Viktorianischer Flair im Dortmunder Konzerthaus

Unter dem Titel „Hollywood Hits – Enchanting.indeed!“ am 20.09.2021 erlebte das Publikum ein in der Tat zauberhaftes 1. Konzert für Leute in diesem Jahr.

Im Mittelpunkt standen hier die aus Streaming Diensten wie Netflix oder Kino-Filmen bekannten und auch beim jüngeren Menschen beliebte Serien wie etwa „Bridgerton“ und ähnliche, bei der die gesellschaftliche Situation im Viktorianischen Zeitalter (1837 -1901) thematisiert werden. Da wurden junge heiratswillige adelige Damen in die Society eingeführt, um entsprechende Männer kennenzulernen.

Romantisch ging es zu beim 1. Konzert für junge Leute. (Foto: © Michelle Piras)

Eine solche Veranstaltung wurde nun kurzerhand in den feierlich mit Kerzenständern und Kronleuchtern geschmückten Konzertsaal in unserer Stadt verortet.

Das Konzert war eine Mischung aus Musik, Tanz und Schauspiel. Die bestens aufgelegte Dortmunder Philharmoniker trat größtenteils stilecht mit Perücken auf. Selbst Dirigent Generalmusikdirektor Gabriel Feltz machte da keine Ausnahme.

Auf der erhobenen Chortribüne thronte als „Gastgeberin“ im feinen Reifrock Lady Whistleton (Andrea Hoever), die das geschehen auch per „Society Paper“ der geneigten Leserschaft feierlich und leicht ironisch näher brachte.

Sarah Honnen und Kokebnesh Lemma machten zu Anfang eine tänzerische Einführung. Zwischen der von ihrer adeligen Familie erwarteten standesgemäßen Heirat und Sehnsucht nach der „wahren Liebe“.

Es traten in ihren pastellfarbenen Ballkleidern an: Zwei unterschiedliche Schwestern: Die extrovertierte Susan (Nadja Karasjew) und die schon zum zweiten antretende Charlotte (Sabine Krack). Die schöne und kluge Jane (Gabriele Burkhardt) als starke Frau. Der angesehenste Junggeselle Austin, der neue Duke of Hastings (Alexander Sasanowitsch), der zunächst eigentlich gar nicht vorhat zu heiraten, muss erst nach und nach von Jane überzeugt werden.

Musikalisch begleitet wird das Geschehen einfühlsam von der Dortmunder Philharmoniker und ihrem Dirigenten. Ob zur Einführung klassisch mit der Sonate 10 in G-Dur, Andante von Jean Baptiste Barrière, Barock Henry Purcell (Rondeau aus Abdelazer Suite), den dramatisch oder sentimentalen Film und Serien-Musik etwa Benjamin Brittons (Four Sea Interludes from Peter Grimes – 2. Sunday Morning), Themen aus Stolz und Vorurteil, Downtown Abby, Bridgerton oder die bekannte Titanic-Suite. Eindrucksvoll war ein Violinensolo aus Tschaikowskys Schwanensee.

Voll Inbrunst wurde „Land of Hope and Glory“ (Edgar Elgar) intoniert und von Austen gesungen. Das Ganze auch mit einem kleinen ironischen Augenzwinkern.

Die Sängerin Bonita Niessen, eingeführt als letztjährige Ballkönigin, begeisterte das Publikum mit ihrer kraftvollen starken Stimme mit „Never Enough“ aus The greatest Showman 2017) und als Zugabe „Let it be love“ (Lady Antebellum).

Ein musikalisch und konzeptionell gelungener Abend, an dem die Dortmunder Philharmoniker samt Dirigent mit Einwürfen Humor bewiesen.




1. Philharmonisches Konzert – musikalischer Neustart mit Bruckner

Endlich ist die Zeit vorbei, in der man die Dortmunder Philharmoniker nur auf CD hören könnte, am 14. Und 15. September 2021 startete das Orchester mit seinem Generalmusikdirektor Gabriel Feltz in die neue Spielzeit. Unter der Überschrift „Gottestürme“ stand Bruckner 5. Sinfonie auf dem Programm, ein musikalischer Gigant, der in 80 Minuten vermessen und analysiert wurde.

Nichts gegen Spotify, sie haben eine Reihe schöner Aufnahmen von Anton Bruckners 5. Sinfonie in ihrem Angebot, aber nichts geht über die Erfahrung eines Live-Konzertes. Husten, Rascheln, das Stimmen der Instrumente, all das macht das Erlebnis einzigartig. Wenn dann noch die Blechbläser und die Pauken mit ihrer Kraft in der Magengegend zu spüren sind, das bekommt man auch mit dem besten Kopfhörer nicht hin.

GMD Gabriel Feltz eröffnete die neue Spielzeit mit seinen Dortmunder Philharmonikern. (Foto: © Jürgen Altmann)
GMD Gabriel Feltz eröffnete die neue Spielzeit mit seinen Dortmunder Philharmonikern. (Foto: © Jürgen Altmann)

Die 5. Sinfonie ist durch ihr Hauptthema in den letzten Jahren wieder ins Bewusstsein der Menschen gelangt, denn es klingt so ähnlich wie der Gitarren-Riff von „Seven Nation Army“ von der Band „The White Stripes“. Ob Jack White Bruckners Sinfonie jemals gehört hat und sich bewusst oder unbewusst hat inspirieren lassen, bleibt offen.

Jedenfalls ist das „kontrapunktische Meisterstück“, so Bruckner selbst über die 5. Sinfonie, ein ordentliches Stück Arbeit für die Blechbläser und den Paukisten Frank Lorenz. Aber sie hat auch zärtliche Momente wie der Beginn des Adagios, die von der Oboe getragen wird und von Christiane Dimigen behutsam vorgetragen wurde.

Die Aufgabe von Gabriel Feltz war es, in der sehr komplexen Sinfonie die musikalische Dramaturgie zu finden. Der Wechsel zwischen Steigerung und Spannungsabbau ist in dieser Sinfonie essenziell. Auch das schafft der Generalmusikdirektor gekonnt, indem er fast zu einer Art „Mischpult“ mutiert und die einzelnen Gruppen mal lauter mal leiser spielen lässt.

Ja, die 5. Sinfonie ist eine Art Tonkathedrale, die vor allem im Schlusssatz ihre Wunder und ihre Kraft präsentiert. Daneben bietet der 2. Satz wunderbare Momente der Ruhe und des Innehaltens.

Musikalisch ist der Start in die neue Spielzeit der Dortmunder Philharmoniker gelungen. Beim Blick durch die Besucherränge schien es, als ob das Vertrauen in die Zeit der “Post-Pandemie” noch nicht ganz zurück ist. Es wird wohl einige Zeit dauern, bis alle sich wieder an volle Konzerthäuser gewöhnt haben, ohne Angst vor Ansteckung zu haben. Die Philharmoniker jedenfalls haben am Dienstag ihr Bestes gegeben, um die Besucher*innen wieder ins Konzerthaus zu locken.




Kirsas besondere Musik in der Jungen Oper

Am 05.09.2021 hatte die Mobile Oper „Kirsas Musik“ von Thierry Tidrow (musikalische Leitung) und Ilaria Lanzino (Regie, Bühne und Kostüme) im Operntreff des Dortmunder Opernhauses seine Premiere. Weiterhin aus Sicherheitsgründen nach strengen Corona-Vorgaben.

Mobile Oper bedeutet, dass „Kirsas Musik“ nicht nur im Opernhaus zu sehen sein wird, sondern auch als mobile Produktion in den hiesigen Kindergärten unter jungeoper@theaterdo.de gebucht werden kann.

„Kirsas Musik“ ist das erste Stück, das der Composer in Residence, Thierry Tidow, für das neue Ensemble der Jungen Oper (Spielzeit 2019/2020) komponiert hat. Es ist eine a-capella-Oper, bei der die Stimmen und Charaktere im Mittelpunkt stehen.

(v.l.n.r.) Anna Lucia Struck, Marcelo de Souza Felix und Ruth Katharina Peeck (Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture)
(v.l.n.r.) Anna Lucia Struck, Marcelo de Souza Felix und Ruth Katharina Peeck (Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture)

Von den beteiligten Sänger*innen war neben ihren guten Stimmen auch ein lebendiges Mienenspiel und ein gutes Rhythmus-Gefühl gefordert. Die drei Beteiligten konnten hier überzeugen.

Warum geht es? Die Freundinnen Tara (Anna Lucia Struck) und Mara (Ruth Katharina Peeck) freuen sich über ihre vielen Gemeinsamkeiten und ähnlichen Interessen. Das äußern sie auch in lustigen Wortspielen. Da taucht jemand Neues auf. Kirsa ist nicht nur ein Junge, hat eine dunklere Hautfarbe und ist so anders als alle Kinder, die sie bisher kennengelernt haben. Zudem hat er andere Interessen. Er ist jemand mit ganz eigener Persönlichkeit, einer besonderen „Musik“.

Am Anfang machen sich die beiden Mädchen über den sonderbaren Jungen lustig, und er zieht sich zurück. Dann nähert sich zunächst Mara ihm langsam an, während Tara ihn weiter links liegen lässt. Sie ist einerseits eifersüchtig auf die sich anbahnende Freundschaft von Mara und Kirsa, andererseits von den festgefahrenen Vorurteilen ihrer Eltern beeinflusst. Erst am Ende wird eine Annäherung angedeutet.

Die Kostüme für Tara und Mara hat Ilaria Lanzino als einen bunten „Mädchentraum“ in Pink, Lila und Türkis und Gelb ausgewählt. Dieses typische Mädchenbild wird natürlich durch ihr Spielzeug, ihnen nachgebauten Puppen, verstärkt. Kirsa erscheint sportlich elegant mit hipper gelber Brille. Er ist sportlich, hat viel Rhythmus-Gefühl und liebt fangen oder verstecken.

Diese a-capella-Oper kann schon Kindern ab 4 Jahren auf sensible musikalische Art helfen, die Angst vor dem „unbekannten Anderen“ zu nehmen, sondern immer neugierig und offen auf neues zuzugehen. Es könnte sich lohnen und eine Bereicherung sein!

Weitere Vorstellung im Opernhaus am Samstag, dem 11.09.2021 um 15:00 Uhr.




Vielschichtige Musik an der Grenze zwischen Jazz und Ambient

Das zweite Album des Dortmunder Trios „About Aphrodite“ mit dem Titel „Future Memories“ ist Ende Oktober erschienen. Auch wenn es vielleicht unter dem Genre „Contemporary Jazz“ eingeordnet wird, ist es doch viel mehr. Die Gruppe zeichnet sich wie schon beim Debut „Polaris“ durch starke Ambient-Elemente aus, hinzu kommen Bezüge aus der Klassik und Filmmusik.

Das Trio besteht aus Gilda Razani, die vor allem Theremin und Sopransaxophon spielt sowie das Instrument „The Pipe“, das eine Art Synthesizer ist, der mit dem Mund gespielt wird. Hinzu kommt Hans Wanning, der Klavier und Synthesizer spielt sowie Jaime Moraga Vasques am Schlagzeug.

Die Songs auf „Future Memories“ sind offensichtlich durch die Klimadiskussionen der vergangenen Jahre inspiriert, doch manche Lieder wie „Seclusion“ lassen auch auf einen Weltraumtrip hindeuten. Das ganze Album ist sowieso sehr vielschichtig, der Klangteppich lädt dazu ein, die Lieder öfter zu hören, denn dann fallen dem Hörer wieder ein paar neue Klänge auf.

"About Aphrodite" sind (v.l.n.r.) Hans Wanning, Gilda Razani und Jaime Moraga Vasques (Foto: © About Aphrodite)
„About Aphrodite“ sind (v.l.n.r.) Hans Wanning, Gilda Razani und Jaime Moraga Vasques (Foto: © About Aphrodite)

Den Beginn macht „Protection zone“. Hier beginnt das Klavier mit serieller Musik, gefolgt von einem hypnotischen Saxophon, Naturgeräusche erklingen, scheinbar entführt uns die Musik in ein unbekanntes verborgenes Land. Ruhige Phasen wechseln sich mit rhythmischen ab.

Der folgende Titel „Seclusion“ wirkt etwas technischer vom Sound. Hier geht die Reise möglicherweise ins Weltall, das Theremin erschafft einen sphärischen Sound, ideal zum Entdecken fremder Welten.

Bei „Reflector“ erkennt man am deutlichsten, dass es sich um ein Jazz-Trio handelt. Jazz-Rhythmen dominieren, aber immer noch ist der typische, unverwechselbare Sound von „About Aphrodite“ im Vordergrund. Der längste Track des Albums,

Mit „Last Resources“ ist wieder ein Umweltthema im Mittelpunkt. Das klagendes Theremin und die langsamen Klavier-Akkorde haben etwas melancholisches an sich, im Laufe des Stückes nimmt die Dynamik und Dramatik zu.

Was ist das Gegenteil von künstlicher Intelligenz? „Artificial Stupidity“. Mit tanzbarem Offbeat und Theremin überrascht das Trio den Hörer, es wird in der Mitte kurz wild und verrückt. Der Song könnte auch gut in einem Club gespielt werden. Mein Lieblingsstück auf dem Album.

Nach dem Offbeat Ausflug geht es mit „Future Memories“ zurück zum Jazz. Ein Loop von einer Art Orgel, Saxophon im Mittelpunkt, schöne langsame Steigerung des Tempos gegen Ende des Songs.

„Way out“ wieder sehr technisch, mit einem warmes Saxophon. Das Stück wird mit Minute zu Minute vielschichtiger vom Sound. Es könnte die Musik für das Ende von einem Film sein.

„Future memories“ ist ein wundervolles Album, ein gelungener Genre-Mix aus Jazz, Ambient und anderen Inspirationsquellen. Es lohnt sich, die Songs wegen ihrer Vielschichtigkeit öfter zu hören.




Groove Symphony in vier Jahreszeiten

Beim ersten Konzert für junge Leute erwarteten die Besucher die „Four seasons reloaded“ aus der Reihe der Groove Symphony. Ein Remix des beliebten Klassikers von Antonio Vivaldi nach einer Bearbeitung von Max Richter.

Die Dortmunder Philharmoniker dirigiert von Christoph JK Müller, das Live-Elektronik Duo Cylvester und Poetry Slammerin Jule Weber beschäftigten sich mit den Folgen des Klimawandels und daraus resultierenden drängenden Fragen unsere Zukunft.

Das zyklisch Wiederkehrende der Jahreszeiten wird dadurch verstärkt, dass die Musiker und auch Yule Weber sich in ihren Vorträgen an die Abfolge von Frühling, Herbst, Sommer und Winter halten. Jeder beschäftigt sich auf seine Art mit der jeweiligen Jahreszeit und der Interpretation dazu. Das ist im Herbst etwas langatmig, da sich der Wiederholungseffekt etwas abschleift. Die Poetry Slammerin Yule Weber bildet mit ihren Texten die Klammer zwischen den musikalischen Stücken. Poetisch, wortgewandt, lyrisch, politisch steht sie bildlich gesehen an ihrem Fenster, beobachtet den Wandel der Jahreszeiten beschreibt ihre Gedanken dazu.

Eines der letzten Veranstaltungen im Konzerthaus vor dem Lockdown im November war das "Konzert für junge Leute". (Foto: © Anja Cord)
Eines der letzten Veranstaltungen im Konzerthaus vor dem Lockdown im November war das „Konzert für junge Leute“. (Foto: © Anja Cord)

Das Kölner Elektronik Duo, bestehend aus den Künstlern Max Schweder und Tobias Hartmann ist hinter den Philharmonikern unter einer großen Videoleinwand platziert. Dort sind sie die Herren über Sampler, Synthesizer und Sequenzer. Die reaktive Performance der Musiker wurde an der Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund entwickelt. Reaktiv bedeutet, dass Bilder auf Rhythmus, Klänge und Bewegung der Musiker reagieren.

In drei von vier Tracks, G5, Sun, Frank und Foto verarbeitet Cylvester die Eindrücke der diesjährigen Jahreszeiten in extra überzeichneten Bildern, um die Besonderheiten herauszustellen. Einen euphorischen Frühling mit impressionistisch verlaufenden Landschaftsbildern, der hitzeflirrende Sommer zeigt eine gefährliche Grimasse und ein Herbst der wie eine Atempause gebremst auf den Winter wartet. Der vierte Track „Foto“ ist extra für das gemeinsame Spiel mit den Philharmonikern komponiert. Die dicht verwobene gemeinsame Musik wird bildgewaltig auf der Leinwand verstärkt. Kraftvolle Bilder mit kosmischen Motiven leiten den Blick in die Zukunft, die gemeinsam und nachhaltig gestaltet werden sollte. Unterstrichen werden die Darbietungen durch die rhythmisch blinkende, farbig abgestimmte Saalbeleuchtung. Im dramatischen Sommer gesteigert bis ins Stakkato, so dass man sich beinah auf der Tanzfläche eines Clubs wähnt. Die Visuellen Effekte, Bilder und Videos entwickelte Visual Jockey Alexander Rechberg. Das Konzertdesign gestaltete Andrea Hoever, die Theaterpädagogin der Philharmonie.

Die vielfältigen Eindrücke fordern den ganzen Zuschauer. Alle Sinne sind beansprucht um dem Vortrag zu folgen.Zwischendurch war es ganz entspannend kurz die Augen zu schließen und nur der Musik zu lauschen.

Die Vier Jahreszeiten von Max Richter klingen an vielen Stellen stark zurückgenommen. Man erlebt die typischen Jahreszeiten in jeweils drei Sätze eingeteilt. Vögel zwitschern, Wasser plätschert, Sturm weht, allerdings fehlt an manchen Stellen die Dynamik, die den Zuhörer empathisch in die Stimmung der Jahreszeit eintauchen lässt.




„Gefangen im Netz der Intrige“ Zwei Komponisten aus zwei Jahrhunderten begeisterten das Konzerthaus-Publikum

Star des Konzerts für Klavier und Orchester Nr.2 f-moll war der virtuos spielende Pianist Bernd Glemser. Das Werk von Frédéric Chopin ist im Geist des „Style brilliant“ komponiert. Dies bedeutet, dass das Orchester neben dem Klavier eine zurückgenommene Rolle spielt und das Tasteninstrument in den Mittelpunkt des Konzertes rückt. Hierfür war Glemser genau der Richtige. Der als „ deutscher Klaviermagier“ und Solist von Weltrang bekannte Musiker entwickelte den majestätischen ersten Satz in romantisch melancholischer Anmutung. Die Glissandi perlten in beschwingten Passagen und verführten zum Träumen. Das romantische Larghetto des zweiten Satzes ist eine Liebeserklärung an die von Chopin verehrte Sängerin Konstancja Gladkowska. Das Allegro vivace des dritten Satzes entwickelt sich aus einer melancholischen Stimmung zu einem beschwingten Walzer mit einem fulminanten Finale. Mit anhaltendem Applaus belohnte das Publikum Pianisten und Orchester.

Die wahre Entdeckung des Abends erwartete die Besucher dann nach der Pause. Die Symphonische Serenade B-Dur von Erich Wolfgang Korngold war ein Musikerlebnis von höchster Qualität. Im Programmheft mit „Herbe Nachtmusik“ betitelt folgten die Zuhörer gebannt dem Stück in drei Sätzen. Mitreißend, spannend, von starken Rhythmen voran getrieben, dann wieder sanft dahin gleitend waren Orchester, Dirigent Feltz sowie das Publikum gleichermaßen von der anspruchsvollen Partitur gefordert. Besonders in Erinnerung bleibt der gezupfte Teil des zweiten Satzes.

Bernd Glemser verzückte das Konzertpublikum mit Chopin. (Foto: © Werner Kmetitsch)
Bernd Glemser verzückte das Konzertpublikum mit Chopin. (Foto: © Werner Kmetitsch)

Korngold emigrierte in den 30iger Jahren in die USA. Dort stieg er ins Filmbusiness ein und schrieb Filmmusiken für 18 Hollywoodfilme. Später, unter dem Eindruck des zerstörerischen Weltkrieges und dessen erschütternden Nachwirkungen, schrieb er 1946/47 diese Serenade, die mit diversen starken Dissonanzen spielt. Ein Konzerterlebnis, das man gerne wiederholen möchte.

Der 3. Philharmonische Konzertabend am 10. Und 11. November läuft unter dem Tiel „Orte der Sehnsucht“ mit Werken von Bruch, Tschaikowsky und Mendelson-Bartholdy.




Klangvokal 20/21 – Ein Abend mit Purcell

Das Festival Klangvokal findet dieses Jahr Coronabedingt in einem andere Format statt. Anstatt viele Konzerte konzentriert in drei Wochen durchzuführen, geht das Festival diesmal über mehrere Monate bis weit ins Jahr 2021. Das Auftaktkonzert „Music for a while“ fand am 01. Oktober statt und stand ganz im Zeichen des englischen Komponisten Purcell. Es sang die Mezzosopranistin Ann Hallenberg, begleitet wurde sie von Christophe Rousset und den Les Talens Lyriques.

Auf der einen Seite sind vermutlich alle froh, dass es nach dem Lockdown endlich wieder Kultur gibt, andererseits sorgen die Regelungen immer noch für Beschränkungen. Nicht nur im Zuschauerraum, auch auf der Bühne wurde auf Anstand beachtet. So kamen von Les Talens Lyriques neben Christophe Rousset (Cembalo) nur noch Atsushi Sakaï (Viola da Gamba) und Karl Nyhlin (Laute) auf die Bühne. Zur Erinnerung: 2019 kamen Les Talens Lyriques noch in voller Besetzung, um die konzertante Aufführung von Händels „Agrippina“ zu begleiten. Durch die spärliche Besetzung hatte das Konzert den Charakter eines intimen Hauskonzertes.

Auch die schwedische Mezzosopranistin Ann Hallenberg ist für treue Besucher der Klangvokal-Konzerte keine Unbekannte. 2015 sang sie bei einem Barockkonzert in der Reinoldikirche und 2017 stand sie auf der Bühne beim Oratorium „The dream of Gerontius“ von Edward Elgar.

Ein gelungener Start in die Spielzeit von Klangvokal mit (v.l.n.r.) Atsushi Sakaï, Christophe Rousset, Ann Hallenberg und Karl Nyhlin (Foto: © Sandra Spitzner).
Ein gelungener Start in die Spielzeit von Klangvokal mit (v.l.n.r.) Atsushi Sakaï, Christophe Rousset, Ann Hallenberg und Karl Nyhlin (Foto: © Sandra Spitzner).

Hallenberg schaffte es mühelos durch ihren lebhaften Vortrag die verschiedenen Stimmungen von Purcells Liedern zu transportieren. Vom fröhlichen „If music is the food of love“ bis hin zum emotionalen „O solitude“zeigte sie ihre tiefe Beziehung zur Alten Musik. Denn Hallenberg ist vor allem durch ihre Beteiligungen an Opern von Händel bekannt.

Neben Liedern von Purcell spielte Rousset noch zwei Suiten des englischen Komponisten. Als Zugabe erklangen noch zwei Songs darunter „Fairest Isle“ aus „King Arthur“.

Der Abend war ein gelungener Start in die Klangvokal Spielzeit 20/21 und machte Zuschauen sowie den Interpreten sehr viel Freude.




Trotz kleinerer Besetzung: Carmina Burana verzückte Publikum

Eine begeisternde Eröffnung gelang den Dortmunder Philharmonikern mit der „Carmina Burana“. Ein kraftvoller, monumentaler Auftakt mit dem beliebten „Oh Fortuna“ riss das Publikum schon zu Beginn des Konzertes mit. Aufgeführt wurde eine reduzierte Orchesterfassung in der Bearbeitung von Andreas Högstedt. Die kleinere Besetzung tat dem Genuss keinen Abbruch, im Gegenteil: der kammermusikalische Klang überzeugte auf Anhieb.

Um alle Abstände einzuhalten, saßen nur 31 Musiker auf der Bühne, die Sänger des Philharmonischen Chores Brno waren auf den Emporen verteilt, der Kinderchor der Chorakademie sang aus den Foyers durch die geöffneten Saaltüren und war praktisch nicht zu sehen. In dieser etwas unbequemen Anordnung aller Beteiligten die Fäden in der Hand zu halten gelang Dirigent Gabriel Feltz hervorragend.

Carl Orff schuf mit seiner Carmina Burana ein Meisterwerk der Musikgeschichte. Die Texte von mittelalterlichen Liedern und Schwänken fand er in einem Antiquariatskatalog bebildert mit dem Rad der Fortuna, war sofort inspiriert. Er schuf noch am gleichen Tag den das gesamte Werk einrahmenden Chor der Fortuna. Orff zieht die Zuhörer mit in verschiedene Szenerien, sie reichen vom Anbrechen des Frühlings, gefolgt von „Auf dem Anger“ und in der Taverne bis zum „Cour d‘ Amour“, dem Hof der Liebesabenteuer. Die meisten Texte sind in Latein verfasst, wenige in mittelhochdeutsch. Musikalisch sehr abwechslungsreich vom fröhlichen, deftigem Bauerntanz, zu leisen weichen Melodien und fast jazzigen, Gershwin ähnlichen Klängen, setzten die Musiker das Werk temporeich und forciert um.

Das Konzerthaus hat ebenfalls ein ausgeklügeltes Corona-Konzept für Konzerte entwickelt. (Foto: © Anja Cord)
Das Konzerthaus hat ebenfalls ein ausgeklügeltes Corona-Konzept für Konzerte entwickelt. (Foto: © Anja Cord)

Die Solisten Aleksandra Jovanovic (Sopran), Cornel Frey (Tenor), Thomas Mohr (Bariton) brillierten mit ihren Auftritten. Besonders Bariton Thomas Mohr erwies sich als schauspielerisches Talent mit ausgeprägter Mimik und Ansätzen zur Komik.

Das Publikum belohnte den gelungenen Start unter Coronabedingungen mit Standing Ovations.




Paris im musikalischen Aufbruch des 20. Jahrhunderts

Im Blickpunkt des 6. Philharmonischen Konzerts am 3. und 4. März 2020 stand Paris, die Stadt der Liebe, Revolution und Kunst auf dem Programm der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Maestro Mario Venzago (Schweiz). Im hiesigen Konzerthaus standen Werke von George Gershwin (1898 – 1937), Alexander Glasunow (1865 – 1936) sowie Igor Strawinsky (1882 – 1971) im Mittelpunkt. Auch das Saxophon als Instrument spielte eine große Rolle.

Paris war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts für viele Künstler aller Sparten ein aufregender Ort. Nicht nur für Komponisten im Exil wie Glasunow und Stawinsky, sondern auch für längere Besucher wie Gershwin.

Die Kunst- und Musikwelt war im Umbruch und die Einflüsse der modernen avantgardistischen Einflüsse vor allem aus Amerika (etwa der Jazz) auf die ernstere europäische Musiktradition waren vor allem in der französischen Metropole spürbar.

Saxophonist Koryun Asatryan meisterte das "Konzert für Alt-Saxophon und Streichorchester Es-Dur op. 109" von Alexander Glasunow. (Foto: © Jürg Christandl)
Saxophonist Koryun Asatryan meisterte das „Konzert für Alt-Saxophon und Streichorchester Es-Dur op. 109“ von Alexander Glasunow. (Foto: © Jürg Christandl)

Mit seinem „An American in Paris“ (1928) vertonte Gershwin meisterhaft die Eindrücke eines Spaziergängers, der durch Paris flaniert. Ob det Lärm des Autoverkehrs, die Schwingungen der Varietés, Cafés, Stimmengewirr und anderes wird von den Instrumenten des Orchesters musikalisch verdeutlicht. So ist zum Beispiel das Hupen der Autos klar zu vernehmen. Auch Stimmungen wie Freude, Einsamkeit und Heimweh werden wunderbar umgesetzt.

Der russische Komponist Alexander Glasunow war nicht nur seiner Exil-Heimat Paris zugetan, sondern war von der Jazz-Musik und dem Saxophon aus Amerika begeistert.

Für den deutsch-schwedischen Saxophonisten Sigurd Raschèr und seine Musiker komponierte er sein „Konzert für Alt-Saxophon und Streichorchester Es-Dur op. 109“ (Uraufführung 1933). Mit dem Armenier Koryun Asatryan hatte das Konzert einen hervorragenden Saxophonisten für dieses Werke gefunden. Er war den variablen Anforderungen und anspruchsvollen Solopartien jeder Zeit gewachsen. Es zeigt sich bei diesem musikalischen Werk, dass Glasunow ein wahrer Meister der Themenverknüpfung und des Kontrapunkts war.

Nach der Pause stand das eigentlich für das Ballett konzipierte musikalische Arbeit „Petruschka“ (Fassung 1947) von Igor Strawinsky auf dem Programm. Grundlage für diese avantgardistische Komposition bildete ein Jahrmarkt in Sankt Petersburg (Fastnacht). Die drei zum „Leben erwachten“ Holzpuppen sind Petruschka (Kasper oder Narr), der „Mohr“ und die von beiden umgarnte Ballerina.

Jahrmarktstimmung verbreitet unter anderem die Celesta. Zusätzlich sind im Orchester auch zwei Harfen im Einsatz. Das Spektrum der Musik reicht von volkstümlichen Klängen und „hölzerner Walzermusik“ bis hin zu avantgardistischen und der Situation entsprechenden manchmal bizarr wirkenden Tonen. Das die Musik von Petruschka sich wunderbar für das Ballett eignet, ist spürbar.




Konzert Wiener Klassik mit Werken dreier Großmeister

Die Dortmunder Philharmoniker lud am 24.02.2020 unter dem Titel „Im Puls von Kolja Blacher“ im Rahmen der Wiener Klassik Reihe in das hiesige Konzerthaus. Für dieses Konzert wirkte der renommierte Violinist Kolja Blacher als „Pulsgeber“ sowohl in einer Doppelfunktion als Musiker und Dirigent. Auf dem Programm standen die Werke dreier berühmter Komponisten, die in einem eigenen Bezug zu Wien standen.

Die Sinfonie D-Dur KV 385 „Haffner“ von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) entstand zu einer arbeitsintensiven Zeit für den Komponisten. Auch privat war es eine aufregende Zeit für Mozart. Er lebte 1782 bei seinen künftigen Schwiegereltern Weber und die Hochzeit mit deren Tochter Constanze war im vollen Gange.

Die Auftragsarbeit der reichen und einflussreichen Familie Haffner aus Salzburg zur Feier der Erhebung des Sohnes in den Adelstand. Im Jahr 1777 hatte Mozart schon eine sechssitzige Serenade für den Vater (Sigmund Haffner) komponiert. Diese wurde für die „Haffner“ Sinfonie auf vier Sätze gekürzt, Mozart tilgte Wiederholungen und fügte Flöten sowie Klarinetten hinzu. Das Werk zeugt von der großen musikalisch-dramatischen Kunst des Komponisten. Im zweiten Satz sind die Anklänge an die Serenade zu erkennen. Die typische „Verspieltheit“ des Komponisten durfte natürlich in der Sinfonie auch nicht fehlen. Blacher führte sich mit seiner Violine als gleichwertiger Teil der Philharmoniker gut in das Orchester ein.

Kolja Blacher glänzte nicht nur als Musiker an der Violine, sondern auch als Dirigent. (Foto: © Anna Marenčáková auf Pixabay)
Kolja Blacher glänzte nicht nur als Musiker an der Violine, sondern auch als Dirigent. (Foto: © Anna Marenčáková auf Pixabay)

Das folgende Violinkonzert D-Dur op. 61 von Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) für einen befreundeten Geiger (Franz Clement) wurde 1806 in Wien präsentiert und setzte Maßstäbe für die Ewigkeit. Es gibt weniger dynamische Zuspitzungen, dafür passiert motivisch und thematisch so einiges. Allein das außergewöhnliche pochende Motiv der Pauken wird in verschiedenster Weise variiert. Mal steht die Solo-Geige, mal das Orchester im Vordergrund. Kolja Blacher konnte sein Können und Einfühlungsvermögen in dieser „gleichberechtigten“ Beziehung voll zur Geltung bringen. Außerdem fungierte er zwischendurch immer wieder als Dirigent und hatte das ganze Orchesterkonzept im Blick.

Nach der Pause folgte die 104. Sinfonie D-Dur von Joseph Haydn (1732 – 1806). Der Komponist weite nach dem Tod seines Mäzens Prinz Nikolaus Esterházy in Wien. Von dort aus lockte ihn der Ruf (1791 – 1792) nach London. Der Geiger und Impresario Johann Peter Salomon machte ihm ein Vertragsangebot für eigentlich sechs Sinfonien. Es war der Beginn einer großen Begeisterung der Londoner (Briten) für die Musik Haydns.  Diese Sinfonie ist ein gutes Beispiel für die Fähigkeit des Komponisten, raffinierten Kontrapunkt mit volkstümlich-gängigen musikalischen Themen variationsreich zu verbinden. Auch bei dieser Sinfonie wurde Kolja Blacher mit seiner Violine wieder zu einem bereichernden Bestandteil der Dortmunder Philharmoniker.