Yoko Tawada – Vier Bücher, ein literarischer Kosmos

Als jemand, der Japanisch lernt, bewundere ich die spielerische Präzision, mit der Yoko Tawada sich durch die deutsche Sprache bewegt. Was ich selbst im Japanischen nur mit Mühe erwerbe, verwandelt sie scheinbar mühelos in poetische Energie. Ihre Texte zeigen, wie sehr das Denken in einer anderen Sprache den Blick auf die eigene verändert – und wie überraschend, manchmal auch heiter irritierend, sprachliche Systeme sein können.

Ein kleines Beispiel aus meiner Lernpraxis: Im Japanischen zählt man kleine Tiere wie Katzen mit ippiki, nihiki und so weiter; große Tiere wie Elefanten dagegen mit ittō, nitō usw. Und Schafe? Sind sie groß oder klein? Solche Fragen mögen banal erscheinen, doch sie öffnen Fenster zu den vielen sprachlichen „Gemeinheiten“, über die Lernende stolpern – und zu dem Vergnügen, das in der Überwindung dieser Stolpersteine liegt. Doch zurück zu Yoko Tawada.

Wenn Tawada am 14. Dezember 2025 in Dortmund den Nelly-Sachs-Preis entgegennimmt, wird eine Autorin geehrt, deren Werk wie wenige andere die Grenzen von Sprache, Identität und Wahrnehmung spielerisch und zugleich subversiv auslotet. Tawada schreibt nicht nur über Sprache – sie schreibt in der Sprache, gegen die Sprache, durch sie hindurch. Das Schreiben wird bei ihr zu einem Labor, in dem Wörter wandern, Bedeutungen verrutschen und das vermeintlich Offensichtliche ins Staunen kippt.

Die vier Bücher, die hier gemeinsam betrachtet werden – „Eine Affäre ohne Menschen“, „Talisman“, „akzentfrei“ und „Abenteuer der deutschen Grammatik“ – beleuchten verschiedene Facetten ihres literarischen Universums. Gemeinsam bilden sie ein poetisches Gesamtporträt einer Autorin, die zwischen den Sprachwelten Japanisch und Deutsch lebt und gerade aus diesem Dazwischen ihre unverwechselbare Stimme gewinnt.

 

Zwischenräume als poetischer Ursprung

Der vielleicht prägendste Eindruck beim Lesen dieser Werke ist, dass Tawada dort zuhause ist, wo andere nur Übergänge vermuten: im Scharnier zwischen Sprachen, in den Rissen zwischen Kulturformen, in den Lücken zwischen Wahrnehmung und Beschreibung. Für sie sind Sprachen keine abgeschlossenen Systeme, sondern bewegliche, atmende Organismen. Indem sie sich zwischen dem Japanischen und dem Deutschen bewegt, entzieht sie sich der Vorstellung einer „Muttersprache“. Sie schreibt aus einer Position, die Bindungen nicht verweigert, sondern neu denkt – als etwas Durchlässiges, Vielstimmiges, stets Veränderbares.

 

Die Anatomie der Regeln: „Abenteuer der deutschen Grammatik“

Dieses Buch ist vielleicht das spielerischste der vier. Tawadas Gedichtband ist kein Lehrbuch, sondern eine poetische, philosophische und zutiefst humorvolle Erkundung der deutschen Sprache. Der Blick „von außen“ führt zu Verfremdungen, die Leserinnen und Leser zur Reflexion anregen und liebgewonnene Gewohnheiten in Frage stellen.

"Abenteuer der deutschen Grammatik" von Yoko Tawada.
„Abenteuer der deutschen Grammatik“ von Yoko Tawada.

Tawada nutzt die Grammatik als Bühne für kleine sprachliche Experimente, in denen sie gewohnte Regeln bricht und Alltägliches lebendig werden lässt. Wenn sie beispielsweise schreibt „er hemt. wenn ich bluse.“, verwandelt sie Nomen in Verben und öffnet damit ungewohnte poetische Bildräume. Auch die Wortstellung und die strenge Hierarchie des Deutschen nimmt sie ironisch in den Blick, sodass selbst die festen Strukturen der Sprache in Bewegung geraten und neue Bedeutungen hervorbringen.

Ihre vielleicht schärfste Formulierung lautet: „Sprachen bestehen aus Löchern.“ Und tatsächlich zeigt der Band, wie viel Poesie selbst in den vermeintlich trockenen Strukturen der Grammatik steckt.

 

Die Politik der Stimme: „akzentfrei“

Die Essays in „akzentfrei“ reflektieren Fragen von Sprache, Kultur und Zugehörigkeit. Tawada nimmt Begriffe wie „Akzent“, „Heimat“ oder alltägliche Begrüßungen unter die Lupe und legt die kulturellen und politischen Schichten frei, die in ihnen verborgen sind.

„akzentfrei“ von Yoko Tagawa

Zentral ist die Frage, wie Menschen wahrgenommen werden, die „anders sprechen“. Tawada zeigt, dass der Wunsch nach „akzentfreiem“ Sprechen nicht neutral ist, sondern eine gesellschaftliche Norm darstellt. Doch sie kehrt diese Norm poetisch um: Der Akzent wird nicht zur Abweichung, sondern zur Quelle neuer Bilder, neuer Denkbewegungen, neuer Möglichkeiten.

 

Die Migration der Wörter: „Talisman“

Der Roman „Talisman“ setzt das Gefühl des Dazwischenseins in eine fiktionale Form um. Das Manuskript, das die Protagonistin in Deutschland verfasst, wird zum Übergangsobjekt und Schutzschild: Schreiben in einer Fremdsprache wird zu einem Akt der Selbsterschaffung. Tawada zeigt, wie Erinnerung, Sprache und Identität ineinander greifen und sich gegenseitig verwandeln – manchmal wie Zauberformeln, manchmal wie schattenhafte Bewegungen in einem Zwischenreich.

"Talisman" von Yoko Tagawa
„Talisman“ von Yoko Tagawa

 

Die entkörperte Sprache: „Eine Affäre ohne Menschen“

Mit diesem Werk verschiebt Tawada den Fokus radikal ins Posthumane. Nicht der Mensch steht im Zentrum, sondern das Andere: Tiere, Gegenstände und schließlich ein synthetisches KI-Wesen. Die letzte Poetin versucht, der künstlichen Intelligenz die japanische Sprache zu übergeben – ein Gedächtnis, das ohne Körper weiterlebt.

Der Text untersucht, was geschieht, wenn Sprache von körperlicher Erfahrung, Emotion und sozialer Einbettung abgelöst wird. Tawada entwickelt hier eine poetische Vision einer Welt, die ohne menschliche Selbstvergewisserung auskommt – und in der Sprache dennoch weiteratmet.

"Eine Affäre ohne Menschen" von Yoko Tagawa
„Eine Affäre ohne Menschen“ von Yoko Tagawa

 

Warum Tawada den Nelly-Sachs-Preis verdient

Die vier Bücher zeigen Yōko Tawada als Autorin, die in zwei Sprachwelten zuhause ist, ohne sich in eine festzulegen. Ihr Werk bildet ein poetisches Experimentierfeld, in dem Worte, Dinge und Wahrnehmungen ihre Selbstverständlichkeit verlieren und neue Bedeutungen gewinnen. Tawada erinnert uns daran, dass Sprache kein Besitz ist, sondern Bewegung – und dass Literatur dort beginnt, wo diese Bewegung spürbar wird. Die Preisverleihun ist am 14. Dezember um 11 Uhr.

Alle Bücher von Yoko Tagawa sind im Konkursbuchverlag Claudia Gehrke erschienen. Dort ist auch ein weiterer Roman von ihr erschienen mit dem Titel „Etüden im Schnee“.

 




Leseabend im Haus Wenge

Es gibt Kulturorte, die kennt man in- und auswendig, weil man sie mehrmals im Monat besucht und dann gibt es Kulturorte, die neu entdeckt werden. Wie das Haus Wenge in Lanstrop. Dort lasen am 10. Oktober 2025 Bernd Kleber und seine Autoren-Freunde Clara Sinn, Martina Bracke und Björn Neumann. Zur Schande des Autors musste er wegen eines weiteren Kulturtermins schon vor der Pause gehen, aber es reichte, um einen keinen Vorgeschmack zu bekommen.

Bernd Kleber ist ein Berliner Autor und Podcaster und stellte den Band 4 seiner KURZUM-Kurzgeschichten vor. Er trägt den bezeichnenden Titel „Mein Sofa, die Erde“. Hier finden sich Kurzgeschichten von 13 Autoren und Autorinnen, die Kleber während seiner kreativen Reise schätzen gelernt hat.

Unterhaltsame Kurzgeschichte im Haus Wenge in Lanstrop. (Foto: (c) pixabay)
Unterhaltsame Kurzgeschichte im Haus Wenge in Lanstrop. (Foto: (c) pixabay)

Aber die Autor:innen lasen auch Werke, die nicht im Buch standen wie Martina Bracke, die mit „Apfelkuchen mit Sahnehäubchen“ eine hintersinnige Krimigeschichte geschrieben. In die Zeit der Rosenkriege führte uns Björn Neumann. Das Schicksal der beiden Neffen Eduard und Richard des Königs Richard III. stand im Mittelpunkt. Wurden sie umgebracht oder sind die lebend aus dem Tower gekommen?




Dortmunder Krimi-Komödie mit Herz und Humor

Mit ihrem Debütroman „Leberwurst mit Gürkskes“ legt die Dortmunder Autorin Elke de San Antonio eine unterhaltsame wie warmherzige Hommage an ihre Heimatstadt in den 1980er-Jahren vor.

Im Mittelpunkt steht der schüchterne Manfred Hoffmann, der mit seinem Nymphensittich Hubsi ein eher zurückgezogenes Leben an der Rheinischen Straße führt. Den Kontakt zu seinen eigenwilligen Nachbarn meidet er, bis mit der attraktiven Grit im vierten Stock plötzlich frischer Wind in sein Leben zieht. Für Manfred ist es Liebe auf den ersten Blick – doch das Glück wird bedroht: Grits windiger Ex-Verlobter Luigi, ein skrupelloser Immobilienhai, setzt alles daran, die Beziehung zu sabotieren. Unterstützt von einer bunt zusammengewürfelten Nachbarschaft und Mopshündin Gisela, muss Manfred ungeahnte Stärke beweisen.

De San Antonio erzählt diese Geschichte mit spürbarer Zuneigung für ihre Figuren. Humorvolle Szenen wechseln sich ab mit berührenden Momenten, die die Gefühlswelt ihres Protagonisten nachvollziehbar machen. Für alle, die die 1980er-Jahre in Dortmund bewusst erlebt haben, gerät die Lektüre zudem zur nostalgischen Zeitreise: Mettigel, Sitzsäcke oder längst verschwundene Straßenbahnlinien – liebevoll eingestreute Details lassen ein Stück Stadtgeschichte lebendig werden.

Doch auch jüngere Leserinnen und Leser finden ihren Reiz an der Komödie, die einen lebendigen Einblick in das damalige Alltagsleben bietet. Nicht zuletzt Tierfreunde kommen auf ihre Kosten – Mopshündin Gisela ist fast eine Hauptfigur für sich.

Bei aller Nostalgie bleibt der Roman erstaunlich aktuell: Das Problem skrupelloser Immobilienhaie hat die Stadt bis heute nicht losgelassen. „Leberwurst mit Gürkskes“ ist so nicht nur eine charmante Liebesgeschichte, sondern auch ein Plädoyer für Zusammenhalt, Selbstvertrauen und den Mut, über sich hinauszuwachsen.

Elke de San Antonio: Leberwurst mit Gürkskes
Köln: Emons Verlag, 2025. 400 Seiten, € (D) 16,00
ISBN 987-3-7408-2564-5




Emotional eindringliche Comics aus der Ukraine

Im Dortmunder schauraum: comic + cartoon, unweit der Stadt- und Landesbibliothek, präsentiert die Ausstellung „UKRAINE COMICS – Leben in der Kriegszone“ vom 6. Juni bis zum 2. November 2025 eindrucksvolle Werke aus der ukrainischen Comic-Szene. Der Kurator und Herausgeber des Gratis-Comic-Magazins MOGA MOBO, Titus Ackermann, hat die Schau aus Erlangen nach Dortmund gebracht und dankte beim Pressetermin für das große Engagement der Stadt, der Auslandsgesellschaft, des Dortmunder U sowie weiterer Unterstützer. Begleitet wird die Ausstellung von einem vielseitigen Rahmenprogramm und speziellen Führungen.

Künstlerische Zeugnisse eines traumatisierten Alltags

Gemeinsam mit Sophia Paplowski und Alexander Braun wurde ein 224 Seiten starker Ausstellungskatalog (25 Euro) veröffentlicht. Aufgrund der Kriegssituation sind im Schauraum nur wenige Originale zu sehen – stattdessen werden hochwertige Drucke gezeigt. Viele der ausgestellten Künstler:innen haben ihre Arbeiten ursprünglich über Instagram veröffentlicht. Neben den Werken der neun präsentierten Positionen können Besucher*innen über einen Internetzugang vor Ort auch weitere digitale Comics ukrainischer Zeichner*innen entdecken.

Kriegspanorama, Ukraine Comics im Schauraum: comic+ cartoon (c) Leo Reznik
Kriegspanorama, Ukraine Comics im Schauraum: comic+ cartoon (c) Leo Reznik

Ergänzend hat Titus Ackermann einen historischen Comic-Abriss zur bewegten Geschichte der Ukraine gestaltet, der den Ausstellungsbesuch gleich zu Beginn kontextualisiert. Für die Sammlung des Schauraums wurden zudem Originale der Zwillingsbrüder Leo und Antony Reznik aus Charkiw erworben: Während Leo Reznik seine Kriegserfahrungen visuell in Filmästhetik übersetzt – inspiriert etwa von John Carpenters Assault on Precinct 13 oder Peter Jacksons Der Herr der Ringe –, gewährt Antony eindrucksvolle Einblicke in das private Familienleben im Schatten des Krieges. Seine Arbeiten dokumentieren den Alltag zwischen Angst, Zusammenhalt und Hoffnung.

Das erlebte Kriegsgeschehen, Ängste, Traumata, aber auch Wünsche und Zukunftsperspektiven werden in den Comics auf sehr persönliche Weise bildhaft verarbeitet. Die Menschen hinter den Ereignissen treten hervor – in ihrem Widerstand, ihren Verlusten und ihrer Hoffnung. Der tägliche Überlebenskampf und existenzielle Fragen des Lebens im Krieg werden eindrucksvoll greifbar.

Zusätzlich ist es Alexander Braun erneut gelungen, besondere Akzente mit sorgfältig kuratierten Vitrinenobjekten zu setzen. Unter anderem sind Trümmerteile einer abgeschossenen russischen R-73-Rakete (2024), Uniformabzeichen mit Katzenmotiven (als Symbol für Widerstandskraft und die sprichwörtlichen „sieben Leben“) und weitere persönliche Fundstücke zu sehen.

Informationen zu Öffnungszeiten, Führungen und dem Begleitprogramm finden Interessierte auf der Website des schauraum: comic + cartoon.

Diese Ausstellung öffnet nicht nur ein Fenster in eine kriegsgeplagte Gegenwart, sondern zeigt auch die kreative Kraft und Resilienz einer ganzen Generation ukrainischer Künstler*innen.




Erste Comic-Preisverleihung in Dortmund

Im Rathaus (Saal Westfalia) unserer Stadt wurde am 07.02.2025 erstmals der „Dortmunder Comic-Preis“ verliehen. Dieser ging an die Zeichnerin Hannah Brinkmann (geb. 1990).

Sie überzeugte eine neunköpfige Mischung aus Fachjury und Ratsmitgliedern (drei Fraktionen) mit ihrem sehr persönlichen Graphic Novel Gegen mein Gewissen, das sich mit Wehrdienst und Gewissenskonflikten am Beispiel ihres Onkels Hermann befasst. In den frühen 1970er Jahren (1973) nahm sich dieser aus Verzweiflung über die Ablehnung seines Wehrdienstverweigerungsantrags im Alter von nur neunzehn Jahren das Leben.

Comic-Kultur in Dortmund und die Laudatio

In seiner Begrüßungsrede wies Oberbürgermeister Thomas Westphal unter anderem auf einen Comic-Kulturschub für Dortmund durch den neuen „schauraum comic + cartoon“ nahe der Stadt- und Landesbibliothek hin.

Der erste Dortmunder Comic-Preis geht an Hannah Brinkmann: Oberbürgermeister Thomas Westphal verlieh ihn am 7. Februar.Stadt Dortmund / Roland Gorecki
Der erste Dortmunder Comic-Preis geht an Hannah Brinkmann: Oberbürgermeister Thomas Westphal verlieh ihn am 7. Februar.
Stadt Dortmund / Roland Gorecki

Dr. Alexander Braun, Kurator des „schauraums“ und Mitglied der Jury des Dortmunder Comic-Preises, hielt eine humorvoll-informative Laudatio auf die Preisträgerin. Die Anwesenden erfuhren dabei nicht nur von den historischen und gesellschaftspolitischen Hintergründen der Geschichte, sondern auch von der langwierigen und detailgetreuen Arbeit an den emotional berührenden Zeichnungen.

Preisvergabe und Symbolik

Der mit 10.000 Euro dotierte Preis, der alle zwei Jahre verliehen wird, stellt sicherlich eine wertvolle finanzielle Unterstützung für die weitere Arbeit dar. Einen tieferen Einblick bot Hannah Brinkmann mit einer bewegenden Lesung aus ihrem Werk. Die Einführung einer allgemeinen Wehrpflicht für junge Männer wird ja derzeit wieder diskutiert.

Westphal überreichte jedoch nicht nur die Urkunde, sondern auch ein eigens ausgewähltes Symbol für den Preis. Nach längeren Überlegungen, so Dr. Braun, entschied man sich für eine stilisierte Dodo-Figur auf einem Sockel. Der Dodo, ein leider ausgestorbener flugunfähiger Vogel, kam ausschließlich auf der Insel Mauritius vor.

Bleibt zu hoffen, dass das vielseitige und moderne Comic-Genre nicht ein ähnliches Schicksal erleidet.




Akte X-Mas: Eine Weihnachtstradition im Dortmunder Schauspiel

Es ist eine schöne Tradition geworden: Jedes Jahr, kurz vor Weihnachten, findet an zwei Tagen im Dortmunder Schauspiel die Akte X-Mas statt. Moderiert wie gewohnt von Thomas Koch, bietet diese besondere Veranstaltung eine Mischung aus Musik und Texten – mal besinnlich, mal weniger besinnlich. Ein Bericht vom 19. Dezember 2024.

Die Weihnachtszeit hat bekanntlich etwas Rituelles: Adventskalender werden geöffnet, Kerzen auf dem Adventskranz entzündet, und es gibt die alljährlichen Klassiker wie Socken oder Pralinen als Geschenke sowie Kartoffelsalat an Heiligabend. In diese Tradition reiht sich auch die Akte X-Mas nahtlos ein. Was in der Vergangenheit gut war, ist auch in diesem Jahr wieder ein Highlight – zum Beispiel das Lied „Danny Boy“, eindrucksvoll gesungen von Charlotte Brandi, oder die humorvollen Beiträge wie „Worte, die es nur in dieser Sprache gibt“.

Besinnliches und Skurriles zur Weihnachtszeit

Doch keine Sorge: Nicht alles wurde recycelt. Die Autorinnen und Autoren hatten viele neue, frische Texte im Gepäck, die die Zuschauer*innen begeisterten und die Tannenbaumkugeln beinahe zum Klingen brachten. So erzählten sie etwa von der Wiederentdeckung einer längst vergessenen Blockflöte im Keller oder von amüsanten Irrfahrten mit der Deutschen Bahn. Andy Strauß, bekannt für seinen surrealen Humor, ließ die Anwesenden in skurrile Welten eintauchen, in denen Igel und ein perfekt gepackter Rucksack zentrale Rollen spielten.

Die Xakte X-Mas wurde auch 2024 im Schauspielhaus Dortmund aufgeschlagen. (Foto: (c) Akte X-Mas / Thomas Koch)
Die Xakte X-Mas wurde auch 2024 im Schauspielhaus Dortmund aufgeschlagen. (Foto: (c) Akte X-Mas / Thomas Koch)

Fritz Eckenga steuerte mit seinen kurzen, pointierten Gedichten den typisch lokalen Dortmunder Charme bei, während Claus Dieter Clausnitzer, ein aus Dortmunder Zeiten wohlbekannter Name, das Publikum ebenfalls mit seinem Auftritt für sich gewann. Ein besonderer Moment war der Auftritt des ehemaligen musikalischen Leiters des Schauspielhauses, Paul Wallfisch, der es sich nicht nehmen ließ, an seiner alten Wirkungsstätte erneut zu brillieren.

Die Akte X-Mas 2024 war erneut eine gelungene Revue mit einem charmant-launigen Thomas Koch als Moderator. Die perfekte Mischung aus Tradition und neuen Impulsen machte den Abend zu einem unvergesslichen Erlebnis. Bis zum nächsten Jahr!




Finissage der Ausstellung von Martina Bracke

Am Sonntag, den 17. November, fand um 18 Uhr die Finissage der Ausstellung „Mit offenen Augen und Ohren“ im Theater Fletch Bizzel in Dortmund statt.

Die zahlreichen Werke von Martina Bracke, die im Café des Theaters präsentiert wurden, standen im Mittelpunkt dieser besonderen Veranstaltung. Die Arbeiten der Künstlerin beeindruckten mit kräftigen Farben und konkreten Motiven, während andere mit zarten Pastelltönen und abstrakten Darstellungen die Fantasie der Besucher anregten.

Martina Bracke im Vordergrund, auf dem Sofa sitzen Bernd Kleber und Clara Sinn.
Martina Bracke im Vordergrund, auf dem Sofa sitzen Bernd Kleber und Clara Sinn.

Die Finissage bot die letzte Gelegenheit, diese faszinierende Ausstellung in entspannter Atmosphäre zu erleben. Begleitet wurde die Finissage durch eine Lesung: Martina Bracke, Marika Bergmann, Bernd Kleber und Clara Sinn präsentierten spannende und bewegende Texte. Viel Gelächter rief die Berliner Geschichte von Bernd Kleber hervor, und auch die Erzählungen von Martina Bracke fanden viel Anklang. Mit der Finissage fand die Ausstellung einen gelungenen und würdigen Abschluss.




DADADO: Lit – Dortmunder Reklamationen im Fletch Bizzel

Der Dadaismus war eine künstlerische und literarische Bewegung, die 1916 als Reaktion auf den Ersten Weltkrieg in Zürich von Hugo Ball, Emmy Hennings, Tristan Tzara, Richard Huelsenbeck und Hans Arp gegründet wurde. Ihr Ziel war es, durch provozierenden Nonkonformismus, die Ablehnung bürgerlicher Ideale und den Einsatz von Satire und Unlogik eine neue, oft humorvolle und ironische Kunstform zu schaffen.

Am 14. November 2024 feierte die Dada-Community im Fletch Bizzel Dortmund das 3. DADADO: Lit – Dortmunder Reklamationen. Schon zu Beginn sorgte das „Ready Tape“-Video für gute Stimmung. Zu sehen waren tanzende Paare aus einer Tanzschule der 1960er Jahre, begleitet von humorvoller und fetziger Musik.

Dadaistische Darbietungen und Performances

Die Veranstaltung war eine Mischung aus Videos, Texten und Performances. Guido Schlösser begleitete die Darbietungen mit Akkordeonmusik, die immer wieder die kurzen Pausen unterbrach. Die humorvolle Moderation des Abends übernahm die Dortmunder Künstlerin Anette Göke.

Die dritte Ausgabe von DADADO: Lit fand am 14. November im Fletch Bizzel statt.
Die dritte Ausgabe von DADADO: Lit fand am 14. November im Fletch Bizzel statt.

Im typischen Dada-Stil überraschten die Beiträge mit ironischen Wortspielen und absurden Darbietungen. So flossen Musik, Performance und sogar Alltagsgegenstände wie „Der 4. Mann“ in die Darbietungen ein. Ein besonderer Höhepunkt war die Performance von Stefanie Augustin, die sich in einem schwarz-gelben BVB-Trikot als melancholischer „Regenpfeifer“ präsentierte.

Der Schriftsteller und Kulturpädagoge Thomas Kade würdigte mit Auszügen aus der Hinterlassenschaft des 2022 verstorbenen Jürgen „Kalle“ Wiersch dessen künstlerisches Erbe. Artur Nickel zeigte mit seinem Text „Hampel-Ampel“, dass Dada auch politisch und aktuell sein kann.

Beteiligung von Dortmunder Künstler*innen und Akteuren

Die Veranstaltung war geprägt von der Leidenschaft und Kreativität der Mitwirkenden. Neben den bereits genannten Künstler*innen waren auch das HampelsternTerzett (mit Kati im Video), Dieter Gawol, Christiane Köhne (mit einem Dada-Quiz), Hans Ulrich Heuser, Anne-Kathrin Koppetsch und Mitch Heinrich mit spannenden Beiträgen und Performances dabei.

Die DADADO-Veranstaltungen sind ein lebendiges Beispiel für die anhaltende Relevanz des Dadaismus in Dortmund. Die Verbindungen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Kunst und politischem Diskurs, machen jedes Event einzigartig und überraschend.




Das LesArt.Festival „denkt!“

Kultveranstaltungen wie Lesungen im Stadion, das KindergartenBuchTheaterfestival, die Gala oder neue Entdeckungen und spannende Diskussionen versprechen vielseitigen Literaturspaß beim Festival LesArt im November.

Egal ob Bestseller oder Neuentdeckungen, gestandene Literaturprofis wie Susanne Fröhlich und Moritz Rinke oder aufstrebende Talente – die 25. Ausgabe des Literaturfestivals bietet unter dem Titel „denkt!“ vom 8. bis zum 16. November für jedes Alter ein facettenreiches Programm.

Die schönsten Dinge der Welt: Fußball und Literatur

Ein Highlight ist zum Beispiel die Veranstaltung LesArt.Stadion, bei der die schönsten Dinge der Welt – Fußball und Literatur – zusammenkommen, nämlich bei zwei Lesungen in den Kabinen von Borussia Dortmund. Moritz Rinke und Ronald Reng erzählen, wie weit die große Liebe zum Fußball führen kann. Der eine blickt auf sein eigenes Fan-Dasein, der andere hat drei aufstrebende Talente, ihr Glück und Scheitern, begleitet.

Bekannte Literat*innen: Roman, Wissenschaft und kluge Betrachtungen

Auch ist „Literaturpreis Ruhr“-Gewinnerin Enis Maci wieder da: Zusammen mit Pascal Richmann stellt sie ihren ersten gemeinsamen Roman „Pando“ vor. Derviş Hızarcı erzählt mit „Zwischen Hass und Haltung“ von einer besonderen Bildungsreise in unsere heutige Migrationsgesellschaft – und was wir noch lernen müssen, damit wir zu einer Gemeinschaft werden. Zum Thema künstliche Intelligenz gibt es kluge Einblicke der Wissenschaftsautorin Manuela Lenzen. Ihr Buch „Der elektronische Spiegel“ handelt von dem Abenteuer, Intelligenz zu verstehen, indem man sie nachbaut. Terézia Mora beschreibt in ihrem Roman die Geschichte einer toxischen Beziehung. Und die beliebte Schauspielerin Claudia Wenzel wirft einen emotionalen und kritischen Blick auf ihr Leben in der DDR und das wiedervereinigte Deutschland.

Die Wissenschaftsautorin Manuela Lenzen gibt Einblicke in Psychologie, Neurowissenschaften, Biologie, Philosophie und KI-Forschung.Foto: © Martin Klaus
Die Wissenschaftsautorin Manuela Lenzen gibt Einblicke in Psychologie, Neurowissenschaften, Biologie, Philosophie und KI-Forschung.
Foto: © Martin Klaus

 

Programm für den Literatur-Nachwuchs

Das Festival bietet auch Leseförderung, von den Kleinsten bis zu Schüler*innen: Beim KindergartenBuchTheaterfestival bringen Kinder aus 15 Dortmunder Kitas Bilderbücher auf die Bühne, außerdem gibt es Schreibwerkstätten für Schüler*innen. Und: Studierende der TU Dortmund feiern im Rahmen des Held*innenabends ihre lokalen Künstler*innen.

Einer der Höhepunkte des Festivals ist der LesArt.Preis der jungen Literatur, der bei der großen Abschlussgala verliehen wird, moderiert von Gregor Schnittker. Zum Abend gehört eine Lesung der bekannten Autorin Susanne Fröhlich.

Tickets gibt es auf www.LesArt.Ruhr. Beim Vorverkauf können unterschiedliche Gebühren anfallen. Das LesArt.Festival wird veranstaltet vom Kulturbüro der Stadt Dortmund, der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, Kultur und Projekte e.V. und literaturhaus.dortmund. Unterstützt wird es von der Sparkasse Dortmund.
 

Interview mit Hartmut Salmen, Leiter des LesArt.Festivals, geführt
von Ars tremonia

Ars tremonia: Das diesjährige Motto des Festivals lautet „denkt!“. Was möchten Sie den Besucher*innen damit vermitteln?

Hartmut Salmen: „denkt!“ gehört zu einem Dreisatz, den wir in den letzten Jahren entwickelt haben. Es begann mit „kommt!“ und „hört!“, nun ist es „denkt!“. Nach der Corona-Zeit wollten wir die Menschen zurück zur Kultur bringen, zu Lesungen und neuen Gedankenwelten. Im Folgejahr stand „hört!“ für Zuhören und Verstehen. Dieses Jahr setzen wir auf „denkt!“, um die Vielfalt von Gedanken und das Hinterfragen von Vorurteilen zu fördern. Wir leben in einer Zeit, in der oft vorschnell geurteilt wird. „denkt!“ fordert dazu auf, sich Zeit zum Reflektieren zu nehmen, sich auf andere Perspektiven einzulassen. Unser Motto soll ein stetiger Impuls sein: kommt! hört! denkt!

Ars tremonia: Welche Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Auswahl der Autor*innen und Themen für ein so vielseitiges Programm wie beim LesArt.Festival?

Hartmut Salmen: Es gibt eine Vielzahl an Faktoren, die für ein gelungenes Festival zusammenspielen müssen. Die Bücher müssen zum Thema passen, und die Autor*innen müssen Zeit für die Lesungen haben. Auch die Veranstaltungsräume und verlässliche Partner wie das Kulturbüro, die Stadt- und Landesbibliothek und die Sparkasse Dortmund – die seit 25 Jahren das Festival ermöglichen – sind entscheidend. Hinzu kommt ein eingespieltes Team, das organisatorisch alles bewältigt.

Ars tremonia: Manuela Lenzens Buch „Der elektronische Spiegel“ beschäftigt sich mit Künstlicher Intelligenz (KI). Wie schätzen Sie die Auswirkungen von KI auf die Literatur ein?

Hartmut Salmen: Die rasante Entwicklung der KI kann beunruhigend wirken, als könnte sie uns bald überholen. Doch, wie Lenzen aufzeigt, läuft die Forschung bereits seit 70 Jahren, und KI bleibt in vielen Bereichen hinter den Erwartungen zurück. Computer können komplexe Wenn-Dann-Szenarien abspielen, doch wie Lenzen schreibt, sind Herausforderungen wie Flexibilität, Kreativität und gesunder Menschenverstand bisher unerreichbar. KI-generierte Texte sind meist eine Neuzusammenstellung bestehender Inhalte und oft seelenlos. Ich denke nicht, dass reine KI-Texte die Literatur bereichern werden. Aber wenn Autor*innen KI als kreatives Werkzeug nutzen, kann dies spannende neue Möglichkeiten schaffen. Im Zentrum bleibt aber stets das menschliche Denken.

Ars tremonia: Wie wichtig ist es Ihnen, junge Leser*innen und zukünftige Autor*innen durch Formate wie das KindergartenBuchTheaterfestival und Schreibwerkstätten anzusprechen?

Hartmut Salmen: Das ist absolut essenziell. Ohne junge Leserinnen und Autorinnen stagniert Kultur irgendwann. Junge Menschen bringen neue Ideen und wissen oft nichts von vermeintlichen „Unmöglichkeiten“, wodurch sie Dinge einfach ausprobieren. Wir möchten diesen Bereich gern weiter ausbauen.

Ars tremonia: Welche Bedeutung hat der LesArt.Preis der jungen Literatur für das Festival, und wie sehen Sie die Rolle junger Stimmen in der Literatur?

Hartmut Salmen: Der LesArt.Preis ist eine großartige Unterstützung für junge Dortmunder Autorinnen. Einige Preisträgerinnen wie Lisa Roy, Jörg Albrecht, Tobias Rauh und Evi Spies haben beeindruckende literarische Wege eingeschlagen. Junge Stimmen bringen frische Perspektiven und spiegeln, wie sich das Leben und unsere Gesellschaft verändern. Das ist ihre Rolle in der Literatur: neue Denkweisen und Weltanschauungen zu teilen.




Mord am Hellweg – die elfte Runde!

Passend zur dunklen Jahreszeit versammelt „Mord am Hellweg“, Europas größtes Krimifestival, in seiner neuen Krimi-Anthologie erneut die Créme de la Crime der deutschen Krimiliteratur. Bekannte Krimistars von Ahlen bis Waltrop sind dem „Verbrechen nebenan“ mit ihren Beiträgen auf der Spur. Mal lustig, mal hintergründig, blutig oder grotesk – sie setzen sich individuell mit dem Thema auseinander und beziehen sich dabei stets auf die spezifische Situation ihrer Stadt. Besonders interessant ist für die Leser*innen, dass sie „ihre“ Stadt in den präzisen Beschreibungen der Autor*innen wiedererkennen können.

Gesellschaftspolitische Brisanz in Krimistorys

Aus der Vielzahl der Beiträge stechen für mich zwei Storys mit (erschreckend) aktuellem gesellschaftspolitischen Bezug besonders hervor. In „Willkommen im Kreis Unna“ von Christiane Franke und Cornelia Kuhnert geht es subtil um verallgemeinernde Vorurteile und Ausländerfeindlichkeit. Sie nehmen uns mit in die Gedankenwelt eines „Wutbürgers“, des Reisebusfahrers Edwin, was makabre Folgen hat.

Die Geschichte „Heimathafen Dortmund“ von Anna Schneider führt uns in die trostlos-isolierende und gefährliche Welt der Obdachlosigkeit. Schonungslos und ohne Selbstmitleid erzählt die ältere Obdachlose Lilo von ihrem Leben und der oft verdrängten oder verachteten Personengruppe, zu der sie gehört. Hinter der Verachtung steckt wohl oft die Angst, selbst ins soziale Abseits zu geraten. Nach und nach erfahren wir ihre bedrückende Lebensgeschichte und das Abgleiten ihres Sohnes in die gewalttätige rechtsradikale Szene.

Das Cover des neuen "Mord am Hellweg" Bandes. (C) grafit Verlag
Das Cover des neuen „Mord am Hellweg“ Bandes. (C) grafit Verlag

Eine spannende, manchmal auch nachdenklich stimmende und vielschichtige Unterhaltungsliteratur – perfekt für lange Herbst- und Wintertage.

Rezension:
Verbrechen nebenan. Mord am Hellweg
Kriminalstorys. Köln: Grafit (Emons Verlag GmbH), 2024
Nadine Buranaseda, Sigrun Krauß, Heiner Remmert (Hg.)
ISBN: 978-3-98659-023-9 – Preis: 14,00 Euro (D)