Ein musikalisches Denkmal für Palestrina

Zwei Tage, zwei Welten: Am 3. Juni pulsierende westafrikanische Rhythmen mit Habib Koité im domicil – am 4. Juni geistliche Klanglandschaften der Renaissance in der Marienkirche. Der britische Vokalchor Stile Antico widmete sein Programm ganz dem Werk Giovanni Pierluigi da Palestrinas und entführte das Publikum in eine Welt voll klanglicher Klarheit und spiritueller Tiefe. Ein Abend, der zur inneren Einkehr einlud – mit geschlossenen Augen und offenen Ohren.

Das Konzert fand im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals Dortmund statt, das jedes Jahr internationale Vokalensembles und Solist:innen in die Stadt bringt. Die stimmungsvolle Atmosphäre der Marienkirche bildete den idealen Raum für dieses besondere Programm.

Palestrina (ca. 1525–1594), Hofkapellmeister in Rom, gilt als Inbegriff der katholischen Kirchenmusik nach dem Konzil von Trient. Seine Kompositionen stehen für Ausgewogenheit, Klarheit und spirituelle Tiefe – und genau diese Qualitäten brachte das zwölfköpfige Ensemble in beeindruckender Weise zur Geltung. Die sorgfältig zusammengestellte Werkauswahl reichte von bekannten Motetten wie Sicut cervus oder Tu es Petrus bis hin zu Auszügen aus der berühmten Missa Papae Marcelli.

Stile Antico brachten den Zuhörenden die Musik der Spätrenaissance Palestrinas näher. (Foto: (c) Fiona Bischof)
Stile Antico brachten den Zuhörenden die Musik der Spätrenaissance Palestrinas näher. (Foto: (c) Fiona Bischof)

Doch das Programm blieb nicht bei Palestrina allein: Auch Stücke seiner Zeitgenossen wie Josquin Desprez (Salve Regina) oder Tomás Luis de Victoria (Trahe me post te) fanden ihren Platz – ebenso wie selten aufgeführte Werke etwa von Felice Anerio oder Gregorio Frances. Besonders spannend: Der Ausflug in die Gegenwart mit A Gift of Heaven, einer Komposition der Britin Cheryl Frances-Hoad. Hier zeigte sich, wie geistliche Musik auch heute noch neue Wege gehen kann.

Stile Antico: Klangliche Perfektion

Was Stile Antico so besonders macht: Ein ausgewogener, klarer Chorklang, bei dem jede Stimme ihren Platz hat, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Fein nuancierte Dynamik, perfekte Intonation und ein Höchstmaß an Präzision prägten den Abend.

Der Auftritt in der Marienkirche war nicht nur ein Tribut an einen der wichtigsten Komponisten der Musikgeschichte, sondern auch ein Plädoyer für die zeitlose Schönheit der Vokalmusik. Wer dabei war, dürfte tief beeindruckt gewesen sein – und vielleicht auch ein kleines bisschen geerdeter aus diesem musikalischen Raum der Stille herausgetreten sein.




Berauscht im Kulturtempel

Filmkonzert Charlie Chaplin: Goldrausch

 

Das Licht geht an und man möchte das nicht. Nein, bitte kein Saallicht und bitte nicht hinaus ins Tageslicht. Dabei ist das Wetter draußen deutlich besser als im Film.
Eine lange Schlange von Goldsuchern kämpft sich Ende des neunzehnten Jahrhunderts durch Schnee und Sturm in Alaska. Wir sehen „Goldrausch“, der im Juni 1925 in Los Angeles uraufgeführt wurde. Von Charlie Chaplin, der sich ganz allein und munter in seinem Anzug mit Weste und mit der Melone auf dem Kopf als armer Glücksritter auf den Weg durch Berge voll Schnee macht. Am Bären vorbei, den er nicht sieht, denn wenn er sich umdreht, ist dieser gerade in der nächsten Höhle verschwunden. Erste Lacher im Publikum.
Slapstickszenen gibt es so einige im Film, die immer wieder für Erheiterungen sorgen, obwohl die Geschichte in weiten Teilen traurig ist. Der Glücksritter muss Schutz vor dem Sturm suchen und findet eine Hütte. Dort ist er zwar von dem steckbrieflich gesuchten Black Larsen schlecht gelitten, aber eine andere Möglichkeit bleibt nicht. Später stößt noch der glückliche Goldsucher Jim dazu, mit dem er im Verlauf der Geschichte noch einmal zurückkehrt. Die Hütte wird dann an den Abgrund geweht, was mit einem Haus auf der Kippe und zwei Akteuren wieder zu amüsanten Balanceeinlagen animiert.
Ganz wunderbar aber zum Beispiel die berühmte Szene, als das Essen ausgeht und letztlich ein Schuh gekocht, auf dem Teller seziert und verspeist wird. Bis ins kleinste Detail spannend gemacht. Aber auch das ungewöhnliche Essen hält nicht lange vor, der Sturm aber an. Halluzinationen und Verfolgungsjagden sorgen für Action.

"Goldrausch" von Charlie Chaplin im Konzerthaus musikalisch begleitet durch die Dortmunder Philharmoniker. (Foto: (C) Martina Bracke)
„Goldrausch“ von Charlie Chaplin im Konzerthaus musikalisch begleitet durch die Dortmunder Philharmoniker. (Foto: (C) Martina Bracke)


Und bei alledem wenig Zwischentexte, dafür umso mehr Musik, die auf den Gewehrschuss genau erklingt. Die Dortmunder Philharmoniker werden anders als bei konzertanten Aufführungen nicht angeschaut, aber ohne sie wäre das Vergnügen höchstens halb so groß. Es ist ein ganz anderes Erlebnis, in diesem Saal mit vollem Orchester die laufenden Bilder auf großer Leinwand mit einem begeisterten Publikum zu erleben, als vielleicht zu Hause am kleinen Bildschirm.
Der Film ist von 1925, die aktuelle Fassung von 1942, als Charlie Chaplin das Material noch einmal in die Hand nahm, neu schnitt, kürzte und mit einigen Zwischentexten versah. Dem Tonfilm, der zu der Zeit schon Standard war, zollte er allein durch die Filmmusik Tribut, die Max Terrer komponierte, der dafür eine Oscar-Nominierung erhielt.
Und das musikalische Repertoire reicht weiter von actiongeladenen Szenen, menschlichen Abgründen hin zu romantischen Anwandlungen, denn der Tramp, immer noch arm, verliebt sich in eine Animierdame in einer rauen Kneipe. Die Angebetete und andere machen sich lustig, doch er nimmt alles ernst und hat ein besonderes Silvester geplant. Natürlich bleibt er allein, schläft ein und erträumt sich die Feier einschließlich eines ebenfalls berühmten „Brötchentanzes“ – zwei Brötchen, aufgespießt mit Gabeln, tanzen in Chaplin-Manier.
Noch gibt es also kein Happy End. Da sind weitere Verwicklungen nötig, bis der Tramp am Schluss die Melone gegen einen Zylinder tauschen und vom Goldrausch endlich in einen Liebesrausch fallen kann.
Das Publikum, tatsächliche Fans outen sich mit entsprechenden Charlie-Chaplin-T-Shirts, applaudiert ausdauernd und dankt damit insbesondere den Philharmonikern für einen wunderbaren Abend. Anschließend schwebt das Publikum wie auf Wolken ins immer noch helle Tageslicht.

Mehr zu den Dortmunder Philharmonikern unter
www.theaterdo.de
www.konzerthaus-dortmund.de

 

 




Westafrikanischer Groove im domicil

Am 3. Juni 2025 machte ein Weltstar Halt im Dortmunder domicil: Der malische Musiker Habib Koité trat im Rahmen des Festivals Klangvokal mit seinem neuen Ensemble Mandé Sila auf. Mit über 400.000 verkauften Alben und mehr als 1.700 Konzerten weltweit zählt Koité zu den bekanntesten Musikern des afrikanischen Kontinents. Er war bereits an internationalen Projekten wie Desert Blues mit Touareg-Musikern und Acoustic Africa mit Künstlern wie Vusi Mahlasela und Dobet Gnahoré beteiligt.

Der Name Mandé Sila bedeutet „Der Weg des Manding-Reiches“ und steht sinnbildlich für die kulturelle und musikalische Vielfalt Westafrikas. Das Ensemble zelebriert diese Vielfalt, indem es traditionelle Musikformen bewahrt und zugleich neue klangliche Perspektiven erschließt. Begleitet wurde Koité von drei herausragenden Musikern: Aly Keïta aus der Elfenbeinküste am Balafon, Lamine Cissokho aus dem Senegal an der Kora und Mama Koné aus Mali, langjähriger Begleiter Koités an Djembe, Kalebasse und elektronischen Pads.

Mandé Sila (v.l.n.r.) Aly Keïta, Habib Koité, Lamine Cissokho  und Mama Koné. (Foto: (c) Celine-Christine Spitzner)
Mandé Sila (v.l.n.r.) Aly Keïta, Habib Koité, Lamine Cissokho und Mama Koné. (Foto: (c) Celine-Christine Spitzner)

Karibische Assoziationen und westafrikanische Lebensfreude

Besonders Aly Keïta begeisterte mit seinem virtuosen Spiel auf dem Balafon und zog immer wieder die Aufmerksamkeit auf sich. Die hellen, schnarrenden Klänge erinnerten an karibische Musik – kein Zufall, denn das Balafon gilt als Vorläufer von Instrumenten wie der Marimba. Durch die traurige Geschichte des transatlantischen Sklavenhandels gelangten viele musikalische Traditionen Westafrikas in die Karibik, wo sie sich weiterentwickelten.

Doch auch Lamine Cissokho und Mama Koné überzeugten mit Spielfreude und Virtuosität an Kora und Percussion. Habib Koité selbst benötigte nicht mehr als seine akustische Gitarre und seine charismatische Ausstrahlung, um das Publikum in seinen Bann zu ziehen.

Das Konzert war wie geschaffen dafür, sich vom Rhythmus mitreißen zu lassen – was viele im Publikum auch begeistert taten. Für einen Abend verwandelte sich das Dortmunder domicil in eine westafrikanische Tanzfläche voller Energie und Lebensfreude.




Glanzvolle Operngala zur Klangvokal Festival-Eröffnung

Im Konzerthaus Dortmund fand am 01.06.2025 das Eröffnungskonzert des Klangvokal Musikfestivals in unserer Stadt in Form einer italienischen Operngala statt.
Geboten wurde ein über zweistündiges Programm aus der Welt der romantischen italienischen Oper und des Verismo – von Giuseppe Verdi (1813–1901) bis Giacomo Puccini (1858–1924). Emotionale Musik voller Leidenschaft, Liebe, Eifersucht und Schmerz.

Die dramatischen Arien und Duette wurden sensibel und schwungvoll von der Neuen Philharmonie Westfalen unter der Leitung des italienischen Dirigenten Carlo Montanaro begleitet. Das Orchester konnte bei mehreren musikalischen Intermezzi sein Feingefühl und Können eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Als internationale Opernstars standen die Italienerin Maria Agresta (Sopran) und der in Brasilien geborene Tenor Martin Muehle auf der Bühne.
Ob in ihren Solo-Arien oder im Duett: Beide transportierten mit ihren ausdrucksstarken Stimmen und Gesten tiefe Emotionen, die für das Publikum unmittelbar spürbar wurden.
Maria Agresta überzeugte mit einem klaren, strahlenden Sopran, Martin Muehle mit einem kraftvoll-warmen Tenor.

Auf der Bühne standen standen die Italienerin Maria Agresta (Sopran) und der in Brasilien geborene Tenor Martin Muehle  (Foto: ((c) Oliver Hitzegrad)
Auf der Bühne standen standen die Italienerin Maria Agresta (Sopran) und der in Brasilien geborene Tenor Martin Muehle (Foto: ((c) Oliver Hitzegrad)

Dramatik und Gefühl – Ein Abend der großen Opernmomente

In der ersten Hälfte standen Arien und Duette aus Verdis Otello sowie Puccinis Tosca im Mittelpunkt.
Nach einem orchestralen Intermezzo aus Pagliacci (1892) von Ruggero Leoncavallo (1857–1919) setzte der zweite Teil mit der Arie der Mimì aus La Bohème (Puccini, 1895) dramatisch fort.
Ein weiterer Höhepunkt war die berühmte und bewegende Arie des Kalaf „Nessun dorma“ aus Turandot (Puccini, 1924).

Arien aus Opern von Francesco Cilea (1866–1950) und Umberto Giordano (1867–1948), die „Barcarola“ aus Silvano (Pietro Mascagni, 1895) sowie das von ekstatischer Liebe getragene Schlussduett „Vicino a te s’acqueta“ (Du kommst daher) rundeten die glanzvolle Gala eindrucksvoll ab.

Das begeisterte Publikum verabschiedete die Künstler:innen nicht ohne mehrere Zugaben.




Randall Goosby und schwarze Stimmen in der klassischen Musik

Die Welt der klassischen Musik wurde über Jahrhunderte hinweg nahezu ausschließlich von weißen männlichen Komponisten geprägt – von Bach über Mozart bis hin zu Mahler. In den vergangenen Jahren hat sich das Bewusstsein für Geschlechtergerechtigkeit zwar spürbar entwickelt: Werke von Komponistinnen wie Clara Schumann, Louise Farrenc oder Florence Price finden zunehmend Eingang in die Konzertprogramme. Doch schwarze Komponist:innen bleiben nach wie vor weitgehend im Hintergrund. Ihre Beiträge zur Musikgeschichte – etwa von Joseph Bologne, Samuel Coleridge-Taylor oder William Grant Still – werden noch immer selten aufgeführt und oft kaum wahrgenommen. Die Repertoirelandschaft vieler Konzertsäle bildet somit die tatsächliche Vielfalt der Musikgeschichte nur unzureichend ab.

Der Violinist Randall Goosby hat mit seinem Konzertprogramm am 13.05.25 unter der Rubrik „Junge Wilde“ im Konzerthaus ein bemerkenswert vielfältiges Repertoire zusammengestellt, das nicht nur musikalisch überzeugt, sondern zugleich eine klare kulturhistorische Aussage trifft.

Ein Programm mit Haltung

Er eröffnet den Abend mit einer Sonate des afrofranzösischen Komponisten Joseph Bologne (1745–1799), einem Zeitgenossen Mozarts. Dass Goosby das Konzert mit Bologne beginnt, ist ein starkes Zeichen: Bologne war nicht nur ein gefeierter Virtuose und Komponist, sondern auch eine Ausnahmeerscheinung – ein Schwarzer in der höfischen Musikwelt des Ancien Régime.

Randall Goosby begeisterte das Publikum durch sein Spiel. (Foto: (c) Kaupo Kikkas)
Randall Goosby begeisterte das Publikum durch sein Spiel. (Foto: (c) Kaupo Kikkas)

Mozarts e-Moll-Sonate, die einzige seiner Violinsonaten in Moll, verleiht der Violine große Ausdruckstiefe. Goosby nutzt diesen Raum für eine fein nuancierte Interpretation.
Franz Schuberts Rondo D 895, ein spätes Werk voller technischer Raffinesse, beschließt den ersten Programmteil mit einem kraftvollen Ausbruch romantischer Virtuosität.

Unsichtbares hörbar machen

Im zweiten Teil des Konzerts stellt Goosby dann sein zentrales künstlerisches Anliegen in den Vordergrund: die Sichtbarmachung schwarzer Stimmen innerhalb der klassischen Musik. Jeder der drei präsentierten Komponisten entwickelt dabei eine ganz eigene musikalische Sprache, die das klassische Idiom auf besondere Weise bereichert.

Samuel Coleridge-Taylor, ein britischer Komponist mit afrokaribischen Wurzeln, zeigt in seiner Suite de pièces op. 3 spätromantische Eleganz und lyrische Finesse – geschrieben zu Beginn seiner Karriere.

Florence Price, eine der bedeutendsten afroamerikanischen Komponistinnen des 20. Jahrhunderts, verbindet in ihrer Fantasie Nr. 2 in fis-Moll romantische Klangwelten mit Elementen aus Spirituals und afroamerikanischer Volksmusik. Ihre Tonsprache ist emotional unmittelbar und gleichzeitig tief verwurzelt in afroamerikanischen Traditionen.

William Grant Still schließlich gilt als „Dean“ afroamerikanischer Komponisten. Seine Suite für Violine und Klavier kombiniert klassische Formen mit jazzigen Rhythmen, bluesartigen Linien und volkstümlichen Motiven – ein ausdrucksstarkes Finale.

Randall Goosby ist jedoch nicht nur ein engagierter Botschafter für schwarze Komponist:innen – er ist auch ein Musiker von außergewöhnlichem Format. Seine technische Präzision, gepaart mit großer interpretatorischer Tiefe, prägten diesen Abend entscheidend. Gemeinsam mit dem Pianisten Zhu Wang bildete er ein harmonisches Duo, das musikalisch wie emotional überzeugte – und vom Publikum zu Recht begeistert gefeiert wurde. Kein Wunder, dass Goosby sich mit zwei Zugaben verabschieden musste.

 




Ein Konzertabend für Entdeckerinnen und Liebhaber seltener Klangwelten

Mit Bartóks experimenteller Klangarchitektur und Bruckners kraftvoller Sechster präsentierte das 9. Philharmonische Konzert im Dortmunder Konzerthaus zwei Meisterwerke, die abseits des üblichen Repertoires liegen – und genau darin ihre besondere Faszination entfalten.

Das 9. Philharmonische Konzert lockte das Dortmunder Publikum und zahlreiche Musikinteressierte am 6. und 7. Mai 2025 unter dem Titel „Geheimtipp“ ins hiesige Konzerthaus. Da Generalmusikdirektor Gabriel Feltz aus gesundheitlichen Gründen nicht dirigieren konnte, gelang es glücklicherweise, kurzfristig Mateusz Moleda als temperamentvoll-engagierten Ersatz für die beiden Abende zu gewinnen.

Auf dem Programm standen zwei Werke, die in unserer Region eher selten zu hören sind: Béla Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta (1936) sowie Anton Bruckners Sinfonie Nr. 6 A-Dur, ein Werk, das etwas im Schatten seiner populären Siebten steht, die Bruckner unmittelbar danach komponierte.

Zwischen Architektur und Expressivität: Bartók und Bruckner

Bartóks Komposition entstand in der düsteren Zeit des aufkommenden Faschismus in Mitteleuropa und zeichnet sich durch eine damals völlig neuartige Instrumentierung aus: Zwei gleichwertige Streichergruppen, links und rechts auf dem Podium positioniert, werden durch ein zentrales Ensemble aus reichhaltigem Schlagwerk, Harfe (links), Klavier und Celesta ergänzt. Ein derartiges Klangbild war in der Musikgeschichte bis dahin ohne Vorbild.

Musikalisch changiert das Werk zwischen präziser Struktur und expressiver Emotionalität, zwischen Tradition und Avantgarde. Die Schlaginstrumente prägen den rhythmisch-perkussiven Charakter des Stücks entscheidend. Das Fugenthema des Kopfsatzes beginnt in mittlerer Tonlage; die weiteren Einsätze steigen und fallen fächerartig jeweils um eine Quinte – ein Prozess, der den gesamten Tonraum öffnet, bis sich im Höhepunkt der Klang bündelt und anschließend zurückentwickelt. Es entfaltet sich ein Wechselspiel aus instrumentalen Dialogen, verschachtelten Strukturen und einem machtvollen Gesamtklang.

Im "richtigen Leben" sind sich Bruckner und Bartok mit größter Wahrscheinlichkeit nicht begegnet. Aber beim Konzertabend mit den Dortmunder Philharmoniker schon.
Im „richtigen Leben“ sind sich Bruckner und Bartok mit größter Wahrscheinlichkeit nicht begegnet. Aber beim Konzertabend mit den Dortmunder Philharmoniker schon. (Foto: kreiert von ChatGPT)

Der dritte Satz wirkt geheimnisvoll, fast sphärisch. Im vierten Satz schließlich wird Bartóks Liebe zur ungarischen Volks- und Bauernmusik besonders deutlich – das Werk strebt in einem raschen, energiegeladenen Finale seinem Abschluss entgegen.

Wie Bartók ist auch Bruckner ein Meister musikalischer Architektur und des Kontrapunkts. Seine 6. Sinfonie besticht nicht nur durch die ungewöhnliche Tonart A-Dur, sondern auch durch ihre eigenwillige Form. Choralartige Passagen, sonst typisch für Bruckner, fehlen hier weitgehend. Stattdessen beginnt das Werk mit einem markanten, klopfenden Rhythmus, der sofort Aufmerksamkeit erzeugt.

Der zweite Satz – ein melancholisch-feierliches Adagio – entfaltet sich langsam und würdevoll. In den folgenden Sätzen steigert sich das Werk sukzessive zu voller Klangpracht. Die Bläser übernehmen eine zentrale Rolle und verleihen der Musik stellenweise einen bedrohlich-militärischen, fast bombastischen Charakter – ein dramatischer Höhepunkt eines in jeder Hinsicht besonderen Konzertabends.




Zwischen Klassik und Improvisation

Die Unterschiede zwischen Klassik und Jazz können mitunter erstaunlich gering sein. Obwohl beide zunächst aus unterschiedlichen ästhetischen und gesellschaftlichen Kontexten stammen, traten sie im Verlauf des 20. Jahrhunderts zunehmend in einen fruchtbaren Dialog.
Heute sind die Grenzen zwischen klassischer und improvisierter Musik fließender denn je. Komponistinnen, Interpretinnen und Ensembles bewegen sich selbstverständlich zwischen beiden Welten – etwa in der zeitgenössischen Ensemblepraxis, im Crossover oder in improvisatorischen Konzerten mit klassischem Instrumentarium. In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die französische Trompeterin Lucienne Renaudin Vary, die gemeinsam mit dem Pianisten Tim Allhoff am 30.04.2025 im Rahmen der Konzertreihe „Junge Wilde“ im Konzerthaus Dortmund auftrat.

Ein musikalischer Streifzug durch das 20. Jahrhundert

Es überrascht daher kaum, dass Werke aus dem 20. Jahrhundert im Zentrum des Programms standen – mit einer einzigen Ausnahme: Johann Sebastian Bach. Den Auftakt bildete die „Sonatine für Trompete und Klavier“ von Jean Françaix. Dieses Werk verströmt französischen Esprit und besticht durch rhythmische Raffinesse, die stellenweise an jazzige Synkopen erinnert, ohne den Jazz direkt zu zitieren. Das Zusammenspiel zwischen Trompete und Klavier ist dabei eng verzahnt, geprägt von pointierten rhythmischen Kontrasten.

Lucienne Renaudin Vary überzeugte mit ihrer Improvisationskunst an der Trompete das Publikum im Konzerthaus. (Foto: (c) Simon Fowler)
Lucienne Renaudin Vary überzeugte mit ihrer Improvisationskunst an der Trompete das Publikum im Konzerthaus. (Foto: (c) Simon Fowler)

Anschließend führte die musikalische Reise nach Spanien: Die „Siete canciones populares españolas“ von Manuel de Falla versprühen folkloristische Klangfarben. Jede Miniatur spiegelt einen eigenen musikalischen Charakter und eine spezifische regionale Herkunft wider – von andalusischer Melancholie bis zu kastilischer Herbheit.

Nach der Pause wurde es jazziger: Mit George Gershwins „I Loves You, Porgy“ aus Porgy and Bess stellten Vary und Allhoff eindrucksvoll ihre Improvisationskunst unter Beweis. Es folgte eine weitere Station des Abends – Südamerika: „Retrato em Branco e Preto“ („Porträt in Schwarz und Weiß“) von Antônio Carlos Jobim ist ein melancholisches, introspektives Stück, das in der Fassung für Klavier und Trompete eine besonders intime und zugleich elegante Wirkung entfaltete.

Tim Allhoff erhielt darüber hinaus Gelegenheit, sich auch solistisch zu präsentieren: Im ersten Teil interpretierte er ein Werk von Bach, nach der Pause folgte seine eigene Version von „Blackbird“ von den Beatles – ein poetischer, zugleich moderner Kontrastpunkt.

Das Publikum zeigte sich durchweg begeistert von diesem abwechslungsreichen und berührenden Konzertabend und dankte den Künstlern mit langanhaltendem Applaus.




O Fortuna – Glück für Dortmund

Festliches Chorkonzert mit dem Opernchor Dortmund

O Fortuna – es gibt Werke, mit denen man sein Schicksal direkt zu Beginn eines Konzerts positiv beeinflussen kann. Zur Glückseligkeit benötigt es an diesem Nachmittag im Dortmunder Opernhaus nur wenige kraftvolle Takte: „O Fortuna“ aus der Carmina Burana von Carl Orff zeigt gleich zu Beginn beeindruckend die Stimmgewalt des mehr als vierzigköpfigen Opernchores des Theaters Dortmund und nimmt das Publikum für sich ein.
Es folgen noch zwei weitere Sätze aus der Carmina Burana, bevor der Leiter des Opernchores, Fabio Mancini, zum Mikrofon greift und Hoffnung auf mehr macht – allerdings erst für die kommende Spielzeit. Dann steht das Werk auf dem Spielplan und soll mit Ballett auf die große Bühne. Für heute also nur ein „Apéritif“, wie Mancini es formuliert.
Nach diesen bekannten Melodien widmet sich der Chor, der mit diesem Nachmittag quasi sein persönliches „Wunschkonzert“ aufführt, einer unbekannten „Perle“: Zwei Lieder aus dem späten Schaffen Verdis – keine Opernarien – hat sich ein Chormitglied gewünscht, und nicht alle kannten sie. So erarbeitete der Chor die selten aufgeführten geistlichen Chorwerke.

Ein musikalischer Bogen von Verdi bis Puccini

Verdi ist auch später noch Thema – beziehungsweise seine Oper Nabucco, zu der nicht viel gesagt werden muss. Vermutlich könnten etliche aus dem Publikum auch mitsingen, so sehr ist die Melodie in den Köpfen verankert. Aber natürlich ist es noch viel schöner, wenn der Dortmunder Opernchor mit seinen Stimmen die Luft vibrieren lässt und man nur im Geiste mitsummt.

Das Chorkonzert des Opernchor Dortmund zeigte die Stimmgewalt des mehr als vierzigköpfigen Opernchores . (Foto: (c) Martina Bracke)
Das Chorkonzert des Opernchores Dortmund zeigte die Stimmgewalt des mehr als vierzigköpfigen Opernchores . (Foto: (c) Martina Bracke)


Zur musikalischen Unterstützung kann der Chor auf Yuna Kudo und Louis Fourie an den zwei Flügeln zurückgreifen, die ein ganzes Orchester virtuos ersetzen. Fourie ist schon seit drei Jahren als Assistenz im Theater Dortmund und täglicher Begleiter des Chores tätig. Yuna Kudo ist künstlerische Leiterin des Opernstudios NRW, eines Zusammenschlusses von vier Opernhäusern aus Essen, Gelsenkirchen, Wuppertal und Dortmund zur Förderung von jungen Sängerinnen und Sängern zwischen Studium und Beruf.
Nach den Polowetzer Tänzen des Arztes und Chemikers Borodin folgen fröhliche Partien aus der Oper Faust von Charles Gounod: Kirmesmusik und ein Walzer. Faust fühlt sich offenbar sehr beschwingt an dieser Stelle – und das überträgt sich auch aufs Publikum.
Zum Abschluss wird es blutrünstiger. Der Chor fordert mit dem Stück aus Turandot von Giacomo Puccini die Hinrichtung eines Prinzen, der leider die drei Rätsel der Prinzessin nicht lösen konnte. Doch dann erliegen die Sängerinnen und Sänger – beziehungsweise das Volk dieser Oper – dem Charme und der Jugend des Prinzen und fordern Gnade für ihn. Wie das ausgeht? Man kann es ab November erfahren, wenn die ganze Turandot auf dem Spielplan steht – mit allein über einer Stunde Gesang des Dortmunder Opernchores und seinen Mitgliedern aus dann zwölf Nationen von vier Kontinenten. O Fortuna.
Und wie erwartet gibt es stehende Ovationen und eine Zugabe, für die alle ihre Notenbücher noch einmal aufklappen.

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Der Vorverkauf für die kommende Spielzeit läuft.




Smetanas musikalisches Vermächtnis für die tschechische Nation

Das 8. Philharmonische Konzert bot dem Publikum am 15. und 16. April 2025 in Dortmund ein seltenes und musikalisch eindrucksvolles Erlebnis. Im hiesigen Konzerthaus stand der komplette Zyklus „Mein Vaterland“ von Bedřich Smetana (1824–1884) unter dem Titel „Entlang der Moldau“ auf dem Programm.

Im Mittelpunkt stand nicht nur die bekannte, emotional-musikalische Reise entlang der Moldau – von der Quelle bis zur Mündung –, sondern das Gesamtwerk in seinen sechs sinfonischen Dichtungen. Dieses stellt ein musikalisches Monument der tschechischen Identität und ihres Strebens nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit dar. Der als Einheit konzipierte Zyklus ist ein eindrucksvolles Klangbild aus Naturverehrung, Tradition, Mythen und politischem Aufbruch. Zur Zeit seiner Entstehung gehörte Tschechien noch zur Habsburger Monarchie. Smetana folgte inhaltlich einer konkreten Idee der sinfonischen Dichtung, wie sie programmatisch geprägt war.

Visionär-musikalischer Zyklus der Romantik

Den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung des mit tschechischer Musik bestens vertrauten kanadischen Dirigenten Charles Olivieri-Munroe gelang es auf beeindruckende Weise, dieses große Werk mit klanglicher Sensibilität und Tiefe darzubieten.

Als Ouvertüre eigener Art fungierte das erste Stück „Vyšehrad“. Der Titel bezieht sich auf den sagenumwobenen Prager Fürstenberg – der Legende nach der Sitz der Seherin Libuše – und steht als Symbol für die Größe und Hoffnung der tschechischen Nationalbewegung. Das eröffnende Harfenthema, ein prophetischer Gesang (bekannt aus Smetanas Oper Libuše), zieht sich wie ein Leitmotiv durch das gesamte Stück – ein musikalisches Drama zwischen Glanz und Verfall.

Charles Olivieri-Munroe dirigierte die Dortmunder Philharmoniker durch  Smetanas Zyklus "Mein Vaterland". (Foto: (c) Adam Golcek)
Charles Olivieri-Munroe dirigierte die Dortmunder Philharmoniker durch Smetanas Zyklus „Mein Vaterland“. (Foto: (c) Adam Golcek)

Im folgenden Teil „Die Moldau“ wird der Lauf des Flusses poetisch und eindringlich nachgezeichnet – mit all seinen Stromschnellen und ruhigen Passagen, spürbar und unmittelbar erlebbar für die Zuhörenden.

Mythisch und kämpferisch zeigt sich das dritte Stück „Šárka“, das die Geschichte einer schönen Amazonenkriegerin erzählt, die mit List und mit Hilfe ihrer Gefährtinnen eine feindliche Ritterschar besiegt – herbeigerufen durch den Klang eines Horns.

„Aus Böhmens Hain und Flur“, der vierte Teil, ist eine liebevolle und facettenreiche musikalische Landschaftsbeschreibung der böhmischen Heimat.

Dramatisch und historisch bedeutungsvoll werden schließlich die beiden abschließenden, eng miteinander verbundenen Stücke „Tábor“ und „Blaník“. Hier verweist Smetana auf die Hussitenkriege, die für das tschechische Nationalgefühl eine zentrale Rolle spielen. Ihr Auslöser war die Hinrichtung des Reformators Jan Hus im Jahr 1415.




Ein eindrucksvolles Barockerlebnis im Reinoldihaus

Am 12.03.2025 kamen Fans der Barockmusik beim Oratorium in zwei Teilen (Rom 1707) mit dem Titel „La Bellezza ravveduta nel trionfo del Tempo e del Disinganno, HWV 46a“ von Georg Friedrich Händel voll auf ihre Kosten.

Für das Konzert im Rahmen des KLANGVOKAL Musikfestivals Dortmund wurde das renommierte belgische B’Rock Orchestra unter der Leitung von René Jacobs, einem der prägendsten Interpreten der Alten Musik, gewonnen. Zu den Instrumenten des Orchesters gehörten typische Klangkörper aus der Barockzeit, wie etwa das Cembalo. Hochkarätige Sänger*innen wie die Sopranistinnen Sunhae Im (Schönheit) und Kateryna Kasper (Vergnügen), der Countertenor Paul Figuier (Erkenntnis) sowie der Tenor Thomas Walker (Zeit) sorgten für ein eindringliches Musikerlebnis.

In einer klassischen Abfolge von Rezitativen und anspruchsvollen Arien hat Händel die Handlung zu einem „religiös-moralisierenden“ Oratorium vertont. Das Libretto stammte von Kardinal Benedetto Pamphilj.

Virtuosität und tiefgründige Symbolik

Die Partitur stellte nicht nur für das sensibel begleitende Orchester eine Herausforderung dar, sondern auch für die Singenden auf der Bühne. Besonders die Figur des Piacere (Vergnügen) verlangte eine Musik voller halsbrecherischer Koloraturen. Der ukrainisch-deutschen Sopranistin Kateryna Kasper gelang dies kraftvoll und scheinbar mühelos. Symbolisch für die Eitelkeit stand zudem die Virtuosität der Instrumentalist*innen des Orchesters.

Barockes Highlight unter der Leitung von René Jacobs. (Foto: Fiona Bischof)
Barockes Highlight unter der Leitung von René Jacobs. (Foto: Fiona Bischof)

Im Mittelpunkt der Handlung stand die Wandlung der Bellezza (Schönheit) von der sinnlichen Liebe (verkörpert durch das Vergnügen) zur geistigen Liebe (Erkenntnis). Zeit und Vergänglichkeit spielten ebenfalls eine bedeutende Rolle.

Ein musikalisches Highlight bildete das spezielle Concerto für Orgel und Streicher, das im ersten Teil bei Bellezzas Eintritt in den Palast als Zeichen des Vergnügens erklang. Am Ende, während ihrer schlicht gehaltenen Schlussarie in E-Dur – als Symbol des Himmels –, gesellte sich eine zusätzliche Violinenstimme hinzu.

Nicht nur großartige Stimmen waren zu hören, sondern es wurde auch viel mit Mimik und Gesten gearbeitet, was die Aufführung besonders lebendig machte.

Interessanterweise hat Händel in seinem ersten Oratorium geschickt seine bekannte Arie „Lascia la spina“ aus der später entstandenen Oper Rinaldo eingearbeitet.

An diesem Abend hatten die Musiker*innen an ihren Soloinstrumenten mehrfach Gelegenheit, ihr virtuoses Können unter Beweis zu stellen.