Musikalische Funken beim Wiener Klassik Konzert

Das 1. Konzert Wiener Klassik „Olympie“ am 13.12.2021 der Dortmunder Philharmoniker unter der dynamischen Leitung von Johannes Klumpp (künstlerischer Leiter der Heidelberger Sinfoniker) versprühte den Konventionen brechenden musikalischen Wind der Aufklärung. Historische Stoffe mit oft exotischen Sujets waren damals sehr beliebt.

Zu Beginn standen im Dortmunder Konzerthaus zunächst die Ouvertüre aus der Schauspielmusik zu „Olympie“ ( eine Tochter von Alexander des Großen) vom „schwedischen Mozart“ Joseph Martin Kraus (1756 – 1792) auf dem Programm. Bei dem Stoff (Vorlage Voltaire) geht um eine Frau zwischen zwei Männern mit tragischem Ende. Dramatisch ist auch die Musik.

Von Hadyn bis Richard Strauß – das 1. Konzert Wiener Klassik besaß eine große Bandbreite.
Von Hadyn bis Richard Strauß – das 1. Konzert Wiener Klassik besaß eine große Bandbreite.

Die Ouvertüre gibt sich zunächst düster und feierlich, beim folgenden Allegro stark emotional, ehe es zum Ende wieder feierlich wird und leise verklingt.

Es folgte das Konzert für Waldhorn und Orchester Nr. 1 Es-Dur op. 11 von Richard Strauss (1864 – 1949).

Hier konnte der renommierte Hornist Christoph Eß sein Können und Feingefühl an diesem Instrument beweisen. Das Konzert für Waldhorn ist nicht nur kompliziert und anspruchsvoll, es besticht auch durch seine Vielseitigkeit. Mal kommt es romantisch daher, dann wieder kraftvoll mit starken Klängen. Beim Andante (2. Satz) überzeugend mit einem schönen Zusammenspiel von Horn und Streichern. Das Finale mit einem virtuosen Rondo „Jagdstück“ setzten die beiden das Horn begleitenden Flöten glanzvolle Akzente.

Nach der Pause folgte die Schauspielmusik zu „Thamos, König von Ägypten“ KV 345 (366a) von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 -1791). Die Musik von Mozart diente als Spiegel der Handlung des „Heroischen Dramas“ Thamos. Zu Anfang ist der Klang noch feierlich (Krönung von Thamos). Schnell wechselt das Ganze vom gediegenen Maestoso zum lebendigen Allegro und hält die Spannung aufrecht. Dann sprengt der Komponist später die Grenzen seiner üblich bekannt gefälligen Musik. Es wird dramatisch und er changiert wunderbar zwischen Dur und Moll.

Unerwartetes und unkonventionelles bietet die Sinfonie Nr. 94 G-Dur „mit dem Paukenschlag“. Der Beiname „mit dem Paukenschlag“ aus dem 2. Satz ist nicht ganz präzise. Das ganze Orchester schreckt das Publikum mit einem überraschenden Fortissimo-Akkord auf. Die langsame Einleitung des 1. Satzes folgt schon ein bewegendes tänzerisches „Viivace assai“ im Funken schlagenden Sechsachteltakt.

Das bewusst „einfältig-langweilig“ gehaltene Andante versetzt vor dem „Paukenschlag“ in eine trügerische Ruhe. Es folgt eine variationsreich auftrumpfende Phase durch Dur und Moll, wird von den Streichern musikalisch umflutet.

Das Menuett erinnert an volkstümliche Tanzmusik und beschleunigt zum Allegro molto. Das Finale überrascht mit dem ständig wiederkehrenden Rondo-Thema im Piano. Es steigert sich dynamisch und das gesamte Orchester setzt schließlich im Forte ein.

Der Übermut ist durch den Paukenwirbel am Ende nicht zu stoppen, das Publikum auch nicht und belohnt die Leistung der Beteiligten mit viel Applaus.




Musikalische Orientfantasien beim 4. Philharmonischen Konzert

Das 4. Philharmonische Konzert im Dortmunder Konzerthaus widmete sich am 07. und 08.12.2021 unter dem Titel „Orient und Okzident“ musikalischen Orientfantasien.

Auf dem Programm stand zunächst das Konzert für Violine und Orchester Nr. 5 A-Dur KV 219 „Türkisches“ von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) und die Sinfonische Suite op. 35 „Sheherazade“ von Nikolai Rimski-Korsakow (1844 -1908).

Als dynamischer Dirigent für die bestens aufgelegte Dortmunder Philharmoniker agierte Francesco Angelico (GMD des Hessischen Staatstheater Kassel).

Im 18./19. Jahrhundert kam das, was damals als „türkische Musik“ galt und durch kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich bekannt wurde gerade groß in Mode. Diese waren gekennzeichnet durch schrille Blasmusik der Militärkapellen, lauten Schlagzeugen und rhythmischen Märschen. Es war aber auch der fremdartige Reiz der orientalischen geheimnisvollen Geschichten, die das europäische Interesse weckte. Ars tremonia war beim Konzert am 07.12.2021 anwesend.

Begeisterte als Solistin beim „Türkischen“ Konzert von Mozart: Arabella Steinbacher. (Foto: © Sammy Hart)
Begeisterte als Solistin beim „Türkischen“ Konzert von Mozart: Arabella Steinbacher. (Foto: © Sammy Hart)

Als Solistin für Mozarts Konzert für Violine und Orchester zeigte die renommierte Arabella Steinbacher ihr vielseitiges Können und Feingefühl an ihrem Instrument.

Gleich nach der Orchestereinleitung kommt dies nach einem überraschenden Allegro aperto („offenen“ Allegro) schon zu Geltung. Auf dem ersten heiteren Satz folgt der ausgreifende melancholische zweite Satz (Adagio) in der seltenen e-Moll Tonart.

Der dritte „türkische“ Rondosatz beginnt mit galantem Menuett-Tempo, wechselt dann aber schnell in romantische Moll. Dann ändert sich der Satz vollständig mit einem derben türkischen Marsch mit starken Akzenten und exotisch anmutender Harmonie. Nach diesen orientalischen Einsprengseln folgt nach einem ausgedehnten Violinsolo das musikalische Geschehen wieder beim Menuetto.

Das Publikum ließ die Gast-Solistin nicht ohne eine Zugabe (Sergej Prokofjew) von der Bühne gehen.

Nach der Pause folgte die Sinfonische Suite op.35 von Rimski-Korsakow. Sheherazade liegen Erzählungen aus der Sammlung „Tausendundeine Nacht“ zugrunde. Dabei geht es um die kluge persische Königin Scheherazade, die mit unterbrochenen spannenden Erzählungen ihren von Frauen enttäuschte Mann am ende besänftigt und sein Vertrauen gewinnt.

Das spiegelt sich auch in den vier Sätzen wider. Das volle Orchester konnte hier von Beginn an sein großes Können zeigen. Es führte das Publikum im ersten Satz „Allegro non troppo – (Das Meer und Sinbads Schiff) in ein wellenartig ansteigenden musikalischen Rausch. Die folgende Sätze sind mal tänzerisch festlich, dann wieder aufbrausend anschwellend. Die Solovioline (Alexander Prushinsky) übernahm (oft in Zusammenarbeit mit der Harfe (Renske Tjoelker) oder den anderen Streichern die „Rolle“ der Sheherazade, während die Bläser, Kontrabässeo der Pauken den „noch nicht besänftigten“ persischen Sultans symbolisierten. Auch die Querflöte, Oboe, Klarinette oder dem Fagott verzauberten das Publikum mit wunderschönen Soli.

Nach dem grandiosen Finale mit Schiffbruch (Sindbads Schiff zerschellt am Magnetberg) und dem am Ende „besänftigten Sultan“ wurden die beteiligten Akteure mit viel Applaus belohnt.




Meisterwerk-Miniaturen für das Streichquintett

Im Blickpunkt des 2. Kammerkonzert „Meisterwerk-Miniaturen“ der Dortmunder Philharmoniker im hiesigen Orchesterzentrum stand am 29.11.2021 das Streichquintett.

Das Programm bot mit dem Streichquintett Nr. 3 C-Dur KV 515 von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1790) und dem Streichquintett F-Dur von Anton Bruckner (1821 – 1896) meisterliche Sinfonik zu fünft für das Publikum.

Die Streicher standen im Mittelpunkt des 2. Kammerkonzertes mit Musik von Mozart und Bruckner. (Foto: © Ri_ya / pixabay)
Die Streicher standen im Mittelpunkt des 2. Kammerkonzertes mit Musik von Mozart und Bruckner. (Foto: © Ri_ya / pixabay)

An der Geige (Violine) waren Oleguer Beltran Pallarée und Joowon Park, den Bratschen (Viola) Hindenburg Leka und Juan Ureña Hevia und am Violoncello Emanuel Matz zu hören. Die beiden Bratschen ermöglichen zusätzliche klangliche Möglichkeiten.

Der erste Satz (Allegro) in Mozarts Streichquintett Nr. 3 C-Dur ist zwar in Form eines Sonatensatzes komponiert, ist dabei aber ungewöhnlich strukturiert und vielschichtig mit überraschenden harmonischen Wegrichtungen.

Das tänzerische verspielt anmutende Menuett im zweiten Satz hat seine Gewichtung im Mittelteil. Der dritte Satz Andante bietet ein spannendes Duett zwischen erster Geige und erster Bratsche.

Beim Finale im letzten Satz (Allegro) ist fantasievoll und das heitere Rondo-Motiv wurde vom Komponisten kunstvoll ausgeschlachtet.

Das folgende Streichquintett F-Dur von Bruckner zeigt die Entwicklung um Jahrzehnte später. Kontrapunktisch abenteuerlich hat es im ersten Satz noch am ehesten Kammermusikcharakter. Deutlich sind die Elemente der „Miniatur-Sinfonik“. An – und Abschwellen der Lautstärke, Motiv-Wiederholungen, Steigerungen oder Pausen. Das Violoncello wird öfter als Zupfinstrument benutzt. Das Scherzo ist skurril, mal flott und tänzerische , dann wieder lyrisch und langsamer.

Besonders bewegend der dritte Satz (Adagio). Der vierte Satz entspricht nicht den üblichen Erwartungen an eine Rondo-Heiterkeit. Es kommt abenteuerlich, gelöst und spielerisch-luftig daher. Zum Ende hin wird es aber, wie bei einem wahren Sinfoniker erwartet hymnisch.

Es ist immer wieder interessant, bei einem Kammerkonzert (intimeren ) die Instrumentengruppen und die hervorragenden Solisten der Dortmunder Philharmoniker genauer kennenzulernen.




Viviane de Farias – brasilianisches Temperament im Reinoldihaus

Am 26. November 2021 entführte uns die Sängerin Viviane de Farias mit Samba und Bossanova in ihre brasilianische Heimat. Angereichert mit etwas Jazz sang sie über Einsamkeit, Glück, Sonnenaufgänge und mehr in ihrem Konzert im Rahmen des Festivals Klangvokal.

Brasilianische Rhythmen und jazzige Improvisationen sind das Markenzeichen von Viviane De Farias. Zusammen mit ihren Mitmusikern Dudu Penz am Bass, Mauro Martins am Schlagzeug sowie Tizian Jost am Piano sang De Farias über die kleinen und großen Sehnsüchte der Menschen am Zuckerhut.

Viviane De Farias brachte brasilianische Rhythmen nach Dortmund. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Viviane De Farias brachte brasilianische Rhythmen nach Dortmund. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Erfreulich war, dass die Sängerin die Texte ihrer Lieder kurz erklärte, meist die ersten Zeilen übersetzte, sodass sich das Publikum besser in die Stimmung hineinversetzen konnte. Und diese Stimmung war mal ausgelassen, mal erfüllt von der typischen Saudade, wie er wohl nur in portugiesischen Ländern zu Hause ist. Dabei vergaß Viviane De Farias nie das Rhythmusgefühl, die „Ginga“.

Nach zwölf Liedern war das Konzert leider schon vorbei, aber als Zugabe gab es mit „Somewhere over the rainbow“ in einer für Viviane De Farias typischen jazzigen Sambaversion.




Sophie Junker – Entführung in die Barockzeit

Es gibt doch Orte, mit denen man in die Zeit zurückreisen kann. Dieser Ort war am 21. November 2021 der Reinoldisaal in Dortmund. An diesem Ort entführte uns Sophie Junker und das Ensemble „Le concert de L’hostel dieu“ im Rahmen des Festivals Klangvokal nach London in die Mitte des 18. Jahrhunderts. Dort feierte Georg Friedrich Händel seine Erfolge und der Komponist hatte mit Élisabeth Duparc eine großartige Sängerin an seiner Seite. Sophie Junker erweckte sie wieder zum Leben.

Bereits die erste Arie „Nasconde l’usignol‘ in altui rami Il Nido“ aus „Deidamia“ zeigte die Fähigkeiten von Junker. Glasklar und mit kraftvoller Dynamik ließ sie die Nachtigall erklingen. Der Funke zum Publikum sprang sofort über.

Danach wurde es etwas sentimental, gar klagend und melancholisch. Anscheinend war Junker und dem Ensemble bewusst, dass der 21.11. 2021 der Totensonntag war. In „My father! Ah!“ aus dem Oratorium „Hercules“ trauert Iolo um ihren Vater, in „In sweetest harmony they lived“ trauert das Volk Israel um Saul und Jonathan.

Hymnischer und fröhlicher ging es in „What passion cannot music raise and quell“ aus der „Ode to St. Cecilia’s day“. Auch in den beiden abschließenden Stücken „Endless pleasures“ („Semele“) und „Và perfido! Quel cor MI tradirà“ („Deidamia“ zeigte Junker ihr ganzes Können.

Selbstverständlich konnte auch das zehnköpfige Ensemble „Le concert de l’hostel dieu“ glänzen. Beinahe abwechselnd Instrumentalmusik und Arien, trugen die Musiker ebenfalls dazu bei, sich wie in der Barockzeit zu fühlen. Neben Musik von Händel spielten sie auch Händels Zeitgenossen Charles Avison.

Nach der Zugabe „Mi parto lieta sulla Tua fede“ aus der Oper „Faramondo“ entließen uns die Musiker in die kalte Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts. Ein außergewöhnlicher Abend mit einer außergewöhnlichen Stimme und ausgezeichneten Musikern.

Sophie Junker brachte den Zauber von Händels Barockmusik nach Dortmund. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Sophie Junker brachte den Zauber von Händels Barockmusik nach Dortmund. (Foto: © Bülent Kirschbaum)



Eine musikalische Reise zum Mittleren Osten

Das 2. Konzert für junge Leute entführte das Publikum am 22.1.2021 im Konzerthaus Dortmund unter dem Titel „Traveling through the Middle East“ in die Kultur des Mittleren Ostens.

Die Dortmunder Philharmoniker begab sich gemeinsam mit sieben Solist*innen des Babylon ORCHESTRA Berlin, der palästinensischen Sängerin und Komponistin Rasha Nahas sowie den Reiseblogger*innen Carolin Steig und Martin Merten (WE TRAVEL THE WORLD) in die arabischen Emirate, genauer gesagt: Dubai und Ras Al Khaimah.

Zunächst einmal trafen hier europäische zeitgenössische Musik und der des (urbanen) Nahen und Mittleren Ostens zusammen.

Wüstenromantik trifft auf knallharte Moderne: Dubai (Foto: © M.Hermsdorf / pixelio.de)
Wüstenromantik trifft auf knallharte Moderne: Dubai (Foto: © M.Hermsdorf / pixelio.de)

Dem aus insgesamt 15 Personen bestehenden Babylon ORCHESTRA aus verschiedenen Ländern (Syrien, Irak. Iran, Armenien, Frankreich, Italien u. a.) setzt sich für den Austausch zwischen den unterschiedlichen musikalischen Kulturen ein und damit für ein besseres Verständnis füreinander ein. Als „Reiseführerin“ und Moderatorin des Abends fungierte die Musikvermittlerin Andrea Hoever.

Der künstlerische Leiter und Arrangeur des Babylon ORCHESTRA Mischa Tangian brachte dem Publikum deren anders gestimmten Instrumente (iranische Violine, spezielle Zitter u. a.) näher und auf der großen Leinwand wurden zur Musik passende Bilder projiziert.

Rasha Nahhas überzeugte mit ihrer warmen und voluminösen Stimme. Die Songs musikalisch zwischen Rockabilly, Freejazz und Chanson drehen sich oft um den Konflikt in ihrem Heimatland und deren Folgen für die Menschen.

Die Dortmunder Philharmoniker trug klassisches mit Nikolai Rimski-Korsakows 1. Largo e maestoso aus der „Scheherazade op. 35 oder einen Auszug aus der Maurischen Rhapsodie (Engelbert Humperdinck) bei.

Ein starkes Zusammenspiel boten beide Orchester am Ende mit Isaac Albéniz (Arr. Mischa Tangian) aus der Suite espaňola op. 47 (Nr. 5 „Asturias“).

Die Reiseblogger Carolin und Martin erzählten zunächst etwas über sich und ihre Reisen nach Dubai und Ras Al Khaimah. Es folgte ein musikalisch begleiteter, auf Leinwand projizierter, Videoclip.

Es zeigte den Kontrast zwischen der grandiosen Wüsten, Gebirge mit ihrer Tierwelt und dem urban-glitzernden, auf immer mehr Luxus und Erlebnis-Touristen eingerichtetem Leben in Dubai. Dort zählen nur Superlativen wie zum Beispiel das größte Riesenrad, die längste Wasserrutsche und mehr.

Da bleiben zwiespältige Gefühle. Wie steht es in den Vereinigten Arabischen Emiraten zum Beispiel aus mit den Frauenrechten oder den Rechten für Homosexuelle? Auch bei der Behandlung von Arbeitsmigranten sieht es – ähnlich wie im benachbarten Katar – problematisch aus.

Musikalisch jedoch bot der Abend ein interessantes Zusammentreffen der unterschiedlichen Kulturen auf hohem Niveau.




Böhmische Romantik mit Dvořák und Suk

Den bekanntesten Komponisten der böhmischen Romantik Antonín Dvořák und seinen Schüler Josef Suk verband nicht nur die Liebe zur Musik. Der jüngere Musiker Suk war mit der jüngsten Tochter Dvořáks liiert und heiratete sie auch. Diese schicksalhafte familiäre Verbindung bildete die Klammer des 3. Philharmonischen Konzertes unter dem Titel „Todesengel“.

Zu Beginn wurde Dvořáks Opus 104, Konzert für Violoncello und Orchester gespielt. Daniel Müller-Schott brillierte als Solist und wurde zu Recht vom Publikum für bejubelt. Das technisch sehr anspruchsvolle Stück galt nach seiner Vollendung sogar als unspielbar. Dvořák schrieb das Konzert in New York. Eigentlich mochte er die Cellomusik nicht, ließ sich jedoch überreden und schrieb dann eines der bis heute beliebtesten Cellowerke. Der Sound und die Hektik der Großstadt klangen immer wieder an, und ließen mich kurz an Melodien von Gershwin denken. In seiner Zeit in New York war er immer von Heimweh geplagt, weshalb auch zahlreiche Motive der böhmischen Volksmusik in den Melodien auftauchen. Die letzten 60 Takte seines Konzertes änderte Dvořák später nochmal um. Er gedachte damit seiner einstmals unerwiderten Liebe zu der gerade verstorbenen Josefina Čermáková. Deren Lieblingslied von ihm „Lasst mich nicht allein“ hatte Dvořák auch schon in den zweiten Satz seines Konzertes eingearbeitet.

Daniel Müller-Schott verzauberte das Publikum mit Dvořáks Konzert für Violoncello. (Foto: © Uwe Arens)
Daniel Müller-Schott verzauberte das Publikum mit Dvořáks Konzert für Violoncello Nr. 2. (Foto: © Uwe Arens)

Nach der Pause erwartete die Besucher die Sinfonie „Asrael“ von Josef Suk. Diese Sinfonie in c-Moll schrieb der Komponist nach dem plötzlichen Tod Antonin Dvořáks. Josef Suk, vom Tod seines bewunderten Schwiegervaters tief getroffen, begann mit der Arbeit an Asrael. Asrael gilt als eine mystische Engelsfigur, die im islamischen Glauben die Seelen der Verstorben auf dem Weg zu Allah begleitet. Vielleicht fand Josef Suk in seiner Trauer auch Trost in dieser Vorstellung. Nur ein halbes Jahr später, er steckte mitten in der Komposition, verstarb auch seine über alles geliebte Frau Otilka. Ein weiterer Schicksalsschlag für ihn. Zum Ausklang seiner Sinfonie wechselt der Komponist aus dem getragenen c-Moll in ein viel helleres C-Dur. Dies klingt wie ein erster Hoffnungsschimmer in einer schweren persönlichen Krise. Es gibt ein Zitat von Josef Suk zu seinem Gemütszustand: „Solch ein Unglück zerstört entweder einen Menschen oder trägt alle schlafenden Kräfte in ihm an die Oberfläche. Die Musik hat mich gerettet“.

Ein wunderbarer Konzertabend, der sehr berührte, und dennoch nicht traurig nach Hause gehen ließ.




Johann Sebastian Bach als Quelle der Zuversicht

Die Klavier & Flügel Galerie Maiwald hatte am Samstag, dem 30.10.2021 unter dem Motto „J.S. Bach – Quelle der Zuversicht“ im Foyer des Konzerthauses Dortmund zum 7. Foyer-Lunch-Konzert geladen. Gerade in diesen Zeiten besonders wichtig.

Im Mittelpunkt standen alleine die bewegende, tief in unser innerstes dringenden Musikwerke des genialen Komponisten Bach (1685 – 1750).

Die Familie Prushinskiy verzauberte mit Bach (Foto: © Oliver Schaper)
Die Familie Prushinskiy verzauberte mit Bach (Foto: © Oliver Schaper)

Das Publikum erfuhr durch Rezitationen der ehemaligen Gymnasiallehrerin Christa Reichel aus verschiedenen Biografien (Albert Schweitzer u.a.) auch noch kleine Anekdoten zum Leben und zur besonderen Bedeutung von J.S. Bach.

Musikalisch präsentiert wurden vierzehn (teilweise bearbeitete) Auszüge aus seinen Kantaten, Präludien, Sonaten, Suiten oder auch einzelne Satzteile einer Variationsreihe (Partita).

In diesem Konzert wirkten in dieser Form erstmals vier Mitgliedern der mit Frau Reichel befreundeten Familie Prushinskiy zusammen.

Der erste Konzertmeister der Dortmunder Philharmoniker Alexander Prushinskiy (Violine), seine Frau Svetlana Shtraub (Violine, ihr Sohn Dimitry Prushinskiy sowie am wohltemperierten Klavier seine Schwester Tatiana Prushinskaya interpretierten die Werke einfühlsam. Dabei konnten sie ihr Können, ob zu viert, dritt, als Duo oder Solist*innen unter Beweis stellen.

Mit dem berühmten Choral „Jesus bleibet meine Freude“ aus der Kantate „Herz und Mund und Tat und Leben“ BWV 147 begann das Konzert gleich sehr stimmungsvoll und endete bewegend mit der Aria aus der Orchestersuite Nr. 3 in d-Dur BWV 1068, Arrang. Für drei Violinen und Orchester von Paul de Bra erweitert von Svetlana Shtraub.

Die neunzig Minuten boten den Anwesenden Ruhe im Großstadtgetümmel und etwas Zuversicht, Freude sowie tiefe Empfindungen.




Komponistinnen des Barocks im Mittelpunkt

Mal Hand aufs Herz? Wie viele Komponistinnen kennen Sie? Dem einen oder anderen wird Clara Schumann einfallen oder auch Fanny Hensel, aber dann wird es ein Feld für Expert*innen. Auch in der Barockzeit sah es nicht anders aus, obwohl schon 1568 Maddalena Casulana, die erste Komponistin, dessen Werke gedruckt werden, in einem Vorwort schrieb, dass Frauen auch die gleichen intellektuellen Fähigkeiten besitzen wie Männer.

Es ist schön, dass sich das Festival Klangvokal in einem Konzert dem Schaffen zweier Frauen widmet, die als Schülerinnen von Francesco Cavalli ihre Ausbildung bekamen. Die Rede ist von Barbara Strozzi (1619-1677) und Antonia Bembo (1640-1720), deren Arien und Instrumentalmusik am 24. Oktober beim Konzert „Le donne di Cavalli“ im Reinoldihaus zu hören waren. Zu Gehör gebraucht wurde die Musik von der Sopranistin Mariana Flores und begleitet wurde sie von der Capella Mediterranea unter der Leitung von Leonardo García Alarcón.

Mariana Flores (im rosa Kleid) und die Capella Mediterranea verzauberten die Zuhörer*innen. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Mariana Flores (im rosa Kleid) und die Capella Mediterranea verzauberten die Zuhörer*innen. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Und konnten die weiblichen Kompositionen herausgehört werden? Wohl kaum. Vor allem Strozzi, die selbst Sängerin war, zeigte eine Fülle an musikalischen Emotionen. Lyrisch und dramatisch in „Sino alla morte“, melancholisch in „Che si può fare“ oder wild und ungestüm in È pazzo il mio core“. Auch ihre Kollegin Antonia Bemba stand in Nichts nach, leider wurden von ihr nur zwei Stücke aufgeführt. Neben Francesco Cavalli erklangen auch Werke von zwei Zeitgenossen von Cavalli Biagio Marini (1594-1663) und Giovanni Antonio Bertoli (1598-1645).

Interessant ist auch, dass fast 400 Jahre später die Thematik in den Liedern, die Sorgen und Ängste, immer noch aktuell sind. So heißt es in Cavallis „Dimmi, Amor, che fare“ „Werde ich immer dahinvegetieren? Werde ich alleine alt werden?“ Strozzi thematisiert die unmögliche Liebe mit den Worten „Mein Herz ist verrückt“ in der Arie „È pazzo il mio core“.

Natürlich stand Mariana Flores im Mittelpunkt des Konzertes, die mit ihrer Stimme den Zuhörenden den Geist des Barocks näherbrachte. Doch auch die Musiker*innen hatten ihren Anteil daran, uns in eine Zeitmaschine zu setzen, die uns im 17. Jahrhundert ausspuckte. Zumal es auch einige schöne Instrumentalstücke gab, in denen vor allem Flötistin Mélanie Flahaut glänzen konnte.

Ein Abend, geradezu geschaffen für Klangvokal: Außergewöhnliches Programm mit einer vorzüglichen Stimme samt Musikern. Es wäre schön, wenn die Wiederentdeckung von Komponistinnen weitergehen würde und diese auch einen Platz in den Konzertprogrammen finden könnten.




Lisa Simone – Die Stimme als Tragfläche

Simone, Simone? Da war doch was?
Ja, Lisa Simone ist die Tochter der begnadeten Nina Simone. „My Baby cares for Me“, der Song ging damals und geht heute noch unter die Haut. Neben Gloria Gaynors „I Will Survive“ und „It´s Raining Men“ von den Weather Girls eine Hymne für Gays.

Lisa Simone verzückte mit Jazz und Soul das domicil. (foto: ©Bidzina Gogiberidza)
Lisa Simone verzückte mit Jazz und Soul das domicil. (foto: ©Bidzina Gogiberidza)

Längst ist Lisa Simone aus den Fußstapfen ihrer kongenialen Mutter Nina herausgetreten und selbst zu einem international gefeierten Jazz-Star geworden. Die Tochter der amerikanischen Soul-Legende und Bürgerrechtlerin Nina Simone, gilt als eine der spannendsten Jazz-Sängerinnen unserer Tage und triumphiert bei so erlesenen Jazz-Festivals wie dem Montreux Jazz. Ihre dritte, im Herbst 2019 veröffentlichte CD „In Need of Love“ ist ein sehr persönliches Album der Vollblutkünstlerin und Powerfrau, die mit tiefgründigen Texten, eindringlichen Bildern und dem reichen Farbspektrum ihrer tiefen wandelbaren Stimme die Reiseführerin in eine Jazz- und Soul-Welt ist.

Lisa Simone bot im domicil in Dortmund eine reife und fantastische Mischung aus Soul, Karibik-Sound und Jazz. Vor allem aber, ihre fantastische Stimme, die einfing, trug und auf eine musikalische Reise mitnahm. Das Publikum schwang mal mehr, mal weniger, aber alle in jazziger Bewegung im Rhythmus der Songs mit.

Zwischen den Songs gab Simone ein wenig aus ihrem Leben preis, den nächsten Song einführend. So erfuhr das Publikum ein wenig über ihre Mutter, das Verhältnis zu ihr und ihre Zeit in der US Air Force in Frankfurt.
Sie musste sich damals in Hessen wohlgefühlt haben, so wie ihre Stimme dabei klang. Sie erinnerte sich an eine Frage, die sie berührte, bis heute: „Wie geht´s?“ Sie fragte auch uns. Ende September berechtigt, wäre aber auch jetzt bei den wieder steigenden Inzidenzen. Bis zu der Frage hatte Simon ihr Publikum in einen Wohlfühlrhythmus versetzt. In Deutschland begann sie eine musikalische Karriere als Sängerin. Unter der Woche war sie Soldatin, am Wochenende trat sie in Clubs auf.  Dabei wurde sie von Joan Faulkner als Sängerin entdeckt.

Über den Broadway nahm sie ihren Weg in die Solokarriere. Nicht leicht, weil man anderes erwartete und sie in ein Schema pressen wollte. Ihre Stimme ist aber nicht in ein Schema zu pressen oder gleichförmig. So wandelbar wie ihre Songs ist auch ihre Stimme und sie gibt damit jedem Stück ein eigenes Leben. Perfekt für eine musikalische Reise, deren Antrieb Jazz und Soul sind. Die Stimme als Tragfläche. Die Songs als Kabine. Simone als unsere perfekte Gastgeberin über den Wolken.

•    2014: All Is Well (Laborie Jazz)
•    2016: My World (Sound Surveyor Music)
•    2019: In Need of Love (Elektra Records)