Kammermusik zwischen Klezmer und Romantik

Beim 5. Kammerkonzert im Dortmunder Orchesterzentrum am 17.04.2023 stand die mit der jüdischen Geschichte verbundenen Klezmer-Musik mit ihrem besonderen Klang und  der Klarinette als Zentrum sowie der Verbindungsbogen zur Romantik im Mittelpunkt.



Wie der Titel des Konzerts „Mazel un Schlamazel“ schon andeutet, spielen Glück und Pech, Fröhlichkeit und Tragik bei dieser facettenreich-emotionalen Musik eine große Rolle.

Mit Alexander Schwab (Philharmonisches Orchester Hagen, Klarinette), Tatiana Prushinskaya (Solorepetitorin, Klavier), Irina Blank sowie Sanjar Sapaev (Dortmunder Philharmoniker, Violine), Zsuzannna Pipták-Pikó (Viola) sowie Markus Beul  (Violoncello) von der Dortmunder Philharmoniker) standen sechs ausgezeichnete Musiker*innen zur Verfügung.

Am Anfang wurde es mit dem Quintett für Klavier und Streichquartett g-moll von Max Bruch (1838 – 1920) romantisch. Es ist an traditionelle Satzmuster orientiert und wechselt zwischen schwelgerisch- romantischen, melancholischen (besonders gegen Ende 2. Satz) oder aufbrausenden Klängen.

Nach einer kurzen Pause ging es mit „Der Golem“, einer Suite für Klarinette und Streichquartett der israelischen Komponistin Betty Olivero (* 1954) Musik aus dem Geist der jüdischen Tradition auf dem Programm.

Angeregt durch den expressionistischen Stummfilm „Der Golem“ aus dem Jahr 1920 (nach dem Roman von Gustav Meyrink) schuf die Komponistin eine Begleitmusik, die 1997 zu einer Suite für den Konzertsaal umgearbeitet wurde.

Um dem Golem ranken sich viele Mythen. Die sagenhafte Gestalt soll etwa von einem Rabbiner (Rabbi Löw) aus einem Klumpen Lehn zum Schutz für die bedrohten Juden zum Leben erweckt worden sein.

Die dazu gestaltete Musik der Komponistin ist vielseitig und farbig. Sie trägt der unheimlichen Seite der Geschichte wie auch den romantischen Aspekten Rechnung.

Es werden hier zahlreiche Melodien und Tonfälle traditioneller jüdischer Musik verarbeitet.

Die Klezmer-Musik changiert intensiv zwischen fröhlich lebendig und melancholischer Traurigkeit.

Zum Schluss vereinigt die Ouvertüre über hebräische Themen von Sergej Prokofjew (1891 – 1953) mit „Jüdischem aus New York“ auf wunderbare Weise Klezmer, Klarinette und Klavier.

Ein eindrucksvoller Konzertabend, der vor allem auch durch das gelungene Zusammenspiel von Klavier, Streichern und starker Klarinette überzeugte.




Musikalische Frühlingsgefühle im Dortmunder Konzerthaus

Das 8. Philharmonische Konzert am 04. und 05. April 2023 im Konzerthaus in Dortmund stand unter dem Anfang April passenden Motto „Frühlingsgefühle“. Mit dieser Jahreszeit wird Aufbruch und neue Lebenskraft verbunden.



Zu Beginn wurde der bekannte Jahreszyklus „Die vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi (1678 – 1744) von der virtuosen französischen Soloviolinistin Chouchane Siranossian, einem Streichquartett der Dortmunder Philharmoniker sowie einem Basso continuo zelebriert. Der Zyklus wurde von fast allen Beteiligten im Stehen stimmungsvoll präsentiert.

Chouchane Siranossian spielte die Solovioline bei den "Vier Jahreszeiten" von Antonio Vivaldi. (Foto: (c) Nicolaj Lund)
Chouchane Siranossian spielte die Solovioline bei den „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi. (Foto: (c) Nicolaj Lund)

Der Frühling, das Vogelgezwitscher, das Erblühen der Vegetation und der Winter (Hitze, aber auch Spaß), der Sommer (Hitze, aber auch Spaß) und der Winter (Kälte, Schlittschuhlaufen) wurden mit viel Empathie musikalisch begleitet.

Es war ein grandioses Zusammenwirken zwischen Solo-Violine und ihren musikalischen Begleitungen.

Nach der Pause wurde mit einer größeren Orchesterbesetzung der fünfminütige Frühlingsmorgen der leider früh verstorbenen Lili Boulanger unter der Leitung von Felix Mildenberger gefühlvoll dargeboten.

Der impressionistische Klangzauber wurde von der Komponistin erst kurz vor ihrem Tod für das Orchester umgearbeitet und besticht durch seine Eigenständigkeit und prächtige Vielfalt.

Die viersätzige „Frühlingssinfonie“ (Sinfonie Nr. B-Dur op. 38) von Robert Schuhmann (1810 – 1856) bildete den Abschluss des Konzerts.

In diesem Sinne schuf der frisch mit Clara Wieck verheiratete Komponist hier seine musikalische Vorstellung vom Frühling. Das Stück hat einen optimistisch-idyllischen Charakter.

Die thematische Verklammerung der vier Sinfonie-Sätze wird durch einen abstrakten Blechbläserruf zu Beginn der Sätze variiert. Der Frühling kündigt sich mit Fanfarenklängen an und zum Ende des vierten Satzes hin steigert sich das Ganze zu einem musikalischen Rausch.

Es war ein gelungener Konzertabend zum Frühlingsanfang.




Caravaggios Reise – musikalische Hommage

Das Festival Klangvokal brachte uns die Musik von Michelangelo Merisi da Caravaggio in einem fantastischen A-Capella-Konzert näher.



Caravaggio war ein unkonventioneller Künstler, ein Meister des Lichts, der zahlreiche Filmschaffenden beeinflusst hat, Licht in Szenen zu setzen. Er war ein Geschichtenerzähler mit Bildern, ein offener schwuler Mann an der Schwelle zur Renaissance zum Barock.

Die Cappella Mariana entführte die Zuhörer:innen in das Zeitalter von Caraviaggo. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)
Die Cappella Mariana entführte die Zuhörer:innen in das Zeitalter von Caravaggio. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)

Caravaggio hatte mächtige Gönner, die auch wie er, mehr am eigenen Geschlecht interessiert waren und soweit es ging, ihre schützenden Hände über ihn hielten … wobei das nicht immer gelang. Die Händel, die der aufbrausende, jähzornige Maler immer wieder provozierte, führten zu einem Duell. Die Ursache ist unbekannt. Vielleicht ging es um einen Liebhaber?

Das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád, Hana Blažiková, Barboa Kabáthová, Daniel Čermáková, Tomáš Lajtkep, Ondřej Holub und Jaromír Nosek intonierte die CapellaMadrigal Gesänge aus der turbulenten Zeit des Wechsels von der Renaissance zum Barock in Italien.

In wechselnder Besetzung intonierte das Ensemble in mitnehmender Weise, geradezu, um sich hinweg zu träumen, oder Traum zu wandeln, unterstützt von den eingeblendeten Meisterwerken, des Lichtregisseurs Michelangelo Caravaggio.

Die Musikstücke kamen von verschiedenen Zeitgenossen von Caravaggio und handeln in erster Linie von Liebe und Sehnsucht, wovon Caravaggio getrieben war.

Die gezeigten Gemälde und ihre darin dargestellten Figuren stammten zumeist von Straßen der Wirkungsorte des Meisters des Lichts, Straßenjungen, Spieler, Tagelöhner und Dirnen. Diese Personen bildeten einen derben Kontrast zu den Liebesliedern, aber aus religiösen Themen wie „Ilumina nos“ aus Sacrae Cantiones II. Bis auf Claudio Monteverdi, dessen Oper L´Orfeo einem breiteren Publikum bekannt ist, dürften die anderen Musikschaffenden weniger bis unbekannt sein. Dennoch schufen sie Meisterwerke der Musik, und Ohrenschmaus für Liebhaber des Madrigal.

Klangvokal hat es wieder einmal geschafft, mit dem Ensemble der Cappella Mariana einen fantastischen Gesangsabend nach Dortmund zu bringen, der beinahe nicht zustande gekommen wäre. Glücklicherweise konnte er jetzt etwas mehr als ein Jahr nach dem ursprünglichen Termin dieses Jahr stattfinden.

Caravaggios Reise endet vorzeitig 1610 in Porto Ercole mit ungeklärter Todesursache, ohne seine Begnadigung erhalten zu haben, auf die er dort gewartet hatte. Der getriebene Mensch, dem kein Glück vergönnt war, aber der Welt seine Meisterwerke schenkte.




Geheimnisse der Natur – Ema Nikolovska

Zusammen mit dem Pianisten Kunal Lahiry präsentierte am 22. März 2023 im Konzerthaus die Mezzosopranistin Ema Nikolovska ein beeindruckendes Repertoire an Liedern und Vokalisen, das von der Schubertschen Romantik bis zur zeitgenössischen Musik reichte.



Der erste Teil des Konzertes war hauptsächlich Franz Schubert und Aaron Copeland gewidmet.  „Twelve Poems of Emily Dickinson“ ist eine Sammlung von Liedern des amerikanischen Komponisten Aaron Copland, die auf Gedichten der amerikanischen Dichterin Emily Dickinson basieren. Die Sammlung wurde erstmals im Jahr 1950 veröffentlicht.

Ema Nikolovska bot mit dem Pianisten Kunal Lahiry ein aufregendes Konzert. (Foto: (c) kaupo Kippas)

Copland hat in diesen Liedern die lyrische Sprache und Stimmung der Gedichte von Dickinson aufgegriffen und in musikalischer Form umgesetzt. Die Musik ist geprägt von klaren, einfachen Melodien und harmonischen Strukturen, die Dickinsons minimalistischem Stil entsprechen.

Die Natur stand in diesen Liedern – wie auch in den von Schubert – im Mittelpunkt. Aber auch Gefühle wie der Verlust und die Einsamkeit („Why do they shut me out of heaven?“) wurden von Ema Nikolovska pointiert gesungen.

Eine Besonderheit waren die „Fünf Melodien“ von Sergej Prokofiew. Eigentlich für Klavier und Violine komponiert, übernahm Ema Nikolovska die Stimme der Violine, aber als Vokalise. Typischerweise wird beim Vokalising eine einzige Silbe, wie „ah“ oder „oh“, auf verschiedene Weise wiederholt und variiert. In der Sowjetunion wurde diese Technik auch benutzt, um zensierte Texte zu umgehen und den Text zu „vokalisieren“. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Eduard Khil, der mit seiner vokalisierten Version von „Я очень рад, ведь я, наконец, возвращаюсь домой“ zu einem Internet-Phänomen wurde.

Von diesen Vokalise-Liedern gab es im zweiten Teil mehr. Verschiedene Komponist:innen haben derartige Lieder geschrieben, von Olivier Massiaen über Emily Doolittle bis Héloïse Werner. Sie alle forderten die stimmlichen Fähigkeiten von Ema Nikolovska, die zweimal sogar einen Holzblock als Schlaginstrument benutzen durfte.

Ema Nikolovska ist eine Mezzosopranistin aus Nordmazedonien, die in Deutschland lebt und arbeitet. Sie wurde 1992 in Skopje geboren und begann ihre musikalische Ausbildung an der Musikschule von Skopje. Später studierte sie Gesang an der Hochschule für Musik und Theater Felix Mendelssohn Bartholdy in Leipzig und schloss ihr Studium im Jahr 2017 mit Auszeichnung ab.

Als Zugabe durften die Besucher:innen von Robert Schumann ›Mondnacht‹ aus »Liederkreis« 12 Gesänge von Joseph von Eichendorff op. 39 erleben.




Eine informativ musikalisch-visuelle Reise

Das 2. Konzert für junge Leute unter dem Motto „Travel Concert Sea to Sky“ am 13.03.2023 im Dortmunder Konzerthaus schickte das Publikum auf eine ganz besondere Zeitreise durch die Entwicklung und Zukunft einer zerbrechlichen Welt. Sie führt von Mexiko (Pazifik) bis zur Arktis (Spitzbergen). Das fragile Ökosystem und das Klima dort (und nicht nur dort) werden stark vom Golfstrom beeinflusst.



Dr. André Baumeister, Geograf, Wissenschaftler und Expeditionsleiter in diese Regionen, hatte als Moderator viel über die lange erdgeschichtliche Entwicklung und klimatischen Veränderungen berichtet.

Außerdem ist er Gründer von FRAM Science Travel aus Bochum, das als Dienstleister und Entwickler wissenschaftlicher Expeditionen ein Brückenbauer zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit sein möchte.

Er führte die Zuhörenden mit seinen Erzählungen anschaulich und informativ durch diesen Abend.

Die Projektionen auf der großen Leinwand zeigten eindrucksvolle Naturaufnahmen und Videos von Exkursionen. Ein passend ausgewähltes Musikprogramm der Dortmunder Philharmoniker unter der temperamentvollen Leitung von Olivia Lee-Gundermann untermalte das Visuelle stimmungsvoll.

Die Musikauswahl reichte von Arturo Márquez (Danzón No. 2) über Edvard Grieg (aus Holberg Suite op.40 oder „Peer Gynt“Suite Nr. 1 op. 46) bis Musik von Hans Zimmer (Suite für Orchester aus dem Film „Interstellar“) und John Powell („Ice Age 2“)

Arturo Castro Nogueras spielte mit viel Empathie auf seiner Gitarre (Nigel Westlakes: Suite für Gitarre und Orchester „Antarctica“).

Natürlich durfte auch die Musik von Antonio Vivaldi nicht fehlen. Das „Gewitter“ aus dem „Sommer“ der „Vier Jahreszeiten“ wurde als Arrangement für Orgel solo von Heinrich E. Grimm geboten.

Die Landschaft mit ihrer Fauna und Flora ist ein wertvolles Naturwunder, das es zu erhalten gilt. Dafür ist es in unserem Interesse, aktiv zu werden.

Es war eine interessante musikalische Reise dorthin, wo sich Himmel und die Erde berühren.




Eine musikalische Reise in den sonnigen Süden

Die Dortmunder Philharmoniker lud ihr Publikum mit dem 7. Philharmonischen Konzert (07./08. 2023) im Dortmunder Konzerthaus auf eine musikalische Reise in den sonnigen Süden ein. Dabei boten sie unter dem Titel „Die Sonne des Südens“ ein vielseitiges Programm zwischen Klassik und Jazz.



Da war es von Vorteil, dass mit Frank Dupree als Dirigent, gleichzeitig ausgezeichneter Pianist, und ausgebildeter Jazz-Schlagzeuger für das Konzert gewonnen werden konnte. Sozusagen ein Multitalent.

Im ersten Teil standen drei französische Komponisten auf dem Programm.

Zu Anfang hatten die Blechbläser mit der kurzen prägnanten Fanfare „La Péri“ von Paul Dukas (1865 – 1935) ihren großen Auftritt. Damit hatte der Komponist damals das Publikum zu seinem gleichnamigen Ballett gerufen.

Danach wurden die Anwesenden im hiesigen Konzerthaus mit einer Auswahl der Préludes (für Klavier, Band I, 1909/19109 und Band II, 1910 – 1913) von Claude Debussy (1865 – 1935) emotional in verschiedene Mittelmeer-Landschaften (vom mythischen Delphi über die Insel Capri bis zur prachtvollen Alhambra von Granada) geführt.

Das besondere Erlebnis war, das die Originalfassung von Debussy für Klavier (am Piano und als Dirigent Frank Dupree) mit der imaginativ- verführerischen Orchesterfassungseiner Kollegen Hans Zender und Cole Matthews kollagenhaft kombiniert wurde. Das Orchester griff die thematisch- musikalischen Vorgaben des Klaviers auf eine spannende Art und Weise mit auf.

Der französische Komponist Darius Millhaud (1892 – 1974) war zwar nur zwei Jahre in Brasilien (1917 – 1919), die haben aber wohl einen starken Eindruck hinterlassen. Das beweist seine Fantasie für Orchester op. 58 (Le Bœuf sur le toit oder deutsch „Der Ochse auf dem Dach“).

Es ist eine temperamentvoll-lebensfrohe Kreuzung zwischen brasilianischer Straßen- und Volksmusik und großstädtischem Pariser-Flair, die man aus den alten Bars und Varietés kennt. Kastagnetten-Klänge kamen auch zum Einsatz.

Nach der Pause ging es mit kleinerer Orchesterbesetzung für den Jazz – Klassik – Teil des Abends mit „Sketches of Spain“ für Trompete und Orchester von Miles Davis (1928 – 1991) / Gil Evans (1912 – 1988) weiter. Die Transkription stammte von David Berger, Jon Schapiro und Joe Muccioli.

Das Herzstück bildete dabei bildete ein Arrangement des bekannten langsamen Satzes aus dem „Conciero de Aranjuez von Joaquin Rodrigo (1901 – 1999). Eigentlich für ein Gitarrenkonzert konzipiert. Das hatte den Nachteil, dass die Gitarre als Soloinstrument sich auch nicht gegen ein kleines Orchester durchsetzen konnte Diesen Mangel behob das geniale Arrangement von Evans für die Solotrompete.

Auf der Bühne stand mit Simon Höfele einer der international erfolgreichste jungen Trompeter und zeigte sein Können. Tatkräftig unterstützt wurde er noch von Meinhard „Obi“ Jenne am Schlagzeug und Jacob Krupp am Kontrabass.

Ein fast meditatives Erlebnis, dass mit einer temperamentvollen Zugabe durch die „Trompeter-Fraktion“ erst sein (vorläufiges) Ende fand. Nach dem Konzert wurde mit einer Jam-Session und Freibier weiter gefeiert.




Wiener Klassik: Over the Rainbow

Die Wiener Klassik in Fusion (bitte engl.) mit klassischen US Jazz aus Hollywood?

Geht das?



Ja! Sogar besser als Disney und europäische Märchen, besonders in einem Arrangement für Philharmoniker. Dieses zweite, leichtfüßige Konzert der Dortmunder Philharmoniker Wiener Klassik stand unter dem Motto „Over the Rainbow“.

Als Gastsolistin interpretierte Lucienne Renaudin Vary das beliebteste Trompetenkonzert der Klassik, Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur, von Johann Nepomuk Hummel und zwei verträumte All-time-Favourites des Jazz, „Over the Rainbow“ von Harold Arlen aus dem Hollywood Klassiker „Wizard of Oz“ mit der unvergesslichen Judy Garland und „My Favourite Things“ von Richard Rodgers aus dem Hollywood Musical „The Sound of Music“. Renaudin Vary verführte dabei das Publikum zu Begeisterungstürmen. Leichtfüßig, und barfüßig, entführte sie die Zuhörer im Konzerthaus mit den Dortmunder Philharmonikern und dem Dirigat von Lucie Leguay. Irgendwie schwappte bei mir im Hinterkopf ein anderer Hollywood Klassiker, „Die barfüßige Gräfin“, mit Ava Gardner. Humphrey Bogart und Edmond O’Brien, seiner Gesellschaftskritik und zynischen Philosophie. Wie im Trompetenspiel oder dem Dirigat kein Zynismus oder Gesellschaftskritik lag oder hineingelegt wurde. Und dann war da noch Sandie Shaw, die mit „Puppet on a String“ den Eurovision Song Contest 1967 in Wien gewann. Damals war ihr barfüßiger Auftritt in der Hofburg ein Skandal … Dann kam 1968, die 68er, und vieles änderte sich.

Johann Nepomuk Hummel war ein Schüler von Wolfgang Amadeus Mozart, was im Konzert für Trompete und Orchester Es-Dur zu hören war, ohne das es eine Kopie von Mozart gewesen wäre. Das Stück wurde einfühlsam von den Dortmunder Philharmonikern gespielt. Das Solo von Lucienne Renaudin Vary zeigte dann auch die von Hummel für Anton Weidinger komponierte Musik für die von ihm eingeführte Innovation für die Trompete. Die Trompete wurde so variabler, melodischer und einer Stimme gleich, was durch das Spiel von Vary wundervoll zum Ausdruck kam.

„Over the Rainbow“ von Harold Arlen für den Film Wizzard von Oz mit Judy Garland in der Hauptrolle fügte sich wunderbar in das Konzert ein, Die Trompete gab fast den Eindruck der Stimme von Garland, ihren Traum, ihre Sehnsucht … Das Arrangement von Chris Hazell für Solotrompete entbehrte dabei das leicht schwülstige aus der Hollywood-Verfilmung und wirkte leichtfüßig, ja verspielt..

“My Favourite Things” von Richard Rodgers aus dem Hollywood Musical “The Sound of Music”. Ja die Trapp Familie und der US-Amerkanische Kitsch … Dank des Trompetensolos von Vary konnte man die Bratfettsammeldose getrost vergessen. Es fehlte zum Glück das Unerträgliche, Pathetische, das dem deutschen Film, auf dem die US Produktion beruht, und der Bühnen- und Hollywoodproduktion, anklebt. Wie gesagt, Vary und ihr Trompetensolo retteten in meinen Augen dieses Stück.

Pathetisch kommt uns meist der Autor des vierten Musikstücks des Abends daher, die Sinfonie Nr. 4 B-Dur op. 60. Man denke an die 3. Sinfonie, die Eroica, von Ludwig van Beethoven, ursprünglich Napoléon Bonaparte gewidmet, die 5., die Schicksalssinfonie, die 6., die Pastorale, oder die 9. … mit der Ode an die Freude, der Europa Hymne. Ja unser Ludwig van Beethoven war nicht gerade für Leichtfüßigkeit bekannt, oder sein sonniges Gemüt … eher das Gegenteil, was sich im Alter aus bekanntem Hörverlust noch steigerte.

Die uns von der Dortmunder Philharmonie dargebrachte 4. Sinfonie ist heiter und spiegelt die Glücksgefühle eines gerade verliebten Beethoven wieder … gekonnt intoniert von unseren Philharmonikern.

Ein musikalischer Hochgenuss war dieser Abend mit den Dortmunder Philharmonikern mit Solistin Lucienne Renaudin Vary unter dem Dirigat von Lucie Leguay … man möchte mehr davon.




Rosenkranzsonaten von Biber – Barockes Kleinod im Konzerthaus

Am 09. März 2023 war es im Konzerthaus wieder soweit: Die Reihe „Musik für Freaks“ lud Musikinteressierte ein und präsentierte ein besonderes Schmuckstück: Die Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber (1644-1704). Die Violinistin Mayumi Hirasaki präsentierte mit ihren drei Mitstreiter:Innen sämtliche Sonaten plus die „Schutzengel-Sonate“.



Oft werden nur Teile der Rosenkranzsonaten aufgeführt, so war es am Donnerstag ein Erlebnis dieses Kleinodes der Barockmusik in voller Länge zu erleben. Das Konzert war wie geschaffen für Hirasaki, denn als Barockgeigerin hat Hirasaki einen tiefen Respekt für historische Praktiken und Spieltechniken, die sie in ihrer Interpretation von Barockmusik zum Ausdruck bringt. Ihre Violine klang leise und elegant, konnte aber auch stürmisch sein. Ihre Mitstreiter:innen bei diesem Konzert waren Jan Freiheit (Viola da Gamba), Michael Freimuth (Theorbe) und Christine Schornsheim (Cembalo, Orgel).

Mayumi Hirasaki faszinierte mit ihren Mitmusiker:innen bei ihrem Konzert von Bibers "Rosenkranzsonaten". (Foto: (c) Harald Hoffmann)
Mayumi Hirasaki faszinierte mit ihren Mitmusiker:innen bei ihrem Konzert von Bibers „Rosenkranzsonaten“. (Foto: (c) Harald Hoffmann)

Die Rosenkranzsonaten von Heinrich Ignaz Franz von Biber sind eine Sammlung von 15 Kammermusikwerken für Violine und Basso Continuo, die um 1675 entstanden sind. Jede Sonate ist einem der 15 Mysterien des Rosenkranzes gewidmet und enthält eine kurze Beschreibung des jeweiligen Mysteriums.

Verschiedene Stimmungen der Violine

Die Rosenkranzsonaten sind bekannt für ihre technische Virtuosität und ihre ausdrucksstarke Musikalität. Biber nutzt eine Vielzahl von Spieltechniken und Effekten, um die verschiedenen Stimmungen und Emotionen der Mysterien darzustellen. Zum Beispiel verwendet er ungewöhnliche Stimmungen und Bogenführungen, um die klagenden Klänge der Kreuzigung darzustellen, während er in anderen Sätzen schnelle Läufe und virtuose Passagen einsetzt, um die Freude und das Jubel der Auferstehung zu vermitteln.

Geführt von Hirasaki konnten die vier Musiker:innen in die die komplexe und virtuose Welt von Biber eintauchen, der selbst ein guter Violinist gewesen sein soll. Vom ruhigen, träumerischen Beginn der ersten Sonate („Die Verkündigung“) über die traurigen-melancholischen Sonaten („Dornenkrönung“ und „Kreuzigung“) bis hin zu erhabenen Sonaten („Mariae Himmelfahrt“). Zusätzlich spielte Hirasaki noch die 16. Sonate oder „Schutzengel-Sonate“, die aus einem Soloviolinenpart besteht.

Ein gelungener, intimer Abend, der sich Zeit nahm, die kompletten Rosenkranzsonaten in einem Konzert zu spielen und somit die Zuhörenden verzauberte.




Weiterer Meilenstein zur Sicherung des Wilsing-Werkes

Mit der Wiederentdeckung der sich seit dem Jahr 1930 in Besitz des Schuhmann-Hauses Zwickau – Dortmunds Partnerstadt – befindenden Sinfonie D-Dur des Hörder Komponisten Daniel Friedrich Eduard Wilsing (1809-1893) ist ein weiterer verborgener Musikschatz ans Licht gebracht worden.



Der Einsatz von Gerhard Stranz, zusätzlich das große Engagement des Herausgebers Johannes Guido Joerg, des Verlegers Christoph Dohr (Köln) ermöglichten es, dass dieser Beitrag aus Dortmund für die „Musikwelt verfügbar gemacht werden konnten. Für die Realisierung des Gesamtprojekts setzen sich zudem verschiedene Organisationen, Stiftungen und die Stadt Dortmund ein.

Dr. Stefan Mühlhofer erläuterte den musikgeschichtlichen Hintergrund Dortmunds. (Foto: (c) Oliver Schaper)
Dr. Stefan Mühlhofer erläuterte den musikgeschichtlichen Hintergrund Dortmunds. (Foto: (c) Oliver Schaper)

191 Jahre nach der Fertigstellung und 182 Jahre nach der wahrscheinlichen Uraufführung wurde die musikkritische Erstausgabe (Verlag Dohr) im Festsaal der Gesellschaft Casino Dortmund (Betenstraße 18) am 3. März 2023 präsentiert. Per Musiksoftware wurden auch ein erster musikalischer Eindruck gewährt.

Der Ort und das Datum dieser Präsentation wurden nicht zufällig gewählt.

Das Dortmunder „Liebhaber-Concert“ (Vorläufer des Musikvereins) führte am 3. März 1841 genau dort (damals ein Konzertsaal) die Sinfonie des Komponisten auf.

Nach der Begrüßung und einleitenden Worten durch Prof. Dr. Hans J. Sclosser (Gesellschaft Casino Dortmund) und Gerhard Stranz erfuhren die Anwesenden einiges zur musikgeschichtlichen Entwicklung in Dortmund vom Mittelalter bis heute durch Dr. Stefan Mühlhofer (Stadt Dortmund).

Dr. Raphael von Hoensbroech (Intendant und Geschäftsführer Konzerthaus Dortmund) betonte den wichtigen Beitrag zur Sicherung der Musiktradition in unserer Stadt und den Wunsch, Wilsings Sinfonie wieder erlebbar zu machen.

Der Verleger Christoph Dohr gab Einblicke in ausgewählte Abschnitte des Werks in Notenbild (Leinwand) und Klangbeispielen aus den vier Sätzen der Sinfonie D-Dur (1832 fertig gestellt von Wilsing).

Einflüsse durch Komponisten wie etwa Beethoven, besonders im zweiten Satz von der Romantik (Schubert) waren erkennbar, aber durchaus auch eine individuelle jugendliche Kraft.

Guido Johannes Joerg (Herausgeber) verschaffte Überblicke zu Notizen zur Entstehung und Aufführung sowie zum Verbleib der Handschrift (samt einem Einblick in die Arbeit des Herausgebers einer Erstausgabe). Zu besichtigen waren neben der Gesamtpartitur auch die Einzelstimmen.

Geplant ist ja die Wiederaufführung der der Sinfonie im Jahr 2024 (Konzerthaus Dortmund) durch das Jugendorchester Dortmund.

Achim Fiedler (Leiter des Dortmunder Jugendorchesters) berichtete über die Herausforderung und Chance für junge Musizierenden bei einem „neuentdeckten musikalischen Schatz“.

Wir dürfen gespannt auf das Ergebnis sein.




Mit „Zuversicht“ in die 15. Spielzeit vom KLANGVOKAL MUSIKFESTIVAL

Das KLANGVOKAL Musikfestival Dortmund startet in seine 15. Saison und präsentiert unter dem Motto „Zuversicht“ bei 24 Veranstaltungen an acht verschiedenen Spielorten vokale Höhepunkte aus Oper, Chor, Jazz und Weltmusik mit illustren Gästen wie Jordi Savall, Vox Luminis und Daniel Behle. Das Festival wird am 21. Mai feierlich mit Claudio Monteverdis „Marienvesper“ in der St. Reinoldikirche eröffnet und endet am 18. Juni mit der konzertanten Aufführung der Barockoper „Carlo il Calvo“ im Konzerthaus Dortmund. Vom 7. September 2023 bis zum 15. März 2024 schließt sich eine Saison mit sieben weiteren Konzerten an und ermöglicht Freund*innen des Gesangs damit fast ein ganzes Jahr voller Konzertfreuden.



Opernraritäten aus Italien und Liedgesang aus Deutschland
Gleich drei Werke aus dem Mutterland der Oper sind in diesem Jahr bei Klangvokal zu erleben: Im Juni gelangt Saverio Mercadantes Wiederentdeckung „Il giuramento“ exklusiv im Rahmen des Festivals zur Aufführung und Nicola Antonio Porporas barockes Kleinod „Carlo il Calvo“ erklingt unmittelbar nach einer Aufführung an der Mailänder Scala in gleicher Besetzung in Dortmund. Emilio de‘ Cavalieris frühbarockes Meisterwerk „Rappresentatione di anima et di corpo“ steht im Oktober auf dem Programm und Gaetano Donizettis opernnahe „Messa di Requiem“ wird exklusiv für das Festival einstudiert.        

Nach einer längeren Zäsur ist auch wieder Liedgesang vertreten: Mit Daniel Behle widmet sich einer der renommiertesten deutschen Tenöre dem Œuvre von Robert Schumann und Richard Strauss.

Musik der Renaissance und des Barock        
Mit der Cappella Mediterranea, The Tallis Scholars, dem {oh!} Orkiestra Historyczna unter Martyna Pastuszka, der Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone und der lautten compagney BERLIN unter Wolfgang Katschner präsentieren weitere Akteure der internationalen Alte Musik-Szene Werke der Renaissance und des Barock.

Chorgesang und Weltmusik        
Auch im Bereich Weltmusik gibt es viel zu entdecken: Während Jordi Savall sich mit seinen Ensembles auf „Die Routen der Sklaverei“ begibt, wandeln der Amaan Choir XXI und Orpheus XXI NRW unter der Leitung von Rebal Alkhodari auf den Spuren des andalusischen Forschers „Leo Africanus“. Das Quintett L’Alba lädt unterdessen zu einer musikalischen Reise nach Korsika ein und die Singer-Songwriterin Somi präsentiert eine Hommage an ihr Vorbild Miriam Makeba. Ein weiterer Höhepunkt: Zum 15. FEST DER CHÖRE haben sich wieder über 100 Chöre angemeldet.

Treue lohnt sich        
Bei Buchungen ab drei Veranstaltungen erhalten die Kund*innen über das Festival-Büro zusätzlich 20 % Ermäßigung auf ihre Karten. Schüler*innen, Auszubildende, Bufdis, Studierende bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres sowie Inhaber des Dortmund-Passes erhalten über das Klangvokal-Büro sogar 50 % Ermäßigung auf den Kartennettopreis.

Hier finden Sie die Veranstaltungsübersicht: https://www.klangvokal-dortmund.de/programm/veranstaltungen.html

Das programmbuch als PDF: https://www.klangvokal-dortmund.de/fileadmin/user_upload/Programmbuch_2023/230207_KLANGVOKAL_Programmbuch_final.pdf