Das 3. Philharmonische Konzert am 05. und 06. November 2024 in Dortmund stand unter dem Motto „Go West!“. Im Dortmunder Konzerthaus präsentierten die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Frank Dupree unter anderem die „Billy the Kid“-Ballettsuite von Aaron Copland (1900–1990) und entführten das Publikum in die verklärte Welt des „Wilden Westens“ und der Prärie. Dupree übernahm dabei selbst den Part des Solisten am Klavier und brachte zusammen mit Meinhard „Obi“ Jenne am Schlagzeug und Jacob Krupp am Jazz-Kontrabass zusätzlichen Schwung in die Darbietung.
Die musikalische Reise durch die USA
Das Konzert begann mit der „Ouvertüre zu Strike Up the Band“ aus dem gleichnamigen Musical von George Gershwin (1898–1937), orchestriert von Don Rose. Diese Komposition, die mit einem Augenzwinkern geschrieben wurde, enthält auffallend militärisch anmutende Elemente, die immer wieder durch Jazz-Akkorde und -Rhythmen aufgelockert werden. Zum Verständnis: Die Handlung des Musicals spielt in einer amerikanischen Käsefabrik, deren Besitzer seine Monopolstellung durch hohe Strafzölle auf Schweizer Käse sichern möchte – eine Entscheidung, die letztlich zu einem fiktiven Krieg mit der Schweiz führt. 1930 wurde diese satirische Fassung entschärft, doch das Thema der Einfuhrzölle ist auch heute in politischen Diskussionen aktuell.
Die Solisten: Jakob Krupp, Frank Dupree und Meinhard „Obi“ Jenne. Foto: Ralph Steckelbach
Anschließend wurde Gershwins „Concerto in F“ aufgeführt, das Jazz und klassische Tradition kunstvoll verbindet. Der erste Satz erinnert teils an Rachmaninow, angereichert mit Jazzelementen, während der zweite Satz eher an den Blues und der dritte an den Ragtime angelehnt ist.
Nach der Pause folgte Aaron Coplands Western-Ballettsuite, bestehend aus sieben Sätzen. Mit Anklängen an mexikanische Volksmelodien und Cowboy-Lieder sowie Coplands unverwechselbarer Musiksprache wird die dramatische Geschichte des Revolverhelden Billy the Kid bis zu seinem Tod lebendig. Man hört das Trampeln von Pferden und auch das Knallen von Schüssen.
Den Höhepunkt des Konzertabends bildete schließlich der berühmte „Bolero“ von Maurice Ravel (1875–1937), der das Publikum in seinen Bann zog. Obwohl hier der „Wilde Westen“ verlassen wurde, zeigt auch dieses französische Stück subtile Anklänge an den amerikanischen Jazz. Ravel verfolgte dabei eine klare musikalische Idee und inszenierte einen berauschenden Klangteppich, der sich durch eine stetige, langsame Steigerung auszeichnet. Die einzelnen Instrumente konnten sich in dieser eindrucksvollen Darbietung besonders gut entfalten.
Zauber traditioneller Musik im Konzerthaus Dortmund
Im Rahmen der Reihe „Junge Wilde“ stand am 29.10.2024 im Konzerthaus Dortmund die junge niederländische Blockflötistin Lucie Horsch im Mittelpunkt. An ihrer Seite musizierten Emmy Storms (Violine) und der französische klassische Gitarrist Raphaël Feuillâtre. Das vielseitige Programm umfasste hauptsächlich lebendige Arrangements traditioneller Volksmusik, darunter Werke aus Irland (Thomas Tollett), den Niederlanden (Jacob van Eyck) sowie dem Barock (Antonio Vivaldi). Hier zeigte sich, wie viel Verbindendes in der Musik steckt.
Meisterhaftes Zusammenspiel und feine Nuancen
Neben der Musik aus früherer Zeit reichte das Programm auch in die jüngere Vergangenheit und beinhaltete Kompositionen von Claude Debussy, Gabriel Fauré (Frankreich), Manuel de Falla (Spanien), Béla Bartók (Ungarn), Igor Strawinsky (Russland) und zum Abschluss Astor Piazzolla (Argentinien). Die drei Künstler*innen beeindruckten das Publikum nicht nur durch die virtuose Beherrschung ihrer Instrumente und ihr harmonisches Zusammenspiel. In wechselnden Konstellationen – solo, zu zweit oder im Trio – überzeugten sie durch großes Feingefühl für die Eigenheiten der jeweiligen Stücke. Mit Leichtigkeit meisterten sie den Wechsel zwischen temperamentvoll-rasanten und ruhig-melancholischen Passagen.
Lucie Horsch zeigte ihre große Vielseitigkeit, indem sie mühelos zwischen Flöten verschiedener Größe und Tonlage wechselte. (Foto: (c) Simon Fowler)
Lucie Horsch zeigte dabei ihre große Vielseitigkeit, indem sie mühelos zwischen Flöten verschiedener Größe und Tonlage wechselte, darunter Renaissance- und Barockflöten. Wer dachte, Blockflöte sei langweilig, wurde hier eines Besseren belehrt. Horsch ließ sogar zweimal ihre klare, helle Gesangsstimme erklingen und verlieh dem Konzert damit zusätzliche Intensität.
Durch den Einsatz besonderer Instrumente vermittelten die drei Künstler*innen die besondere Magie der traditionellen Musik und zogen das Publikum in ihren Bann. Besonders berührte die sensible Interpretation von Astor Piazzollas berühmtem „Libertango“ aus dem Jahr 1974. Man darf gespannt sein, was von diesen „Jungen Wilden“ noch zu erwarten ist.
Lustvoll-gruseliges Konzert für junge Leute
Beim zweiten Konzert für junge Leute, „Hollywood Hits Mutprobe: Die Nacht des Horrors“, wurde das Dortmunder Konzerthaus am 28.10.2024 kurz vor Halloween zum „Horrorhaus“ umfunktioniert. Schüler*innen und zwei Lehrer*innen des Mallinckrodt-Gymnasiums Dortmund dekorierten den Saal stimmungsvoll mit gruseligen Elementen wie Skeletten, Särgen, Grabsteinen mit witzigen, ironischen Sprüchen und weiteren unheimlichen Details.
Die Dortmunder Philharmoniker, unter der einfühlsamen Leitung von GMD Gabriel Feltz, zeigten sich bestens aufgelegt und sorgten für eine effektvolle Symbiose von Musik und Bildschirmprojektionen. Die Moderation übernahm humorvoll Peter Saurbier, der auch als Sänger (u. a. mit „Thriller“ von Michael Jackson, arrangiert von Andres Reukauf) beeindruckte. Zudem war Saurbier für Regie und Konzept verantwortlich und produzierte Einspielfilme. Mit ihrer starken Stimme bereicherte Sängerin Sarah Gadinger die Aufführung und bewies eindrucksvoll, wie selbst aus dem friedlichen „Ave Maria“ ein Horrorerlebnis entstehen kann.
Grusel-Hits und schaurige Hollywood-Klänge
Neben einer Vielfalt an Hollywood-Horrorhits, komponiert von renommierten Künstlern wie Jerry Goldsmith („Thema aus Alien“) und Ray Parker Jr. („Ghostbusters Main Title“), erhielt das Publikum spannende Einblicke in die Entwicklung des Genres. Die Programmauswahl enthielt Werke von Hollywood-Größen wie John Williams, Jerry Goldsmith, Howard Shore, Danny Elfman und dem polnischen Komponisten Wojciech Kilar, die sich oft von spätromantischer Musik oder Kirchenmusik inspirieren ließen. Der Philharmonische Chor des Dortmunder Musikvereins, unter der Leitung von Granville Walker, beeindruckte dabei ebenfalls. Besonders eindrucksvoll war Goldsmiths verfremdete Klangwelt gregorianischer Choräle für „Das Omen“. Alfred Hitchcocks Hauptkomponist, Bernard Herrmann, verwendete avantgardistische Psycho-Klänge und Horror-Komödien wie die „Addams Family“ brachten Humor in das Genre, wodurch sich das Konzept „Horror kann auch Spaß machen“ durchsetzte.
Leka Hindenburg von den Dortmunder Philharmonikern macht auch eine gute Figur als Vampir. (Foto: (c) Sophia Hegewald)
Tänzer*innen der „The Michael Jackson Tribute Show“ unterstützten Peter Saurbier tatkräftig beim „Thriller“-Arrangement, während fantasievoll geschminkte und ausgestattete Statist*innen des Stadttheaters mit ihren schaurig-schwarzen Kostümen für wohlige Schauermomente sorgten. Besonders geheimnisvoll wirkte die moderne Musik des 20. Jahrhunderts in „Polymorphia“ von Krzysztof Penderecki, die für eine ungewöhnliche Besetzung mit 48 Streichern komponiert wurde.
Zum Abschluss des gelungenen Konzerts überraschte Sarah Gadinger in der Rolle der Tochter Wednesday aus dem Addams Family Musical mit einer weiteren eindrucksvollen Kostprobe ihres Könnens.
Die verbindend-magische Kraft der Musik
Das ursprünglich für Anfang Juni 2024 geplante Konzert „Iberia < 1492“ von Orpheus XXI NRW im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals konnte am 27. Oktober 2024 schließlich im Reinoldihaus Dortmund stattfinden. Geleitet wurde es von dem syrischen Komponisten, Sänger und Musiker Rebal Alkhodari.
Orpheus XXI NRW begann als interkulturelles Projekt, das geflüchtete Musiker*innen mit Talent unterstützt und ihnen eine Plattform bietet. Daraus entstand der „Chor der neu Angekommenen“, der seit Mai 2018 unter der Leitung von Alkhodari eine fast symbiotische Mischung aus arabischer und europäischer Musik entwickelt. Zum Ensemble gehören rund 20 Sängerinnen und Musiker*innen an traditionellen Instrumenten aus Syrien, Ägypten, Jordanien, Kurdistan, Palästina, Iran und Deutschland.
Orpheus XXI NRW – Kulturelle Vielfalt und die verbindende Kraft der Musik
Das Jahr 1492 markierte für „al-Andalus“ ein einschneidendes Ereignis, als die arabisch-berberische Herrschaft in Andalusien mit der Übergabe Granadas an die spanischen Könige endete. Über sieben Jahrhunderte hinweg hatten Muslime, Christen und Juden in Andalusien relativ friedlich zusammengelebt und kulturell wie sozial interagiert. Das Konzert zeigte eindrucksvoll, wie Musik als universelle Sprache überlebenswichtige Kraft schenken und Menschen in existenziell bedrohlichen Situationen vereinen kann.
Das Ensemble von Orpheus XII NRW mit dem Leiter Rebal Alkhodari. (Foto: Klangvokal Musikfestival)
Die individuell gestalteten Arrangements der Lieder aus Griechenland, Spanien, Marokko, Syrien, Kurdistan und der Berberkultur spiegelten die Vielfalt des musikalischen Erbes Andalusiens vor 1492 wider. Chorleiter Alkhodari begleitete das Ensemble mit heller, eindringlicher Stimme und spielte zudem Klavier. Verschiedene Chormitglieder überzeugten als Solist*innen, während die Musiker*innen an Violine, Oud, Santur, Kamanche und Percussion das Publikum durch ihr einfühlsames Spiel in ihren Bann zogen und bei den Instrumentalstücken eine eigene, faszinierende Klangwelt schufen.
Das Konzert ermöglichte es dem Publikum, die fremde, arabische Klangwelt näher kennenzulernen und verband kulturelle Unterschiede in einer einheitlichen musikalischen Erfahrung.
Kammerkonzert an einem außergewöhnlichen Ort
Die Kokerei Hansa ist ein Architektur- und Industriedenkmal in Huckarde, das unter anderem für Kunst- und Kulturveranstaltungen genutzt wird. Bereits in der vergangenen Spielzeit fand ein Kammerkonzert in der Kompressorenhalle statt, und am 24. Oktober 2024 diente das Salzlager als Konzertort.
Im Salzlager wurde früher Ammoniumsulfat gelagert, ein Nebenprodukt der Koksherstellung, das als Dünger verwendet wurde. An diesem Abend zeugten nur noch die Förderbänder und Maschinen von dieser Vergangenheit. Im Mittelpunkt standen neun Musiker der Dortmunder Philharmoniker, die ein abwechslungsreiches Programm darboten.
Beethoven, Klein und Mozart im Fokus
Das Oktett in Es-Dur, op. 103, von Ludwig van Beethoven wurde vermutlich zwischen 1792 und 1793 komponiert, in einer Phase, als Beethoven noch stark vom Stil der Wiener Klassik und insbesondere von Mozart beeinflusst war. Ursprünglich für zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Hörner und zwei Fagotte geschrieben, trägt das Werk eine leichte, unterhaltsame und charmante Note und gehört zur sogenannten Harmoniemusik, einer Form höfischer Bläsermusik.
Mit dabei: Alina Heinl (Klarinette). Foto: (c) Leszek Januszewski.
Ein bedrückendes Zeitzeugnis ist das Divertimento für Bläseroktett von Gideon Klein. Der tschechische Komponist verarbeitete in diesem Werk die Besetzung seines Landes durch die Wehrmacht. Es offenbart eine bemerkenswerte künstlerische Tiefe und formale Raffinesse, die die Tragik und zugleich die künstlerische Widerstandskraft des Komponisten unter schwierigen Bedingungen widerspiegelt.
Mozarts Serenade in c-Moll, KV 388, auch als Bläseroktett oder Nachtmusique bekannt, hebt sich von der sonst heiteren und geselligen Tradition der Serenade ab. Komponiert um 1782 für zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Hörner und zwei Fagotte, verleiht die Tonart c-Moll dem Werk eine ungewöhnlich ernste und dramatische Ausdruckskraft, die klassische Erwartungen an das Genre durchbricht.
Ein gelungener Kammermusikabend in einer außergewöhnlichen Umgebung. Mitwirkende waren Reika Kosaka und Stefanie Dietz (Oboe), Alina Heinl und Amely Preuten (Klarinette), Minori Tsuchiyama und Pablo Gonzáles Hernández (Fagott), Sofie Herstvik Berge und Peter Loreck (Horn) sowie Tomoko Tadokoro (Kontrabass).
Musikalisches Rom-Porträt der besonderen Art
Das 2. Philharmonische Konzert in Dortmund führte am 15./16. Oktober 2024 unter dem Titel „Roma aeterna – Ewige Stadt“ musikalisch in die Hauptstadt Italiens. Auf dem Programm im Konzerthaus stand die „Rom-Trilogie“ (entstanden 1916–1928) von Ottorino Respighi (1879–1936). Dem Komponisten gelang damit eindrucksvoll der Nachweis, dass Italiener auch großartige Orchestermusik schreiben können. Die Zuhörenden wurden in die Tiefe der Geschichte Roms entführt, und die Schönheit der italienischen Landschaft wurde spürbar.
Die drei Werke wurden sensibel von den Dortmunder Philharmonikern unter der lebhaften Leitung von Gabriel Feltz (GMD) interpretiert. Die Stücke sind jeweils in vier pausenlos ineinander übergehende Sätze gegliedert, die unterschiedliche Stimmungen und Sujets darstellen.
Der Konzertabend begann mit der Symphonischen Dichtung „Fontane di Roma“ (Brunnen von Rom). Der Weg führte von der geheimnisvollen Morgendämmerung bei der Villa Borghese über den Triton-Brunnen, bei dem die Wasserspiele vor den Augen der Zuhörer lebendig wurden. Weiter ging es zum berühmten Trevi-Brunnen bis in die Abenddämmerung bei den Gärten der Villa Medici.
Generalmusikdirektor Gabriel Feltz dirigierte die Dortmunder Philharmoniker mit voller Kraft. (Foto: (c) Andy Spyra)
Es folgte der letzte Teil der Trilogie, „Feste Romane“, ein deutlicher Kontrast. Zunächst entführt das Werk in die dramatisch-grausame Zeit der Christenverfolgung, dann in das Pilgerleben des Mittelalters. Die letzten beiden Sätze widmen sich dem modernen Christentum im 20. Jahrhundert. Die musikalische Reise führt von einem Oktoberfest, das der Weinlese gewidmet ist und von Mandolinenklängen begleitet wird, bis zum ausgelassenen Dreikönigsfest auf der Piazza Navona. Diese Abschnitte zeigen die beeindruckende Vielfalt der Musik und die Bildhaftigkeit der Klänge, ebenso wie Respighis grandiose Instrumentation. Eine besondere Herausforderung für alle Beteiligten auf der Bühne.
Ein Klangfeuerwerk in „Pini di Roma“
Nach der Pause erhellte „Pini di Roma“ die Atmosphäre mit unbeschwert spielenden Kindern in den Pinienhainen der Villa Borghese. Dieser Beginn in der Morgendämmerung gleitet unvermutet in die düsteren Katakomben mit wehmütigen Klängen. Der dritte Satz, eher naturalistisch geprägt, ließ in einer Nacht auf dem Gianicolo zauberhafte Klänge und sogar eingespielte Vogelstimmen erklingen.
Der letzte Satz spielt auf der alten Heerstraße „Via Appia“. Mit dem Einsatz von Buccinen (Naturhörnern) wird der triumphale Einzug römischer Soldaten schmetternd begleitet. Die Musik steigert sich in Dramatik, und ein Gefühl der Bedrohung macht sich breit, bis am Ende nur noch Aggressivität übrig bleibt.
Die Dortmunder Philharmoniker, unter der Leitung des sich körperlich stark einbringenden Gabriel Feltz, konnten erneut ihr Können eindrucksvoll unter Beweis stellen.
Spanisches Temperament mit Al Ayre Español
Italien, Frankreich, Deutschland oder England: Diese Länder sind bekannt für ihre Rolle im Barock. Aber Spanien? Das Ensemble Al Ayre Español bewies am 11. Oktober 2024 im Reinoldihaus beim Festival Klangvokal, wie bereichernd das musikalische Erbe Spaniens im 17. Jahrhundert war. Schon 2015 hatte das Ensemble in der Marienkirche beeindruckt.
Die Volksmusik prägte die spanische Barockmusik entscheidend. Bei jedem Stück spürten die Zuhörer*innen die Magie alter Volkslieder, die im Programm „¡oigan, miren y vengan a ver!“ (Hör, schau und komm und sieh!) zum Leben erweckt wurden. Auch die Gitarre spielte eine zentrale Rolle und hatte in vielen Werken eine Schlüsselposition.
Moderne Erstaufführungen spanischer Barockwerke durch Al Ayre Español
Eduardo López Banzo, der Leiter des Ensembles, transkribierte die meisten Stücke aus Originalmanuskripten. So wurden Werke von Komponisten wie Matías Juan de Veana oder Sebastián Durón nach Jahrhunderten wieder lebendig. Zwei Sonaten von Arcangelo Corelli, die italienische Akzente setzten, ergänzten das Programm.
Mit spanischer BArockmusik überzeugte das Ensemble „Al Ayre Español“ das Publikum bei Klangvokal. (Foto: (c) Klangvokal)
Trotz der eher sakralen Themen blieb die fröhliche Stimmung der Volksmusik stets präsent und sprang schnell von der Bühne auf das Publikum über. Den Höhepunkt bildete „¿Ola qué?“ (Was nun). Duróns Villancico, vorgetragen von allen Musikerinnen des Al Ayre Español und den Sängerinnen von Vozes del Ayre, riss das Publikum beinahe von den Stühlen. Das Konzert zeigte eindrucksvoll, wie lebendig und mitreißend spanische Barockmusik sein kann – und wie sie frischen Wind in die Konzertwelt bringt.
Zeitinsel Beat Furrer – Auf der Suche nach den Grenzen von Sprache und Klang
Mit vier Konzertabenden würdigte das Dortmunder Konzerthaus das Wirken des schweizerischen Komponisten Beat Furrer mit einer Zeitinsel. Furrer, der in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag feiert, war selbst anwesend und dirigierte an zwei Tagen seine Werke. Ein Bericht über die vier Zeitinseltage.
Zeitinsel Beat Furrer Tag 1 – Enigma Zyklus
Der Donnerstag, der 03.10.24, präsentierte gleich zwei Avantgardisten der Musik. Neben Beat Furrer wurden noch Kompositionen von Giovanni Gabrieli gespielt, der den Übergang zwischen Renaissance und Barock mitgeprägt hat.
Doch der Schwerpunkt lag auf dem Zyklus „Enigma“. Beat Furrer benutzt dabei Texte des Universalgelehrten Leonardo da Vinci. Die Fragmentierung der Texte und ihre oft wissenschaftlich-philosophische Natur stehen im Einklang mit Furrers musikalischer Sprache, die das Publikum in einen Zustand des Suchens, Fragens und der ständigen Veränderung versetzt. Furrer experimentiert in „Enigma“ mit der menschlichen Stimme als Instrument, zerlegt Sprache in ihre klanglichen Elemente und schafft dadurch eine komplexe, spannungsgeladene Klangwelt.
Die barocken Kompositionen von Gabrieli, Orlando di Lasso und Antonio Lotti fügten sich überraschenderweise gut in die eher avantgardistische Musik Furrers ein. Das ist auch dem Chorwerk Ruhr zu verdanken, das unter der Leitung von Zoltán Pad eine bravouröse Leistung zeigte.
Zeitinsel Beat Furrer Tag 2 – Schubert und Furrer
Die Kombination zwischen dem Romantiker Franz Schubert und dem Avantgardisten Beat Furrer klingt auf den ersten Blick merkwürdig, doch vielleicht gibt es ja Gemeinsamkeiten, beispielsweise in der Schaffung atmosphärischer Klangwelten.
Den Beginn am 04.10.24 machte Furrers Violinkonzert, die Solistin war Noa Wildschut, die in der vergangenen Spielzeit bereits in einem Kammerkonzert der Dortmunder Philharmoniker musiziert hatte. Furrer setzt in der Solovioline zahlreiche erweiterte Spieltechniken ein, um die klanglichen Möglichkeiten des Instruments zu erweitern. Dazu gehören Flageoletts, Sul Ponticello (Spielen nahe am Steg), Sul Tasto (Spielen über dem Griffbrett) und perkussive Klänge. Diese Techniken erzeugen ungewöhnliche Klangfarben, die das Konzert über die traditionellen Klangmöglichkeiten eines Violinkonzerts hinausführen. Das machte die Sache für Wildschut herausfordernd. Begleitet wurde Wildschut vom WDR Sinfonieorchester.
Im dritten Satz gesellt sich ein Akkordeon als „Vermittler“ zum Orchester hinzu, zieht sich gegen Ende aber wieder zurück. Freund oder Feind der Violine? Ein spannendes Konzert.
Franz Schuberts 4. Sinfonie in c-Moll, auch bekannt als die „Tragische“, ist ein Werk, das sich stilistisch zwischen der Klassik und der Frühromantik bewegt. Sie entstand 1816, als Schubert erst 19 Jahre alt war, und ist geprägt von starken dramatischen Kontrasten sowie einer intensiven Auseinandersetzung mit der klassischen Form. Die Wahl der Tonart c-Moll, die oft mit Schicksal und Ernsthaftigkeit assoziiert wird, verstärkt diese dramatische Wirkung. Schubert setzt in dieser Sinfonie auf starke dynamische Kontraste und ausdrucksstarke Harmonien, die eine dunkle, spannungsreiche Atmosphäre schaffen. Beat Furrer dirigierte das WDR Sinfonieorchester.
Das Konzerthaus Dortmund widmete dem Komponisten Beat Furrer eine eigene Zeitlinsel. (Foto: (c) Manu Theobald)
Zeitinsel Beat Furrer Tag 3 – Klangkosmos Furrer
Wieder eine Kombination mit Werken aus der Vergangenheit, diesmal aus dem 14. Jahrhundert, mit Werken von Beat Furrer. Zwei spannende Werke von Furrer gefielen mir besonders. Die Kombination zwischen Sopran und Saxophon („In mia vita da vuolp“) sowie zwischen Sopran und Posaune („Spazio immergente“) erforschte die Koexistenz zwischen Stimme und Instrument. Beide suchen und finden sich, entfernen sich voneinander, spielen miteinander und gehen sich aus dem Weg.
Passend dazu die Musik aus dem 14. Jahrhundert. „Fumeux fume par fumée“, komponiert von Solage um 1390, ist ein außergewöhnliches Werk aus dem Ars Subtilior, einem Stil der mittelalterlichen Musik. Die Texte beschreiben eine „raucherfüllte“ Atmosphäre und spielen mit Themen wie Dunkelheit, Verwirrung und möglicherweise Trunkenheit. Sowohl die Musik als auch die Worte schaffen eine surreale und traumhafte Stimmung.
Im Mittelpunkt stand „Akusmata“ von Beat Furrer. Es ist ein Werk für acht Stimmen und acht Instrumente, das 2019/2020 komponiert wurde. Es ist inspiriert von den geheimnisvollen und teils rätselhaften Sprüchen, die Pythagoras zugeschrieben werden. Furrer verarbeitet diese Sprüche musikalisch, indem er die harmonischen Strukturen dekonstruiert und die Beziehung zwischen Stimme und Instrument neu gestaltet. Das Ergebnis ist eine dichte und sich ständig verändernde Klangwelt, die den Hörer in eine mystische und nur im Ohr existierende Realität führt.
An dem Abend wirkten mit: Cantando Admont, das Klangforum Wien mit Cordula Bürgi als Dirigentin, Johanna Zimmer als Sopran, Gerald Preinfalk (Saxophon) und Mikael Rudolfsson an der Posaune.
Zeitinsel Beat Furrer Tag 4 – Begehren
Der letzte Abend der Zeitinsel Beat Furrer gehörte seiner Oper „Begehren“. Das Werk ist nicht als traditionelle Oper konzipiert, sondern als eine experimentelle Form von Musiktheater. Furrer bricht die lineare Erzählstruktur auf, indem er verschiedene Texte und musikalische Ebenen miteinander verschränkt. Die Gesangsstimmen und Instrumente interagieren auf vielschichtige Weise, wobei die Musik oft fragmentarisch und dissonant ist, was die Unmöglichkeit des Begehrens musikalisch darstellt. Die Geschichte ist angelehnt an die antike Erzählung von „Orpheus in der Unterwelt“, einem der ältesten Opernstoffe.
Ein zentrales Element von „Begehren“ ist die Interaktion von Stimme und Sprache. Die musikalischen Linien der Sänger sind oft zersplittert, fast gesprochen, was der expressiven Tiefe des Textes eine zusätzliche Dimension verleiht. Die Klanglandschaft ist geprägt von wiederholten Motiven, die Spannung und Unruhe erzeugen, was das zentrale Thema der unerfüllten Sehnsucht verstärkt.
Wieder waren Cantando Admont sowie das Klangforum Wien involviert. Sarah Aristidou spielte SIE, Christoph Brunner sang und sprach die männliche Hauptrolle. Beat Furrer dirigierte seine Oper selbst.
Somit gingen vier intensive Abende zu Ende, die den Komponisten Beat Furrer gut präsentierten. Es war zeitgenössische klassische Musik, und es war klar, dass es nicht jedermanns Geschmack traf. Dennoch war es eine spannende Auseinandersetzung mit Musik und Musikformen, die im üblichen, von Musik der Romantik geprägten Konzertleben selten vorkommt.
Ein musikalisch-klassischer Rundgang der besonderen Art
Das Wiener Klassik Konzert der Dortmunder Philharmoniker entführte das Publikum auf einen musikalisch-klassischen Rundgang durch die Welt bekannter Kompositionen dieser Epoche. Wie damals üblich, übernahm die 1984 in Frankreich geborene Geigerin Chouchane Siranossian gleichzeitig das Dirigat.
In einer kleineren Besetzung des Orchesters, bestehend aus Streichern, begann das Konzert mit Wolfgang Amadeus Mozarts (1756–1791) „Eine kleine Nachtmusik“ (G-Dur KV 525). Dieses viersätzige, wohl berühmteste Werk des Komponisten, besticht durch seine unbeschwerte, variationsreiche und ausdrucksstarke Musik.
Beim Violinkonzert in C-Dur in C-Dur von Johann Christian Bach zeigte Chouchane Siranossian ihr Können. (Foto: Timo Klostermeier/pixelio.de)
Beim folgenden Violinkonzert in C-Dur von Johann Christian Bach (1735–1782) wurden die Streicher durch Blasinstrumente unterstützt. In dieser Sinfonie bewegt sich Bach-Junior in den drei Sätzen auf der Grenze zwischen den Epochen und wechselt dabei ständig die musikalische Richtung. Die Komposition weist mal voraus auf den frühen Mozart, dann wieder zurück auf Antonio Vivaldi. Ein interessantes Hörerlebnis und technisch herausfordernd für die Philharmoniker und die Gast-Violinistin. Johann Christian Bach, der jüngste Sohn von Johann Sebastian Bach, lebte übrigens einige Zeit in London, wo er auch den damals achtjährigen Mozart kennenlernte und in dessen musikalischer Entwicklung förderte.
Virtuosität und Melancholie
Wie virtuos Siranossian ihr Instrument beherrscht, zeigte sie auch in ihrer rasanten und anspruchsvollen „italienisch-barocken“ Zugabe vor der Pause.
Die Sinfonie Nr. 45 in fis-Moll, die sogenannte „Abschiedssinfonie“ (Hob. I:45) von Joseph Haydn (1732–1809), unterscheidet sich nicht nur durch die Grundtonart von den beiden vorherigen Kompositionen. Die finstere, melancholische und vom Sturm und Drang beeinflusste Stimmung zieht sich durch alle vier Sätze. Ein leidenschaftlicher und erregter Grundton prägt insbesondere den ersten und den vierten Satz. Der zweite Satz, der düster und langsam vorantreibt, mündet in einen kontrastreichen dritten Satz (Menuett).
Im vierten Satz, der der Sinfonie ihren Namen verleiht, verabschieden sich die Musiker*innen nach einer spannungsgeladenen Choreografie nacheinander von der Bühne, bis am Ende nur noch zwei einsame Geigen übrigbleiben.
Wiedergeburt einer Dortmunder Sinfonie
Eduard Wilsings großes Werk im Konzerthaus
Ein weiterer Meilenstein im Hinblick auf das Wiederentdecken des im Jahr 1809 in Hörde geborenen Komponisten der Romantik Daniel Friedrich Eduard Wilsing fand am Sonntag mit der Wiederaufführung seiner Sinfonie in D-Dur im Konzerthaus Dortmund statt. Das umfassende Wirken und Lenken von Gerhard Stranz hat dazu geführt, dass die Aufführung des Werkes mit Unterstützung vieler Vorbereiter und Mitwirkender möglich wurde. Das Dortmund Jugendsinfonieorchester DOJO unter der Leitung von Achim Fiedler hatte das Werk, für das es keine Aufführungsvorbilder gab, erschlossen. Eingebunden in ein komplettes Konzertprogramm, sogar der Uraufführung einer Auftragskomposition fand das Werk eine begeisterte Resonanz im ausgebuchten Konzerthaus. Ein historischer Abriss des Leiters der Kulturbetriebe der Stadt, Dr. Stefan Mühlhofer, über die Einordnung des Werkes von Eduard Wilsing in die Geschichte des Dortmunder Musiklebens ergänzte dieses musikalische Highlight.
Vor 191 Jahren entstanden, vor 182 Jahren im Festsaal der Gesellschaft Casino vom „Liebhaber Concert“, einem Vorläufer der Dortmunder Philharmoniker uraufgeführt, wurde diese Sinfonie vielleicht nur ein einziges Mal wiederaufgeführt, galt dann über lange Zeit als verschollen. Dem zielstrebigen Erkunden von Gerhard Stranz in den letzten Jahren ist es zu verdanken, dass auch diese Sinfonie sowie mehr als einhundert weitere Werke des Komponisten wieder bekannt und verfügbar wurden. Ein namhafter Kollege und Zeitgenosse Wilsings, Robert Schumann, hatte dessen Wirken nicht nur hoch gelobt. Auch zwei Werke von ihm stellte das DOJO der Sinfonie voran: Die Ouvertüre zu Shakespeares „Julius Caesar“ und den Kopfsatz aus Schumanns Cello-Konzert. Einem professionellen Orchester standen die etwa 80 jungen Musiker kaum nach. Auch die Solistin war ein Eigengewächs von DORTMUND MUSIK: Die 19-jährige Cellistin Maria Bovensmann, die bald ihr Musikstudium aufnehmen wird.
Das Dortmunder Jugendorchester unter der Leitung von Achim Fiedler spielten unter anderem die Sinfonie in D-Dur von Eduard Wilsing. (Foto: (c) privat)
Pathetisch eröffnete ein Hornsextett die Ouvertüre. Fiedler am Pult hielt die Spannung hoch, brachte die Jugendlichen dazu, Spitzenleistung abzuliefern. Drei Akkorde des Orchesters eröffneten das Cello-Konzert, bevor die Solistin mit zarten ebenso wie kraftvoll ansetzenden Strichen einsetzte. Sanfter Musikfluss, mit Akzenten des lustvoll aufbegehrenden Orchesters garniert, bestimmten diesen Satz. Dramatik, eine besondere Klangfarbe aus Pizzicato der Streicher und Flötenlinie im Finale. Großer Jubel war der jungen Solistin sicher. Doch Fiedler und der Direktor von DORTMUND MUSIK, Stefan Prophet, boten mehr auf, als das Flaggschiff DOJO. Mit einem Auftrag an den Kompositionslehrer der Dortmunder Musikschule, Gianluca Castelli, bekamen auch die Sinfonietta und das Dortmunder Kinderorchester DOKIO die Möglichkeit, sich einzubringen. Castelli nahm das Material der beiden Schumann-Werke, wie auch einen Auszug der Wilsing-Sinfonie zur Grundlage für sein auf die Fähigkeiten der beiden Vororchester abgestimmtes Werk „Der Schmetterlingseffekt“, anspielend auf Wilsings Gesänge vom Schmetterling. So konnten dann über zweihundert Kinder und Jugendliche gemeinsam bei einem Teil des Programms mitwirken. Zum DOJO auf der Bühne gesellten sich dahinter die Jüngsten des DOKIO und ihre mitwirkenden Betreuer, während die Sinfonietta sich auf der Orgelempore postierte. So leise er heranflatterte, so trumpfte dieser Schmetterling volltönend auf, wanderte von einer Instrumentengruppe zur nächsten, verhallte schließlich leise. Eine große Leistung der Vororchester, teils mit Kindern im Grundschulalter.
Wilsings Sinfonie erklingt wieder in Dortmund
Nach Mülhofers Ausführungen und Danksagungen an Gerhard Stranz als treibende Kraft sowie an Sponsoren, Herausgebern und Verleger war es schließlich so weit: Das DOJO präsentierte erstmals nach 180 Jahren wieder die Sinfonie in der Heimatstadt des Komponisten. Dazu wechselten die Streicher von der amerikanischen in eine Abart der deutschen Orchesterbesetzung, saßen die zweiten Violinen zwar den ersten gegenüber, jedoch rückten Bratschen und Celli lediglich auf, ohne die Plätze zu tauschen. Kraftvollem Einstieg ins Adagio, wiegender Melodie und an Beethoven erinnernden dramatischen Akzenten folgten frech auftrumpfende Streicher, lustig marschierendes Tutti-Spiel. Leichtfüßige Momente, nonchalant Erzählendes, sanft Schwelgendes förderte Fiedler zutage. Süßlicher Auftakt, blühende Streicherklänge, erzählerischer Duktus, durch Moll-Passagen bereicherte Farbigkeit kennzeichneten das Andante. Aufwühlend, bald sanft hüpfend, ließen im Menuetto, eigentlich eher einem Scherzo, die Akzente zusammenzucken. Eine Oboenlinie bezauberte die Zuhörer, unterbrochen vom Gewitter der Streicher. Ins Allegro molto starteten die Jugendlichen übergangslos mit einem Fugato der Streicher, wild und ungestüm. Marschierend, aufpeitschend, mit feurigen Repetitionen, vollem Blech schließlich ging es aufbegehrend dem Finale entgegen. Den großen Jubel teilte Fiedler schließlich geordnet den Instrumentengruppen zu.
Zu einem abschließenden Empfang trafen alle Beteiligten rund um Vorbereitung, Organisation und Mitwirkung in der WILO-Lounge des Konzerthauses zusammen. Mit zahlreichen Wortbeiträgen wurden auch die im Konzert nicht wahrnehmbaren Leistungen aufgezeigt. Ehrengäste wie die Familienangehörigen Wilsings waren angereist, sogar aus dem schottischen Edinburgh.