Wiener Melange im Pott – Jordan de Souza bittet zum Walzer

Es muss nicht immer der Goldene Saal in Wien sein: Zum Jahresauftakt 2026 verwandelten die Dortmunder Philharmoniker das Konzerthaus in einen Ballsaal. GMD Jordan de Souza bewies bei seinem Neujahrs-Debüt, dass er nicht nur den Taktstock, sondern auch das Publikum fest im Griff hat – mit Verve, Charme und einem klaren Verzicht auf militärischen Marsch-Pomp.

Wer am Neujahrstag ins Konzerthaus kam, erwartete Tradition, bekam aber glücklicherweise keine Routine. Jordan de Souza, der neue Generalmusikdirektor, nutzte sein erstes Heimspiel zum Jahreswechsel, um das Motto „Wiener Gäste“ wörtlich zu nehmen: Er lud das Publikum ein, die österreichische Hauptstadt nicht als Museum, sondern als lebendigen, pulsierenden Ort zu erleben.

Vom Puszta-Feuer zur geigerischen Intimität

Dass der Weg nach Wien historisch oft über Ungarn führte, machte der Auftakt deutlich. Bei den Ungarischen Tänzen von Brahms verzichtete de Souza auf plumpe Effekthascherei und setzte stattdessen auf rhythmische Schärfe. Das Orchester folgte seinem Chef mit hörbarer Spielfreude, wechselte ansatzlos von melancholischer Schwere in jenes feurige Tempo, das den Puls für den Abend vorgab.

Arabella Steinbacher spielte Max Bruchs Violinkonzert. (Foto: Co Merz)
Arabella Steinbacher spielte Max Bruchs Violinkonzert. (Foto: Co Merz)

Den emotionalen Ankerpunkt setzte jedoch Arabella Steinbacher. Wer bei Max Bruchs erstem Violinkonzert nur virtuose Fingerübungen erwartet, wurde eines Besseren belehrt. Steinbacher, längst eine feste Größe auf den Weltbühnen, suchte in dem oft gespielten Gassenhauer nicht den großen Effekt, sondern das intime Gespräch. Ihr Ton – mal sehnend, mal energisch zupackend – verschmolz mit dem Orchester, statt bloß darüber zu schweben. Dass sie für den tosenden Applaus eine Zugabe von Fritz Kreisler aus dem Ärmel schüttelte, war nur folgerichtig: technische Brillanz mit einem augenzwinkernden Lächeln.

Walzer ohne Staubschicht

Nach der Pause dann das, wofür man am 1. Januar ins Konzert geht: Der Dreivierteltakt. Doch Jordan de Souza lief nicht Gefahr, in Kitsch abzudriften. Strauss’ Rosen aus dem Süden blühten üppig, aber diszipliniert, und die Pizzicato-Polka geriet zum humoristischen Kabinettstückchen, bei dem die Streicher ihre Instrumente fast als Schlagwerk behandelten. Als schließlich die Schöne blaue Donau durch den Saal floss, war der „Wiener Schmelz“ auch in Westfalen angekommen.




A Musical Christmas – Stimmungsvolle Gala in der Vorweihnachtszeit im Opernhaus Dortmund

Schellen läuten den Abend ein. Man hört sie nur. Zu sehen und bestaunen ist das üppige, festliche Bühnenbild mit Schlitten und übergroßen Geschenken, Tannenbäumen und rotem Teppich (Staging und Lichtdesign: Fabian Schäfer). Ganz in Rot schreiten auch die Sängerinnen die Showtreppe herunter, die mit ihrem Kollegen den Abend gestalten. Grün, Rot, Gold. Der weihnachtliche Musical-Abend kann beginnen.

Patricia Meeden, Bettina Mönch, Amani Robinson und Kammersänger Morgan Moody wünschen gleich mit dem ersten Lied eine „Wonderful Christmas Time“, bevor sie mit launigen Moderationen locker in die nächsten Soli einführen. Starke Stimmen allesamt, die ein Programm mit bekannten Musical-Melodien bieten, aber auch mit einigen Songs, die nicht aus Musicals stammen, aufwarten. Mit dabei der Elvis-Klassiker „Can’t help falling in love“ aus dem Musikfilm „Blue Hawaii“ von 1961, schön zartschmelzend interpretiert vom Bass-Bariton Morgan Moody. Das langjährige Dortmunder Ensemblemitglied hat damit die Herzen des weiblichen Publikums mit Sicherheit erreicht, aber als Hahn im Korb lieben ihn seine Kolleginnen auf der Bühne sicherlich auch. Wenn man von den leicht ironischen Zwischentexten ausgehen kann. Was sich neckt, das liebt sich.

Sehr einfühlsam interpretiert dann das klassische Weihnachtslied „Maria durch ein‘ Dornwald ging“ von Patricia Meeden, die bereits im vergangenen Jahr die weihnachtliche Musical-Gala mitgestaltete.

Neben dem King of Rock ’n‘ Roll kommt auch der King of Pop zu Gehör: Den ersten Teil beenden die vier mit dem Appell des Michael-Jackson-Hits „Heal the world“. „Make it a better place for you and for me and the entire human race.”

Mit diesem Wunsch begibt sich das Publikum zu Gesprächen in die Pause und freut sich auf die zweite Hälfte. Während es in einer Reihe „So schnell?“ heißt. Nun, vielleicht hat es der eine oder die andere auch gedacht, dabei ist bereits mehr als eine Stunde verflogen. Die Dame, die dies ausrief, hat allerdings mit ihrer Begleitung die Reihe eine Viertelstunde zu spät in Unordnung gebracht, sodass alle anderen ihr einiges an Genuss voraushaben.

Das Programmblatt zu "A Musical Christmas"
Das Programmblatt zu „A Musical Christmas“

Zurück aus der Pause kämpfen sie und die neben und hinter ihr Sitzenden mit ihrem voluminösen Mantel, der offensichtlich kein freies Schließfach mehr gefunden hat, bevor man sich wieder auf das Bühnengeschehen konzentrieren kann. Die fünf Musiker der Band unter der Leitung von Stephan Kanyar am Klavier wechseln nur hin und wieder ihre Instrumente, aber nicht die Bekleidung, die Sängerinnen und der Sänger läuten nun in glitzernden Kleidern und Jackett den zweiten Part ein.

Das Publikum ist gut eingestimmt und geht im zweiten Teil gern mit. Manchen hält es vor Begeisterung nicht und er bekundet seine Freude auch mitten in den Liedern, sodass der Würdigkeit des Abends zum Trotz nicht der himmlische Lobgesang, sondern irdische Zwischengeräusche erschallen. So auch bei dem Solo von Bettina Mönch mit „Nothing compares 2 U“ (Prince), die in Dortmund schon mehrfach in Produktionen mitgespielt hat, so in „Cabaret“, „Rent“ oder „Sweeney Todd“. In der nächsten Spielzeit wird sie in dem Musical „Rebecca“ zu sehen sein.

Ein Swing-Medley führt noch einmal alle zusammen, bevor weitere Soli und ein Duett der „unzertrennlichen Schwestern“ Patricia Meeden und Amani Robinson ins Finale führen.

Und was mit Schellen begann, klingt nach über zwei Stunden mit dem gemeinsam gesungenen „Jingle Bells“ und viel begeistertem Applaus aus. Nicht ohne einen weiteren Hinweis auf das geplante Musical „Rebecca“ in der kommenden Spielzeit, die an diesem Abend noch weit entfernt scheint.

Aber nach den Festtagen ist das neue Jahr schon da und die Zeit vergeht so schnell, wie die Dame mit dem auch für großzügige Theatersitze massigen Mantel bereits zur Pause wusste.

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch in das Neue Jahr, das pünktlich beginnen wird ;).

 

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Weihnachtsoratorium zwischen Tradition und Moderne

Im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals Dortmund konnte das Publikum am 05.12.2025 im Reinoldihaus die Uraufführung eines zeitgenössischen armenischen Weihnachtsoratoriums unter dem Titel „Light The Candle“ erleben.

In der Kultur Armeniens sind die Geschichte der Geburt Christi und die Religion seit zwei Jahrtausenden fest verankert. Zahlreiche Dichter des Landes haben über die Epochen hinweg poetische Texte über Verkündigung, Geburt und die Erscheinung des Herrn verfasst. Der amerikanisch-armenische Komponist John Hodian hat diese historischen Erzählungen gemeinsam mit dem Naghash Ensemble in ein Oratorium mit musikalischer Tiefe zwischen Vergangenheit und Moderne verwandelt. Hier verbinden sich traditionelle armenische Musik und ein Gesang voll Mystik und teils orientalischer Spiritualität mit der Kraft von Rock-Pop und Jazz-Elementen am Piano. An diesem Instrument sorgte Hodian höchstpersönlich für energetische Impulse.

Das Naghash-Ensemble. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)
Das Naghash Ensemble. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)

Eine wichtige Rolle spielte der intensive Gesang von Hasmik Baghdasaryan und Tatevik Movsesyan (beide Sopran) sowie Shahane Zalyan (Alt). Sie überzeugten sowohl als starke Solostimmen als auch im Ensemble – mal mystisch-meditativ, dann wieder rhythmisch treibend. Das Zusammenspiel mit den charakteristischen Klängen des armenischen Holzblasinstruments Duduk (Harutyon Chkolyan), der in Indien und Armenien gespielten zweifelligen Röhrentrommel Dhol (Tigran Hovhannisyan) sowie der Kurzhalslaute Oud (Aram Nikoghosyan) war dabei für die Gesamtwirkung von wesentlicher Bedeutung.

Die zugrundeliegenden Texte aus mehreren Jahrhunderten wurden dem Publikum vorab jeweils mit Pathos in der deutschen Übersetzung dargeboten. Ein ganz spezielles Oratoriums-Erlebnis.

 




Musik voll Melancholie, Zweifel und euphorischer Zuversicht

Das 3. Philharmonische Konzert am 02.12.2025 im Dortmunder Konzerthaus stand ganz im Zeichen der Romantik.
Der 1979 in London geborene Dirigent Alexander Shelley führte die gut gestimmten Dortmunder Philharmoniker empathisch und souverän durch den Abend.

Neben zwei Werken bekannter romantischer Komponisten wie Robert Schumann (1810–1856) und Peter Tschaikowsky (1840–1893) eröffnete das neoromantische Orchesterwerk This Midnight Hour (I. Ferocious with drive, Viertel = 136) der britischen Komponistin und Malerin Anna Clyne (*1980) das Programm.
Die Komponistin verbindet traditionell wirkende konsonante Harmonik und romantische Melodik mit Einflüssen aktueller Musik (z. B. John Adams). Clyne möchte ihr Publikum vor allem emotional ansprechen und lässt sich häufig von bildender Kunst oder Literatur inspirieren (u. a. Gerhard Richter, Rilke).

Für dieses Werk diente ein Gedicht des spanischen Dichters Juan Ramón Jiménez (1881–1958) als Ausgangspunkt. Darin wird die Musik als nackte Frau beschrieben, die „wie verrückt durch die reine Nacht hetzt“.
Dies spürt man als Zuhörerin oder Zuhörer von Beginn an: tief flirrende Streicher, pochende Pauken und eine insgesamt bildgewaltige, packende musikalische Sprache. Immer wieder führt die Musik in romantische Gefühlswelten, um unvermittelt in dramatische Passagen umzuschlagen.

das 3. Philharmonische Konzert führte in die Romantik.
das 3. Philharmonische Konzert führte in die Romanti

Es folgte das Klavierkonzert a-Moll op. 54 von Robert Schumann – ein Prototyp der romantischen Klavierliteratur. Das seiner geliebten Frau Clara Schumann (1819–1896) gewidmete Werk enthält die berühmte Tonbuchstabenfolge C-H-A-A (für Chiara / Clara). Der französische Pianist David Fray (*1981) interpretierte das Konzert virtuos und zugleich sensibel, stets in enger dialogischer Verbindung mit dem Orchester.

Nach der Pause erlebte das Publikum die gesamte musikalische Intensität und emotionale Spannweite in Peter Tschaikowskys Sinfonie Nr. 5 e-Moll op. 64.
Jeder der vier Sätze besitzt ein eigenes charakteristisches Profil: Während der Kopfsatz von einem dramatischen Auf und Ab der Stimmungen geprägt ist, entfaltet sich der zweite Satz als weitgespannte lyrische Szene.
Der dritte Satz im Walzertakt führt in eine heiter-gesellschaftliche Atmosphäre, bevor der optimistische und kraftvolle Finalsatz zu einem glanzvollen Abschluss führt.

Ein Gefühlsrausch der besonderen Art für das Publikum.




Turandot – oder Liebe ist stärker als der Tod

Die Oper „Turandot“ von Giacomo Puccini (1858-1924) – angelehnt an eine alte orientalische Märchenfabel – hatte als neue Inszenierung von Tomo Sagao in der Oper Dortmund am 30.11.2025 seine Premiere. Das Schlussduett und Finale der Oper wurde nach dem Tod von Puccini von Franco Alfano vervollständigt. (Libretto von Giuseppe Adami und Carlo Gozzi).

Turandot, chinesische Prinzessin, gibt aus Rache und Verbitterung allen Bewerbern um ihre Gunst drei Rätsel aufgibt. Wer sie lösen kann, darf sie heiraten – andernfalls wartet der Henker. So sind schon viele Prinzen ums Leben gebracht worden. Calàf, der Sohn des entthronten Tatarenkönig Timur stellt sich mutig und entschlossen den Prüfungen. Er löst die Rätsel, Turandot will sich ihm aber nicht ausliefern. Er bietet ihr darauf sein Leben an, wenn sie das Geheimnis um seinen Namen bis zum Morgengrauen lüftet. Die zerbrechlich-zarte Slavin Liù (Ihr Herr ist Timur), setzt ihre ganze Opferbereitschaft bist zur Selbsttötung für ihr heimliche große Liebe ein….

Musikalisch begleitet wurde die Aufführung mit viel Einfühlungsgabe von der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Jordan de Souza

Eine gewichtige Rolle als abwechselnd geifernd-voyeuristisches und dann wieder erschrocken- erstarrtes Volk spielte der Opernchor Theater Dortmund-Projekt-Extrachor, Leitung Fabio Mancini). Sie zeigten deutlich, wie leicht sich Menschen (wie auch heutzutage) aufwiegeln und beeinflussen lassen. Eine kleine Rolle übernahm auch die Statisterie und Kinderstatisterie.

Kostüme aus dem alten China, ein leicht düsteres Bühnenbild und geschickter Einsatz von Lichteffekten.

Bianca Mărgean, Alfred Kim, Statisterie Theater DortmundFoto (c) Björn Hickmann
Bianca Mărgean, Alfred Kim, Statisterie Theater Dortmund
Foto (c) Björn Hickmann

Die Oper ist geprägt von einerseits leidenschaftlichen italienischen Emotionen, und der ungeschönten Darstellung von Gewalt.

Eindringlich dargestellt nicht nur von Turandot, sondern vor allem auch durch das zynisch-groteske Verhalten zwischen Komik und Grausamkeit von Kanzler Ping (Daegyun Jeong), Marshall Pang (Min Lee) sowie Küchenmeister Pong (Sangho Kim).

Turandot, mit starker Stimme und Leidenschaft verkörpert von Bianca Märgean verkörpert, hat sich nicht nur in Form ihrer Kleidung einen seelischen Schutzpanzer angelegt. Traumatisiert durch den Missbrauch an ihrer Ahnin ist es sehr schwer, Männern in einer patriarchalisch geprägten Welt zu vertraue

Diesen Panzer durchdringen gelingt nur durch das Zeichen einer selbstlosen Liebe der Sklavin Liù zu Calàf bis in den Tod. Anna Sohn überzeugte ihr Dortmunder Publikum wieder durch ihren ausdruckstarken Gesang und empathischen Darstellung der Liù.

Altoum, der Kaiser von China und Vater von Turandot sowie Artyom Wasnetsov als Timur spielten glaubhaft ihre Rolle als Personen, die an den Umständen fast verzweifeln.

Ein Höhepunkt in der Oper ist zweifellos die wohl die durch Paverotti oder Paul Potts bekannte sehr emotionale Arie „Nessun dorma“ (Keiner schlafe). Nicht nur hier bewies Alfred Kim als Calàf seine Stimmgewalt.

Eine Oper zwischen italienischer Tradition, „chinesischer Exotik“ und dem Weg in eine musikalische Zukunft (beeinflusst von Richard Wagner).

Das Publikum dankte mit viel Applaus.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Mao Fujita – ein Abend voller Klarheit, Ausdruck und musikalischer Tiefe

Mit einem anspruchsvollen und dramaturgisch klug aufgebauten Programm präsentierte sich der japanische Pianist Mao Fujita am 18. November 2025 dem Publikum. Der Abend führte von Beethoven über Wagner, Berg und Mendelssohn bis hin zu Brahms – eine Reise durch Klassik, Romantik und Frühmoderne, die Fujita mit technischer Brillanz und poetischer Sensibilität meisterte. Schon nach wenigen Minuten zeigte sich, warum er als einer der interessantesten Pianisten seiner Generation gilt: Sein Spiel verbindet strukturelle Übersicht mit berührender Ausdruckskraft.

 

Beethoven – Musik, die atmet

Zum Auftakt erklang Ludwig van Beethovens Klaviersonate Nr. 7 in D-Dur, op. 10 Nr. 3.
Fujita gestaltete den ersten Satz (Presto) mit federnder Energie und klar konturierten Linien. Im Largo e mesto entfaltete Fujita eine meditative Intensität: Er ließ die Pausen bewusst sprechen und schuf eine Atmosphäre schlichter, fast kammermusikalischer Innerlichkeit. Das anschließende Menuetto klang leicht und kantabel, ehe das Rondo mit seiner Mischung aus Brillanz und Leichtigkeit den ersten Höhepunkt des Abends markierte.

 

Wagner, Berg und Mendelssohn – ein poetischer Mittelteil

Ein kurzer Moment zarter Lyrik folgte mit Richard Wagners Albumblatt „In das Album der Fürstin Metternich“ (WWV 94). Fujita verlieh dem selten gespielten Stück einen schwebenden Klang und hielt die spätromantische Geste transparent, ohne sie zu überladen.

Die „Zwölf Variationen über ein eigenes Thema“ (1908) von Alban Berg bildeten den strukturell anspruchsvollsten Abschnitt des Programms. Fujita navigierte durch die oft spröden und atonalen Miniaturen mit bewundernswerter Klarheit. Jede Variation erhielt einen eigenen Charakter – mal filigran und leise tastend, mal eruptiv und kraftvoll.

mao Fujita spielte sein zweites Konzert im Rahmen der "jungen Wilden" im Konzerthaus. (Foto: Daniel Sumesgutner)
mao Fujita spielte sein zweites Konzert im Rahmen der „jungen Wilden“ im Konzerthaus. (Foto: Daniel Sumesgutner)

Zum Abschluss vor der Pause erklangen Felix Mendelssohn Bartholdys Variations sérieuses op. 54. Fujita präsentierte das Werk mit elektrisierender Energie und dennoch äußerster Präzision. Der dramaturgische Aufbau – vom verhaltenen Beginn bis zum virtuos aufwallenden Finale – wirkte stringent und organisch. Mendelssohns Mischung aus klassischer Formstrenge und romantischer Leidenschaft traf Fujita mit sicherem Gespür.

 

Brahms – jugendliche Kraft und lyrische Tiefe

Nach der Pause kehrte Fujita mit Johannes Brahms’ Sonate Nr. 1 C-Dur, op. 1 zurück – einem Monument der frühen Romantik, das pianistisch wie emotional große Spannweite verlangt.

Das Andante, basierend auf dem Volkslied „Verstohlen geht der Mond auf“, spielte er erzählerisch und mit großer Innigkeit.

Im Scherzo dominierten klare rhythmische Konturen und druckvolle, aber nie harte Akzente. Das Finale verband Virtuosität mit strukturellem Bewusstsein.

 

Wagner als würdiger Abschluss

Den emotionalen Schlusspunkt setzte Fujita mit Wagners „Albumblatt für Frau Betty Schott“ (WWV 90) – einer Miniatur voller spätromantischer Intensität. Fujita verband warme Mittellagen, gesangliche Spannungsführung und eine kontrollierte Klangfülle zu einem würdevollen Abschluss.

 

Fazit: Ein Abend, der lange nachhallt

Mao Fujita präsentierte ein Programm, das stilistisch wie technisch höchste Anforderungen stellte – und er erfüllte sie mit einer Mischung aus analytischer Klarheit, erzählerischer Tiefe und poetischer Sensibilität.

Das Publikum feierte ihn mit langanhaltendem Applaus – völlig zu Recht. Fujita bestätigte eindrucksvoll, dass er zu den bemerkenswertesten Pianisten seiner Generation zählt.




Dortmund als Ankerplatz für Johann Sebastian Bach

Im Pianohaus van Bremen, Hansastraße 7 in Dortmund, fand am 26. November 2025 die Buchpräsentation „Dortmund – eine Bachstadt“ in einem passenden Rahmen statt. Wie schon Reinoldikantor Drengk in seinem schriftlichen Grußwort erwähnte, wäre dieses Buch ohne die beharrliche Recherche und die tiefe Verbundenheit zur Dortmunder Musikgeschichte von Gerhard Stranz nicht möglich gewesen.

 

Präsentation und Würdigung

Zu Beginn gab es eine Kostprobe von Daniel Friedrich Eduard Wilsings „Drei Fugen für das Pianoforte – Fuge 1, B-Dur“, die Stanislava Ovdiischuk am Klavier live und leidenschaftlich darbot. Es folgte die Begrüßung durch den Gastgeber, Maximilian van Bremen. Nach Dank und Würdigung der ihn unterstützenden Helfer fand die Übergabe der Chronologie an Stadtdirektor und Kulturdezernenten Jörg Stüdemann statt.

 

Wilsing und die Bach-Tradition

Anschließend erzählte Gerhard Stranz lebendig einige Geschichten zum Leben des Hörder Komponisten Eduard Wilsing. Dessen Wirken leider nicht angemessen wahrgenommen wurde. . Ebenfalls beleuchtet wurde die bedeutende Rolle seines Urgroßvaters Johann Gottlieb Preller (Kantor der Dortmunder Marienkirche) für den Zugang zu den Werken von J. S. Bach sowie dessen Verbindung etwa zur Familie Mendelssohn Bartholdy. Eduard Wilsing hatte aufgrund seiner Nähe zu den Werken von J. S. Bach (sowie Mozart und Beethoven) einen ganz eigenen Zugang zu dessen Musik gefunden und diese bearbeitet. Eines der bekanntesten Werke von Bach, das Weihnachtsoratorium, wurde bei spärlicher Beleuchtung kurz eingespielt, was die Anwesenden atmosphärisch in die damalige Zeit versetzte.

Gerhard Stranz bei der Veranstaltung.
Gerhard Stranz bei der Veranstaltung.

 

Musikalische Ausblicke

Nach Statements von Jörg Stüdemann und Markus Beul (Violoncello, Dortmunder Philharmoniker) gab es zum Abschluss noch ein musikalisches Intermezzo am Cello von Alexandra Althoff mit „Bach pur – Cello Suite No. 3 – Prélude“ von J. S. Bach. Als Zugabe spielte die junge Stanislava Ovdiischuk am Klavier noch Edvard Griegs „Carneval Op. 19 Nr. 3“.

 

Was nun erwartet wird

Nun wartet Wilsings Oratorium „Jesus Christus“ auf eine Neuherausgabe und Aufführung. Seine Bearbeitungen der Fünften und Neunten Sinfonie für vier Hände lassen auf eine spannende „verdichtete Fassung“ hoffen. Auch das wiedergefundene doppelchörige „Laudate Domnum“ (das einzig erhaltene Werk von Johann Gottlieb Preller) wartet auf seine Erstaufführung.

Freunde dieser Musik dürfen gespannt sein.

 




Philharmonic Club – Repercussion x Dortmunder Philharmoniker

Mit der Konzertreihe „Philharmonic Club“ wagt das Konzerthaus Dortmund immer wieder den Brückenschlag zwischen klassischer Musik und clubkulturellen Formaten. Auch an diesem Abend verwandelte sich der Saal erneut in einen atmosphärischen Clubraum: gedämpftes Licht, pulsierende Visuals und ein Setting, das das Publikum nicht nur zum Zuhören, sondern zum Eintauchen einlud. Schon dieser Rahmen war ein starkes Zeichen dafür, wie offen und experimentierfreudig sich das Konzerthaus präsentiert.

Im Zentrum des Abends stand das Neo-Percussion-Trio Repercussion (Veith Kloeters, Rafael Sars, Simon Bernstein), das mit beachtlicher Präzision und musikalischem Ideenreichtum die Bühne dominierte. Die drei Musiker überzeugten vom ersten Ton an: technisch exzellent, rhythmisch messerscharf und mit spürbarer Bühnenenergie. Ihre Kompositionen – eine Mischung aus Neo-Klassik, Electronica und innovativen Schlagwerksounds – entfalteten eine dichte Atmosphäre, die sich schnell auf den ganzen Saal übertrug.

Repercussion verwandelte das Konzerthaus in einen Club.
Repercussion verwandelte das Konzerthaus in einen Club.

Das speziell für diesen Abend entwickelte Projekt „Euphoria“ versprach eine Verschmelzung der vibrierenden Repercussion-Rhythmen mit den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Koji Ishizaka. Doch gerade hier zeigte sich ein deutlicher Bruch zwischen Anspruch und Umsetzung. Die Orchestermusiker wirkten eher wie eine klangliche Ergänzung im Hintergrund denn als gleichberechtigte Partner in einem echten Crossover. Statt einer symbiotischen Verbindung entstand der Eindruck, dass das Orchester lediglich begleitende Akzente setzte, während das Trio unangefochten das musikalische Zentrum bildete.

Trotz dieses konzeptionellen Ungleichgewichts war „Euphoria“ ein energiegeladenes Erlebnis mit eindrucksvollen Momenten. Repercussion schaffte es, die Menschen im Konzerthaus zum Tanzen zu bringen, zumindest was die engen Sitzreihen hergaben. Vor allem die Visuals und das clubartige Setting trugen dazu bei, dass sich das Konzerthaus tatsächlich wie ein hybrider Raum zwischen Philharmonie und Club anfühlte – ein Experiment, das grundsätzlich Mut verdient.




Gefühlsstürme – Kammermusik im sweetSixteen-Kino

Das sweetSixteen-Kino im Dortmunder Depot ist sonst ein Ort für Filmkunst – doch an diesem Novemberabend wurde es zur Bühne für große Emotionen. Beim ersten Kammerkonzert der Reihe unter dem Titel „Gefühlsstürme“ verwandelte sich der kleine Saal in einen Raum intensiver musikalischer Nähe. Die Akustik erwies sich als warm und klar, jeder Bogenstrich war hörbar, jede Nuance spürbar – eine perfekte Umgebung für Kammermusik, die berührt und fordert.

Das Belsima Quartett – Rika Ikemura und Haruka Ouchi (Violine), Hanna Schumacher (Viola) und Sofia Lucía Roy (Violoncello) – nahm das Publikum mit auf eine Reise durch drei Jahrhunderte musikalischer Gefühlskunst: von Viktor Ullmanns erschütternder Ausdruckskraft über Beethovens ungestüme Energie bis zu Mendelssohns romantischer Innigkeit.

 

Viktor Ullmann – Musik als Widerstand

Den Auftakt bildete Viktor Ullmanns Streichquartett Nr. 3, komponiert 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Kaum ein Werk zeigt eindrücklicher, wie Kunst selbst unter unmenschlichen Bedingungen zu einer Form des Widerstands werden kann.
Das Quartett spielte mit großer Klarheit und emotionaler Intensität. Im Wechsel zwischen drängenden, fast verzweifelten Passagen und zarten Momenten des Innehaltens entstand ein Klangbild von existenzieller Tiefe. Besonders das Largo wirkte wie ein stilles Gebet, das am Ende in ein trotziges, rhythmisch pulsierendes Finale mündete.

„Gefühlsstürme“ war damit nicht nur ein Konzerttitel, sondern eine Erfahrung
„Gefühlsstürme“ war damit nicht nur ein Konzerttitel, sondern eine Erfahrung

 

Beethoven – Sturm und Ordnung

Mit Beethovens Streichquartett Nr. 4 c-Moll, op. 18/4 kehrte das Programm in die Klassik zurück, doch die Leidenschaft blieb. Schon der junge Beethoven zeigt hier seine unbändige Energie, die das Belsima Quartett mit technischer Brillanz und feinem Gespür umsetzte.
Das Zusammenspiel war präzise und lebendig, die musikalischen Dialoge zwischen den Stimmen wirkten spontan und organisch. Besonders das temperamentvolle Finale „Allegro – Prestissimo“ ließ spüren, warum Beethovens Musik bis heute elektrisiert.

 

Mendelssohn Bartholdy – Jugendliche Sehnsucht

Nach der Pause folgte mit Felix Mendelssohn Bartholdys Streichquartett Nr. 2 a-Moll, op. 13 ein Werk voller Romantik und innerer Bewegung. Der junge Mendelssohn – kaum achtzehn Jahre alt – verarbeitete darin persönliche Empfindungen und musikalische Bewunderung für Beethoven zu einem Stück von berührender Emotionalität.
Das Belsima Quartett brachte diese Mischung aus jugendlicher Leidenschaft und lyrischer Zartheit wunderbar zum Klingen. Das Adagio, fein phrasiert und warm im Ton, wurde zum emotionalen Zentrum des Abends.

 

Ein Ort, der Musik atmet

Das Konzert zeigte eindrucksvoll, wie viel Atmosphäre ein kleiner Raum entfalten kann. Das sweetSixteen-Kino, sonst Ort für anspruchsvolles Kino, bot mit seiner Nähe und Akustik eine ideale Bühne für Kammermusik. „Gefühlsstürme“ war damit nicht nur ein Konzerttitel, sondern eine Erfahrung – intensiv, konzentriert und menschlich nah.




Liebe und Tragik in der Wärme des Südens: „Amore Siciliano“ bei Klangvokal

„Palermo, 22 Grad, Sonnenschein“ – diesen Wunsch äußerte Barbara Welzel zu Beginn der Vorträge am Dienstag in der Reihe „Bild und Klang“ in der Reinoldikirche, bevor der Leiter des Klangvokal-Musikfestivals, Torsten Mosgraber, ans Mikro trat und Sizilien und seine Musik vorstellte. Ein frommer Wunsch in kühler Kirche. Wärmer wurde es dann am Freitag, dem 31.10.2025 im Reinoldisaal, denn dort konnte „Amore Siciliano“ mit fünf Sängerinnen und Sängern und neunköpfigem Orchester, der Cappella Mediterranea, auf Einladung von Klangvokal bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert live erlebt werden.

Das Ensemble bot eine wohltemperierte Mischung (Pasticcio) aus Volksmusik aus Sizilien, aber auch aus Apulien und Kalabrien sowie Barockmusik aus Süditalien des 17. und 18. Jahrhunderts. Geformt zu einem Prolog und zwei Akten, in denen es um Liebe ging – natürlich –, aber mit Irrungen und Wirrungen: Verrat, Eifersucht und Tod, nicht ganz natürlich.

Den Rahmen bildet das Lied von Cecilia, La Canzone di Cecilia, die sich den Versprechungen Don Lidios hingibt, der dafür ihren im Gefängnis schmorenden Peppino freilassen will. Zu Beginn erklingt ein geistliches Lied von Vincenzo Tozzi aus dem 17. Jahrhundert. Stimmungsvoll mit Kerzen wird die Geburt Jesu in der Weihnachtsnacht gepriesen. Die Kunstmusik der Zeit ist geprägt durch die katholische Kirche, bei der Tozzi als Chorleiter in Messina angestellt war, nachdem er bereits in Rom gewirkt hatte.

Sizilianische Wäre im herbstlichen Dortmund. (Fotocollage: Martina Bracke)
Sizilianische Wäre im herbstlichen Dortmund. (Fotocollage: Martina Bracke)

Nach diesem eher getragenen Prolog beginnt die Erzählung, die der Komponist und Leiter des Ensembles, Leonardo García Alarcón, aus den Liedern gewoben hat. Seine Recherchearbeit führte ihn dabei bis nach Malta. Im Kathedralenmuseum in Valletta lagern diverse Manuskripte und gedruckte Werke italienischer und maltesischer Komponisten. Malta liegt nur rund einhundert Kilometer von Sizilien entfernt.

Das tragische Geschehen nimmt seinen Lauf. Peppino möchte nicht, dass seine Cecilia sich hingibt, doch ihre Liebe bringt sie dazu. Eifersucht spielt bei der Gattin des Verführers hinein. Zwischendurch erleben die Zuhörerinnen und Zuhörer auch erheiternde Stücke, wenn zum Beispiel die Laute eines Esels in einem Volkslied erklingen. Dafür erhält der Tenor Valerio Contaldo Szenenapplaus.

Der ganze Abend kommt ohne Bühnenaufbauten aus. Die Musikerinnen und Musiker mit einigen interessanten Instrumenten (Viola da Gamba, zwischen den Beinen gehalten, oder auch verschiedene Lauten) befinden sich auf der Bühne. Der Leiter des Ensembles spielt die Orgel, manchmal auch stehend, damit er gleichzeitig dirigieren kann. Die Sopranistinnen und die Sänger nutzen Mimik und Gestik und auch den Balkon des Saales, um miteinander zu interagieren. Ein Programmheft mit sämtlichen italienischen Texten und deutscher Übersetzung hilft, die Handlung zu verfolgen. Viele genießen aber auch einfach das Zusammenspiel und den Klang der Musik, vorgetragen von wunderbaren Künstlerinnen und Künstlern.

Zum zweiten Akt tragen die Damen andere Kleider. Ana Vieira Leite und Mariana Flores singen gemeinsam ein Volkslied über die Schwalbe, in dem es natürlich auch um Liebe geht. Weiteren Zwischenapplaus erntet das Orchester für seinen Instrumentalteil: eine spanische Tarantela (ein Volkstanz, tatsächlich nach der Spinne, der Tarantel, benannt). Alarcón fügt gegen Ende, das Peppino nicht überlebt, noch ein eigenes Musikstück ein, in dem alle Sängerinnen und Sänger ihren Part haben.

Lang anhaltender Applaus am Ende bewegt das Ensemble glücklicherweise zu zwei Zugaben. Dann ist dieser schöne Abend auch schon zu Ende und das Publikum wird entlassen in ein Dortmund mit 13 Grad, bei Nacht.

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