Aphorismen, Goethe und Menschenfischer

Wenn ein Interview komplett aus dem Ruder läuft: "Menschenfischer" von Markus Veith. (Cover: © OCM-Verlag)
Wenn ein Interview komplett aus dem Ruder läuft: „Menschenfischer“ von Markus Veith. (Cover: © OCM-Verlag)

Nach seinem Roman „Eulenspiegels Enkel“, das in Versform erschien, wagte sich Markus Veith an einen Thriller mit dem Titel „Menschenfischer“. In 328 Seiten geht es um eine merkwürdige Organisation von Außenseitern, den Menschenfischern, die hinter einem Anschlag an Rosenmontag stecken sollen. Das Buch spielt zwar nicht explizit in Dortmund, doch vieles deutet darauf hin.

 

Eins muss man Veith lassen. Er überrascht gerne, sein Roman in Versform war außergewöhnlich, und außergewöhnliche Ideen hat er auch in „Menschenfischer“ eingebaut. So teilt er seinen Thriller nicht in einfache Kapitel, sondern sie heißen „Gründonnerstag“, „Karfreitag“, „Karsamstag“ und „Ostersonntag“. Hier wird klar, wann die Handlung spielt.

Der „Gründonnerstag“ gleich zu Beginn nimmt fast die Hälfte des Buches ein. Veith findet einen interessanten Kniff, indem er den Zeitungsvolontär und Nachwuchsschriftsteller Patric ein Interview führen lässt, das plötzlich immer weiter ausufert. Das ist ein kleines Manko, denn wir werden mit Informationen bombardiert, mit Nebenstorys und plötzlichen Ortswechseln, dass ich mich gefragt habe: Wieso macht das eine Volontär wie Patric rund acht Stunden mit? Kein Anruf aus der Redaktion? Kein Melden bei der Redaktion? Kein: Bleiben wir mal beim Thema? Es kann ja sein, dass ein Interview mit einer Künstlerin Eindruck auf einen Praktikanten macht, aber dafür seinen Job riskieren? Jedenfalls fühlt sich der Leser nach dem Kapitel ähnlich wie Patric: Voll mit unverarbeiteten Informationen.

 

Nachdem man sich durch das erste Kapitel durchgebissen hat, nimmt der Thriller langsam, aber sicher Fahrt auf. Veith führt hier die Ausbildungsredakteurin Britta und vor allem den Chefredakteur Brinkmann ein, die der Geschichte auf den Zahn fühlen. Die Geschichte gewinnt an Dynamik und Zug. Den Spuren wird nachgegangen, die Geschichte auf Unstimmigkeiten überprüft.

 

In „Menschenfischer“ wird Veiths Vorliebe für den Dichterfürst (Volontär Patric hat im Schultheater den Faust gespielt) deutlich sichtbar. Ein anderer Schriftsteller, der eine wichtige Rolle im Buch spielt ist Stanislaw Jerzy Lec. Wer Aphorismen liebt, wird im Buch fündig.

 

Für mich war es ein Manko, dass ich nicht mit einer Figur „mitleiden“ konnte. Patric, der im ersten Teil, die Hauptfigur ist, agiert zu passiv, lässt sich mitschleifen und seine Psychose(n) machen es auch nicht einfacher. Zudem wird er im Laufe der weiteren Teile immer mehr zur Nebenfigur. Britta und Brechtmann spielen einfach nicht die wichtige Rolle, um mit ihnen mitzufiebern.

 

Wer Goethe liebt, vor allem den „Faust“, und auf Aphorismen steht, sollte durchaus mal einen Blick riskieren.

 

Markus Veith

Menschenfischer

OCM-Verlag

ISBN 978-3-9426272-19-1

15,90 €




Klagelieder für NSU-Opfer

 

Esther Dischereit liest aus ihrem neuen Roman "Blumen für Otello". (Foto: © Bettina Straub)
Esther Dischereit liest aus ihrem neuen Roman „Blumen für Otello“. (Foto: © Bettina Straub)

Acht Jahre ist es her, dass die rechtsextremistische NSU auch in Dortmund gemordet hat. Über zehn Jahre konnten die Mitglieder der Terrorzelle ungehindert zahlreiche Morde bedienen. Die offensichtlichen Ermittlungspannen und -fehler wurden in den Sitzungen des Vermittlungsausschusses diskutiert. Mit dabei als Besucherinnen war die Autorin Esther Dischereit, die aus dem Stoff zunächst ein Libretto für eine Oper machen wollte, aus der dann der Roman „Blumen für Otello“ entstand. Am Samstag, den 12. April um 18:00 Uhr im Studio des Schauspielhauses Dortmund wird die Autorin neben der DJane Ipek aus dem Buch lesen. Organisiert wird die Lesung vom Schauspiel Dortmund dem dem Verein „Vision Interkultur“.

 

„In dem Buch stellt sich die Autorin die Frage, was ist mit den Opfern“, so Michael Eickhoff Chefdramaturg des Schauspiels Dortmund. “ Dischereit macht dies auf eine poetisch und einfühlsame Art und Weise.“ Doch den Text wird es nicht nur auf Deutsch geben. DJane Ipek wird Auszüge daraus auch auf Türkisch lesen. Dischereit stößt sich an den sprachlichen Ungenauigkeiten und Diffamierungen, die die Poizei und die Medien benutzt haben. So war am Anfang der Ermittlungen ständig von „Döner-Modern“ zu lesen und ein Opfer wird als Blumenhändler bezeichnet, obwohl er eigentlich ein Blumen-Großhändler ist.

 

Unterstützt wird die Veranstaltung materiell und ideell von unterschiedlichen Organisationen.Neben dem Kulturbüro unterstützt das Kommunale Integrationszentrum und die Koordinierungsstelle für Vielfalt, Toleranz und Demokratie die Lesung mit jeweils 500 €, Klaus Wegener von der Auslandsgesellschaft NRW in Dortmund, versprach ebenfalls einen ähnlich hohen Betrag, falls noch Restkosten entstehen würden. Mehr ideell, aber mit einem großen Netzwerk im Rücken, unterstützt VMDO, ein Dachverband von 40 Migrantenorganisationen mit verschiedenen Migrationshintergründen, die Veranstaltung.

 

Karten für die Veranstaltung kosten 10 €, ermäßigt 5 €. Mehr unter www.theaterdo.de oder 0231 50 27222.




Auf Spurensuche bei der Tier-Mafia

Zoo-Direktor Frank Brandstätter und Autor Heinrich Peuckmann mit südamerikanischen Landschildkröten (keine Angonokas). (Foto: © Theo Körner)
Zoo-Direktor Frank Brandstätter und Autor Heinrich Peuckmann mit südamerikanischen Landschildkröten (keine Angonokas). (Foto: © Theo Körner)

Der Kamener Schriftsteller Heinrich Peuckmann hat sich schon öfter in seinen Kriminalroman um den pensionierten Dortmunder Kommissar Bernhard Völkel mit aktuellen Themen wie den Machenschaften von Bankern (Das Pendel) oder rechtsextremen Fußballfans in „Nach Anpfiff Mord“ beschäftigt.

 

In dem neuen Krimi „Angonoka“ geht es um den lukrativen Handel mit seltenen, vom Aussterben bedrohte Tiere. In diesem Fall steht die aus Madagaskar stammende seltene Schnabelbrustschildkröte (Angonoka tortoise) im Mittelpunkt. „Davon gibt es frei lebend nur noch rund 700 Stück. Beim illegalen Handel bekommt man pro Tier 50.000 Euro“, verriet Peuckmann.

Auf das Thema war der Schriftsteller im letzten Jahr während seines Aufenthalts bei der Leipziger Buchmesse gekommen. Da ging es um eine illegal gehandelte Agame, einem eidechsenartigen Tier.

„Zuhause hatte ich dann ein interessantes Gespräch mit meinem Sohn. Der studiert theologische Ethik und wir diskutierten über den Unterschied zwischen Mensch und Tier. Dabei stellte ich fest, dass entgegen den Behauptungen einiger, Tier ebenso eine Biographie haben wie wir Menschen. So wird ein Hund, der einmal schlecht von Menschen behandelt wurde, Kontakt mit ihnen ängstlich vermeiden“, erläuterte der Schriftsteller.

 

In dem Roman wird ein unbekannter Mann erschlagen im Wald aufgefunden. In seiner Nähe entdecken die Kriminalbeamten eine seltsam aussehende Schildkröte. Der als Tierfreund bekannte pensionierte Kollege Bernhard Völkel bekommt von ihnen das Tier aufs Auge gedrückt. Völkel will sich eigentlich aus der Mordgeschichte heraushalten, entdeckt aber, dass sich hinter der Schildkröte ein ein besonderes Geheimnis verbirgt. Die Spur führt bis nach Madagaskar. Erst als er eine Frau mit vielen Kenntnissen über geschützte, vom Aussterben bedrohte Tiere kennenlernt, kommt Völkel der Lösung des Geheimnisses näher. …

 

Ein guter Ratgeber für seinen Krimi hatte Peuckmann in dem Dortmunder Zoo-Direktor Frank Brandstätter, mit dem er freundschaftlich verbunden ist. „Er ist ein Informant, der bildhaft und interessant reden kann. So ist es eine Geschichte mit einen genauen Handlungsfaden geworden, und Fehler wurden korrigiert“, freut sich der Autor.

 

Zur Angonoka erläuterte Brandstätter: „Diese besondere Schildkrötenart hat einen runden Panzer und einen pflugscharartigen Knochenfortsatz am Vorderende des Bauchpanzers. Den setzten sie zum Beispiel beim Kampf um die Gunst eines paarungswilligen Weibchens ein. Er ermöglicht ihnen immer, sich nach dem Abrollen wieder auf zurichten.“

 

Die Haupthandlung des Krimis findet in Dortmund statt, später geht auch nach Madagaskar.

 

Der neue Kriminalroman von Heinrich Peuckmann ist im Lychatz Verlag Leipzig erschienen und kostet 9.95 Euro. Die ISBN lautet 978-3-94292-70-7.




Der Blues des Lebens

Jetzt sind die armen Rosinen Schuld. In Brot gebacken und mit Käse als Aufschnitt sorgen sie bei Rolf Dennemann regelmäßig für Albträume. Doch Dennemann wäre nicht Dennemann, wenn er aus seinen Albträumen nicht noch etwas Produktives machen würde: Er verarbeitet sie literarisch und liest sie dem geneigten Publikum vor. Aber Rolf Dennemann ist nicht alleine bei seinem „Rosinenblues“, wie das Programm heißt, er hat mit Thomas Erkelenz und Gregor Hengesbach zwei Vollblut-Musiker an seiner Seite, die wie der Autor den Blues haben. Ars tremonia war bei der Vorstellung im Theater im Depot am Samstag, den 29. März dabei.

 

Die kleinen Geschichten, die Dennemann vorträgt, sind Geschichten aus seinem Leben oder entspringen seiner guten Beobachtungsgabe. Der zeitliche Rahmen seiner Erzählungen reicht von frühen Kindheitsgeschichten wie „Bei der Omma“, die ihm auf drastische Weise zeigt, dass Fleisch nicht einfach eine Ware im Supermarkt ist, sondern vom einem (vorher) lebenden Tier stammt. Gegen Ende des Programms wird Dennemann mit seinem Alter konfrontiert, als es in einer Arztpraxis heißt: „Herausnehmbare Zähne bitte entfernen“. Welche Impertinenz! Dennemann ist am besten, wenn er gegen solche Unbillen anliest. Hier und da hört man Max Goldt heraus, besonders bei seinem wunderbar witzigem Stück „Allein Essen gehen“, als Dennemann beklagt, wie er als Einzelperson in einem Restaurant an den Katzentisch gesetzt und fortan ignoriert wird.

 

Seine Geschichten sind vielschichtig, treiben manchmal surreale Blüten und tragen auch einen selbstironischen Touch. Dennemann erspart uns nichts. Sein Selbstbesäufnis beim „Sofablues“ ebenso wenig wie sein „Schlager-Tourette“, das ihm dazu zwingt, bei den unpassendsten Stellen irgendeine Schlagerzeile zu singen. Bei „Gelsenkirky“ singt(!) und spricht Dennemann über seine Geburtsstadt. Sein Fazit: Ein trostloser Ort, aber die, die bleiben, sind Helden. Dennemann kann aber auch die leisen Töne. Beim Balkan-Blues „Der alte Mann“ ebenso wie bei seiner Erzählung „Seltsam“, in der es um die Frage geht, „Kann man zu spät zu einer Beerdigung kommen?“ Mit einem „Die Welt ist schön“ entließ Dennemann die Zuhörer wieder in den Dortmunder Abend.

 

Thomas Erkelenz und Gregor Hengesbach spielten eine Art Soundtrack für die Lesung. Zwischen den einzelnen Texten hatten die beiden Musiker etwas Zeit, ihr Können an der Gitarre oder der Bluesharp zu zeigen, aber auch während Dennemann las, betonten manchmal Bassläufe oder andere Geräusche aus der Zauberwelt der Effektgeräte die Atmosphäre der Texte.

 




Es liegt an der Wahrnehmung

Warum bekamen so wenig Frauen den Nelly-Sachs-Preis? Marianne Brentzel forschte nach.
Warum bekamen so wenig Frauen den Nelly-Sachs-Preis? Marianne Brentzel forschte nach.

20 Männer, sieben Frauen: so lautet die Verteilung des Nelly-Sachs-Preises, den die Stadt Dortmund alle zwei Jahre vergibt. Einer der Bedingungen des Literaturpreises ist unter anderemeine Verbesserung der kulturellen Beziehungen zwischen den Völkern. Schriftstellerin Marianne Brentzel stellt in ihrem E-Book „Im Salon der Dichterinnen“ die sieben Preisträgerinnen vor.

 

Ars tremonia fragte in einem Interview nach, warum so wenig Frauen nominiert wurden, was die sieben Frauen verbindet und warum Brentzel den Weg eines E-Books gewählt hat.

 

Das Interview als Podcast: 

 

Marianne Brentzel liest aus ihrem Buch am Montag, den 10. März 2014 um 19:30 Uhr im Studio B der Stadt- und Landesbibliothek.

 

Marianne Brentzel

Im Salon der Dichterinnen
Die Nelly-Sachs-Preisträgerinnen

E-Book, 11,99 €
ISBN 978-3-9816512-1-8




Wem gehört die Stadt?

Vor einigen Jahren gab es ja beim Schauspiel Dortmund die Reihe „Stadt ohne Geld“. Damals wurde beispielsweise diskutiert, wem gehört eigentlich der öffentliche Raum oder wem gehört die Stadt? Das „Bloghouse“, die Late-Night-Show im Institut nimmt diese Frage am 22. Februar um 22 Uhr wieder auf.

 

Gastgeber: Stefan Laurin von den Ruhrbaronen hat diesmal Bodo-Chefredakteur Bastian Pütter, den Dortmunder Blogger Mirko Kussin (www.sprachrhythmus.de) und die junge Journalistin Anna Mayr eingeladen.

 

Karten zu 5 € sind noch erhältlich unter 0231 5027222 oder www.theaterdo.de

 




Szenische Lesung voll Poesie und Musik

Am Freitag den 31. Januar 2014 durfte das Publikum im Dortmunder Schauspielhaus beim Gastspiel einer szenischen Lesung aus dem Roman „Seide“ des italienischen Autors Alessandro Baricco einen besonderen Abend voll Poesie und sensibler musikalischer Untermalung erleben.

 

Seine Stimme für diese Parabel auf die Liebe, Sehnsucht, Glück und den lange Weg zu sich selbst stellte der Schauspieler Joachim Król (unter anderem auch als Tatort-Kommissar sowie aus vielen Spielfilmen und dem Theater bekannt) zur Verfügung. Das tat er eindringlich, mit eine Prise Humor und gezielt eingesetzten Gesten. Król liest mit dem ganzen Körper, wird laut oder leise und versucht, dem Text einen Rhythmus zu geben.

Unterstützt wurde er dramaturgisch durch den wechselnden Einsatz der Beleuchtung und wenigen per Video auf die Vorhang-Wand geworfenen Hintergrundbildern.

 

Musikalisch begleitet und geschickt untermalt wurde die Lesung von den württembergischen Jazzpreisträgern Gee Hye Lee am Klavier, Christoph Dangelmaier am Bass und Ekkehard Rössle an der Bass-Klarinette und am Saxofon. Zusammen bilden sie das „South of the Border Jazztrio“.

 

Zunächst konnte kurz der Eindruck entstehen, dass die die Musik, die auch einsetzt, während Król spricht, stört. Doch dem Trio gelang, den Abend nicht nur musikalischer gut zu untermalen, sondern dem gesprochenen Worten auch eine weitere sinnliche Ebene hinzuzufügen. So wenn zum Beispiel feine ostasiatische Klänge zu hören sind ,als Joncour Japan betritt oder Vogelgezwitscher beim Betrachten der Voliere.

 

Zum Inhalt des Romans:

Die Geschichte spielt zur Zeit um 1861 in Südfrankreich. Dort lebt der verheiratete Seidenhändler Hervé Joncour. Als die Eier der Seidenraupen in näheren Umgebung von einer Krankheit befallen werden , muss er die weite Reise bis nach Japan auf sich nehmen, um Seidenraupen zu kaufen. Dort zieht ihn eine rätselhafte Schönheit Jahr für Jahr mehr in den Bann. Ohne ihr nahe zu sein oder auch nur ihre Stimme zu hören, erfährt er erotische Abenteuer von großer Befriedigung. Er bekommt seltsame Zeichen und kann sich der Faszination der jungen schönen Frau nicht entziehen. Im laufe der Jahr beendet Kriegsgewalt seine Reisen nach Japan. Er bekommt aber noch einen siebenseitigen Brief mit japanischen Schriftzeichen als letzte Nachricht…

 

Der Roman beschreibt -außer der Liebesgeschichte – sehr gut die Zeit des Exotismus in Frankreich und dem übrigen Europa. Dinge aus China und Japan waren „in“ und die Begeisterung schlug sich auch in Malerei und Musik um, der musikalische Höhepunkt des Exotismus ist sicher Lehárs Operette „Im Land des Lächelns“.

Während Joncours Geschichte poetisch und detailreich beschrieben wird, bleiben andere Figuren eher schablonenhaft, fast wie ein Beiwerk. Baldabiou, der Unternehmer und Kopf hinter den reisen Joncours, ist bestimmend und selbstsicher. Hélène, Joncours Frau, ist die Idealfigur einer liebenden, niemals murrenden Ehefrau. Ihren großen Liebesbeweis erfährt Joncour erst nach ihrem Tod.

 

Eine gelungene Vorstellung vor vollem Haus wurde mit viel Beifall belohnt.




Großer Traum einer kleinen Milbe

Nicht nur ein Buch: Die kleine Milbe kommt mit CD und Lupe.
Nicht nur ein Buch: Die kleine Milbe kommt mit CD und Lupe.

Milben, Motten und Kellerasseln sind eigentlich nicht die beliebtesten Zeitgenossen. Sie werden in der Regel als Ungeziefer wahrgenommen. Es ist Désirée von Delft zu verdanken, dass sie in einem Kinderbuch diese Tiere in Mittelpunkt ihres Buches „Die kleine Milbe Mirabelle“ gestellt hat. Von Delft ist seit 2011 Mitglied des Ensembles des Kinder und Jugendtheater Dortmund. Zu dem Buch gehört eine CD. Musik und Liedtexte zu dem Kinderbuch stammen von Nicolas Krüger und die Illustrationen von Julia Reindell.

Worum geht es in dem Buch? Im Mittelpunkt steht die kleine Milbe Mirabelle und ihre Freunde. Die winzige Milbe wohnt in einem staubigen Zylinderhut und hat den großen Traum, einmal selbst auf der Bühne eines Theaters zu stehen und den Applaus des Publikums zu genießen. Bei der Verwirklichung ihres Traumes helfen ihr die Motte Fifou, die Kellerassel Konstantin, und die hungrige Made Mechthild.

Wer das Buch kauft, erlebt zunächst eine Überraschung: Denn es ist in einer Schachtel verpackt, auf der das Titelbild mit der“Theatermilbe“ prangt. Wer die Schachtel öffnet, findet neben dem eigentlich Buch, eine CD und eine Lupe. Die Lupe ermöglicht es den Lesern und jungen Zuhörern, auch die kleinste Feinheiten auf den fein illustrierten Bildern zu erkennen. Auf der CD sind neben Liedern auch um Text passenden Geräusche vorhanden. Die Lieder sind in der Regel einfach gehalten, mit der Ausnahme des Liedes „Teatro dei Parassiti“. Der Text ist etwas schwieriger, da neben Fantasiewörtern auch lateinische Begriffe wie beispielsweise „Arachnida“ vorkommen. Hier müssten vermutlich die Eltern etwas Hilfestellung leisten. Auch nach mehrmaligen hören und mit der Lupe betrachten der Illustrationen, werden die Kinder immer noch etwas neues zu Entdecken haben.

Die Geschichte zeigt den Kindern, dass es sich lohnt, für seine Träume zu kämpfen und sich dafür auch die nötige Hilfe und Unterstützung von Freunden zu suchen. Außerdem vermittelt die Schauspielerin Désirée von Delft etwas von der Magie des Theaters und der Bedeutung von Kultur im allgemeinen.

 

„Die kleine Milbe Mirabelle“,

Désirée von Delft,

Westkreuz-Verlag, 24,90 €, 44 Seiten

ISBN 978-3944836041




Bizarre Morde im Künstlermilieu

Mit Ehemann Friedemann Grenz beschäftigt sich Gabriella Wollenhaupt mit Verbrechen im Künstlermillieu. (Foto: © Grafit-Verlag)
Mit Ehemann Friedemann Grenz beschäftigt sich Gabriella Wollenhaupt mit Verbrechen im Künstlermillieu. (Foto: © Grafit-Verlag)

Die Redakteurin und Kriminalschriftstellerin Gabriella Wollenhaupt, über viele Jahre mit ihren Romanen um die Dortmunder Journalistin mit kriminalistischen Gespür und viel Ironie Maria Grappa bekannt geworden. In den letzten Jahren hat sie zusammen mit ihrem Ehemann, den Literaturwissenschaftler Friedemann Grenz zwei spannende und informative historische Romane „Leichentuch und Lumpengeld“ sowie „Blutiger Sommer“ herausgegeben. Mit „Schöner Schlaf“hat das Duo nun ihren ersten zeitgenössischen Kriminalroman geschrieben.

 

Ohne es wissen vorher zu können, haben Wollenhaupt und Grenz mit diesem Krimi ein brandaktuelles Thema behandelt, denn das Künstlermilieu und Kunstraub spielen eine wichtige Rolle in dem Roman. Erst im November 2013 wurde in den Nachrichten von einem sensationellen Fund in der Münchener Wohnung von Cornelius Gurlitt berichtet. Der sogenannte „Schwabinger Kunstfund“ beinhaltete über 1200 Werke , die nach 1945 als verschollen galten. Bei fast der Hälfte der Werke wird vermutet, dass es sich um NS-Raubkunst handelt.

 

Der Krimi spielt in der fiktiven Stadt Rheinburg und hat mit dem geschiedenen Hauptkommissar Karlo Kant einem etwas bindungsängstlichen und dem Alkohol nicht abgeneigten Protagonisten. Wie ein barockes Gemälde mit entsprechender Kleidung wird eine junge Frau (Maja Schneider) ermordet aufgefunden. Die Spur führt Kant zu einer Freilichtbühne, wo diese Frau sich unter einem falschen Namen um eine weibliche Hauptrolle beworben hatte.

Zur gleichen verändert sich das Leben der schönen Anna Stern. Ihr verschollener Onkel meldet sich nach langer Zeit wieder bei ihr. Er ist im Besitz einer wertvollen Gemäldesammlung und sorgt nun dafür, dass seine Nichte eine Anstellung bei der städtischen Kunsthalle erhält.

Die Spannung in der Kunstwelt steigt, als die Vermutung aufkommt, ein Bild der Sammlung sei ein echter Vermeer. Maja ist nicht das einzige Opfer des „Kostümmörders“, und der Kommissar mit seinem Team sorgt sich bald auch um das Leben von Anna Stern….

 

Das Künstlermilieu wird von Wollenhaupt und Grenz kritisch und mit einem schonungslos offenen Blick in menschliche Abgründe und Schwächen dezidiert beschrieben. Dabei ist der Roman nüchterner und mit weniger Ironie als bei Grappa oder den beiden historischen Kriminalromanen. Mit überraschenden Wendungen gelingt es dem Duo, die Spannung bis zum Ende hin zu steigern.

Außerdem erfahrt der Leser auch noch einiges über neueste Technik, z.B. dem Einsatz von „Drohnen“ bei der Fotografie durch den Redakteur und Fotografen mit dem witzigen Namen Kay Schaumkuss. Da ist sie doch wieder, die feine Ironie. Wollenhaupt und Grenz haben eine Vorliebe für prägnante und (hinter) sinnige Namen.

 

Übrigens: In dem Krimi spielt das Anfang des 20. Jahrhunderts von der pharmazeutischen Firma Merck als erstes Barbiturat auf den Markt gebrachte Schlaf-und Beruhigungsmittel Veronal eine besondere Rolle. Das damals bei Selbstmördern beliebte Mittel wird heute nicht mehr hergestellt. Manche nannten Veronal auch Kalypnon. Das Wort kommt aus dem griechischen bedeutet „Schöner Schlaf“.„Kalos“ heißt auf griechisch schön und „hypnos“ Schlaf. Daher kommt der Titel.

 

„Schöner Schlaf“

Gabriella Wollenhaupt und Friedemann Grenz

grafit-Verlag, 313 Seiten, 10,99 €

ISBN 978-3-89425-428-5




Abbas Khider erhält den Nelly-Sachs-Preis 2013

Glückwunsch zum Nelly-Sachs-Preis: Oberbürgermeister Ullrich Sierau gratuliert Abbas Khedir.
Glückwunsch zum Nelly-Sachs-Preis: Oberbürgermeister Ullrich Sierau gratuliert Abbas Khedir.

Der Literaturpreis der Stadt Dortmund, der Nelly-Sachs-Preis, geht an Abbas Khider. Der aus dem Irak stammende Autor schildert in seinen Romanen die Situation der zerrissenen Gegenwart. Als moderner Odysseus musste er aus seinem Heimatland fliehen und lebte mehrere Jahre als illegaler Flüchtling in verschiedenen Ländern, bis sein Asylantrag in Deutschland positiv beschieden wurde.

 

In seinen drei erschienen Romanen spiegelt Khider sein Leben wider: Flucht aus den Folterkeller Saddams, die Odyssee durch verschiedenen Länder als Flüchtling, der verzweifelte Versuch, Freunde und Verwandte im Heimatland nicht ganz aus den Augen zu verlieren. Auf Homers Werk „Odysseus“ hebt auch Literaturkritiker Hubert Spiegel ab. Hierbei drehe es sich um eine Geschichte eines Flüchtlings, der in fremden Ländern meist unfreundlich aufgenommen wird und sprichwörtlich ein Niemand ist. In dieser schwierigen Situation hat vor allem der Humor einer lebenswichtigen Funktion, wie man in Khiders Büchern erfahren kann.

 

In seiner Dankesrede sprach Khider von seiner im wahrsten Sinne des Wortes entfachten Liebe zur Literatur. „Fast vier Stunden hatte ich die Teekanne auf dem Herd vergessen. Seitdem sagte meine Familie: ‚Die Bücher haben Abbas den Verstand geraubt.‘ Und das geschah wahrhaftig.“ Doch Lesen reichte ihm irgendwann nicht mehr. „Ich glaubte, diese seltsame Welt mit dem Schreiben verändern zu können. Daran glaubte ich wirklich sehr lange.[…] Das Schreiben war die einzige Möglichkeit, mich zu wehren“, so Khider weiter. In Deutschland angekommen, verändert sich sein Schreiben. „Das Schreiben war kein Versuch mehr, die Welt nur zu erklären oder mich gegen die Wlet zu wehren, sondern ein Versuch, die Welt neu zu formulieren“, fuhr Khedir fort, „ss faszinierten mich plötzlich die kleinen Dinge und die unbedeutenden Erlebnisse, die Geschichten in der Geschichte, die Abweichungen von der Regel, die Umwege auf der Suche nach Erklärungen und Sortierungen, und die Jagd nach den poetischen unsichtbaren Momenten.“

 

Abbas Khiders Werke liegen im Verlag Edition Nautilus vor. 2008 erschien „Der falsche Inder“, 2011 „Die Orangen des Präsidenten“ und 2013 „Brief in die Auberginenrepubik“.

 

Seit 1961 wird der Nelly-Sachs-Preis von der Stadt Dortmund in zweijährigem Rhythmus vergeben und ist mit 15.000 € dotiert. Preisträger waren unter anderem 1967 Alfred Andersch, 1979 erich Fromm, 1987 Milas Kundera oder 1999 Christa Wolf.

 

Für den musikalischen Rahmen bei der Preisverleihung sorgte das „Duo Habaneras“.

Abbas Khedir im Gespräch mit Claudia Kokoschka, der Leiterin des Kulturbüros.
Abbas Khedir im Gespräch mit Claudia Kokoschka, der Leiterin des Kulturbüros.

Abbas Khedir trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Dortmund ein.
Abbas Khedir trägt sich ins Goldene Buch der Stadt Dortmund ein.