Erlösung ein Philharmonisches Konzert im Konzerthaus Dortmund mit den Dortmunder Philharmonikern

Eine Betrachtung in drei Teilen

Teil 1 Wolfgang Amadeus Mozart Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467

Das Klavierkonzert Nr. 21 gehört zu den sogenannten sinfonischen Konzerten, denn der orchestrale Part ist hier von großer Bedeutung. Das Klavierkonzert in C-Dur, ein an harmonischen Schattierungen reiches Werk, wie KV 467 schuf Mozart in nur 4 Wochen nach der Vollendung des d-Moll Konzertes. Eine Probe musste genügen, um das neue Werk am 10. März 1785 – mit Mozart als Solist – zur ersten Aufführung zu bringen. Das Klavierkonzert gehört zu den populärsten Stücken von Mozart. Zum Teil mag das auch an dem schwedischen Film, „Elvira Madigan“ des schwedischen Regisseurs Bo Widerberg liegen, über die unglückliche Liebe einer Seiltänzerin und einem Leutnant. Hier spielte in dem 1967 in Cannes prämierten Film der II. Satz, das Andante, eine bedeutende Rolle. Doch war das Klavierkonzert Nr. 21 schon zu Lebzeiten von Mozart erfolgreich.

Stephen Hough verzauberte das Konzerthaus mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 (Foto: © Sim Canetty-Clarke)
Stephen Hough verzauberte das Konzerthaus mit Mozarts Klavierkonzert Nr. 21 (Foto: © Sim Canetty-Clarke)

Der Solist am 13.04. im Konzerthaus Dortmund war Stephen Hough, der wie verzückt den Konzertflügel mal streichelte, mal trieb. Auch wenn Hough stellenweise, weil so von Mozart angelegt „nur“ begleitet, so malte er gleichsam das Thema aus dem Orchester weiter aus.

Das Hauptthema liegt beim Orchester und nicht beim Soloinstrument. Auch die Orchesterbesetzung ist größer, Trompeten und Pauke kommen zum Einsatz. Das war damals zu Mozarts Zeit etwas Neues.
Insgesamt ist es ein heiteres Werk, in dem mit relativ einfacher Melodik eine differenzierte Komplexität entwickelt wird. Das Soloinstrument, besonders durch das Spiel von Hough, scheint sich immer wieder unabhängig machen zu wollen und wird dann in das Gesamtgeschehen eingefangen und integriert.

Komplexität im Einklang

Der erste Satz trägt die Überschrift „Allegro maestoso“ – und erfüllt die damit verbundenen Erwartungen auf ganzer Linie. Das prächtige Hauptthema wird zuerst vom Orchester in unterschiedlicher Form – kammermusikalisch, orchestral und kontrapunktisch – wiederholt, bis es dann vom Klavier aufgenommen wird.
Dieses erste Allegro von KV 467 wird von einem Marschmotiv im Unisono eröffnet, dessen fast aufmüpfige Geste die Geigen mit einer empfindsamen Kantilene beantworten. Wie so oft bei Mozart ist damit schon im Hauptthema selbst der entscheidende Themengegensatz angelegt. Der ganze lange Satz ist der Ausarbeitung dieses Kontrasts gewidmet: zwischen dem Marschmotiv auf der einen Seite, das in immer neuen Verwandlungen auftritt, und den empfindsamen Episoden der Streicher und Holzbläser auf der anderen Seite. In beide Ausdrucksebenen wird das Klavier auf höchst raffinierte Weise eingebunden – ein Spiel mit unendlich vielen Zwischentönen, teils ironischer, teils melancholischer Art, das dennoch breiten Raum lässt für virtuose Passagen des Solisten.

Die unterschiedlichen Motive innerhalb des Klavierkonzerts sind miteinander im Einklang: wie Mozart auch in den Opern eine perfekte Dramaturgie unterlegt hat, so hat er es auch hier wieder verstanden, alles zu einem homogenen Ganzen zusammenzuführen.

Den berühmten langsamen zweiten Satz dieses Konzerts zu schildern, ist müßig: Wie sich hier Holzbläser und Klavier über dem Klanggrund der sordinierten Streicher die wundervollsten Vorhaltsharmonien zuspielen, ist selbst unter Mozarts langsamen Sätzen einmalig und prächtig vom Orchester ausgespielt. Dabei wirkt der Gesang der rechten Hand des Klaviers, also Stephen Hough, wie die träumerische Cavatina einer Primadonna in der Nachtszene einer Opera seria.

Im dritten Satz „Allegro vivace assai“ findet man dafür ein besonderes Beispiel: Hier verbindet Mozart das Thema des Rondos über ein zweites neues Thema mit dem Thema des Sonatenhauptsatzes. Ganz buffonesk kommt das Finale daher, tänzerisch wie immer in Mozarts letzten Sätzen. Das Klavier kann sich ganz der Spielfreude hingeben, Hough treibt scheinbar, nicht gequält, sondern spritzig, heiter und beschwingt, und doch entsteht eine Gleichstimmigkeit des Soloinstrumentes mit dem Orchester. Contretanz und Marsch gehen hier eine überraschende Verbindung ein, was Stoff für ein langes Sonatenrondo bietet.



Teil 2 Parsifal WWV111 – Vorspiel und Karfreitagszauber aus dem Bühnenweihfestspiel

Parsifal  ist das letzte musikdramatische Werk von Richard Wagner. Wagner selbst bezeichnete das dreiaktige Stück als ein Bühnenweihfestspiel. Das Philharmonische Konzert am 13.04. im Konzerthaus Dortmund mit den Dortmunder Philharmonikern, ließ uns das Vorspiel, den Ersten Aufzug, und den Karfreitagszauber, den Dritter Aufzug und Schluss, erleben.

Das Kunstreligiöse, Pseudo-Liturgische, das Wagners letzte Oper umwölkt, ließ mich immer verstört zurück. Es schwang auch an diesem Abend bei mir mit. Wagner ist nicht mein Ding, war aber erträglich ohne die Bayreuther Bühnenshow. Vielleicht liegt es am Braunauer, oder dem Wagnerschen Antisemitismus.

Der Parsifal von Wagner, ging aus den Anfang des 13. Jahrhunderts entstandenen Versepos Parzival von Wolfram von Eschenbach hervor, der im 8. Jahrhundert spielt. Die eigentliche Handlung basiert aber nur lose auf dem Versepos und ist in vielen Details Wagners eigene Schöpfung. Die christlichen Reliquien Gral und Heiliger Speer stehen Seite an Seite mit buddhistischen Ideen und insbesondere der Idee von Reinkarnation, die dem Parzival-Epos völlig fremd sind. Damit wirkt der Parsifal ein wenig voll.

Traditionsgemäß wird Parsifal gern in der Osterzeit gegeben, der dritte Akt spielt an einem Karfreitag. Zuweilen finden Aufführungen am Karfreitag statt, was wegen des ernsten Charakters des Werks in einigen deutschen Bundesländern erlaubt ist (Feiertagsgesetze).

Man wurde von der Kraft und Majestät der Musik des Werkes eingenommen. Die Philharmoniker brachten uns den Parsifal auch ohne Bühnenshow lebendig dar, nur nicht so pathetisch und erdrückend. Die Vielzahl der Leitmotive wurden im beeindruckenden Vorspiel so vorgestellt, dass der Zuhörer selbst das Leid empfinden konnte, welches Amfortas durch seine nicht heilende Wunde haben musste.

Im Dritten Aufzug, dem Karfreitagszauberm kehrt Parsifal kehrt mit heiligem Speer zurück und kann Amfortas heilen. Wonach Gurnemanz Parsifal als neuen Gralskönig begrüßt.

Die musikalische Illustration durch die Dortmunder Philharmoniker ist exzellent durch die sinnlich-assoziative Darbietung gelungen.



Teil 3 Engelbert Humperdinck Aktvorspiele aus der Märchenoper Königskinder

Das Humperdinck für zwei Jahre Assistent von Wagner war, merkt, hört man besonders an diesem von den Dortmunder Philharmonikern interpretierten Werk, obgleich er nicht im Schatten von Wagner bleibt. Das Stück ist aus dem Mythenkosmos von Wagner herausgelöst, ist aber trotz des volkstümlichen Charakters des Motives pathetisch wie Wagner. Dazu passen dann auch die Figuren, eine Gänsemagd, ein Prinz und ein Spielmann, der beiden helfen will. Die beiden Hauptprotagonisten dürfen aber erst im Tod zusammenfinden und leben im Spiel des Spielmannes weiter …

Die Dortmunder Philharmoniker interpretieren die Sequenzen mit all ihrer Belle Epoque Überschwänglichkeit und Bombastik. Wobei sie die Humperdincksche Melodramatik die Nähe zu Wagner nicht verleugnen können, denn der hatte einen großen Einfluss auf ihn. War Humperdinck zum einen Wagner Fan und im Team des Komponisten.

Das Stück erinnert zuweilen an die musikalischen Untermalungen US amerikanischer Filme, besonders denen von Disney, dem Original Disney bevor es ein Mediengigant wurde, der fast überall mit drin steckt.

So wie die vorherigen Sequenzen aus dem Parsifal von Wagner und davor das Klavierkonzert Nr. 21 C-Dur KV 467 von Mozart, die Dortmunder Philharmoniker spielten unter der Leitung von Fabien Gabel hervorragend und zudem ein Augenschmaus, die Musiker bei ihrer Hingabe zu beobachten.

Diese achte Philharmonische Konzert war ein Genuss, für mich etwas eingeschränkt, da mir Humperdinck nicht liegt, wegen der Bombastik und zuweilen Überladenheit des Belle Epoque Komponisten Humperdinck. Aber das ist nicht das Problem der Dortmunder Philharmoniker, sondern mein eigenes.




Gesualdo und der Tod

Unter dem Titel „Sparge la morte“ entführte am 03. April 2022 das Ensemble La Compagnia del Madrigale mit dem Chor „Il pomo d‘oro“ in die Welt des Komponisten Carlo Gesualdo (1566-1613). Gesulado stand musikalisch zwischen Renaissance und Barock. Das Besondere an diesem Abend: Davide und Guiseppe di Liberto entwickelten für das Programm einen theatralen Rahmen, der sich mit der Kultur des Todes in Süditalien auseinandersetzt.

Der Tod hat im Leben von Gesualdo eine besondere Rolle gespielt. Denn er war nicht nur Komponist, sondern auch Fürst von Venosa, einer kleinen Stadt in Süditalien. 1590 ertappte er und seine Vertrauten Gesualdos Ehefrau Maria d‘Avalos beim Ehebruch und es kam zu drei Morden, wobei die genaue Täterschaft unklar blieb. Er wurde jedenfalls nicht bestraft.

Nicht nur Musik und Gesang, sondern auch eine kleine Inszenierung konnten die Zuhörer*innen bei "Sparge la morte" erleben. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Nicht nur Musik und Gesang, sondern auch eine kleine Inszenierung konnten die Zuhörer*innen bei „Sparge la morte“ erleben. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Im Mittelpunkt des Konzertes standen acht Madrigale von Gesualdo, die sich mit dem Tod als Erlösung vor den eigenen Qualen beschäftigen. Nach dem Tod seines einzigen Sohnes 1600 wurde der Komponist immer depressiver, was sich deutlich in seiner Musik widerspiegelt. Kein fröhliches frohbarockes Fest, eher der Wunsch eines Menschen von den irdischen Qualen erlöst zu werden. „Tötet mich, ihr erdrückenden Qualen, denn ich habe das Leben satt“ heißt es im Madrigal „Ancidetemi pur grievi martiri“.

Zwischen den Madrigalen spielte das Ensemble La Compagnia del Madrigale einige Instrumentalstücke von Gesualdos Zeitgenossen. Dabei durfte natürlich ein Stück des Meistermelancholikers John Dowland nicht fehlen („Semper Dowland, semper dolens“).

Dass das Konzert in einem theatralen Rahmen stattfand, war für mich zunächst etwas ungewohnt, auch wenn die Di Liberto Brüder sehr dezent agierten. Es lenkt doch ein wenig von der Musik und dem Gesang ab. Dennoch war die gespielte Zeremonie einer Beerdigung recht eindrucksvoll in Szene gesetzt und dies nur mithilfe von Lichtelementen.

Stimmungsvoll war auch die Leistung der Musiker*innen und Sänger‘innen, die den Reinoldisaal in die Zeit des Frühbarocks zurückführten. Insgesamt ein gelungener Abend, der neben der Musik auch versuchte, den Umgang mit dem Tod in Süditalien zu vermitteln.




Emotionales Philharmonisches Konzert

Das 7. Philharmonische Konzert am 15. und 16. März 2022 trug ursprünglich den Namen „Mütterchen Russland“. Jedoch überfiel Russland am 24. Februar 2022 die Ukraine und somit war den Verantwortlichen klar, dass das Programm überarbeitet werden musste.

Klar war aber auch, dass die russischen Komponisten Peter Tschaikowsky und Modest Mussorsgky nicht für den Krieg gegen die Ukraine verantwortlich sind. Generalmusikdirektor Gabriel Feltz betonte vor dem Konzert, dass russische Kultur ein Pfeiler der europäischen Kultur sei. Damit hat er recht, denn ohne die russischen Komponisten oder Schriftsteller wäre unsere Kultur ärmer.

Pianist Kit Armstrong überzeugte beim Klavierkonzert von Tschaikowsky. (Foto: ©Photo: Marco Borggreve)
Pianist Kit Armstrong überzeugte beim Klavierkonzert von Tschaikowsky. (Foto: ©Photo: Marco Borggreve)

Doch die aktuellen Ereignisse erforderten Programmänderungen. Gleich zu Beginn erklang die ukrainische Nationalhymne, komponiert von Mychajlo Werbyzkyi. Hierbei wurden die Philharmoniker unterstützt von Oleh Lebedyev und Demian Matushevskyi vom Opernstudio NRW und Mitgliedern des Opernchors.

Danach stand das berühmte Klavierkonzert Nr.1 in b-Moll von Peter Tschaikowsky auf dem Programm. Die berühmten Klavierakkorde sind auch nicht Klassikfans ein Begriff, die Älteren kennen sie als Titelmelodie von „Notizen aus der Provinz“ von Dieter Hildebrandt aus den 70er Jahren. Tschaikowskys Freund und Pianist Nikolaj Rubinstein fand es „armselig“ und unspielbar. Dass es durchaus spielbar ist, zeigte Solist Kit Armstrong eindrucksvoll.

Die Musik im ersten Satz ist sehr majestätisch, während im zweiten Satz die Naturbeschreibungen im Vordergrund stehen. Der dritte Satz verlangte wegen der Läufe und Sprünge wieder vom Solisten enormes Können.

Nach der Pause erklang „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorsgky im Arrangement von Maurice Ravel. Eine weitere Besonderheit: Zwischen dem 9. und 10. Bild wurde die Ouvertüre zur Oper „Taras Bulba“ des ukrainischen Komponisten Mykola Lyssenko gespielt. Das Stück „Bilder einer Ausstellung“ ist reine Programmmusik. Mussorsgky versucht, die gesehenen Bilder in Musik umzuwandeln. Ein Ankerpunkt ist die „Promenade“, die den Betrachter darstellt, wie er von Bild zu Bild wandert. Die Musik ist sehr divers, vom bedrohlich-linkischen „Gnomus“ über fröhliche Kinder, die umhertollen in „Tuileries“ bis hin zum düsteren „Katakomben“.

Wegen der schrecklichen Ereignisse in der Ukraine war das 7. kein gewöhnliches Philharmonisches Konzert, doch zeigte es auch die verbindende Kraft der Musik.




vox clamantis – Ein Chorabend mit Gregorianik und Pärt

Es kommt sehr selten vor, doch ich als Atheist muss sagen: Bei dem Konzert von Vox Clamantis aus Estland wäre ich gerne in einer Kirche gewesen. Nichts gegen das Reinoldihaus, es ist wirklich ein wunderbarer Ort für Musikaufführungen geworden, doch die Chormusik aus Gregorianik bis Arvo Pärt gehört einfach in eine Kirche, in der sie ihre akustische Kraft voll entfalten kann. Dennoch konnten die Mitglieder von vox clamantis am 11.März 2022 die Zuhörerinnen und Zuhörer von ihrer Stimmgewalt befreien.

Im Mittelpunkt stand die „Missa syllabica“ von Pärt aus dem Jahre 1977, das bis auf das „Gloria“ aufgeführt wurde. Flankiert wurde es von gregorianischen Gesängen, eines der musikalischen Vorbilder Pärts. Daneben erklang Musik von Pérontin (1160-1230) und Guillaume de Machaut (1300-1377), die die liturgischen Gesänge weiterentwickelt haben. Vor allem Machaut war als „Avantgardist“ stark an der Entwicklung der „ars nova“ beteiligt, die den mehrstimmigen Gesang auf ein neues Niveau hob.

vox clamantis, unter der Leitung von Jaan-Eik Tulve, faszinierte mit früher Chormusik. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
vox clamantis, unter der Leitung von Jaan-Eik Tulve, faszinierte mit früher Chormusik. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Die Mischung zwischen der sehr alten Musik und Pärt (sowie ein Stück von Cyrillus Kreek) war sehr spannend zu erleben, vor allem, wie Pärt sich der frühen Chormusik angenähert und zur Meisterschaft entwickelt hat.

Der Chor bekam den verdienten Applaus und gab noch zwei Zugaben, darunter Pärts Stück „Drrei Kinder aus Fatima“.




Eine Italienische Operngala voller Leidenschaft

Nach der coronabedingten Terminverschiebung war es am 20.02.2022 endlich so weit. Im Dortmunder Konzerthaus konnte die Italienische Operngala im Rahmen des hiesigen Klangvokal Musikfestival stattfinden. Es war alles vom feinsten angerichtet.

Die versierte Neue Philharmonie Westfalen unter der temperamentvollen Leitung des Dirigenten Lorenzo Passerini begleitete mit Schwung und Feingefühl die hochklassige Sopranistin Nadine Sierra und den erst 26-jährigen gefragten spanischen Belcanto-Tenor Xabier Anduaga. Auf dem Programm standen Auszüge aus Werken von Gaetano Donizetti (1797 – 1848) und Giuseppe Verdi ((1813 – 1901).

Nadine Sierra, Lorenzo Passerini und Xabier Anduaga mit der Neuen Philharmonie Westfalen begeisterte das Publikum. (Foto: © Bülent Kirschbaum).
Nadine Sierra, Lorenzo Passerini und Xabier Anduaga mit der Neuen Philharmonie Westfalen begeisterte das Publikum. (Foto: © Bülent Kirschbaum).

Schon in der „Don Pasquale Sinfonia“ zu Beginn steckt alles an Leidenschaft und Dramatik und Stereotype der großen Commedia dell‘arte.

Liebesleid, Freiheitssehnsucht und Hoffen, sowie die Abgründe der Charaktere zeigen sich in den Arien aus „Don Pasquale, „Lucia di Lammermoor“ oder etwa „La fille du régiment“ in dessen Paradenummer „Ah! Mes amis“ in der Xabier Anduaga mit seinem kraftvollen und gleichzeitig warmen Tenor schon glänzen konnte. Die neun hohen Cs“ der Arie meisterte er mit Leichtigkeit ohne sichtbare Mühe.

Auch Nadiene Sierra glänzte nicht nur mit ihrem golden schimmernden Festkleid. Mit Natürlichkeit und starker Stimme faszinierte auch sie das Publikum, besonders mit ihren Partien aus „Lucia di Lammermoor“. Keine Schwierigkeiten bei den hohen Koloraturen.

Feinen Humor zeigten die beiden Interpreten bei ihrem Duett aus Donizettis „L‘elisir d‘amore: „La la rà la la -Esulti pur la barbara“. Als schüchterner und naiver Nemorino versucht Anduaga mit einer Sektflasche als „Zaubertrank“ mutig aber vergeblich das Herz von Sierra als Adina zu erobern.

Nach der Pause interpretierten die beiden Sänger*innen mit Schwung und viel Emotionen die bekannten Arien wie „Gualtier Maldé – Caronome“ oder „La donna è mobile“.

Als Zugabe für das begeisterte Publikum boten die beiden Künstler*innen einige Songs aus der „West Side Story“ wie „I Feel Pretty“, „One Hand,One Heart“, „Tonight“ oder „Maria“, die sie wunderschön und sensibel interpretierten.

Zum Schluss gab es noch ein musikalisches „Adieu“.

Eine bewegende Operngala mit Gänsehautmomenten, der mit Standing Ovations vom Publikum belohnt wurde.




Der Tod, das Mädchen und die böhmische Volksseele

Kammerkonzert mit Werken von Franz Schubert und Antonín Dvořák

„Der Tod und das Mädchen“ ist ein Sujet der bildenden Kunst seit der Renaissance. Die Kombination zwischen dem unausweichlichen Tod auf der einen und dem jungen Leben im Bild des Mädchens entwickelt schnell eine erotische Komponente. Einige Jahrhunderte später griff der Dichter Matthias Claudius (1740-1815) das Thema auf und schrieb ein zweistrophiges Gedicht, ein Frage- und Antwortspiel, bei dem der Tod versucht, dem Mädchen die Angst zu nehmen.

Dieses kleine Gedicht vertonte Franz Schubert 1817 in seinem Kunstlied „Der Tod und das Mädchen“ und Teile davon in den zweiten Satz seines Streichquartetts in d-Moll zu verwenden sodass das Streichquartett den gleichen Titel bekam.

Musik von Franz Schubert und Antonín Dvořák erklang beim 3. Kammerkonzert. (Foto: © ApfelEva /pixabay)
Musik von Franz Schubert und Antonín Dvořák erklang beim 3. Kammerkonzert. (Foto: © ApfelEva /pixabay)

Beim dritten Kammerkonzert wurde das Stück am 07.02.2022 im Orchesterzentrum von Lisa Trautmann, Iris Plettner (beide Violine), MinGwan Kim (Viola) und Markus Beul (Cello) zu Beginn gespielt. Die Musiker, Mitglieder der Dortmunder Philharmoniker, präsentierten das Werk in einfühlsamer Weise.

Alle vier Sätze des Streichquartetts sind in Moll gehalten, eine Schwermut durchdringt die vier Sätze, dennoch zeigt sich Schubert in seiner Musik vollkommen auf der Höhe. Besonders berührend ist der vierte Satz, bei dem der Komponist sein Lied „Der Erlkönig“ zitiert, bei dem es auch um den Tod eines jungen Menschen geht.

Nach der Pause ging es etwas fröhlicher zu, denn Antonin Dvořák entführte uns mit seinem Streichquintett in G-Dur op. 77 in seine tschechische Heimat. Dabei unterstützte Tomoko Tadokoro am Kontrabass ihre vier MitstreiterInnen. Bereits im zweiten Satz, dem Scherzo ist die tschechische Volkseele in ihrem Element. Tanzmelodien und lyrische Elemente wechseln sich ab, sodass die melancholische Stimmung schnell verflog.

Ein schöner Kammermusikabend, der durchaus mehr ZuhörerInnen verdient hätte, denn live gespielte Musik ist immer ein besonderes Erlebnis.




Musikalische „Grenzgänge“ beim 6. Philharmonischen Konzert

Die Umbruchzeit in Folge der Französischen Revolution gegen Ende des 18. Jahrhunderts sorgte in der gesamten Gesellschaft, so auch in der Musik, für Veränderungen. Waren die Komponisten und Musikgenies wie etwa Mozart zuvor noch dem adeligen Dienstherrn verpflichtet, wandelte sich das Selbstverständnis.

Künstlerische Freiheit, individuelle Empfindungen und neue Ideen gewannen an Bedeutung. Die Achtung des Künstlers in der Gesellschaft wuchs.

Ein wichtiger innovativer Vertreter an der Schnittstelle zur Romantik war Ludwig van Beethoven (1770 – 1827). Er stand neben Robert Schumann (1810 – 1856) im Mittelpunkt des 6. Philharmonischen Konzerts „Grenzgänge“ am 01. und 02.02.2022 im Dortmunder Konzerthaus. ars tremonia war am 02.02.2022 dabei.

Anna Tifu überzeugte mit ihrem Spiel an der Violine. (Foto: © Kim Mariani)
Anna Tifu überzeugte mit ihrem Spiel an der Violine. (Foto: © Kim Mariani)

Die engagierte Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung des erfahrenen Gast-Dirigenten Thomas Sanderling spielten zunächst das Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61 von Beethoven. Mit Solo-Violinistin Anna Tifu war eine exzellente Musikerin an ihrem Instrument eingeladen worden.

Nicht nur überraschte Beethoven damals das Publikum damit, dass allein der erste Satz ganze 30 Minuten dauerte, sondern dass er auch seinem Solisten (Violine) wenig Raum zur Selbstdarstellung gab. Erst nach etwa drei Minuten setzt die Solovioline ein. Neben technischen Können war hier das Verständnis kompositorischer Strukturen und musikalischer Ideen gefragt. Diesem Anspruch genügte Anna Tifu im vollen Umfang.

Mit fünf pochenden Paukenschläge begann die lange Einleitung, die sich wie auch das schon melodische Hauptmotiv, durch das gesamte Konzert zogen.

Mehrere durchgehende Steigerungen und spannende wechselnde Themen waren für das Werk charakteristisch. Das begeisterte Publikum entließ die Solo-Violinistin nicht ohne eine Zugabe.

Neue Ideen wurden auch von Robert Schumanns dramatischer Sinfonie Nr. 4 d-Moll op. 120 transportiert. Das als „Sinfonische Fantasie“ konzipierte und nur aus einem Satz bestehende Werk aus dem Jahre 1841 war als Geburtstagsgeschenk für Clara Schumann gedacht. Er überarbeitete das Stück und es wurde 1851 erstmals veröffentlicht, dabei erhielt es den Namen und die Struktur einer üblichen viersätzigen Sinfonie. Diese fließen jedoch ineinander und ihre Grenzen sind verschwommen. Das Werk ist durch den Wechsel von lyrischen Abschnitten im Wechsel mit dramatischen Steigerungen gekennzeichnet. Auch hier gibt es Motiv-Wiederholungen sowie divers Variationen.

Höchst anspruchsvoll für alle beteiligten Musiker. Die Dortmunder Philharmoniker konnte hier ihre Qualität unter Beweis stellen und wurden mit viel Applaus belohnt.




5. Philharmonische Konzert – Lichtblicke mit Carmen

Zufall oder nicht? Das Akkordeon ist im Januar 2022 das „Instrument des Monats“ in der Musikschule Dortmund und passenderweise stand es auch im Mittelpunkt des 5. Philharmonischen Konzertes am 11. Januar 2022. Ksenija Siderova zeigte den Zuhörern im Konzerthaus, welche klanglichen Möglichkeiten im Akkordeon stecken, eine wahre Botschafterin ihres Instrumentes.

Leider musste das Programm des Philharmonischen Konzertes geändert werden, da die geplanten Werke von Ottorino Resphighi eine volle Orchesterbesetzung fordern und dies wegen des aktuellen Infektionsgeschehens nicht möglich war. Daher wurde die Carmen-Suite von Rodin Schtschedrin als Ersatz gespielt.

Ksenija Siderova zeigte ihr Können am Akkordeon. (Foto: © Dario Acosta)
Ksenija Siderova zeigte ihr Können am Akkordeon. (Foto: © Dario Acosta)

Den Anfang machten die „Vier Jahreszeiten“, aber nicht von Vivaldi, sondern vom Argentinischen Komponisten Astor Piazzolla. Begleitet von Siderova und den Dortmunder Philharmoniker erlebten die Zuhörer ein Jahr in Buenos Aires. Das komplette Stück atmet den Tango und seine synkopischen Rhythmen nehmen uns mit auf eine ferne Reise. Im Gegensatz zu Vivaldi beginnt Piazzolla mit dem Sommer, der in Argentinien heiß ist, sodass die Leidenschaft erst richtig am Abend beginnen kann. Während auch in Südamerika der Herbst und Winter trist und düster wirken, beginnt die Lebensfreude im Frühling von neuem. Es ist sehr erfrischend, Siderova beim Spielen zuzusehen, welche Töne sie dem Akkordeon entlockt. Das ist alles weit entfernt von dem betulichen Volksmusikstigma, dass das Instrument vielleicht noch besitzt.

Nach der Pause kam die Carmen-Suite von Rodin Schtschedrin zu Gehör. Anscheinend hatte der russische Komponist ein Faible für Percussions-Instrumente, denn nicht weniger als fünf Mann aus dem Orchester spielten eine ungeheure Anzahl an kleinen und großen Dingen aus dem Instrumentariums des Schlagwerks. Ob das der Grund war, dass die Suite bei seiner Premiere 1967 in der Sowjetunion nicht gut ankam? Es wurde dem Komponisten vorgeworfen, das Erbe Bizets zu beschmutzen und seine Carmen sei viel zu erotisch. Vielleicht war den Funktionären auch die Idee einer selbstbewussten und selbstbestimmten Frau zu suspekt. Denn in Wirklichkeit erweist Schtschedrin der Musik von Bizet eine große Ehre und egal wie Schtschedrin die Melodien bearbeitet, sie bleiben deutlich erkennbar.




Musikschule startet Jahreskampagne „Instrument des Monats“

Die Dortmunder Musikschule startet in das Jahr 2022 mit einem besonderen Projekt. In jedem Monat steht ein anderes Musikinstrument oder eine Stilrichtung im Mittelpunkt.

Wie Stefan Prophet (Direktor der Musikschule) und Christine Hartman-Hilter (Stellvertretende Leiterin der Musikschule) bei einem Pressegespräch erklärten, ist ihnen gerade in dieser Zeit wichtig, den Menschen die Freude an Musik und am Erlernen von Musikinstrumenten zu vermitteln.

Dabei stehen eher nicht so populäre Instrumente im Vordergrund wie Akkordeon, Schlagzeug, Mandoline, Oboe oder im Dezember die Blockflöte. Die Stilrichtungen gehen von Klassik, Pop über Jazz. Die Projektleiterin ist Barbara Grarbsch.

Der Leiter der Musikschule, Stephan Prophet, in der Mitte mit dem auch „Schifferklavier“ genannten Akkordeon. LInks neben ihm Barbara Graebsch (Projektleiterin) und recht Christine Hartmann-Hilter (stellvertretende Leiterin)
Der Leiter der Musikschule, Stephan Prophet, in der Mitte mit dem auch „Schifferklavier“ genannten Akkordeon. LInks neben ihm Barbara Graebsch (Projektleiterin) und recht Christine Hartmann-Hilter (stellvertretende Leiterin)

In Konzerten, Schnupperkursen (Workshops), und einem Flashmob, analog mit Postkarten oder virtuell in den sozialen Medien möchte die Musikschule Jung und Alt Lust darauf machen, dass „Instrument des Monats“ zu erlernen oder die Klänge einfach nur zu genießen.

Die Kampagne beginnt im Januar mit dem in unterschiedlichen Ländern (Bergarbeit im Ruhrgebiet, Frankreich, Argentinien u. a.) bekannten Akkordeon. Verbirgt sich bei Ihnen eventuell ein altes Akkordeon und Sie haben bis jetzt nicht daran gedacht, auf diesem geselligen Instrument spielen zu lernen? Vielleicht haben Sie aber auch nur Lust, etwas über das Instrument zu erfahren und ihm zu lauschen.

Stöbern Sie nach „Dachbodenfunden“ und kommen Sie am 15.01.2022 mit ihrem Akkordeon oder einfach so aus Interesse in die Musikschule Dortmund in der Steinstraße 35 (hinter dem Hauptbahnhof).

Der erfahrene Dozent Roman Yusipey nimmt es in Augenschein und erklärt im Gespräch, wie man damit Musik machen kann. Auch ohne eigenes Akkordeon gibt es die Gelegenheit, es kennenzulernen und auszuprobieren.

Auf dem Youtube-Kanal der Musikschule Dortmund ist es in den nächsten Tagen möglich, einen kleinen Eindruck von dem Instrument zu bekommen.

Der Eintritt ist frei, es wird aber Corona-bedingt um eine Anmeldung unter dem Stichwort „Dachbodenfund“ anmeldung@musikschule-dortmund.net gebeten.

Ein Eröffnungskonzert findet am Dienstag, dem 18.01.2022 um 19:00 Uhr im Orchesterzentrum NRW (Dortmund) mit der Gruppe „Uwaga“ statt. „Uwaga“ sind Christoph König (Violine, Viola), Maurice Maurer (Violine), Miroslav Nisic(Akkordeon) und Matthias Hacker (Kontrabass).

Eintritt frei / Anmeldung unter: anmeldung@musikschule-dortmund.net , Stichwort „Uwaga“.

Im Februar ist übrigens das Schlagzeug (im weiterem Sinn) das „Instrument des Monats“. Ein Workshop-Projekt am Samstag, dem 05.02.2022 ist geplant.

Zu jedem neuen „Instrument des Monats“ wird von der Musikschule jeweils eine Postkarte herausgebracht.




Mit Leidenschaft ins Jahr 2022

Es ist eine liebgewonnene Tradition. Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz führen uns mit dem Neujahrskonzert musikalisch ins neue Jahr. Diesmal gab es für die BesucherInnen im Konzerthaus nicht nur was für die Ohren, sondern auch was zu sehen.

„Tanzende Leidenschaft“ hieß das diesjährige Motto und so erklang neben Ballettmusik von Aram Khatschturian und Amilcare Ponchielli auch Tänze von Dvořák und Márquez. Den Abschluss machte Maurice Ravel mit seinem Stück „La valse“, bei dem er einen Walzer musikalisch zerstört oder „dekonstruiert“ wie man heute sagen würde. Verzerrte Rhythmen und Dissonanzen prägen das Ende des Stückes.

Foto: © Alexandra Koch / pixabay.com
Foto: © Alexandra Koch / pixabay.com

Den musikalischen Ritt durch die Welt von Tschechien über Russland nach Mexiko und wieder nach Frankreich begleitete das personifizierte Jahr 2022 (Andrea Hoever), die über ihren verflossenen (das Jahr 2021) trauerte. Ganz ehrlich, ich bin ja geneigt zu sagen, schlimmer als 2021 kann das neue Jahr eigentlich nicht werden. Lockdown, keine Kultur für eine lange Zeit. Lassen wir uns mal überraschen.

Das optische Highlight bereitete Rainer Schiffmann. Der Illustrator saß live auf der Bühne und malte passend zur Musik entsprechende Bilder. So schuf er eine Balletttänzerin zu Ponchiellis „Tanz der Stunden“, einen entschlossenen Spartacus für die gleichnamige Musik von Khatschturian und zum Schluss löschte er langsam ein Bild eines tanzenden Paares zur immer wilder werdenden Musik von Ravel.

Mit dem „Säbeltanz“ von Khatschturian als Zugabe wurden die Besucher nach Hause geschickt.