Große Oper im kleinen Studio

Neufassung von „Salomé“ am Schauspiel Dortmund

 Oscar Wilde verfasste seinen Einakter „Salomé“ 1891 in Paris, wo er fünf Jahre später auch uraufgeführt wurde. In England fiel der skandalumwitterte Text unter die Zensur – ein Drama voller Sex, Blasphemie und abgründiger Begierden war einfach zu viel für die prüden Viktorianer. Richtig bekannt wurde der Stoff erst durch die Oper von Richard Strauss, der damit „Salomé“ die Pforten zur Hochkultur öffnete. Einar Schleef nannte das Stück eine „Sauerei“ und inszenierte seine eigene Version 100 Jahre nach der Uraufführung 1997 in Düsseldorf. Diese Fassung hat die junge Regisseurin Madita Scülfort noch einmal bearbeitet für ihre zweite Regiearbeit am Haus, die Inszenierung im Studio des Dortmunder Schauspiels ist bildgewaltig, ambitioniert, bisweilen angestrengt theatral und sie verlangt dem Zuschauer einiges an Aufmerksamkeit ab. Wer sich darauf einlassen kann, der darf den Abend genießen, neunzig emotionsgeladene Minuten der besonderen Art. Das Lebensgefühl gegen Ende des 19. Jahrhunderts war für viele Zeitgenossen geprägt von Melancholie, Weltschmerz und gesellschaftlichem Verfall. Für manche ist auch über hundert Jahre später dieses Gefühl wieder gegenwärtig. Die Menschen damals erwarteten das neue Jahrhundert hin- und hergerissen zwischen Euphorie und Zukunftsangst. In der Kunst spiegelte sich diese Endzeitstimmung des „Fin de Siècle“.



In vielen Werken dieser Zeit ging es um Sexualität, Träume und um Vergänglichkeit. So auch im symbolistischen Einakter „Salomé“.

Entsprechend traumhaft wirkt das düstere und doch auch bunt gemalte Bühnenbild von Slynrya Kongyoo. Alles erscheint metaphorisch, die Ornamente auf den Kulissen, das grüne Moos, das an vielen Stellen hervorquillt, der knorrige Baum im Hintergrund, ein Baum mit Augen, die im Verlauf des Abends immer wieder auf alle Kulissen projiziert werden.

Der Plot des Dramas ist schnell erzählt. Am Hof von Herodes, einem Vasallen Roms, wird ein Fest gefeiert. Herodes ist besessen von seiner Stieftochter Salomé und will, dass sie für ihn tanzt. Salomé aber liebt den Propheten Johannes, der als Gefangener im Kerker sitzt, ein apokalyptischer Welterklärer. Der weist das Mädchen zurück, woraufhin Salomé als Preis für den Tanz von Herodes den Kopf des Johannes fordert und auch erhält. Am Ende dieser dramatischen Spirale aus Liebe, Begehren und Begierde sind beide tot. Scülfort konzentriert ihre Inszenierung auf Salomé, die hier weder als Femme fatale oder Heilige interpretiert wird, sondern als junge Frau, die sich mit radikaler Zuneigung wehrt, die dafür kämpft, gesehen zu werden und dafür konsequent die Grenzen der Konventionen sprengt. Gegen sich selbst und stellvertretend für die Welt.

Aus der Rückschau erzählt Salomés Mutter Herodias die Ereignisse dieser verhängnisvollen Nacht, in der eine brüchige Welt plötzlich endgültig zusammenzubrechen scheint. Damit rückt auch das Wort als zentrales Mittel der Erzählung unmittelbar in das Zentrum der Inszenierung. Fast jeder Satz hört sich an wie ein gemeißeltes Relief, fast jedes Wort ist aufgeladen mit Bedeutung, bedeutsam wird auch gespielt und gesprochen, große Worte mit großen Gesten untermalt. Das wirkt oft übertrieben theatral, opernhaft beinahe, entwickelt aber auch einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Wie gesagt, wenn man sich darauf einlässt. Drei SchauspielerInnen bewältigen diesen emotionalen Marathon mit Bravour. Ein besonderer Kunstgriff der Regisseurin ist der fliegende Rollenwechsel. So spielt Sarah Quarshie die Tochter als auch die Mutter, Viet Anh Alexander Tran Salomé und Johannes. Auch Luis Quintana spielt zwei Figuren. Ein bisschen verwirrend ist das schon, sich die Teile dieses dramatischen Puzzles zusammenzufügen. Aber es ist die Mühe wert und zeigt anschaulich die radikale, kräftezehrende Identitätssuche der Protagonistin.

Salome: Sarah Quarshie, Viet Anh Alexander Tran (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Salome: Sarah Quarshie, Viet Anh Alexander Tran (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Das Zusammenspiel des Trios ist betont körperlich, intensiv und leidenschaftlich, die Wortgefechte werden zudem untermalt von mal hämmernden, mal sphärischen Sounds (Karl Neukauf) und ergänzt von ausdrucksstarken Choreografien (Beatrice Masala), die das Drama jeweils auf ganz eigene Weise rhythmisieren und übersetzen auf eine andere Ebene.

Wer nicht bereit ist, diesem emotionalen Wechselspiel zu folgen, dem geht es vielleicht ähnlich wie dem Paar neben mir. Nach eher verhaltenem Schlussapplaus fragt sie ihn: „Hast du es verstanden?“ Worauf der Mann kurz überlegt und dann nur mit den Schultern zuckt.

Für alle anderen ist diese „Salomé“ eine hochtemperierte, spannende Theaterreise.