Das wird kein Spoilertext, versprochen. Wie es der genervte Paarberater (Richard Saringer) schafft, das Ehepaar Dorek (Harald Schwaiger und Katja Heinrich) wieder auf Kurs zu bekommen, sollten sie in einer der Vorstellungen von „Die Wunderübung“ im Theater im U erleben. Ars tremonia war bei der dritten Aufführung des Ensembles „Austropott“ am 15. März 2015 dabei.
„Die Wunderübung“ von Daniel Glattauer behandelt eines der beliebten Themen in Theater und Film: das zerstrittene Paar. Jeder im Publikum hat zunächst das Gefühl, das wird nichts mehr, doch von irgendwo kommt noch ein Kniff daher, der die Beziehung rettet. Dieses Mal ist es ein Kniff des Eheberaters, der im ersten Teil des Stückes schier verzweifelt.
„Sie haben eine außergewöhnlich lebendige Streitkultur auf hohem Niveau“, sagte der verzweifelte Paarberater fast schon ein wenig sarkastisch. Saringer spielt die Rolle mit stoischer Ruhe. Mit der Attitüde von jemanden, der schon fast alles gesehen hat, lässt er die Streitigkeiten und die fehlgeschlagenen Übungen über sich ergehen. Nur an seinem Spiel mit dem Stift sieht man, dass es mit der Zeit in ihm brodelt.
Katja Heinrich spielt die Joana Dorek. Sie verkörpert die Ehefrau, die mit ihren überschäumenden Emotionen alleingelassen wird. Ihre Sticheleien gegen den Panzer ihres Ehemannes setzt sie mit der Präzision einen Florettes. Doch der „Sieger“ dieses Ehestreites ist eindeutig Harald Schwaiger als Valentin Dorek. Erst sieht man ihm seine Langeweile deutlich an, sein Desinteresse an dieser Eheberatung ist zunächst gleich Null. Ein Running Gag des Stückes ist, dass Valentin nicht weiß, wie der Paarberater heißt. „Herr, äh, äh, äh“, mehr kommt nicht. Allein die genervten Blicke von Schwaiger, wenn Joana wieder ihre Sticheleien gegen Valentin loslässt, sind ihr Eintrittsgeld wert.
Auch wenn manches im Stück ein wenig klischeehaft wirkt, die rund 90 Minuten „Ehestreit live“ sind unterhaltsam, da sie eben „auf hohem Niveau“ dargeboten werden. Vielleicht ist „Die Wunderübung“ sogar für manche Ehepaare im Publikum ganz lehrreich, denn vieles wird man aus seiner eigenen Beziehung vielleicht wiedererkennen.
Kurzum, das Stück passt ideal zu „Austropott“, die sich auf kleine geistreiche Komödien spezialisiert haben, in denen es um zwischenmenschliche Dinge wie Freundschaft („Indien“, „Kunst“) oder Ehe („Die Wunderübung“) geht.
Weitere Termine:
Samstag, der 21.03.2015, 19.30 Uhr
Sonntag, der 22.03.2015, 18.30 Uhr
Samstag, der 25.04.2015, 19.30 Uhr
Sonntag, der 26.04.2015, 20.00 Uhr
Mittwoch, der 29.04.2015, 19.30 Uhr
Samstag, der 09.05.2015, 19.30 Uhr
Sonntag, der 10.05.2015, 18.30 Uhr
Samstag, der 30.05.2015, 19.30 Uhr
Sonntag, der 31.05.2015, 19.30 Uhr
Samstag, der 13.06.2015, 19.30 Uhr
Sonntag, der 14.06.2015, 18.30 Uhr
Eintritt 18 €, erm. 10 €
Vorverkauf:
Ohne zusätzliche Gebühren für alle Termine direkt zu erwerben im Dortmunder U, Leonie-Reygers-Terrasse, 44137 Dortmund
Di + Mi 11:00 – 18:00 Uhr | Do + Fr 11:00 – 20:00 Uhr | Sa + So 11:00 – 18:00 Uhr | Mo geschlossen
Reservierung:
Kartenreservierung telefonisch unter 0159 03158179 oder per Mail unter tickets@austropott.de .
Wer bin ich und welche Rolle spiele ich? Spiele ich vielleicht sogar mehrere Rollen, was passiert, wenn ich mein Gesicht wechsle? Die Theaterpartisanen erarbeiteten mit Hilfe von Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak und Dramaturg Thorsten Bihegue ein Stück namens „Identity“, das am 13. März 2015 im Studio des Schauspielhauses Premiere hatte.
Die insgesamt acht Theaterpartisanen beschäftigten sich in ihrem Stück mit der Frage, was ist eigentlich Identität. Spielt man sich selbst oder spielt man eine Rolle oder vielleicht sogar mehrere? Ist man ständig auf der Suche nach sich selbst und was passiert, wenn man „sich“ gefunden hat?
Nach einer kleinen Vorstellung und „Publikumsbeschimpfung“ – es ging schließlich auch darüber, wie man nicht sein möchte – begann das Stück. Es spielte auf einem Flughafen, die Bühne war in ein kleines Flugterminal umgewandelt worden. Die Theaterpartisanen schlüpften nun in bestimmte Rollen. Das Spektrum reichte von der Englischlehrerin über die Computerexpertin, das Model bis hin zur Studienabbrecherin.
Eine zentrale Rolle in dem Stück spielt der Clown (Jeremias Timoner), der eine Art metaphysische Figur spielte. Neben seinen absurden Seligsprechungen, konfrontierte er die Figuren mit ihrem „Tod“ und fragte sie in Form eines Moderators, ob sie denn im Leben zufrieden oder glücklich gewesen seien. Die Antworten waren unbestimmt, als ob die dargestellten Charaktere nicht so recht wüssten, ob sie denn ihre Ziele erreicht haben.
Die Quintessenz des Stückes ist vielleicht, dass Identität ein Prozess ist, der ständig in Bewegung ist. Oder wie es der Clown im Stück sagte: „Wir sind nichts, wir werden ständig ein Leben lang.“
Zu erleben ist das kleine Stück (Dauer etwa eine Stunde) mit viel Musik noch am 17. und 29. April 2015.
Neben Jeremias Timoner spielten mit: Finnja Loddenkemper, Maximilian Kurth, Mia Reiß, Helena Demantowski, Kathrin Remus, Esther Wegelin und Lara Mohl.
Simrock’n‘ roll in der Spielbar
Thorsten Bihegue (links) und Maximilian Steffan gestalteten im Instutut eine gemütliche Leseatmosphäre.
Es war zwar nicht der Siebenschläfertag, denn der ist am 27. Juni, aber auch Freitag, der 13. März ist mystisch aufgeladen. Thorsten Bihegue und Maximilian Steffan lasen an diesem Tag im Institut des Schauspielhauses unter dem Motto „Irgendwann ist immer“ aus einem bunten literarischen Sammelsurium.
Und immer wieder grüßte das Murmeltier, nein der Siebenschläfer oder besser: die Siebenschläfer. Karl Simrocks Märchen aus dem Jahre 1864 war der Basistext, zu dem immer wieder zurückgekehrt wurde. Man lernte dazu: Neben den Siebenschläfern in der christlichen Legende, gibt es Siebenschläfer auch im Tierreich. Sie sind „possierliche“ (Grzimek) Tiere, genauer gesagt gehören sie zur Familie der Bilche. Das bekamen die Zuhörer ebenfalls erklärt.
Weitere Texte stammten von Charles Bukowski, Zahlengedichte und weiteres skurriles aus der literarischen Grabbelkiste wurde geboten.
Die Highlights waren auf jeden Fall die Übersetzungen von englischen Raptexten und Erotikliteratur durch Google Translate.
Garniert wurde die Lesung durch herrlich absurde Videos und die Zuschauer lernten Thorsten Bihegue als Fotokünstler kennen. Dass er Musik macht, dürfte den Kennern bereits bekannt sein, auch hier spielte er auf der Ukulele und ein Lied von Christian Anders („Das Schiff der großen Illusionen“).
Auf einer Insel ohne Strom gestrandet
Was könnte ein größerer Alptraum für junge Erwachsene sein, als dort zu stranden, wo es kein Strom oder gar Handyempfang gibt? Alle sind quasi analog. Im Stück „Der Sturm“ der Theaterwerkstatt Westfalenkolleg geht es um dieses Thema. Auch wenn es keine Shakespeare Adaption ist, sein Stück lieferte den Akteuren Anregungen und Textfragmente. Die Premiere ist am 18.03. 2015 um 20 Uhr im Theater im Depot.
„Was macht man eigentlich ohne Empfang“, diese Frage stellt Regisseurin Mechtild Janssen in den Mittelpunkt des Stückes. „Es gibt keinen Strom, nicht zu essen. Fühlt man sich wohl, endlich offline zu sein oder führt dies zu Auseinandersetzungen?“
In dem Stück treffen acht Gestrandete auf einer Insel auf die Charaktere Prospera und Ariel. Prospera ist die böse Herrscherin der Insel, die die anderen Personen mit Hilfe ihres Luftgeistes Ariel auf die Insel gelockt hat. Im Laufe des Stückes wechselt Ariel die Seite und unterstützt die Gestrandeten.
Was die Arbeit für die Leitung der Theaterwerkstatt, Mechtild Janssen und Klaus Pfeiffer, schwierig macht, dass sie zu Beginn nicht wissen, wer überhaupt mitmacht. „Die Findungsphase dauert etwa zwei bis drei Monate“, erklärte Janssen. Dann werden erst die Stücke entwickelt. Eigentlich sollte kaum etwas von Shakespeare in die Texte einfließen, doch „es hat sich ergeben, dass im Laufe der Zeit immer mehr von ihm integriert wurde“, so Klaus Pfeiffer, der mit Mechtild Janssen die Gesamtleitung innehat. „Die Sprache ist ein Kaleidoskop aus Alltagssprache, Improvisation und Shakespeare“, ergänzte Janssen.
Bei der Produktion ist auch die Choreografin Birgit Götz dabei. Tanzen ist ein wichtiges Element in „Der Sturm“. Denn der Sturm fährt in die Glieder der gestrandeten und thematisiert das zerstörerische, aber auch bereinigende Element des Sturms. Alle Darsteller tanzen, das bezieht die Schauspielerin im Rollstuhl mit ein.
Ähnlich wie im Originaltext von Shakespeare gibt es auch in „Der Sturm“ Zauber und Magie. Prospera kann andere Personen in Träume versetzen und deren Träume dann beeinflussen. Daneben gibt es magische Wesen auf der Insel.
Das Besondere bei der Theaterwerkstatt Westfalenkolleg ist, dass neben aktuellen studierenden auch ehemalige bei der Produktion involviert sind. Die Theaterwerkstatt gewann jüngst den Förderpreis des Petra-Meurer-Theaterpreis 2015 mit ihrer Produktion „Peng!“.
„Der Sturm“ dauert etwa 60 Minuten und die Eintrittspreise sind 10 € und 5 € (ermäßigt). Neben der Premiere am 18.03. gibt es weitere Termine am 20.03. (20 Uhr), 23.04. (12 Uhr) und 30.04. (12 Uhr).
In der Version der niederländischen Librettistin Sophie Kassies hat Schneewittchen die Verkleinerungsform „-chen“ abgelegt. So heißt sie in der niederländischen Form jetzt „Sneewitte“. In dem Stück geht es um den ständig wachsenden Konflikt zwischen (Stief-)Mutter und pubertierender Tochter. Die Premiere des Kindermusiktheaterstückes ist am Donnerstag, den 19.03.2015 in der Jungen Oper.
„In unserer modernen Version, ist Sneewitte ein freches, selbstbewusstes Mädchen“, erklärte die Regisseurin Antje Siebers. „Je älter Sneewitte wird, desto stärker wird das Konkurrenzverhalten.“ Denn Sneewitte zieht mehr und mehr Aufmerksamkeit auf sich, bis sogar der berühmte sprechende Spiegel Sneewitte zur schönsten Frau deklariert. Das kann die Stiefmutter nicht auf sich sitzen lassen.
Anders als im Märchen ist die Stiefmutter nicht von Beginn an die Böse. Im Gegenteil. „Aber es wird ihr von der Stieftochter im Laufe des Stückes arg zugesetzt“, so Siebers. Aber auch die Stiefmutter kann austeilen, so wirft sie Sneewitte vor, dass sie große Füße habe.
Die weitere Handlung orientiert sich am Märchen. So begegnet Sneewitte den Zwergen, die in dem Stück einen Slapstick-Charakter haben.
Wie es sich zu einem Musiktheaterstück gehört, gibt es auch Musik. Die stammt von Jens Joneleit und wurde für „Sneewitte“ komponiert. Joneleit mischt neue Musik und Jazz. Seine Kompositionen passen nicht in gängige Hörmuster, laden aber zur akustischen Entdeckungsreise ein.
Die Musik wird von einer kleinen Band gespielt, die nicht in einem Orchestergraben verschwindet, sondern auf der Bühne zu sehen ist. Die musikalische Leitung hat in bewährter Weise Michael Hönes.
Sneewitte und ihre Stiefmutter werde von zwei Sängerinnen dargestellt und gesungen, zwei weitere Schauspieler (Stefan Happel und Kai Bettermann) komplettieren die Besetzung. Sneewitte wird von Hasti Molavian gesungen, die Stiefmutter von Engjellushe Duka. „Wenn gesungen wird, dann wird es auch verständlich sein“, betonte Siebers.
Das Stück hat eine Länge von etwa eine Stunde und 15 Minuten.
Die Premiere ist bereits ausverkauft. Weitere Termine: So, 22. März 2015, Mi, 25. März 2015, Di, 14. April 2015, Do, 16. April 2015, So, 19. April 2015, Di, 21. April 2015, Mi, 22. April 2015, Do, 23. April 2015, So, 26. April 2015, So, 10. Mai 2015, Di, 12. Mai 2015, Do, 21. Mai 2015 und Mi, 27. Mai 2015
Am 13. März 2015 findet die Premiere vom neuen Stück „Identity“ des Jugendclubs des Schauspielhauses der „Theaterpartisanen“ statt. Die Fragen nach der eigenen Identität stellt sich besonders in der Pubertät. Zum ersten Mal haben die Partisanen einen „externen“ Regisseur: Thorsten Bihegue, den Gastdramaturgen am Dortmunder Schauspielhaus.
Am Anfang stand die Schreibwerkstatt. Mit den Texten, die die Jugendlichen mit der Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak erarbeitet haben, ging es sechs Wochen lang in die szenische Umsetzung. Doch auch hier hat Regisseur Bihegue mit den acht Jugendlichen weiter an den Texten gearbeitet. „Es wird ein performatives Stück, das auch direkte Ansprache an das Publikum beinhaltet“, erzählt Bihegue. Die Texte stammen aus unterschiedlichen Quellen und die Besucher erleben eine Form von Collage. „Wir begeben uns in alle Abgründe der Literatur“, so Bihegue.
Das Stück spielt auf einem Flughafen. Ein Ort, wo viele Identitäten aufeinander treffen, um dann wieder zu verschwinden. Sieben Charaktere sind zu sehen, der achte ist eine Clownsfigur. Der Clown hat keine Identität, dafür hat er im Stück viele Freiheiten. Er symbolisiert vielleicht das Metaphysische, denn ob die Szene real war oder nur in seinem Kopf existiert, weiß niemand.
Der Clown konfrontiert auch die anderen Theaterpartisanen mit dem Tod. Wie geht man mit dem Thema um? Lässt man es zu oder wehrt man sich dagegen?
Musik gibt es auch: Neben Liedern von Blumfeld und der Berliner Band „Mutter“ ist Jazz, Pop und minimalistische Housemusik zu hören.
Wie gefällt den Jugendlichen die Arbeit mit Thorsten Bihegue? „Er ist direkter und konkreter von dem, was er von Schauspielern und Texten erwartet“, so Maximilian Kurth, einer der Theaterpartisanen.
Neben der Premiere am 13. März wird das Stück am 14. März sowie am 17. und 29. April 2015 aufgeführt.
Am 08. März 2015 stand die Premiere von „Don Giovanni“ auf dem Programm des Dortmunder Opernhauses. Die Inszenierung von Opernintendant Jens-Daniel Herzog überzeugte mit einer pfiffigen Bühnenidee, guten Sängerinnen und Sängern und aufregender Musik von Mozart.
Beim Bühnenbild hat sich Regisseur Jens-Daniel Herzog mit dem Bühnenbildner Mathis Neidhardt etwas ganz besonderes einfallen lassen: Musiker und Dirigent hinter einem Gaze-Vorhang, es gab kein Orchestergraben, dafür wurde eine Art Laufsteg quer durch den Zuschauerraum errichtet. Ansonsten war das Bühnenbild spartanisch, die Sängerinnen und Sänger standen im Mittelpunkt.
Schon der Beginn war ungewöhnlich inszeniert: Die Sänger stellten Stühle mach vorne und simulierten während der Ouvertüre eine Reihe im Theater mit Hustenden, Zuspätkommenden usw. Schon hier wurden die Konflikte zwischen den Figuren angerissen.
Die Geschichte: Das Hobby von Don Giovanni ist Frauen verführen. Zusammen mit seinem Diener Leporello reist er quer durch die Lande. Bei Donna Anna hatte er Erfolg, auch Zerlina ist ihm nicht abgeneigt, obwohl sie mit Masetto verlobt ist. Ihre Männer stehen mehr oder weniger hilflos daneben. Masetto mit Wut im Bauch. Don Ottavio, der Verlobte von Donna Anna, ist eher der kühle Analytiker. Zum Ärger von Don Giovanni heftet sich Donna Elvira auf seine Fährte, denn er habe ihr dir Ehe versprochen, behauptet sie. Als Don Giovanni aber Donna Annas Vater, den Komtur (Christian Sist) tötet, setzt er eine Spirale in Gang, die er nicht mehr stoppen kann.
Einen Don Giovanni in seiner Umgebung zu haben, ist für die meisten Menschen vermutlich der Alptraum. Jemand, der wie ein chirurgisches Instrument die Bruchstellen einer Beziehung erkennt und gnadenlos ausnutzen kann, ist wie Sprengstoff. Während er den Frauen ihre geheimen Wünsche nach Leidenschaft und Aufstieg befriedigt oder zumindest so tut, bleibt den Männern der Frust. Ob sie ihn wie Masetto offen zeigen oder wie Ottavio unter ihrer kühlen Hülle verbergen, bleibt gleich.
Morgan Moody sang den Leporello. Der Diener von Don Giovanni ist ein typischer Sidekick. Eine komische Figur, in deren Wunsch auch mal Frauen abzubekommen, eine gewisse Tragik liegt. Moody liegt die Rolle sichtlich. Hier kann er sein komisches Talent ausleben, und seine Anmachversuche gegenüber Donna Elvira (Emily Newton) spielen beide mit herrlichem Witz. Moody gibt den treuen Diener mit Hingabe und singt die bekannte Arie „Madamina, il catalogo e questo“, in der er Donna Elvira über die Eroberungen seines Herren aufklärt.
Eleonore Marguerre singt die Donna Anna. Eigentlich eine einfache Figur, Don Giovanni hat ihren Vater ermordet und sie will Rache. Das soll ihr Verlobter, Don Ottavio, besorgen. Eigentlich. Denn was ist zwischen Don Giovanni und ihr wirklich abgelaufen? Die Vorgeschichte kennen wir nicht, aber es scheint, als ob die beiden sich schon länger kennen. Ist Donna Anna also nicht so ganz unschuldig wie es scheint? Marguerre bringt den Zwiespalt der Figur zwischen der Rächerin, der Verlobten von Don Ottavio und ihrer Begierde für Don Giovanni sehr gut auf den Punkt.
Don Ottavio, gesungen von Lucian Krasznec, ist eine interessante Figur in der Oper. Er bleibt ruhig, obwohl Don Giovanni an seiner Verlobten Donna Anna baggert. Wenn man soll will, ist Don Ottavio eine moderne Figur, denn er nimmt die Frauen ernst. Er will eigentlich nicht in das Ränkespiel gegen Don Giovanni mitmachen, doch aus Liebe zu Donna Anna macht er mit. Krasznec spielt den Don Ottavio kühl und nachdenklich, nur in den Momenten, in denen er seine Liebe zu Donna Anna gesteht, ist seine Leidenschaft spürbar.
Kommen wir nur „niederen Paar“: Zerlina und Masetto. Zerlina (Tamara Weimerich) scheint glücklich verlobt mit Masetto (Sangmin Lee), doch wie heißt es so schön „Glück und Glas, wie leicht bricht das.“ Denn Zerlina hofft, durch Don Giovanni in die höheren Kreise aufzusteigen, möglicherweise ein besseres Leben zu führen als mit dem Bauer Masetto. Doch Zerlina durchschaut das böse Spiel von Don Giovanni sehr spät. Weimerich singt wunderbar die Zerlina zunächst als Dummerchen vom Land, dass aber durch die Bloßstellung von Don Giovanni auch zu den Verschwörern gehört.
Masetto ist ein Bauer und weder vom Stand her noch von der Eloquenz Don Giovanni gewachsen. Sangmin Lee ist herrlich komisch in seiner Rolle von Masetto. Seine Wutausbrüche und sein Versuch, Don Giovanni mit Gewalt ans Leder zu gehen, scheitern grandios. Auch lässt er sich immer wieder von Zerlinas Liebesschwüren überzeugen.
Donna Elvira (EmilyNewton) ist eine ebenso tragikomische Figur wie Masetto oder Leporello. Eigentlich ist sie wie eine Stalkerin hinter Don Giovanni her, nur um unfreiwillig mit Leporello vorlieb nehmen zu müssen. In Elviras Arien ist bis zum Schluss immer noch die Liebe zu Don Giovanni spürbar. Newton bringt sehr viel Witz in ihr Spiel ein und ihre Kabbeleien mit Morgan Moody (Leporello) sind herrlich.
Don Giovanni ist die zentrale Figur in der Oper. Gerado Graciacano mimt ihn mit einer gewissen Überheblichkeit und einer Spur Brutalität. Er nimmt sich das, was er kriegen kann, wenn nötig mit Gewalt, auch wenn Menschen (Komtur) dabei zu Tode kommen. Zudem ist er manipulativ (oft auf Kosten von Leporello) und versucht, die Fäden in der Hand zu halten. Das unterscheidet ihn von einem reinen Hedonisten.
Der Höllensturz, das Ende von Don Giovanni, erinnerte ein wenig an den Krimi „Mord im Orient-Express“. Die sechs Verschwörer haben mit Hilfe des toten Komturs die Kraft gefunden, Don Giovanni unschädlich zu machen und nacheinander stoßen sie ihr Messen in den Körper des Verführers.
Auch Dank der gut aufgelegten Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Gabriel Feltz wurde dieser Abend wieder zu einem besonderen Opernabend in Dortmund. Die Idee, das Orchester weiter nach hinten zu versetzen und die Sängerinnen und Sänger näher an das Publikum zu bringen, ist meiner Meinung nach voll aufgegangen. Über den Sinn und Zweck des Laufstegs kann man streiten, ich fand diese Idee nicht überzeugend. Dennoch war die Inszenierung insgesamt ein voller Erfolg.
Die Geschichte in Markus Veiths Kammerspiel für zwei Personen „Die Erste Bahn“ hat schon etwas bizarr-surreales wie aus einem Sciencefiction Film. Ars tremonia war bei der Aufführung im Theater im Depot am 07. März 2015 dabei.
„Ach, und könnte ich doch
Nur ein einziges Mal
Die Uhren rückwärts drehen.“ (Kein Zurück, Wolfsheim)
Es gibt keinen Weg zurück in die Vergangenheit. Normalerweise. Außer im Kosmos des Sciencefiction. Dort kann der „Terminator“ oder Marty McFly in „Zurück in die Zukunft“ die Vergangenheit beeinflussen. Doch leider steht dem das sogenannte „Großvater-Paradoxon“ gegenüber. Wenn man hundert Jahre zurückreisen und dann seinen Großvater töten würde, um seine Existenz auszulöschen, bliebe die Frage, wie kann etwas, dass nie existiert hat, eine Zeitreise machen? Doch das ist die wissenschaftliche Wirklichkeit. Laut Heiner Müller soll ja Kunst (und dazu gehört auch das Theater) die Wirklichkeit unmöglich machen. Betrachten wir diese Geschichte also aus künstlerischer Sicht.
Kai , ein junger Mann sitzt etwa um das Jahr 2002 mit billigem Fusel frustriert auf einer rostigen U-Bahn Bank. Er hat die letzte Fahrt verpasst und muss nun ein paar Stunden an der vermüllten U.Bahn-Station überbrücken. Die erste Bahn fährt erst wieder um 5 Uhr morgens.
Zu ihm gesellt sich eine Frau mit Namen Helen im roten Lackmantel, die sich krampfhaft an ihrer großen Tasche festhält und sich seltsam verhält. Plötzlich zückt sie eine Waffe und erklärt, sie sei seine Tochter und komme aus der Zeit Ende der 30-iger Jahre dieses Jahrtausends und sei seine Tochter. Sie hat den Auftrag, ihn im Dienst der Zeitreisen-Forschung zu eliminieren. Wie das Publikum erfährt, will sie aber vor allem ihre verkorkste Existenz nicht nur beenden,, sondern durch seinen Tod komplett auslöschen. Kai reagiert zunächst mit ungläubiger Ironie. Helen verblüfft ihn jedoch mit genauen Kenntnissen seines nicht geraden Lebenslaufes.
Helen erzählt den erfreuten Kai, dass sein großer Wunsch, einen Bestseller mit dem Roman „Midas“ zunächst in Erfüllung gegangen ist. Dieses Buch voller Gewalt und Obszönität bleibt sein einziger internationaler Erfolg mit traurigen Folgen. Viele junge Menschen haben sich nach dem Lesen dieses Romans die beschrieben Gewaltexzesse als Vorbild genommen, erst danach kam es auf die „schwarze Liste“. Hier begibt sich Autor Markus Veith in eine ziemlich kontroverse Debatte über „fiktionale Gewalt“. Schon zu Beginn ist ein kleiner Ausschnitt aus „Helter Skelter“ von den Beatles zu hören und im Stück sagt Helen dazu, dass dieses Lied Charles Manson zu seinen Morden angestiftet hätte. Schön und gut, würde dies bedeuten, dass auch „Helter Skelter“ auf eine Schwarze Liste gehört? Was wäre dann mit den „heiligen Büchern“, auf die sich so viele Täter bei ihren Morden und anderen Untaten berufen?
Helen spielt eine ähnliche Rolle, die früher in den griechischen Tragödien dem Orakel vorbehalten war. Sie weiß über die Zukunft und informiert den unfreiwilligen Fragesteller. Ob Kai nun mit diesem Wissen, seine und damit Helens Zukunft beeinflusst, bleibt offen. Denn das bleibt die Frage: Ist meine Zukunft determiniert oder kann ich durch meinen freien Willen die Zukunft selber gestalten?
Das Spiel zwischen Sandra Wickenburg als Helen und Lars Lienen als Kai nimmt im Laufe des Abend deutlich an fahrt und Intensität zu. Lienen mimt den locker, oberflächlich coolen und abgeklärten Kai mit Spielwitz, bis zu Ende hin die Fassade bröckelt.
Wickenburg spielt den gebrochenen , sensiblen und am Anfang etwas unsicheren Typ der Helen mit all ihren kleinen Aggressions-Ausbrüchen eindringlich und glaubhaft.
Ein unterhaltsamer zugleich aber auch nachdenklicher Theaterabend.
Am Sonntag, den 29.03.2015 ist um 18 Uhr noch einmal Gelegenheit, sich dieses interessante Schauspiel anzusehen.
Eintauchen in die surreale Traumwelt von Heiner Müller
Mit seinen Traumtexten und seinem Sonett „Traumwald“ hat sich Heiner Müller ins die surreale Welt der Träume begeben. Das war das Thema der dritten Ausgabe der „Heiner Müller Factory“ vom 06. März 2015 im Institut.
Vergangenes Mal war mehr Lametta: In der zweiten Ausgabe im Februar hatte Heinar Müllor (Uwe Schmieder) noch einige Schauspielkollegen und einen opulenten „Chor der gefallenen Engel“ beisammen, am 06. März hingegen war der Chor auf drei Personen geschrumpft und Müllor bis auf einen Gast weitgehend alleine. Die Malerin SuSe Kipp war aber wieder mit von der Partie und malte live zum Programm ein Bild.
Im Mittelpunkt stand neben den Traumtexten das Stück „Herakles 2 oder die Hydra“. Der Text wurde von einem Gast gesprochen, während auf der Leinwand der Traumwald per Video projiziert wurde. In Müllers Text ist Herakles kein Held, der unbesiegbar ist, kein Superman. Im Gegenteil. Spät erkennt er, dass das „Tier“, das er jagt, der Wald ist.
Passend zum Thema Träume war Uwe Schmieder in Schlafrock gekleidet und hatte eine Schlafmütze auf den Kopf. So saß er im Sessel und las den drei Chormitgliedern aus den „Traumtexten“, das Bild hatte etwas idyllisches nach der Art von „Großvater liest seinen Enkeln aus dem Märchenbuch vor“.
Mit einem längeren Auszug aus „Thrakischer Sommer“ wurde der Abend beendet.
Drei Theater erzählen Geschichte der Deindustrialisierung
Vorstellung des Dortmunder Beitrages mit Hilfe von KJT-Leiter Andreas Gruhn (ganz links). Ansonsten sind auf dem Bild zu sehen (v.l.n.r.) Désirée von Delft, Steffen Happel und Götz Vogel von Vogelstein.
Was haben Halle, Berlin und Dortmund gemeinsam? Sie waren große Industriestandorte, wovon heute außer Ruinen kaum noch etwas existiert. Im Berliner Vorort Schöneweide war früher einmal die AEG beheimatet und Elektroartikel in der DDR kamen von dort. In Halle an der Saale standen die Leuna-Werke und in Dortmund-Hörde gab das Stahlwerk vielen Menschen Arbeit. Wie kommen die Jugendlichen von heute zurecht? Welche Sorgen haben sie? Die Jugendtheater der drei Städte arbeiteten beim Projekt „Industriegebietskinder“ zusammen. Am 01. März 2015 gab es im KJT einen Zwischenstandbericht.
Das gemeinsame Projekt „Industriegebietskinder“ ist in drei Phasen geteilt. Im ersten Halbjahr 2014 fand die sogenannte Recherche statt. Abschluss und Höhepunkt der ersten Phase war ein mehrtägiges Camp in Juni 2014 in Berlin.
Im zweiten Halbjahr 2014 stand die Stückentwicklung auf dem Programm. Mit dem Schreiben der Theaterstücke wurden entweder Autoren (Berlin und Dortmund) oder die künstlerische Leiterin (Halle) betraut.
In der dritten Phase werden die Stücke produziert. In einer Vorstellungsreihe in Halle am Gasometer sind alle drei Stücke zu sehen. Am 29. Mai startet Halle mit „Neu statt sterben“, am 30. Mai ist Dortmund an der Reihe mit „Ach je die Welt“ und am 31. Mai zeigt das Theater Strahl aus berlin das Stück „The Working Dead“.
Beim Zwischenstandbericht am 01. März in Dortmund gab es einen kleinen Einblick, wie weit die Stücke schon gediehen sind. Allen drei ist gemeinsam, dass es um die Frage geht: Was entsteht nach dem Industriezeitalter? Für die Jugendlichen sind natürlich zwei Fragen ganz zentral, werde ich Arbeit haben und werde ich geliebt?
Der Autor Jörg Menke-Peitzmeyer, dessen Stücke auch in Dortmund gelaufen sind wie „Miriam, ganz in Schwarz“ präsentiert ein düsteres Stück. Drei Jugendliche gehen des Nachts in eine alte Fabrilhalle und treffen dort auf eine Art Geister. Die untoten Fabrikarbeiter, die ihrer Vergangenheit hinterherjammern? Schaffen es die Jugendlichen, etwas Neues aufzubauen?
Das Kinder- und Jugendtheater Dortmund präsentiert zwei Werke. Zum einen „Ach je die Welt“ von Anne Lepper. Hier suchen Jugendliche nach Orientierung. Gibt es Arbeit? Marc, Tobias und Christopher sind 15 Jahre alt und suchen nach einem Alfried Krupp, der Arbeit haben soll. Doch der ist verschwunden. Marie-Ann, fast 15, sucht das Glück. Die Suche wird in einer Tragödie enden.
Darüber hinaus wird eine 50-minütige Theater-/Textperformance erarbeitet, die den Strukturwandel am Phoenixgelände zum Thema hat. Der Titel „ASCHE unter meinen Docs“. Die Rollen werden Schülerinnen und Schüler der Marie-Reinders Realschule übernehmen.
Das Thalia Theater aus Halle an der Saale beschäftigt sich in ihrem Stück „Neu statt sterben“ mit dem Plattenbau von Halle-Neustadt. In der DDR ein beliebtes Wohnquartier, ist es heute teilweise rückgebaut worden. Im Stück soll eine Frau ein Theaterstück über den Plattenbau schreiben und trifft auf unterschiedlichste Personen. Ja, sogar der Plattenbau tritt als eigenständige Figur auf. Wie soll es mit Halle-Neustadt weitergehen. Mitwirkende sind neben den Schauspielern des Thalia Theaters auch Jugendliche aus Halle.
Bemerkenswert ist, dass in allen drei Stücken ein Chor eine wichtige Rolle einnimmt. In Berlin ist es der Geisterchor der Fabrikarbeiter, in Halle gibt es einen Jungpionierchor und in Dortmund tritt der „Chor der Sechstklässler“ auf.
Jörg Menke-Peitzmeyer erzählte aus seinen Rechercheerlebnissen in Berlin-Oberschöneweide.
Gewalt ist (k)eine Lösung? Die Schülerinnen und Schüler der Marie-Reinders Realschule zeigen einen Ausschnitt aus „ASCHE unter meinen Docs“