Lieder der Tröstung voll Schmerz und Zuversicht

Am 18.10.2021 standen beim 1. Kammerkonzert der Dortmunder Philharmoniker im hiesigen Orchesterzentrum die Streichinstrumente im Mittelpunkt.

Onyou Kim und Natalie Breuninger (Violine), Juan Ureňa Hevia und Seulki Ha (Viola) sowie Emanuel Matz und Florian Sebald (Violoncello) konnten nicht nur ihr technisches Können, sondern auch die vielfältige Ausdruckskraft ihrer Instrumenten deutlich machen.

Vor 80 Jahren fanden die ersten systematischen Deportationen der Juden in die Todeslager der Nationalsozialisten statt.

So passte es sehr gut, dass neben dem romantischen und zudem expressiven Streichsextett B-Dur op. 18 von Johannes Brahms (1823 -1897) zuvor auch Werke von drei Komponisten jüdischer Herkunft auf dem Programm standen.

Alexander Zemlinsky (1871 – 1941), Gideon Klein (1919 – 1945) und Viktor Ullmann (1898 – 1944) sind entweder an den Folgen der Nazi-Verfolgung oder im Konzentrationslager ermordet worden. Klein und Ullmann wurden von den Nationalsozialisten im Ghetto Theresienstadt genötigt bei ihrer Inszenierung eines „besonders lebendigen Kulturlebens“ als Musiker ihren Beitrag zu leisten. Sie versuchten, Energie und Kraft aus ihrer Situation zu schöpfen und den Lagerinsassen in ihren Leiden und Schmerzen auch etwas Hoffnung zu vermitteln.

Kompositionen von Künstlern, die in Konzentrationslagern ermordet wurden, standen im Mittelpunkt des Kammerkonzerts.
Kompositionen von Künstlern, die in Konzentrationslagern ermordet wurden, standen im Mittelpunkt des Kammerkonzerts.

Mit der Sopranistin Anna Sohn vom Dortmunder Opernensemble sorgte eine starke und kraftvolle Stimme für eine sensible Interpretation der Liedtexte. Dabei hatten Musik und Gesang den gleichen Stellenwert.

Alexander Zemlinskys Komposition „Maiblümchen blühten überall“ (1902/1903) für Sopran und Streichsextett, erzählt nach einem Gedicht von Richard Dehmels die tragische Geschichte zweier Liebender mit floraler Symbolik und Melancholie.

Gideon Kleins folgende musikalisch höchst expressive und trauer-volle „Fantasie und Fuge für Streichquartett“ ist 1942 entstanden. Seine Paarung von musikalischen Formen hat ihre Vorbilder im Barock.

Viktor Ullmanns „Herbst“ (für Singstimme und Streichtrio nach Georg Trakl) und „Lieder der Tröstung“ (für Singstimme und Streichtrio nach dem Anthroposophen Albert Steffen) sind beeinflusst von der christlichen Mystik. Sie berichte von Verbitterung und Zuversicht.

Alle gespielten Werke der drei Komponisten sind von der atonalen Musik ihres Lehrmeisters Arnold Schönberg beeinflusst.

Als Zugabe für das Publikum gab das tröstende „Abends, wenn ich schlafen geh“ aus „Hänsel und Gretel“ wunderbar instrumentalisiert.




Offertorium – Zweites Philharmonisches Konzert

Ein beeindruckendes Werk, von einer beeindruckenden Frau. Das „Offertorium“, titelgebend für das 2. Philharmonische Konzert im Konzerthaus Dortmund war ein echtes Highlight.

Sofia Gubaidulinas Konzert für Violine und Orchester thematisierte eine Opfergabe. Opfer oder Opfergaben begleiten die Menschen durch alle Kulturen und Religionen. Die Komponistin nahm das Thema regium aus dem Musikalischen Opfer von Johann Sebastian Bachs Musikalischem Opfer als Grundlage für ihr Werk. Ihr Opfer sind die jeweils erste und letzte Note des „regiums“ Nach und nach „verlor“ das Orchester die Noten bis nach vielfachen Schleifen nur ein Ton übrigblieb. Sehr leise und deshalb umso intensiver stand der Ton ein paar Takte im Raum. Von hier aus baute sich das Thema dann wieder auf, bis es wieder vollständig erklang. Linus Roth an der Solovioline spielte virtuos die schwierigen, teils kakofonischen Klangpassagen.

Das Hornsolo bringt den "Lichtstrahl" in die 5. Sinfonie von Tschaikowsky. (Foto: © Sabine Schmidt / pixelio.de)
Das Hornsolo bringt den „Lichtstrahl“ in die 5. Sinfonie von Tschaikowsky. (Foto: © Sabine Schmidt / pixelio.de)

Das Philharmonische Orchester war in voller Besetzung auf der Bühne. Die Streicher bewältigten die schwierige Herausforderung mit Bravour. Die fünf Musiker an den verschiedenen Schlagwerken waren ungewöhnlich viel beschäftigt. Vom leisen Triangelton, bis zum donnernden, ohrenbetäubenden Trommelwirbel waren sie ständig gefordert. Schon in ihrer Zeit in der Sowjetunion interessierte sich Sofia Gubaidulina für Dodekaphonie, Serialismus und Elektronik. Gerade ihre Liebe zum Seriellen zeigt sich in diesem Stück in Schleifen, die das Thema immer wieder einkreisen. Das waren herausfordernde, aber inspirierende 40 Minuten.

Die zweite Hälfte des Abends füllte Tschaikowskys 5. Sinfonie in e-moll. Die vom Komponisten als unzureichend empfunden Sinfonie gilt heute als eines seiner wichtigsten und modernsten Kompositionen. Tschaikowsky bearbeitete in seiner Sinfonie das „Schicksalsthema“. Nach seiner Auffassung musste der Mensch sich seinem Schicksal beugen beziehungsweise war er der Vorsehung ausgeliefert. Dieses Thema zieht sich durch die Sinfonie. Sie beginnt mit einem dunklen Trauermarsch, die Blechbläser symbolisieren durch kurze, laute Einwürfe immer wieder die Macht des Schicksals. Der zweite Satz beginnt ebenfalls getragen mit den Streichern, ein Hornsolo und dazukommende Klarinetten lassen einen Hoffnungsschimmer aufkeimen. In eine beschwingte Walzermelodie verpackt Tschaikowsky sein Schicksalsthema im dritten Satz. Nach der Leichtigkeit folgt erneut eine Hinwendung zum pathetischen Ausgeliefertsein. Mit einer sich ständig steigernden Einsatz der Klangstärke des Orchesters endet das Stück in einem gewaltigen pathetischen Finale. Dirigent des Abends war Leo McFall. Er ist Preisträger des diesjährigen Opus Klassik 2021 in der Kategorie Sinfonische Einspielung/Musik 19. Jahrhundert.




Sevdah-Musik, die Herzen berührt

Im Dortmunder domicil trat am 09.10.2021 der bekannte „König des Sevdah-Musik“ (Balkan-Blues) Damir Imamović mit zwei Kollegen Greg Cohen (Kontrabass, spielte schon mit Tom Waits) und dem türkischen Premium-Solisten auf der Kemenҫe (Türkische Laute) im Rahmen des Klangvokal Festivals auf. Imamović selbst fungierte als Sänger mit dem Tambur.

Der in 1978 in Sarajevo geborene Damir Imamović bot aus seinem Programm „Singer of Tales“ (2020) mit seinen Freunden eine beeindruckende Kostprobe des weitgefasstem Repertoires an Sevdah-Songs. Da zeigt sich die kulturelle Vielfalt. Das geht von Liedern aus den 1930er – 1990er Jahren, ein auf Ladino gesungenem jüdischem Stück (beruht u. a. in Bosnien eingewanderten sephardischen Juden im 16. Jahrhundert) bis sowie einer Komposition aus dem 19. Jahrhundert mit türkischem Einfluss.

Gesungene Geschichten aus Bosnien von Damir Imamović (mitte), links steht Greg Cohen am Kontrabass, rechts ist Derya Türkan an der Kemençe. (Foto: © Bedzina Gogiberidze)
Gesungene Geschichten aus Bosnien von Damir Imamović (mitte), links steht Greg Cohen am Kontrabass, rechts ist Derya Türkan an der Kemençe. (Foto: © Bedzina Gogiberidze)

Der bosnische Künstler ist nicht nur ein Geschichtenerzähler, sondern er sucht fortwährend neue musikalische Wege, diese Musik in ihre reiche Vergangenheit für unsere Gegenwart und die Zukunft zu transformieren. Die Songs werden in einem originellen Umfeld mit drei Saiteninstrumenten kombiniert und arrangiert.

Das Publikum wird durch die kraftvolle, helle und frisch klingende Stimme zum Hinhören verführt und in den Bann gezogen.

Die Interaktion zwischen den Musikern und ihren Instrumenten klappt sehr gut, ob als Trio oder mal als Duo.

Themen sind Emigration sowie Rückkehr, Mutterliebe und Bräuche zwischen Mann und Frau in den verschiedenen Epochen.

Ein wichtiges Anliegen ist Hoffnung auf ein friedliches Miteinander der verschiedenen Kultur in der von Gewalt und Krieg so gebeutelten Balkanregion. In Zukunft sollen in seiner Heimat alle Gefühlswelten jenseits von Herkunft und Religion platz haben.

Die Eigenkomposition „Čovjeku moje zemlje“ (Für die Leute meines Landes) legen Zeugnis davon ab. Persönlich wird es, wenn er von „Sarajevo“ singt.

Obwohl der Balkan-Blues oft traurig-melancholisch klingt, schwingt bei Imamović auch Optimismus und manchmal Humor mit.

Mit Augenzwinkern wurde zum Beispiel von ihm ohne instrumentaler Begleitung ein Song vorgetragen, bei dem ein Mann und eine Frau in einem Bett schlafen sollen, sich dabei aber nicht berühren dürfen.

Zum Abschluss gab es noch eine stimmungsvolle Kurz-Session der drei Künstler mit ihren Instrumenten. Da konnten sie noch einmal ihr ganzes musikalisches Können zeigen.




Sehnsucht – ein barockes Schwelgen

Am 09. Oktober 2021 feierte „Sehnsucht – ein barockes Pasticcio“ in der Oper Premiere. Mit dem Begriff „Pasticcio“ nennt man einen Zusammenschnitt aus verschiedenen Opern. In diesem Fall wurden überwiegend Arien aus Opern von Händel , aber auch von Purcell oder anderen Komponisten der Barockzeit gespielt.

Um die verschiedenen Arien wurde eine kleine Geschichte gesponnen, in dessen Zentrum ein Mann stand, der von Erinnerungen an die Vergangenheit gequält wird. In der Rolle dieses Mannes sehen wir den Countertenor David DQ Lee, während sein Vergangenheits-Ich vom Sopranist Bruno de Sá dargestellt wird. Warum die geplante Verlobung mit dem Sopran (Sooyeon Lee) nicht zustande kam, wird auf der Bühne in gespielten Rückblenden erzählt. Ob nun seine sexuelle Orientierung den Ausschlag gab, wie bei der „Weihnachtsfeier“ angedeutet wurde oder andere Dinge, jedenfalls bleibt eine Sehnsucht für die eventuell verpassten Chancen. Auch von der Enttäuschung der Eltern musste er sich lösen.

Eine Weihnachtsfeier, die schiefging.  (links Bruno de Sá, rechts Denis Velev) Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture
Eine Weihnachtsfeier, die schiefging. (links Bruno de Sá, rechts Denis Velev) Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture

Das alles wurde auf der Bühne in opulenter Weise dargestellt. Alle Beteiligten waren Meister ihres Faches und hatten auch sehr viel Freude an der Aufführung. Neben den erwähnten Lees waren noch die Mezzosopranistin Hyona Kim und der Bass Denis Velev zu hören. Doch was Sopranist (ja, ohne „in“) de Sá sang, war enorm beeindruckend. Seine Stimme erreichte Höhen, die unglaublich waren. Dazu noch die Begleitung der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster und der Abend war perfekt.

Leider ließ der Zuspruch des Dortmunder Publikums zu wünschen übrig, es bleibt zu hoffen, dass die weiteren Termine besser besucht werden.

Mehr Informationen unter www.theaterdo.de




Session Night – Funkiger Abend im Fletch Bizzel

Seit einiger Zeit hat das Fletch Bizzel mit Dixon Ra auch einen musikalischen Leiter. Der Saxophonist und Multiinstrumentalist nutzt seine musikalischen Fähigkeiten nicht nur, Theaterstücke zu begleiten, sondern bietet Interessierten auch unter dem Namen „Session Night“ eine neue musikalische Reihe an, bei der er auch Gäste einlädt. Manche werden sich an das „Small Beast“ erinnern, das unter dem damaligen musikalischen Leiter des Schauspielhauses, Paul Wallfisch, zum festen Repertoires der Dortmunder Musikliebhaber avancierte.

Den ersten Abend der „Session Nights“ am 05.10.21 bestritt Dixon Ra alleine, begleitet von Marc Reece (Gitarre), Caspar van Meel (Bass) und Lennart Rybica (Schlagzeug). Und die Musik zeigte sofort die Richtung an: Funk. „Stratus“ von Billy Cobham und „Blast“ von Marcus Miller ließen Erinnerungen an Serien wie „Straßen von San Francisco“ aufkommen. Der dritte Titel „Jovano Jovanke“ zeigte auch, dass Dixon Ra sehr gut Jazz-Funk mit traditionellen Balkanmelodien verbinden kann. Nach zwei Liedern vom Gastgeber gab es noch drei Zugaben. Bei „Bar Jedan Ples“ sang dann die künstlerische Leiterin Rada Radojčić und brachte den Saal vollends in Stimmung.

Sorgten für einen gelungenen Abend: (v.l.n.r.) Marc Reece, Lennart Rybica, Dixon RA und Casper van Mee. (Foto: © Rada Radojčić)
Sorgten für einen gelungenen Abend: (v.l.n.r.) Marc Reece, Lennart Rybica, Dixon RA und Casper van Mee. (Foto: © Rada Radojčić)

Gute Stimmung herrschte schon vorher. Denn alle Beteiligten waren handwerklich oberste Klasse. Dixon Ra ließ sein Saxophon mal weich mal rau klingen. Verzerrte Töne machten den Sound des Instrumentes interessant. Daneben hatte Dixon Ra auch Hochkaräter eingeladen. Marc Reece bewies, dass er nicht nur im Bluesrock-Genre zu Hause ist, sondern auch als Funk-Gitarrist begeistern kann. Caspar van Meel wurde 2003 beim „Grote Prijs van Nederland“ als bester Bassist ausgezeichnet und er zeigte, dass er den Titel 2021 vermutlich verteidigen könnte. Das Fundament legte Lennart Rybica am Schlagzeug, der auch mit einigen Soloeinlagen punkten konnte.

Insgesamt ein guter Start in die „Session Nights“, der neugierig macht auf die weiteren Folgen. Am 02.11.21 hat Dixon Ra die Coverband Wild Child eingeladen, wer am 07.12.21 dabei sein wird, ist noch eine Überraschung.

Mehr Informationen unter www.fletch-bizzel.de




Gismondo – Barockoper voll emotionaler Virtuosität

Im Rahmen des Klangvokal Musikfestival wurde am 03.10.2021 im Konzerthaus Dortmund mit der konzertanten Oper „Gismondo, Re di Polonia“ von Leonardo Vinci (Libretto Francesco Briani) ein Juwel aus dieser Zeitepoche aufgeführt.

Internationale Gesangsstars und das mit dieser Musik erfahrene Orkiestra Historyczna (Kattowitz) unter der musikalischen Leitung von Martyna Pastuszka sorgten für hohe künstlerische Qualität.

Die Sänger*innen mit dem Orkiestra Historyczna bei der konzertanten Aufführung von "Gismondo" (Foto: © Bidzina Gogiberidza)
Die Sänger*innen mit dem Orkiestra Historyczna bei der konzertanten Aufführung von „Gismondo“ (Foto: © Bidzina Gogiberidza)

Freunde von Countertenören kamen hier voll auf ihre Kosten. Gleich vier davon standen mit Max Emanuel Cencic (Gismondo), Yuriy Mynenko (Ottone), Jake Arditti (Ernesto) und Nicholas Tamagna (Ermanno) auf der Bühne vertreten. Dazu kamen in einer Männerrolle die Koloratursopranistin Aleksandra Kubas-Kruk (Primislao), sowie Hasnas Bennani (Giuditta) und Sophie Junker (Cunegonda) als Sopranistinnen. Sie alle überzeugten mit ihren klaren, warmen Stimmen bei ihren diversen Arien und den Rezitativen.

Das Orchester begleitete das dramatische Geschehen musikalisch der Situation jeweils angepasst mit ihren (barocken) Instrumenten. Eine Oper voll Emotionen und Virtuosität. Das „Dramma per musica“ bot neben den viel Liebeswirren auch eine politische Ebene, die zu Loyalitätskonflikten bei den handelnden Personen führt.

Die Oper stellt zwei Kontrastbeispiele guter und schlechter Herrschaft gegenüber.

König Gismondo von Polen handelt nach dem Gesetz der Vernunft, konsequent und ist sowohl berechenbar wie auch mutig. Er erscheint milde, möchte ein friedliches Zusammenleben mit den verbündeten Fürsten- und Herzogtümern.

Herzog Primislao von Litauen dagegen ist in allem das Gegenbild. Sein Denken ist ein Spielball seiner Gefühle. Er ist labil, jähzornig und eher grausam. Sein Handeln ist von übersteigerter Ehrsucht und Geltungsbedürfnis geprägt.

Sein Stolz und Ehrgefühl macht es ihm auch schwer, als Herzog von Litauen den Lehnseid gegenüber dem polnischen König zu leisten.

Das labile Bündnis soll eigentlich durch die Hochzeit von Primislaos Tochter Cunegonda mit Gismondos Sohn Ottone gefestigt werden. So bietet Gismondo Primislao den Kompromiss eines nicht öffentlichen Lehnseides an.

Die beiden Fürsten Ermanno von Mähren und Ernesto von Livland rivalisieren derweil um die Gunst von Giuditta, die wiederum Primislao liebt.

Es kommt zum Konflikt, als während des nicht öffentlichen Lehnseid von das königliche Zelt zusammenbricht. Primislao fühlt sich gedemütigt und die Zeichen stehen auf Krieg.

Die liebenden Personen werden in einen großen Konflikt zwischen Liebe und Loyalität zu Land und ihren Vätern gestürzt.

Erst zum Schluss löst sich alles auf, und Vernunft-Herrschaft assistiert vom Eros siegt.




Neu-Edition des Klavierwerks von Eduard Wilsing

Mit der Neu-Edition (Dohr-Verlag) des Klavierwerks von dem Komponisten Eduard Wilsing (1809 – 1893) aus Hörde wird ein Komponist der Romantik aus unserer Heimatstadt wieder in das Blickfeld gerückt und gewürdigt. Es ist erstaunlich, dass eine damals noch so kleine Stadt, die erst 1928 nach Dortmund eingemeindet wurde, so einen bedeutenden romantischen Komponisten hervorgebracht hat.

Die kritisch revidierte Edition umfasst acht mehrsätzige Werke Wilsings, die schon von Robert Schuhmann oder Brahms große Wertschätzung erführen.

Bremen, Kulturdezernent Jörg Stüdemann und Gerhard Stranz. (Foto: © Oliver Schäper)
Präsentierten die neue Ausgabe der Klavierwerke des romantischen Komponisten Eduard Wilsing aus Dortmund-Hörde (v.l.nn.r.) Rainer Maria Klaas (künstlerischer Leiter des van-Bremen-Klavierwettbewerbs), Willy Garth (Heimatmuseum Hörde), Pianist Luis Benedict Alfsmann, Maximilian van Bremen, Kulturdezernent Jörg Stüdemann und Gerhard Stranz. (Foto: © Oliver Schäper)

Die Dortmunder Wurzeln Eduard Wilsings reichen bis zu seinem Urgroßvater Johann Gottlieb Preller (1727 – 1786), ein Kantor der Dortmunder Marienkirche. Dessen Enkel, der reformierte Prediger Johann Wilhelm Wilsing, war sein Vater.

Nach dem Abitur auf einem Hörder Gymnasium machte er zunächst eine Lehrerausbildung in Soest. Dann war er Organist und Gesangslehrer in Wesel, bis der Weg ihn nach Berlin führte, wo er wie etwa Felix Mendelssohn Schüler des berühmten Konzertpianisten und Komponisten Ludwig Berger war.

Die neu aufgelegten Klavierwerke gehören alle nachweislich zu Wilsings Werken. Etliche Manuskripte soll der Komponist vor seinem Tod vernichtet haben. Neben den aufgelegten Klavierwerken gehören dazu außerdem eine Sinfonie, Lieder, Kammermusik, diverse Bearbeitungen anderer Komponisten, sowie das Oratorium „Jesus Christus“ und das 16-stimmige Chorwerk „De profundis“.

Willi Garth (Heimatmuseum Hörde) hatte schon 2009 zum 200. Geburtstag des Komponisten eine Lebensbeschreibung erstellt.

Der Dortmunder kulturell engagierte Gerhard Stranz war nach der beeindruckenden Aufführung von „De profundis“ mit vier Chören (bei einem sang Stranz mit) und der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Gabriel Feltz 2016 im hiesigen Konzerthaus begeistert von dem Werk Wilsings und war ab da ein eifriger Initiator zur Neuausgabe.

Über Kontakte zu der Ur-Großnichte des Komponisten Ulrike Wilson (lebt in Schottland) führte dazu, dass das Klavierwerk Bestandteil des Dortmunder van-Bremen-Klavierwettbewerbs wurde. In diesem Zusammenhang entstand eine Initiative von den drei Personen Gerhard Stranz, Rainer Maria Klaas (Pianist, künstlerischer Leiter des van-Bremen-Klavierwettbewerbs) und Maximilian van Bremen (Geschäftsführer des Pianohauses van Bremen).

Ziel war es, die Klavierwerke neu herauszugeben und einem breiten Interessentenkreis von jung bis alt zur Verfügung zu stellen und für die Zukunft zu sichern.

Beim Pressegespräch im Pianohaus van Bremen gab der Jung-Pianist Luis Benedict Alfsmann eine Kostprobe aus der abwechslungsreichen Klaviersonate Fis-Dur (op 7) von Wilsing.

Unterstützt wurde das Projekt tatkräftig von der Reinoldigilde zu Dortmund e. V., Werner Richard, Dr. Carl Dörken (Stiftung Herdecke), Sparkasse Dortmund, Kulturbüro Dortmund, Stadtbezirksmarketing Dortmund-Hörde und Ulrike Wilson (Edinburgh).




Klangvokal – arabischer Gesang trifft auf Weltjazz

Die Band Masaa ist eine spannende Mischung, die arabische Lyrik mit zeitgenössischem Jazz verbindet. Das sahen auch die Kritiker so und vergaben den Deutschen Jazzpreis an die Band. Am 22. September 2021 konnte sich das Publikum im Reinoldihaus im Rahmen des Festivals Klangvokal von der Qualität der Musik überzeugen.

Der Kopf der Band ist Rabih Lahoud, der mit seinem arabischen Gesang eine ganz besondere Note einbrachte. Natürlich gab und gibt es arabische Jazzmusiker, die überwiegend Instrumentalisten sind wie Trompeter Ibrahim Maalouf oder Dhafer Youssef, der das klassische arabische Instrument Oud spielt. Lahoud benutzt seine Stimme wie ein Instrument, das Umspielen der Töne, typische für die Maqamat der arabischen Welt, beherrscht er meisterhaft. Dabei öffnen sich für den Zuhörer neue und bekannte Klangwelten. So gibt sich das erste Lied melancholisch, beinahe wie ein portugiesischer Fado. Einmal quer durchs Mittelmeer bis zum Libanon, dem Geburtsort von Lahoud.

Die vier Musiker von "Masaa" bei ihrem Konzert. (v.l.n.r.) Reentko Dirks, Rabih Lahoud, Marcus Rust und Jakob Hegner. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Die vier Musiker von „Masaa“ bei ihrem Konzert. (v.l.n.r.) Reentko Dirks, Rabih Lahoud, Marcus Rust und Jakob Hegner. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Doch die Musik ist nicht immer ruhig und melancholisch, sie wird teilweise wild und rhythmisch, besitzt reiche dynamische expressive Wechsel wie beim Lied „Herzlicht“, bei der die Trompete zunächst nur dezente Tontupfer von sich gibt. Der Jazz von Massa ist keiner, bei dem man gemütlich im Sessel sitzen und sich berieseln lassen kann, hier wird der Kopf gefordert.

Das ist ein guter Moment, um die Mitmusiker von Lahoud vorzustellen. Da wäre Marcus Rust an der Trompete zu nennen. Er begleitet Lahouds Gesang wie eine zweite Stimme und manchmal hat man den Eindruck, es stehen zwei Sänger auf der Bühne. Von ruhiger Begleitung bis hin zu einem Trompetengroove reicht die Bandbreite.

Da es in der Band keinen Bassisten gibt, füllen Reentko Dirks an der Doppelhals-Gitarre sowie Jakob Hegner am Schlagzeug die Rollen des Rhythmus-Fundaments aus. Beide ergänzen sich sehr gut, es scheint eine gute Kommunikation zu geben und beide sind Virtuosen an ihren Instrumenten.

Nach zwölf Songs und zwei Zugaben war das Konzert von Masaa vorbei. Das Publikum im Reinoldihaus hat eine gelungene Melange zwischen Orient und westlichen Jazz erlebt. Solche ungewöhnliche, aber bereichernde Musik macht den Reiz von Klangvokal aus.




Klangvokal -Himmelsmusik im Konzerthaus

Himmelsmusik, nun bin ich nicht gerade der religiöse Typus, aufgrund aktueller und geschichtlicher Ereignisse, aber dieser Abend im Konzerthaus war ein Genuss der Extraklasse, auch bei religiöser Musik. Was sich am Ende dadurch zeigte, dass die Künstler wieder und wieder auf die Bühne zurückgeklatscht wurden und zugaben geben mussten.

L‘arpeggiata, die ihre Darmsaiten und Naturhörner austobend, durch ihre Dompteuse Christina Pluhar mit der überdimensionalen Laute gebändigt, versetzte die Zuhörer im Auditorium des Konzerthauses in … ja Verzückung. Denn nicht wenige wiegten sich, wie die Sänger des Abends, Céline Scheen und Valer Sabadus, Countertenor, zu den Lauten des Abends, aus Instrumenten und Kehlen.

Das Barockzeitalter ist die Zeit der katholischen Gegenreformation zum Protestantismus, politischer und sozialer Um- und Verwerfungen und des 30-jährigen Krieges, der sich hauptsächlich auf dem Boden des damaligen Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation austobte, das Land verwüstete, die Menschen verrohte und zugleich eine neue kulturelle Blüte erzeugte. Auch wenn es Deutschland gut 100 Jahre zurückwarf.

Verzückten das Publikum: (v.l.n.r.) Christina Pluhar, Valer Sabadus und Céline Scheen. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Verzückten das Publikum: (v.l.n.r.) Christina Pluhar, Valer Sabadus und Céline Scheen. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Himmelsmusik zeugt genau von diesen Widersprüchen des Barockzeitalters, das in etwa bei Alexandre Dumas Musketieren schon im Schwung ist und seinen Höhepunkt im Versailles von Ludwig XIV. findet. Das Mittelalter war noch zu Teilen in der Renaissance Musik zu finden, die Orgel gerade eingeführt. In der Barockmusik aber ist das Mittelalter verschwunden und die Musik fängt uns mit all ihrer Theatralik, ihrem bombastischen Ton und fein ziseliertem, koloratur-artigem Gesang ein. Fast wie ein Gemälde von Rubens, Rembrandt, Velázquez oder einem ihrer Zeitgenossen. Denn neben der theatralisch, bombastischen Seite hat das Barock seine dunklen, düsteren Seiten. Diese Ambivalenz zeigt sich besonders in der kirchlichen Musik des Barock.

Die Katholische Kirche zieht alle Register in der Gegenreformation und schmeißt dem Protestantismus theatralisches, bombastisches, sensibles, helles und düsteres Gefühl in Musik und bildender Kunst entgegen. Etwas dem die puritanische Kargheit des Protestantismus nichts entgegenzusetzen hat.

Und diese auch bei den Protestanten goutierte Theatralik und Bombastik in der Musik bekamen wir im Konzerthaus durch das Ensemble L‘arpeggiata von Christina Pluhar instrumental und gesanglich durch Céline Scheen und Valer Sabadus, Countertenor, dargeboten … zum Träumen und davonfliegen. Religiös machte mich die Musik nicht, aber sie war ein Genuss instrumentaler und gesanglicher Extraklasse.

Dass Barockmusik nicht einfach „von gestern“ ist, zeigte Christina Pluhar mit L‘arpeggiata 2018 im Konzerthaus mit HÄNDEL GOES WILD. In dieser Musik steckt Jazz!

Aber dieser Abend war ganz und gar dem reinen Barock gewidmet mit allem was er zu bieten hat.

Ein Genuss der nach mehr verlangt, mehr als nur die Zugaben, die sich die Zuhörer des Abends „erklatschten“, nachdem „genügend verbrauchte Luft“ auf die Bühne des Konzerthauses geklatscht worden war, hieß es dann doch Abschied nehmen. Leider … und man will doch noch mehr davon.




Klangvokal – Die Magie des Countertenors im Reinoldihaus

Mit Leidenschaft und Temperament präsentieren sich das Originalklangensemble Il Pomo D´Oro und Jakub Jozef Orliński. Jede Note, jede Phrase, sämtliche dynamischen Nuancen sind fein ausgearbeitet. Ensemble und der Solist verschmelzen zu einer Einheit, das Zusammenspiel besticht durch Präzision und hörbare Spiel- und Sangesfreude, zudem zeigt sich Orliński als virtuoser Interpret der solistischen Gesangs Passagen. Die Tempi überzeugen, kraftvoll und agil, positiv überraschend.

Barockmusik ist weit mehr als „nur“ die Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi oder Variationen von Johann Sebastian Bach, seine Brandenburgischen Konzerte, oder die Musik von Lully, die man vielleicht aus „La roi danse“ kennt!

Barockmusik ist theatralisch, ja auch bombastisch, weswegen einige Zeitgenossen dieser Musik nichts abgewinnen können oder wollen … aber zugleich lieben sei eventuell Edgar Elgar oder die Musiken aus dem Star Wars Universum oder den Piraten aus der Karibik. Die Musik des Barock spiegelt die vielen Facetten, Widersprüche und Lebensfreude, ja den Lebenshunger angesichts eines nahen Todes in dieser Epoche wider. Die Gräuel des 30-jährigen Krieges passieren gerade bei einigen der Stücke dieses Abends. Andere sind weit davon entfernt, findet jedoch den Widerhall dieser europäischen und besonders deutschen Katastrophe darin wieder. Was damals als Religionskrieg begann, weitete sich schnell zu einem europäischen Machtkonflikt aus, der mit dem ersten Gesamteuropäischen Friedenskonzept 1648 in Münster und Osnabrück endete.

Countertenor Jakub Jozef Orliński und  Il Pomo D´Oro beim Konzert im Reinoldihaus. (Foto: © Sandra Spitzner)
Countertenor Jakub Jozef Orliński und Il Pomo D´Oro beim Konzert im Reinoldihaus. (Foto: © Sandra Spitzner)

Und vielleicht stören sich Zeitgenossen auch an der Stimme eines Countertenors, Jakub Jozef Orliński ist ein Countertenor. Das waren vor langer Zeit die Stimmen der Kastraten, unglücklichen jungen, deren helle Stimme für immer in deren Alter und Zeit ihres Lebens gerettet werden sollten durch … Kastration. Sie hatten im Barock ihre Hochzeit. Es wurden Opern und Arien speziell für sie geschrieben. Sie waren traurige Superstars ihrer Zeit. Wie Farinelli. Bestimmt haben auch Sie diesen Film gesehen. Die Stimme des Schauspielers musste aus verschiedenen Stimmen künstlich für den Film erzeugt werden. Aber sie kommt der Stimme von Orliński nahe, oder er Farinelli. Zumindest hatte ich sofort diese Assoziation als ich dem Gesang von Orliński lauschte.

Orliński studierte an der Fryderyk-Chopin-Universität für Musik in Warschau und schloss sein Studium im Jahr 2012 mit einem Master ab. Ab 2011 nahm er an einer Reihe von Gesangswettbewerben in Europa und den USA teil und gewann einige davon. Er sang in Warschau, Aachen, Cottbus, Gießen, Leipzig, New York, Karlsruhe, auf dem Festival d’Aix-en-Provence, u. a. in France Musique und nun Dortmund.

Orliński, unser Countertenor, ist zugleich auch als Breakdancer aktiv und nahm an einigen Wettbewerben teil. Als Model, Tänzer und Akrobat ist er in mehreren Commercials zu sehen, beispielsweise in den Kampagnen für Levi’s, Nike, Turbokolor, Samsung, Mercedes-Benz, MAC Cosmetics, Danone und Algida. Wenn man Orliński aber bei einem Barock Konzert sieht … diese „fremde“ Welt scheint weit entfernt von ihm zu liegen.

Ein Countertenor vom Format eines Orliński, lässt nur erahnen wie Kastrat damals geklungen haben mag. Man möchte sagen zum Glück. Denn unmenschlicher ist fast nicht auszudenken … wobei … wir müssen immer wieder grausamstes erfahren. Die Stimme des Countertenors aber ist anders geartet.

Als Countertenor, Kontratenor bzw. Kontertenor (lateinisch ‚Gegen-Tenor‘), manchmal auch Altus (von lateinisch altus ‚hoch‘) wird ein männlicher Sänger bezeichnet, der mithilfe einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimmen- bzw. Falsett-Technik in Alt- oder seltener in Sopranlage singt. Der Countertenor ist also nicht mit einer Kastratenstimme gleichzusetzen, weder physiologisch noch in Klang, Volumen oder Stimmumfang.

Und doch bringt gerade ein Countertenor die Musik des Barock zum Leben, bei Orliński zum vibrieren. Er trägt einen fort in eine andere Epoche … mitsamt der Kleidung.