Kammerkonzert mit Ausnahmewerken der Klassik

Die Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund war am 29.01.2026 der ausgewählte Ort für das 2. Kammerkonzert „Ausnahmewerke“.

Zwei Ausnahmewerke von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) und Johannes Brahms ((1833 – 1897), zeigten einer Streichergruppe der Dortmunder Philharmoniker ihre virtuose Beherrschung des Instruments unter Beweis zu stellen. Das Publikum hatte Gelegenheit, den großen musikalischen Klangzauber nah zu erleben.

Am Anfang stand Mozarts umfangreichstes anspruchsvolles Instrumentalwerk „Divertimento Es-Dur KV 563 mit sechs vielschichtige, lebendig abwechslungsreich und fantasievoll gestaltete Sätze auf dem Programm.

Yang Li (Violine) sowie ihre beiden Kollegen Juan Ureña Hevia (Viola) und Emanuel Matz (Violoncello) boten in fluktuierenden, nicht statisch fest zugewiesenen Rollen ein kongeniales dreistimmiges Zusammenspiel.

Nach der Pause folgte Johannes Brahms „Streichquintett Nr. 2 G-Dur-op 111“.

Die Musiker des Kammerkonzerts (Foto: (c) Stina Wirth)
Die Musiker des Kammerkonzerts (Foto: (c) Stina Wirth)

Das Streichertrio wurde hierbei von Joowon Park (Violine) und Hindenburg Leka (Viola) engagiert unterstützt. Das viersätzige Werk beginnt mit einem kraftvollen Cellothema vor quasiorchestralem Hintergrund. Im weiteren Verlauf kam Brahms‘ Liebe zum Walzer zur Geltung. Der zweite Satz (Adagio) ist nicht nur ungewöhnlich harmonisiert, sondern zeichnet sich durch freie und unkonventionelle Variationen aus. Typisch für Brahms erscheint dann das Scherzo, das schattenhaft dahinhuschend und volkartigem Mittelteil daherkommt. Der Letzte Satz ist voll Übermut und weist auf die Faszination für ungarische Tänze hin. Er beendet das an Vielseitigkeit reiche Werk.

Eine besondere Zugabe gab es noch mit der sensiblen instrumentalen Interpretation des Schlafliedes „Guten Abend, gut Nacht“ (Brahms).




Märchen im Grand-Hotel – Eine Hommage an die 30er Jahre

Das luxuriöse Grand-Hotel in Cannes bildet die glamouröse Kulisse für einen rasanten Zusammenprall zweier Epochen: Hier versucht das „alte Europa“ verzweifelt, die Fassade zu wahren, während das „neue Amerika“ bereits mit der Scheckbuch-Mentalität an die Tür klopft.

Regisseur Jörg-Felix Alt beweist bei dieser Inszenierung ein glückliches Händchen. Er präsentiert das Stück als wunderbare Hommage an die 30er Jahre, ohne den modernen Witz zu vergessen. So streut er gekonnt Bonmots und sogar popkulturelle Referenzen ein – etwa das legendäre „Nein! – Doch! – Oh!“ von Louis de Funès –, was dem Abend eine frische, humorvolle Dynamik verleiht.

Getragen wird diese Inszenierung von einem bestens aufgelegten Ensemble. Im Zentrum des Geschehens steht Tanja Christine Kuhn als herrlich indignierte Infantin Isabella. Sie rümpft über das „normale Volk“ standesgemäß die Nase, muss sich jedoch mit der energischen Marylou auseinandersetzen. Diese Rolle der modernen Powerfrau und Produzententochter wird von Nina Weiß adäquat und kraftvoll verkörpert. Sie ist es, die eine Intrige spinnt, um das echte Leben des Adels für Hollywood zu filmen.

Ob er sie bekommt? Albert (matthias Störmer) ist jedenfalls stark in Isabella (Tanja Christine Kuhn) verliebt. (Foto: (c) Björn Hickmann)
Ob er sie bekommt? Albert (matthias Störmer) ist jedenfalls stark in Isabella (Tanja Christine Kuhn) verliebt. (Foto: (c) Björn Hickmann)

Dabei gerät Matthias Störmer als Zimmerkellner Albert zwischen die Fronten. Störmer spielt den jungen Mann, der eigentlich der Sohn des Hotelbesitzers Chamoix ist, mit viel Charme und hält sein Geheimnis lange verborgen. Während Albert sein Herz an die Prinzessin verliert, sorgt Rob Pelzer als Prinz Andreas Stephan für weitere Verwicklungen: Er wäre nämlich viel lieber ein gefeierter Filmstar als der Verlobte der Infantin.

Für die nötige Prise Humor und musikalische Farbtupfer sorgen Johanna Schoppa als schlagfertige Gräfin Inez sowie ein harmonisches Männerquartett. Musikalisch untermalt wird das turbulente Geschehen von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Dirigent Koji Ishizaka, die das Publikum klanglich perfekt in die Ära der Jazz-Operette und der 30er Jahre versetzen.

Doch wie endet dieses Spiel um Sein und Schein? Bekommt Albert seine Isabella wie in einem echten Märchen, oder zerbricht die Illusion im Blitzlichtgewitter der Presse? Gespoilert wird hier nicht – zur Auflösung und um zu sehen, ob das „Happy End“ wirklich happy ist, müssen Sie sich das Stück schon selbst ansehen.




Ein familiäres Fest der Liebe

Wer beim Titel des Konzertabends, „Meine Freundin, du bist schön“, ausschließlich an weltliche Liebeslyrik dachte, wurde überrascht – und doch bestätigt. Das Programmgerüst war zwar geistlicher Natur, doch die Frage, ob die Werke „zu sakral“ für diesen Titel seien, ließ sich an diesem Abend mit einem klaren Nein beantworten. Vielmehr gelang hier der kunstvolle Spagat, der für die Barockzeit so typisch war: Die Verschmelzung von irdischer Leidenschaft und göttlicher Verehrung.

Ein Programm zwischen Himmel und Erde

Das titelgebende Werk von Johann Christoph Bach fungierte dabei als emotionales Herzstück. Basierend auf dem Hohelied Salomos, dem wohl sinnlichsten Text der Bibel, wurde die Grenze zwischen der Liebe zu Gott und der zwischenmenschlichen Erotik bewusst verwischt. Es war kein strenges Kirchstück, sondern ein Dialog voller Zärtlichkeit, der den Ton für den gesamten Abend setzte: Es ging nicht um Buße oder Trauer, sondern um Hochzeit, Festlichkeit und Gemeinschaft.

Unterstrichen wurde dieser festliche Charakter durch die kluge Auswahl der begleitenden Werke. Johann Sebastian Bachs Kantate „Der Herr denket an uns“ (BWV 196) erklang als sprühende Hochzeitsmusik, Heinrich Schütz besang in seinem Psalm die Lieblichkeit des brüderlichen Beisammenseins, und die Ouverture von Johann Bernhard Bach brachte mit ihren französischen Tanzformen sogar höfischen Glanz und weltliche Eleganz in den Konzertsaal.

Das Prgrammheft des Abends. (C) Klangvokal
Das Prgrammheft des Abends. (C) Klangvokal

Musikalisch entpuppte sich der Abend dabei als ein faszinierendes „Familientreffen“ der Dynastie Bach. Das Programm las sich wie ein Stammbaum: Vom „Stammvater“ der Arnstädter Linie, Heinrich Bach, über dessen Söhne Johann Christoph und Johann Michael (dem späteren Schwiegervater Johann Sebastians) bis hin zum Cousin Johann Bernhard. Heinrich Schütz thronte über allem als der geistige Großvater, der den musikalischen Nährboden für diese Generationen bereitet hatte.

Kongeniale Partnerschaft

Dass für dieses Programm mit dem belgischen Vokalensemble Vox Luminis und dem Freiburger BarockConsort zwei der führenden Spezialisten für die Musik des 17. Jahrhunderts gemeinsam auf der Bühne standen, erwies sich als Glücksfall. Die Kombination dieser beiden Klangkörper hob den Abend weit über eine historische Werkschau hinaus.

Vox Luminis, unter der Leitung von Lionel Meunier, machte seinem Namen („Stimme des Lichts“) alle Ehre. Das Ensemble ist berühmt für seinen unnachahmlich warmen, homogenen Klang und die Fähigkeit, Text nicht nur zu deklamieren, sondern emotional aufzuladen. Gerade für das Titelwerk „Meine Freundin, du bist schön“ war dies essenziell: Statt akademischer Kühle brachten die Sängerinnen und Sänger jene menschliche Wärme und Sinnlichkeit mit, die dem Text aus dem Hohelied innewohnt. Sie verwandelten die theologische Symbolik zurück in spürbare Emotion.

Das Freiburger BarockConsort bildete dazu das perfekte instrumentale Gegenüber. Als Kammermusikformation des renommierten Freiburger Barockorchesters sind sie Experten für die „sprechende“ Musizierweise des Frühbarocks. Ihr Spiel zeichnete sich durch rhetorische Klarheit und einen energetischen Zugriff aus, der den Tanzsätzen den nötigen Schwung verlieh, ohne die vokale Zartheit zu überdecken.

Fazit

Das Zusammenspiel wirkte organisch und tief vertraut. Hier trafen die instrumentale Brillanz der deutschen Stadtpfeifer-Tradition auf europäische Vokalkunst höchster Güte. Gemeinsam gelang es den beiden Ensembles, die „sakralen“ Werke von ihrer Strenge zu befreien. Es entstand ein intimer Einblick in das thüringische Musikleben des 17. und 18. Jahrhunderts – eine Feier der Familie, der Verbundenheit und der Liebe in all ihren Facetten.




Lucie Horsch und die Vielfalt der Blockflötenkunst

Erneut gastierte die niederländische Star-Blockflötistin Lucie Horsch (* 1999 in Amsterdam) am 22.01.2026 im Rahmen der Reihe „Junge Wilde“ im Dortmunder Konzerthaus. An ihrer Seite brillierte diesmal als kongeniale Begleitung das 2005 in Gent gegründete B’Rock Orchestra, ein Ensemble aus 13 Musikerinnen und Musikern. Das Orchester verbindet seine Leidenschaft für Barockmusik mit modernen, zeitgenössischen Interpretationen.

Das Programm bot eine vielseitige musikalische Reise durch mehrere Jahrhunderte, die häufig die facettenreichen Gefühlswelten der dunklen Nacht thematisierte. Dabei gingen die einzelnen Beiträge fast fließend ineinander über.

Von barocker Pracht zu moderner Abstraktion

Im Spiegel des Barocks erklangen anspruchsvoll-virtuose Arrangements von Antonio Vivaldi (1678–1741), Arcangelo Corelli (1653–1713) und Pietro Antonio Locatelli (1695–1764). Kontrastiert wurden diese durch die komplexen Klangwelten Béla Bartóks (1881–1945), die meditativ-reduzierte Musik Isang Yuns (1917–1995) sowie die abstrakten musikalischen Frequenzen von György Kurtág.

Lucie Horsch (Foto: Simon Flowler)
Lucie Horsch (Foto: Simon Flowler)

Ein besonderer Höhepunkt war das nach der Pause präsentierte Werk „Airs, Riffs & Runs“, das Robert Zuidam eigens für diesen Anlass für Lucie Horsch komponiert hatte. Nach einem lyrischen Beginn steigert sich das Stück in eine kinetische Ekstase, um schließlich in einem rockigen Scherzo zu münden.

Virtuosität und Ausdruckskraft

Die charismatische Solistin begeisterte durch die meisterhafte Beherrschung ihres Instruments, wobei ihr ganzer Körper die Musik sichtlich mitgestaltete. Da sie während des Konzerts immer wieder zwischen verschiedenen Flöten wechselte, kam die gesamte Bandbreite und Ausdruckskraft der Blockflöte zur Geltung.

Auch das B’Rock Orchestra stellte sein Können und Einfühlungsvermögen unter Beweis, insbesondere beim theatralischen Concerto grosso für Streicher und Basso continuo Es-Dur op. 7 Nr. 6 von Locatelli. In zehn kurzen Sätzen vertonte der Komponist hier auf originelle Weise die Gefühlswirren der verlassenen mythologischen Figur Ariadne.

Dass Lucie Horsch zudem über eine starke Stimme verfügt, bewies sie eindrucksvoll bei einer Arie als Zugabe.




Deep Dive – Eintauchen in „Don Juan“ von Richard Strauss

„Herrlich, oder?“ Jordan de Souza ist begeistert. Im ersten Teil des zweiten Konzertes unter dem Motto „Deep Dive“ taucht er mit den Dortmunder Philharmonikern und dem Publikum tief in das Werk des fünfundzwanzigjährigen Richard Strauss, in den „Don Juan“ ein. Anhand einer Reihe von Klangbeispielen aus dieser Tondichtung und aus vergleichenden Ausschnitten von Mozart, Brahms, Wagner und einigen anderen verdeutlicht er das Einmalige, aber auch das Herkömmliche in Strauss‘ Werk. Und vermittelt nebenbei ein wenig zu dem Leben und dem weiteren Wirken des Komponisten.

Zwar liest er seine Texte vom Blatt ab, aber immer wieder spricht er auch frei, es bricht sich seine Begeisterung für das vorgestellte Werk, aber auch für die anderen Beispiele Bahn. Dabei wechselt er noch lebhaft zwischen Klavier und Taktstock, führt kleinere Tonfolgen selbst vor, bezieht dann wieder das Orchester ein.

Das Publikum folgt aufmerksam. Eine ganze Reihe von Schülerinnen und Schülern sitzt im Parkett, hat sich also an einem Montagabend ins Konzerthaus geschwungen, um sich in das Werk zu vertiefen. Ab und an flüstern die Menschen im Saal sich etwas zu, gehen mit, muss das Gehörte doch kurz verarbeitet werden. Eine lockere Atmosphäre.

Aktiv konnte man bereits vor der Veranstaltung im Foyer werden. Das Tiny Music House der Dortmunder Philharmoniker, eine eigene kleine Bühne auf Rädern mit zwei Musikvermittlerinnen, bietet die Möglichkeit, Sequenzen aus dem „Don Juan“ zu sampeln und mit Beats zu unterlegen. Das Angebot wird von Jung bis Alt angenommen und bringt in kurzer Zeit Ergebnisse und viel Spaß.

Selber Samplen und Mixen war möglich. (Foto: Martina Bracke)
Selber Samplen und Mixen war möglich. (Foto: Martina Bracke)

Im Saal geht es besonders lebhaft zu, als auch Musik von James Brown und dem Filmkomponisten John Williams erklingt. Alle sind offenbar mit „Star Wars“ vertraut. Aber dafür ist man ja da, etwas Neues zu hören, zu erfahren und zu genießen.

Und nach der Pause ist es dann so weit, dass der ganze „Don Juan“ aufgeführt wird. Etwa zwanzig Minuten, die aber reichen, dass dem Publikum „warm wird“ gemäß der zweiten Regel des Komponisten und Dirigenten Richard Strauss „Du sollst beim Dirigieren nicht schwitzen, nur das Publikum soll warm werden.“

Ob de Souza geschwitzt hat, weiß man nicht. Aber zur Freude des Publikums hat er dirigiert gemäß Regel eins: „Bedenke, dass du nicht zu deinem Vergnügen musizierst, sondern zur Freude deiner Zuhörer.“

Wobei er und alle Musikerinnen und Musiker bestimmt auch, so ein kleines bisschen, zu ihrem eigenen Vergnügen musiziert haben. Schließlich ist es kein Verbrechen, bei der Arbeit Spaß zu haben.

Ein Verbrechen ist vielleicht das „Todeszucken der Violine“, das das Ende markiert. Bereits vor der Pause einmal vom Orchester gespielt, „damit Sie (das Publikum) später genau wissen, wann Sie klatschen müssen.“

Das haben sich alle gemerkt, und langanhaltender Applaus honoriert den Abend der gut aufgelegten Philharmoniker mit ihrer Solistin Anna Sohn und ihrem Dirigenten Jordan de Souza.




Wiener Melange im Pott – Jordan de Souza bittet zum Walzer

Es muss nicht immer der Goldene Saal in Wien sein: Zum Jahresauftakt 2026 verwandelten die Dortmunder Philharmoniker das Konzerthaus in einen Ballsaal. GMD Jordan de Souza bewies bei seinem Neujahrs-Debüt, dass er nicht nur den Taktstock, sondern auch das Publikum fest im Griff hat – mit Verve, Charme und einem klaren Verzicht auf militärischen Marsch-Pomp.

Wer am Neujahrstag ins Konzerthaus kam, erwartete Tradition, bekam aber glücklicherweise keine Routine. Jordan de Souza, der neue Generalmusikdirektor, nutzte sein erstes Heimspiel zum Jahreswechsel, um das Motto „Wiener Gäste“ wörtlich zu nehmen: Er lud das Publikum ein, die österreichische Hauptstadt nicht als Museum, sondern als lebendigen, pulsierenden Ort zu erleben.

Vom Puszta-Feuer zur geigerischen Intimität

Dass der Weg nach Wien historisch oft über Ungarn führte, machte der Auftakt deutlich. Bei den Ungarischen Tänzen von Brahms verzichtete de Souza auf plumpe Effekthascherei und setzte stattdessen auf rhythmische Schärfe. Das Orchester folgte seinem Chef mit hörbarer Spielfreude, wechselte ansatzlos von melancholischer Schwere in jenes feurige Tempo, das den Puls für den Abend vorgab.

Arabella Steinbacher spielte Max Bruchs Violinkonzert. (Foto: Co Merz)
Arabella Steinbacher spielte Max Bruchs Violinkonzert. (Foto: Co Merz)

Den emotionalen Ankerpunkt setzte jedoch Arabella Steinbacher. Wer bei Max Bruchs erstem Violinkonzert nur virtuose Fingerübungen erwartet, wurde eines Besseren belehrt. Steinbacher, längst eine feste Größe auf den Weltbühnen, suchte in dem oft gespielten Gassenhauer nicht den großen Effekt, sondern das intime Gespräch. Ihr Ton – mal sehnend, mal energisch zupackend – verschmolz mit dem Orchester, statt bloß darüber zu schweben. Dass sie für den tosenden Applaus eine Zugabe von Fritz Kreisler aus dem Ärmel schüttelte, war nur folgerichtig: technische Brillanz mit einem augenzwinkernden Lächeln.

Walzer ohne Staubschicht

Nach der Pause dann das, wofür man am 1. Januar ins Konzert geht: Der Dreivierteltakt. Doch Jordan de Souza lief nicht Gefahr, in Kitsch abzudriften. Strauss’ Rosen aus dem Süden blühten üppig, aber diszipliniert, und die Pizzicato-Polka geriet zum humoristischen Kabinettstückchen, bei dem die Streicher ihre Instrumente fast als Schlagwerk behandelten. Als schließlich die Schöne blaue Donau durch den Saal floss, war der „Wiener Schmelz“ auch in Westfalen angekommen.




A Musical Christmas – Stimmungsvolle Gala in der Vorweihnachtszeit im Opernhaus Dortmund

Schellen läuten den Abend ein. Man hört sie nur. Zu sehen und bestaunen ist das üppige, festliche Bühnenbild mit Schlitten und übergroßen Geschenken, Tannenbäumen und rotem Teppich (Staging und Lichtdesign: Fabian Schäfer). Ganz in Rot schreiten auch die Sängerinnen die Showtreppe herunter, die mit ihrem Kollegen den Abend gestalten. Grün, Rot, Gold. Der weihnachtliche Musical-Abend kann beginnen.

Patricia Meeden, Bettina Mönch, Amani Robinson und Kammersänger Morgan Moody wünschen gleich mit dem ersten Lied eine „Wonderful Christmas Time“, bevor sie mit launigen Moderationen locker in die nächsten Soli einführen. Starke Stimmen allesamt, die ein Programm mit bekannten Musical-Melodien bieten, aber auch mit einigen Songs, die nicht aus Musicals stammen, aufwarten. Mit dabei der Elvis-Klassiker „Can’t help falling in love“ aus dem Musikfilm „Blue Hawaii“ von 1961, schön zartschmelzend interpretiert vom Bass-Bariton Morgan Moody. Das langjährige Dortmunder Ensemblemitglied hat damit die Herzen des weiblichen Publikums mit Sicherheit erreicht, aber als Hahn im Korb lieben ihn seine Kolleginnen auf der Bühne sicherlich auch. Wenn man von den leicht ironischen Zwischentexten ausgehen kann. Was sich neckt, das liebt sich.

Sehr einfühlsam interpretiert dann das klassische Weihnachtslied „Maria durch ein‘ Dornwald ging“ von Patricia Meeden, die bereits im vergangenen Jahr die weihnachtliche Musical-Gala mitgestaltete.

Neben dem King of Rock ’n‘ Roll kommt auch der King of Pop zu Gehör: Den ersten Teil beenden die vier mit dem Appell des Michael-Jackson-Hits „Heal the world“. „Make it a better place for you and for me and the entire human race.”

Mit diesem Wunsch begibt sich das Publikum zu Gesprächen in die Pause und freut sich auf die zweite Hälfte. Während es in einer Reihe „So schnell?“ heißt. Nun, vielleicht hat es der eine oder die andere auch gedacht, dabei ist bereits mehr als eine Stunde verflogen. Die Dame, die dies ausrief, hat allerdings mit ihrer Begleitung die Reihe eine Viertelstunde zu spät in Unordnung gebracht, sodass alle anderen ihr einiges an Genuss voraushaben.

Das Programmblatt zu "A Musical Christmas"
Das Programmblatt zu „A Musical Christmas“

Zurück aus der Pause kämpfen sie und die neben und hinter ihr Sitzenden mit ihrem voluminösen Mantel, der offensichtlich kein freies Schließfach mehr gefunden hat, bevor man sich wieder auf das Bühnengeschehen konzentrieren kann. Die fünf Musiker der Band unter der Leitung von Stephan Kanyar am Klavier wechseln nur hin und wieder ihre Instrumente, aber nicht die Bekleidung, die Sängerinnen und der Sänger läuten nun in glitzernden Kleidern und Jackett den zweiten Part ein.

Das Publikum ist gut eingestimmt und geht im zweiten Teil gern mit. Manchen hält es vor Begeisterung nicht und er bekundet seine Freude auch mitten in den Liedern, sodass der Würdigkeit des Abends zum Trotz nicht der himmlische Lobgesang, sondern irdische Zwischengeräusche erschallen. So auch bei dem Solo von Bettina Mönch mit „Nothing compares 2 U“ (Prince), die in Dortmund schon mehrfach in Produktionen mitgespielt hat, so in „Cabaret“, „Rent“ oder „Sweeney Todd“. In der nächsten Spielzeit wird sie in dem Musical „Rebecca“ zu sehen sein.

Ein Swing-Medley führt noch einmal alle zusammen, bevor weitere Soli und ein Duett der „unzertrennlichen Schwestern“ Patricia Meeden und Amani Robinson ins Finale führen.

Und was mit Schellen begann, klingt nach über zwei Stunden mit dem gemeinsam gesungenen „Jingle Bells“ und viel begeistertem Applaus aus. Nicht ohne einen weiteren Hinweis auf das geplante Musical „Rebecca“ in der kommenden Spielzeit, die an diesem Abend noch weit entfernt scheint.

Aber nach den Festtagen ist das neue Jahr schon da und die Zeit vergeht so schnell, wie die Dame mit dem auch für großzügige Theatersitze massigen Mantel bereits zur Pause wusste.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in das Neue Jahr, das pünktlich beginnen wird ;).

 

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Weihnachtsoratorium zwischen Tradition und Moderne

Im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals Dortmund konnte das Publikum am 05.12.2025 im Reinoldihaus die Uraufführung eines zeitgenössischen armenischen Weihnachtsoratoriums unter dem Titel „Light The Candle“ erleben.

In der Kultur Armeniens sind die Geschichte der Geburt Christi und die Religion seit zwei Jahrtausenden fest verankert. Zahlreiche Dichter des Landes haben über die Epochen hinweg poetische Texte über Verkündigung, Geburt und die Erscheinung des Herrn verfasst. Der amerikanisch-armenische Komponist John Hodian hat diese historischen Erzählungen gemeinsam mit dem Naghash Ensemble in ein Oratorium mit musikalischer Tiefe zwischen Vergangenheit und Moderne verwandelt. Hier verbinden sich traditionelle armenische Musik und ein Gesang voll Mystik und teils orientalischer Spiritualität mit der Kraft von Rock-Pop und Jazz-Elementen am Piano. An diesem Instrument sorgte Hodian höchstpersönlich für energetische Impulse.

Das Naghash-Ensemble. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)
Das Naghash Ensemble. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)

Eine wichtige Rolle spielte der intensive Gesang von Hasmik Baghdasaryan und Tatevik Movsesyan (beide Sopran) sowie Shahane Zalyan (Alt). Sie überzeugten sowohl als starke Solostimmen als auch im Ensemble – mal mystisch-meditativ, dann wieder rhythmisch treibend. Das Zusammenspiel mit den charakteristischen Klängen des armenischen Holzblasinstruments Duduk (Harutyon Chkolyan), der in Indien und Armenien gespielten zweifelligen Röhrentrommel Dhol (Tigran Hovhannisyan) sowie der Kurzhalslaute Oud (Aram Nikoghosyan) war dabei für die Gesamtwirkung von wesentlicher Bedeutung.

Die zugrundeliegenden Texte aus mehreren Jahrhunderten wurden dem Publikum vorab jeweils mit Pathos in der deutschen Übersetzung dargeboten. Ein ganz spezielles Oratoriums-Erlebnis.

 




Musik voll Melancholie, Zweifel und euphorischer Zuversicht

Das 3. Philharmonische Konzert am 02.12.2025 im Dortmunder Konzerthaus stand ganz im Zeichen der Romantik.
Der 1979 in London geborene Dirigent Alexander Shelley führte die gut gestimmten Dortmunder Philharmoniker empathisch und souverän durch den Abend.

Neben zwei Werken bekannter romantischer Komponisten wie Robert Schumann (1810–1856) und Peter Tschaikowsky (1840–1893) eröffnete das neoromantische Orchesterwerk This Midnight Hour (I. Ferocious with drive, Viertel = 136) der britischen Komponistin und Malerin Anna Clyne (*1980) das Programm.
Die Komponistin verbindet traditionell wirkende konsonante Harmonik und romantische Melodik mit Einflüssen aktueller Musik (z. B. John Adams). Clyne möchte ihr Publikum vor allem emotional ansprechen und lässt sich häufig von bildender Kunst oder Literatur inspirieren (u. a. Gerhard Richter, Rilke).

Für dieses Werk diente ein Gedicht des spanischen Dichters Juan Ramón Jiménez (1881–1958) als Ausgangspunkt. Darin wird die Musik als nackte Frau beschrieben, die „wie verrückt durch die reine Nacht hetzt“.
Dies spürt man als Zuhörerin oder Zuhörer von Beginn an: tief flirrende Streicher, pochende Pauken und eine insgesamt bildgewaltige, packende musikalische Sprache. Immer wieder führt die Musik in romantische Gefühlswelten, um unvermittelt in dramatische Passagen umzuschlagen.

das 3. Philharmonische Konzert führte in die Romantik.
das 3. Philharmonische Konzert führte in die Romanti

Es folgte das Klavierkonzert a-Moll op. 54 von Robert Schumann – ein Prototyp der romantischen Klavierliteratur. Das seiner geliebten Frau Clara Schumann (1819–1896) gewidmete Werk enthält die berühmte Tonbuchstabenfolge C-H-A-A (für Chiara / Clara). Der französische Pianist David Fray (*1981) interpretierte das Konzert virtuos und zugleich sensibel, stets in enger dialogischer Verbindung mit dem Orchester.

Nach der Pause erlebte das Publikum die gesamte musikalische Intensität und emotionale Spannweite in Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64.
Jeder der vier Sätze besitzt ein eigenes charakteristisches Profil: Während der Kopfsatz von einem dramatischen Auf und Ab der Stimmungen geprägt ist, entfaltet sich der zweite Satz als weitgespannte lyrische Szene.
Der dritte Satz im Walzertakt führt in eine heiter-gesellschaftliche Atmosphäre, bevor der optimistische und kraftvolle Finalsatz zu einem glanzvollen Abschluss führt.

Ein Gefühlsrausch der besonderen Art für das Publikum.




Turandot – oder Liebe ist stärker als der Tod

Die Oper „Turandot“ von Giacomo Puccini (1858-1924) – angelehnt an eine alte orientalische Märchenfabel – hatte als neue Inszenierung von Tomo Sagao in der Oper Dortmund am 30.11.2025 seine Premiere. Das Schlussduett und Finale der Oper wurde nach dem Tod von Puccini von Franco Alfano vervollständigt. (Libretto von Giuseppe Adami und Carlo Gozzi).

Turandot, chinesische Prinzessin, gibt aus Rache und Verbitterung allen Bewerbern um ihre Gunst drei Rätsel aufgibt. Wer sie lösen kann, darf sie heiraten – andernfalls wartet der Henker. So sind schon viele Prinzen ums Leben gebracht worden. Calàf, der Sohn des entthronten Tatarenkönig Timur stellt sich mutig und entschlossen den Prüfungen. Er löst die Rätsel, Turandot will sich ihm aber nicht ausliefern. Er bietet ihr darauf sein Leben an, wenn sie das Geheimnis um seinen Namen bis zum Morgengrauen lüftet. Die zerbrechlich-zarte Slavin Liù (Ihr Herr ist Timur), setzt ihre ganze Opferbereitschaft bist zur Selbsttötung für ihr heimliche große Liebe ein….

Musikalisch begleitet wurde die Aufführung mit viel Einfühlungsgabe von der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Jordan de Souza

Eine gewichtige Rolle als abwechselnd geifernd-voyeuristisches und dann wieder erschrocken- erstarrtes Volk spielte der Opernchor Theater Dortmund-Projekt-Extrachor, Leitung Fabio Mancini). Sie zeigten deutlich, wie leicht sich Menschen (wie auch heutzutage) aufwiegeln und beeinflussen lassen. Eine kleine Rolle übernahm auch die Statisterie und Kinderstatisterie.

Kostüme aus dem alten China, ein leicht düsteres Bühnenbild und geschickter Einsatz von Lichteffekten.

Bianca Mărgean, Alfred Kim, Statisterie Theater DortmundFoto (c) Björn Hickmann
Bianca Mărgean, Alfred Kim, Statisterie Theater Dortmund
Foto (c) Björn Hickmann

Die Oper ist geprägt von einerseits leidenschaftlichen italienischen Emotionen, und der ungeschönten Darstellung von Gewalt.

Eindringlich dargestellt nicht nur von Turandot, sondern vor allem auch durch das zynisch-groteske Verhalten zwischen Komik und Grausamkeit von Kanzler Ping (Daegyun Jeong), Marshall Pang (Min Lee) sowie Küchenmeister Pong (Sangho Kim).

Turandot, mit starker Stimme und Leidenschaft verkörpert von Bianca Märgean verkörpert, hat sich nicht nur in Form ihrer Kleidung einen seelischen Schutzpanzer angelegt. Traumatisiert durch den Missbrauch an ihrer Ahnin ist es sehr schwer, Männern in einer patriarchalisch geprägten Welt zu vertraue

Diesen Panzer durchdringen gelingt nur durch das Zeichen einer selbstlosen Liebe der Sklavin Liù zu Calàf bis in den Tod. Anna Sohn überzeugte ihr Dortmunder Publikum wieder durch ihren ausdruckstarken Gesang und empathischen Darstellung der Liù.

Altoum, der Kaiser von China und Vater von Turandot sowie Artyom Wasnetsov als Timur spielten glaubhaft ihre Rolle als Personen, die an den Umständen fast verzweifeln.

Ein Höhepunkt in der Oper ist zweifellos die wohl die durch Paverotti oder Paul Potts bekannte sehr emotionale Arie „Nessun dorma“ (Keiner schlafe). Nicht nur hier bewies Alfred Kim als Calàf seine Stimmgewalt.

Eine Oper zwischen italienischer Tradition, „chinesischer Exotik“ und dem Weg in eine musikalische Zukunft (beeinflusst von Richard Wagner).

Das Publikum dankte mit viel Applaus.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222