Blasmusik und Alpenglühen

Eigentlich passen ja die Begriffe „Blasmusik“ und „Alpenglühen“ gut zusammen, aber bei einem Klassikkonzert? Unter der Leitung von Gabriel Feltz spielten die Dortmunder Philharmoniker das Konzert für Violoncello und Blasorchester von Friedrich Gulda und die „Alpensinfonie“ von Richard Strauss beim 2. Philharmonischen Konzert am 18. Oktober 2022.



Friedrich Gulda komponierte sein „Violoncellokonzert mit Blasmusik“ 1980 und es waren neben Blasmusik auch deutlich hörbare Elemente aus dem Blues und Rockbereich zu hören. Besonders in der Ouvertüre konnte neben Solist Wolfgang Emanuel Schmidt auch der Gitarrist und der Schlagzeuger der Dortmunder Philharmoniker ihr Können zeigen. Schmidt war vor allem in der Cadenz gefordert, wo er allein mit seinem Instrument zu erleben war und ungewöhnliche Töne und Rhythmen aus seinem Instrument zauberte.

Nach der Pause war des dann Zeit für den Gipfelsturm von Richard Strauss. Seine „Alpensinfonie“ sollte zwischenzeitlich „Der Antichrist“ heißen. Strauss war zu dieser Zeit stark von Nietsche beeinflusst so komponierte er auch „Also sprach Zarathustra“. Fü Strauss widersprechen die christlichen Werte der Natur.

Die Spiritualität, die in dem Werk nichtsdestotrotz zu finden ist, kommt aus den Naturbeschreibungen. Wasserrauschen am Wasserfall, Vogelgezwitscher im Wald, Kuhglocken auf der Alm. Die Zuhörerinnen und Zuhörer konnten dem Auf- und Abstieg des Bergsteigers nachverfolgen. Natürlich hat das Werk auch eine weitere Interpretationsebene: So ist die „Alpensinfonie“ auch ein musikalisches Gleichnis für Geburt, Leben und Tod eines Menschen.

Es war auf jeden Fall ein gelungener musikalischer Abend, der neben neuen Hörerlebnissen auch weihevoll-naturalistische Musik zu bieten hatte.




Eduard Wilsing – Ein Hörder Komponist im Mittelpunkt

In Dortmund fand am Samstag, den 22.10.2022 im Hörder Bürgersaal ein besonderes Klassikkonzert statt, wobei ein Kind der Stadt Hörde im Mittelpunkt stand. Es handelt sich um den 1809 in Hörde geborenen und 1893 in Berlin gestorbenen Komponisten Daniel Friedrich Eduard Wilsing.



Durch beharrliche und unermüdliche Recherchen in den Archiven im In- und Ausland durch Gerhard Stranz an den verschiedenen Wirkungsstätten des Komponisten kamen einige verborgene Musik-Schätze zutage. So konnte Stranz fast 100 Werke von Eduard Wilsing identifizieren.

Auch zwei Urgroßnichten und der Urgroßneffe Wolfgang Hebbel (aus Hannover angereist) waren mit Dokumenten und Hinweisen behilflich.

Die Hörder Bezirksvertretung und als Träger Hörde International e.V. ermöglichen eine eigene Konzertreihe zu Wilsing. Unter dem Titel „Ein Hörder im Mittelpunkt“ wurde nun ein Wilsing Klassik-Konzert im Bürgerssaal (Hörde) durchgeführt.

Nach Gruß und Dankesworten von Jochen Deschner (Vorsitzender, Hörde International e.V.), Bezirksbürgermeister Michael Depenbrock und Bürgermeisterin Barbara Brunsing (Dortmund) konnte es los gehen.

Als Solisten konnte hochkarätige Musiker*innen gewonnen werden. Seowon Kim (Violine) und Ievgeniia Iermachkova (Klavier) konnten gleich zu Beginn ihr Können an ihren Instrumenten bei Eduard Wilsings Sonate für Violine und Klavier in A-dur unter Beweis stellen. Eine anspruchsvolle kraftvoll-quirlige Sonate, bei der die Instrumente wunderbare Zwiesprache miteinander hielten.

Als musikalisches Sahnestück folgte danach das Tripelkonzert (Großes Konzert op. 56 in C-Dur für Klavier, Violine und Violoncello) von Ludwig van Beethoven (1770 – 1827) in der Bearbeitung von Eduard Wilsing. Er hat das Konzert sogar auch für Klavier (vier Hände) umgearbeitet!

Am Violoncello unterstützte Alexander Hülshoff, der Leiter des Orchesterzentrums, die beiden anderen Musikerinnen. Es entwickelte sich eine starke Dynamik zwischen den drei Instrumenten mit starker musikalischer Ausdruckskraft. Der zweite Teil strahlte eine melancholische Dramatik aus. Musikalische Motive werden abwechselnd von den verschiedenen Instrumenten aufgegriffen.

Die Bearbeitung von Beethovens „Tripelkonzert“ als Kammerkonzert macht sie für alle Menschen zugänglich.

Den Abschluss des starken Musikerlebnisses bildete „Der Sommer“ aus den 4 Jahreszeiten für Klaviertrio von Astor Piazzolla (1921 – 1992). Ein temperamentvoller Sommer-Tango mit Jazz-Elementen und dann wieder melancholisch-dramatisch.

Geplant ist die nächste Veranstaltung übrigens für den 19.02.2023, Sonntag um 11.30 Uhr! Wir dürfen gespannt sein, welche verborgenen Werke von Eduard Wilsing uns noch erwarten.




Clavierfeuerwerke mit Felix Mendelssohn Bartholdy und mozartesque Sinfonie von Schubert

Wiener Klassik Schmankerl mit der Dortmunder Philharmonie

Zwei Konzert Feuerwerke für Klavier und Orchester, Nr.1 g-Moll op. 25 und Nr. 2 d-Moll op. 40 von Bartholdy unter dem Dirigat von Antoni Wit und Klaviersolistin Jasminka Stancul.



Mendelssohn schrieb das Konzert Nr.1 im Jahr 1831 in Rom und vollendete große Teile davon in München. Es ist der 17-jährigen Pianistin Delphine von Schauroth gewidmet, mit der ihn eine Liebesromanze verband. Also eigentlich nach der Wiener Klassik, die ~ 1760 begann und 1825 endete. Dennoch der Wiener Klassik zuzuordnen, weil ganz im Geist und Tempo. So wie Nr. 2 d-Moll op. 40, der direkt nach der Hochzeitsreise mit seiner Frau Cécile, geborene Jeanrenaud, schrieb Mendelssohn das Klavierkonzert op. 40; die Arbeit dauerte von Juni bis August 1837.

Felix Mendelssohn Bartholdy gilt als der Komponist, der das Glück in Töne gießen konnte. Genau das zeigt sich in den beiden Konzerten, welche uns die Dortmunder Philharmonie diesen Abend begeisternd darbot. Dabei spielte die Solistin des Abends Jasminka Stancul mitreißend am Klavier. Star-Pianist Lang Lang sprach einmal davon, dass Mendelssohns Musik positiv, strahlend und unglaublich hübsch und dabei süß wie eine wunderbare Schokolade sei … Das g-Moll-Klavierkonzert ist ungeheuer farbenfroh, so, als ob jeden Augenblick der Frühling um die Ecke käme. Das war auch besonders im Spiel von Stancul am Flügel zu spüren, denn sie trug uns, ihr begeistertes Publikum, in ihre Welt.

Und da man von Schokolade selten genug haben kann, stand an diesem Abend auch das etwas weniger bekannte zweite Klavierkonzert auf dem Programm. Es versprüht Lebensfreude, Energie und Glück, und ist ein wahres „Clavierfeuerwerk“ von Mendelssohn. Die Dortmunder Philharmoniker unter Wit mit Stancul ließen in uns an diesem Abend mit diesen Mendelsohn Feuerwerken die Wiener Klassik wiederaufleben.

Mit der 1816 von Franz Schubert Sinfonie komponierten Sinfonie Nr. 5 B-Dur D 485, seine fünfte, ließen uns die Philharmoniker einen letzten Blick über die Schulter in die Wiener Klassik werfen. Das Vorbild Mozarts schimmert deutlich in ihr das hindurch, doch zugleich zeigt dieses Werk einen wichtigen Entwicklungsschritt für den damals 19-jährigen Komponisten auf seinem Weg hin zu einem individuellen Stil. Noch hat er jedoch die Schwelle zwischen Klassik und Romantik nicht ganz überschritten und kreiert mit einer kleinen Orchesterbesetzung, harmonischen Proportionen und kantablen Melodien eine Sinfonie voll beschwingter Leichtigkeit, die uns die Dortmunder Philharmoniker unter Wit geradezu einfühlsam herüber brachten.

Als Wiener Klassik (ca. 1760 – ca. 1825) bezeichnet man eine besondere Ausprägung der musikalischen Epoche der Klassik, als deren Hauptvertreter die u. a. die in Wien wirkenden Komponisten Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart und Ludwig van Beethoven gelten. In einem weiteren Sinn ist mit diesem Begriff auch manchmal die „Zeit der Wiener Klassik“ gemeint, und es werden oft auch andere Wiener oder österreichische Komponisten wie Antonio Salieri, Michael Haydn oder Carl Ditters von Dittersdorf und teilweise auch Franz Schubert hinzugerechnet. Es kommen in der Wiener Klassik verschiedene deutsche, französische und italienische Einflüsse in einer Vielfalt von Gattungen zusammen.

Typisch für den Zeitstil der Klassik (auch außerhalb Wiens und Österreichs) ist eine Vorliebe für helle Dur-Tonarten und für eine in der Grundtendenz eher heiter beschwingte Musik, die streckenweise zu dramatisch-monumentalen Ausbrüchen tendiert und von starken Kontrasten lebt. Ein im Vergleich zu Barock oder Romantik eher rationaler Grundton entspricht den Idealen der Aufklärung und dem Klassizismus in der Kunst. Was wiederum im Gegensatz zur gesellschaftlichen Stimmung der herrschenden Eliten steht, die das frivole Glück in vielerlei Formen suchen und leben. Besonders die Musik von Haydn und Mozart zeichnet sich oft durch einen gewissen Witz und Humor aus, die zur großen Popularität ihrer Werke beitrugen und -tragen. Hinzu kommt ein auffällig fantasievoller Umgang mit Harmonik, Modulation und Chromatik, sowie eine relativ starke Einbeziehung von Moll-Tonarten, wodurch ausdrucksmäßig tiefere Bereiche erreicht werden, als dies in der zeitgenössischen Musik oft üblich war. Dies gilt vor allem für die Zeit vor 1800.

Mit der Französischen Revolution und den folgenden Revolutionskriegen wird die Musik etwas düsterer.




Oratorium „La vièrge“ in der Reinoldikirche

Eigentlich wäre die Marienkirche in Dortmund der passendere Ort für die Aufführung von Jules Massenets „La vièrge“, denn die Handlung dreht sich um Maria, die Mutter Jesu. Am 24. September wurde das Stück im Rahmen des Festivals Klangvokal in der Reinoldikirche aufgeführt.



Jules Massenets (1842-1912) ist vor allem als Opernkomponist bekannt, „Manon“ ist eines seiner bekanntesten Opern. Doch er schuf auch Oratorien über biblische Figuren wie Maria Magdalena, Eva oder eben Maria.

Wer bei „La vièrge“ eine durchgehende Handlung erwartet, der wurde enttäuscht, denn das Libretto von Charles Grandmougin setzt einzelne Schlaglichter. Die Verkündung, das Festmahl zu Kanaa, Karfreitag und Marias Himmelfahrt sind die vier Themen. Große Soloparts haben außer Maria nur der Erzengel Gabriel, der Rest ist mehr oder weniger Stichwortgeber. Von daher ist es nicht unverständlich, dass das Stück nach seiner Uraufführung 1880 lange nicht Vergessenheit geriet, obwohl das Präludium des vierten Teils („Le dernier sommeil de la vièrge“) heute noch in Konzerten gespielt wird.

Obwohl Massenet ja ein Opernkomponist war, schafft er es in „La vièrge“ bis auf wenige Ausnahmen nicht, einen Spannungsbogen zu erzeugen. Immerhin hat der zweite Teil (Festmahl zu Kanaa) Rhythmik und Dynamik.

Für die Vorlage konnten die Musiker und Sänger nichts, sie machten das beste daraus. Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Granville Walker, der Philharmonische Chor des Dortmunder Musikvereins und der Opernkinderchor waren ebenso mit Leidenschaft dabei wie die Solokünstler*innen Valentina Stadler, Suzanne Jerosme, Lotte Verstaen, Sungho Kim und Thomas Laske.




Konzerthaus im musikalisch-theatralen Bond-Fieber

Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Gabriel Feltz (GMD) und Regisseurin Birgit Eckenweber für das 1. Konzert für junge Leute (2022/2023) am 26.09.2022 (Konzerthaus Dortmund) unter dem Motto „Hollywood Hits- 007“ etwas Besonderes einfallen lassen.



Neben zwölf Stücken aus den James Bond Filmen (Soundtracks), die von der Dortmunder Philharmoniker wunderbar einfühlsam instrumental interpretiert wurden, fand parallel dazu eine kleine „Dortmunder James Bond-Aufführung“ für das junge oder jung gebliebene Publikum statt.

Mit dabei waren Sängerin Isabel Pfefferkorn (als Honey Lane), Schauspielerin Isa Weiß als Agentin Alison MacKenzie, der auch aus dem Fernsehen bekannte Schauspieler Carl Bruchhäuser als James Bond-007 sowie Ekkehard Freye vom Schauspiel Dortmund (als Handlanger).

Die beiden Agenten waren, wie sie erklärten, in geheimer Mission in das Konzerthaus gekommen. Die Bürgermeisterin hatte beide beauftragt, verdeckt bei den Dortmunder Philharmonikern zu ermitteln. Der Florianturm sollte gesprengt werden! Unter dem Turm im Westfalenpark wurde ein wertvoller Schatz von Friedrich I. genannt Barbarossa gefunden, den ein Attentäter in seinen Besitz bringen will. Der Drahtzieher würde unter den Dortmunder Philharmonikern vermutet…

Isabel Pfefferkorn begeisterte mit ihrer Stimme, besonders bei Hits wie „For Your Eyes Only, Goldfinger, oder Writing‘ s on the Wall und passte sich gut in die theatrale Bildsprache des Geschehens ein.

Liebe und Eiversucht, geheimnisvolle Spannung und Humor mit einer Spur Ironie – alles wurde geboten. Der gerührte, aber nicht geschüttelte Martini durfte natürlich auch nicht fehlen. Berühmte Bond-Zitate wurden locker eingeflochten. Bruchhäuser genoss sichtlich seine Rolle.

Isa Weiß konnte auch ihr Gesangstalent bei „You Only Live Twice“ unter Beweis stellen.

Ekkehard Freye schien besonderes Vergnügen am Spiel zu haben. Der ganze Konzerthausraum wurde von den Beteiligten als Bühne benutzt.

Dirigent Gabriel Feltz ließ es sich nicht nehmen, aktiv bei der Story mit zu wirken. Ausgerechnet er war der Drahtzieher und es wurden ihm sogar Handschellen angelegt. Dabei konnte er sich den Hinweis, dass man das Geld aus dem Schatzraub gut für einen neuen Proberaum für das Orchester gebrauchen könnte, nicht verkneifen.

Für eine geheimnisvolle Atmosphäre sorgten zudem die geschickt eingesetzten Lichteffekte.

Das junge Publikum ging gut mit und am Ende gab es viel Applaus für alle Akteure.




Huelgas Ensemble – Französischer Renaissancemusik

Das Huelgas Ensemble aus Belgien und die Musik der Renaissance aus Frankreich und Flandern, mit Landschaftsprojektionen

Seit mehr als 40 Jahren ist die franko-flämische Vokalpolyphonie des Mittelalters und der Renaissance die musikalische Muttersprache von Paul van Nevels. Meisterwerke dieser Madrigal Musik der Renaissance brachte uns das Huelgas Ensemble am 18. September im Reinoldihaus zu Gehör. Das Ensemble wurde 2019 mit dem Opus Klassik zurecht geehrt. Die Klangimpressionen des vielstimmigen Gesangs spiegelten sich in den melancholischen Bildern der photographisch festgehaltenen Landschaften Flanderns und Nordwestfrankreichs, Nord-Pas-de-Calais, das Land der Stif, wie wir seit einer bitterbösen französischen Komödie wissen.

Das Madrigal ist ursprünglich eine sehr freie Gedichtform, die als Textgrundlage für eine Komposition diente (Singgedicht). Besonders in Italien war diese Gattung im 16. und 17. Jahrhundert zuerst als mehrstimmige Chorkomposition, dann auch als instrumental begleitetes Sologesangsstück sehr beliebt. Der Text beinhaltet zumeist weltliche Themen; das geistliche Pendant zum Madrigal bildet die Motette.

In der Geschichte des Madrigals hat sich seine Gestalt mehrfach verändert, zu allen Zeiten aber handelte es sich dabei um weltliche, in der Regel vier-, fünf- oder sechsstimmige Chorstücke in einem kammermusikalischen Rahmen.



Man schreibt das Madrigal als ab 1520 unter den Medici Päpsten entstanden … so wie Vasari, Michelangelo Groupie, die Renaissance ausschließlich in Italien entstanden sah und die Barbaren im Norden Europas von der Renaissance ausschloss … So vehement kaprizierte sich Vasari auf Italien, das die im Norden schon lange sich entwickelte Kunst als Flämische Naive oder Primitive verunglimpft wurden, und die Maler und Bildhauer nur früher weiter waren als die von Vasari gepriesenen italienischen Meister. Man denke nur an den Bamberger Reiter aus der Mitte des 13.Jh. und die Flämische Meister: Bruegel, Rubens, Van Eyck, van der Weyden, Memling, Bouts, u.a.

MA DUCE AMOR von Johannes Symonis Hasprois (1430-1492) entstand nun vor 1520 im flämisch-nordfranzösischen Grenzraum … im Hennegau, der im 15. und 16. Jhdt. als eine Wiege der Musikgeschichte der Renaissance Musik gilt.

Die Melancholie der Bildprojektionen spiegelte sich in den vorgetragenen Musikstücken wieder, machen sie aber auch damit wieder mittelalterlich, trotz ihres Ursprungs in der Renaissance. Sanft fast sind die polyphonen A cappella Gesänge des Huelgas Ensemble die wir unter sanfter, kaum wahrnehmbarer Leitung von Paul van Nevel hörten. Nein Instrumente brauchte es wirklich nicht. Die Stimmen waren das Instrument jedes einzelnen aus dem Ensemble.




Zu Besuch bei russischen Jahrmärkten und Zirkussen

Trotz (oder gerade wegen) des Angriffskrieges Russland auf die Ukraine stand das erste Philharmonische Konzert der Spielzeit 22/23 im Zeichen russischer Musik. Schtschedrin, Glasunov und Strawinsky hießen die Komponisten, die gespielt wurden. Dazu dirigierte die russischstämmige Anna Skryleva und Solist des Abends war Alexander Prushinskiy, der zwar in Novosibirsk geboren wurde, aber ein Heimspiel hatte, denn er ist der 1. Konzertmeister der Dortmunder Philharmoniker.



Das also zur angeblichen Dämonisierung russischer Kultur, als ob Glasunow, Strawinsky oder Schriftsteller wie Tschechow oder Dostojewski etwas für die aktuelle Politik der russischen Regierung könnten.

Eine Neuerung gab es auch, denn die Philharmonischen Konzerte beginnen jetzt eine halbe Stunde eher. Für manche Besucher*innen kam das überraschend, so dass einige erste nach der Pause in das Konzert kamen. Dennoch blieben manche Plätze unbesetzt. Schade, denn die Musik war grandios.

Gleich zu Beginn entführte uns Rodin Schtschedrin mit seiner „Alten russischen Zirkusmusik“ in den Zirkus. Atemlose Spannung bei den Artisten, fröhliche Musik bei den Clownereien. Wie auch bei seiner „Carmen-Suite“ hat der Komponist wieder eine Vielzahl an Perkussion-Instrumente eingesetzt, die die Dortmunder Philharmoniker auch mit Begeisterung einsetzten.

Noch benebelt von der Zirkuswelt wurde es romantisch. Denn Alexander Glasunov mit seinem spätromantischen Konzert für Violine und Orchester in a-moll war an der Reihe. Hier zeigte der andere Alexander, nämlich Prushinskiy, warum er einst zu den russischen Wunderkindern gehörte. Meisterhaft bewerkstelligte er die anspruchsvolle Partitur.

Nach der Pause erklang die Ballettmusik zu „Petrushka“ von Igor Strawinsky. Geschrieben nur sechs Jahre nach Glasunows Violinkonzert, scheinen musikalisch aber Jahrzehnte dazwischen zu liegen, auch wenn die Bearbeitung von 1947 gespielt wurde.  Modern und frisch präsentieren die Dortmunder Philharmoniker die tragische Geschichte von Petrushka (der russischen Version vom Kasper).

Musikalisch war es ein abwechslungsreiches Konzert, das durchaus mehr Besucher*innen verdient hätte.




20 Jahre Konzerthaus Dortmund – Symbol des Wandels

Am 08.09.2002 fand im Dortmunder Konzerthaus der „Tag der offenen Tür“, rund 40.000 Besucher*innen wollen das neue Haus in der Brückstraße kennenlernen. In den 20 Jahren hat das Konzerthaus es geschafft, in die Champions League der europäischen Konzerthäuser zu gelangen und Künstler*innen von Weltformat zu engagieren. Das alles ist ein Verdienst der drei Intendanten Ulrich Andreas Vogt, Benedikt Stampa und Raphael von Hoensbroech.



Die damaligen Pläne fand nicht überall positive Resonanz, aber das Konzerthaus hat im Laufe der Zeit das Brückstraßenviertel geprägt und die Weichen gestellt für die Chorakademie und das Orchesterzentrum. Damit ist das Konzerthaus ein Symbol des Wandels wie Kulturdezernent Jörg Stüdemann betonte.

Obwohl der Kartenverkauf das Niveau von 2019, also vor Corona, erreicht hat, gibt es noch einiges zu tun. „Neuen Bevölkerungsschichten haben wir noch nicht erreicht“, gibt von Hoensbroech zu, auch wenn neue Formate wie Community Music das Motto „Musik für alle“ Realität werden lassen soll.

Passend zum 20jährigen Jubiläum gab es natürlich eine festliche Saisoneröffnung mit dem Leipziger Gewandhausorchester unter der Leitung von Andris Nelsons. Das Eröffnungskonzert wurde überschattet von der Nachricht vom Tod der Queen, an die mit einer Schweigeminute gedacht wurde. Dazu passte das erste Stück, die „Kammersinfonie op. 110a“ von Dimitri Schostakowitsch. Denn die „Sinfonie“ wirkte wie ein Requiem, schwermütig und düster. Kein Wunder, ging es um die Opfer des Faschismus, die der Komponist sehr eindrücklich in seinem Werk musikalisch würdigte.

Auch der zweite Teil war Schostakowitsch gewidmet. Sein „Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester Nr. 1“ war voller kleinerer musikalischer Ideen und überraschte beim Hören immer wieder. Die beiden Solisten Gábor Richter (Trompete) und Mao Fujita (Klavier) zeigten mit dem Orchester ein wunderbares Zusammenspiel.

Nach der Pause erklang die 7. Sinfonie von Beethoven. Auch wenn der zweite Satz, das Allegretto, berühmter ist und in vielen Filmen Verwendung fand, so ist für mich der vierte Satz mit seinem energischen Tempo und den Trompeten eines meiner Favoriten.




Barock à la Française

Reinhold van Mechelen. Tenor und Dirigat, und sein Ensemble A Nocte Temporis

Barockmusik aus Frankreich ist für die meisten von uns zuerst einmal die Musik, die am Hof von Versailles unter Louis XIV. komponiert und gespielt wurde, allen voran Lully, Charpentier und andere. Vielleicht denken wir auch an den fantastischen Film Le Roi Danse … Es war die Musik die der „Verherrlichung des Königs“ diente, bzw. geschaffen wurde, wie Lully der Initiator es postulierte, obgleich Lully aus Italien stammte. Die Musik war als dynastischer und nationaler Kontrapunkt zur italienischen Musik gedacht.



Van Mechelen brachte uns aber eine andere Zeit und Protagonisten zu Gehör … Während nach dem Tode Louis XIV. das Zeitalter des Barocks endete und das frivole und dem Plaisir verfallene Rokoko mit der Regentschaft des Philip d´Orleans für den unmündigen Louis XV. begann, verharrte die Musik im Barock mit all seiner Bombastik und auch mathematische Strenge.

Barockmusik herrschte vor allem in Frankreich von ca. 1600 bis 1750, während sich die Vorklassik schon mit dem empfindsamen Stil ca. 1720 ankündigte und ca. 1730 bis 1770 zur Klassik wurde. Ab 1770 herrscht in Europa dann die Wiener Klassik (ca. 1770 bis 1830).

In den 1750er Jahren befand sich die Pariser Musik- und Opernwelt in einem Ausnahmezustand, denn in der französischen Hauptstadt schwelte ein Grundsatzkonflikt, der „Buffonenstreit“, welche Musik nun den Primat habe, die italienische oder die französische. Das schloss auch die Frage welcher Operngattung den Vorzug zu geben habe, der bürgerlichen oder der höfischen … Die ersten Glocken der kommenden Revolution läuteten.

Van Mechelen stellte uns nun Jean-Philippe Rameau, Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville, Jean-Marie Leclair mit ihren Werken vor.

Aus dem „Buffonenstreit“ gingen am Ende die „Italiener“ hervor mit der frischeren und einfacheren Musik.Die Barockmusik dominierte aber noch weiter die Musik, obgleich sich die Klassik immer mal wieder meldete.

Diese Zeit lassen van Mechelen und sein Ensemble wiedererstehen, inklusive eines Stückes das das Rokoko und sein „Plaisir Absolute“ durchscheinen lässt … inkl. Travestie.

Der Einstieg in die Musik des Spätbarock gab van Mechelen mit der Ouvertüre aus Hippolyte et Aricie von Rameau, bombastisch, vielstimmig und volumig, mit Pauken und Trompeten, à la Lully und Charpentier. Der Zuhörer könnte sich an Le Roi Danse erinnert fühlen, vor meinem Auge tanzte er als Apollo im Garten von Versailles …

Aber die Reise ging weiter mit Arien einfühlsam von van Mechelen vorgetragen und fantastisch von seinem Ensemble begleitet. Alle Stücke des Abends wurden einst von Pierre de Jéliote (1713-97) gesungen. Jéliote wurde nachgesagt, dass er der Einzige gewesen sei, der den wahren Geist der französischen Musik wiederzugeben in der Lage gewesen sei. Er war einer der wenigen Sänger des Ancien Regime der sich eines dauerhaften Nachruhms erfreuen durfte, hätte er denn länger gelebt. Ihre Anfänge 1789 har er erlebt.




Barockmusik mit einer Legende

Am 12. Juni 2022 fand im Konzerthaus Dortmund ein bemerkenswertes Konzert statt. Sir John Eliot Gardiner , der Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists spielten Musik von Schütz, Schein und Bach,

Sir John Eliot Gardiner gab ein vielumjubeltes Konzert im Dortmunder Konzerthaus. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Sir John Eliot Gardiner gab ein vielumjubeltes Konzert im Dortmunder Konzerthaus. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Im Zentrum des Konzertabends stand die Trauermusik. Johann Sebastian Bachs Werk „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (BWV 106) eine frühe Trauerkantate, die thematisch Texte aus dem Alten und Neuen Testament benutzt, um die Ablösung vom alten durch den neuen Bund darzustellen. Auch das zweite Bachstück „O Jesu Christ meines Lebens Licht“ gehört in die gleiche Gattung und wurde vermutlich für eine Trauerfeier komponiert.

Doch Trauerkantaten gab es bereits vor Bach. Auch die frühbarocken Komponisten wie Schütz oder Schein waren in diesem Metier aktiv. Vor allem Johann Hermann Schein (1586-1630) war leidgeprüft. Er verlor gleich sieben Kinder und seine erste Frau. Doch das Konzert begann fröhlich mit einem Hochzeitslied von Heinrich Schütz (1586-1672) „Freue dich des Weibes deiner Jugend“ (SWV 453). Im Mittelpunkt des ersten Teils stand die „Musikalische Exequien“ (SWV 279-281), die als Musik zur Beisetzung des Landesherrn von Heinrich Schütz, Heinrich Posthumus Reuß, gespielt wurde.

Sir John Eliot Gardiner ist seit den 60er Jahren in Sachen Alter Musik unterwegs. Er gründete 1964 den Monteverdi Choir und 1978 die English Baroque Soloists. Die jahrelange enge Zusammenarbeit zwischen Dirigenten, Musikern und Chor war in jeder Sekunde spürbar und erzeugte eine eigene Form der musikalischen Magie.