Jordi Savall – Die Routen der Sklaverei

Musik aus Afrika, Portugal, Spanien und Lateinamerika

Es ist erstaunlich, welch schöne Musik von Menschen geschaffen wurde, die unsägliches Leid erleben mussten. Aus der Heimat entführt, ihren Lieben, Familien und Gemeinschaften entrissen und in einer fremden Welt ausgespuckt, verhökert, versklavt und unter unmenschlichen Bedingungen zur endlosen Arbeit gezwungen.



Jordi Savall zählt zu den bedeutendsten Gambisten und Interpreten der historischen Aufführungspraxis. Seit über 50 Jahren begeistert er als Gambist und Dirigent. Savall wurde von der UNESCO zum „Künstler für den Frieden“ ernannt.

Savall begab sich erneut auf musikalische Spurensuche und folgt den Routen des transatlantischen Sklavenhandels, des Dreieckhandels, aus Europa über Afrika nach Süd- und Nordamerika. Sein faszinierend-filigranes Programm, dessen Entstehung von der UNESCO gefördert wurde, kombiniert Klagelieder, Kriegsgesänge und Trommelklänge aus Mali, Madagaskar, Kolumbien, Mexiko und Europa mit historischen Texten über die Sklaverei. Beginnend mit den ersten Chroniken von 1444 hin zu den Worten des Friedensnobelpreisträgers Martin Luther King aus den 1960er Jahren.

Für sein Projekt „Die Sklavenrouten“ vereinte Savall Instrumentalisten und Sänger unter anderem aus Mali, Marokko, Mexiko und Brasilien. Gemeinsam schlagen sie einen musikalischen Bogen von 1444 bis 1888. Sie spielen Lieder, Klagegesänge und Tänze, die zur Zeit der Sklaverei entstanden sind. Musik aus Afrika, Portugal, Spanien und Lateinamerika. Und in der Musik aus Spanien und Portugal zeigt sich der Einfluss der Sklaven und ihrer Musik auf die Musik der so überlegenen Versklavenden.

Die eigenen Ensembles von Savall, Hesperion XXI und La Capella Reial de Catalunya haben dieses Programm, mit dem sie nun auf Tour sind, so auch also in Dortmund mit Klangvokal am 06.06., zusammen mit Instrumentalisten und Sängerinnen und Sängern aus Mali, Madagaskar, Marokko, Mexiko, Kolumbien, Brasilien, Argentinien und Venezuela erarbeitet. Mit dabei ist auch wieder das mexikanische Tembembe Ensamble Continuo, mit dem Savall schon zuvor Projekte verwirklicht hat.

Dabei wird ein musikalischer Bogen geschlagen, von 1444 bis 1888, mit Texten aus der vorchristlichen Zeit bis zum 20. Jahrhundert. Savall, der hier eine kleinere Form der Gamba, die Diskantgambe spielt, leitet das Konzert von seinem Instrument aus.

Durch das Programm führt wie eine Erzählerin, Denise M´Baye und treibt dabei das Konzert mit Zeugenaussagen und Dokumenten von Beteiligten, das Konzert durch Jahrhunderte der Qualen. Ein Pendant findet M´Baye in Sékouba Bambino, Guinea, der die afrikanische Tradition der Erzähler dabei Nahebringt. Lange schon sind sie es, die Mythen, Geschichten, Legenden und Kultur tradieren.

Aus dem Ursprungskontinent der Sklaven sangen Ballaké Sissoka, Mamani Keita, Tanti Kouyaté und Fanta Sissoko. Aus den „Zielgebieten“ der Sklaven, in die sie verschleppt wurden, sangen, spielten und tanzten Leopoldo Novoa, Kolumbien, Ada Coronel, Enrique Barona, Ulises Martinez, Mexiko, Maria Juliana Linhares, Zé Luis Nascimenti, Brasilien, Lixsania Fernández, Kuba.

Hesperion XXI: Elionor Martinez, David Sagastume, Lluís Vilamajó, Victor Sordo, Simón Millán, Salvo Vitale

La Capella Reial de Catalunya: Pierre Hamon, Béatrice Delpierre, Elies Hernandis, Xavier Puertas, Xavier Diíaz-Latotorre, Andrew Lawrence-King, Jordi Savall

In der Musik der betroffenen Völker der Westküste Afrikas, Brasiliens, Mexikos, der Karibischen Inseln, Kolumbiens und Boliviens hat die humanitäre Katastrophe der Sklaverei bis heute tiefe Spuren hinterlassen. Die Lieder, Klagegesänge und Tänze treten hier in den Dialog mit iberischen Musikformen, die sich, so Savall, „an den Gesängen und Tänzen der Sklaven und Einheimischen sowie an ethnischen Mischungen jeder Art inspiriert haben, die auf der Tradition der Afrikaner, Indios und Mestizen basieren.“

Die mehr oder weniger erzwungene Beteiligung der Sklaven an der kirchlichen Liturgie der Neuen Welt spiegelt sich in den verschiedenen Formen wie Villancicos de Negros, Indios, Negillas und anderen christlichen Gesängen, wie zum Beispiel bei Mateo Flecha dem Älteren.

Trotz der portugiesischen „Ursünde“, das Plantagen und Sklaverei Modell auf den Kapverden entwickelt zu haben, waren Afrikaner, die Oberschicht, ein Teil der portugiesischen Gesellschaft. Gleichberechtigt heiratete man untereinander. So kam auf Umwegen über Deutschland, „afrikanisches Blut“, mit der mecklenburgischen Prinzessin Charlotte als Gemahlin des Hannoveraners Georg auf den englischen Thron …

Neben den großen Akteuren, den üblichen Verdächtigen in diesem Menschheitsverbrechen, Engländer, Schotten, Niederländer, Dänen, Spanier, Portugiesen waren auch Deutsche aktiv als Händler beteiligt, oder als Finanziers, wie norddeutsche Kaufleute besonders aus Hamburg und auch Bremen, aber auch deutsche Fürsten wie Hohenzollern aus Brandenburg im heutigen Ghana.

Das Konzert konnte die Geschichte der Sklaverei erfahrbar machen! Eine Geschichte, bei der aus purer Geldgier Menschen aus Afrika nach Süd- und Nordamerika verschleppt, gequält und ausgebeutet wurden. Die Musik hat die Spuren des Unrechts konserviert, und Savall lässt sie in diesem neuen Programm hörbar werden, mit Musik von beiden Seiten des Atlantiks.

Es war ein großartiges, bewegendes und begeisterndes Konzert! Es nahm mit und rührte auf. Man konnte die Qualen und das Leid der verschleppten Menschen spüren, zumindest erahnen. Welch schöne, berührende und mitnehmende Musik trotz Leid entstand, berührte zutiefst. Das Publikum war begeistert und gab stehende Ovationen und überwältigten, selbst überwältigt die Künstler.




Magisches Orchesterhörspiel um das Erwachsenwer

Unter dem Motto „Symphonic Adventure – Tarot“ stand beim 3. Konzert für junge Leute“ (19.06.2023) ein besonderes Orchesterhörspiel mit live Illustrationen von Artur Fast m Dortmunder Konzerthaus auf dem Programm.



Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Stefan Geiger (Dirigat) setzte die Musik der Komponisten Tobias Gröninger und Dominik zu der kraftvollen Erzählung einer Coming of Age Geschichte um den Häuptlingssohn Rodin und den eindrucksvollen Illustrationen sensibel um. Wenn nötig romantisch (etwa bei den Liebenden), oder dramatisch zugespitzt (z.B. Kampf mit dem eigenen Dämon).

Als interessanter Erzähler fungierte Gerhard Mohr als „Frau Luna“. Der Mond spielt auch in der Geschichte eine wichtige Rolle.

Anhand von 18 plus 4 gezogenen Tarot-Karten wird die Story auf eine magisch-gleichnishafte Art erzählt. Die verschiedenen Stationen der Reise von Rodin konnte das Publikum auf einer Tarotkarten-förmigen Leinwand verfolgt werden.

Beim Tarot werden unterbewusste Gefühle, Emotionen und Informationen in das Bewusstsein gerückt.

Zur Geschichte: Rodin, Sohn des Häuptlings eines Stammes, macht sich auf den weg gen Osten, um sein von Fischsterben und Ernteausfällen geplagte Dorf zu retten. Auf seinem Weg muss er sich einigen Prüfungen stellen sowie lernen, wachsen und reifen. Aus dem „unerfahrenen Narren“ wird ein Held,, der für das Wohl der Anderen kämpft.

Der Mythos Tarot wurde mit einer packenden Geschichte über das Erwachsenwerdens verbunden. Die Themen wie Umweltzerstörung, mit der Natur im Einklang Leben, Gerechtigkeit, Liebe, Tod, Macht und Gewalt betreffen uns alle wie auch der verantwortungsvolle Umgang mit wissenschaftlichem Fortschritt.




Jazz meets Volkslieder im Jazzclub domicil

Als Kooperation zwischen Klangvokal Musikfestival und dem domicil in Dortmund fand am 11.06.2023 im hiesigen Jazzclub das SOUNDZZ Familienkonzert mit Basil Smash, der neuen Band von Eva Bächli, statt.



Zum interaktiven Konzept gehört, dass die fünf Musiker*innen und deren Instrumente von einer Gruppe von Kindern unterschiedlichen Alters vorgestellt wurden. So erhielten die kleinen und großen Zuhörenden genauere Informationen über die Instrumente des Konzerts.

Neben der Sängerin Eva Bächli mit ihrer klaren vollen Stimme spielten Tom Rieder auf der Trompete, Ansgar Wallstein am Piano, Lea Horch am Bass sowie Basil Weiss an den Drums.

Über alle Genregrenzen hinweg kreierte „Basil Smash“ einen ganz eigenen Sound.  Das gilt für bekannte Jazzstandards (etwa „On The Sunny Side Of The Street“) wie auch bei den humorvollen Bearbeitungen von bekannten Volksliedern zum Mitmachen (etwa „Auf der schwäbschen eisenbahne“).

Es war eine gelungene Mischung von Jazz, Volksliedern und Kunstliedern.

Sowohl die Sängerin wie auch die vier Kolleg*innen hatte genug Gelegenheit, ihr vielfältiges Können und Spielspaß zu beweisen.

Spaß hatten auch die drei Kids, als sie bei einer zweiten Darbietung von „On The Sunny Side Of The Street“ selbst eingreifen konnten. Durch antippen der einzelnen Akteure auf der Bühne mussten diese jeweils ihr Spiel oder Gesang stoppen. Nachdem sie noch einmal angetippt wurden, ging es für die Einzelnen weiter.

Ein gelungenes Familienkonzert mit Humor und Spaß an der Musik und den Instrumenten. Begleitet wurde das Ganze mit fantasievollen Leinwandprojektionen im Hintergrund.




Musiktheater um Neugier, Mut und Widerstandskraft

Am 09.06.2023 hatte das neue Musiktheaterprojekt von We DO Opera! – Die Dortmunder Bürger*innen Oper „Der kleine schwarze Fisch“ unter der Regie von Justo Moret im hiesigen Opernhaus seine Uraufführung.



Das Libretto nach dem gleichnamigen iranischen Märchen von Samad Behranghi (1939 – 1967) ist eine Fabel, die auch heute den jungen Menschen Mut macht, sich gegen Ungerechtigkeit und traditionelle Begrenzungen zur wehren, sowie eigene Wege mutig und neugierig auf neue Einflüsse zu beschreiten.

Die Musik stammt von Elnaz Seyedi und Thierry Tidrow und die musikalische Leitung des Orchesters und Chors hat Ruth Katharina Peeck übernommen.

Eine große Herausforderung, denn die vielen Bürger*innen bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit und eine gewisse Fluktuation während der Projektarbeit war gegeben.

Die Inszenierung fand auf zwei Ebenen statt. Wo sonst Obertitel für Übersetzungen zu sehen sind, war die Geschichte des kleinen schwarzen Fisches zusätzlich als Trickfilmformat (mit erzählerischer Begleitung) zu sehen. Auf der Bühne erweckten die Chormitglieder das Märchen mit Bewegung und eindringlichen Sprechgesang die unterschiedlichen Charaktere mit Humor und Engagement zum Leben. Die Untermalung mit passenden musikalischen Die Geräuschen kam vom Orchester.

Fabeln haben den dien Vorteil einer klaren Sprache und durch Tiere vermittelte Symbolkraft mit Bezug zum realen Leben der Menschen.

Der mutige kleine schwarze Fisch, der sich durch sein Denken, Bewusstsein und starken Willen von seinen Artgenossen unterscheidet und die Grenzen seines Baches überschreitet, genauso wie die ignoranten selbstgefälligen Kaulquappen samt ihrer Froschkönigin, die Gefahren durch den unbarmherzigen Krebs oder Pelikan. Das alles wird nicht verschwiegen. Aber ohne Aufstand gegen Ungerechtigkeit und Freiheit kann es keine Entwicklung geben

Die wunderbaren Kostüme und Bühnengestaltung und der geschickte Einsatz von Projektionsflächen (Anna Hörling) sorgten für ein eindringliches Erlebnis.

Ein Märchen, das sicher nicht nur für die tapferen Frauen (und sie unterstützende Männer) im Iran heute eine besondere Bedeutung hat.




Mit der „romantischen Sinfonie“ in die Spielzeitpause

Mit Bruckner und Gubaidulina verabschiedeten sich die Dortmunder Philharmoniker und ihr Leiter, Gabriel Feltz in die Sommerpause. Nicht ganz, denn am 19. Juni steht noch das 3. Konzert für junge Leute an. Dennoch war das 10. Philharmonische Konzert ein würdiger Abschluss der Spielzeit.



Und gewichtig war auch die 7. Sinfonie von Bruckner, die nach der Pause erklang. Die 7. Sinfonie ist in vier Sätzen angelegt und nimmt den Hörer mit auf eine emotionale Reise. Auch wenn ich persönlich mit Bruckner nicht warm werde, der dritte und vierte Satz seiner „Siebten“ haben mir sehr gut gefallen. Der dritte Satz, das Scherzo, bringt eine willkommene Abwechslung mit seinem lebhaften, tänzerischen Charakter. Hier zeigt sich Bruckners Fähigkeit, rhythmische Energie und spielerische Melodien zu kombinieren. Das Finale ist geprägt von einer enormen dynamischen Bandbreite, von zarten, fast schwebenden Passagen bis hin zu kraftvollen, mitreißenden Orchesterstürmen.

Vor der Pause erklang noch das „Märchenpoem“ der Komponistin Sofia Gubaidulina. Diese Spielzeit widmete ihr das Konzert bereits eine Zeitinsel. Das „Märchenpoem“ basiert auf das Märchen die „Schneekönigin“. Ein bemerkenswertes Merkmal von „Märchenpoem“ ist Gubaidulinas Verwendung von Klangsymbolik, um die Charaktere und die Atmosphäre des Märchens darzustellen. Sie schafft Klangbilder, die die Kälte der Schneekönigin, die Verlockungen des Bösen und die Hoffnung der Protagonisten einfangen.

Den Beginn des Konzertes machte ein kurzes, aber musikalisch spannendes Stück, dessen Urheberschaft im Dunkeln liegt. Ist das „Sinfonische Präludium“ von Anton Bruckner oder von seinem Schüler Rudolf Krzyzanowski. Vielleicht war es auch eine „Hausarbeit“, die Bruckner Krzyzanowski gestellt hatte.

Ein wuchtiger, sehr romantischer Abend ging mit Standing Ovations zu Ende.




Korsische Weltmusik zwischen gestern und heute

Am 06.062023 stand im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals Dortmund (domicil) wieder einmal Weltmusik im Mittelpunkt.



Das korsische Ensemble L’Alba (erstmal zu Gast in unserer Stadt) sind in der musikalischen Tradition ihrer Heimat tief verwurzelt, gleichzeitig nehmen sie Elemente aus dem Balkan, Griechenland, Italien, Portugal oder Italien auf. Sie erzeugen zudem Stimmungen, die die Zuhörenden in afrikanische oder orientalische Klangwelten entführen.

Beim Konzert war der meditative, altüberlieferte dreistimmige Männergesang Korsikas in verschiedenen Konstellationen zu hören. Der Gruppe ist es aber gut gelungen, die Musik ihrer Heimat immer mehr zu verfeinern und weiter zu entwickeln. So wartete das Ensemble auch mehrfach mit solistischem Gesang und Anleihen von Folk (bis hin zu leichten Jazz-Elementen) aus verschiedenen mediterranen Ländern auf.

Themen waren etwa die Liebe im Allgemeinen oder zur Natur mit einem leicht melancholischen Unterton. Es wurde jedoch auch viel positive Energie verbreitert.

 Das Publikum wurde nicht nur durch den speziellen Gesang in eine Art Trancezustand geführt. Das Zusammenspiel der der Instrumente und deren Zusammensetzung tun ihr übriges.

Cecce Guironnet sang nicht nur, sondern spielte an diesem Abend gleich mehrere Instrumente bei verschiedenen Songs. Neben der Klarinette sorgte er mit unterschiedlichen Flöten oder einer Art Steinbockhorn für besonderen Klangfarben und Stimmungen.

Neben ihm waren seine gleichwertigen Kollegen Laurent Barbolosi (Violine & Gesang), Sébastien Lafarge (Harmonium & Gesang), Chjuvan Francescu Mattei (Gitarre & Gesang) sowie Éric Ferrari (Bass & Gesang) auf der Bühne engagiert am Start. L’Alba waren gute Musikbotschafter und haben so hoffentlich etwas für den Erhalt dieses immateriellen Kulturerbes Korsikas beigetragen.




Melodramatische Opernrarität voll emotionale Kraft und Energie

Das Klangvokal Musikfestival Dortmund überrascht immer wieder mit speziellen musikalischen Raritäten, gerade auch im Bereich Oper.



Am 03.06.2023 wurde im Rahmen des Festivals so ein „seltener Schatz“ mit der konzertanten Oper „Il Giuramento“ (Das Gelübde) des italienischen Komponisten Saverio Mercadante (1795 – 1870) im Dortmunder Konzerthaus aufgeführt. Das Libretto stammt von Gaetano Rossi (nach der Tragödie „Angelo, tyran de Padoue“ von Victor Hugo).

Das Melodrama hat es in sich und bietet gleich vier dankbare Hauptrollen. Elaísa (Sopran) liebt Viscardo (Tenor), dessen Zuneigung jedoch Bianca (Mezzosopran) gilt. Die wiederum hatte in politisch schwierigen Zeiten dem Vater von Elaísa das Leben gerettet. Als Biancas Mann Manfredo (Bariton) Verdacht schöpft und seine Frau für untreu hält, beschließt er, sie zu vergiften. Dabei hat er selber ein Auge auf Elaísa geworfen. Diese rettet Bianca, indem sie das Gift gegen ein Schlafmittel austauscht. Sie verzichtet auf ihr eigenes Liebesglück. Viscardo denkt fälschlicher Weise, das Bianca von Elaísa ermordet wurde und ersticht diese. Erst als Bianca wieder aufwacht, erkennt er seinen Irrtum….

Neben dem WDR Rundfunkchor als emotionaler Verstärker, wurde die Handlung vom WDR Funkhausorchester unter der lockeren Leitung durch den italienischen Paolo Carignani musikalisch begleitet. Einzelne Instrument aus dem Orchester hatten zwischendurch die Möglichkeit, besondere Akzente zu setzen.

Renommierten Sänger*innen wie Roberta Mantegna (Elaísa), Germán E. Alcántara (Manfredo), Teresa Iervolino (Bianca), Jean-François Borras (Viscardo), sowie in Nebenrollen John Heuzenroeder (Brunoro) und Ivana Rusko (Isaura) überzeugten mit ihren ausdrucksstarken Stimmen.

Das Libretto bietet ihnen viele Möglichkeiten, ihr Können und Sensibilität bei den Kavatinen, Arien, Duetten und Ensembleszenen zu beweisen.

Die Sängerdominanz wurde bei dieser „Reformoper“ zugunsten der Handlung durchbrochen.

Die Partitur besticht vor allem durch die schwärmerischen Tenor- und Bariton-Kantilenen (ähnlich bei Donizetti) oder dramatischen Koloraturen (ähnlich Rossini).

Höchste Emotionalität und dramatische Zuspitzungen erinnern an Verdis späteren Werke.

Es war ein besonderes Gesangsfest, welches vom Publikum mit viel Applaus bedacht wurde.




Eine Nymphe, ein Gott und Barockmusik

Der 2. Juni 2023 stand im Zeichen der Barockmusik. Georg Philip Telemann, Carl Heinrich Graun und Georg Friedrich Händel ließen die Zeit des 18. Jahrhunderts wiederaufleben. Für das Konzert im Reinoldisaal im Rahmen des Festivals Klangvokal gaben sich Sopranistin Sophie Junker und Bariton Tomáš Král die Ehre, unterstützt vom {oh!} Orkiestra unter der Leitung von Martyna Pastuszka.



Doch für die beiden Sänger gab es zunächst eine Pause. Denn zunächst war Telemann an der Reihe und das Orchester spielte seine Ouvertüre-Suite „L’omphale“. Der Titel der Suite bezieht sich auf die griechische Mythologie, genauer gesagt auf Omphale, die Königin von Lydien. Die Suite ist daher von einem gewissen mythologischen und exotischen Flair geprägt. Charakteristisch für „L’omphale“ ist Telemanns geschickte Instrumentation und seine Fähigkeit, verschiedene Klangfarben zu nutzen, um die verschiedenen Stimmungen und Charaktere der einzelnen Sätze hervorzubringen. Diese Aufgabe wurde vom {oh!} Orkiestra mühelos umgesetzt.

Dann wurde es Zeit, die Geschichte von Apollo und Daphne zu erzählen, oder besser zu singen. Worum geht es? Apollo verfolgte Daphne hartnäckig, während sie seine Annäherungsversuche energisch ablehnte. Um ihrer Verfolgung zu entkommen, flehte Daphne zu ihrem Vater und bat ihn um Hilfe. Peneios erhörte ihr Gebet und verwandelte sie in einen Lorbeerbaum, der als Symbol der Reinheit und des Schutzes galt. Die Geschichte von Apollo und Daphne symbolisiert die Unmöglichkeit der Liebe zwischen einem göttlichen Wesen und einer sterblichen Kreatur. Sie thematisiert auch das Streben nach Freiheit und den Widerstand gegen die Liebe, die oft als unausweichliche und unkontrollierbare Kraft dargestellt wird.

Es ist kein Wunder, dass Barockkomponisten diese Geschichte liebten und vertonen mussten. Das geschah oft in Form der Kantate, die meisterlich durch Johann Sebastian Bach ausgeführt wurde. Graun lässt in seiner Kantate „Apollo amante di Dafne“ nur den Gott zu Wort kommen, so dass wir zunächst Bariton Tomáš Král erleben, der die Verwandlung von Daphne in einen Lorbeerbaum beklagt.

Nach der Pause stand Händel mit seiner Kanrtate „Apollo e Dafne“ auf dem Programm. Die Musik von „Apollo e Dafne“ zeichnet sich durch ihre Virtuosität, ihre lyrische Schönheit und ihre emotionale Ausdruckskraft aus. Händel verwendet eine breite Palette musikalischer Ausdrucksmittel, um die Gefühle und Charaktere der Protagonisten darzustellen. Die Musik ist reich an melodischen Erfindungen, kunstvollen Ornamenten und kontrapunktischen Passagen. Auch die beiden Solisten waren in guter Stimmung.  Tomáš Král als auch Sophie Junker, die uns schon im November 2021 in die Barockzeit entführte, schafften es, uns mit ein paar kleinen Schauspieleinlagen die Handlung näherzubringen. Dass beide über außergewöhnliche Stimmen verfügen, machte den Musikgenuss an diesem Abend komplett.




Jazz, Soul und afrikanischer Groove

Somi – eine Hommage an Miriam Makeba

Die mehrfach für den Echo nominierte Somi (Laura Kabasomi Kakoma), bot in diesem Klangvokale Konzert im Domizil ihr Programm „Zenzile“. Somi ist eine Singer-Songschreiber*in mit fantastischer Stimme aus Afrika. „Zenzile“ ist eine Hommage an die große Miriam Makeba. Das Programm, die Lieder und Arrangements sprachen Makeba und ließ uns in die Welt eintauchen. Miriam Makeba musste der wegen der Apartheid für 31 Jahre im Exil. Somi hatte die beliebtesten Songs ihres Vorbilds Makeba einfühlsam, inspiriert und arrangiert.



Dafür aber mit Stimmkraft „Qongqothwane“ / „Pata Pata“ (The Click Song), in der Sprache der Xhosa und Malaika intoniert. Nicht nur diese „Gassenhauer“ von Makeba begeisterten das Publikum, Liebhaber des modern Jazz. Typisch für Modern Jazz ging das Publikum kommentierend bei den Intonationen von Somi, aber auch bei den zahlreichen Soli des begleitenden Musiktrios mit. Für Klassikfans sicher ungewohnt, aber der Groove bringt es eben so mit sich.

Die fabelhafte Stimme von Somi, jetzt in Chicago lebend, bringt die Makeba Songs authentisch und nicht in billigen Cross-over-Klischees versinkenden Arrangements. Modern Jazz und Worldmusic, Soul und Afrobeat finden hier perfekt zusammen.

Somi sieht sich, wie Makeba selbst, als Musikerin und Aktivistin. Mit ihrem Studioalbum „Petit Afrique“ (2017) etwa erzählte sie die Geschichte afrikanischer Einwanderer inmitten eines gentrifizierten Harlem in New York. Davon erzählte sie uns im Laufe des Konzerts. Wie auch, dass ihr die Entstehung von „Zenzile“ in vielerlei Hinsicht geholfen habe: als Künstlerin und als afrikanische Frau. Besonders in diesen außergewöhnlichen Zeiten, in denen der Mut, unsere Geschichten zu erzählen, von größter Bedeutung ist, berichtete uns Somi,  42 Jahre jung.

Somi knüpft mit Stimmkraft und Feingefühl bei Künstlerinnen und Makeba-Verehrerinnen wie Dianne Reeves, Nina Simone oder Dee Dee Bridgewater an. „Seit ich denken kann, kenne ich Miriam Makebas Stimme. Dadurch habe ich das Gefühl, sie persönlich zu kennen“, erklärte uns Somi zwischen den Songs. Das Programm, das Album „Zenzile“ ist Ergebnis ihrer Bewunderung und Achtung vor und für Makeba. Seit ihrem Debütalbum 2003 wird Somi immer wieder auch mit Makeba verglichen … die Verbindung besteht musikalisch und politisch. So trat Somi 2013 zum Gedenktag für die Opfer des transatlantischen Sklavenhandels vor der UN Vollversammlung auf. Zudem hat Somi eine NGO gegründet: New Afrika Live.

Diese Neubewertung der Makeba Songs durch Somi waren eine Offenbarung, auch durch ihre fantastische Stimme und die exzellenten Jazzmusiker. Schon im Vorbild von Somi waren Jazz und afrikanischer Groove vereint. Das zeigte sich besonders in „Pata Pata“, damals ein Modetanz in Südafrika, den auch weiße Apartheidsgegner tanzten. Diesen präsentierte Somi in einer ganz eigenen Art neu.

So wie Somi, hatten sich viele Künstler von Zenzile, der erste Taufname von Makeba, beeindrucken und inspirieren lassen. Sowohl in Afrika als auch im Rest der Welt. Und dieses Programm von Somi zeigte aber auch, wie das Album, dass sie das Zeug zur Inspiration hat. Das Publikum hat sie beeindruckt und mitgerissen.

Ovationen zum Abschluss und ein beständig mitgroovendes Publikum waren der Beweise für die Begeisterungskraft von Somi.

Somi                           Vocals

Jerry Leonide             Piano
Gino Chantoiseau       Bass
Otis Brown III            Drums




Klangkörper St. Reinoldi

Il Divino! Leonardo García Alarcón und die CAPELLA MEDITERRANEA eröffneten mit Claudio Monteverdis „Marienvesper“ das Klangvokal Musikfestival 2023 Dortmund. „Eine vielstimmige Messe für Kirchenchöre und mehrstimmige Vesper mit einigen geistlichen Gesängen für Kapellen oder fürstliche Privatgemächer“, so der endlose Untertitel des Werkes.



Monteverdi komponierte vor mehr als 400 Jahren die „Marienvesper“ in Mantua. Er pilgerte mit dem Werk, das er Papst Paul V. widmete, als Bewerbung nach Rom. Dieses Opus Magnum, die „Vespero delle Beata Vergine“, sollte „Il Divino“, wie Zeitgenossen Monteverdi schon nannten, eine neue, beruflich bessere Alternative in Rom ermöglichen. Monteverdi wollte unter allen Umständen Mantua, nicht nur des Klimas wegen, verlassen. Die Gonzagas, Fürsten von Mantua, waren nicht nur knauserige Arbeitgeber, sondern auch sehr unzuverlässige Lohnzahler. Zudem fehlte Monteverdi die Wertschätzung seines Dienstherren. 1613 erst sollte Monteverdi dann eine neue Stelle in Venedig antreten, als Maestro della Capella die San Marco.

Das Werk zeigt eine stilistische, verwundernde Vielfalt auf. Was Leonardo García Alarcón mit seinem Ensemble und Orchester bewundernswert herausstrich. Dabei nutzte er die Reinoldi Kirche geschickt als einen eigenen Klangkörper, den er in das Orchester mit Leichtigkeit integrierte. Gerade gotische Kirchen bieten sich wegen ihrer speziellen Akustik an.

Alarcón setzte geschickt die Klangraummöglichkeiten der gotischen Reinoldi Kirche wie ein zusätzliches Instrument des CŒUER DE CHAMBRE NAMUR ein. Klangmöglichkeiten, die nur einer gotischen Kirche eigen sind. Auch ohne Rechenschieber oder gar Computer wussten die Baumeister genau, was sie machten und zu tun hatten, damit der Priester auch ganz hinten zu verstehen war. So drehten sich die Musiker z. B. in den Chor, mit dem Rücken zum Publikum, wie auch die Sänger. Dadurch wurde eine Klangfülle erreicht, die man so „frontal beschallt“ nicht kennt. Alarcón variierte dabei noch zusätzlich die Positionierung des Chorensembles, indem er den Chor sich an verschiedenen Stellen im Kirchenschiff zwischen dem Publikum oder auf der Empore im Turm platzierte und singen ließ.

Paul V. konnte irgendwie nichts mit dem genialen Werk von Monteverdi anfangen, denn zu sehr brach er mit der Tradition der Vokalpolyfonie, mit neuen konzertierenden und opernhaften Ideen. Es überforderte offensichtlich Paul V. wie den VI. die Pille.

Dafür konnte Alarcón mit seiner CAPELLA MEDITERRANEA und CŒUER DE CHAMBRE NAMUR das Dortmunder Publikum überraschen, mitreißen und begeistern.

Egal, ob das Werk so jemals zu „Il Divinos“ Lebzeiten so aufgeführt wurde, oder es sich tatsächlich „nur“ um eine Zusammenstellung der Musikstücke durch seinen Verleger ist … und welche Rolle dabei Paul V. wirklich hatte … 1612 jedenfalls entließen die Gonzagas Monteverdi in Mantua und der zunächst Mittellose brauchte einen neuen Dienstherren.

Tatsache ist aber, dass Monteverdi nicht ein Erneuerer der geistlichen Musik ist, sondern auch der Vater der modernen Oper, wie wir sie heute kennen. Denn sein „L´Orpheo“ ist DIE Oper schlechthin. Auch die Erste! Ist die „Marienvesper“ bahnbrechend? Nein! Aber sie ist fantastisch, egal welche Geschichte hinter ihr steckt.

Der Dirigat Alarcón, die CAPELLA MEDITERRANEA und das CŒUER DE CHAMBRE NAMUR zauberten einen Klang kräftigen Hörgenuss. Und dass es sowohl Alarcón, als auch den beiden Ensembles Spaß machte, konnte man nicht nur hören, sondern auch sehen.

Wir werden hoffentlich noch öfter Alarcón und seine Ensembles in Dortmund, vielleicht nicht nur bei Klangvokal erleben und hören dürfen. Denn nicht nur Monteverdi ist „Il Divino“.