Mao Fujita – ein Abend voller Klarheit, Ausdruck und musikalischer Tiefe

Mit einem anspruchsvollen und dramaturgisch klug aufgebauten Programm präsentierte sich der japanische Pianist Mao Fujita am 18. November 2025 dem Publikum. Der Abend führte von Beethoven über Wagner, Berg und Mendelssohn bis hin zu Brahms – eine Reise durch Klassik, Romantik und Frühmoderne, die Fujita mit technischer Brillanz und poetischer Sensibilität meisterte. Schon nach wenigen Minuten zeigte sich, warum er als einer der interessantesten Pianisten seiner Generation gilt: Sein Spiel verbindet strukturelle Übersicht mit berührender Ausdruckskraft.

 

Beethoven – Musik, die atmet

Zum Auftakt erklang Ludwig van Beethovens Klaviersonate Nr. 7 in D-Dur, op. 10 Nr. 3.
Fujita gestaltete den ersten Satz (Presto) mit federnder Energie und klar konturierten Linien. Im Largo e mesto entfaltete Fujita eine meditative Intensität: Er ließ die Pausen bewusst sprechen und schuf eine Atmosphäre schlichter, fast kammermusikalischer Innerlichkeit. Das anschließende Menuetto klang leicht und kantabel, ehe das Rondo mit seiner Mischung aus Brillanz und Leichtigkeit den ersten Höhepunkt des Abends markierte.

 

Wagner, Berg und Mendelssohn – ein poetischer Mittelteil

Ein kurzer Moment zarter Lyrik folgte mit Richard Wagners Albumblatt „In das Album der Fürstin Metternich“ (WWV 94). Fujita verlieh dem selten gespielten Stück einen schwebenden Klang und hielt die spätromantische Geste transparent, ohne sie zu überladen.

Die „Zwölf Variationen über ein eigenes Thema“ (1908) von Alban Berg bildeten den strukturell anspruchsvollsten Abschnitt des Programms. Fujita navigierte durch die oft spröden und atonalen Miniaturen mit bewundernswerter Klarheit. Jede Variation erhielt einen eigenen Charakter – mal filigran und leise tastend, mal eruptiv und kraftvoll.

mao Fujita spielte sein zweites Konzert im Rahmen der "jungen Wilden" im Konzerthaus. (Foto: Daniel Sumesgutner)
mao Fujita spielte sein zweites Konzert im Rahmen der „jungen Wilden“ im Konzerthaus. (Foto: Daniel Sumesgutner)

Zum Abschluss vor der Pause erklangen Felix Mendelssohn Bartholdys Variations sérieuses op. 54. Fujita präsentierte das Werk mit elektrisierender Energie und dennoch äußerster Präzision. Der dramaturgische Aufbau – vom verhaltenen Beginn bis zum virtuos aufwallenden Finale – wirkte stringent und organisch. Mendelssohns Mischung aus klassischer Formstrenge und romantischer Leidenschaft traf Fujita mit sicherem Gespür.

 

Brahms – jugendliche Kraft und lyrische Tiefe

Nach der Pause kehrte Fujita mit Johannes Brahms’ Sonate Nr. 1 C-Dur, op. 1 zurück – einem Monument der frühen Romantik, das pianistisch wie emotional große Spannweite verlangt.

Das Andante, basierend auf dem Volkslied „Verstohlen geht der Mond auf“, spielte er erzählerisch und mit großer Innigkeit.

Im Scherzo dominierten klare rhythmische Konturen und druckvolle, aber nie harte Akzente. Das Finale verband Virtuosität mit strukturellem Bewusstsein.

 

Wagner als würdiger Abschluss

Den emotionalen Schlusspunkt setzte Fujita mit Wagners „Albumblatt für Frau Betty Schott“ (WWV 90) – einer Miniatur voller spätromantischer Intensität. Fujita verband warme Mittellagen, gesangliche Spannungsführung und eine kontrollierte Klangfülle zu einem würdevollen Abschluss.

 

Fazit: Ein Abend, der lange nachhallt

Mao Fujita präsentierte ein Programm, das stilistisch wie technisch höchste Anforderungen stellte – und er erfüllte sie mit einer Mischung aus analytischer Klarheit, erzählerischer Tiefe und poetischer Sensibilität.

Das Publikum feierte ihn mit langanhaltendem Applaus – völlig zu Recht. Fujita bestätigte eindrucksvoll, dass er zu den bemerkenswertesten Pianisten seiner Generation zählt.




Dortmund als Ankerplatz für Johann Sebastian Bach

Im Pianohaus van Bremen, Hansastraße 7 in Dortmund, fand am 26. November 2025 die Buchpräsentation „Dortmund – eine Bachstadt“ in einem passenden Rahmen statt. Wie schon Reinoldikantor Drengk in seinem schriftlichen Grußwort erwähnte, wäre dieses Buch ohne die beharrliche Recherche und die tiefe Verbundenheit zur Dortmunder Musikgeschichte von Gerhard Stranz nicht möglich gewesen.

 

Präsentation und Würdigung

Zu Beginn gab es eine Kostprobe von Daniel Friedrich Eduard Wilsings „Drei Fugen für das Pianoforte – Fuge 1, B-Dur“, die Stanislava Ovdiischuk am Klavier live und leidenschaftlich darbot. Es folgte die Begrüßung durch den Gastgeber, Maximilian van Bremen. Nach Dank und Würdigung der ihn unterstützenden Helfer fand die Übergabe der Chronologie an Stadtdirektor und Kulturdezernenten Jörg Stüdemann statt.

 

Wilsing und die Bach-Tradition

Anschließend erzählte Gerhard Stranz lebendig einige Geschichten zum Leben des Hörder Komponisten Eduard Wilsing. Dessen Wirken leider nicht angemessen wahrgenommen wurde. . Ebenfalls beleuchtet wurde die bedeutende Rolle seines Urgroßvaters Johann Gottlieb Preller (Kantor der Dortmunder Marienkirche) für den Zugang zu den Werken von J. S. Bach sowie dessen Verbindung etwa zur Familie Mendelssohn Bartholdy. Eduard Wilsing hatte aufgrund seiner Nähe zu den Werken von J. S. Bach (sowie Mozart und Beethoven) einen ganz eigenen Zugang zu dessen Musik gefunden und diese bearbeitet. Eines der bekanntesten Werke von Bach, das Weihnachtsoratorium, wurde bei spärlicher Beleuchtung kurz eingespielt, was die Anwesenden atmosphärisch in die damalige Zeit versetzte.

Gerhard Stranz bei der Veranstaltung.
Gerhard Stranz bei der Veranstaltung.

 

Musikalische Ausblicke

Nach Statements von Jörg Stüdemann und Markus Beul (Violoncello, Dortmunder Philharmoniker) gab es zum Abschluss noch ein musikalisches Intermezzo am Cello von Alexandra Althoff mit „Bach pur – Cello Suite No. 3 – Prélude“ von J. S. Bach. Als Zugabe spielte die junge Stanislava Ovdiischuk am Klavier noch Edvard Griegs „Carneval Op. 19 Nr. 3“.

 

Was nun erwartet wird

Nun wartet Wilsings Oratorium „Jesus Christus“ auf eine Neuherausgabe und Aufführung. Seine Bearbeitungen der Fünften und Neunten Sinfonie für vier Hände lassen auf eine spannende „verdichtete Fassung“ hoffen. Auch das wiedergefundene doppelchörige „Laudate Domnum“ (das einzig erhaltene Werk von Johann Gottlieb Preller) wartet auf seine Erstaufführung.

Freunde dieser Musik dürfen gespannt sein.

 




Philharmonic Club – Repercussion x Dortmunder Philharmoniker

Mit der Konzertreihe „Philharmonic Club“ wagt das Konzerthaus Dortmund immer wieder den Brückenschlag zwischen klassischer Musik und clubkulturellen Formaten. Auch an diesem Abend verwandelte sich der Saal erneut in einen atmosphärischen Clubraum: gedämpftes Licht, pulsierende Visuals und ein Setting, das das Publikum nicht nur zum Zuhören, sondern zum Eintauchen einlud. Schon dieser Rahmen war ein starkes Zeichen dafür, wie offen und experimentierfreudig sich das Konzerthaus präsentiert.

Im Zentrum des Abends stand das Neo-Percussion-Trio Repercussion (Veith Kloeters, Rafael Sars, Simon Bernstein), das mit beachtlicher Präzision und musikalischem Ideenreichtum die Bühne dominierte. Die drei Musiker überzeugten vom ersten Ton an: technisch exzellent, rhythmisch messerscharf und mit spürbarer Bühnenenergie. Ihre Kompositionen – eine Mischung aus Neo-Klassik, Electronica und innovativen Schlagwerksounds – entfalteten eine dichte Atmosphäre, die sich schnell auf den ganzen Saal übertrug.

Repercussion verwandelte das Konzerthaus in einen Club.
Repercussion verwandelte das Konzerthaus in einen Club.

Das speziell für diesen Abend entwickelte Projekt „Euphoria“ versprach eine Verschmelzung der vibrierenden Repercussion-Rhythmen mit den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Koji Ishizaka. Doch gerade hier zeigte sich ein deutlicher Bruch zwischen Anspruch und Umsetzung. Die Orchestermusiker wirkten eher wie eine klangliche Ergänzung im Hintergrund denn als gleichberechtigte Partner in einem echten Crossover. Statt einer symbiotischen Verbindung entstand der Eindruck, dass das Orchester lediglich begleitende Akzente setzte, während das Trio unangefochten das musikalische Zentrum bildete.

Trotz dieses konzeptionellen Ungleichgewichts war „Euphoria“ ein energiegeladenes Erlebnis mit eindrucksvollen Momenten. Repercussion schaffte es, die Menschen im Konzerthaus zum Tanzen zu bringen, zumindest was die engen Sitzreihen hergaben. Vor allem die Visuals und das clubartige Setting trugen dazu bei, dass sich das Konzerthaus tatsächlich wie ein hybrider Raum zwischen Philharmonie und Club anfühlte – ein Experiment, das grundsätzlich Mut verdient.




Gefühlsstürme – Kammermusik im sweetSixteen-Kino

Das sweetSixteen-Kino im Dortmunder Depot ist sonst ein Ort für Filmkunst – doch an diesem Novemberabend wurde es zur Bühne für große Emotionen. Beim ersten Kammerkonzert der Reihe unter dem Titel „Gefühlsstürme“ verwandelte sich der kleine Saal in einen Raum intensiver musikalischer Nähe. Die Akustik erwies sich als warm und klar, jeder Bogenstrich war hörbar, jede Nuance spürbar – eine perfekte Umgebung für Kammermusik, die berührt und fordert.

Das Belsima Quartett – Rika Ikemura und Haruka Ouchi (Violine), Hanna Schumacher (Viola) und Sofia Lucía Roy (Violoncello) – nahm das Publikum mit auf eine Reise durch drei Jahrhunderte musikalischer Gefühlskunst: von Viktor Ullmanns erschütternder Ausdruckskraft über Beethovens ungestüme Energie bis zu Mendelssohns romantischer Innigkeit.

 

Viktor Ullmann – Musik als Widerstand

Den Auftakt bildete Viktor Ullmanns Streichquartett Nr. 3, komponiert 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Kaum ein Werk zeigt eindrücklicher, wie Kunst selbst unter unmenschlichen Bedingungen zu einer Form des Widerstands werden kann.
Das Quartett spielte mit großer Klarheit und emotionaler Intensität. Im Wechsel zwischen drängenden, fast verzweifelten Passagen und zarten Momenten des Innehaltens entstand ein Klangbild von existenzieller Tiefe. Besonders das Largo wirkte wie ein stilles Gebet, das am Ende in ein trotziges, rhythmisch pulsierendes Finale mündete.

„Gefühlsstürme“ war damit nicht nur ein Konzerttitel, sondern eine Erfahrung
„Gefühlsstürme“ war damit nicht nur ein Konzerttitel, sondern eine Erfahrung

 

Beethoven – Sturm und Ordnung

Mit Beethovens Streichquartett Nr. 4 c-Moll, op. 18/4 kehrte das Programm in die Klassik zurück, doch die Leidenschaft blieb. Schon der junge Beethoven zeigt hier seine unbändige Energie, die das Belsima Quartett mit technischer Brillanz und feinem Gespür umsetzte.
Das Zusammenspiel war präzise und lebendig, die musikalischen Dialoge zwischen den Stimmen wirkten spontan und organisch. Besonders das temperamentvolle Finale „Allegro – Prestissimo“ ließ spüren, warum Beethovens Musik bis heute elektrisiert.

 

Mendelssohn Bartholdy – Jugendliche Sehnsucht

Nach der Pause folgte mit Felix Mendelssohn Bartholdys Streichquartett Nr. 2 a-Moll, op. 13 ein Werk voller Romantik und innerer Bewegung. Der junge Mendelssohn – kaum achtzehn Jahre alt – verarbeitete darin persönliche Empfindungen und musikalische Bewunderung für Beethoven zu einem Stück von berührender Emotionalität.
Das Belsima Quartett brachte diese Mischung aus jugendlicher Leidenschaft und lyrischer Zartheit wunderbar zum Klingen. Das Adagio, fein phrasiert und warm im Ton, wurde zum emotionalen Zentrum des Abends.

 

Ein Ort, der Musik atmet

Das Konzert zeigte eindrucksvoll, wie viel Atmosphäre ein kleiner Raum entfalten kann. Das sweetSixteen-Kino, sonst Ort für anspruchsvolles Kino, bot mit seiner Nähe und Akustik eine ideale Bühne für Kammermusik. „Gefühlsstürme“ war damit nicht nur ein Konzerttitel, sondern eine Erfahrung – intensiv, konzentriert und menschlich nah.




Liebe und Tragik in der Wärme des Südens: „Amore Siciliano“ bei Klangvokal

„Palermo, 22 Grad, Sonnenschein“ – diesen Wunsch äußerte Barbara Welzel zu Beginn der Vorträge am Dienstag in der Reihe „Bild und Klang“ in der Reinoldikirche, bevor der Leiter des Klangvokal-Musikfestivals, Torsten Mosgraber, ans Mikro trat und Sizilien und seine Musik vorstellte. Ein frommer Wunsch in kühler Kirche. Wärmer wurde es dann am Freitag, dem 31.10.2025 im Reinoldisaal, denn dort konnte „Amore Siciliano“ mit fünf Sängerinnen und Sängern und neunköpfigem Orchester, der Cappella Mediterranea, auf Einladung von Klangvokal bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert live erlebt werden.

Das Ensemble bot eine wohltemperierte Mischung (Pasticcio) aus Volksmusik aus Sizilien, aber auch aus Apulien und Kalabrien sowie Barockmusik aus Süditalien des 17. und 18. Jahrhunderts. Geformt zu einem Prolog und zwei Akten, in denen es um Liebe ging – natürlich –, aber mit Irrungen und Wirrungen: Verrat, Eifersucht und Tod, nicht ganz natürlich.

Den Rahmen bildet das Lied von Cecilia, La Canzone di Cecilia, die sich den Versprechungen Don Lidios hingibt, der dafür ihren im Gefängnis schmorenden Peppino freilassen will. Zu Beginn erklingt ein geistliches Lied von Vincenzo Tozzi aus dem 17. Jahrhundert. Stimmungsvoll mit Kerzen wird die Geburt Jesu in der Weihnachtsnacht gepriesen. Die Kunstmusik der Zeit ist geprägt durch die katholische Kirche, bei der Tozzi als Chorleiter in Messina angestellt war, nachdem er bereits in Rom gewirkt hatte.

Sizilianische Wäre im herbstlichen Dortmund. (Fotocollage: Martina Bracke)
Sizilianische Wäre im herbstlichen Dortmund. (Fotocollage: Martina Bracke)

Nach diesem eher getragenen Prolog beginnt die Erzählung, die der Komponist und Leiter des Ensembles, Leonardo García Alarcón, aus den Liedern gewoben hat. Seine Recherchearbeit führte ihn dabei bis nach Malta. Im Kathedralenmuseum in Valletta lagern diverse Manuskripte und gedruckte Werke italienischer und maltesischer Komponisten. Malta liegt nur rund einhundert Kilometer von Sizilien entfernt.

Das tragische Geschehen nimmt seinen Lauf. Peppino möchte nicht, dass seine Cecilia sich hingibt, doch ihre Liebe bringt sie dazu. Eifersucht spielt bei der Gattin des Verführers hinein. Zwischendurch erleben die Zuhörerinnen und Zuhörer auch erheiternde Stücke, wenn zum Beispiel die Laute eines Esels in einem Volkslied erklingen. Dafür erhält der Tenor Valerio Contaldo Szenenapplaus.

Der ganze Abend kommt ohne Bühnenaufbauten aus. Die Musikerinnen und Musiker mit einigen interessanten Instrumenten (Viola da Gamba, zwischen den Beinen gehalten, oder auch verschiedene Lauten) befinden sich auf der Bühne. Der Leiter des Ensembles spielt die Orgel, manchmal auch stehend, damit er gleichzeitig dirigieren kann. Die Sopranistinnen und die Sänger nutzen Mimik und Gestik und auch den Balkon des Saales, um miteinander zu interagieren. Ein Programmheft mit sämtlichen italienischen Texten und deutscher Übersetzung hilft, die Handlung zu verfolgen. Viele genießen aber auch einfach das Zusammenspiel und den Klang der Musik, vorgetragen von wunderbaren Künstlerinnen und Künstlern.

Zum zweiten Akt tragen die Damen andere Kleider. Ana Vieira Leite und Mariana Flores singen gemeinsam ein Volkslied über die Schwalbe, in dem es natürlich auch um Liebe geht. Weiteren Zwischenapplaus erntet das Orchester für seinen Instrumentalteil: eine spanische Tarantela (ein Volkstanz, tatsächlich nach der Spinne, der Tarantel, benannt). Alarcón fügt gegen Ende, das Peppino nicht überlebt, noch ein eigenes Musikstück ein, in dem alle Sängerinnen und Sänger ihren Part haben.

Lang anhaltender Applaus am Ende bewegt das Ensemble glücklicherweise zu zwei Zugaben. Dann ist dieser schöne Abend auch schon zu Ende und das Publikum wird entlassen in ein Dortmund mit 13 Grad, bei Nacht.

www.klangvokal.de




Barocke Strahlen, französische Eleganz und amerikanische Rhythmen

Die virtuose französische Trompeterin Lucienne Renaudin Vary (26 Jahre jung) gastierte am 30. Oktober 2025 erneut im Rahmen des Formats Junge Wilde im Dortmunder Konzerthaus. Renaudin Vary ist sowohl als klassisch ausgebildete Musikerin als auch als Jazzkünstlerin international gefragt. Zudem gründete sie ihr eigenes Quintett. An diesem Abend standen ihr Bruder Philémon Renaudin Vary (Kontrabass) sowie das herausragende Quatuor Hanson mit Arthur Hanson (Violine), Jules Dussap (Violine), Gabrielle Lafait (Viola) und Simon Dechambre (Violoncello) als Streichquartett zur Seite.

Gemeinsam boten sie ein facettenreiches, epochenübergreifendes Programm, das durch das harmonische Zusammenspiel von Trompete und Streichern getragen wurde. Die Musiker*innen verzichteten auf erklärende Worte und ließen ihre Musik für sich sprechen.

Eröffnet wurde das Konzert mit dem Konzert für Trompete, Streicher und Basso continuo Es-Dur von Johann Baptist Georg Neruda (1708–1780). Im eindrucksvollen Zusammenspiel der Künstler*innen entfaltete sich barocker Glanz mit eleganten Linien, klaren Harmonien, liedhaften Oberstimmen und einer bewusst zurückgenommenen Begleitung.

Es folgten drei traditionelle Melodien, darunter ein berührendes Abendlied von Antonín Dvořák (1841–1904).

Mit George Gershwins berühmtem An American in Paris (1928, Fassung für Trompete und Streicher) führte das Ensemble das Publikum anschließend in eine ganz andere Klangwelt. In dieser Bearbeitung konzentriert sich das Werk auf den melodischen Kern der Komposition. Die Trompete verkörperte eindringlich den amerikanischen Reisenden im pulsierenden Paris – umgeben von hupenden Taxis, geschäftigen Boulevards und den Klängen der Cafés. Die rhythmische Vielfalt aus Ragtime, Blues, Jazz und Charleston sowie der melancholische Heimwehklang im Mittelteil traten hier besonders deutlich hervor.

Lucienne Renaudin Vary verzauberte mit ihrer Trompete erneut das Konzerthaus Dortmund. (Foto: (c) Simon Fowler)
Lucienne Renaudin Vary verzauberte mit ihrer Trompete erneut das Konzerthaus Dortmund. (Foto: (c) Simon Fowler)

Nach der Pause zeigte das Quatuor Hanson seine technische Brillanz und interpretatorische Sensibilität mit dem Streichquartett F-Dur op. 35 von Maurice Ravel (1875–1937). Dieses Werk verlangt einerseits ein tiefes Verständnis für klassische Klangkultur, andererseits ein feines Gespür für moderne Farbgebung und subtile Klangnuancen.

Den Abschluss bildete das Konzert für Trompete und Streichorchester „Intrada“ (2024) von Karol Beffa (*1973) – ein Werk, das in die unmittelbare Gegenwart führt. Die Komposition, eigens für Lucienne Renaudin Vary geschaffen, ist in drei Abschnitte gegliedert und verbindet Elemente der Klassik mit rhapsodischen Linien, lebendigen rhythmischen Impulsen und gelegentlichen jazzartigen Wendungen. Die Trompete agiert dabei nicht als dominantes Soloinstrument, sondern tritt in einen spannungsreichen Dialog mit dem Streichensemble – ein klanglich reizvolles Wechselspiel zwischen Virtuosität und Empfindsamkeit.

Als Zugabe präsentierte Renaudin Vary schließlich die Trompete pur – strahlend, ausdrucksstark und mit einer Leichtigkeit, die das Publikum begeistert entließ.




Johannes-Passion als musikalisch-emotionales Erlebnis

Es war zwar nicht Karfreitag, doch die Dortmunder Philharmoniker unter der sensiblen und leidenschaftlichen Leitung von Generalmusikdirektor Jordan de Souza machten die Aufführung von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion BWV 245 am 28. und 29. Oktober 2025 im Konzerthaus Dortmund zu einem musikalisch wie emotional tief bewegenden Ereignis.

Bachs erstes großes Passionswerk entstand 1724, kurz nach seinem Amtsantritt als Thomaskantor in Leipzig – unter enormem Zeitdruck und hohen Erwartungen. Im Vergleich zur später komponierten Matthäus-Passion beeindruckt die Johannes-Passion durch ihre komprimierte Form und ihre unmittelbare, fast theatralische Dramatik.

Die Vertonung der Leidensgeschichte Christi nach dem Johannesevangelium verlangt nach einer vielgestaltigen Besetzung: mehrere Solist*innen, Chor und Orchester erzählen gemeinsam das Geschehen. In den wechselnden Dialogen zwischen Evangelist, Jesus, Pilatus und dem Volk entfaltet sich ein bewegendes Wechselspiel von Nähe und Distanz, Reflexion und Anklage.

Obwohl es eigentlich nicht die passende Zeit vor, ein Ereignis war die Johannes-Passion dennoch.
Obwohl es eigentlich nicht die passende Zeit vor, ein Ereignis war die Johannes-Passion dennoch.

Als Evangelist überzeugte der britisch-deutsche Tenor Kieran Carrel mit klarer Diktion und eindringlicher Erzählkunst. Die russisch-libanesische Sopranistin Anna El-Khashem begeisterte durch ihre leuchtende, dabei stets kontrollierte Stimme, während die in Köln geborene Mezzosopranistin Anna Lucia Richter ihre Arien mit emotionaler Tiefe und kammermusikalischer Feinheit gestaltete. Der Stuttgarter Bariton Michael Nagy verlieh seinen Partien Würde und Wärme, Mandla Mndebele überzeugte als menschlich naher Christus, und Ks. Morgan Moody zeichnete einen vielschichtigen Pilatus zwischen Macht und Zweifel.

Getragen wurde die Aufführung von den beiden großen Chören der Chorakademie Dortmund – dem Jugendkonzertchor (Einstudierung: Johannes Honecker) und dem Konzertchor Westfalica (Einstudierung: Johannes Honecker und Volker Hagemann). Mit ihrem präzisen, kraftvollen und doch transparenten Klang prägten sie entscheidend die Atmosphäre des Abends. Die zwölf vierstimmigen Choräle, deren Melodien und Texte dem evangelischen Gesangbuch entnommen sind, bildeten emotionale Ruhepunkte inmitten des dramatischen Geschehens.

Im zweiten Teil – der Verhandlung vor Pilatus und der Kreuzigung – wurden die Chöre als „geifernde Volksmenge“ in das Geschehen einbezogen. Musikalisch war dies zwingend und packend umgesetzt, zugleich aber erinnerte die Szene an die problematische christliche Tradition der pauschalen Schuldzuweisung an „die Juden“. Umso stärker wirkte Bachs überzeitliche Botschaft der Nächstenliebe, des Mitgefühls und der inneren Erneuerung.

Mit den letzten, sanft versöhnlichen Klängen der Grablegung findet Bach zu einer berührenden Ruhe. Nach all der Dramatik und Erschütterung lässt er am Ende das Licht der Versöhnung aufscheinen – ein leiser, aber nachhaltiger Trost, den die Dortmunder Philharmoniker in dieser Aufführung eindrucksvoll zum Klingen brachten.




Tief eingetaucht in Beethovens 5. Sinfonie

Im Dortmunder Konzerthaus präsentierten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung des neuen GMD Jordan de Souza das neue Format „Deep Dive“. Bei dieser Premiere tauchte das Publikum tief ein in die 5. Sinfonie c-Moll op. 67 von Ludwig van Beethoven (1770–1827), der sogenannten „Schicksalssinfonie“ aus den Jahren 1807/1808. Das Werk wurde in den Kontext des privaten und historischen Lebenshintergrunds des Komponisten eingeordnet.

Das Besondere und musikalisch Innovativ-Revolutionäre Beethovens wurde dem Publikum anschaulich vermittelt. Spürbar wurde im ersten Teil des Abends vor allem die existenzielle Wucht des berühmten Anfangsmotivs „pa-pa-pa-paa“ im ersten Satz. Dieses prägnante Motiv kehrt in den folgenden drei Sätzen in versteckter und variierter Form wieder. Auch der Einfluss der Französischen Revolution (1789) auf den rebellischen Komponisten der Wiener Klassik wurde deutlich herausgearbeitet.

Humorvoll eingebunden durfte das Publikum selbst aktiv werden und das klopfende Motiv mit laut gerufenen Worten wie „Liberté“, „Égalité“ – oder je nach Temperament auch „BVB“ – begleiten. Mit kurzen musikalischen Beispielen wurde zudem der deutliche Entwicklungssprung im Vergleich zu Mozart (etwa aus Die Hochzeit des Figaro) oder Beethovens Lehrer Haydn herausgestellt. Ebenso wurde hörbar, wie meisterhaft Beethoven musikalische Spannung aufbaut und seine Motive kunstvoll variiert.

Intensive Beschäftigung mit Beethovens 5. Sinfonie (Foto: (c) Valdas Miskinis / pixabay).
Intensive Beschäftigung mit Beethovens 5. Sinfonie (Foto: (c) Valdas Miskinis / pixabay).

Die tragisch-existenzielle Grundstimmung des ersten Satzes entfaltet eine fast niederschmetternde Kraft. Im Verlauf verändert sich der Charakter jedoch spürbar: Die Musik wirkt zunehmend sehnsuchtsvoll, romantisch, stellenweise wie eine Liebeserklärung – dann wieder geheimnisvoll und unheimlich. Nachdem sich die Klangwelt nochmals verdunkelt, gelingt Beethoven im Finale ein überwältigender Durchbruch von euphorischem, beinahe revolutionärem Schwung. Das Ergebnis: ein kraftvoll optimistisches Menschenbild, das bis heute fasziniert.

Nach einer kurzen Pause folgte die vollständige Aufführung der Fünften, eindrucksvoll interpretiert von den Dortmunder Philharmonikern und temperamentvoll-empathisch geleitet von Jordan de Souza.

Fazit: Ein spannendes Format, das Neulingen wie Kennern einen intensiven, persönlichen Zugang zu Werk und Komponist eröffnet.

Das nächste Deep-Dive-Konzert findet am 12.01.2026 um 19:00 Uhr im Konzerthaus Dortmund statt.
Thema: Richard Strauss – Don Juan, op. 20




Tanz mit dem Schicksal – Carmina Burana als Ballett

Als Premiere unter der Choreografie des neuen Artist in Residence des Dortmunder Balletts, Edward Clug, stand am 18.10.2025 im Opernhaus Dortmund Carmina Burana von Carl Orff (1895–1982) auf dem Programm.

Carmina Burana (lat. „Beurer Lieder“ bzw. „Lieder aus Benediktbeuern“) ist der Titel einer szenischen Kantate aus den Jahren 1935/36. Vierundzwanzig Lied- und Dramentexte in mittellateinischer, mittelhochdeutscher und altfranzösischer Sprache aus dem 11. und 12. Jahrhundert flossen in das Werk ein. Bekannt ist vor allem der kraftvoll-dynamische Beginn und Schluss mit „Fortuna Imperatrix Mundi“ („Glück der Herrscherin der Welt“). Die Schicksalsgöttin Fortuna spielt im dargestellten Lebens- und Naturzyklus eine zentrale Rolle.

Sae Tamura, Simon Jones, Ballett Dortmund, NRW Juniorballett(c) Leszek Januszewski
Sae Tamura, Simon Jones, Ballett Dortmund, NRW Juniorballett
(c) Leszek Januszewski

Die Auswahl der Texte umfasst weltliche Themen wie die Wechselhaftigkeit von Glück und Wohlstand, die Flüchtigkeit des Lebens sowie die Freude über die Rückkehr des Frühlings. Daneben thematisieren die Lieder auch die (teils verbotenen) Genüsse – ebenso wie die Gefahren von Wollust, Völlerei, Trunksucht und Glücksspiel. Die Musik ist eingängig und klar strukturiert, zugleich modern, raffiniert und ausgesprochen rhythmisch gestaltet.

Edward Clug entschied sich in seiner Choreografie für einen abstrakten, von starken Bewegungen und intensiver Körpersprache geprägten Ansatz, umgesetzt von den Tänzerinnen und Tänzern des Ballett Dortmund sowie des NRW-Juniorballetts. Da die Texte dem Publikum nicht auf Deutsch eingeblendet wurden, lag der Fokus ganz auf dem Zusammenspiel von eindringlicher Musik, Bewegung und Stimme – ein emotional bewegendes Gesamterlebnis.

Die Kooperation mit der Oper Dortmund und den Dortmunder Philharmonikern unter der souveränen musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Jordan de Souza sorgte für besondere Klangintensität. Die anspruchsvollen Solopartien meisterten Mandla Mndebele (Bariton), Sooyeon Lee (Sopran) und Zicong Han (Tenor) mit beeindruckender Leichtigkeit.

Hinter dem Publikum begeisterten der Opernchor des Theater Dortmund sowie der Projekt-Extrachor (Einstudierung: Fabio Mancini) mit kraftvollem Stimmvolumen. Im Zentrum des minimalistisch gehaltenen Bühnenbildes stand ein großer, beweglicher grauer Ring – Symbol für die rote Fortuna, das Rad des Schicksals, und den ewigen Kreislauf von Natur und Begehren. Dieser Ring wurde geschickt in die Choreografie eingebunden und verstärkte die wechselnde energetische Präsenz der Körper im Raum.

Informationen zu weiteren Vorstellungsterminen finden Sie unter www.theaterdo.de




Meditativ-kraftvolle Klänge aus der tuwinischen Steppe

Im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals 2025 entführte die tuwinische Gruppe Huun-Huur-Tu das Publikum am 10. Oktober im Dortmunder Reinoldihaus in die endlose Weite der sibirischen Steppe. Tuwa – ein abgelegenes Gebiet im Süden Sibiriens – ist ihre Heimat. Seit über zwanzig Jahren prägt die Band dort die traditionellen, naturverbundenen Klänge ihrer Region und führt sie mit modernen Arrangements zusammen.

Zentrales Element ist der Khoomei, der berühmte Ober- und Kehlgesang, der Töne gleichzeitig in mehreren Frequenzen erklingen lässt. Mit Lippen, Zunge, Kehlkopf und Stimmbändern erschaffen die Musiker ein vibrierendes Klanguniversum aus tiefem Grollen, schwebenden Obertönen und feinen Pfeifmelodien. Wer sich auf diesen Klangstrom einlässt, spürt die Bewegung von Wind und Pferden in der Steppe – eine meditative Reise durch Klanglandschaften, die zwischen Erde und Himmel zu schweben scheinen.

Auch visuell ist das Ensemble ein Erlebnis: In traditionellen Gewändern stehend, umgeben von Instrumenten aus ihrer Heimat, entfaltet sich ein Klangbild von archaischer Schönheit.

Huun-Huur-TU bei Klangvokal im Reinoldisaal (Foto: Céline-Christine Spitzner)
Huun-Huur-TU bei Klangvokal im Reinoldisaal (Foto: Céline-Christine Spitzner)

Zu hören waren unter anderem:

  • Igil, das zweisaitige Streichinstrument mit geschnitztem Pferdekopf, Symbol der tuwinischen Musiktradition.
  • Toschpulur, eine langhalsige Laute mit warmem, holzigem Klang.
  • Byzaanchi, ein Streichinstrument mit vier Saiten und Tierhautbespannung.
  • Chuur, die weiche, atmende Flöte der Steppe.
  • Tungur, die Schamanentrommel, deren tiefe Schläge spirituelle Kraft entfalten.
  • Khomus, die Maultrommel mit ihrem schillernden Obertonspektrum.
  • Tuyug, ein Rhythmusinstrument aus Pferdehufen, das den Klang galoppierender Tiere nachahmt.

Mit diesem Instrumentarium erschaffen die vier Musiker von Huun-Huur-Tu eine dichte, fast filmische Klangwelt – zwischen archaischer Erdverbundenheit und hypnotischer Trance.

Auf der Bühne standen:
Sayan Bapa (Gesang: Kargyraa, Khoomei; Toschpulur, Gitarre, Igil),
Alexej Saryglar (Gesang: Sygyt; Tuyug, Tungur, Igil),
Radik Tyulyush (Gesang: Borbangnadyr; Byzaanchi, Khomus)
und Kaigal-ool Khovalyg (Gesang: Khoomei, Sygyt, Kargyraa; Igil).

Ein Konzert, das weniger gehört als erlebt wird – intensiv, erdig und zutiefst verbunden mit der Natur.