Klangvokal 2019 – starke Chorstimmen für Orlando di Lassos „Psalmen Davids“

In
der Dortmunder Marienkirche stand im Rahmen des Klangvokal
Musikfestivals alte Musik aus der Renaissance auf dem Programm. Das
Vocalconsort Berlin, einer der besten und mit ihrem breiten
Repertoire flexibelsten Kammerchöre Deutschlands, bot mit den
„Psalmen Davids“ von Orlando di Lasso (1532-1594) unter der Regie
des niederländischen Dirigenten Daniel Reuss eine Kostprobe ihres
Könnens. Gerade erst hat der Chor seinen 15. Geburtstag gefeiert.

Protegiert
vom kunstsinnigen und religiösen Herzog von Bayern in München,
Albrecht V., hatte

Orlando
die Lasso günstige Bedingungen für seine Musik. Über 2.000
Vokalwerke für weltliche und geistliche Anlässe sind Zeugnis für
sein umfangreiches Schaffen. Die „Bußpsalmen“ (Psalmi Davidis
Pœnitentialis)
haben vor allem einen besonderen Platz bei gläubigen Menschen in der
Fastenzeit und Karwoche. Es geht um Schuld, Buße und Hoffnung auf
Vergebung (Erlösung)
durch ein höheres Wesen.

Das Vocalconsort Berlin präsentierten die Bußpsalmen von Orlando di Lasso in der Marienkirche. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Das Vocalconsort Berlin präsentierten die Bußpsalmen von Orlando di Lasso in der Marienkirche. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Das
Vocalconsort (8 Männer und 5 Frauen) sang in unterschiedlicher
Konstellation (10 bis 13 Personen) aus den „Psalmen Davids“ vier
Motetten: Den erste Bußpsalm „Psalmus Primus Poenitentialis“
(Psalm 6) – „Ach Herr, strafe mich nicht in deinem Zorn“, der
zweite Bußpsalm „(Psalm 32) bringt „Die Freude der Buße“ zum
Ausdruck. Der
dritte Bußpsalm (Psalm 38)
beginnt mit den Worten
des 1. Bußpsalms und hat das in der Luther-Bibel umschriebene Thema
„In schwerer Heimsuchung“.
Der siebte Bußpsalm
(Psalm 142/143) fleht um Erhörung und Gnade.

Am
Schluss folgte der von di Lasso zur Ausschöpfung des kompletten
Kreises der acht Modi angeschlossene Lobgesang in Form der Motette
„Laudate Dominum“.

Der
raffinierte Kammerchor überzeugte nicht
nur mit ihren klaren Stimmen,
sondern mit
auch mit einer
perfekten Interpretation
des Werkes.

In
einem wunderbaren
Zusammenklang der unterschiedlichsten Stimmlagen (vom hellem Sopran
bis zum tiefen Bass) mit
„verschobenen Einsätzen“ der
Sängerinnen und Sänger, gelang ein homogener Gesamtklang und am
Ende wurden die Stimmen
perfekt zusammengeführt.

Ein
über zwei Stunden gehendes Klangerlebnis mit fast meditativer
Sogkraft.




Wiener Klassik mit viel Berlin-Bezug

Die Dortmunder
Philharmoniker unter Leitung des jungen Dirigenten Justus Thorau
(seit Herbst 2018 1. Kapellmeister am saarländischen Staatstheater),
lud Musikfreunde am 27.05.2019 zum 3. Konzert Wiener Klassik unter
dem Motto Berlin in das hiesige Konzerthaus.

Auf dem Programm
standen Werke von drei Komponisten des 19. Jahrhunderts, die eine
besondere Beziehung zur Musikmetropole Berlin. Diese Stadt zählte um
1800 schon über 150.000 Einwohner und hatte eine wachsende
Anziehungskraft und Einfluss für vielen Kulturschaffende.

Da wäre zunächst
E.T.A Hoffmann (1776 – 1822) mit seiner Sinfonie Es-Dur. Auch wenn
ihn im Laufe seines Lebens zuweilen in andere Städte trieb, blieb
Berlin doch immer ein Zentrum seines Wirkens. Vielen ist Hoffmann
eher als Vater der fantastischen romantischen Literatur bekannt.

Bei ihm mischten
sich jedoch Musik und Literatur und als Komponist war er vor allem
ein Verehrer von Wolfgang Amadeus Mozart. Im Jahr 1805 machte er
sogar aus „Theodor Wilhelm“ „Theodor Amadeus“.

Kirill Troussov spielte das Violinkonzert e-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy. (Foto: © Marco Borggreve)
Kirill Troussov spielte das Violinkonzert e-Moll von Felix Mendelssohn Bartholdy. (Foto: © Marco Borggreve)

Seine Sinfonie
Es-Dur ist durchaus (wie damals üblich) an die von Mozart (KV 543)
angelehnt. Das merkt man vor allem beim ersten Satz mit seiner
feierlichen Einleitung. Die verarbeiteten Themen sind aber von ganz
anderer Natur. Es strebt zunächst ausgestattet mit Trillern in die
Höhe, um nach einem kurzen Verarbeitungsteil in einer musikalischen
Rekapitulation zu enden.

Der zweite Satz
Andante con moto (gleiche Satzbezeichnung wie bei Mozart) ist wieder
ähnlich verspielt wie wir es von Mozart kennen. Das Menuett hat dann
etwas Fantastisches und skurriles, wie es nur von E.T.A. Hoffmann
kommen kann. Es folgt ein furioses Finale, das wieder an Mozart
erinnert.

Vor der Pause wurde
dem Publikum noch die Ouvertüre G-Dur des italienischen Komponisten
Luigi Maria Cherubini (1760 – 1842). Er zählt ebenfalls zu der zu
Unrecht vernachlässigten Kategorie von Komponisten. Bis Ende des
Zweiten Weltkriegs waren seine Handschriften und Partituren für
lange Zeit in der Berliner Staatsbibliothek zu finden. Nachdem sie
danach in Krakau verbracht wurden, sind sie nun in einer Werksausgabe
seit vier Jahrzehnten der Öffentlichkeit zugänglich.

Die Ouvertüre
G-Dur, eine Sammelbestellung der Londoner Philharmonic Society,
entfacht nach einer eher langsamen Einleitung bis zu seinem an Tempo
reichen effektvollen Schluss viel dramatisches musikalisches Feuer.
Das wurde auch vom Meister Ludwig van Beethoven sehr geschätzt.

Nach der Pause
erfreute die Philharmoniker unter schwungvoller Regie von Justus
Thorau und den in St. Petersburg geborenen und in München wohnenden
Violinisten Kirill Troussov mit dem Violinkonzert e-Moll von Felix
Mendelssohn Bartholdy (1809 – 1847). Dieser hatte einen Großteil
seiner Kindheit und Jugend in Berlin verbracht, litt aber immer unter
den unterschwelligen nationalistisch-antisemitischen Ressentiments
der Umgebung.

Sein Violinkonzert
ist nicht nur wie aus einem Guss, sondern bietet auch kleine
Überraschungen. So wurden etwa die musikalischen Themen am Anfang
nicht vom Orchester vorgestellt, sondern gleich im zweiten Takt von
der Violine. Der technisch brillante Violinist hatte schnell
Gelegenheit, sein Können und spielerische Sensibilität zu zeigen.
Schwelgerisch, leichtfüßig und filigran begeistert das Konzert. Das
Allegro molto vivace liefert zum Ende einen prickelnden aufgeräumten
Abschluss.

Als Zugabe für das
begeisterte Publikum gab in diversen Variationen (mit
Orchester-Unterstützung) das alte neapolitanische Lied „Carnevale
di venezia“ (Niccolo Paganini), vielen besser bekannt als „Mein
Hut der hat drei Ecken“.




Klangvokal 2019 – Mitreißender Gospel und Soul in der Pauluskirche

Michelle
David sagt von sich sie mache „Musik die Nahrung für die Herzen
ist und die Seele streichelt“. Die
quirlige Sängerin stand gemeinsam mit der Band „The Gospel
Sessions“ auf der Bühne in der Pauluskirche. Sie starteten ein
eineinhalbstündiges Feuerwerk aus R Rhythmus und Gesang.

Michelle
David stammt aus New York, lebt jedoch seit vielen Jahren in den
Niederlanden. Schon in ihrer Kindheit und Jugend gehörte Musik zu
ihrem alltäglichen Leben. Calypso, Jazz, Rock, R’n’B und Hip Hop und
auch Orgelmusik wechselten sich ab. Sie
sang im Gospelchor ihrer Gemeinde, seit sie fünf Jahre alt war.
Später besuchte sie die New Yorker High School für darstellende
Künste, wo sie zur Sängerin und Tänzerin ausgebildet wurde. Bei
einem Engagement für ein Musical tourte sie durch Deutschland und
lernte die Niederlande kennen und lieben. Dort traf sie 2011 die
Gitarristen Onno Smit und Paul Willemsen die jetzt gemeinsam mit dem
Schlagzeuger Toon Omen die Gospel Sessions bilden und mit der
Sängerin gemeinsam texten und komponieren.

Michelle David brachte die Pauluskirche zum Tanzen. (Foto: © Anja Cord)
Michelle David brachte die Pauluskirche zum Tanzen. (Foto: © Anja Cord)

Sie produzierten zusammen bis jetzt drei Alben, Songs aus dem Dritten „Michelle David & The Gospel Sessions Vol. 3“ stellten die Musiker im Konzert vor.Verstärkt wurde die Gruppe durch die drei Bläser der „The Jakthorns“ mit Saxophon und Trompete die Band.

Die
Musik klingt nicht nach dem traditionellen Gospelsound, sondern ist
eine Mischung aus Blues, Soul, Funk und Afro-Beat. Sie ist
vielfältig, mal mit basslastiger E-Gitarre, dann zart-schmelzend im
Gesang oder voller Energie, wenn die Bläser ihren Einsatz haben,
teilweise auch sehr melancholisch. Das Album entstand in einer Zeit,
als Michelle Davids Mutter starb und auch sonst nicht alles so glatt
lief. Die Arbeit an diesem Projekt half ihr die schwierige Zeit zu
bewältigen. Trauer, Schmerz, Hoffnung, Heilung und Inspiration
klingen in den Songs mit.

Das
Publikum in der vollbesetzten Kirche war begeistert, wenn am Anfang
auch noch etwas gebremst. Mit aufmunternden Aufforderungen zum
Mitklatschen und Mitsingen gleich zu Beginn des Konzertes schaffte
Michelle David es schnell die Zurückhaltung zu durchbrechen und das
Publikum tanzte zwischen den Kirchenbänken.

Mit den Liedern God, Get on Bord und My Praise gab es eine wunderbare Zugabe und die Band entließ ihr Publikum euphorisiert in den Abend.




Klangvokal 2019 – Jazz vom Feinsten von Indra Rios-Moore

Im Rahmen des
Klangvokal Musikfestivals stand am 23.05.2019 im Dortmunder domicil
afroamerikanischer Jazz der New Yorker Künstlerin Indra Rios-Moore
auf dem Programm.

Mit ihrem Debütalbum
„Heartland“ hatte sie mit ihrer warmen voluminösen Stimme schon
weit über die grenzen Amerikas Furore gemacht. Ihr neueste Album
heißt „Carry my heart“.

Begleitet wird die
Künstlerin instrumental auf hohem Niveau von ihrem dänischen
Ehemann Benjamin Traerup am Saxophon, dem Bassisten Thomas Sejthen
(Dänemark) und dem norwegischen Schlagzeuger Knut Finsrud.

Die einfühlsame Musik der Kosmopolitin ist zwischen Jazz, Gospel, Folk und Pop angesiedelt. Rios-Moore (und Band) muss man live erleben, um ihre besondere Wirkung und Kraft zu spüren. Sie singt nicht nur
mit ihrer starken Stimme, der ganzer Körper „Singt“ praktisch
mit und dient als Ausdrucksverstärker.

Indra Rios-Moore und ihre Mitmusiker Benjamin Traerup (Saxophon),  Bassist Thomas Sejthen  und Schlagzeuger Knut Finsrud. (Foto: © Anja Cord)
Indra Rios-Moore und ihre Mitmusiker Benjamin Traerup (Saxophon), Bassist Thomas Sejthen und Schlagzeuger Knut Finsrud. (Foto: © Anja Cord)

Neben eigenen
Kompositionen interpretiert sie hauptsächlich Songs von bekannten
Künstlern, die auch schon ihre Mutter mochte, auf eine ganz
individuelle eindrucksvolle Weise.

Das Programm bot dem
Publikum unter anderem Interpretationen von „Damage Done“ (Neil
Young), „Money“ (Pink Floyd), „Heroes“ (David Bowie) oder das
auf Spanisch gesungene mexikanische Liebeslied „Bésame
Mucho“. Mit viel Sensibilität und Wärme dargeboten, aber nicht
sentimental.

Nach
der Pause durfte auch der Jazz-Klassiker „Summertime“ in einer
wunderschönen Version
nicht fehlen.

Auf
eine eigen sanfte Art ist ihre Musik aber auch ein Statement gegen
die aktuelle Politik der US-Regierung unter Donald Trump, bei der die
Macht des Geldes der Entmenschlichung
Tür und Tore öffnet.
Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie und Frauenfeindlichkeit
und bekommen immer mehr Raum in der politischen und sozialen Realität
ihres amerikanischen Heimatlandes.(Leider nicht nur dort).

Auf
eine persönliche sanften Art möchte die Künstlerin mit ihren
„sanften musikalischen Mitteln“ Mut machen, der Kaltblütigkeit
und dem Klima der Furcht durch Liebe und Empathie Widerstand zu
leisten.

Das
Publikum wurde in ihren Bann gezogen und als Zugabe mit einer
berührenden Version von „What a wonderful World“ (Louis
Armstrong) entlassen.




Klangvokal 2019 – Wenn Musik verbindet

Das Musikfestival
Klangvokal war schon immer ein Mittler zwischen verschiedenen
Musikkulturen. Bereits 2015 baute Klangvokal „Brücken“ zwischen
den Kontinenten oder war wie 2016 „grenzenlos“. Da passte es
natürlich, dass die Organisatoren Jordi Savall für ein Konzert
einladen konnten, der mit einem Programm „Hommage an Syrien“ am
19. Mai 2019 im Konzerthaus das gebeutelte Land als
Inspirationsquelle für die Musik aus dem Orient. Ein besonderes
Erlebnis für die Besucher.

Das Thema Okzident
und Orient ist für den spanischen Musikwissenschaftler und Gambisten
Jordi Savall nicht neu. Bereits 2006 erschien eine CD mit dem Titel
„Orient – Occident“, 2013 brachte er „Orient – Occident II“
heraus. Seine aktuelle Tournee heißt „Hommage an Syrien“.
Hierbei spielen in seinem gegründeten Ensemble Hespèrion XXI und
dem interkulturellen Ensemble Orpheus XXI musikalische Freunde Musik
aus dem jüdischen, muslimischen und christlichen Mittelmeerraum. Mit
dabei sind Musiker, die vor dem Krieg in Syrien fliehen mussten.

Neben virtuosen Instrumentalisten hatte Jordi Savall auch gute Gesangssolisten mit nach Dortmund gebracht. Im Vordergrund: Rebal Alkhodari (links) und Waed Bouhassoun. (Foto: © Anja Cord)
Neben virtuosen Instrumentalisten hatte Jordi Savall auch gute Gesangssolisten mit nach Dortmund gebracht. Im Vordergrund: Rebal Alkhodari (links) und Waed Bouhassoun. (Foto: © Anja Cord)

Doch die Musik, die
im Konzerthaus erklang, war keinesfalls traurig oder deprimierend. Im
Gegenteil: Savall hatte einige Tänze aus der Türkei, Syrien oder
Afghanistan im Programm. Fröhliche Lieder wie „Lamuny“, die zum
Tanzen animierten und von den Musikerinnen und Musikern erfrischend
interpretiert wurden, gab es genügend. Auch melancholische Stücke
wie „Ce brun – Hal asmar“, gesungen von der eindrucksvollen
Waed Bouhassoun, waren im Programm.

Überhaupt war das
Konzert ein Genuss für Freunde der orientalischen Musik. Neben der
Oud, waren noch Instrumente wie Duduk, Ney (beides Flötenarten),
Sarod und Robab (zwei Saiteninstrumente) zu hören. Natürlich
gehörten auch exotische Percussioninstrumente zum Ensemble.

Das musikalische
Zentrum des Konzertes war Syrien. Traditionelle Lieder und Tänze aus
Damaskus oder Aleppo wurden kombiniert mit Stücken aus Kurdistan,
der Türkei oder Nordafrika. Daneben führte uns Savall nach
Afghanistan und sogar nach Indien, als der Raga „Muddhu gare
yashoda“ erklang. Einen kleinen Ausflug gab es nach Paris. Das
Stück „Le Quarte Estampie Royal“ aus dem 13. Jahrhundert zeigte,
dass die musikalische Verwandtschaft zwischen dem Osten und dem
Westen zu der Zeit noch sehr eng war. Lieder aus dem Kulturkreis der
sephardischen Juden rundete das Konzert ab.

Die Spielfreude der
über 20 Musikerinnen und Musiker sprang auf das Publikum über. Hier
zeigte es sich deutlich, dass die Musik ein verbindendes Element ist,
das imstande ist, Brücken zwischen Kulturen zu bauen und ein
„Wir“-Gefühl zu stärken. Daher sind solche Konzerte ungemein
wichtig.




Klangvokal 2019 – mitreißende Weltmusik aus Kamerun

Sanft
und locker beginnen die vier Musiker das Konzert und ziehen mit dem
ersten Song die Zuschauer im domicil in ihren Bann. Blick Bassy nimmt
mit einer beeindruckend rauchigen Stimme, die bis ins Falsett
aufsteigen kann die Zuhörer mit in seine westafrikanische Welt.
Begleitet durch Posaune, Trompete, Keyboard und Cello breitet sich
eine Mischung aus Melancholie und Freude aus.

Blick
Bassy präsentiert im domicil im Rahmen des Musikfestivals Klangvokal
sein neues Programm „1958“, die CD dazu ist im März erschienen.
Der politisch engagierte Musiker beschäftigt sich in seinen Songs
mit der Geschichte Kameruns. Es ist eine Hommage an den
Widerstandskämpfer Ruben Um Nyobé, der im September 1958 im Kampf
um die Freiheit getötet wurde. Bassy ist der festen Überzeugung,
dass sich Kamerun nur weiterentwickeln kann, wenn es seine Wurzeln
wieder entdeckt.
Für ihn ist die Zeit vor der Kolonialisierung durch Deutsche, Briten
und Franzosen genauso wichtig, wie der Befreiungskampf für die
Unabhängigkeit Kameruns. Die Texte sind fast ausschließlich in
seiner Muttersprache Bassa geschrieben. Er möchte die Sprache so vor
dem Aussterben bewahren. In Kamerun gibt es über 270 einzelne
Sprachen, die Amtssprachen sind jedoch Französisch und Englisch.

Blick Bassy in der Mitte mit seinen Mitmusikern. (Foto: © Anja Cord)
Blick Bassy in der Mitte mit seinen Mitmusikern. (Foto: © Anja Cord)

Die
Musik ist im Gegensatz zu den Inhalten sanft, melancholisch, manchmal
kontemplativ, dann wieder mitreißend rhythmisch. Statt auf dem Banjo
spielt Bassy in diesem Programm E-Gitarre. Er nennt seinen Stil
Afroblues oder Global Blues, eine Mischung aus Latin, Jazz,
traditionellen afrikanischen Sounds und souliger Musik. Sie erinnert
an die Cajunmusik aus New Orleans, mit Frasierungen, Bläsersätzen
und Melodien die zum Tanzen animieren, kraftvoll, irgendwie geerdet.

Mit
dem Song Sango Ngando reißt die Band das Publikum von den Stühlen,
die Musiker tanzen klatschend und singend über die Bühne und
begeistern den fast ausverkauften Saal.

Global Blues aus dem Herzen von Kamerum: Blick Bassy. (Foto: © Anja Cord)
Global Blues aus dem Herzen von Kamerum: Blick Bassy. (Foto: © Anja Cord)

Neben
Blick Bassy ist Clément Petit am Cello ein wahrer Künstler.
Trommelnd, zupfend und streichend entwickelt er mit seinem Instrument
einen rhythmischen Klangteppich für die eingängigen Songs.

Das
eineinhalbstündige Programm vergeht wie im Flug, die Konzertbesucher
brechen in anhaltenden Applaus aus und werden mit zwei weiteren
Liedern als Zugabe belohnt.




Klangvokal 2019 – Mit italienischem Flair ins Festivalvergnügen

Die italienische
Operngala war in den vergangenen Jahren der große Abschlusshöhepunkt
des Klangvokal-Festivals. Bei gutem Wetter gerne im Westfalenpark an
der Seebühne mit Feuerwerk. Im Jahr 2019 startete Klangvokal am 16.
Mai im Konzerthaus mit Musik aus italienischen Opern mit der
Sopranistin Anna Pirozzi und dem Tenor Teodor Ilincai.

Der überwiegende
Teil der Arien und Duette stammen aus den Opern des Verismo. Der
Verismo war eine populäre Operngattung zwischen 1890 und 1920 in
Italien. Nicht mehr um Götter, Kaiser oder andere hohe Personen
sollte sich die Oper drehen, sondern um „gewöhnliche Menschen“.
In den überwiegend als Einakter konzipierten Stücke passiert
gewöhnlich ein Beziehungsdrama, das schreckliche Konsequenzen nach
sich zieht. Die Libretti ähneln ein wenig dem Boulevardjournalismus.
Das „Wir“ (ganz nach dem Motto des Festivals) und der
gesellschaftliche Kontext spielen eine große Rolle.

Doch der Abend
begann mit Guiseppe Verdi. Seine Werke prägen die Opernkultur bis
heute. Aus seinem umfangreichen Schaffen erklangen Ausschnitte von
„Nabucco“, „Macbeth“ und „Simon Boccanegra“, gespielt von
der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung von Carlo
Montanaro. Hier konnte sich Anna Pirozzi als Lady Macbeth bei „Nel
dì della vittoria…“ auszeichnen.

Teodor Ilincai und Anna Pirozzi begeisterten mit ihren Stimmen beim ersten Konzert des Klangvokal-Festivals. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Teodor Ilincai und Anna Pirozzi begeisterten mit ihren Stimmen beim ersten Konzert des Klangvokal-Festivals. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Weiter ging es mit Pietro Mascagni. Sein berühmtestes Werk ist
„Cavalleria rusticana“, auf
Deutsch „Die Bauernehre“. Im Gegensatz zum Schicksal von Königen
oder Völkern geht es in Mascagnis Einakter um eine tödlich endende
Dreierbeziehung. Neben dem bekannten „Intermezzo“ zeigten Pirozzi
und Ilincai im Duett „Ti qui Santuzza“, dass ihre Stimmen gut
harmonierten.

Den schwungvollen Anfang nach der Pause
machte Giacomo Puccini und „Tosca“, es
folgte Amilcare Ponichielli, dessen
Oper „La Gioconda“ zwischen Verdi und dem Verismo beheimatet ist.
Die Oper „Pagliacci“ von
Ruggero Leoncavalli ist in Deutschland vermutlich bekannter unter dem
Namen „Der
Bajazzo“. Hier erklang die Arie des Tonio „Vesti la giubba“.
Den Schlusspunkt setzte Umberto Giordanos
Oper „Andrea Chénier“.

So
ein Abend steht und fällt mit den Sängerinnen und Sängern. Mit
Anna Pirozzi und Teodor Ilincai hatten
die Festivalorganisatoren ein gutes Händchen. Oft erklangen nach den
Arien „Bravo“-Rufe und den beiden hat es scheinbar auf der Bühne
richtig Spaß gemacht, so das der Funke schnell auf das Publikum
übersprang. Mit drei Zugaben wurde der Abend abgeschlossen. Ein
erfolgreicher Start in die diesjährige Klangvokal-Spielzeit.




Armenisches Klanggemälde

Mit zwei Werken des
sowjetisch-armenischen Komponisten Aram Chatschaturian und der 4.
Sinfonie von Peter Tschaikowsky entführten die Dortmunder
Philharmoniker im 8. Philharmonischen Konzert der Spielzeit 18/19
unter der Leitung von Markus Stenz das Publikum nach Russland und
nach Armenien. Der Titel „Düstere Leidenschaft“ war Programm und
Solokünstler Nemenja Radulović zeigte diese düsteren
Leidenschaften im Violinkonzert von Chatschaturian.

Den Beginn des
Philharmonisches Konzertes machten einige Sätze aus der Ballettmusik
„Gajaneh“ von Chatschaturian. Das Ballett war eine Auftragsarbeit
der Kommunistischen Partei der UdSSR und Chatschaturian komponierte
die Arbeit 1942, also während des Zweiten Weltkrieges. Populär
wurde vor allem der „Säbeltanz“ am Ende des Balletts. Er wurde
in einigen Filmen benutzt und wurde sogar in der Popmusik gecovert.
Klar, dass dieses bekannte Stück nicht fehlen durfte.

Gut bekannter Gast: Nemenja Radulović verzauberte erneut das Publikum beim Philharmonischen Konzert. (Foto: © Charlotte Abramow / Deutsche Grammophon)
Gut bekannter Gast: Nemenja Radulović verzauberte erneut das Publikum beim Philharmonischen Konzert. (Foto: © Charlotte Abramow / Deutsche Grammophon)

Mit einem großen
Griff in das Repertoire der armenischen Volksmusik ging es weiter,
denn auch das Violinkonzert in d-moll von Chatschaturian lebt in
seiner Virtuosität und Musikalität vom Heimatland des Komponisten.
Als Solokünstler wurde ein alter bekannter engagiert. Nemenja
Radulović war bereits im Juni des vergangenen Jahres zu Gast der
Dortmunder Philharmoniker. Damals spielte er das Violinkonzert in
a-moll von Mozart. Jetzt hat Radulović Chatschaturian im Gepäck und
passenderweise spielt er auf seiner neuen CD „Baïka“ auch sein
Violinkonzert. Mit dem ersten Bogenstrich entführt uns Radulović in
den Kaukasus. Die Dynamik, die rhythmischen Variationen der Tänze,
energisch dargeboten von Radulović und den Philharmonikern.
Verdientermaßen gab es Standing Ovations vom Publikum für den
Solokünstler, aber auch für das Orchester, das mit Radulović eine
musikalische Einheit formte. Der Künstler bedankte sich beim
Publikum mit einer Zugabe.

Die düstere
Leidenschaft hielt auch Tschaikowsky in ihren Bann. Zeitlebens konnte
er seine Homosexualität nicht öffentlich machen, er flüchtete
sogar in eine flüchtige Ehe, die ihn aber noch unglücklicher
machte. Ein Seelendrama in Musiknoten eindrucksvoll intoniert von den
Dortmundern Philharmonikern. Sehr anrührend ist der zweite Satz der
Sinfonie, das „Andantino“, das mit einem Oboensolo beginnt. Hier
erinnert sich Tschaikowsky musikalisch an bittersüsse
Kindheitserinnerungen, der vierte Satz führt alle drei Themen wieder
zusammen. Hier wird vielleicht ein Volksfest zelebriert und das Motto
lautet: Freuen Sie sich an den Freuden der anderen Menschen. Doch das
Schicksalsmotiv aus dem ersten Satz taucht wieder auf mit der
düsteren Erkenntnis des Komponisten: Ich muss leider außerhalb
dieser Freude bleiben.




Ausdrucksvolles Kammerkonzert um „Gefahr und Frieden“

Im Dortmunder
Orchesterzentrum stand am 13.05.2019 die Streicher der hiesigen
Philharmoniker unter dem Motto „Gefahr und Frieden“ im
Mittelpunkt.

Beteiligt waren
neben Hauke Hack (Violoncello), der auch mit „pieces for peace –
Bans İçin
Eserler“ auch eigene Kompositionen aus den letzten Jahren beitrug,
Branca Weller (Violine), Judith Schween (Violine), Hindenburg Leka
(Viola), Saskia Simion (Viola) und Christiane Schröder
(Violoncello). Frank
Kistner am Kontrabass unterstützte die sechs KollegInnen bei den
musikalischen Sätzen von Antal György Csermàks
(1744-1822) „Die drohende Gefahr oder Die Vaterlandsliebe“.

Mit
„pieces for peace“ hat Hauke Hack in
jedem Satz wunderbare
musikalische Porträts von
Namen und Eigenschaften verschiedener
Freunde, Verwandten
oder Bekannten
geschaffen. Gewidmet
wurde die Stücke der englischen Politikerin Jo Cox sowie der
deutschen Lehramtsstudentin Tuğçe
Albayrak, die beide aus politischen Gründen ermordet wurden.

Das
Publikum konnte sich davon überzeugen, das die Satzbezeichnungen
sensibel durch die Musik transformiert wurden. Sogar
bekannte Melodie wie
„Happy Birthday“ oder „Lasst uns froh und munter sein“ waren
für das geübte Ohr (heraus)
zu hören.

Hauke Hack spielte mit seinen Streicherkolleginnen und -kollegen auch eigene Kompositionen beim Kammerkonzert . (Foto: © Anke Sundermeier)
Hauke Hack spielte mit seinen Streicherkolleginnen und -kollegen auch eigene Kompositionen beim Kammerkonzert . (Foto: © Anke Sundermeier)

Im
Wechsel
dazu erklangen jeweils einzelne
Sätze von „Die drohende Gefahr oder Die Vaterlandsliebe“ des
berühmtesten ungarischen Komponisten Antal Gyögy Csermàk.
Seine Komposition zeichnet sich durch eindrucksvolle
Schlachtengemälde (zur Zeit der Napoleonischen Kriege um 1809) unter
Einbeziehung des damals zur Anwerbung von Soldaten gespielten
Verbunkos-Tanzes und wechselt von temperamentvoll „kampfbereit“
bis melancholisch-traurig. Die Schrecken und Grausamkeit des Krieges
im Hintergrund.

Nach
der Pause ging es mit dem Streichsextett
G-Dur op. 36 von Johannes Brahms (1833-1897) friedlicher weiter.

Tragischer
Hintergrund dieses Werkes ist die unglückliche Liebe von Brahms zu
Agathe von Siebold. Der Komponist wollte diese endgültig verarbeiten
und sich von ihr losmachen. Das
Seitenthema im Kopfsatz bezeugt, um wen es sich hier handelt. Es
beinhaltet deutlich die Notenfolge a-g-ad-h-e. Ein kompositorisches
Prinzip, das Hauke Hack in seinen musikalischen Porträts ja
ebenfalls verwendet.

Die
Musik ist durch klare Linien, melancholischen Adagio und einem
bewegenden Final gekennzeichnet.

Als
Zugabe wurde dem Publikum
noch ein schmissiger ungarischer „Czardasz“ geboten.

Ein
eindrucksvolles Beispiel für die Ausdruckskraft der Musik und der
Streichinstrumente.




Die unglaubliche Mirga

Eine
exzellente Wahl traf Intendant Raphael von Hoensbroech mit der
nächsten Exklusivkünstlerin, der Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla.
Ab Herbst 2019 tritt sie im Konzerthaus die Nachfolge von Andris
Nelson, dem jetzigen Künstler an. Für drei Spielzeiten wird sie mit
ihrem Orchester, dem City of Birmingham Symphony Orchestra die
Konzerthausbesucher begeistern. Seit 2016 ist sie Chefdirigentin
dieses renommierten britischen Klangkörpers. Damit folgte sie
berühmten Vorgängern wie Edward Elgar, Simon Rattle, Sakari Oramo
und Andris Nelson.

Die
temperamentvolle litauische Musikerin stammt aus einer
musikbegeisterten Familie. Ihr Vater ist Chordirigent, die Mutter und
eine Schwester sind Pianistinnen, die Großmutter war Geigerin.

Mirga
Gražinytė-Tyla studierte zunächst Chor- und Orchesterdirigieren an
der Grazer Universität, wechselte dann an das Konservatorium nach
Bologna, besuchte die Musikhochschule Leipzig und die Züricher
Hochschule der Künste. 2009 wurde sie in das Dirigentenforum des
Deutschen Musikrates aufgenommen. Das Forum ist ein bundesweites
Förderprogramm des Deutschen Musikrates für den dirigentischen
Spitzennachwuchs, in den Sparten Orchesterdirigieren und
Chordirigieren. Sie ist Trägerin des „Salzburg Festival Young
Conductors Award“ und hat in den letzten Jahren Einladungen
zahlreicher Orchester und Opernhäuser angenommen.

Die
32-jährige Musikerin gilt als Shootingstar unter den jungen
Dirigenten und als eine der wenigen Frauen, die sich bis jetzt das
Dirigentenpult erobern konnten. Als erste Dirigentin unterschrieb
Mirga Gražinytė-Tyla einen Exklusivvertrag der Deutschen
Grammophon.

Die neue Exklusivkünstlerin des Konzerthauses Mirga Gražinytė-Tyla. (Foto: © Ben Ealogeva).
Die neue Exklusivkünstlerin des Konzerthauses Mirga Gražinytė-Tyla. (Foto: © Ben Ealogeva).

Als
ihre bekanntesten Vorreiterinnen in der Männerdomäne gelten die
Amerikanerin Marin Alsop und die Australierin Simone Young. Young war
von 2005 bis 2015 Generalmusikdirektorin und Intendantin an der
Staatsoper in Hamburg. Marin Alsop leitet seit 2007 das Baltimore
Symphony Orchestra und wird zur nächsten Saison Chefin beim
ORF-Radiosinfonieorchester.

Als
Ausblick auf ihre Zeit in Dortmund möchte die Dirigentin Musik
unterschiedlichster Komponisten vorstellen, aus Litauen und auch
britische Musik. Gerade in der heutigen Zeit ist es ihr wichtig
Brücken zu bauen. Es ist ihr „eine Freude und Ehre als
Exklusivkünstlerin in Dortmund tätig zu sein.“

Fünfmal
wird Mirga Gražinytė-Tyla während ihrer ersten Saison in Dortmund
auf der Bühne stehen. Die Chordirigentin bringt ein Schlüsselwerk
des 20. Jahrhunderts zur Aufführung. „A child of our time“, ein
Oratorium von Michael Tippett. In zwei weiteren großformatigen
Konzerten sind mit Piotr Anderszewski und Gabriela Montero ihre
musikalischen Partner.

Im
„Geheimnis der Liebe“ bringt sie in kleinerem Rahmen „ägyptische
Gedichte der Liebe“ zur Aufführung und im Salongespräch mit
Intendant Raphael von Hoensbroech begrüßt Mirga Gražinytė-Tyla
ihre Familie.

Einige
Besucher hatten schon im November 2017 die Möglichkeit Mirga
Gražinytė-Tyla in einem beeindruckenden Konzert zu erleben und auch
in der laufenden Saison ist die Chefdirigentin und ihr Orchester im
Konzerthaus zu Gast. Neben Werken von Mieczyslaw Weinberg und Igor
Strawinsky präsentieren sie am 15. Mai gemeinsam mit Starpianistin
Yuja Wang das fünfte Klavierkonzert von Sergej Prokofiew.