Zwei musikalische Gipfelwerke der Romantik

Das 5. Philharmonische Konzert am 24./25.02.2026 im Dortmunder Konzerthaus unter dem Titel „Brahms/Elgar“ entführte die Anwesenden musikalisch in die Zeit der Romantik an der Wende zum 20. Jahrhundert. Zwei Werke – variationsreich, tiefsinnig, reichhaltig in der formalen Gestaltung und von hoher emotionaler Ausdruckskraft – standen auf dem Programm.
Die erste Hälfte gehörte dem Violinkonzert D-Dur op. 77 von Johannes Brahms (1833–1897). Hierfür hatten die großartig aufgelegten Dortmunder Philharmoniker die renommierte italienisch-amerikanische Geigerin Francesca Dego als Solistin gewinnen können. Die musikalische Leitung der beiden Abende übernahm der amerikanische Dirigent Kenneth Woods. Dieser hat, ebenso wie der britische Komponist Edward Elgar (1857–1934), eine enge Verbindung zur englischen Stadt Worcester. Ein besonderer Bezugspunkt.

Die Violonistin Francesca Dego begeisterte das Publikum im Konzerthaus (Foto: (c)  Davide Cerati )
Die Violonistin Francesca Dego begeisterte das Publikum im Konzerthaus (Foto: (c) Davide Cerati )

Das Violinkonzert von Brahms entfaltet oft eine helle, idyllische Grundstimmung, die von Francesca Dego empathisch vermittelt wurde. Im ersten Satz mit der Kadenz von Ferruccio Busoni (als Reminiszenz an die Kadenz von Beethoven) wird die Violine von der Pauke begleitet. Der zweite Satz ist musikalisch mit einer gelungenen Balance zwischen Orchester und Soloinstrument intensiv-romantisch ausgestaltet. Brahms’ Violinkonzert entstand am Wörthersee. Diese schöne Natur fand durch die Horninstrumente eine besondere Ausdrucksform. Der temperamentvolle, an ungarische Tänze erinnernde dritte Satz verlangte der Solovioline höchste Virtuosität und großes Können ab. Dego gelang es wunderbar, tiefe Empfindsamkeit, Melancholie und Dramatik über ihr Instrument zu transportieren.
Nach der Pause wurde das Publikum mit Edward Elgars „Enigma-Variationen über ein Originalthema op. 36“ in die Zeit des Britischen Empires an der Wende zum 20. Jahrhundert geführt. Enigma bedeutet „Rätsel“. Der Komponist hat in den Variationen Porträts der verschiedenen Charaktere von Bekannten und Verwandten musikalisch verschlüsselt. Auch ein Selbstporträt soll darunter sein. Es bleibt ein geheimnisvolles Werk. Die Musik der einzelnen Variationen ist dementsprechend sehr vielfältig: manchmal romantisch-melancholisch, dann wieder sprunghaft oder aufbrausend. Dies war eine große Herausforderung für das gesamte Orchester, die hochprofessionell und mit viel Herzblut gemeistert wurde.




Marathon der jungen Talente: Ein Sternstunden-Abend im Konzerthaus Dortmund

Am Samstagabend lud das Konzerthaus Dortmund zu einem musikalischen Kraftakt der besonderen Art ein. Unter dem Titel „Junge Wilde – Rising Stars“ präsentierten sich die von den europäischen Konzerthäusern nominierten Nachwuchstalente in einem mehrstündigen Konzertmarathon. Dass das Publikumsinteresse enorm war und sich der Saal selbst nach der zweiten Pause kaum leerte, spricht Bände über die Qualität dieses abwechslungsreichen Abends. Durch das Programm führte charmant und sachkundig Marlis Schaum.

Von Mendelssohn zu einer spontanen Meisterleistung

Den Auftakt machte das italienische Trio Concept. Mit Felix Mendelssohn Bartholdys Klaviertrio Nr. 1 in d-moll op. 49 zeigten Edoardo Grieco (Violine), Francesco Massimino (Violoncello) und Lorenzo Nguyen (Klavier) leidenschaftliches Zusammenspiel und romantisches Pathos.

Die Rising Stars 2026. (Foto: (c) Jörg Neumann)
Die Rising Stars 2026. (Foto: (c) Jörg Neumann)

Im direkten Anschluss bewies der Pianist Lorenzo Nguyen eiserne Nerven: Er sprang spontan für den eigentlichen Begleiter ein und führte gemeinsam mit der isländischen Sopranistin Álfheiður Erla Guðmundsdóttir durch ein komplett umgestelltes Programm. Das neue Set spannte einen beeindruckenden Bogen von Henry Purcells hypnotischem „Music for a while“ über romantische Klassiker von Schubert und Grieg bis hin zur rauen Intensität von Samuel Barbers „The Crucifixion“. Die nordische Heimat der Sängerin blitzte in Liedern von Jean Sibelius auf. Auch das für sie komponierte ECHO-Auftragswerk „Náðarstef“ (Lieder der Barmherzigkeit) von María Huld Markan Sigfúsdóttir fand in Auszügen seinen verdienten Platz.

Zwei Instrumente, ein Präludium: Der faszinierende Bach-Vergleich

Der Mittelteil des Abends bot einen der spannendsten Hörmomente des Konzerts. Die österreichische Cellistin Valerie Fritz schlug eine Brücke von der klassischen Tradition in die experimentelle Moderne. Nach ihrem eindringlichen Spiel des Präludiums aus Johann Sebastian Bachs 2. Cellosuite in d-moll zeigte sie im Auftragswerk „The sheer task of being alive“ von Jennifer Walshe ihre theatralischen und performativen Qualitäten.

Besonders reizvoll war der direkte Übergang zu Áron Horváth am ungarischen Cymbal. Er begann sein Set exakt mit demselben Bach-Präludium – eine seltene Gelegenheit, dieses ikonische Werk im unmittelbaren Kontrast auf einem geschlagenen statt auf einem gestrichenen Instrument zu erleben. Horváths Programm war im weiteren Verlauf von einer überwiegend meditativen, schwebenden Atmosphäre geprägt, bevor er zum krönenden Abschluss seines Blocks noch einmal richtig wild wurde und eine feurige Energie entfesselte.

Ein furioses Finale voller Energie

Den Schlusspunkt setzte das portugiesische Maat Saxophone Quartet. Mit dem ECHO-Auftragswerk „Four faces, four wings“ von Aleksandra Vrebalov brachten sie einen kraftvollen musikalischen Ruf nach Frieden auf die Bühne. Für wahre Begeisterungsstürme und lautstarken Applaus sorgte schließlich ihre mitreißende Quartett-Fassung von George Gershwins „Rhapsody in Blue“.

Als Zugabe bescherte das Ensemble dem Publikum einen echten Gänsehaut-Moment: Mit einer rein instrumentalen Interpretation der Stadionhymne „You’ll never walk alone“ bewiesen sie nicht nur musikalisches Feingefühl, sondern auch eine wunderbare Nähe zu ihrer Dortmunder Gastgeberstadt. Ein absolut gelungener Abschluss für einen langen, aber zu keinem Zeitpunkt ermüdenden Konzertabend.




Dortmunder Jugendorchester trifft heimische Philharmoniker

Am 09.02.2026 bot sich beim 2. Konzert für junge Leute unter dem Titel „DOJO meets Dortmund Philharmonic: America!“ wieder die Gelegenheit, die Dortmunder Philharmoniker unter der temperamentvollen Leitung von Olivia Lee-Gundermann gemeinsam mit dem DOJO (Dortmunder Jugendorchester) zu erleben. Thematisch drehte sich im Konzerthaus alles um die sich aus vielen Quellen speisende Musik der USA des 20. Jahrhunderts.

Zu Beginn stand die durch europäische Immigranten beeinflusste Musik von Leonard Bernstein (1918–1990) sowie George Gershwin (1898–1937) auf dem Programm. Engagiert geleitet von der Dirigentin, erweckten die Dortmunder Philharmoniker die dramatischen Klänge und Geschichten aus der „West Side Story“ (Bernstein) sowie „Porgy and Bess“ (Gershwin) instrumental und sinnlich zum Leben.

Anschließend ergänzte das Jugendorchester unserer Stadt mit musikalisch frischer Kraft die Philharmoniker auf der Bühne bei den folgenden Programmpunkten. Der afroamerikanische Einfluss wurde eindrucksvoll durch den 3. Satz „Juba Allegro“ aus der Sinfonie Nr. 4 d-Moll der Komponistin Florence Price (1887–1953) vermittelt. Der Titel bezieht sich auf den „Juba Dance“; Price gelang es hier erstmals, originäre afroamerikanische Musikelemente in eine Sinfonie einzubringen.

Das Jugendorchter und die Dortmunder Philharmoniker zusammen in einem Konzert. (Foto-Credit: Sophia Hegewald)
Das Jugendorchester und die Dortmunder Philharmoniker zusammen in einem Konzert. (Foto-Credit: Sophia Hegewald)

Europäisch geprägt war wieder der ruhige, etwas melancholisch klingende Satz „Molto Adagio“ aus dem „Adagio for Strings“ von Samuel Barber (1910–1981). In moderne Filmwelten führten dann bekannte, dramatische Melodien aus „Der weiße Hai“ und „Star Wars“ von John Williams (*1932).

Zum Abschluss gab es noch eine Zugabe aus „Indiana Jones“. Es ist erfreulich, dass auch dem Orchesternachwuchs die Möglichkeit geboten wird, sich einem großen Publikum zu präsentieren.




Gipfeltreffen der Siebten: Marek Janowskis triumphale Rückkehr zu den Dortmunder Philharmonikern

Es war mehr als nur das 4. Philharmonische Konzert am 27. Januar 2026 im Konzerthaus. Es war eine historische Rückkehr und ein musikalisches Statement. Als Marek Janowski, der die Dortmunder Philharmoniker bereits von 1975 bis 1979 als Generalmusikdirektor prägte, das Podium betrat, schloss sich ein Kreis. Auf dem Programm standen keine solistischen Kabinettstückchen, sondern zwei gigantische Monolithen der Romantik: Schuberts Siebte und Bruckners Siebte.

Man könnte diese mutige Zusammenstellung als eine Reise von der „Keimzelle“ zur „Kathedrale“ bezeichnen. Die Dramaturgie des Abends schlug eine historische Brücke: Schubert, der Urvater der romantischen Sinfonik, der mit seinem Mut zu langen, singenden Themen und atmosphärischen Wanderungen den Weg bereitete – und Bruckner, der diesen Stil später in gigantische Dimensionen führte. Ohne Schuberts Vorarbeit wäre Bruckners Klangkosmos kaum denkbar gewesen.

Von der himmlischen Länge zur architektonischen Tiefe

Beide Werke eint das Spiel mit der Zeit, doch auf völlig unterschiedliche Weise. Was Robert Schumann einst bei Schubert als „himmlische Länge“ bezeichnete, nutzt dieser für einen unaufhaltsamen, rhythmischen Puls. Es ist ein musikalisches „Ja“ zum Leben, strahlend, tänzerisch und voller Vorwärtsdrang trotz aller innewohnenden Melancholie.

Nach der Pause dann der Kontrast in der Energie: Bruckners Siebte in E-Dur. Hier wird die Zeit genutzt für einen monumentalen, fast sakralen Aufbau. Vom ersten, endlos strömenden Thema bis zum berühmten Adagio – der Totenklage für Richard Wagner – füllt die Musik Raum und Zeit auf eine Weise, die eher dem Besteigen eines Berggipfels gleicht als einer Wanderung im Tal.

Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.
Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.

Der Architekt am Pult

Dass dieses „schwere“ Programm nicht unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrach, ist dem Rückkehrer am Pult zu verdanken. Marek Janowski erwies sich einmal mehr als der „Architekt“ unter den Dirigenten. Er ist kein Mann des bloßen Pathos, sondern ein Analytiker, der Strukturen offenlegt.

Bei Schubert verhinderte Janowskis Zugriff konsequent, dass die „Große C-Dur“ im rein „Gemütlichen“ stecken blieb; stattdessen verlieh er ihr den nötigen Drive und rhythmische Schärfe. Bei Bruckner wiederum sorgte er mit struktureller Klarheit dafür, dass die riesigen Steigerungswellen nicht zerflossen, sondern sich logisch und zwingend aufbauten.

Ein Wiedersehen mit der „Janowski-Schule“

Für das Orchester war der Abend wie ein Wiedersehen mit einem strengen, aber hochgeschätzten Lehrmeister. Der spezifische, transparente Orchesterklang, den Janowski fordert, war deutlich zu hören. Es wirkte wie eine Rückbesinnung auf die eigene Identität und das Kernrepertoire der deutschen Romantik.

Dabei blieb Janowski seinem Ruf als „Anti-Star“ treu. Dass er zwei so massive Sinfonien ohne Solisten und ohne Beiwerk nebeneinanderstellte, passt perfekt zu seinem Ethos: Keine Mätzchen, die Musik soll für sich selbst sprechen. Es war ein puristisches Programm, das volles Vertrauen in die Substanz der Kompositionen setzte.

Eine Brücke in die Vergangenheit

Der langanhaltende Applaus am Ende galt nicht nur der künstlerischen, sondern auch der physischen Leistung. Für den 1939 geborenen Dirigenten ist ein solches Programm ein Kraftakt, der höchste Konzentration und Ausdauer verlangt. Dass er diese Energie mit weit über 80 Jahren noch aufbringt, rang dem Saal tiefen Respekt ab.

Besonders für jene Besucher, die Janowski noch aus den 70er Jahren kannten, war dieser Abend eine emotionale Brücke in die eigene Vergangenheit. In einer sich schnell verändernden Welt wirkte Janowskis Beständigkeit – als sachdienlicher, strenger Diener der Partitur – beruhigend und erdend. Ein großer Abend für Dortmund.




Eine Reise durch Jahrhunderte amerikanischer Musikgeschichte

Das Klangvokal Musikfestival Dortmund lud am 30. Januar 2026 zu einem besonderen Abend in das Reinoldihaus: Das renommierte Vokalensemble Chanticleer präsentierte sein Programm „OUR AMERICAN JOURNEY“. Der Anlass könnte kaum passender sein, begehen die Vereinigten Staaten in diesem Jahr doch ihren 250. Unabhängigkeitstag.

Das 1978 in San Francisco gegründete und mit einem Grammy ausgezeichnete Ensemble steht unter der Leitung von Tim Keeler. Es setzt sich aus sechs Countertenören, drei Tenören sowie drei Bässen bzw. Baritonen zusammen.

Die Sänger führten das Publikum auf eine abwechslungsreiche Reise durch mehrere Jahrhunderte und diverse Musikstile. Der Abend begann mit Werken aus spanischen und mexikanischen Chorbüchern des 17. Jahrhunderts, gefolgt von Klängen, die ihren Ursprung in den englischen Kolonien Nordamerikas haben. Auffällig war dabei die Stimmführung, die sich nur selten den strengen Regeln des formalen Kontrapunkts unterwarf.

Einen besonders tiefen Eindruck hinterließ vor der Pause das Stück „Un-Covered Wagon“, das Brent Michael Davids 2002 eigens für Chanticleer komponierte. Es nimmt Bezug auf den Stummfilm „The Covered Wagon“ (1923), der einen Siedlertreck von 1848 aus einer glorifizierenden Pionier-Perspektive zeigt. Davids bricht mit dieser einseitigen Sichtweise und dem Mythos der „unbewohnten Landschaft“. Stattdessen lenkt er den Blick – und das Gehör – auf die Ureinwohner, indem er indigene Musikelemente kunstvoll in das Werk integriert.

Das Programmhelft von Chanticleer."
Das Programmhelft von Chanticleer.“

Breiten Raum nahmen zudem der Shape-Note-Gesang sowie Spirituals und Gospels der afroamerikanischen Gemeinschaft ein. In den protestantisch-methodistischen Kirchen entwickelten sich diese Stile einst zu einem lebendigen Ausdruck der Freiheit für ehemals versklavte Menschen.

Mit „Hee-oo-oom-he“ von Toby Twining bot das Ensemble spannenden experimentellen Gesang: Markante Klänge, wechselnde Metren, Polyrhythmen sowie Techniken wie Vocal Fry, Jodeln und Hecheln forderten die Sänger heraus. Den Abschluss bildete ein Ausflug in die moderne Welt des Jazz und Pop.

Chanticleer glänzte nicht nur durch starke Solisten, sondern auch durch perfekte Intonation und klangliche Reinheit im Zusammenspiel der Stimmlagen – ein vielschichtiges und anspruchsvolles Programm, das meisterhaft umgesetzt wurde.




Kammerkonzert mit Ausnahmewerken der Klassik

Die Akademie für Theater und Digitalität in Dortmund war am 29.01.2026 der ausgewählte Ort für das 2. Kammerkonzert „Ausnahmewerke“.

Zwei Ausnahmewerke von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 – 1791) und Johannes Brahms ((1833 – 1897), zeigten einer Streichergruppe der Dortmunder Philharmoniker ihre virtuose Beherrschung des Instruments unter Beweis zu stellen. Das Publikum hatte Gelegenheit, den großen musikalischen Klangzauber nah zu erleben.

Am Anfang stand Mozarts umfangreichstes anspruchsvolles Instrumentalwerk „Divertimento Es-Dur KV 563 mit sechs vielschichtige, lebendig abwechslungsreich und fantasievoll gestaltete Sätze auf dem Programm.

Yang Li (Violine) sowie ihre beiden Kollegen Juan Ureña Hevia (Viola) und Emanuel Matz (Violoncello) boten in fluktuierenden, nicht statisch fest zugewiesenen Rollen ein kongeniales dreistimmiges Zusammenspiel.

Nach der Pause folgte Johannes Brahms „Streichquintett Nr. 2 G-Dur-op 111“.

Die Musiker des Kammerkonzerts (Foto: (c) Stina Wirth)
Die Musiker des Kammerkonzerts (Foto: (c) Stina Wirth)

Das Streichertrio wurde hierbei von Joowon Park (Violine) und Hindenburg Leka (Viola) engagiert unterstützt. Das viersätzige Werk beginnt mit einem kraftvollen Cellothema vor quasiorchestralem Hintergrund. Im weiteren Verlauf kam Brahms‘ Liebe zum Walzer zur Geltung. Der zweite Satz (Adagio) ist nicht nur ungewöhnlich harmonisiert, sondern zeichnet sich durch freie und unkonventionelle Variationen aus. Typisch für Brahms erscheint dann das Scherzo, das schattenhaft dahinhuschend und volkartigem Mittelteil daherkommt. Der Letzte Satz ist voll Übermut und weist auf die Faszination für ungarische Tänze hin. Er beendet das an Vielseitigkeit reiche Werk.

Eine besondere Zugabe gab es noch mit der sensiblen instrumentalen Interpretation des Schlafliedes „Guten Abend, gut Nacht“ (Brahms).




Märchen im Grand-Hotel – Eine Hommage an die 30er Jahre

Das luxuriöse Grand-Hotel in Cannes bildet die glamouröse Kulisse für einen rasanten Zusammenprall zweier Epochen: Hier versucht das „alte Europa“ verzweifelt, die Fassade zu wahren, während das „neue Amerika“ bereits mit der Scheckbuch-Mentalität an die Tür klopft.

Regisseur Jörg-Felix Alt beweist bei dieser Inszenierung ein glückliches Händchen. Er präsentiert das Stück als wunderbare Hommage an die 30er Jahre, ohne den modernen Witz zu vergessen. So streut er gekonnt Bonmots und sogar popkulturelle Referenzen ein – etwa das legendäre „Nein! – Doch! – Oh!“ von Louis de Funès –, was dem Abend eine frische, humorvolle Dynamik verleiht.

Getragen wird diese Inszenierung von einem bestens aufgelegten Ensemble. Im Zentrum des Geschehens steht Tanja Christine Kuhn als herrlich indignierte Infantin Isabella. Sie rümpft über das „normale Volk“ standesgemäß die Nase, muss sich jedoch mit der energischen Marylou auseinandersetzen. Diese Rolle der modernen Powerfrau und Produzententochter wird von Nina Weiß adäquat und kraftvoll verkörpert. Sie ist es, die eine Intrige spinnt, um das echte Leben des Adels für Hollywood zu filmen.

Ob er sie bekommt? Albert (matthias Störmer) ist jedenfalls stark in Isabella (Tanja Christine Kuhn) verliebt. (Foto: (c) Björn Hickmann)
Ob er sie bekommt? Albert (matthias Störmer) ist jedenfalls stark in Isabella (Tanja Christine Kuhn) verliebt. (Foto: (c) Björn Hickmann)

Dabei gerät Matthias Störmer als Zimmerkellner Albert zwischen die Fronten. Störmer spielt den jungen Mann, der eigentlich der Sohn des Hotelbesitzers Chamoix ist, mit viel Charme und hält sein Geheimnis lange verborgen. Während Albert sein Herz an die Prinzessin verliert, sorgt Rob Pelzer als Prinz Andreas Stephan für weitere Verwicklungen: Er wäre nämlich viel lieber ein gefeierter Filmstar als der Verlobte der Infantin.

Für die nötige Prise Humor und musikalische Farbtupfer sorgen Johanna Schoppa als schlagfertige Gräfin Inez sowie ein harmonisches Männerquartett. Musikalisch untermalt wird das turbulente Geschehen von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Dirigent Koji Ishizaka, die das Publikum klanglich perfekt in die Ära der Jazz-Operette und der 30er Jahre versetzen.

Doch wie endet dieses Spiel um Sein und Schein? Bekommt Albert seine Isabella wie in einem echten Märchen, oder zerbricht die Illusion im Blitzlichtgewitter der Presse? Gespoilert wird hier nicht – zur Auflösung und um zu sehen, ob das „Happy End“ wirklich happy ist, müssen Sie sich das Stück schon selbst ansehen.




Ein familiäres Fest der Liebe

Wer beim Titel des Konzertabends, „Meine Freundin, du bist schön“, ausschließlich an weltliche Liebeslyrik dachte, wurde überrascht – und doch bestätigt. Das Programmgerüst war zwar geistlicher Natur, doch die Frage, ob die Werke „zu sakral“ für diesen Titel seien, ließ sich an diesem Abend mit einem klaren Nein beantworten. Vielmehr gelang hier der kunstvolle Spagat, der für die Barockzeit so typisch war: Die Verschmelzung von irdischer Leidenschaft und göttlicher Verehrung.

Ein Programm zwischen Himmel und Erde

Das titelgebende Werk von Johann Christoph Bach fungierte dabei als emotionales Herzstück. Basierend auf dem Hohelied Salomos, dem wohl sinnlichsten Text der Bibel, wurde die Grenze zwischen der Liebe zu Gott und der zwischenmenschlichen Erotik bewusst verwischt. Es war kein strenges Kirchstück, sondern ein Dialog voller Zärtlichkeit, der den Ton für den gesamten Abend setzte: Es ging nicht um Buße oder Trauer, sondern um Hochzeit, Festlichkeit und Gemeinschaft.

Unterstrichen wurde dieser festliche Charakter durch die kluge Auswahl der begleitenden Werke. Johann Sebastian Bachs Kantate „Der Herr denket an uns“ (BWV 196) erklang als sprühende Hochzeitsmusik, Heinrich Schütz besang in seinem Psalm die Lieblichkeit des brüderlichen Beisammenseins, und die Ouverture von Johann Bernhard Bach brachte mit ihren französischen Tanzformen sogar höfischen Glanz und weltliche Eleganz in den Konzertsaal.

Das Prgrammheft des Abends. (C) Klangvokal
Das Prgrammheft des Abends. (C) Klangvokal

Musikalisch entpuppte sich der Abend dabei als ein faszinierendes „Familientreffen“ der Dynastie Bach. Das Programm las sich wie ein Stammbaum: Vom „Stammvater“ der Arnstädter Linie, Heinrich Bach, über dessen Söhne Johann Christoph und Johann Michael (dem späteren Schwiegervater Johann Sebastians) bis hin zum Cousin Johann Bernhard. Heinrich Schütz thronte über allem als der geistige Großvater, der den musikalischen Nährboden für diese Generationen bereitet hatte.

Kongeniale Partnerschaft

Dass für dieses Programm mit dem belgischen Vokalensemble Vox Luminis und dem Freiburger BarockConsort zwei der führenden Spezialisten für die Musik des 17. Jahrhunderts gemeinsam auf der Bühne standen, erwies sich als Glücksfall. Die Kombination dieser beiden Klangkörper hob den Abend weit über eine historische Werkschau hinaus.

Vox Luminis, unter der Leitung von Lionel Meunier, machte seinem Namen („Stimme des Lichts“) alle Ehre. Das Ensemble ist berühmt für seinen unnachahmlich warmen, homogenen Klang und die Fähigkeit, Text nicht nur zu deklamieren, sondern emotional aufzuladen. Gerade für das Titelwerk „Meine Freundin, du bist schön“ war dies essenziell: Statt akademischer Kühle brachten die Sängerinnen und Sänger jene menschliche Wärme und Sinnlichkeit mit, die dem Text aus dem Hohelied innewohnt. Sie verwandelten die theologische Symbolik zurück in spürbare Emotion.

Das Freiburger BarockConsort bildete dazu das perfekte instrumentale Gegenüber. Als Kammermusikformation des renommierten Freiburger Barockorchesters sind sie Experten für die „sprechende“ Musizierweise des Frühbarocks. Ihr Spiel zeichnete sich durch rhetorische Klarheit und einen energetischen Zugriff aus, der den Tanzsätzen den nötigen Schwung verlieh, ohne die vokale Zartheit zu überdecken.

Fazit

Das Zusammenspiel wirkte organisch und tief vertraut. Hier trafen die instrumentale Brillanz der deutschen Stadtpfeifer-Tradition auf europäische Vokalkunst höchster Güte. Gemeinsam gelang es den beiden Ensembles, die „sakralen“ Werke von ihrer Strenge zu befreien. Es entstand ein intimer Einblick in das thüringische Musikleben des 17. und 18. Jahrhunderts – eine Feier der Familie, der Verbundenheit und der Liebe in all ihren Facetten.




Lucie Horsch und die Vielfalt der Blockflötenkunst

Erneut gastierte die niederländische Star-Blockflötistin Lucie Horsch (* 1999 in Amsterdam) am 22.01.2026 im Rahmen der Reihe „Junge Wilde“ im Dortmunder Konzerthaus. An ihrer Seite brillierte diesmal als kongeniale Begleitung das 2005 in Gent gegründete B’Rock Orchestra, ein Ensemble aus 13 Musikerinnen und Musikern. Das Orchester verbindet seine Leidenschaft für Barockmusik mit modernen, zeitgenössischen Interpretationen.

Das Programm bot eine vielseitige musikalische Reise durch mehrere Jahrhunderte, die häufig die facettenreichen Gefühlswelten der dunklen Nacht thematisierte. Dabei gingen die einzelnen Beiträge fast fließend ineinander über.

Von barocker Pracht zu moderner Abstraktion

Im Spiegel des Barocks erklangen anspruchsvoll-virtuose Arrangements von Antonio Vivaldi (1678–1741), Arcangelo Corelli (1653–1713) und Pietro Antonio Locatelli (1695–1764). Kontrastiert wurden diese durch die komplexen Klangwelten Béla Bartóks (1881–1945), die meditativ-reduzierte Musik Isang Yuns (1917–1995) sowie die abstrakten musikalischen Frequenzen von György Kurtág.

Lucie Horsch (Foto: Simon Flowler)
Lucie Horsch (Foto: Simon Flowler)

Ein besonderer Höhepunkt war das nach der Pause präsentierte Werk „Airs, Riffs & Runs“, das Robert Zuidam eigens für diesen Anlass für Lucie Horsch komponiert hatte. Nach einem lyrischen Beginn steigert sich das Stück in eine kinetische Ekstase, um schließlich in einem rockigen Scherzo zu münden.

Virtuosität und Ausdruckskraft

Die charismatische Solistin begeisterte durch die meisterhafte Beherrschung ihres Instruments, wobei ihr ganzer Körper die Musik sichtlich mitgestaltete. Da sie während des Konzerts immer wieder zwischen verschiedenen Flöten wechselte, kam die gesamte Bandbreite und Ausdruckskraft der Blockflöte zur Geltung.

Auch das B’Rock Orchestra stellte sein Können und Einfühlungsvermögen unter Beweis, insbesondere beim theatralischen Concerto grosso für Streicher und Basso continuo Es-Dur op. 7 Nr. 6 von Locatelli. In zehn kurzen Sätzen vertonte der Komponist hier auf originelle Weise die Gefühlswirren der verlassenen mythologischen Figur Ariadne.

Dass Lucie Horsch zudem über eine starke Stimme verfügt, bewies sie eindrucksvoll bei einer Arie als Zugabe.




Deep Dive – Eintauchen in „Don Juan“ von Richard Strauss

„Herrlich, oder?“ Jordan de Souza ist begeistert. Im ersten Teil des zweiten Konzertes unter dem Motto „Deep Dive“ taucht er mit den Dortmunder Philharmonikern und dem Publikum tief in das Werk des fünfundzwanzigjährigen Richard Strauss, in den „Don Juan“ ein. Anhand einer Reihe von Klangbeispielen aus dieser Tondichtung und aus vergleichenden Ausschnitten von Mozart, Brahms, Wagner und einigen anderen verdeutlicht er das Einmalige, aber auch das Herkömmliche in Strauss‘ Werk. Und vermittelt nebenbei ein wenig zu dem Leben und dem weiteren Wirken des Komponisten.

Zwar liest er seine Texte vom Blatt ab, aber immer wieder spricht er auch frei, es bricht sich seine Begeisterung für das vorgestellte Werk, aber auch für die anderen Beispiele Bahn. Dabei wechselt er noch lebhaft zwischen Klavier und Taktstock, führt kleinere Tonfolgen selbst vor, bezieht dann wieder das Orchester ein.

Das Publikum folgt aufmerksam. Eine ganze Reihe von Schülerinnen und Schülern sitzt im Parkett, hat sich also an einem Montagabend ins Konzerthaus geschwungen, um sich in das Werk zu vertiefen. Ab und an flüstern die Menschen im Saal sich etwas zu, gehen mit, muss das Gehörte doch kurz verarbeitet werden. Eine lockere Atmosphäre.

Aktiv konnte man bereits vor der Veranstaltung im Foyer werden. Das Tiny Music House der Dortmunder Philharmoniker, eine eigene kleine Bühne auf Rädern mit zwei Musikvermittlerinnen, bietet die Möglichkeit, Sequenzen aus dem „Don Juan“ zu sampeln und mit Beats zu unterlegen. Das Angebot wird von Jung bis Alt angenommen und bringt in kurzer Zeit Ergebnisse und viel Spaß.

Selber Samplen und Mixen war möglich. (Foto: Martina Bracke)
Selber Samplen und Mixen war möglich. (Foto: Martina Bracke)

Im Saal geht es besonders lebhaft zu, als auch Musik von James Brown und dem Filmkomponisten John Williams erklingt. Alle sind offenbar mit „Star Wars“ vertraut. Aber dafür ist man ja da, etwas Neues zu hören, zu erfahren und zu genießen.

Und nach der Pause ist es dann so weit, dass der ganze „Don Juan“ aufgeführt wird. Etwa zwanzig Minuten, die aber reichen, dass dem Publikum „warm wird“ gemäß der zweiten Regel des Komponisten und Dirigenten Richard Strauss „Du sollst beim Dirigieren nicht schwitzen, nur das Publikum soll warm werden.“

Ob de Souza geschwitzt hat, weiß man nicht. Aber zur Freude des Publikums hat er dirigiert gemäß Regel eins: „Bedenke, dass du nicht zu deinem Vergnügen musizierst, sondern zur Freude deiner Zuhörer.“

Wobei er und alle Musikerinnen und Musiker bestimmt auch, so ein kleines bisschen, zu ihrem eigenen Vergnügen musiziert haben. Schließlich ist es kein Verbrechen, bei der Arbeit Spaß zu haben.

Ein Verbrechen ist vielleicht das „Todeszucken der Violine“, das das Ende markiert. Bereits vor der Pause einmal vom Orchester gespielt, „damit Sie (das Publikum) später genau wissen, wann Sie klatschen müssen.“

Das haben sich alle gemerkt, und langanhaltender Applaus honoriert den Abend der gut aufgelegten Philharmoniker mit ihrer Solistin Anna Sohn und ihrem Dirigenten Jordan de Souza.