Bitte anschnallen: Deep Dive – Eintauchen in Mozarts vierzigste Sinfonie

„Fasten your seatbelt“ und „setzen Sie die Taucherbrille auf“! Mit den Dortmunder Philharmonikerinnen und Philharmonikern geht es wieder tief hinab in ein musikalisches Werk. Dieses Mal stürzt der Kapitän Jordan de Souza das Publikum mit rasanter Fahrt in Mozarts g-Moll-Sinfonie.

Die Stimmung ist gut, an manchen Stellen ausgelassen, de Souza überzeugt einmal mehr mit seiner lockeren und begeisternden Art. Das Publikum muss, nein, darf mitmachen. Es wird ein- und ausgeatmet – der Stress mit einem Seufzer herausgelassen. „OK, war eine schwierige Woche“, meint der Chef am Dirigentenpult. Dabei ist Montag. Kein klassischer Kulturabend. Dennoch ist das Konzerthaus gut gefüllt. So eine kleine Sinfonie zum Feierabend …

(Foto: (c) Martina Bracke)
Statt Mozartkugeln gab es einen tiefen Einblick in die 40. Sinfonie des Komponisten. (Foto: (c) Martina Bracke)

Aber vorher auch Takte zählen. Es wird sichtbar gezählt, denn einige nutzen dafür ihre Finger. Dann Klatschalarm. Das Publikum klatscht gleichzeitig zwei verschiedene Rhythmen, linke Hälfte gegen rechte Hälfte. Den Maestro freut’s und nach getaner Arbeit gibt es eine wohlverdiente Pause.

Auf dem Gang stöhnt der eine, das sei ja wie in der Schule, während die andere strahlend zustimmt, ja, sie hatte Musik im Abitur.

Nun ja. Es gibt keine Noten, also Schulnoten natürlich. Und dann ist es doch ganz schön, sich auf ein Musikstück so intensiv einzulassen und der Begeisterung der Musikerinnen und Musiker zu folgen. Obwohl – nach de Souza wird diese eine Stelle „die Kontrabässe auch in zweihundertfünfzig Jahren noch um den Schlaf bringen“.

Nach der Pause braucht das Publikum nur noch zu lauschen und sich von der Musik umhüllen zu lassen, tief einzutauchen in Mozarts kleines Meisterwerk, das irgendwie jede und jeder kennt. De Souza meint, es sei der meistgenutzte Handyklingelton der frühen 2000er Jahre. Da ist es doch nicht schlecht, das ganze Werk einmal zu hören.

Und mit dem Kennen ist es so eine Sache. Hinten stöhnt jemand herzzerreißend „Nein, nein, nein!“ Offenbar ein Kenner. Zumindest der Gepflogenheiten bei Konzertwerken mit mehreren Sätzen. Es wird nicht nach jedem Satz geklatscht!

Nun, heute schon, offenbar ist nicht das ganze Publikum so versiert. Aber das macht auch nichts. Die Philharmonikerinnen und Philharmoniker nehmen es gelassen, es ist doch schön, wenn die Menschen mitgehen. Und sie haben zwar an dem Punkt die Etikette nicht gelernt, dafür aber vieles andere an dem Abend mitgenommen. Vor allem eine Musik, die berührt, Musikerinnen und Musiker, die begeistern, den „atemlosen, nervösen Herzschlag der Bratschen“ vernommen und dabei selbst ein wenig von ihrem Alltagsstress losgelassen.

Damit tauchen sie wieder auf in die Wirklichkeit des Abends und gehen dennoch beschwingt und manche auch beseelt nach Hause.

In dieser Spielzeit gibt es kein weiteres Deep-Dive-Konzert mehr, aber vielleicht lieben Sie Brahms? Oder möchten ihn kennenlernen? Dann ist am 28. und 29. April die Gelegenheit.

Mehr Infos unter www.theaterdo.de






Festliche Operngala mit großer musikalischer Bandbreite

Im Opernhaus Dortmund erlebten die Freunde des Genres am 29.03.2026 die Premiere einer festlichen Operngala.



Musikalisch begleitet wurde der Abend ausdrucksstark von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Motonori Kobayashi. Moderiert wurde die Gala unter dem Titel „Mein lieber Schwan“ humorvoll von dem Entertainer Götz Alsmann. Dieser betrat passend dazu aus einem „Schwan“ heraus die Bühne.

Götz Alsmann und der titelgebende Schwan. Foto: (c) Björn Hickmann
Götz Alsmann und der titelgebende Schwan. Foto: (c) Björn Hickmann

Das Publikum wurde in zwei Programmteilen auf eine besondere musikalische Reise mit großer Bandbreite mitgenommen. Zunächst wurden vor der Pause drei berühmte Faust-Vertonungen aus dem französisch-italienischen Raum kombiniert: Hector Berlioz’ „La damnation de Faust“ (1846), Arrigo Boitos „Mefistofele“ (1868) sowie Charles Gounods „Margarethe“ (1859).

Als Interpret*innen der Arien glänzten mit ihren starken Stimmen Artyom Wasnetsov (Bass), Sungho Kim (lyrischer Tenor), Anna Sohn (Sopran) sowie Daegyun Jeong (Bariton, als Vertretung für den erkrankten Mandla Mndebele). Der Opernchor Theater Dortmund (Einstudierung: Fabio Mancini) erwies sich dabei sofort als wichtige Unterstützung. Zudem konnte er mit „Va, pensiero“ (aus „Nabucco“ von Verdi) beeindrucken.

Der zweite Teil der Gala war gleich mehreren Jubiläen gewidmet. Im Jahr 2026 feiern die Bayreuther Festspiele nämlich ihren 150. Geburtstag mit Richard Wagners „Ring des Nibelungen“. Auch Amilcare Ponchiellis Oper „La Gioconda“ und Edvard Griegs Schauspielmusik zu „Peer Gynt“ erlebten 1876 ihre Uraufführung. Giacomo Puccinis 1926 uraufgeführte Oper „Turandot“ feiert immerhin auch schon ihren 100. Geburtstag.

Die Orchesterstücke „Walkürenritt“ von Wagner und „Morgenstimmung“ aus „Peer Gynt“ wurden eindrucksvoll von den Dortmunder Philharmonikern interpretiert. Musik aus Daniel-François-Esprit Aubers „La muette de Portici“ (1828) wurde von Sungho Kim und Daegyun Jeong einfühlsam dargeboten.

Mit seinem eindringlichen Tenor begeisterte Aaron Cawley nicht nur bei Wagners „In fernem Land“ und „Cielo e mar“ aus „La Gioconda“ (Ponchielli), sondern zum Ende auch bei der bewegenden Arie „Nessun dorma“ aus „Turandot“ (Puccini).

Weitere Vorstellungstermine erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.

Übrigens: Die Vorstellung am 16. Mai 2026 findet im Rahmen des Wagner-Kosmos VII statt und ist eine Gala-Aufführung zum 60. Geburtstag des Dortmunder Opernhauses (Moderation: Intendant Heribert Germeshausen).




Zwischen Mythos und Comic-Held: Grandvals „Mazeppa“ in Dortmund

Mit der deutschen Erstaufführung von Mazeppa ist der Oper Dortmund ein echter Coup gelungen. Das Werk stammt aus der Feder von Clémence de Grandval (1828–1907), einer der produktivsten Komponistinnen ihrer Zeit. Dass sie ihre Opern oft unter Pseudonymen veröffentlichen musste und von Kritikern trotz ihres Talents oft als „Amateurin“ herabgestuft wurde, macht diese späte Würdigung ihres handwerklich brillanten Fünfakters umso bedeutender.



Vom Held zum Verräter: Der historische Kern

Die Oper greift den Mythos um Ivan Mazepa (1639–1709) auf, jene schillernde historische Figur, die heute als ukrainischer Nationalheld verehrt wird. Die Legende seiner Jugend – er soll wegen eines Ehebruchs nackt auf ein Wildpferd gebunden und in die Steppe gejagt worden sein – bildet den furiosen Auftakt der Oper. Doch de Grandval und ihr Regisseur Martin G. Berger blicken tiefer: Es geht um den Mann, der zwischen den Fronten lavierte und schließlich vom glühenden Hoffnungsträger zum ausgestoßenen Verräter wurde.

Die Inszenierung: Treppensturz statt Historienschinken

Regisseur Martin G. Berger verzichtet konsequent auf historischen Pomp. Das zentrale Bühnenelement ist eine karge, aber wirkungsvolle Treppenlandschaft. Diese „Himmelsleiter“ dient als Symbol für den rasanten Aufstieg und den unvermeidlichen Fall.

Mandla Mndebele, Anna Sohn, Artyom Wasnetsov, Sungho Kim, Opernchor Theater Dortmund
Foto: (c) Björn Hickmann
Mandla Mndebele, Anna Sohn, Artyom Wasnetsov, Sungho Kim, Opernchor Theater Dortmund
Foto: (c) Björn Hickmann

Besonders spannend ist die visuelle Ebene: In Video-Sequenzen wird Mazeppa als Comic-Held im Stil moderner Blockbuster überzeichnet. Diese Ästhetik macht Mazeppa zu einer fast künstlichen Ikone – ein „Superheld“, dessen Fassade bröckelt, je mehr die politische Realität ihn einholt. Dieser „Netflix-Rhythmus“ sorgt für ein hohes Tempo, das die fünf Akte wie im Flug vergehen lässt.

Musikalische Romantik und sängerische Glanzlichter

Unter der Leitung von Jordan de Souza entfaltet die Partitur eine Wucht, die weit über das Jahr 1892 hinausweist.

Der cineastische Klang des Abends wurde maßgeblich von den Dortmunder Philharmonikern getragen, die unter der Leitung von Jordan de Souza in einem betont warmen, romantischen Stil schwelgten. Dabei verliehen besonders die geschickt eingewobenen russischen Volksweisen der Partitur eine atmosphärische Tiefe. Inmitten dieser orchestralen Pracht präsentierte sich Mandla Mndebele in der Titelpartie als die personifizierte Zerrissenheit – gleichermaßen charismatisch in seinem rasanten Aufstieg wie erschütternd in seinem tiefen Fall. Ihm gegenüber bildete Anna Sohn als Matréna das emotionale Zentrum des Abends; vor allem ihre bewegende Wahnsinnsszene im Finale markierte einen sängerischen Höhepunkt, der das Publikum zutiefst berührte. Flankiert wurde das Paar von Gegenspielern, die das Drama stimmlich zuspitzten: Während Sungho Kim als Iskra mit einem schneidenden Tenor überzeugte, dessen Warnungen vor dem Fremden tragisch ungehört verhallten, machte Artyom Wasnetsov als Kotchoubey die verzweifelte Ohnmacht eines Vaters mit seinem profunden Bass unmittelbar fühlbar.

Die Oper Dortmund zeigt, dass Clémence de Grandval eine Meisterin der Dramaturgie war. Ihr Mazeppa ist kein verstaubtes Relikt, sondern durch Bergers kluge Abstraktion und die Comic-Ästhetik eine hochaktuelle Parabel über die Zerbrechlichkeit von Macht. Ein Pflichttermin für alle, die große Oper im modernen Gewand erleben wollen.




Bildgewaltig und klangsinnlich: Ein Konzerterlebnis der Dortmunder Philharmoniker

Die Dortmunder Philharmoniker luden am 17. und 18.03.2026 unter der lebendigen Leitung von GMD Jordan de Souza zum 6. Philharmonischen Konzert in das Konzerthaus Dortmund ein. Klangsinnlichkeit und Bildhaftigkeit prägten das Programm mit Werken von Claude Debussy (1862–1918), Thierry Escaich (*1965) sowie Modest Mussorgski (1839–1881) in der Orchestrierung von Maurice Ravel (1875–1937).



Den stimmungsvollen Auftakt bildete Debussys „Prélude à l’après-midi d’un faune“. Künstlerische Individualität, souveräne Gestaltung und harmonische Freiheit prägen dieses Werk, dem ein Gedicht von Stéphane Mallarmé aus dem Jahr 1876 zugrunde liegt. Es thematisiert Begehren und Sinnlichkeit, projiziert auf einen mythologischen Faun – ein Mischwesen aus Mensch und Tier. Besonders die Flöten, Streicher und Harfen ließen die traumhafte Atmosphäre dieses Schlüsselwerks des Impressionismus lebendig werden.

Komponist und Organist Thierry Escaich. (Foto: (c) Marie Rolland)
Komponist und Organist Thierry Escaich. (Foto: (c) Marie Rolland)

Als besonderer Gast trat anschließend der französische Komponist und Organist Thierry Escaich (Titularorganist an Notre-Dame de Paris) auf. Als Solist interpretierte er sein Orgelkonzert Nr. 3: „Quatre Visages du temps“. Escaich, ein Meister der Klangfarben, entwarf in diesem groß angelegten, viersätzigen Werk einen Gang durch die Musikgeschichte. Die Komposition führt in freier Gestaltung von der barocken Passacaglia bis hin zu Disco-Beats und Jazzelementen. Souverän leitete er das Publikum durch den vielschichtigen Ablauf – von träumerischen Passagen bis hin zu aufbrausenden Dissonanzen. Die Energie schien gegen Ende fast zu versiegen, bevor das Werk mit einer heftigen, auffahrenden Geste schloss. Als Überraschung gab es eine virtuose Orgel-Improvisation über die BVB-Hymne „Leuchte auf, mein Stern Borussia“.

Nach der Pause stand Mussorgskis berühmter Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ in der glanzvollen Orchesterfassung von Maurice Ravel auf dem Programm. Das Werk entstand 1874 unter dem Eindruck einer Gedächtnisausstellung für den verstorbenen Maler Viktor Hartmann, einen engen Freund Mussorgskis. Der als Rundgang konzipierte Zyklus umfasst elf musikalische Charakterstudien – mal quirlig-verspielt, mal abgründig tief –, die durch wiederkehrende Zwischenmusiken (Promenaden) miteinander verbunden sind. Das Konzert endete furios mit dem majestätischen „Großen Tor von Kiew“.

Begleitend zum Konzert ließen sich Teilnehmende eines Volkshochschulkurses im Alter von 15 bis 65 Jahren von der Musik zu eigenen Bildern inspirieren. Die Ergebnisse dieser kreativen Auseinandersetzung sind derzeit im Foyer des Konzerthauses zu bewundern. Ravels Instrumentation versinnbildlicht dabei nicht nur seine Bewunderung für Mussorgski, sondern steht stellvertretend für den großen Einfluss der russischen Musik auf die französische Moderne nach 1900.




Eindringlicher Desert-Rock beim Klangvokal Musikfestival

Im Jahr 1975 zwang der Westsahara-Konflikt zehntausende Sahrauis zur Flucht. Diese Auseinandersetzung – ein Resultat der Dekolonisierung und der verweigerten Selbstbestimmung dieses Volkes – ist bis heute ungelöst. Die Westsahara gilt nach wie vor als Territorium ohne Selbstverwaltung.



Aziza Brahim (*1976 in Tindūf, Westalgerien) wuchs in einem der dortigen Flüchtlingslager auf. Früh wurde die Musik für sie zum entscheidenden Mittel, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten; durch die universelle Sprache des Gesangs schöpfte sie Kraft. Nach ihren Jugendjahren in Kuba zog sie im Jahr 2000 nach Spanien, von wo aus sie ihre internationale Karriere startete.

Gemeinsam mit ihren Musikerkollegen Ignasi Cussó (E-Gitarre), Guillem Aguilar (Bass) und Andreu Morena (Schlagzeug) trat sie am 13.03.2026 im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals im Dortmunder Reinoldihaus auf. Ihr besonderer „Desert-Rock“ verbindet Elemente aus Rock, Funk, Electro und Afro-Blues mit traditionellen saharauischen Klängen. Inhaltlich erzählen ihre Lieder von Heimat, Widerstand und Hoffnung. Dabei nutzt Brahim nicht nur ihre klare, ausdrucksstarke Stimme, sondern setzt auch die traditionelle Tablatrommel (ein Membranophon) als künstlerisches Ausdrucksmittel ein.

Aziza Brahim und Band im Reinoldihaus in Dortmund. (Foto: (c) Karen Elias)
Aziza Brahim und Band im Reinoldihaus in Dortmund. (Foto: (c) Karen Elias)

Live vermittelte das Ensemble ein Stück der Seele ihrer Heimat, kombiniert mit Jazz-Energie und mitreißenden Rhythmen – mal melancholisch, mal temperamentvoll und voller Zuversicht. Sowohl die Instrumentalisten als auch die Sängerin erhielten ausreichend Raum, ihr virtuoses Können zu entfalten. Ein gelungenes Beispiel für die völkerverbindende Kraft der Musik über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg.




Zwei musikalische Gipfelwerke der Romantik

Das 5. Philharmonische Konzert am 24./25.02.2026 im Dortmunder Konzerthaus unter dem Titel „Brahms/Elgar“ entführte die Anwesenden musikalisch in die Zeit der Romantik an der Wende zum 20. Jahrhundert. Zwei Werke – variationsreich, tiefsinnig, reichhaltig in der formalen Gestaltung und von hoher emotionaler Ausdruckskraft – standen auf dem Programm.
Die erste Hälfte gehörte dem Violinkonzert D-Dur op. 77 von Johannes Brahms (1833–1897). Hierfür hatten die großartig aufgelegten Dortmunder Philharmoniker die renommierte italienisch-amerikanische Geigerin Francesca Dego als Solistin gewinnen können. Die musikalische Leitung der beiden Abende übernahm der amerikanische Dirigent Kenneth Woods. Dieser hat, ebenso wie der britische Komponist Edward Elgar (1857–1934), eine enge Verbindung zur englischen Stadt Worcester. Ein besonderer Bezugspunkt.

Die Violonistin Francesca Dego begeisterte das Publikum im Konzerthaus (Foto: (c)  Davide Cerati )
Die Violonistin Francesca Dego begeisterte das Publikum im Konzerthaus (Foto: (c) Davide Cerati )

Das Violinkonzert von Brahms entfaltet oft eine helle, idyllische Grundstimmung, die von Francesca Dego empathisch vermittelt wurde. Im ersten Satz mit der Kadenz von Ferruccio Busoni (als Reminiszenz an die Kadenz von Beethoven) wird die Violine von der Pauke begleitet. Der zweite Satz ist musikalisch mit einer gelungenen Balance zwischen Orchester und Soloinstrument intensiv-romantisch ausgestaltet. Brahms’ Violinkonzert entstand am Wörthersee. Diese schöne Natur fand durch die Horninstrumente eine besondere Ausdrucksform. Der temperamentvolle, an ungarische Tänze erinnernde dritte Satz verlangte der Solovioline höchste Virtuosität und großes Können ab. Dego gelang es wunderbar, tiefe Empfindsamkeit, Melancholie und Dramatik über ihr Instrument zu transportieren.
Nach der Pause wurde das Publikum mit Edward Elgars „Enigma-Variationen über ein Originalthema op. 36“ in die Zeit des Britischen Empires an der Wende zum 20. Jahrhundert geführt. Enigma bedeutet „Rätsel“. Der Komponist hat in den Variationen Porträts der verschiedenen Charaktere von Bekannten und Verwandten musikalisch verschlüsselt. Auch ein Selbstporträt soll darunter sein. Es bleibt ein geheimnisvolles Werk. Die Musik der einzelnen Variationen ist dementsprechend sehr vielfältig: manchmal romantisch-melancholisch, dann wieder sprunghaft oder aufbrausend. Dies war eine große Herausforderung für das gesamte Orchester, die hochprofessionell und mit viel Herzblut gemeistert wurde.




Marathon der jungen Talente: Ein Sternstunden-Abend im Konzerthaus Dortmund

Am Samstagabend lud das Konzerthaus Dortmund zu einem musikalischen Kraftakt der besonderen Art ein. Unter dem Titel „Junge Wilde – Rising Stars“ präsentierten sich die von den europäischen Konzerthäusern nominierten Nachwuchstalente in einem mehrstündigen Konzertmarathon.Dass das Publikumsinteresse enorm war und sich der Saal selbst nach der zweiten Pause kaum leerte, spricht Bände über die Qualität dieses abwechslungsreichen Abends. Durch das Programm führte charmant und sachkundig Marlis Schaum.

Von Mendelssohn zu einer spontanen Meisterleistung

Den Auftakt machte das italienische Trio Concept. Mit Felix Mendelssohn Bartholdys Klaviertrio Nr. 1 in d-moll op. 49 zeigten Edoardo Grieco (Violine), Francesco Massimino (Violoncello) und Lorenzo Nguyen (Klavier) leidenschaftliches Zusammenspiel und romantisches Pathos.

Die Rising Stars 2026. (Foto: (c) Jörg Neumann)
Die Rising Stars 2026. (Foto: (c) Jörg Neumann)

Im direkten Anschluss bewies der Pianist Lorenzo Nguyen eiserne Nerven: Er sprang spontan für den eigentlichen Begleiter ein und führte gemeinsam mit der isländischen Sopranistin Álfheiður Erla Guðmundsdóttir durch ein komplett umgestelltes Programm. Das neue Set spannte einen beeindruckenden Bogen von Henry Purcells hypnotischem „Music for a while“ über romantische Klassiker von Schubert und Grieg bis hin zur rauen Intensität von Samuel Barbers „The Crucifixion“. Die nordische Heimat der Sängerin blitzte in Liedern von Jean Sibelius auf. Auch das für sie komponierte ECHO-Auftragswerk „Náðarstef“ (Lieder der Barmherzigkeit) von María Huld Markan Sigfúsdóttir fand in Auszügen seinen verdienten Platz.

Zwei Instrumente, ein Präludium: Der faszinierende Bach-Vergleich

Der Mittelteil des Abends bot einen der spannendsten Hörmomente des Konzerts. Die österreichische Cellistin Valerie Fritz schlug eine Brücke von der klassischen Tradition in die experimentelle Moderne. Nach ihrem eindringlichen Spiel des Präludiums aus Johann Sebastian Bachs 2. Cellosuite in d-moll zeigte sie im Auftragswerk „The sheer task of being alive“ von Jennifer Walshe ihre theatralischen und performativen Qualitäten.

Besonders reizvoll war der direkte Übergang zu Áron Horváth am ungarischen Cymbal. Er begann sein Set exakt mit demselben Bach-Präludium – eine seltene Gelegenheit, dieses ikonische Werk im unmittelbaren Kontrast auf einem geschlagenen statt auf einem gestrichenen Instrument zu erleben. Horváths Programm war im weiteren Verlauf von einer überwiegend meditativen, schwebenden Atmosphäre geprägt, bevor er zum krönenden Abschluss seines Blocks noch einmal richtig wild wurde und eine feurige Energie entfesselte.

Ein furioses Finale voller Energie

Den Schlusspunkt setzte das portugiesische Maat Saxophone Quartet. Mit dem ECHO-Auftragswerk „Four faces, four wings“ von Aleksandra Vrebalov brachten sie einen kraftvollen musikalischen Ruf nach Frieden auf die Bühne. Für wahre Begeisterungsstürme und lautstarken Applaus sorgte schließlich ihre mitreißende Quartett-Fassung von George Gershwins „Rhapsody in Blue“.

Als Zugabe bescherte das Ensemble dem Publikum einen echten Gänsehaut-Moment: Mit einer rein instrumentalen Interpretation der Stadionhymne „You’ll never walk alone“ bewiesen sie nicht nur musikalisches Feingefühl, sondern auch eine wunderbare Nähe zu ihrer Dortmunder Gastgeberstadt. Ein absolut gelungener Abschluss für einen langen, aber zu keinem Zeitpunkt ermüdenden Konzertabend.




Dortmunder Jugendorchester trifft heimische Philharmoniker

Am 09.02.2026 bot sich beim 2. Konzert für junge Leute unter dem Titel „DOJO meets Dortmund Philharmonic: America!“ wieder die Gelegenheit, die Dortmunder Philharmoniker unter der temperamentvollen Leitung von Olivia Lee-Gundermann gemeinsam mit dem DOJO (Dortmunder Jugendorchester) zu erleben. Thematisch drehte sich im Konzerthaus alles um die sich aus vielen Quellen speisende Musik der USA des 20. Jahrhunderts.

Zu Beginn stand die durch europäische Immigranten beeinflusste Musik von Leonard Bernstein (1918–1990) sowie George Gershwin (1898–1937) auf dem Programm. Engagiert geleitet von der Dirigentin, erweckten die Dortmunder Philharmoniker die dramatischen Klänge und Geschichten aus der „West Side Story“ (Bernstein) sowie „Porgy and Bess“ (Gershwin) instrumental und sinnlich zum Leben.

Anschließend ergänzte das Jugendorchester unserer Stadt mit musikalisch frischer Kraft die Philharmoniker auf der Bühne bei den folgenden Programmpunkten. Der afroamerikanische Einfluss wurde eindrucksvoll durch den 3. Satz „Juba Allegro“ aus der Sinfonie Nr. 4 d-Moll der Komponistin Florence Price (1887–1953) vermittelt. Der Titel bezieht sich auf den „Juba Dance“; Price gelang es hier erstmals, originäre afroamerikanische Musikelemente in eine Sinfonie einzubringen.

Das Jugendorchter und die Dortmunder Philharmoniker zusammen in einem Konzert. (Foto-Credit: Sophia Hegewald)
Das Jugendorchester und die Dortmunder Philharmoniker zusammen in einem Konzert. (Foto-Credit: Sophia Hegewald)

Europäisch geprägt war wieder der ruhige, etwas melancholisch klingende Satz „Molto Adagio“ aus dem „Adagio for Strings“ von Samuel Barber (1910–1981). In moderne Filmwelten führten dann bekannte, dramatische Melodien aus „Der weiße Hai“ und „Star Wars“ von John Williams (*1932).

Zum Abschluss gab es noch eine Zugabe aus „Indiana Jones“. Es ist erfreulich, dass auch dem Orchesternachwuchs die Möglichkeit geboten wird, sich einem großen Publikum zu präsentieren.




Gipfeltreffen der Siebten: Marek Janowskis triumphale Rückkehr zu den Dortmunder Philharmonikern

Es war mehr als nur das 4. Philharmonische Konzert am 27. Januar 2026 im Konzerthaus. Es war eine historische Rückkehr und ein musikalisches Statement. Als Marek Janowski, der die Dortmunder Philharmoniker bereits von 1975 bis 1979 als Generalmusikdirektor prägte, das Podium betrat, schloss sich ein Kreis. Auf dem Programm standen keine solistischen Kabinettstückchen, sondern zwei gigantische Monolithen der Romantik: Schuberts Siebte und Bruckners Siebte.

Man könnte diese mutige Zusammenstellung als eine Reise von der „Keimzelle“ zur „Kathedrale“ bezeichnen. Die Dramaturgie des Abends schlug eine historische Brücke: Schubert, der Urvater der romantischen Sinfonik, der mit seinem Mut zu langen, singenden Themen und atmosphärischen Wanderungen den Weg bereitete – und Bruckner, der diesen Stil später in gigantische Dimensionen führte. Ohne Schuberts Vorarbeit wäre Bruckners Klangkosmos kaum denkbar gewesen.

Von der himmlischen Länge zur architektonischen Tiefe

Beide Werke eint das Spiel mit der Zeit, doch auf völlig unterschiedliche Weise. Was Robert Schumann einst bei Schubert als „himmlische Länge“ bezeichnete, nutzt dieser für einen unaufhaltsamen, rhythmischen Puls. Es ist ein musikalisches „Ja“ zum Leben, strahlend, tänzerisch und voller Vorwärtsdrang trotz aller innewohnenden Melancholie.

Nach der Pause dann der Kontrast in der Energie: Bruckners Siebte in E-Dur. Hier wird die Zeit genutzt für einen monumentalen, fast sakralen Aufbau. Vom ersten, endlos strömenden Thema bis zum berühmten Adagio – der Totenklage für Richard Wagner – füllt die Musik Raum und Zeit auf eine Weise, die eher dem Besteigen eines Berggipfels gleicht als einer Wanderung im Tal.

Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.
Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.

Der Architekt am Pult

Dass dieses „schwere“ Programm nicht unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrach, ist dem Rückkehrer am Pult zu verdanken. Marek Janowski erwies sich einmal mehr als der „Architekt“ unter den Dirigenten. Er ist kein Mann des bloßen Pathos, sondern ein Analytiker, der Strukturen offenlegt.

Bei Schubert verhinderte Janowskis Zugriff konsequent, dass die „Große C-Dur“ im rein „Gemütlichen“ stecken blieb; stattdessen verlieh er ihr den nötigen Drive und rhythmische Schärfe. Bei Bruckner wiederum sorgte er mit struktureller Klarheit dafür, dass die riesigen Steigerungswellen nicht zerflossen, sondern sich logisch und zwingend aufbauten.

Ein Wiedersehen mit der „Janowski-Schule“

Für das Orchester war der Abend wie ein Wiedersehen mit einem strengen, aber hochgeschätzten Lehrmeister. Der spezifische, transparente Orchesterklang, den Janowski fordert, war deutlich zu hören. Es wirkte wie eine Rückbesinnung auf die eigene Identität und das Kernrepertoire der deutschen Romantik.

Dabei blieb Janowski seinem Ruf als „Anti-Star“ treu. Dass er zwei so massive Sinfonien ohne Solisten und ohne Beiwerk nebeneinanderstellte, passt perfekt zu seinem Ethos: Keine Mätzchen, die Musik soll für sich selbst sprechen. Es war ein puristisches Programm, das volles Vertrauen in die Substanz der Kompositionen setzte.

Eine Brücke in die Vergangenheit

Der langanhaltende Applaus am Ende galt nicht nur der künstlerischen, sondern auch der physischen Leistung. Für den 1939 geborenen Dirigenten ist ein solches Programm ein Kraftakt, der höchste Konzentration und Ausdauer verlangt. Dass er diese Energie mit weit über 80 Jahren noch aufbringt, rang dem Saal tiefen Respekt ab.

Besonders für jene Besucher, die Janowski noch aus den 70er Jahren kannten, war dieser Abend eine emotionale Brücke in die eigene Vergangenheit. In einer sich schnell verändernden Welt wirkte Janowskis Beständigkeit – als sachdienlicher, strenger Diener der Partitur – beruhigend und erdend. Ein großer Abend für Dortmund.




Eine Reise durch Jahrhunderte amerikanischer Musikgeschichte

Das Klangvokal Musikfestival Dortmund lud am 30. Januar 2026 zu einem besonderen Abend in das Reinoldihaus: Das renommierte Vokalensemble Chanticleer präsentierte sein Programm „OUR AMERICAN JOURNEY“. Der Anlass könnte kaum passender sein, begehen die Vereinigten Staaten in diesem Jahr doch ihren 250. Unabhängigkeitstag.

Das 1978 in San Francisco gegründete und mit einem Grammy ausgezeichnete Ensemble steht unter der Leitung von Tim Keeler. Es setzt sich aus sechs Countertenören, drei Tenören sowie drei Bässen bzw. Baritonen zusammen.

Die Sänger führten das Publikum auf eine abwechslungsreiche Reise durch mehrere Jahrhunderte und diverse Musikstile. Der Abend begann mit Werken aus spanischen und mexikanischen Chorbüchern des 17. Jahrhunderts, gefolgt von Klängen, die ihren Ursprung in den englischen Kolonien Nordamerikas haben. Auffällig war dabei die Stimmführung, die sich nur selten den strengen Regeln des formalen Kontrapunkts unterwarf.

Einen besonders tiefen Eindruck hinterließ vor der Pause das Stück „Un-Covered Wagon“, das Brent Michael Davids 2002 eigens für Chanticleer komponierte. Es nimmt Bezug auf den Stummfilm „The Covered Wagon“ (1923), der einen Siedlertreck von 1848 aus einer glorifizierenden Pionier-Perspektive zeigt. Davids bricht mit dieser einseitigen Sichtweise und dem Mythos der „unbewohnten Landschaft“. Stattdessen lenkt er den Blick – und das Gehör – auf die Ureinwohner, indem er indigene Musikelemente kunstvoll in das Werk integriert.

Das Programmhelft von Chanticleer."
Das Programmhelft von Chanticleer.“

Breiten Raum nahmen zudem der Shape-Note-Gesang sowie Spirituals und Gospels der afroamerikanischen Gemeinschaft ein. In den protestantisch-methodistischen Kirchen entwickelten sich diese Stile einst zu einem lebendigen Ausdruck der Freiheit für ehemals versklavte Menschen.

Mit „Hee-oo-oom-he“ von Toby Twining bot das Ensemble spannenden experimentellen Gesang: Markante Klänge, wechselnde Metren, Polyrhythmen sowie Techniken wie Vocal Fry, Jodeln und Hecheln forderten die Sänger heraus. Den Abschluss bildete ein Ausflug in die moderne Welt des Jazz und Pop.

Chanticleer glänzte nicht nur durch starke Solisten, sondern auch durch perfekte Intonation und klangliche Reinheit im Zusammenspiel der Stimmlagen – ein vielschichtiges und anspruchsvolles Programm, das meisterhaft umgesetzt wurde.