Die Pottrosen: Frecher Ruhrpott-Charme auf der Bühne

Die „Geschwister im Geiste“, Franziska Mense-Moritz (Kabarettistin, Sängerin, Schauspielerin) und Susan Kent (Parodistin, Sängerin, Schauspielerin, Entertainerin), gastierten am 08.12.2024 als die „Pottrosen“ mit ihrem Programm „Leise schnieselt das Reh“ im Dortmunder „Raum 17“ (Mönchengang 9).

Dass die beiden Künstlerinnen schon lange und mit viel Freude zusammenarbeiten, ist für das Publikum spürbar. Bei diesem Weihnachtsspezial sorgten sie bereits mit ihrem glanzvollen Auftakt – roten Glitzeroutfits und Fächern – für die passende optische Strahlkraft.

Franziska Mense-Moritz  und Susan Kent sind "Die Pottrosen". (Foto: (C) theatervolk)
Franziska Mense-Moritz und Susan Kent sind „Die Pottrosen“. (Foto: (C) theatervolk)

Ihr Programm ist eine spritzige Mischung aus Parodie, witzigen Gesangsnummern mit umgetexteten Songs, kleinen Spielszenen und viel frecher Ruhrpott-Schnauze. Besonders Susan Kent überzeugte mit ihrer Wandelbarkeit: So schlüpfte sie etwa mit charmantem Sächsisch in die Rolle einer Frau aus Leipzig, die sich extravagante Geschenke von „Santa-Clausi“ wünscht. Ihre Heidi-Klum-Parodie zeigte einmal mehr ihr parodistisches Talent. Franziska Mense-Moritz glänzte dagegen in ihrer Paraderolle als Frau im Morgenmantel mit Zigarette („Wo ich bin, is Raucherecke“) – ein Charakter, der stets für Lacher sorgt.

 

Zwischen Blödeleien und kritischen Tönen

Doch die „Pottrosen“ beschränkten sich nicht nur auf humorvolle Blödeleien. Ernste Themen wie Klimawandel, Rechtsextremismus, Hasskommentare im Netz und ihre Folgen oder das bigotte Verhalten der katholischen Kirche (Stichwort: Missbrauchsskandale) wurden kabarettistisch-ironisch aufgegriffen. Diese gelungene Balance zwischen Unterhaltung und Tiefgang macht das Duo besonders.

Dabei wird alles mit einer gehörigen Portion deftigem Ruhrpott-Charme serviert, wie man ihn heutzutage nur noch selten hört. Gerade dieser unverwechselbare Stil sorgt für den besonderen Reiz ihrer Auftritte. Mit ihren beeindruckenden Stimmen, ihrem gemeinsamen Sinn für Humor und einer geballten Portion Frauenpower ergänzen sich die beiden Künstlerinnen perfekt.

Fazit: Es bleibt zu hoffen, dass uns dieses kongeniale Comedy-Duo, die „Pottrosen“, noch lange erhalten bleibt – denn sie sind ein echtes Highlight der Ruhrpott-Comedy!




Flamingos und Dada – Ein Abend mit Hermann Heisig

Warum schlafen Flamingos auf einem Bein? Diese und andere absurde Gedanken brachte Hermann Heisig am 6. Dezember 2024 mit seiner Gruppe im Theater im Depot dem Publikum in der außergewöhnlichen Performance „Late Night Dada“ näher.

Dada, diese vermeintlich längst vergangene Kunstrichtung, wurde hier mit einem frechen Augenzwinkern wiederbelebt. In Dortmund, der Ruhestätte des Dadaisten Richard Huelsenbeck, wird die Erinnerung an diese Bewegung ohnehin lebendig gehalten – mit jährlichen Festivals und künstlerischen Aktionen. Trotzdem hätte das zweistündige Spektakel von Heisig und seinen Leipziger Performerinnen deutlich mehr Zuschauerinnen verdient.

Zwischen Bar, Bühne und Straßen-Dada

„Late Night Dada“ begann stilecht an der Bar – die den gesamten Abend über geöffnet blieb – und nahm das Publikum mit auf eine Reise durch den gesamten Theatersaal. Was folgte, war ein wilder Mix aus Tanz, Performance, Kostümspiel und Bühnenkunst, irgendwo zwischen Late-Night-Show, Konzert und ritueller Jam-Session. Besonders surreal wurde es, als alle Beteiligten mit einer Flamingo-Fahne das Theater verließen, um ein Stück Dada direkt auf die Straße zu bringen.

hermann heisig und seine Crew bei "Late Night Dada". (Foto: (c) Rolf Arnold)
Hermann Heisig und seine Crew bei „Late Night Dada“. (Foto: (c) Rolf Arnold)

Ein Highlight für Musikliebhaber war die ironische Schlagzeug-Performance, die typische Musik-Acts charmant auf die Schippe nahm. Die Ästhetik, die Hermann Heisig und seine Truppe an den verschiedenen Stationen präsentierten, begeisterte durch ihre Vielschichtigkeit und den Mut, Kitsch mit schriller Eleganz zu verbinden.

Am Ende bleibt die Frage: Haben Flamingos, die hier als Symbol für Trash und grelle Ästhetik dienten, ihre Würde zurückerhalten? Das mag jede*r für sich selbst entscheiden. Sicher ist jedoch: In den zwei Stunden tobte der Dada-Geist quer durch das Theater im Depot – absurd, witzig, provokativ und garantiert unvergesslich. Ein Hoch auf die Flamingos und Hermann Heisigs einzigartigen Abend voller Dada-Wahnsinn!




Dornröschen und seine spannenden Traum-Erlebnisse

Mit „Dornröschen – Hundert Jahre im Land der Träume“ bringt Andreas Gruhn, der langjährige Intendant des Dortmunder Kinder- und Jugendtheaters (KJT), ein modernes Familienstück in der Vorweihnachtszeit auf die Bühne des Schauspielhauses. Am 22. November 2024 feierte diese frische Inszenierung des Märchenklassikers der Gebrüder Grimm ihre Uraufführung.

Eine opulente Ausstattung (Oliver Kostecka), fantasievoll gestaltete Kostüme, beeindruckende Hintergrundprojektionen und die atmosphärisch stimmige Musik von Michael Kessler machen das Stück zu einem Fest für Augen und Ohren. Im Gegensatz zur traditionellen Geschichte führt das Publikum hier eine Reise in die Welt der Träume.

Ein modernes Dornröschen für unsere Zeit

Andreas Ksienzyk begleitet als charmanter Erzähler durch die Handlung, während das Ensemble mit Spielfreude und Flexibilität in zahlreichen Rollen überzeugt. Sar Adina Scheer (u. a. als Königin), Jan Westphal (u. a. als König), Bianka Lammert, Johanna Weißert (als Fee Gunella), Rainer Kleinespel, Annika Hauffe (als Rosalinde/Dornröschen) und Thomas Ehrlichmann (u. a. als Prinz) zeigen Einfühlungsvermögen und Engagement. Besonders Annika Hauffe glänzt in der Hauptrolle und verleiht Dornröschen eine völlig neue Dimension.

Sar Adina Scheer, Johanna Weißert, Bianka Lammert und Jan Westphal in "Dornröschen" (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Sar Adina Scheer, Johanna Weißert, Bianka Lammert und Jan Westphal in „Dornröschen“ (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Diese Inszenierung interpretiert die bekannte Märchenfigur neu: Dornröschen, hier Rosalinde genannt, ist keine passive Prinzessin im schönen Kleid, die auf ihren Retter wartet. Stattdessen wird sie als kluges, selbstbewusstes und neugieriges Mädchen dargestellt, das sich für Naturwissenschaften und Astronomie begeistert. Rosalinde trägt kurze blonde Haare und Kleidung, die eher Jungen zugeordnet wird, wodurch stereotype Geschlechterrollen humorvoll aufgebrochen und in die Gegenwart übertragen werden.

Zudem thematisiert das Stück sensibel den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und unseren Lebensgrundlagen. Diese zeitgemäße Interpretation macht Dornröschen zu einer mutigen Identifikationsfigur für junge Mädchen, die zeigt, wie wichtig es ist, seine Träume zu verfolgen – auch gegen Widerstände.

Ein Theatererlebnis für die ganze Familie, das nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Weitere Informationen und Termine finden Sie auf www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222.




Die Ursachen der Fremdheit – Fremd/Yabancı

Wie fühlt es sich an, fremd zu sein? In einem fremden Land zu leben, in einem fremden Körper? Das künstlerische Team Ayşe Kalmaz, Kemal Dinç, Sinem Süle, Shari Streich und Elena Tilli hat sich in ihrem Stück Fremd/Yabancı auf die Suche nach Antworten gemacht. Das Werk wurde am 22. November 2024 im Theater im Depot aufgeführt.

Im Zentrum der Inszenierung stehen die Schauspielerinnen Sinem Süle und Shari Streich. Sie setzen sich intensiv mit den Themen Fremdheit und Identität auseinander und finden in absurden, humorvollen und oft berührenden Momenten zueinander.

Beeindruckende Inszenierung und tiefere Botschaften

Die Inszenierung beeindruckt nicht nur visuell: Alles ist in Schwarz-Weiß gehalten, ein Gazevorhang schränkt die Sicht auf die Bühne ein, dient jedoch als vielseitige Projektionsfläche. Die Arbeit mit Kameras auf der Bühne eröffnet ungewohnte Perspektiven. Zunächst könnte man annehmen, es handele sich um eine klassische Familiengeschichte – schließlich lauten die Kapitelüberschriften zu Beginn „Vater“ und „Mutter“. Doch die Handlung greift viel tiefer.

Sinem Süle (links) und Shari Streich spielen die beiden Protagonistinnen auf der Bühne (Foto: (c) Theater im Depot)
Sinem Süle (links) und Shari Streich spielen die beiden Protagonistinnen auf der Bühne (Foto: (c) Theater im Depot)

Im Kern steht die Schwierigkeit, einander wirklich zu verstehen oder zu erkennen. Das Stück beleuchtet, wie komplexe Informationen vereinfacht und dabei oft verzerrt werden. Dies führt zu Missverständnissen und falschen Wahrnehmungen, die auch mit digitalen Mitteln für das Publikum sichtbar gemacht werden.

Im zweiten Teil des Stücks schlägt die Inszenierung eine wissenschaftlich fundierte Richtung ein. Sie basiert auf den Studien von Dr. Gabor Maté und Dr. Liya Yu, die sich mit den epigenetischen Folgen traumatischer Erfahrungen beschäftigen. Diese zeigen, wie solche Erfahrungen über Generationen hinweg weitergegeben werden können.

Sinem Süle und Shari Streich präsentieren eine herausragende Bühnenperformance, die an Intensität kaum zu überbieten ist. Am Ende wird die vierte Wand durchbrochen, was die Zuschauer*innen unmittelbar einbindet. Zusammen mit der kraftvollen Musik von Kemal Dinç wird Fremd/Yabancı zu einem außergewöhnlichen Erlebnis.




Jeeps: Erbschaftslos oder die Erbschaft los

Die Komödie „Jeeps“ behandelt ein heikles Thema: Jedes Jahr werden Vermögenswerte im Umfang von rund 400 Milliarden Euro vererbt, vor allem in Form von Immobilien und Finanzanlagen. Gleichzeitig leben etwa 20 Prozent aller Kinder in Deutschland in Armut. Kritische Stimmen sehen in der Vererbung von Vermögen eine Untergrabung des Prinzips der Leistungsgerechtigkeit. Weil „Geburtsglück“ einen maßgeblichen Einfluss auf sozialen und wirtschaftlichen Erfolg nimmt. Die Premiere von „Jeeps“ fand am 9. November 2024 im Schauspiel Dortmund statt und widmete sich dieser Problematik auf humorvolle Weise.

Erbschaftslose beim Jobcenter: Die Handlung von Jeeps

In ihrer Komödie „Jeeps“ lässt die Autorin Nora Abdel-Maksoud das Jobcenter als Verteiler von „Erbschaftslosen“ auftreten – das Chaos ist vorprogrammiert. Arbeitssuchende sowie Menschen, die plötzlich auf ihr Erbe verzichten müssen, stürmen das Jobcenter und sorgen für erhebliche Verwirrung. Die Hauptrollen übernehmen vier Figuren: Silke (Marlena Keil), eine Start-up-Gründerin, die ihr Erbe zurückwill; Maude (Nika Mišković), eine Hartz-IV-Empfängerin; und die beiden Jobcenter-Mitarbeiter Gabor (Alexander Darkow) und Armin (Viet Anh Alexander Tran). Gabor fungiert als „Losverwalter“, der die Kontrolle über die Erbschaftslose ausübt.

Silke und Maude schließen sich zusammen, um gegen das System zu kämpfen. Silke möchte ihr Erbe für den Erhalt ihres Start-ups „Laptops in Stollenschuhen“ zurück, während Maude empört ist, weil ihr Flaschenpfand von der Grundsicherung abgezogen wurde. Gemeinsam stürmen sie das Büro von Sachbearbeiter Gabor, was zu chaotischen Verwicklungen führt, in die sich auch Armin, der sich für Gabors Vorgesetzten hält, einmischt.

Viet Anh Alexander Tran, Marlena Keil, Nika Mišković, Alexander DarkowFoto: (c) Birgit Hupfeld
Viet Anh Alexander Tran, Marlena Keil, Nika Mišković, Alexander Darkow
Foto: (c) Birgit Hupfeld

Humor und Kritik im „Jeeps“

Als absurde Komödie zieht „Jeeps“ zahlreiche gesellschaftliche Klischees durch den Kakao. Gabor ist ein pedantischer Beamter, der sich strikt an Vorschriften hält und damit seine „Kunden“ wie auch sich selbst vor Willkür schützen will. Gabors Liebe zu seinem Auto, einem Mercedes G 400-D – einem Geländewagen, der im Stück als „Jeep“ tituliert wird – verleiht der Komödie ihren Titel.

In der Wartehalle des Jobcenters tauchen zudem typische Elemente aus der Start-up-Welt auf, wie eine Boulderwand und Foodtrucks. Doch die Partnerschaft zwischen Silke und Maude zerbricht schnell, als Maude sich mit Armin verbündet, um an Erbschaftslose zu gelangen. Doch Gabor hat das letzte Wort und überrascht alle mit einer unerwarteten Wendung.

„Jeeps“ wechselt zwischen abgedrehtem Humor und Gesellschaftskritik und spielt mit Klischees rund um penible Beamte, SUV-Liebhaber und Start-up-Gründer. Die Darsteller*innen des Schauspiel Dortmunds wurden für ihre humorvollen Darbietungen vom Publikum gefeiert. Auch wenn die Komödie gelegentlich überdreht wirkt, hätte ihr etwas mehr politische Schärfe sicherlich gutgetan. Insgesamt bot „Jeeps“ jedoch eine gelungene Mischung aus Slapstick und Wortwitz, die zum Lachen einlud.

Weitere Informationen und Termine für „Jeeps“ gibt es auf der Webseite des Theaters unter www.theaterdo.de.




Die Geschöpfe – Der Dortmunder Sprechchor verwandelt Ovids Metamorphosen

Premiere für mich: Zum ersten Mal besuche ich den Kubus, ein kleines Musiktheater in der Saarlandstraße. Der Dortmunder Sprechchor feierte dort am 8. November 2024 mit „Die Geschöpfe“ eine gelungene Premiere unter der Regie von Ludwig Juhrich. Ovids Metamorphosen sind ein episches Werk in 15 Büchern, das etwa im Jahr 8 n. Chr. fertiggestellt wurde und mythologische Verwandlungsgeschichten erzählt. Der Sprechchor hat drei dieser Geschichten für die Aufführung ausgewählt.

Die Bühne war geschmückt wie ein Tempel des Apollon, voller Kunstwerke und Symbolen. Schließlich erschien Apollon in der Person des Sprechchormitglieds Roman D. Metzner selbst auf der Bühne, der zugleich die instrumentale Begleitung übernahm. Der Sprechchor verkörperte einerseits einen Priesterchor (in weiß und beige gekleidet), wobei einzelne Mitglieder solistische Rollen übernahmen.

Moderne Themen in klassischen Geschichten

Die erste Metamorphose handelt vom Künstler Pygmalion, der eine Abneigung gegen Frauen hat und sich stattdessen auf seine Kunst konzentriert. Eines Tages erschafft er eine Statue aus Elfenbein, die so schön und lebendig wirkt, dass er sich in sie verliebt. Die Göttin Venus erhört seine Bitte und lässt die Statue lebendig werden. Die Geschichte von Pygmalion ist nach wie vor aktuell: Heutige Erzählungen über künstliche Intelligenz, Roboter oder virtuelle Figuren, die menschliche Eigenschaften entwickeln und Beziehungen eingehen, werfen ähnliche Fragen auf – über die Natur der Liebe, Kontrolle und die Beziehung zwischen Mensch und Kreation.

In der Geschichte von Philemon und Baucis aus den Metamorphosen wird ein altes Ehepaar, das für seine aufrichtige Liebe und tiefes Vertrauen belohnt wird, in zwei miteinander verflochtene Bäume verwandelt. Diese Verwandlung symbolisiert ihre unzertrennliche Bindung, die selbst über den Tod hinaus besteht. Auch dieses Motiv findet sich in modernen Stücken wieder; das bekannteste dürfte Bertolt Brechts Der gute Mensch von Sezuan sein, da beide Werke zentrale Themen wie Menschlichkeit, Gastfreundschaft und die Frage nach gutem Handeln in einer herausfordernden Gesellschaft behandeln.

Die Geschöpfe - Das Ensemble des Dortmunder Sprechchors. Foto: © Guntram Walter 2024
Die Geschöpfe – Das Ensemble des Dortmunder Sprechchors. Foto: © Guntram Walter 2024

Apollon und die Frage nach der Macht der Götter

Die tragische Liebesgeschichte von Hyazinthos und Apollon behandelt die Themen Liebe, Verlust und Transformation. Selbst Apollons göttliche Macht kann nicht verhindern, dass Hyazinthos stirbt, und der Gott muss lernen, den Verlust zu akzeptieren. Hier konfrontiert der Priesterchor Apollon und lässt ihn schließlich Ludwig Feuerbach zitieren: „Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.“ Auch die sogenannten göttlichen Gaben, wie die Musik, besaßen die Menschen schon vorher. Es ist der Atem der Menschen, der die Götter zu dem macht, was sie sind. Ein ähnliches Thema behandelt Terry Pratchett in seinem Buch Small Gods (Einfach göttlich): In der Scheibenwelt hat ein Gott nur dann Macht, wenn Menschen an ihn glauben. So muss der Gott Om versuchen, seinen Jünger Brutha von seiner Existenz und seiner Mission zu überzeugen.

Mit dieser gelungenen Religionskritik ging der Abend zu Ende. Der Dortmunder Sprechchor zog die Zuschauer mühelos in seinen Bann, und die musikalische Begleitung passte hervorragend zur Inszenierung. Das atmosphärische Stück passt perfekt in das kleine Musiktheater. Es gibt noch eine letzte Gelegenheit, Die Geschöpfe zu sehen.

Aufführungsinformationen Sonntag, 17. November, 18:30 Uhr
Musiktheater Kubus
Saarlandstraße 124a
44139 Dortmund

Tickets und Reservierung:
E-Mail: ovid.sprechchor@gmail.com
Telefon: 0176/8422 6375
Eintrittspreis: 12 €




Schwindel – eine rasant-queere Beziehungskomödie

Im Studio des Dortmunder Schauspielhauses feierte am 08.11.2024 die queere Beziehungskomödie „Schwindel“ nach dem neuen Roman von Hengameh Yaghoobifarah Premiere. Regisseurin Shari Asha Crosson greift in ihrer Inszenierung Strukturen und Elemente von Reality-Dating-Shows wie „Princess Charming“ auf. Diese Formate nutzen symbolisch die Treppe als hierarchischen Entscheidungsraum für die Auswahl (hopp oder flopp) aus dem Teilnehmer*innen-Pool. Dabei spielen gesellschaftlich geprägte Normen, Werte, Geschlechterbilder sowie Vermarktungsinteressen und Oberflächlichkeit eine wesentliche Rolle.

Karikatur und Dekonstruktion gesellschaftlicher Rollenbilder

Mit Karikatur und Dekonstruktion wird in „Schwindel“ auf einer eindrucksvollen Bühnenkonstruktion (eine knallpinke Treppe und ein drehbares, hellgelbes Gerüst in Herzform) humorvoll und ironisch die Thematik von Begierde, Liebe, Sehnsüchten, Körperbewusstsein, Unsicherheit, Verlust- und Bindungsängsten in all ihrer Komplexität dargestellt. Der Plot dreht sich um vier queere Personen unterschiedlichen Alters, die sich im Gefühlschaos fragen, was wirklich zählt.

Ava (Akasha Daley) hat im 15. Stockwerk ihrer Wohnung ein heißes Date mit Robin (Fabienne-Deniz Hammer). Plötzlich stören zwei ihrer ehemaligen Liebhaber*innen, Delia (Rabea Lüthi, Gast) und Silvia (Antje Prust), die Szene: Delia möchte nur ihr vergessenes Handy abholen, während Silvia verärgert ist, weil Ava seit Wochen nicht auf ihre Nachrichten reagiert hat. Die überforderte Ava flieht ohne Schlüssel und Smartphone, verfolgt von den drei anderen, aufs Dach. In schwindelerregender Höhe und nahe am Abgrund sitzen die Vier schließlich fest – mit all ihren emotionalen Konflikten.

Akasha Daley, Antje Prust, Fabienne-Deniz Hammer, Rabea Lüthi(Foto: c) Birgit Hupfeld
Akasha Daley, Antje Prust, Fabienne-Deniz Hammer, Rabea Lüthi
(Foto: c) Birgit Hupfeld

Die Schauspieler*innen versetzten sich eindrucksvoll und mit großer Spielfreude in die unterschiedlichen Charaktere. Die scheinbar beziehungsunkomplizierte Ava leidet in Wahrheit unter Verlustängsten, Robin tut cool und selbstsicher, während die jüngste, Delia, noch etwas unsicher ist, aber klare Ansagen macht. Die älteste, Silvia, fürchtet besonders, von der jüngeren Partnerin verlassen zu werden.

Auch körperlich forderte die Inszenierung den Darsteller*innen einiges ab. Die Erzählerin (die Regisseurin selbst) kommentierte das Geschehen humorvoll und ironisch. Die Herzkonstruktion diente zudem als sinnliche Projektionsfläche, und Musik spielte eine tragende Rolle, indem sie die emotionale Ebene der Szenen unterstützte.

Ein erfrischender, oft derber und direkter Beitrag der jungen Theatergeneration, der einen differenzierten Diskurs um Queerness, den politischen Körper und menschliche Beziehungen anstößt. Weitere Aufführungstermine finden Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222.




„My Body is My Castle“ – Eine Performance über Selbstakzeptanz und Körperbild

Der weibliche Körper stand bei der Performance „My Body is My Castle“ im Mittelpunkt. Seit ewigen Zeiten fasziniert er und ebenso lange versuchen andere, sich seiner zu bemächtigen. Am 2. November 2024 brachten 20 Performerinnen im Fritz-Henßler-Haus ihre Perspektiven auf den weiblichen Körper zum Ausdruck.

Selbstakzeptanz und Schönheitsideale im Fokus

In „My Body is My Castle“ arbeiteten Tänzerinnen aus Leeds und Dortmund zusammen. Neben der Choreografie gab es Geschichten rund um Themen wie Narben und Selbstwahrnehmung. Da das Alter der Frauen zwischen 16 und 70 Jahren lag, hatten sie zahlreiche echte und erfundene Geschichten zu erzählen.

Auch das Thema Selbstliebe wurde behandelt. „Bin ich schön und klug?“ ist eine der Fragen, mit denen Frauen ständig konfrontiert werden, sei es von außen oder durch innere Zweifel. Die Angst, vermeintlichen Schönheitsidealen nicht zu entsprechen, belastet viele. Soziale Medien verstärken oft das Bild schlanker, durchtrainierter Körper, was bei vielen Frauen den Druck erzeugt, diesen Idealen zu entsprechen.

"My Body is my Castle" eine Transperformance aus Leeds und Dortmund zum Thema weibliche Selbstakzeptanz und Körperbild. (Foto: (c) ACCA)
„My Body is my Castle“ eine Transperformance aus Leeds und Dortmund zum Thema weibliche Selbstakzeptanz und Körperbild. (Foto: (c) ACCA)

Die Choreografien waren abwechslungsreich; besonders die ruhigen Passagen strahlten eine gewisse Poesie aus. Die etwa 60-minütige Performance verging (zu) schnell, doch sie zeigte, wie viel Akzeptanz des eigenen Körpers bewirken kann – geballte Weiblichkeit, die ihre innere Stärke präsentierte.




Historisches Ballett und Filmset als Blaupause verbunden

Das im exotisch verklärten Indien verortete Ballett „La Bayadère“ (Die Tempeltänzerin) wurde 1877 in Sankt Petersburg unter der Choreografie von Marius Petipa uraufgeführt, mit der melodiösen Musik von Léon Minkus. Der Dortmunder Ballettintendant Xin Peng Wang fügte dem Werk eine besondere, interessante Dimension hinzu, die einen dramaturgischen Blick von außen ermöglicht. Die Premiere des vieraktigen Balletts (Choreografie von Xin Peng Wang, 2. und 3. Akt nach Marius Petipa) fand am 1. November 2024 in der Oper Dortmund statt.

Ein Filmset als Rahmengeschichte für La Bayadère

Die Aufführung beeindruckte durch passend ausgewählte Kostüme, eindrucksvolle Hintergrundprojektionen und effektvollen Lichteinsatz. Die musikalische Begleitung übernahm das Orchester der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Motonori Kobayashi. Die Filmset-Passagen und Stummfilm-Einspielungen wurden zudem stimmungsvoll von Karsten Scholz live am Klavier begleitet.

Als Rahmenhandlung für die Choreografie wählte Xin Peng Wang ein Hollywood-Filmset der 1920er Jahre, das das „heilige Ballett“ La Bayadère verfilmen möchte. In der Geschichte geht es um die tragische Liebe zwischen der Tempeltänzerin Nikija und dem Krieger Solor, der jedoch bereits der Tochter des mächtigen Rajas, Gamzatti, versprochen ist. Daraus entfaltet sich eine dramatische Handlung voller starker Emotionen wie Liebe, Eifersucht, Verzweiflung und Hoffnung.

La Bayadère: Anna Tsygankova, Giorgi Potskhishvili. Foto: ((c) Leszek Januszewski)
La Bayadère: Anna Tsygankova, Giorgi Potskhishvili. Foto: ((c) Leszek Januszewski)

Allmählich erleben die Darsteller*innen am Set in ihren Rollen die gleichen Gefühlsverwirrungen wie die Figuren im Ballett – mit weitreichenden Folgen. Anders als bei einigen anderen Inszenierungen endet die Handlung nicht nach dem dritten „Schattenakt“ – der traumhaften Vision nach Opiumkonsum des Solor-Darstellers, nachdem seine geliebte Nikija durch ein Giftgetränk getötet wurde. Stattdessen folgt ein emotionaler Showdown im vierten Akt.

Freunde des klassischen und neoklassischen Balletts kamen voll auf ihre Kosten. Alle Tänzerinnen und Tänzer boten Ballett auf höchstem technischen Niveau. Die Darsteller*innen der Hollywoodstars, des Filmregisseurs, Produzenten und Managers bewiesen auch ihr schauspielerisch-pantomimisches Talent.

Ein besonderer Höhepunkt der Premiere waren die Gastsolist*innen Anna Tsygankova (Nikija/Hollywood-Starlet) und Giorgi Potskhishvili (Solor/Hollywood-Star), die mit ihrer eindrucksvollen Darbietung das Publikum begeisterten.

Weitere Informationen zu Aufführungsterminen finden Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.




Was werden wir vermissen – „Goodbye / Farewell“

Die Klimakatastrophe hängt wie ein Damoklesschwert über unseren Köpfen. Was werden wir vermissen? Wovon müssen wir Abschied nehmen? In der Performance „Goodbye / Farewell“ suchten am 1. November 2024 im Theater im Depot Antje Velsinger und das Kollektiv new trouble gemeinsam mit dem Publikum nach Antworten. Diese kamen direkt von den Zuschauenden und wurden zu einem Teil des Stücks.

Eine Reise des Abschieds und der Reflexion

Die Klimakrise bringt weit mehr als nur Umweltveränderungen mit sich. Es geht um den drohenden Verlust von Ökosystemen, Kulturen und alltäglichen Erfahrungen, die uns mit unserer Umwelt verbinden. Dazu gehören die Biodiversität, aber auch küstennahe Orte oder Landstriche, die zunehmend durch Waldbrände bedroht sind. Die Zuschauerinnen und Zuschauer notierten, was sie glauben zu verlieren, an eine Tafel. Diese Begriffe bauten die Akteurinnen und Akteure in ihre Choreografie ein und ließen das Publikum so direkt am Stück teilhaben.

Die Partizipation ging weiter: In Gruppen aufgeteilt, setzten sich die Besucherinnen und Besucher mit Fragen auseinander. Unsere Gruppe beschäftigte sich mit dem Thema: Worauf sollten wir verzichten, um die Klimakrise nicht weiter zu verschärfen? Die Antworten überraschten kaum: weniger Fleischkonsum, Verzicht auf Fast Fashion und weniger Flugreisen.

Die vier Akteure von "Goodbye / Farewell". (Foto: (c) Charlotte Ducousso)
Die vier Akteure von „Goodbye / Farewell“. (Foto: (c) Charlotte Ducousso)

Auch diese Themen wurden in die Choreografien integriert, die abwechselnd energetisch und sehr melancholisch wirkten. Besonders berührend war die Solo-Choreografie von Sunday Israel Akpan, dessen Stimme durch Loops vervielfältigt wurde, was dem Ganzen eine intensive, eindrucksvolle Tiefe verlieh. Auch die Tänzerin Mihyun Ko und der Tänzer David Pallant bereicherten das Stück durch ihre präzise und eindringliche Darbietung.

Die innere Zerrissenheit zwischen dem Wunsch, festzuhalten, und der Notwendigkeit, loszulassen, wurde in dem Stück sehr deutlich spürbar. Der Abschied von bestimmten Dingen zeigte, dass auch wir uns der Veränderung stellen müssen.