ein ganz junger Chor beim "Fest der Chöre" dabei. (Foto: © Sounding People/ Klangvokal)
Mit „Sounding People“ ist auch ein ganz junger Chor beim „Fest der Chöre“ dabei. (Foto: © Sounding People/ Klangvokal)

Zum siebten Mal findet am Samstag, den 20. Juni, in der Dortmunder Innenstadt das große „Fest der Chöre“ statt. Über 130 Chöre und Vokalensembles aus Dortmund und Umgebung sind auf 14 Bühnen zu erleben. Die Veranstaltungsorte können nicht unterschiedlicher sein: unter freiem Himmel, in Kirchen, in Geschäften und sogar in der U-Bahn.

Traditionell wird der Oberbürgermeister Ullrich Sierau das Fest der Chöre um 12 Uhr auf dem Alten Markt eröffnen. Gemeinsam mit dem Publikum und dem Dortmunder Bachchor unter der Leitung von Klaus Eldert Müller wird er das Steigerlied anstimmen. Von 12.30 Uhr bis 19.30 Uhr können die Besucherinnen und Besucher sich dann auf vielen Bühnen von den Dortmunder Chören und der Vielfalt ihres Repertoires überraschen lassen. Die Darbietungen auf der DEW-Kinderbühne hinter dem Rathaus beginnen sogar schon um 10.00 Uhr.

Jürgen Kleinschmidt lädt gemeinsam mit den Chören Coriander, Dementi und Cantastrophe um 17 Uhr unter dem Motto „Chormusik bringt Menschen zusammen“ zum offenen Singen ein. Unter der Beteiligung von Demenz-Patienten steht die Freude am gemeinsamen Singen im Mittelpunkt. Auf dem Programm stehen Volkslieder, Schlager oder Evergreens.

Erstmalig ist die Dortmunder Tafel nicht nur mit einem Stand, sondern auch mit einem Chor an diesem Tag dabei. Wer also nicht nur Snacks und Getränke für den guten Zweck kaufen möchte, hat um 13.25 Uhr die Gelegenheit, den neuen Chor unter der Leitung von Linde Geisen auf der Mercedes-Benz-Bühne in der Kleppingstraße zu erleben. Wieder dabei ist auch das Straßenmagazin bodo e.V. mit einem Bücherstand an der DEW21-Kinderbühne am Rathaus.

Weitere Infos und den genauen Zeitplan gibt es unter www.klangvokal.de




Tunesien trifft Frankreich

Hamdani überzeugte mit ihrer Mischung aus arabischer Musik und französischen Chansons. (Foto: © Bülent Kirschbaum).
Hamdani überzeugte mit ihrer Mischung aus arabischer Musik und französischen Chansons. (Foto: © Bülent Kirschbaum).

Im Rahmen des Musikfestivals „Klangvokal“ bot die tunesische Sängerin und Musikwissenschaftlerin Dorsaf Hamdani im Orchesterzentrum Dortmund am 14. Juni 2015 einen Chansonabend der besonderen Art.

Sie sang Lieder der berühmten Sängerin Fairuz (geb. 1934), auch als „Stimme Libanons“ bekannt, und der französischen Chansonette Barbara. Barbara, 1930 als Monique Serf in Paris geboren und als Jüdin während des Vichy-Regimes verfolgt, setzte sich nach dem Krieg für die Völkerverständigung zwischen Frankreich und Deutschland ein. Mit ihrer Komposition „Göttingen“ (1964) schrieb sie in diesem Sinn ein Stück Musikgeschichte. 1997 stab sie in Neuilly-sur-Seine. Fast selbstverständlich trifft hier Okzident auf Orient. Das Programm ist zugleich eine Hommage an die beiden Künstlerinnen.

Hamdani schaffte es fast ohne merkbare Übergänge, von arabischen hin zum französischen Chanson zu wechseln. Sie bot den Raum für eine imaginäres Treffen der beiden großen Persönlichkeiten des Chansons. Mit ihrer vollen und warmen Stimme und starker Gestik brachte sie auf einer emotionalen Ebene einiges von den Texten rüber, auch wenn man des Arabischen oder der französischen Sprache nicht mächtig war.

Mal eindringlich und geheimnisvoll, dann wieder romantisch und melancholisch. Die Lieder erzählten vom Frühling, der Liebe, aber auch von Verlust. Stimmungsmäßig wechselte auch die Beleuchtung von gelb, grün bis rot.

Für den gelungenen Auftritt waren jedoch auch ihre vier fantastischen musikalischen Begleiter von Bedeutung. Daniel Mille (Akkordeon, Leitung), Lucien Zerrad an der Gitarre und der alten, dickbauchigen arabischen Kurzhalslaute Oud, Zied Zouari (Bratsche, Oud) sowie Yousef Zaved (Percussions) sorgten auch mit einigen Solis für eine orientalische Atmosphäre.

Das begeisterte Publikum dankte mit Standing Ovations, Hamdani und ihre Musiker kamen natürlich nicht um zwei Zugaben herum




Zwei Enden der Seidenstraße

Die Musiker von Sedaa hatten keine Berührungsängste, die ganz Kleinen konnten das Konzert von ganz nah erleben. (Foto: © Bülent Kirschbaum).
Die Musiker von Sedaa hatten keine Berührungsängste, die ganz Kleinen konnten das Konzert von ganz nah erleben. (Foto: © Bülent Kirschbaum).

Zwei Iraner und zwei Mongolen bilden die Musikgruppe „Sedaa“ und ihre Mischung aus iranischen und mongolischen Instrumenten bildet das Fundament einer interessanten Fusion. Zu hören alles am 14. Juni 2015 um 11 Uhr im domicil im Rahmen des soundzz Familienkonzertes und des Festivals Klangvokal.

Die ersten Lieder, die die vier Musiker auf ihren Instrumenten spielten, klangen sehr rhythmisch, fast westlich. Sie erinnerten ganz leicht an eine mongolische Folk-Metal-Band, die auf akustischen Instrumenten spielte. Dazu passte der typische Oberton- und Untertongesang, der an das typische „Growling“ erinnerte, den es ebenfalls in manchen Spielarten des Metal gibt.

Aber der Rezensent war nicht in Wacken und Sedaa spielten ja auch eher eine Mischung aus den beiden Kulturen Iran und Mongolei. Mit Gitarre und Hackbrett kam ein starker iranischer Einschlag in die Musik.

Besonders spannend, besonders für die kleinen Besucher waren die mongolischen Instrumente. Die beiden mongolischen Musiker Nasaa Nasanjargal und Naraa Naranbaatar spielten die Pferdekopfgeige, wobei Naranbaatar eine mit der Kontrabaßgeige eine besondere Form spielte. Hinzu kam die Bischgur, die mongolische Oboe. Omid Bahadori spielte Gitarre und Percussion, während der iranische Gastmusiker am Hackbrett musizierte. Natürlich waren auch die monglischen Gesangstechniken, mit der ein Mensch zwei Töne gleichzeitig singen kann, faszinierend.

Insgesamt kam die Mischung aus iranischen und mongolischen Liedern bei den Besuchern sehr gut an. Die Musiker konnten die Zuhörer sogar begeistern, bei zwei Liedern mitzusingen. Ein sehr gutes Konzert, sogar für Menschen, die vielleicht Weltmusik aus ganz fernen Ländern eher abschreckend finden. Sedaa ist ein hervorragender Botschafter für Weltmusik.




Orient trifft Korsika

A Filetta mit  Fadia Tomb El-Hage vermischten Orient und Okzident. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
A Filetta mit Fadia Tomb El-Hage vermischten Orient und Okzident. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Das korsische Vokalensemble „A filetta“ bot zusammen mit der libanesischen Sängerin Fadia Tomb El-Hage einen besonderen musikalischen Brückenschlag: Korsika trifft den Orient und verbindet sich zu einer interessanten musikalischen Melange. Gesungen am 12. Juni 2015 in der Marienkirche im Rahmen des Festivals Klangvokal wurden sakrale und weltliche Lieder auf korsisch, arabisch und syrisch.

„A filetta“ ist ein Phänomen. Sechs Sänger erzeugen ein fast schon archaisch anmutendes Gefühl, wenn ihre Stimmen zu einer verschmelzen. So muss es schon vor tausenden von Jahren auf der Geburtsinsel Napoleons bei Festlichkeiten geklungen haben. Die ersten drei Lieder sang „A filetta“ alleine. Es war ein großes Erlebnis, den Stimmführer Jean-Claude Acquaviva zu erleben, der mit seiner ausdrucksstarken Mimik ein wenig an den verstorbenen Joe Cocker erinnerte.

Zusammen mit Fadia Tomb El-Hage, die lange Zeit in Deutschland gelebt hat, wurde der Klang noch reicher. Typische arabische Verzierungen ergänzten den tiefen Klang des Chores und bildeten eine eigenen Klangkosmos, in dem man sich verlieren konnte. Beeindruckend war auch das Schlaflied „Nani“, das El-Hage alleine sang. Sie benutzte das Lied, um ihre kleine Tochter in den Schlaf zu singen, als die beide im Keller vor den Bomben in dem Bürgerkriegsland geflüchtet waren.

Es gab also nicht nur sakrale Musik zu hören, auch weltliche Musik wurde intoniert. Mit „Treblinka“ erinnerten die Sänger auch an das Schicksal der vielen Menschen, die an diesem Ort umgebracht wurden.

Vor begeisternden Zuhören konnten „A filetta“ und El-Hage ihr Konzert nach zwei Zugaben beenden.




Drama beim Liederabend

Ein Energiebündel auch bei einem Liederabend. (Foto: © B. Kirschbaum).
Ein Energiebündel auch bei einem Liederabend. (Foto: © B. Kirschbaum).

Still auf der Bühne stehen und Lieder singen ist nicht ihre Sache: Simone Kermes überzeugte beim Liederabend am 11. Juni 2015 im Orchesterzentrum NRW an der Brückstraße nicht nur mit ihrer Stimme, sondern auch durch Mimik und Bewegung. Das Publikum spürte sofort: Simone Kermes ist pure Energie.

Auch wenn die Symbiose von Raum , Publikum und Sängerin in den ersten Liedern noch nicht da war, spätestens ab dem „Erlkönig“ wurde Kermes richtig warm. Die Koloratursporanistin brachte viel Dramatik und Zauber in das Lied. Man spürte förmlich wie sie die Handlung mitlitt.

Kermes bot in ihrem Programm so etwas wie eine kurze Geschichte des Kunstliedes, ihre Auswahl umfasste Purcell (Frühbarock) bis hin zu Richard Strauss. Ein Schwerpunkt ihres Konzertes waren die italienischen Komponisten wie Bellini, Rossini oder Donizetti.

Der Höhepunkt des zweiten Teil war meiner Meinung nach das Lied von John Eccles (1672-1735) „Restless in thoughts“ , Kermes sang es sehr emotional. Das ganze Konzert wurde sie kongenial begleitet durch Riccardo Rocca am Klavier.

Simone Kermes gab insgesamt vier Zugaben. Neben zwei Opernarien von Donizetti sang sie zur Überraschung etwas „modernes“, nämlich „Lili Marleen“. Der Rausschmeisser war „Lascia ch’io pianga“, Händels berühmte Arie aus „Rinaldo“.

Kermes gab ein abwechslungsreiches Konzert und war mit ihrer extrovertierten Art für den einen oder anderen vielleicht Zuhörer ungewohnt. Doch der begeisterte Applaus für diese außergewöhnliche Sängerin am Ende zeigte, dass Kermes auch die Dortmunder mit ihrer Art begeistert hatte.




Musikalische Zeitreise ins Elisabethanische Zeitalter

Pb renaissancemusik oder Pärt: The Tallis Scholars beeindruckten mit ihren wunderbaren Stimmen. (Foto: © B. Kirschbaum)
Ob Renaissancemusik oder Pärt: The Tallis Scholars beeindruckten mit ihren wunderbaren Stimmen. (Foto: © B. Kirschbaum)

Am 07. Juni zeigten „The Tallis Scholars“ in der Propsteikirche ihr gesangliches Können mit Werken von Renaissance Komponisten wie Taverner, Tallis oder Allegri, aber präsentierten auch Werke des zeitgenössischen Komponisten Arvo Pärt, der einige Stücke im im Stile der Renaissance komponiert hatte.

„The Tallis Scholars“ unter der Leitung des Gründers Peter Philipps widmen sich seit 1973 der geistlichen Renaissance-Musik. Diese Erfahrung konnten die Zuhörer bei ihrem Konzert spüren. Glasklarer mehrstimmiger Gesang, der ohne Hilfe jeglicher Instrumente dargeboten wurde. Die zehn Sängerinnen und Sänger boten eine eindrucksvolle Leistung.

Die Musik der englischen Komponisten Tallis, Taverner und Sheppard entstand in einer wirren Zeit, als England zwischen Katholizismus und der englischen Kirche hin- und hergerissen wurde, bis sich die Waagschale nach Elisabeth I. den Anglikanern zuneigte. Doch der Höhepunkt des Konzertes war das berühmte „Misere“ von Grigorio Allegri. In zwei Chören aufgeteilt mit einem Solisten weiter hinten im Kirchenschiff entfaltete die Musik eine besondere Magie. Vollkommener Gesang veredelte das Meisterwerk des italienischen Komponisten.

Aber das Programm bestand nicht nur aus Werken von Renaissance-Künstlern. Der estnische Komponist Arvo Pärt hatte 1997/98 mit „Tribute to Caesar“, Sancte deus“ und „Triodion“ drei Werke in der Tradition der Renaissance-Künstler geschaffen. Doch Pärts Kompositionen fingen nicht wirklich die Seele der Renaisssance ein. Sie wirkten fremd, zumal der Kompositionsstil von Pärt ein sehr stark reduzierter ist. Nur im vierten Stück dem 2000 entstandenen „…which was the Son of…“ wirkt das Stück rhythmisch interessant und die Gesangslinien wirken im positiven Sinne frisch und modern. Das soll keine Kritik an der Musik von Pärt sein, nur es passte meiner Meinung nach nicht so gut in den Rahmen des Konzertes.

Was von dem Abend bleibt, ist die hohe Qualität der „Tallis Scholars“, die ihre Erfahrung und Liebe zur geistlichen Musik der Renaissance unter Beweis gestellt haben.




Leidenschaft für Fado

Noëmit Waysfeld bot mit ihrer Band Blik eine Mischung von Fado und jiddischer Musik. (Foto: © Hanna Sander)
Noëmit Waysfeld bot mit ihrer Band Blik eine Mischung von Fado und jiddischer Musik. (Foto: © Hanna Sander)

Es gibt Verbindungen, die nicht zueinander passen. Feuer und Wasser beispielsweise. Dann gibt es Verbindungen, die nur auf den ersten Blick komisch aussehen, beim genauen Betrachten aber Sinn machen. Musikalisch nennt man so etwas „Crossover“, also „Überquerung“. Da das Festival Klangvokal dieses Jahr mit dem Motto „Zwischen den Welten“ musikalische Brücken bauen möchte, passte das Konzert der Französin Noëmi Waysfeld und ihrer Band Blik am 05. Juni 2015 im domicil ideal zum Programm. Denn Waysfeld verbindet jiddische Musik mit dem portugiesischem Fado.

Fado ist der Blues Portugals. In ihm wird die unglückliche Liebe, die Sehnsucht oder generell der Weltschmerz, der saudade, besungen. Dann sind wir nicht weit weg vom jüdischen Leben in den Ghettos Osteuropas, immer mit der Angst verbunden, Opfer des nächsten Pogroms zu werden. Darüber hinaus bringt Waysfeld auch noch die weibliche Perspektive ein. Sie singt von Frauen, die Angst um ihre Männer draußen auf See haben. Über verliebte Frauen, über verzweifelte Frauen. Das Konzert von Waysfeld ist auch eine Hommage an die „Königin des Fados“ Amàlia Rogrigues, deren Lieder sie singt, aber auf Jiddisch.

Waysfeld singt überwiegend Lieder aus ihrem neuen Album „Alfama“, „Maria Lisboa“, die Liebeserklärung an die portugiesische Hauptstadt singt sie auf portugiesisch und eine Zugabe auf russisch, aber ansonsten singt sie in der Sprache ihrer Vorfahren: Jiddisch. Jiddisch klingt für deutsche Ohren seltsam vertraut. Titel wie „Fargebn zol Got“ oder „Hintern Shpigl“ kann man schnell übersetzen. Leider haben die Nazis die lebendige jiddische Kultur in Europa in ihrem menschenverachtenden Wahn zum größten Teil vernichtet.

Waysfeld hat nicht nur eine „Leidenschaft für Fado“ wie sie es in ihrem Lied „Fargebn zol Got“ besingt, sondern sie und ihre Band schlagen auch andere Rhythmen an. Walzer, Tango und natürlich jiddische Musik sind zu hören. Dabei wird Waysfeld von ihrer Band Blik, drei hochkarätigen Musikern, begleitet, denen sie vor allem in zwei Instrumentalstücken die Möglichkeit gibt, ihr Können zu zeigen. Florent Labodinère (Gitarre, Oud), Antoine Rozenbaum am Bass und vor allem Thierry Bretonnet am Akkordeon ernteten häufig Sonderapplaus von den Zuhörern.

Ein gelungenes, aber leider etwas kurzes Konzert, denn Waysfeld sang nur etwas mehr als eine Stunde. Aber ihre Stimme passt zum Fado. Sentimental und melancholisch, wütend, aber auch ausgelassen.




Wagners Superheld im Konzerthaus

Krönender Abschluss der Spielzeit. Die Dortmunder Philharmoniker sowie die Solisten Petra Lang (Brünnhilde) und Andreas Schager (Siegfried). (Foto: © Anneliese Schürer)
Krönender Abschluss der Spielzeit. Die Dortmunder Philharmoniker sowie die Solisten Petra Lang (Brünnhilde) und Andreas Schager (Siegfried). (Foto: © Anneliese Schürer)

Das 10. Philharmonische Konzert am 02. und 03. Juni 2015 im Konzerthaus präsentierte wohl den Helden der klassischen Musik: Siegfried. Schlau wie Frodo (auch bei dem geht es um einen Ring) und ähnlich unverwundbar wie Achill. Mit dem Siegfried-Idyll und dem dritten Akt aus der Oper „Siegfried“ näherten sich Gabriel Feltz und seine Dortmunder Philharmoniker dem Helden, dessen Taten Richard Wagner in Musik packte.

Zunächst stand das Siegfried-Idyll auf dem Programm. Richard Wagner komponierte es als Geburtstags-Gruß für seine Frau Cosima und nahm schon einige Elemente der späteren Oper „Siegfried“ vorweg. Die Besetzung ist für Wagnerianische Verhältnisse spärlich, denn ursprünglich wurde es für ein Kammerorchester geschrieben.

Wer beim Siegfried-Idyll dramatische Musik, ähnlich wie beim Walküren-Ritt, erwartet, liegt völlig falsch. Das Stück ist zärtlich, warm und wie sein Name schon sagt, es weckt Gedanken an eine imaginäre idyllische Landschaft. Das Stück passt sehr gut zu Feltz und seinem Orchester, da der Dirigent ein Meister der Zwischentöne ist, der Pausen zwischen den Noten, die für die Musik ebenso wichtig sind wie die gespielten Noten selbst.

Der zweite Teil des Abends gehörte dem dritten Akt von „Siegfried“. Dem Ort geschuldet, wurde es natürlich konzertant aufgeführt. Das heißt, Sänger vorne und die Musiker, die in „wagnerianischer Stärke“ angetreten waren, im Hintergrund. Ich vermute mal, dass es daran lag, dass die Solisten, vor allem Olafur Sigurdarson (Wotan) bei lauten Stellen etwas schwer zu verstehen sind. Denn in einer „normalen“ Aufführung sind die Musiker ja in einem Orchestergraben.

Ansonsten gab es überhaupt nichts zu meckern. Denn alle Solisten machten einen hervorragenden Eindruck, sei es der erwähnte Sigurdarson, Ewa Wolak (Erda), Petra Lang (Brünnhilde) oder Andreas Schager (Tenor). Schager sah man seine Spielfreude sofort an, er hätte wohl gerne etwas szenischer gespielt, zumindest was im Rahmen einer konzertanten Aufführung möglich ist.

Insgesamt war das 10. Philharmonische Konzert ein fulminanter Abschluss einer überaus gelungenen Spielzeit. Die Zuhörer dankten den Beteiligten verdientermaßen mit lang anhaltendem Applaus.