Philharmonisches Konzert entführt in mythische Nachtwelten

Mit der Sinfonie Nr. 7 von Gustav Mahler (1860–1911) fand am 11./12.03.25 ein großer Mahler-Zyklus im hiesigen Konzerthaus seinen gebührenden Abschluss. Es war ein bedeutender Schwerpunkt im über ein Jahrzehnt andauernden Wirken von GMD Gabriel Feltz bei den Dortmunder Philharmonikern.

Bereits einmal wegen der Corona-Pandemie verschoben, konnte dem Publikum nun doch noch dieses kolossale Werk mit großer Orchesterbesetzung dargeboten werden. Es zeichnet sich durch musikalische Vielfalt, Variationsreichtum und ein gezieltes Changieren zwischen den Tonarten aus. Dramatisch aufbrausende, geheimnisvolle und feierlich leise Passagen wechseln sich in den fünf Sätzen ab.

Die besondere Rolle der Nachtmusiken

Die Besonderheit dieser Sinfonie liegt in den beiden „Nachtmusik“-Binnensätzen, die geschickt über ein Scherzo mit unheimlichem Charakter im Wechsel von Dur und Moll verbunden werden.

Mahler führt uns in eine ganz eigene, mythisch-märchenhafte Nachtwelt mit all ihren musikalisch fühlbaren Geräuschen. Oft düster, entfaltet sich eine abwechslungsreiche Wanderung durch die „Musik der Nacht“, in der der Mensch mit dem Unbegrenzten und Erhabenen konfrontiert wird. Musik als Kunst der Nacht sowie als Schutz vor den Ängsten in der Dunkelheit spielen dabei ebenfalls eine Rolle.

GMD Gabriel Feltz dirigierte die 7. Sinfonie von Gustav Mahler (Foto: (C) Liudmila Jeremis)
GMD Gabriel Feltz dirigierte die 7. Sinfonie von Gustav Mahler (Foto: (C) Liudmila Jeremis)

Schon der erste, stark zerklüftete Satz beginnt furios mit einem marschartigen Rhythmus. Hierfür wählte der Komponist ein Tenorhorn – ein für den Einsatz in einem Symphonieorchester eher unübliches Instrument. Wie Mahler selbst vor seinem Tod gesagt haben soll: „Hier röhrt die Natur.“ Danach entwickelt sich durch die Verschiebung des Themas nach Es-Dur eine Art Choral und feierliche Stimmung, die von Harfen- und Mandolinenklängen unterstützt wird. Die beiden „Nachtmusiken“ mit ihrem leichten Serenadencharakter werden durch das Scherzo zu einem musikalischen Block verbunden. Jeder einzelne Satz wirkt dabei wie ein eigenes Universum.

Im optimistisch-euphorischen Finalsatz geht es temperamentvoll zu. Als Rondo angelegt, mit siebenfach wiederkehrendem Ritornell, wird er feierlich mit dem choralartigen Einsatz der Blechbläser eröffnet, den die Streicher weiterführen. Der Satz führt die Zuhörenden ins Helle – man könnte sich auf einer in leuchtendes Himmelblau getauchten Festwiese wähnen.

Ein grandioses musikalisches Finale.




Vielseitige Klangwelten: Das 4. Kammerkonzert verband Klassik und Moderne

Die Akademie für Theater und Digitalität war der Schauplatz für das 4. Kammerkonzert der Spielzeit 24/25. Das gut besuchte Kammerkonzert bot eine reizvolle Reise durch verschiedene musikalische Epochen und Stile. Im Zentrum standen vier Werke, die von subtiler Raffinesse bis hin zu expressiver Dramatik reichten und die Wandlungsfähigkeit des Zusammenspiels von Fagott und Streichern eindrucksvoll unter Beweis stellten.

Ein abwechslungsreicher Auftakt

Den Auftakt bildete Anton Reichas selten gespieltes Werk Variationen für Fagott und Streichquartett. Der Zeitgenosse Beethovens verband in diesem Stück Eleganz mit spielerischer Virtuosität. Besonders reizvoll war der Kontrast zwischen dem lyrischen Lento-Eingang und dem lebhaften Allegretto, in dem das Fagott mit charmanter Leichtigkeit brillierte.

Zu den vier Instrumenten des klassischen Streichquartetts kamen noch das Fagott und der Kontrabass hinzu. (Foto: (c) flutie8211/pixabay)
Zu den vier Instrumenten des klassischen Streichquartetts kamen noch das Fagott und der Kontrabass hinzu. (Foto: (c) flutie8211/pixabay)

Mit Wolfgang Amadeus Mozarts Streichquartett Nr. 19 in C-Dur KV 465, bekannt als „Dissonanzen-Quartett“, folgte ein Klassiker der Kammermusikliteratur. Das Werk erhielt seinen Beinamen aufgrund der kühnen harmonischen Einleitung, die zu Mozarts Zeit als gewagt galt. Zwischen feinsinniger Melodik und harmonischer Spannung entfaltete das Quartett eine erstaunliche Ausdrucksvielfalt – von der kontemplativen Tiefe des „Adagio“ bis zum mitreißenden „Allegro molto“ des Finalsatzes.

Dramatik und heitere Eleganz

Nach der Pause erklomm das Programm einen expressiven Höhepunkt mit Dmitri Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 op. 110. Das fünfsätzige Werk, das der Komponist 1960 in nur drei Tagen vollendete, war eine bewegende musikalische Selbstreflexion. Geprägt von Schostakowitschs persönlichem Monogramm „D-Es-C-H“ durchzog ein Geflecht aus Trauer, Sarkasmus und Resignation die einzelnen Sätze. Besonders das gravierende Largo-Thema bildete den emotionalen Rahmen dieser tief berührenden Komposition. Schostakowitsch verarbeitete darin seine Angst, während Stalins Säuberungen von der sowjetischen Geheimpolizei abgeholt zu werden. Die Instrumente imitierten sogar das bedrohliche Klopfen.

Zum Abschluss sorgte Jean Françaix‘ Divertissement für Fagott und Streichquintett für eine heitere Auflockerung. Mit französischer Eleganz und feinem Humor entfaltete sich ein musikalisches Spiel aus spritzigen Rhythmen und klanglicher Raffinesse. Die vier Sätze boten dem Fagott Gelegenheit, seine ganze Ausdrucksbandbreite von schalkhafter Lebendigkeit bis zu inniger Kantabilität zu zeigen und entließen das Publikum mit einem Augenzwinkern in den Abend.

Musiziert haben Gesa Renzenbrink und Anne-Kristin Grimm an der Violine, Dahee Kwon an der Viola, Denis Krotov am Cello, Pablo Gonzàlez Hernàndez am Fagott und Michael Naebert am Kontrabass.

Dieses Kammerkonzert verband meisterhafte Kompositionen aus drei Jahrhunderten zu einem Programm voller Kontraste – ein Fest für Freunde der Kammermusik, die sich auf emotionale Tiefe ebenso freuen durften wie auf virtuose Leichtigkeit. Das wurde mit begeistertem Applaus gewürdigt.




Meisterhafte Kontraste: Mao Fujita begeistert im Konzerthaus

In einer spannenden und kontrastreichen Reise führte der japanische Pianist Mao Fujita am 26. Februar 2025 das Publikum im Konzerthaus durch musikalische Epochen und Stile.

Ein Kaleidoskop der Emotionen

Eröffnet wurde das Konzert mit Chopins 24 Préludes op. 28. Diese Sammlung ist eine Art musikalisches Kaleidoskop, in dem jedes Prélude eine eigene Stimmung entfaltet. Die Stücke wechselten zwischen lyrischer Zartheit, dramatischer Intensität und virtuoser Brillanz.

Nach der Pause erklangen Mozarts Variationen KV 265. Die charmanten, spielerisch-leichten Variationen über das bekannte französische Volkslied („Ah, vous dirai-je, Maman“, in Deutschland als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ bekannt) boten einen Kontrast zu Chopins tiefer Emotionalität.

Mao Fujita begeisterte das Publikum im Komnzerthaus. /Foto: (C) Dovile Sermokas)
Mao Fujita begeisterte das Publikum im Komnzerthaus. /Foto: (C) Dovile Sermokas)

Beethovens 32 Variationen WoO 80 in c-Moll sind kraftvoll, kontrastreich und formal streng. Sie verlangen pianistische Präzision, während sie ein düsteres, fast schicksalhaftes Grundmotiv durch diverse musikalische Charaktere führen. Diese Variationen dienten als Übergang zur emotionalen Wucht der folgenden Sonate.

Den Höhepunkt des Programms bildete Beethovens f-Moll-Sonate op. 57, die berühmte „Appassionata“. Sie ist geprägt von leidenschaftlicher Erregung, dynamischen Extremen und einer tiefen existenziellen Dramatik. Die drei Sätze entfalteten eine erzählerische Kraft, die von innerer Unruhe bis zu einem stürmischen Finale reichte.

Mao Fujita verzauberte vor allem durch seinen klaren, ausdrucksstarken und technisch brillanten Spielstil, der insbesondere in den beiden Beethoven-Stücken zur Geltung kam. Erst nach zwei Zugaben war das Konzert beendet.




Kontrastreich und originell: Wiener Klassik 2025

Das dritte Konzert der Reihe „Wiener Klassik“ der Dortmunder Philharmoniker griff am 24. Februar 2025 im hiesigen Konzerthaus die im 18. Jahrhundert übliche Praxis auf, dass Solokonzerte vom Solisten selbst geleitet werden. Diesmal war der musikalische Abend unter dem Titel „Flaut dolce“ einem im Konzertsaal eher selten zu hörenden Instrument gewidmet – der Blockflöte.

Maurice Steger (*1971), ein virtuoser Meister der Blockflöte, begeisterte das Publikum nicht nur mit seiner beeindruckenden Beherrschung des Instruments, sondern auch als energiegeladener Dirigent. Zudem war er für die Konzeption des vielfältigen und klanglich wie stilistisch kontrastreichen Programms verantwortlich.

Elegische Streicher und virtuose Barockklänge

Mit „Adagio for Strings“ von Samuel Barber (1910–1981) und der „Fantasie über ein Thema von Thomas Tallis“ von Ralph Vaughan Williams (1872–1958) standen zwei elegisch-schwermütige Werke des 20. Jahrhunderts auf dem Programm, die das Publikum in ihren magischen Klangkosmos zogen. Beide Stücke leben von der feinen Abstimmung und dem homogenen Klang des Streichorchesters und sind stilistisch der Spätromantik zuzuordnen. Hier zeigte sich einmal mehr das sensible musikalische Gespür der Dortmunder Philharmoniker.

Maurice Steger faszinierte mit seiner Blockflöte das Konzerthaus. (Foto: (c) pixabay)
Maurice Steger faszinierte mit seiner Blockflöte das Konzerthaus. (Foto: (c) pixabay)

Den Kontrapunkt dazu bildeten das Blockflötenkonzert F-Dur von Georg Friedrich Händel sowie das „Concerto A-Dur für Blockflöte und Streicher“ von Francesco Geminiani (1687–1762). Im Barock war das sogenannte „Recycling“ musikalischer Werke gängige Praxis: Erfolgreiche Kompositionen wurden für neue Kontexte bearbeitet und mit Soloinstrumenten wie der Flöte kombiniert. Grundlage für diese Stücke waren unter anderem die Solostimmen von Arcangelo Corelli. Die Werke bestechen durch abwechslungsreiche Satzfolgen, die sich zwischen langsamen Passagen und virtuosen, von spielerischen Verzierungen geprägten Läufen bewegen.

Den Abschluss bildete ein Meisterwerk der musikalischen Komik: Joseph Haydns Sinfonie Nr. 60 C-Dur, „Il distratto“ („Der Zerstreute“). Die Sinfonie basiert auf einer turbulenten Verwechslungskomödie und spiegelt deren Witz in der Musik wider – mit unerwarteten Fanfaren, abrupten Themenwechseln, scheinbar sinnlosen Wiederholungen und überraschenden Harmonien.

Das Publikum belohnte die klangliche Vielseitigkeit und die mitreißende Darbietung des Orchesters mit begeistertem Applaus.

 




Elias – Oratorium mit dramatischer Ausdruckskraft

Am 22. Februar präsentierte der Philharmonische Chor unter der Leitung von Granville Walker das Oratorium „Elias“ von Felix Mendelssohn Bartholdy. Begleitet wurden sie dabei von den Dortmunder Philharmonikern sowie den Solist:innen Kristin Ebner, Sinja Lorenz, Natasha Valentin, Aljoscha Lennert und Daniel Carison. Das Konzert fand in der Reinoldikirche statt.

Felix Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Elias“ (op. 70), uraufgeführt 1846 in Birmingham, verbindet musikalisch und inhaltlich die dramatische Kraft barocker Vorbilder wie Johann Sebastian Bach und Georg Friedrich Händel mit der lyrischen Sensibilität und harmonischen Fülle der Romantik. In den Chorälen ist deutlich Bachs Einfluss zu hören, während Mendelssohn Bartholdy von Händel die kraftvollen, eindrucksvollen Chorsätze übernommen hat. Besonders hier zeigte der Philharmonische Chor seine Stärke: Die Chöre spielen eine zentrale Rolle und demonstrieren eine beeindruckende stilistische Bandbreite. Gewaltige, majestätische Chöre wie „Aber der Herr sieht es nicht“ unterstreichen die Erhabenheit Gottes. Volksnahe, klagende Passagen spiegeln das Leid und die Unsicherheit des Volkes wider. Dramatisch aufgeladene Turba-Chöre (Massenchöre), etwa beim Duell zwischen Elias und den Baalspropheten, verstärken die theatralische Wirkung.

Facettenreiche Charakterzeichnung in Musik und Text

Auch die Solopartien sind musikalisch vielschichtig gestaltet. Elias (Bass-Bariton) tritt kraftvoll und autoritär auf, offenbart jedoch zugleich menschliche Zweifel. Der Sopran übernimmt häufig die Rolle von Engeln oder Trostfiguren, deren Gesang sich durch lichtvolle, sanfte Linien auszeichnet. Diese kontrastreiche musikalische Gestaltung trägt zur emotionalen Tiefe des Oratoriums bei.

Das Oratorium "Elias" von Mendelssohn Bartholdy erklang in der Reinoldikirche.
Das Oratorium „Elias“ von Mendelssohn Bartholdy erklang in der Reinoldikirche.

Im Zentrum des Werks steht die biblische Figur des Elias. Für die einen ist er eine inspirierende, aber auch radikale Persönlichkeit – ein unbeugsamer Mahner gegen Unrecht und ein Verteidiger spiritueller Werte. Für andere, zu denen ich mich ebenfalls zähle, erscheint Elias hingegen als fanatischer Eiferer. Sein kompromissloses Vorgehen gegenüber Andersgläubigen und die Anwendung von Gewalt werfen aus heutiger Perspektive ethische und gesellschaftliche Fragen auf – insbesondere im Hinblick auf religiöse Toleranz, Machtmissbrauch und den Umgang mit Vielfalt. In einer pluralistischen Gesellschaft hat eine Figur wie Elias keinen Platz.

Mit seiner dramatischen Ausdruckskraft und der vielschichtigen musikalischen Gestaltung hinterließ das Konzert in der Reinoldikirche einen nachhaltigen Eindruck. Der Philharmonische Chor, die Solist:innen und die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Granville Walker überzeugten mit einer packenden Darbietung, die die zeitlose Relevanz und die künstlerische Größe von Mendelssohn Bartholdys Meisterwerk eindrucksvoll zur Geltung brachte.




Opera Passion & Tango – Leidenschaft füllt den Raum

Auf der Bühne im Reinoldisaal steht ein Flügel. Und die Ankündigung, dass der vorgesehene Pianist erkrankt ist. Ballast für den Abend? Nein.
Auf die Bühne kommt für den ersten Teil der arrivierte und preisgekrönte Musiker Karsten Scholz von den Dortmunder Philharmonikern, der scheinbar mühelos in den vergangenen zwei Tagen das vorgesehene Programm einstudieren konnte. Jedenfalls füllt er seinen Part komplett aus und spielt sich virtuos durch den Abend und seinen Solopart von Schumann.

Mit ihm erscheint der Opernstar – mit wehenden Haaren, aber streng mit Fliege und Frack. Der argentinische Bariton Germán E. Alcántara ist auf den Brettern in Theatern wie dem traditionsreichen Teatro Colón in Buenos Aires, in dem auch Caruso, Callas, Domingo und Pavarotti gastierten, ebenso zu Hause wie in London oder Köln. Bereits mehrfach war er zu Gast in Dortmund beim Musikfestival „Klangvokal“. Mit diesem Hintergrund und der Liebe zu Oper und Tango entstand die Idee zu diesem Abend eigens für dieses Festival.

Karsten Scholz von den Dortmunder Philharmonikern am Klavier mit dem Bariton Germán E. Alcántara . (Foto: (c) Klangvokal)
Karsten Scholz von den Dortmunder Philharmonikern am Klavier mit dem Bariton Germán E. Alcántara . (Foto: (c) Klangvokal)

Mit eindrücklicher Leidenschaft erklingen schon die ersten Töne. Germán E. Alcántara ist jemand, der es schafft, auch ohne Kulisse seine Arien schauspielerisch zu interpretieren – mit ausdrucksstarker Mimik, Gestik und vollem Körpereinsatz. Dabei reicht seine Stimme bereits aus, um den Saal zu fesseln. Doch so ist es ein Vergnügen, ihn nicht nur zu hören, sondern ihm auch zuzuschauen.

Es erklingen Arien aus Mozarts Don Giovanni und Bellinis I Puritani – es geht um Liebe und Leidenschaft, um Verrat und Rache. Verdis Maskenball und Rigoletto liefern weitere Arien. Mit dem ausführlichen Programmheft, das alle Liedtexte im Original und in Übersetzung enthält, lassen sich die Passagen sehr gut verfolgen – wenn man es denn will. Man kann sich aber auch einfach den Tönen überlassen.

Am Ende von Verdis Anklage an die „abscheulichen Höflinge“ rauft sich der Interpret die Haare, reißt sich die Fliege ab und fällt vor dem imaginären Gesindel auf die Knie – voller und überzeugender Leidenschaft. Nicht umsonst heißt der Abend Opera Passion.

Tango-Passion: Von Buenos Aires nach Dortmund

Und der Tango?
Die Tango-Passion erfüllt sich im zweiten Teil. Dafür konnte das Klangvokal-Festival unter der Leitung von Torsten Mosgraber kurzfristig eine Tangospezialistin und Arrangeurin aus Paris gewinnen, die selbst ein Tangoorchester leitet. Auf der Dortmunder Bühne gehören Lysandre Donoso, ein gefragter Bandoneonist, und der Bassist Lucas Frontini zum Ensemble. Gemeinsam mit dem erkrankten Knut Jacques und Alcántara entwickelten sie das Programm.

Germán E. Alcántara – mit streng zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren, schwarzem Hemd, oben offen, und Jackett – ergibt sich im ersten Tango der Trunkenheit. In zwölf Chansons sind auch die Liebe und die Umgebung Thema, in der der Tango Argentino seine Heimat hat.

Der Tango hat es in den „Operntempel“ Teatro Colón in Buenos Aires geschafft, entstanden ist er jedoch auf den Straßen von Buenos Aires und Montevideo – beeinflusst von Einwanderern aus aller Welt.

Alcántara interpretiert Chansons von Troilo, Stampone, Mores, Gardel und anderen – Piazzolla darf dabei natürlich nicht fehlen.

Ihren instrumentalen Solopart bestreiten die Musikerinnen und Musiker mit einem Tango von Luis Bernstein.

Im Grunde könnte es so weitergehen. Doch auch dieser Abend erreicht sein Ende.
Noch nicht ganz.

Zwei Zugaben runden das zweistündige Programm ab. Bei einer davon greift Alcántara selbst zur Gitarre. Eine Strähne hat sich längst aus dem strengen Pferdeschwanz gelöst.

Ein leidenschaftlicher Abend mit einem hervorragenden Ensemble, das harmonierte, obwohl die Pianisten nur zwei Tage zur Vorbereitung hatten. Eine Wiederholung des Abends wäre wünschenswert – es würde sich lohnen.

Das Klangvokal-Festival startet also furios in die neue Saison. Das aktuelle Programmheft erscheint am 26. Februar. Online findet man alle Informationen unter www.klangvokal.de.




6. Philharmonisches Konzert: Orchestrale Farbenpracht und romantische Sehnsucht

Im Osten geht die Sonne auf – so lautete der Titel „Sonnenaufgang“ für das 6. Philharmonische Konzert der Dortmunder Philharmoniker am 11. und 12. Februar 2025 im Konzerthaus Dortmund. Zwar war kein Komponist aus dem Land der aufgehenden Sonne zu hören, doch auf dem Programm standen zwei Russen: Peter Tschaikowsky und Nikolai Rimski-Korsakow.

Den Beginn machte das Violinkonzert in D-Dur von Tschaikowsky. Der Violinist Guy Braunstein übernahm den Solopart, Alondra de la Parra dirigierte die Philharmoniker. Die Musik ist voller Energie, leidenschaftlicher Läufe und technischer Brillanz, aber auch von tiefer Melancholie durchzogen. Besonders beeindruckend ist der langsame zweite Satz, der poetisch und zurückhaltend wirkt und einen ruhigen Gegenpol bildet. Wild wurde es wieder im dritten Satz, der mit einem mitreißenden Finale endet. Diese Mischung aus leidenschaftlicher Dramatik und lyrischer Melancholie macht dieses Konzert so hörenswert und bewies die technische Virtuosität von Braunstein.

Alondra de la Parra dirigierte die Dortmunder Philharmoniker. (Foto: (c) Leo Manzo)
Alondra de la Parra dirigierte die Dortmunder Philharmoniker. (Foto: (c) Leo Manzo)

Zwischen Ost und West: Musikalische Brücken

Braunstein spielte noch zwei Zugaben, darunter eine Version von „A Hard Day’s Night“ von den Beatles, die er zusammen mit anderen Songs zu einem Violinkonzert bearbeitet hat – übrigens mit Alondra de la Parra als Dirigentin.

Mit „Scheherazade“ begaben wir uns noch weiter in den Osten, Richtung Persien. Inspiriert von den Geschichten aus Tausendundeine Nacht schuf Rimski-Korsakow einen Klassiker der Orchesterliteratur. Das Werk erzählt in vier Sätzen die Abenteuer aus den berühmten Märchensammlungen. Am bekanntesten ist sicherlich der erste Satz: Er wird mit einem schweren, markanten Thema im tiefen Blech (Symbol für den Sultan) eröffnet, das bald von der sanften, lyrischen Violine (Scheherazade) abgelöst wird. Das Meer wird musikalisch in schwellenden, wellenartigen Bewegungen dargestellt, während Sindbads Abenteuer durch lebendige, dynamische Orchesterpassagen erzählt werden. Eine viersätzige Reise in den Vorderen Orient.




Der Sternstundenmarathon 2025 – Rising Stars im Konzerthaus

Mit Benjamin Kruithof (Cello), Sào Soulez Larivière (Viola), Carlos Ferreira (Klarinette), dem Quartett „Quatuor Agate“ und Mathilda Lloyd (Trompete) schaffte es das Konzerthaus erneut, mehr als vier Stunden mit klassischer Musik zu füllen. Der Schwerpunkt der Stücke lag im 20. Jahrhundert. Die Sonate für Klavier und Violoncello von Brahms aus dem Jahre 1865 war das älteste Werk an diesem Abend. Moderiert wurde die Veranstaltung, wie bereits im vergangenen Jahr, von Marlies Schaum. Ein Konzertbericht vom 1. Februar 2025.

Vielfältige Klänge der Streich- und Holzblasinstrumente

Benjamin Kruithof startete zusammen mit Zhora Sargsyan am Klavier den Abend mit dem genannten Werk von Brahms. Die Sonate wird häufig als „Sonate in Erinnerung an Beethoven und Bach“ bezeichnet, da Brahms sich stilistisch und motivisch auf diese Komponisten bezieht. Besonders bemerkenswert ist die gleichberechtigte Behandlung von Klavier und Violoncello, was das Werk zu einem Dialog zwischen den beiden Instrumenten macht.

Danach spielten beide noch das „Rêverie“ für Cello und Klavier, das die Komponistin Sally Beamish speziell für Kruithof geschrieben hat. Hier steht die Ruhe der Natur in Luxemburg, der Heimat Kruithofs, im Mittelpunkt.

Die Viola oder Bratsche gilt zu Unrecht als das Stiefkind der klassischen Musik, doch junge Künstler wie Sào Soulez Larivière zeigen, welche Möglichkeiten und Klangfülle in diesem Instrument stecken. Vor allem im dritten Stück seines Konzerts demonstrierte Larivière das Potenzial der Viola. Die „Sequenza VI“ für Viola von Luciano Berio fordert eine hohe Ausdauer und technische Meisterschaft von den Interpreten, da es eine enorme Präzision und Kontrolle über Klangfarben und Spieltechniken erfordert. Auch die melancholische „Elegie“ von Strawinsky und das Auftragswerk „Cloth“ von Julia Wolfe zeigten, dass Larivière sein Instrument perfekt beherrscht.

Die große Bühne des Konzerthauses war bereitet für die Rising Stars. (Foto: (c) David Vasicek)
Die große Bühne des Konzerthauses war bereitet für die Rising Stars. (Foto: (c) David Vasicek)

Nach den Streichinstrumenten gab es nach der ersten Pause eine kleine Abwechslung. Das Holzblasinstrument Klarinette stand im Mittelpunkt und damit auch Carlos Ferreira. Er wurde begleitet von Pedro Emanuel Pereira am Klavier. Ferreira begann das Konzert mit der „Sonate für Klarinette und Klavier“ von Francis Poulenc. Die Sonate erfordert von beiden Instrumenten technisches Können und eine gute Zusammenarbeit. Klarinette und Klavier treten in einen lebendigen Dialog. Poulenc nutzt die klanglichen Möglichkeiten der Klarinette meisterhaft, von tiefen, warmen Tönen bis zu hohen, strahlenden Passagen. Auch von Leonard Bernstein gibt es eine „Sonate für Klarinette und Klavier“. Ähnlich wie Poulenc verwendet Bernstein Jazzelemente in seiner Musik.

Beim Stück „La lune, l’ombre et moi“ von Lanqing Ding für Solo-Klarinette ging sogar der Mond auf – wenn auch nur per Projektion. Diese poetische Inszenierung passte perfekt zu dem Stück der chinesischen Komponistin.

Von kraftvollen Quartetten bis zur Trompete als Soloinstrument

Danach war es Zeit für das Quartett. „Quatuor Agate“, bestehend aus Adrien Jurkovic (Violine), Thomas Descamps (Violine), Raphaēl Pagnon (Viola) und Simon Iachemet (Cello), überzeugte vor allem mit dem Streichquartett Nr. 8 von Dmitri Schostakowitsch. Das Quartett ist geprägt von einer düsteren, elegischen Atmosphäre, durchsetzt mit Momenten aggressiver Energie und bedrückender Stille, die die Musiker gekonnt herausarbeiteten. Es ist nicht nur ein politisches Statement, sondern auch eine Auseinandersetzung mit Schostakowitschs Identität und seinem Überlebenskampf im repressiven sowjetischen System.

Auch düstere Momente prägten „Last Flight“ der Auftragskomponistin Anna Korsun. Das Stück erinnerte an Musik für Horror- oder Gruselfilme. Die ukrainische Komponistin verarbeitete darin die Geschichte des Komponisten Carlo Gesualdo, der seine Frau und ihren Liebhaber ermordete.

Nach der zweiten Pause kam Mathilda Lloyd auf die Bühne. Ihr Instrument ist die Trompete, und sie wurde von Martin Cousin am Klavier begleitet. Lloyd spielte Werke von Alfred Desenclos, George Enescu, Alan Hovhaness und Dani Howard, die mit „Continuum“ eigens ein Stück für sie geschrieben hatte. Die ausgewählten Werke passten hervorragend zusammen und boten einen krönenden Abschluss des abwechslungsreichen Abends.




Musik zum Ende der Zeit: Messiaens Meisterwerk

Wann endet die Zeit? Laut der Relativitätstheorie bilden Raum und Zeit eine Einheit. Die Raumzeit kann entweder durch eine starke Expansion des Universums oder durch dessen Kollaps enden. Doch der Komponist Olivier Messiaen, ein gläubiger Katholik, hatte eine ganz andere Vorstellung vom Ende der Zeit: die Apokalypse, wie sie in der Offenbarung des Johannes beschrieben wird. Diese Vision hat er in seinem berühmten Werk „Quatuor pour la fin du temps“ („Quartett für das Ende der Zeit“) musikalisch umgesetzt. Das Stück wurde im Rahmen des 3. Kammerkonzertes am 23.01.2025 im domicil aufgeführt.

Die Entstehung des „Quatuor pour la fin du temps“

Das „Quatuor pour la fin du temps“ entstand 1941 unter außergewöhnlich schwierigen Umständen. Messiaen komponierte es während seiner Gefangenschaft im deutschen Kriegsgefangenenlager Stalag VIII-A in Görlitz (heute Zgorzelec, Polen). Die Uraufführung fand ebenfalls im Lager statt, mit Musiker:innen , die wie Messiaen Kriegsgefangene waren. Die zur Verfügung stehenden Instrumente waren rudimentär, was die Aufführung zusätzlich erschwerte. Im domicil interpretierten Bianca Adamek (Violine), Andrei Simion (Cello), Ailina Heinl (Klarinette) und Çağdaş Özkan (Klavier) das Werk mit großer Hingabe.

Das Ende der zeit wie es sich die AI ausdenkt. Massiaen hatte andere Vorstellungen. (Foto: ensen Art Co from Pixabay)
Das Ende der Zeit wie es sich die AI ausdenkt. Massiaen hatte andere Vorstellungen. (Foto: Jensen Art Co from Pixabay)

Messiaens Kompositionsstil ist geprägt durch den Einsatz von modalen Skalen, rhythmischer Freiheit und seiner Faszination für Vogelgesänge. Viele Sätze des „Quatuor pour la fin du temps“ besitzen eine meditative und zeitlose Qualität, die durch langsame Tempi und schwebende Harmonien verstärkt wird. Diese Elemente verleihen dem Werk eine einzigartige Tiefe und Spiritualität.

Messiaens Botschaft: Zeit und Spiritualität

Obwohl Messiaen das Stück aus seiner tiefen religiösen Überzeugung heraus schuf, spricht es auch nicht-religiöse Menschen an. Das „Quatuor pour la fin du temps“ lädt dazu ein, über das Konzept der Zeit jenseits von religiösen Vorstellungen nachzudenken. Messiaen löst die Musik in vielen Sätzen von der klassischen linearen Zeitstruktur – durch langsame, schwebende Melodien und rhythmisierte Formen, die zyklisch statt zielgerichtet wirken.

Die Entstehungsgeschichte des Werks unterstreicht zudem, wie Kunst selbst unter den widrigsten Umständen – wie in einem Kriegsgefangenenlager – eine Quelle der Hoffnung, des Widerstands und der Menschlichkeit sein kann. Das „Quatuor pour la fin du temps“ ist nicht nur ein musikalisches Meisterwerk, sondern auch ein Triumph des menschlichen Geistes über Leid und Zerstörung.

Durch die Verbindung von Spiritualität, zeitloser Schönheit und historischer Bedeutung bleibt Messiaens Werk ein faszinierendes Thema für Musikliebhaber:innen und ein wertvoller Beitrag zur klassischen Musik. Das Stück ist ein Muss für alle, die sich für das Thema Massiaen und seine einzigartige musikalische Vision interessieren.




Kids Unplugged – Eine musikalische Filmgeschichtsreise

Auch in diesem Jahr bot das Publikum im Operntreff des Opernhauses Dortmund die Gelegenheit, die jungen und jüngsten Nachwuchstalente für Oper und Entertainment live in intimer Atmosphäre zu erleben. Bei der Filmmusikrevue „Kids Unplugged – Another Night with the Movies“ präsentierten sich die OpernKids (ca. 8 bis 16 Jahre) am 25. Januar 2025 unter der Leitung von Regisseur Alexander Becker.

Die Zuschauerinnen und Zuschauer durften sich auf eine musikalische Reise durch mehrere Jahrzehnte Filmgeschichte freuen. Von zeitlosen Klassikern wie „Die Schöne und das Biest“ bis zu den magischen Klängen von „Harry Potter“ war für jede Generation etwas dabei. Unterstützt wurden die Kids tatkräftig von den erfahrenen OpernYoungstern Tabitha Affeldt, Michelle Blaurock, Sarah Heckner, Sophie Stein und Lennart Pannek.

Ein Zusammenspiel von Musik, Talent und Teamwork

Für die musikalische Begleitung sorgten die neu gegründeten YoungSymphonics unter der Leitung von Florian Koch, der auch die stimmungsvollen Arrangements des Programms erstellte. Die Choreografie sowie die Musiktheatervermittlung lagen in den Händen von Kristina Senne.

Nach Hogwarts ging es  musikalisch bei "Kids Unplugged"(Foto: (c) Fabian from Pixabay)
Nach Hogwarts ging es musikalisch bei „Kids Unplugged“(Foto: (c) Fabian from Pixabay)

Wie auch in den vergangenen Jahren wurde die Vorstellung mit humorvollen Zwischenmoderationen aufgelockert. Besonders unterhaltsam waren die beiden kurzen Rate-Quiz zu bekannten Filmmusiken, die das Publikum begeistert mit einbezog.

Es war beeindruckend zu sehen, wie selbst die jüngsten Teilnehmerinnen und Teilnehmer selbstbewusst auftraten und ihre Freude am Singen und Performen ausstrahlten. Die Zusammenarbeit zwischen den „Kleineren“ und „Größeren“ zeigte ein hohes Maß an Achtsamkeit und Harmonie – ein gelungenes Beispiel für Teamgeist und gegenseitige Unterstützung.

Die Filmmusikrevue bot den Zuschauerinnen und Zuschauern nicht nur eine abwechslungsreiche Reise durch die Filmgeschichte, sondern auch die Möglichkeit, die beeindruckende Vielfalt der Filmmusik hautnah zu erleben – und das in der besonderen Atmosphäre des Operntreffs.

Das Finale der Revue bildete der schwungvolle Song „Revolution Children“ aus dem Musical Matilda.

Mit diesem talentierten Nachwuchs brauchen wir uns um die Zukunft der Oper, des Musicals und der Dortmunder Philharmoniker keine Sorgen zu machen.

Weitere Vorstellungstermine:

  • 10.02.2025, 19:00 Uhr
  • 12.02.2025, 19:00 Uhr
  • 20.02.2025, 19:00 Uhr
  • 23.02.2025, 11:15 Uhr

Weitere Infos:
Telefon: 0231/50 27 222
Website: www.theaterdo.de