Kunstvolles ahnen – Ausgabe 17 von ARTIC

Die in Dortmund erscheinende Kunst- und Kulturzeitschrift ARTIC beschäftigt sich in der 17. Ausgabe mit dem Thema „ahnen“. Ars tremonia sah sich das Heft einmal genauer an und war beeindruckt.



Das Wort „ahnen“ hat eine vielfältige Bedeutung. Klein geschrieben bedeutet es soviel wie „eine Intuition zu haben“, anders gesagt, das Bauchgefühl. Groß geschrieben ist es ein Verweis auf unsere Vorfahren, unsere „Ahnen“.

Die Ausgabe von ARTIC versammelt unterschiedliche künstlerische und philosophische Standpunkte zu diesem Begriff. Dabei ist es auffällig, wie hochwertig das Heft ist. Die Ausgabe ist eingeschlagen in ein engmaschiges Netz, so das der Titel leicht verschwommen erahnbar ist. Aber im Innenteil geht es weiter: Hier ist echte Kunst zu finden, in dieser Ausgabe unter anderem ein Fotoabzug, der die Zeitschrift zum Kunstsammelobjekt macht.

Das Layout wurde von Frank Georgy entworfen. Er nutzt erfrischende Typografie, die die Leserin oder den Leser auch mal zwingen, das Heft um 45 Grad zu drehen. Der Umschlag wurde von dem Künstler und ARTIC – Mitherausgeber Andreas Drewer gestaltet.

Doch was ist mit dem Inhalt? 26 Künstlerinnen und Künstler haben ihren Beitrag zum Heft geleistet. Manche, wie der DJ Sven Väth, nur kurz im Rahmen einer Befragung, andere wie der Kölner Autor Albert Kamps veröffentlichen eine längere Kurzgeschichte. Der Philosoph Hubertus Busche wirft einen erkenntnistheoretischen Blick auf die Ahnungen. Die Kurzgeschichten und Gedichte in dieser Ausgabe sind auf jeden Fall genauso einen Blick wert wie die graphischen Arbeiten.

ARTIC Nr. 17 erscheint in einer Auflage von 550 Stück und kostet 20 Euro. Das Magazin ist über den Direktversand (zzgl. Versandkosten) zu beziehen und über die ISSN 0945-9863 in jeder Buchhandlung bestellbar.




Dortmunds vierter „Stadtbeschreiber“ kommt aus der Schweiz: Alexander Estis folgt auf Elias Hirschl

Der in der Schweiz lebende Autor und Kolumnist Alexander Estis wird Dortmunds vierter Stadtbeschreiber. Er wurde von der Jury unter rund 40 Bewerber*innen für das Literaturstipendium ausgewählt und wird ab Mai 2023 für sechs Monate in Dortmund leben und schreiben. Derzeit ist Alexander Estis Stadtschreiber von Heilbronn.



Über die Entscheidung freut er sich sehr und dankt der Jury: „Ich bin gespannt auf neue Begegnungen und auf die Gespräche mit der Dortmunder Bevölkerung, die ich führen möchte, um Geschichten, Sehnsüchte, Träume oder auch Ängste zu sammeln, die sich auf die Stadt Dortmund und deren Wandel beziehen“, so Estis.
Spezialist für literarische Kleinformate
Alexander Estis ist Schriftsteller und Kolumnist. Er wurde 1986 in einer jüdischen Künstlerfamilie in Moskau geboren; dort erhielt er eine Ausbildung an Kunstschulen und bei Moskauer Künstler*innen. 1996 siedelte er mit seinen Eltern nach Hamburg über. Nach Abschluss des Studiums in deutscher und lateinischer Philologie arbeitete er als Dozent für deutsche Sprache und Literatur an verschiedenen Universitäten. Seit 2016 lebt er als freier Autor in Aarau (Schweiz).
Alexander Estis arbeitet vorwiegend in literarischen Kleinformen. Diese zeichnen sich aus durch stilistische Vielfalt sowie die Verschmelzung von Satire und Ernst, von Essayistik und Belletristik, prosaischer und metrischer Form sowie von Wort und Bild. Zuletzt erschien sein fünftes Buch, die Prosasammlung „Legenden aus Kalk“. Estis verfasst Essays, Glossen und Kolumnen u.a. für „Die Zeit“, Deutschlandfunk Kultur, NZZ, Tagesanzeiger, WOZ. Ferner übersetzt er Lyrik und Prosa aus dem Russischen und Lateinischen. Alexander Estis ist Mitglied in zahlreichen literarischen Vereinigungen. Für seine Texte erhielt er mehrfach Auszeichnungen und Stipendien.
Urbane Visionen aus Dortmund
In Dortmund möchte er der Bevölkerung mit seinem Projekt „Urbane Visionen“ eine literarische Stimme verleihen und sie dazu einladen, die Stadtentwicklung zu kommentieren und zu begleiten. In Gesprächen will er die mit der Stadt verbundenen Narrative, Sehnsüchte, Träume, aber auch Ängste herausarbeiten und als literarisch gestaltete Visionen publizieren.
Darüber hinaus will Alexander Estis sich mit Lesungen und Kooperationen mit Medien, Autor*innen und anderen Künstler*innen sowie Schreibwerkstätten und ähnlichen Mitmach-Formaten in die Stadtgesellschaft einbringen.
Die Jury überzeugte er u.a. mit einer Textauswahl aus seinem Band „Fluchten“, der 2022 in der Salzburger Edition Mosaik erschienen ist. „Seine Texte zeichnen sich durch hinreißende Lakonie, feine Stilistik und treffsichere Ironie aus. In satirischer Überhöhung, gepaart mit deskriptiver Nüchternheit, folgt er dem Diktum von Humor als Notwehr auf ganz eigene Weise, ausgestattet mit einem raumgreifenden und bildgewaltigen Erzählton. Irritierend, verstörend und zugleich von heiterer Melancholie und zum Kaputtlachen komisch, sind seine Texte“, so die Jury in ihrer Begründung.
Alexander Estis wird für die Dauer seines Stipendiums in einer von der Stadt angemieteten Wohnung in Dortmund nahe des Literaturhauses im Kreuzviertel wohnen. Er erhält ein monatliches Honorar von 1800 Euro.
Das Stadtbeschreiber-Stipendium
Das Stadtbeschreiber-Stipendium wird seit 2020 jährlich vergeben und setzt sich inhaltlich mit Transformationsprozessen in Dortmund auseinander. In der Zeit des Stipendiums arbeitet der/die Stipendiat*in eng mit dem Kulturbüro, dem Literaturhaus Dortmund und weiteren Institutionen der regionalen Literaturszene zusammen, bringt sich in die Stadtgesellschaft ein und vernetzt sich mit lokalen Literaturakteur*innen.
Mehr über Alexander Estis: estis.ch




Lesebuch Josef Krug – Kennenlernen in kleinen Häppchen

Um einen Autor kennenzulernen, ist eine Zusammenstellung mit unterschiedlichen Texten ein guter Start. Genauso ist es mit dem „Lesebuch Josef Krug“, das Walter Gödden zusammengestellt hat. Es enthält kurze Texte, Gedichte und Ausschnitte von längeren Texten. Sie stammen aus den Jahren 19179 bis 2019. Sie bilden einen guten Querschnitt und zeigen die Entwicklung von Josef Krug.



Josef Krug ist 1950 in Bad Brückenau geboren und studierte ab 1971 in Bochum. So kam er ins Ruhrgebiet, 1984 zog er nach Dortmund, wo er heute noch lebt.

Seine frühen Texte beschäftigen sich mit der Verdrängung der Gräueltaten der Nazis. Sehr eindrücklich in den Erzählungen „Fremde im Ort“ und „Das Griechenlied“. Die Ignoranz gegenüber dem Leid der Menschen kommt im Text mit „Die alten Leute haben nichts als ihre Pflicht getan“ deutlich hervor. Diesen Spruch kann man bis heute hören. Erschreckend, wenn man bedenkt, wie viele Naziverbrechen ungesühnt blieben.

Die Beschäftigung mit der Nazizeit kommt auch in einigen Gedichten vor. In „Jidddisch“, „Majdenek-Prozess“ oder sehr emotional in „Fahrpläne, Dienstpläne“.

Wenn man als Autor im Ruhrgebiet beheimatet ist, das muss man sich zwangsläufig mit dem Thema Arbeit beschäftigen. In „Ruhrpottriviera“ lernen wir eine sehr eifrige Sekretärin kennen, fahren mit dem „Europabus Istanbul“ in die Heimat der türkischen Gastarbeiter und erfahren in den Gedenkblättern für die Zeche Grimberg 3/4 von einem Bergwerksunglück.

Mit der Erzählung „Gespräche mit Irmela“ ist auch eine bitter-süße Geschichte vorhanden, in der ein schüchterner Student den Hausbesuch der Seminarschönheit Irmela falsch deutet.

Vom hoffentlich bald erscheinenden Roman „Fadenschein“ sind ebenfalls Auszüge enthalten. Hier kämpft der introvertierte Titelheld gegen eine autoritäre Elterngeneration in einer Kleinstadt. Seinen Wunsch nach Emanzipation setzt sich dann in der Bundeswehr, im Studium sowie in einer linksdogmatischen Bewegung weiter fort.

Lesebuch Josef Krug
Zusammengestellt und mit einem Nachwort von Walter Gödden
Nylands Kleine westfälische Bibliothek 102
ISBN 978-3-8498-1723-7
2021, 166 Seiten
8,50 €




Tiere in der Bibel

Mit seinem Buch „…und Gott schuf die Tiere“ präsentiert der Dortmunder Zoodirektor Frank Brandstätter ein kleines, aber reich bebildertes Werk, das im OCM-Verlag erschienen ist.

Tiere in der Bibel – das ist jetzt kein ganz neues Sujet, es gibt auch schon einige Bücher dazu, beispielsweise von Silvia Schroer (Die Tiere in der Bibel, 2010) oder von Peter Goodfellow (Pflanzen und Tiere im Heiligen Land, 2019). Was macht das Buch also aus? Nun, während Schroer eine Altertumswissenschaftlerin ist, scheint Goodfellow ein Vogelkundler zu sein. So haben wir ein Buch vor uns, dass ein waschechter Zoologe geschrieben hat.

Das Buch ist eine kleine zoologische Exegese der Bibelstellen, in denen die Tiere erwähnt werden. Beispielsweise bei „Tauben“. Im Johannesevangelium erfahren wir im Kapitel 2, Vers 14 „Im Tempel fand er die Verkäufer von … Tauben“, dazu ergänzt Brandstätter, dass in der Antike Taubentürme errichtet wurden, damit man Jungvögel absammeln konnte, um sie auf dem Markt (als Opfertiere) anzubieten.

Auf diese Art und weise reisen wir zurück in den alten Orient und lernen die (damalige) Tierwelt kennen. Auch die Fehlinterpretationen. So sind Hasen keine Wiederkäuer wie uns die Bibelautoren erzählen (Leviticus 11,4 oder Deuteronomium 14,7).

Eine kleine Ungenauigkeit passierte dem Autor auf Seite 34 beim „Strauß“. Zum Verbot, Straußenfleisch zu essen (Leviticus 11,13) schreibt Brandstätter „Vielleicht ist das Verbot, Straßenfleisch zu verzehren, auch lediglich eine Vorschrift zur Abgrenzung zu Muslimen, bei denen Straßenfleisch gerne verzehrt wurde und als halal gilt.“

Als das Buch Leviticus geschrieben wurde (die jüngste Handschrift stammt von 350 v.u.Z.), gab es noch keine Muslime. Vermutlich aber andere Völker, die Straußenfleisch verzehrt haben.

Was ziehe ich – als Atheist – für ein Fazit zu dem Buch? Zunächst einmal, es ist unterhaltsam und lehrreich geschrieben und man bekommt ein Gespür, welche Rolle die verschiedenen Tiere in einer bronzezeitlichen Gesellschaft im Vorderen Orient gespielt haben. Die gefährlichen wie der Löwe oder die Haustiere wie Esel oder Schafe.

Und, schuf Gott die Tiere? Ich für meinen Teil bleibe da lieber bei Charles Darwin.

„und Gott schuf die Tiere“, Dr. Frank Brandstätter

OCM-Verlag

Hardcover
– ISBN 978-3-942672-97-9
– 111 Seiten
– 44 farbige Fotos
– 14 x 21 cm
– Fadenheftung
– mit Lesebändchen




Roman um Emanzipation, Mut, Schuld und politische Manipulation

In ihrer ersten Romanveröffentlichung „Wenn alle schweigen“ erzählt die in Dortmund beheimatete Autorin Cornelia Ertmer (Jahrgang 1953) mit schonungsloser Direktheit und viel Empathie die Geschichte dreier Frauen vor dem Hintergrund der Kaiserzeit, dem I. und II. Weltkrieg bis in Nachkriegszeit hinein.

Erna, Tochter Martha und Enkelin Clara sind jeweils unter den gegebenen Umständen auf der Suche nach Glück, Liebe und einem selbstbestimmten, eigenständigem Leben.

Familiengeschichte um Emanzipation durch die Jahrzehnte. (Cover © OCM Verlag)
Familiengeschichte um Emanzipation durch die Jahrzehnte. (Cover © OCM Verlag)

Während Erna als Frau eines Heuerlings im Münsterland in den engen und starren politischen wie religiösen Grenzen des ausgehenden 19. Jahrhunderts gefangen ist, versucht sich ihre vergewaltigte und ausgestoßene Tochter Martha sich so gut es geht dagegen zu wehren und findet Mitstreiterinnen in ihrem bestreben nach Eigenständigkeit.

Erst Ernas Enkelin Clara gelingt es, sich aus den Fesseln der traditionellen Geschlechterrolle und geltenden Konventionen zu befreien. Sie könnte ein glückliches Leben führen, wären da nicht die Schicksalsschläge, die ihr ihren Mann und ihre Tochter rauben. Ihre verstorbene Mutter hat das Geheimnis um ihren leiblichen Vater mit ins Grab genommen. Erst nach dem II. Weltkrieg gelingt es ihr , die Spurensuche nach dem Vater wieder aufzunehmen.

Das Schweigen aus Scham oder anderen Gründe spielt eine große Rolle in dem Roman. Die Autorin lässt ihre Leser*innen anhand wichtigen und prägenden Jahreszahlen für die für die Romanhandlung bedeutenden Personen teilhaben. Dabei wird das gesellschaftspolitische Leben zwischen 1895 bis in die Nachkriegsära unter Adenauer sichtbar und die Auswirkungen von gezielter Propaganda und Krieg vor Augen geführt. Die zunehmende Entmenschlichung und persönliche Kampf dagegen wird in den Textzeilen spürbar.

Cornelia Ertmers Roman ist ein Plädoyer gegen stumpfes schwarz-weiß denken und eine Aufforderung, mutig seinen kritischen Verstand zu gebrauchen. Auch heutzutage müssen Frauen immer noch um gleichen Lohn für gleiche Arbeit, Ausbeutung und einiges mehr kämpfen.

Die Stammbäume der beiden Familien, die für den Romans von Bedeutung sind, wurden am Anfang und Ende im Deckblatt zum besseren Verständnis der Zusammenhänge aufgezeichnet.

Keine leichte, heitere Lektüre, aber ein interessantes geschichtliche Zeitdokument, dass uns auch für unsere heutige Zeit einiges zu sagen hat.

Cornelia Ertmer
Wenn alle schweigen
OCM Verlag, ISBN 978-3-949902-01-7, 286 Seiten

Auch als E-Book erhältlich.




Krimi um Brückensprünge im Dortmunder Umfeld

Heinrich Peuckmann, Jahrgang 1940 und wohnhaft in Kamen, langjähriges Mitglied in der Krimiautorenvereinigung „Das Syndikat“ sowie im PEN, hat unter dem Titel „Sprung von der Brücke“ einen neuen Kriminalroman um den inzwischen aus dem Dienst ausgeschiedenen Dortmunder Kommissar Bernhard Völkel herausgebracht.

Der Protagonist mit sympathischen kleinen Schwächen und einen liebevollen Blick auf „sein Dortmund“ wird wieder einmal in einen mysteriösen Fall hineingezogen.

Heinrich Peuckmann, Sprung von der Brücke, Lychatz Verlag, ISBN: 978-3-9481 43-06-0, 9,95 €
Heinrich Peuckmann, Sprung von der Brücke, Lychatz Verlag, ISBN: 978-3-9481 43-06-0, 9,95 €

Ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde ist von einer Brücke auf die Gleise vor einen Zug gesprungen. War es wirklich Selbstmord? Seine Familie glaubt das nicht. Nach und nach kommen auch Völkel immer mehr Zweifel an dieser Theorie. Im Laufe der Ermittlungen und weiteren „Brückensprüngen“ kommt die ganze Tragweite des dramatischen und tragischen Hintergrunds ans Licht…

Der Krimi lässt sich leicht und flüssig lesen und hat einen guten Spannungsbogen auf zwei Erzählebenen. Erst gegen Ende löst sich der Plot für die Leserinnen und Leser mit seiner Dimension und Reichweite in die Vergangenheit vollständig auf. Ein Drama um Rache, Schuldgefühle, Feigheit, Verantwortung, Verdrängung und Ängste.

Der Roman offenbart menschliche Schwächen und regt zum Nachdenken über unser persönliches Verhalten in Situationen an, die Eigenverantwortung und Courage verlangen.

Eine spannende Lektüre, passend für die Urlaubszeit.

Heinrich Peuckmann, Sprung von der Brücke

ISBN: 978-3-9481 43-06-0

Kriminalroman. (2021)

Lychatz Verlag 9,95 Euro (D) Seiten: 222




Neuer Stadtbeschreiber Elias Hirschl vorgestellt

Der neue Stadtbeschreiber für Dortmund, Elias Hirschl, hat seit Anfang Mai sein Quartier im Kreuzviertel bezogen. Für sechs Monate wird der sympathische Wiener in Dortmund arbeiten und einen speziellen Blick auf Dortmund werfen. Der 28-jährige ist den Kennern des Poetry Slams schon durch einige Auftritte in Dortmund und Bochum bekannt und in NRW gut vernetzt.

Für das halbe Jahr hat er sich einiges vorgenommen. Neben der Wortkunst als Slammer möchte er Musiktexte schreiben, Essays und Artikel verfassen. Sein Hauptaugenmerk legt er auf einen neuen Roman, der hier entstehen soll. Den Inhalt skizziert er als einen Text über eine neue Arbeitswelt, gekennzeichnet durch prekäre Arbeit oder eine neue Form von Fließbandarbeit, z. B. die der Clickworker. Das Thema Entfremdung der Arbeit und undurchsichtige Strukturen soll ebenfalls mit einfließen. Für die Handlung stellt er sich einen fiktionalen Ort vor. Hirschl orientiert sich an der Transformationsleistung des Ruhrgebiets. „Das Ruhrgebiet ist zerfleddert in einzelne Städte, vieles, was früher das Stadtleben bestimmt hat, ist weg. Neues entsteht. Es gibt hier eine aktive Start up Szene.“ Seine Recherchen werden sich auch mit der Bergbau- und Stahlgeschichte der Stadt befassen.

Dortmunds 3. Stadtschreiber, Elias Hirschl, stellt sich vor. (Foto: © Anja Cord)
Dortmunds 3. Stadtschreiber, Elias Hirschl, stellt sich vor. (Foto: © Anja Cord)

Kulturdezernent Jörg Stüdemann bezeichnet Elias Hirschl als wichtigen Autor. „Mit seinem Buch „Salonfähig“ habe er die österreichische Gesellschaft aufgemischt. Seine Bewerbung für das Stipendium zeigte seine Affinität zum Poetry Slam, das Interesse am Strukturwandel und seine Liebe zur Musik“. Zusammen mit dem Rapper Selbstlaut bildet Hirschl das Musikduo „Ein Gespenst“.

An Dortmund gefällt ihm besonders, dass in fast jeder Straße Bäume stehen, das kennt er aus seiner Heimatstadt nicht. Die U-Bahn bezeichnet er als „niedlich“. Da ist er aus Wien andere Dimensionen gewohnt. Insgesamt fühlt er sich hier schon sehr wohl und stellt die Überlegung an, gleich ganz hier zu bleiben.

Elias Hirschl plant, den Aufenthalt in Dortmund auch für Lesungen und Poetry Slam-Auftritte zu nutzen. Kennenlernen kann man Elias Hirschl zum Beispiel am 27. Mai beim Stadtfest DortBunt, wo er sich um 15 Uhr auf der Bühne am Deutschen Fußballmuseum vorstellt. Außerdem wird er regelmäßig an einem Blog schreiben (www.literaturhaus-dortmund.de/blog)
Er erhält ein monatliches Honorar von 1800 Euro.
Das Stadtbeschreiber-Stipendium wird seit 2020 jährlich vergeben und setzt sich inhaltlich mit Transformationsprozessen in Dortmund auseinander. In der Zeit des Stipendiums arbeitet der/die Stipendiat*in eng mit dem Kulturbüro, dem Literaturhaus Dortmund und weiteren Institutionen der regionalen Literaturszene zusammen, bringt sich in die Stadtgesellschaft ein und vernetzt sich mit lokalen Literaturakteur*innen.




Nicht scheint, wie es ist in der perfekten Welt

Die Handlung des neuen Kriminalromans von Joner Storesang (1969 in Essen geboren und vom Ruhrgebiet geprägt) ist in Duisburg angesiedelt und hat den interessanten Titel „Perfect World. Nichts scheint, wie es ist“. In diesem Krimi wird die aktuell zunehmenden mafiösen Unterwanderung in unserer Gesellschaft thematisiert.

Eva Bellheim, die Protagonistin und Ich-Erzählerin der Kriminalgeschichte ist die taffe Image-Beraterin des Bürgermeisters. Das Leben mit ihrem Mann Daniel, einem Versicherungsvertreter, und den beiden wohlgeratenen Kindern verlief bisher in geregelten Bahnen. Plötzlich wird ihr Leben von einem auf den anderen Tag aus den Fugen. Ihr Mann verschwindet ganz überraschend.

Joner Storesang: Perfect World. Nichts scheint, wie es ist. (Cover: © grafit Verlag)
Joner Storesang: Perfect World. Nichts scheint, wie es ist. (Cover: © grafit Verlag)

An eine von der Polizei vermutete Geliebte glaubt Eva nicht recht. Auf ihrer Suche nach der Wahrheit findet sie heraus, dass Daniel ein gefährliches Doppelleben führt und in korrupte Machenschaft eines russischen Mafiaclans verstrickt ist. Es gibt sogar noch ein großes Geheimnis.

In einer Welt voll Gewalt, Betrug, Korruption und Verrat zählt ein Menschenleben nicht viel – auch nicht das von Eva und ihren Kindern…

In dieser rasanten Geschichte nimmt uns die Protagonistin mit und lässt die Leserinnen und Leser ganz nah in das dramatische Geschehen eintauchen. Es ist schon erstaunlich, wie ein „männlicher Autor“ sich so stark in eine Frau hineinversetzten kann.

Dazu bietet er auch Verfolgungsjagden, Entführungen, Intrige, starke Frauen und viele überraschende Wendungen. Das ganze spannend und gleichzeitig mit Sensibilität und Feingefühl geschrieben. Eine Achterbahn der Gefühle für beim Lesen.

Verstärkt wird die Sogwirkung noch dadurch, das Storesang zwei Ebenen in die Geschichte einbaut.

Trotz seine manchmal brutal-realistischen Direktheit ist das Buch in einer angenehmen, gut lesbaren Sprache geschrieben. Man fühlt, leidet und fiebert mit Eva Bellheim mit.

Eine spannende Lektüre für die Urlaubszeit.

Joner Storesang: Perfect World. Nichts scheint, wie es ist.

Kriminalroman: Grafit in der Emons Verlag GnbH 2022 (Köln)

Originalausgabe : ISBN 978-3-89425-791-0

320 Seiten Euro (D) 13,00 (A) 13,40




Nelly-Sachs-Preis 2021 – Verleihung in schwierigen Zeiten

In einem feierlichen Rahmen konnte die coronabedingt verschobene Verleihung des Nelly-Sachs-Preises 2021 an die Schriftstellerin (und Schauspielerin) Katerina Poladjan nun am 03.04.2022 im Dortmunder Orchesterzentrum durchgeführt werden.

Mit diesem mit 15.000 Euro dotierten Literaturpreis ehrt und fördert die Stadt Dortmund alternierend weibliche und männliche Persönlichkeiten, die im Sinne von Nelly Sachs für ihre besonderen schöpferischen Leistungen auf dem Gebiet des literarischen (sowie geistigen) Lebens, und die mit ihren Werken zur Völkerverständigung beitragen.

Katerina Polodjan trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Dortmund ein, beobachtet von Oberbürgermeister Thomas Westphal. (Foto: © Roland Gorecki, Dortmund Agentur)
Katerina Polodjan trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Dortmund ein, beobachtet von Oberbürgermeister Thomas Westphal. (Foto: © Roland Gorecki, Dortmund Agentur)

Von einer sachkundigen Jury wurde die 1971 in Russland geboren, aber schon seit ihrem siebten Lebensjahr in Deutschland aufgewachsene Katerina Poladjan als Preisträgerin auserwählt.

Sie überzeugte unter anderem ihr Roman „Hier sind Löwen“ (Geschichte Armeniens, dort kamen ihr Großvater und Vater her) und ihr neuer Roman „Zukunftsmusik“ ,Situation 1985 , nachdem Gorbatschow Präsident der damaligen UdSSR wurde).

Nach der Begrüßung durch Oberbürgermeister Thomas Westphal bekam die Autorin den renommierten Preis überreicht und trug sich in das Goldene Buch unserer Stadt ein.

In ihrer bewegenden Laudatio würdigte Jurymitglied, Autorin und Übersetzerin Léda Forgó das literarische Werk von Poladjan. Dabei ging sie vor allem auf den leichten, aber gleichzeitig tiefsinnigen, symbolisch-poetischen, fantasievollen und speziell zwischen den Zeilen starken Schreibstil hin. Ihre Dankesrede, die Katerina Poladjan für den ursprünglich geplanten Termin der Preisverleihung im Dezember 2021 vorbereitet hatte, sei nun eine andere geworden, sagte die Autorin. Zu allen Zeiten hätten sich Literaten gezwungen gesehen, zum Krieg Stellung zu nehmen.

Musikalisch umrahmt wurde das Programm sensibel von dem Duo Nurith mit Werken von Kurt Weil, Sergei W. Rachmaninow und Fanny Hensel (Schwanenlied).




Morde im Iserlohner Umfeld

Zwanzig Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Krimiszene haben ihren vielseitigen Beitrag für die Anthologie „Im Mordfall Iserlohn“ (Kathrin Heinrichs/Walter Wehner, Hrsg.) geleistet. Es ist eine Anthologie zur diesjährigen CRIMINALE (alljährliches Treffen der Autorenvereinigung „Syndikat“) der Stadt im Sauerland.

Die unkonventionellen und facettenreichen Storys bieten die volle Palette literarischer Möglichkeiten des Genres. Die sprachliche Bandbreite reicht von poetisch-bildhaft, dann wieder locker und robust-derb.

Die Geschichten sind mal ironisch-humorvoll, dramatisch schockierend, nachdenklich, skurril bis schräg. Die Leserinnen und Leser werden in die Geschichten durch den persönlich ansprechenden Sprachstiel hineingezogen, und können ihren Gefühlen freien Lauf lassen.

Autor: Kathrin_Walter Heinrichs_Wehner Titel: Im Mordfall Iserlohn Reihe: Kurzkrimis aus dem Sauerland, Region: NRW ET:  März 2021 ISBN 978-3-7408-1126-6, (i4)_(1126-6) ebook: 978-3-96041-719-4, (e2)_(719-4)
Autor: Kathrin_Walter Heinrichs_Wehner
Titel: Im Mordfall Iserlohn
Reihe: Kurzkrimis aus dem Sauerland, Region: NRW
ET: März 2021
ISBN 978-3-7408-1126-6, (i4)_(1126-6)
ebook: 978-3-96041-719-4, (e2)_(719-4)

Nebenbei lernen wir Sehenswürdigkeiten wie Danzturm, Seilersee und andere rund um die Stadt kennen. Denn Iserlohn ist das Bindeglied für alle Kriminalgeschichten.

Kathrin Heinrichs ist mit ihrer tragisch-nachdenklichen Story „Freier Fall“ und Peter Godazgar mit „In der Werkstatt“ (eine mit speziellem Rechtsempfinden) für den mit 1.000 Euro dotierten GLAUSER-Preis 2022 nominiert.

Mich persönlich hat besonders der erste Kurzkrimi „Candy“ von Sunil Mann mit seinen besonderen Wendungen und Thematik in den Bann gezogen.

Den Bleistift gefährlich angespitzt hatten:

Uli Aechtner, Raoul Biltgen, Katja Bohnet, Christiane Dieckerhoff, Wulf Dorn, Marlies Ferber, Peter Gerdes, Brigitte Glaser, Peter Gordazgar, Maren Graf, Kathrin Heinrichs, Carsten Sebastian Henn, Herbert Knorr, Sandra Lüpkes, Sunil Mann, Rudi Müllenbach, Elke Pistor, Jutta Profit, Klaus Stickelbroeck und Walter Wehner.

Im Mordfall Iserlohn ISBN 978-3-1126-6
Kurzkrimis aus dem Sauerland – Broschur
Heinrichs/Wehner (Hrsg.) 256 Seiten
Köln: Emons Verlag 2021 (D) 12.00 Euro (A) 12.40 Euro