Eduard Wilsing im Kontext seiner musikalischen Vorbilder

Im Hörder Bürgersaal der Stadt Dortmund fand am 19.02.2023 das dritte Konzert in einer kleineren Reihe zum Hörder Komponist Daniel Friedrich Eduard Wilsing (1809 – 1893) statt.



Im Mittelpunkt des Klassik-Konzerts stand dieses Mal die musikalische Verbindung und die Verbundenheit des Komponisten mit seinen musikalischen Vorbildern. Die unermüdliche Recherche von Gerhard Stranz bringt immer wieder interessante „Schätze“ im Zusammenhang mit Wilsing hervor.

In ausdrucksstarker Aktion: Die Mezzosopranistin Pia Viola Buchert wird von der Pianistin  Tatjana Dravenau begleitet. (Foto: (c) Oliver Schaper)
In ausdrucksstarker Aktion: Die Mezzosopranistin Pia Viola Buchert wird von der Pianistin Tatjana Dravenau begleitet. (Foto: (c) Oliver Schaper)

Nach seiner humorvollen Begrüßung und Einführungen, dem Grußwort des Hörder Bürgermeister Michael Depenbrock, gab es noch eine kurze persönliche Einleitung von Dr. Thomas Synofzik (Leiter des Schumann-Hauses, Zwickau).

Als Produkt mit unser Partnerstadt Zwickau ist soeben erst der Erstdruck von Wilsings Jugendsinfonie erschienen, die im Jahr 2024 in Zwickau und Dortmund uraufgeführt werden soll.

Als Künstlerinnen auf der Bühne standen die hervorragende Pianistin und mit Wilsings Werken gut vertraute Tatjana Dravenau sowie die stimmgewaltige Mezzosopranistin Pia Viola Buchert.

Den Anfang machte die vielseitige und musikalisch forschende Fantasie d-moll, KV 397 von Wolfgang Amadeus Mozart. Der vierte Satz aus Wilsings „Fantasie op. 10 wurde als Klammer mit etwas Abstand kurz vor der Pause dargeboten. Der Einfluss von Mozart auf das Werk von Eduard Wilsing war hier spürbar.

Das gleich galt für die Vertonungen der hebräischen Gesänge, die lyrische Jugenddichtung Lord Georg Gordon Byron – 6. Baron Byron (1810 -1856) – (1788–1824). Ihm wurde zum Schluss die „Drei Gesänge op. 95 sowie die hebräischen Gesänge op. 25.15 von Robert Schumann in einem Kontext gestellt.  Ausdrucksstark und mit kraftvoller Stimme von Pia Viola Buchert gesungen, war der Text von viel Pathos und Melancholie getragen.

Auch Komponistinnen hatten durchaus einen prägenden Einfluss, wie die „Drei Lieder op. 1.-1-3“ von Fanny Hensel (geb. Mendelssohn Bartholdy, 1805–1847 verdeutlichen). Sie hatte es schwer, sich als begnadete Pianistin und Komponistin durchzusetzen.

Die frühe Prägung durch Johann Sebastian Bach durch die von seinem Urgroßvater Johann Gottlieb Preller vererbten Sammlung von Bach-Handschriften, zeigt sich im Aufbau der der Fuge E-Dur von Wilsing und Johann Sebastian Bachs (1685 – 1750) Präludium und Fuge E-Dur, BWV 878

Das temperamentvolle und emotionsgeladene „Caprice à la Boléro, op. 5.2 von Clara Wieck (später Clara Schumann) und Eduard Wilsings „Caprice op. 6“ machen eine musikalische Verbundenheit hörbar.

Ein interessantes und unterhaltsames Konzertprogramm ging nach zwei Stunden zu Ende.




Liebesglück beflügelt die Musik

Am 07. und 08.02.2023 stand das 6. Philharmonische Konzert im Dortmunder Konzerthaus unter dem Motto „Glück in der Liebe“. Ars tremonia durfte am 08.02.2023 bei diesem Erlebnis mit dabei sein.



Die Dortmunder Philharmoniker unter der engagierten Leitung von GMD Gabriel Feltz hatte sich dafür zwei passende Werke von Robert Schumann (1810 – 1856) und Gustav Mahler (1860 — 1911) ausgesucht.

Der romantische Komponist Schumann hatte frisch verliebt und verheiratet für seine Frau Clara (geborene Wieck) das Klavierkonzert a-Moll op. 54 entwickelt. Der Schaffensprozess dauerte ähnlich lange (1841 – 1845) wie auch der schwierige Weg ihrer Liebe. Querelen mit dem Vater von Clara erschwerten die Beziehung.

Robert Schuhmann nahm sich im Jahr 1845 die 1841 für seine frisch angetraute Ehefrau Clara (eine berühmte Pianistin) komponierte und zugeschnittene Phantasie für Klavier und Orchester in a-Moll wieder vor. Er ergänzte sein Manuskript und fügte zwei Sätze zu einem traditionell aufgebauten Solokonzert. Dabei entstand der wunderbare dritte Satz zuerst. Dem kurzen ausdrucksstarke zweite Satz und schließlich folgte die verbindende kunstvolle Überleitung zwischen den beiden Sätzen.

Für das Klavierkonzert konnte die hervorragende chinesische Pianistin Ying Li gewonnen werden. Mit dem starken Orchester im Hintergrund, gelang es ihr mit Virtuosität und Empathie nicht nur Akzente zu setzen, sondern auch die Verwobenheit mit diesem musikalisch zu vermitteln.

Eine Art Liebeserklärung macht schon zu Beginn das Thema mit der Tonfolge

C – H – A – A (Chiara/Clara) deutlich klar. Das Thema erscheint nicht nur mehrfach in Variationen (mal langsam oder vorantreibend forsch aufgewühlt) in diesem Satz, sondern wird auch zwischen Satz zwei und drei als Erinnerung an den Ersten aufgegriffen. Das zeigt die Verzahnung und Verbundenheit zwischen Soloinstrument und Orchester. Das begeisterte Publikum entließ die Pianistin erst nach zwei Zugaben von der Bühne.

Nach der Pause wurde das ganz große Orchester (z.B. acht Kontrabass) für Gustav Mahlers 5. Sinfonie aufgefahren. (Uraufführung 1904).

Die schon wegen des großen Altersunterschiedes etwas konfliktbeladene Liebe zu Alma Schindler machte sich auch musikalisch bemerkbar. Die Gebrochenheit seines Stils, seine ständigen Änderungen an dem Werk, die innere Widersprüchlichkeit sind hier zu erkennen.

So deutet zu Anfang der Sinfonie mit einer Trompetenfanfare etwas Triumphales an, um dann in tiefe Schwärze abzustürzen. Außer im fünften Satz, dem wunderschön emotionale und verinnerlichten Adagietto (bekannt aus Viscontis : Tod in Venedig), das man als Liebesbezeugung für Alma werten kann, setzen sich die Wechsel von ruhigeren Passagen bis hin zu aufbrausenden musikalischen Explosionen bis zum Ende dieser Achterbahnfahrt vom Trauermarsch hin zum Licht des Finalen musikalischen Jubels.

Ein bemerkenswertes Philharmonisches Konzert auf hohem Niveau.




Abschluss der Zeitinsel Gubaidulina im Konzerthaus Dortmund

Mit dem Konzert für Viola und Orchester (1996) der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina (*1931), Sinfonie 16 op.131 von Mieczyslaw Weinberg (1919 – 1996) sowie der „Der Zorn Gottes“ (Gubaidulina 2019) fand am 05.02.2023 im Konzerthaus Dortmund die Zeitinsel zu dieser avantgardistischen russischen Komponistin ihr emotionales Ende.



Für das Konzert stand mit dem renommierten ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter der Leitung des britischen Dirigenten Duncan Ward ein großes Orchester auf der Bühne. Die Solo-Viola wurde von dem hervorragenden französischen Bratschisten Antoine Tamestit einfühlsam und mit viel Ausdruckskraft gespielt.

Gleich bei dem einsetzenden Monolog spielten die Töne D und Es als besondere Reminiszenz an Dimitri Schostakowitsch eine bedeutende Rolle. Die Streicher und Bläse und pochende Pauken sorgten von Beginn an für eine bedrohliche Stimmung.  In dieser Stimmung suchte sich die Bratsche mal vorsichtig ängstlich, mal mutig-verzweifelt vorantreibend, sich seinen musikalischen Weg durch eine unwirkliche Welt ohne Trost und Hoffnung zu bahnen. Es entspinnt sich eine ausdrucksstarke, tief gehend Klangtragödie.

Bratschist Antoine Tamestit und das ORF Radio-Sinfonieorchester. (Foto: (c) Petra Coddington)
Bratschist Antoine Tamestit und das ORF Radio-Sinfonieorchester. (Foto: (c) Petra Coddington)

Am Ende blieb Stille. Ein rührender Moment noch, als Tamestit als Zugabe ein ukrainisches Wiegenlied spielte.

Die folgende Sinfonie Nr. 16 op.131 von dem polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg war geprägt von den Ängsten vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und später den Sowjets geprägt. Er war ein Bewunderer von Schostakowitsch, der für ihn auch ein gutes Wort bei den Sowjetstellen einlegt, als er wegen angeblicher „zionistischer Agitation“ 1953 verhaftet wurde. Solche existenzbedrohenden Erlebnisse hatten ihre Auswirkung auf seine Sinfonie.

Der schleppende Anfang des Werks zu einem monotonen Pochen der Pauke wirkt ähnlich bedrohlich wie bei dem Konzert davor. Es fühlte sich an, als würde der Weg zum Schafott führen. Die beklemmende Wucht, mit einsamen, flirrenden, fast flehenden Klängen mit zeitweise schneidenden Ausbrüchen berührt Seele und Herz. Das musikalische Drama endet mit einem Glockenklingen.

Mit dem neuen Werk „Der Zorn Gottes“ nimmt Gubaidulina nicht nur Bezug auf Beethovens Streichquartett op. 135 F-D, das mit den Worten „Muss es sein – es muss sein“ unterlegt ist auseinander.

Sie stellt dem ein trotziges „Ja – es muss!“ entgegen.  Im Angesicht des zunehmenden Hasses in der Welt lässt die gläubige Komponistin musikalisch eindringlich den „Zorn Gottes“ als wütende Mahnung erklingen. Das ganze Orchester mit Tuben, Pauken, Bläsern, Klavier, Flötenklängen, den Streichen werden darin bis zu einem schrillen Höhepunkt (bis zur Schmerzgrenze) im Zusammenspiel eindrucksvoll eingebunden. Den Schlusspunkt setzten wieder die Glockenklänge.




Zeitinsel Gubaidulina – Fokus auf Chorgesang

Das Konzert am Samstagabend, den 04.02.23, war drei Komponisten gewidmet. Orlando di Lasso, Sofia Gubaidulina und Martin Wistinghausen. Doch im Mittelpunkt stand der „Sonnengesang“ von Sofia Gubaidulina, den sie nach den Texten von Franz von Assisi komponiert hatte. Eigentlich ein Konzert für Violoncello, das aber sehr starke Chorpassagen hat. Auch „Lo frate sole“ von Wistinghausen war inspiriert vom „Sonnengesang“, doch die Texte, die Wistinghausen benutzte, stammten überwiegend nicht aus religiösen Texten, sondern von weltlichen Autoren, wie Georg Trakl. Auch verschiedene Sprachen wurden für das Werk benutzt wie Griechisch oder Japanisch.   



Das Stück von Wistingausen war eine Auftragsarbeit des Konzerthauses und war bereits für 2020 geplant, doch Corona machte dem einen Strich durch die Rechnung. Die Musik ist wie bei Gubaidulina neue Musik. Zwei Perkussionisten (Alexander Maczewski und Nicholas Bardach) sorgten für die rhythmische Struktur. Die Texte wurden von dem Chor (Chorwerk Ruhr) nicht nur gesungen, sondern auch geflüstert oder gesprochen.

Chorwerk Ruhr und die beiden Perkussionisten Alexander Maczewski und Nicholas Bardach. (Foto:  (c) Petra Coddington)
Chorwerk Ruhr und die beiden Perkussionisten Alexander Maczewski und Nicholas Bardach. (Foto: (c) Petra Coddington)

Danach setzten wir uns in eine Art Zeitmaschine und landeten im Frühbarock. Orlando di Lasso verzauberte uns mit „Osculetur me“ und Chorwerk Ruhr mit glasklarem Gesang.

Der „Sonnengesang“ von Sofia Gubaidulina ist ein beeindruckendes Werk, das sich durch eine eindringliche Spiritualität und eine experimentelle Instrumentation auszeichnet. Es verwendet ungewöhnliche Klänge und Spieltechniken, um eine mystische Atmosphäre zu schaffen. Die Musik ist oft von Osteuropäischer Folklore und der orthodoxen Kirchenmusik beeinflusst und zeigt Gubaidulinas Interesse an der Verbindung von Klassik und Spiritualität. Daher ist es nicht verwunderlich, dass der musikalische Höhepunkt bei den Worten „altissimo, altissimo“ (Höchster, Höchster) liegt.

Der Cellist hat in diesem Konzert auch weitere Aufgaben. Er spielt nämlich gegen Ende auch Trommel und scheint den Chor mit einer Art singender Säge zu „dirigieren“.




Zeitinsel Gubaidulina – Zwischen Bach und Bajan

Der 04. Februar 2023, samstagfrüh um 11 Uhr. Die richtige Zeit für das nächste Konzert der Zeitinsel Gubaidulina. Dieses Mal standen Werke von Johann Sebastian Bach und eben Sofia Gubaidulina auf dem Programm. Daneben stand ein ungewöhnliches Instrument im Mittelpunkt: das Bajan. Das russische Instrument Bajan ist eine Art Akkordeon. Es ist ein handgefertigtes Instrument mit Tasten und Bassknöpfen, das einen warmen und voluminösen Klang hat. Aber es kann auch anders: Grollen, Fauchen und Atmen.



Die drei Stücke von Bach wurden vom Cellisten Narek Hakhnazaryan sehr gefühlvoll gespielt. Dabei waren Besucher und Musiker gleichzeitig auf der Bühne, so dass es ein intimes Konzert wurde. Der Kontrast zur Musik von Gubaidulina war sehr stark, aber ich denke, jeder Besucher konnte die spirituellen Gemeinsamkeiten zwischen dem Barockmeister und der Komponistin zeitgenössischer Kammermusik spüren.

Die Akteure des Samstagvormittagskonzerts (v.l.n.r.) kathrin Rabus, Elsbeth Moser, Narek Hakhnazaryan und Li Chang. (Foto: (c) Petra Coddington)
Die Akteure des Samstagvormittagskonzerts (v.l.n.r.) kathrin Rabus, Elsbeth Moser, Narek Hakhnazaryan und Li Chang. (Foto: (c) Petra Coddington)

„Silenzio“ ist ein Stück, das 1991 komponiert wurde. Es ist ein besonderes Beispiel für Gubaidulinas Verwendung von Stille und Raum in ihrer Musik, um tiefgreifende spirituelle und emotionale Ausdrucksformen zu schaffen. Hier spielen Violine, Violoncello und eben das Bajan eine wichtige Rolle. Der extrem leise Beginn auf der Violine (Kathrin Rabus) sorgt dafür, dass die Aufmerksamkeit der Besucher geschärft wird. Man hört sogar das Umblättern der Seiten. Das entscheidende ist aber der Einsatz des Bajans, gespielt von Elsbeth Moser. Von zärtlichem Wispern bis hin zu wütendem Grollen entlockt sie dem Instrument ungeahnte Lebendigkeit.

In der Bearbeitung für Violoncello und Bajan erklang „In croce“. Es verwendet eine starke kontrapunktische Struktur, um eine dichte, atmosphärische Klangwelt zu schaffen. Zusätzlich zu den komplexen polyphonen Strukturen enthält das Stück auch meditative Passagen, die das Thema „Kreuz“ aufnehmen, Auch hier fängt das Bajan langsam an, fast suchend, bis es im späteren Verlauf im komplexer und intensivere Klangstrukturen bildet.

Beim letzten Stück „De profundis“ musste Elsbeth Moser aus gesundheitlichen Gründen passen, ihr Schüler Li Chang übernahm ihren Part. „De profundis“ verwendet eine Vielzahl von Klängen und Farben, um eine dichte und atmosphärische Klangwelt zu schaffen. Das Stück ist geprägt von seiner starken rhythmischen Struktur und den kontrastreichen Passagen, die von leisen, meditativen Abschnitten zu lauten und explosiven Ausbrüchen wechseln. Hier kann man spüren, dass das Bajan atmet.




Zeitinsel Gubaidulina – Orgel, Percussion und Klangerforschung

Es gibt sicherlich vieles, was die russische Komponistin Sofia Gubaidulina auszeichnet, aber eines davon ist die fast kindliche Suche nach Klängen und Klangfarben. Hierbei bietet natürlich die Orgel an, die durch ihre Klangmöglichkeiten ein unerschöpfliches Repertoire bietet und die Perkussionsinstrumente, deren Zahl riesig zu sein scheint. Vanessa Porter und ihre Schwester Jessica zeigten zusammen mit dem Organisten Lars Schwarze beim Freitagabendkonzert (03.02.23) im Konzerthaus der Zeitinsel Sofia Gubaidulina die Experimentierfreude der Komponistin.



Den beginn machte eine Eigenkomposition von Vanessa Porter, #1 (Hashtag 1). Das Stück wirkt sehr sphärisch, ruhig, glockenklar.

Jessica (links) und Vanessa Porter beim Late Night Konzert zur Zeitinsel Gubaidulina (Foto: (c) Petra Coddington)
Jessica (links) und Vanessa Porter beim Late Night Konzert zur Zeitinsel Gubaidulina (Foto: (c) Petra Coddington)

Beim ersten Werk von Gubaidulina „Detto I“ für Orgel und Schlagzeug prallen die Gegensätze aufeinander. Ruhige Passagen werden durch eine Art von Blitzgewitter unterbrochen und die dissonanten Partien hinterlassen beim Zuhören ein Gefühl von „hier stimmt etwas nicht“. Passen eigentlich für ein Gruselfilm oder Computerspiel mit ähnlichem Thema.

Ein technisches Stück von Robert Marino „Eight on 3 and Nine on 2“ zeigte die Fähigkeiten der beiden Schwestern auf den Toms und der Bassdrum. Nach einer weiteren Komposition von Porter, #5 (Hashtag 5), die ein wenig an „Drumming“ von Steve Reich angelehnt war, entführte uns Gubaidulina mit „Hell und Dunkel“ für Orgel erneut in ihre Klangwelten. Das Stück zeichnet sich durch seine expressiven Klänge und einen starken Kontrast zwischen den hellen und dunklen Klangfarben aus, die Lars Schwarze aus der Orgel des Konzerthauses zaubert.

Danach Bach, ja Johann Sebastian. Seine „Fantasie und Fuge in a-moll“ erklang diesmal nicht für Cembalo, sondern auf die Vibraphone, gespielt von den beiden Porter-Schwestern. Ein ungewöhnlicher Klang, der einen vielleicht auf eine Karibik-Insel verschlug.




Isata Kanneh-Mason – Emotionen in c-moll

Am 31. Januar 2023 präsentierte die Pianistin Isata Kanneh-Mason, eine der jungen Wilden, bezaubernde Klaviermusik im Konzerthaus. Romantik von Mendelssohn-Bartholdy, spätromantisches von Ernst von Dohnányi und ein modernes Stück der jamaikanischen Komponistin Eleanor Alberga.



Eleanor Albergas Musik schöpft sich aus den unendlichen Quellen von Klassik, Jazz und den Rhythmen ihrer Heimat Jamaika. Das ist beim Klavierquintett „Clouds“ nicht anders. Sehr rhythmisch spielt das Streichquartett im ersten Satz mit Kanneh-Mason zusammen. Der zweite Teil ist ruhiger, fast sphärisch ziehen die „Wolken“ daher, manche Glissandi spielt Kanneh-Mason im Klavierkasten, was einen Klang einer Harfe ähnelt. Der dritte Satz beginnt wieder wild, beruhigt sich aber wieder.

Am Anfang und Ende des Konzertes standen zwei Werke in c-moll. Den beginn machte Felix Mendelssohn-Bartholdy. Das Klaviertrio Nr. 2 c-moll ist ein anspruchsvolles, dramatisches Werk, das seine virtuosen Fähigkeiten im Klavierspiel, seine Meisterschaft im Schreiben für Streicher und seine tiefe emotionale Intensität zeigt. Hier konnte Isata Kanneh-Mason ihre emotionale Spielweise gut unter Beweis stellen.

Das gleiche gilt für das Klavierquintett Nr. 1 von Ernst von Dohnányi. Die musikalische Sprache von Dohnányi ist eine Mischung aus klassischer Tradition und moderner Experimentierfreude. Seine Kompositionen sind melodisch reichhaltig und rhythmisch anspruchsvoll, während sie gleichzeitig eine dichte, expressiv-emotionale Atmosphäre schaffen.

Isata Kanneh-Mason wurde begleitet vom Maxwell Quartett, bestehend aus Colin Scobie (Violine), George Smith (Violine), Elliott Perks (Viola) und Duncan Strachan (Cello). Quartett und Solistin waren gut aufeinander abgestimmt und harmonisierten perfekt.




Kammerkonzert mit Einblick in einen musikalischen Epochenwandel

Im Zentrum des 3. Kammerkonzerts der Dortmunder Philharmoniker unter dem Titel „Sag niemals nie!“ am 30.01.2023 im hiesigen Orchesterzentrum stand mit dem Klarinettenquintett h-Moll op.115 von Johannes Brahms (1833 – 1897) nicht nur sein spätes Lebenswerk auf dem Programm.



Es stellt gleichzeitig auch das Ende einer Musikepoche (Romantik) dar. Die beiden Streichquartett-Kompositionen von Erwin Schulhoff (1894 – 1942) und Anton Webern (1883 – 1945, Österreich) verdeutlichen, was danach kam. In   chronologisch umgekehrter zeitlicher Reihenfolge wurden Werke der drei Komponisten von den fünf Musikern*innen der Dortmunder Philharmoniker dargeboten. Zwischen ihnen liegt eine Zeitspanne von gut 30 Jahren.

Es spielten Bianca Adamek (Violine), Sanjar Sapaev (Violine), Dahee Kwon (Viola), Andrei Simion (Violoncello) sowie beim Klarinettenquintett von Brahms Alina Heinl (Klarinette).

Der Abend begann mit „5 Stücke für Streichquartett“ von Erwin Schulhoff. Schulhoff, ein Angehöriger der deutschsprachigen jüdischen Minderheit in Prag und Kommunist, hatte das Werk im Jahr 1923 beendet. (Er wurde kurz vor seiner Flucht vor den Nationalsozialisten 1941 von ihnen gefasst und starb 1942 an Tuberkulose).

Die aufregenden 20-iger Jahre des letzten Jahrhunderts verlangten nach neuen musikalischen Formen und Gehalten. Die fünf witzig-ironischen Tanzminiaturen (etwa Walzer, Tango und eine aufgeregte Tarantella) entsprachen der distanzierten, spielerischen Grundhaltung und von der Faszination für Mechanik und Technik in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg. Der Neoklassizismus löste die Ernsthaftigkeit der Romantik ab. Die Individualität der Instrumentensprache und das gute gemeinsam Zusammenspiel kamen zur Geltung.

Es folgte Anton Weberns „Langsame Satz für Streichquartett“ (1905).

Diese erste Studienarbeit des jungen Schülers von Arnold Schönberg war noch von der Spätromantik beeinflusst und von einer speziellen musikalischen Wärme erfüllt. Gleichzeitig weist es mit seiner konzentrierten, verästelten, differenzenziert-sparsamen Schreibweise schon auf sein späteres Schaffen des Komponisten hin.

Wie bei Mozart spielte bei Johannes Brahms auch die Klarinette eine besondere Rolle.

Das großzügig angelegte Klarinettenquintett h-Mol op. 115 war quasi sein letztes Wort im Bereich der Kammermusik. Die vier Sätze beinhalten noch einmal zahlreiche Gestaltungsvorlieben (Volksliedton im dritten Satz, ebenso wie die Integration von schnellen Scherzo-Abschnitten in einem langsamen Umfeld, Variationsform). Am Ende schließt sich der Kreis und das Werk nimmt Bezug zu einem Anfang.

Das Kammerkonzert bot nicht nur hervorragende Musiker*innen an ihren Instrumenten, sondern zudem noch ein informativ-interessantes Programm.




Ins Licht geholt – Komponistinnen im Fokus

Die Welt der Musik ist eine Welt der Männer. Auch heute noch. Dabei gab es schon im Barock Frauen, die komponierten. Barbara Strozzi oder Antonia Bemba wurden vor nicht allzu langer Zeit beim Festival klangvokal mit einem Konzert geehrt. Wir berichteten darüber.



Dennoch werden Frauen als Komponistinnen nach wie vor marginalisiert. Sie sollten ihre musikalischen Fähigkeiten als „Hobby“ ausleben und sich um Haus und Familie kümmern. Das Konzert „Am Rande des Lichts: Komponistinnen gestern und heute“ am 27. Januar 2023 im Konzerthaus Dortmund präsentierte Musik von Frauen aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Auch wenn die hämischen Kommentare und hanebüchenen „Argumente“ männlicher Musiker über Komponistinnen nachgelassen haben, so scheint es doch doppelt schwer zu sein, dass Musik von Frauen wahrgenommen wird.
Das WDR Sinfonieorchester unter der Leitung von Miguel Pérez Iñesta spielte an diesem Abend Werke von neun Komponistinnen, wobei das „Konzert für Klavier und Orchester a-Moll“ von Clara Schumann im Mittelpunkt stand.
So unterschiedlich wie die Komponistinnen war auch die Musik, die vom Impressionismus über den Neoklassizismus bis zur Romantik reichte.
Den Anfang machte Maria Bach, die nicht nur als Komponistin, sondern auch als Malerin tätig war. Sie schrieb 400 Lieder, und im Konzert erklangen die „Préludes des cloches“, ein kleines impressionistisches Stück.
Die rhythmisch-dynamische „Ouvertüre“ von Grażyna Bacewicz begeisterte das Publikum auf Anhieb. Die polnische Komponistin erhielt leider nicht die Aufmerksamkeit wie ihre männlichen Kollegen, z.B. Penderecki.

Augusta Holmès wurde eine „glorreiche Karriere“ vorausgesagt, doch viele ihrer Werke sind noch unentdeckt. Auch hier muss man sagen: leider, denn das träumerisch-lyrische „La nuit et l’amour“ ist von bezaubernder Schönheit.
Elizabeth Maconchy wird gerne auf ihre 13 Streichquartette reduziert. Dabei hat sie viel mehr Musik komponiert, die leider nur selten auf den Spielplänen der Konzerthäuser zu finden ist. Dass sich das ändern sollte, zeigte das gespielte „Allegro molto“ aus der „Sinfonie für Doppelstreichorchester“.
Neoklassizistisch kam die „Petite Suite“ von Germaine Tailleferre daher. Die eingängigen, verspielten Melodien wirkten beruhigend. Einige Musiker waren auf den oberen Rängen verteilt, was ein interessantes Klangbild ergab.
Danach erklang das „Konzert für Klavier und Orchester in a-Moll“ von Clara Schumann. Am Klavier saß Nathalia Milstein, die das Stück einfühlsam interpretierte. Ein ganz besonderes Erlebnis war das Zusammenspiel zwischen der Cellistin und der Pianistin zwischen dem ersten und dem zweiten Satz. Ein wunderbares Stück Musik von einer 16-Jährigen.

Etwas düsterer wird es in Rebecca Clarkes „Poem“ für Streichquartett. Das expressive Stück aus dem Jahr 1926 wirkt wie ein Suchender. Hin und wieder meint man einen Herzschlag zu hören.
Wer romantische Musik mag, kam bei „Dreaming“ von Amy Beach auf seine Kosten. Wie viele andere Komponistinnen vor ihr wurde auch sie nach ihrer Heirat von ihrem Mann gezwungen, ihre Konzerttätigkeit aufzugeben bzw. in ihrem Fall auf ein Konzert pro Jahr zu reduzieren. In „Dreaming“ gefällt besonders das Zusammenspiel von Cello und Klavier.
Das Finale ist Fanny Hensel, der Schwester von Felix Mendelssohn-Bartholdy, gewidmet. Das „Andante soave“ aus den „Sechs Melodien für Klavier“ strömt wie in Wellen auf die Zuhörenden zu und umspült sie. Ein Juwel der romantischen Musik.
Aber das Konzert war ja „Am Rande des Lichts“ überschrieben. Behutsam wurden Lichtelemente des Künstlers Iñigo Giner Miranda in den Konzertsaal integriert und rückten die Frauen vom Rand des Lichts in den Mittelpunkt. Es war effektvoll, lenkte aber nicht von der Musik ab.
Generell ist zu wünschen, dass mehr Komponistinnen auf den Spielplänen der Konzerthäuser stehen, es gibt viel zu entdecken.




Franz Liszt schickt uns in die Hölle – 5. Philharmonische Konzert

Das 5. Philharmonische Konzert am17. Und 18. Januar 2023 entführte die Zuhörenden im zweiten Teil an einen ungemütlichen Ort, der Hölle wie sie sich Dante in seiner „Göttlichen Komödie“ vorstellte. List vertone zwar nur das „Inferno“ und das „Fegefeuer“, aber das mit musikalischer Wucht. Kein Wunder, dass Richard Wagner von der Tonsprache Liszts angetan war.



Doch beginnen wir am Anfang. Die Leistung der Dortmunder Philharmoniker hatte an den beiden Abenden Josep Caballé Domenech, der sein Dirigat sehr souverän absolvierte.

Vor der Pause war Musik von Dimitri Schostakowitsch an der Reihe. Wer beim Neujahrskonzert dabei war, wird sich bei der „Suite Nr.1 für Jazzorchester“ an die fröhliche, beschwingte Musik erinnern. Musikalisch vergnüglich ging es mit dem „Konzert Nr.1 für Klavier, Streichorchester und Trompete“ weiter. Schostakowitsch verknüpft verschiedene Musikstile wie russische Romantik, mit Neoklassik und Moderne und füllt es mit Parodien und Klamauk auf. Oliver Schnyder am Klavier und Balázs Tóth waren die Solisten an den beiden Abenden.

Danach ging es in die Unterwelt. Liszt führte uns wie in einem abwärts fahrenden Aufzug musikalisch ins „Inferno“ inklusive dem kompletten Chaos in der Tiefe und den Höllenqualen der dort gefangenen Seelen.

Der zweite Teil, das „Fegefeuer“, eigentlich ja „Läuterung“ ist ruhiger, die Seelen warten schließlich nach erlittenen Qualen auf den Aufstieg ins Paradies. Liszt hat aber noch gegen Ende eine Überraschung in Petto: Ein Frauenchor (hier die Damen des Kammerchors der TU Dortmund und die Damen des Bach-Chors Hagen) stimmt engelsgleich das „Magnificat“ an, mit dem die Seelen ins Paradies geleitet werden.