Frech und frisch am Bambus

Die Beteiligten in "Pussy Riot"-Pose. (Foto: © Melanie Nagler)
Die Beteiligten in „Pussy Riot“-Pose. (Foto: © Melanie Nagler)

„Ich bin wie ein Teenager. Ich habe ein eigenes System. Und fast niemand außer mir kann es verstehen“ (Locas in Love, Teenager)

Das Dortmunder Kinder- und Jugendtheater präsentierte für das Projekt „Industriegebietskinder“ gleich zwei Projekte. Nach „Ach je die Welt“ von Anne Lepper (wir berichteten) präsentierten Jugendliche der Marie Reinders Realschule das theaterpädagogische Projekt „Asche unter meinen Docs“. Die Themen waren dieselben: Was mache ich nach der Schule und werde ich geliebt? Die Premiere am 15. Mai 2015 besuchte Ars tremonia.

Da die beiden Stücke ähnliche Themen behandeln, wurde das Bühnenbild von „Ach je die Welt“ behalten. So befinden sich die fünf Jugendlichen im „Bambus“, wo früher auf Phoenix-West Stahl gekocht wurde. Hier arbeiteten früher tausende Menschen und heute? So stellten sich die Fünf erst einmal per Video kurz vor und präsentierten ihre beruflichen Träume. Ob sie tatsächlich einen gesicherten Arbeitsplatz finden? Denn schnell ist ihnen klar „Berufsorientierung ist Kacke“, ruft einer.

Was also tun in einer Welt, in der nichts mehr sicher ist? Revolte. Doch der Verstoß gegen die Regeln ist schnell vorbei. Statt dem uralten Sponti-Motto „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, heißt es „Gewalt ist auch keine Lösung“. Statt dessen stehen die Smartphones im Mittelpunkt des Lebens. Auch wenn sie „wie Seile an meinem Körper ziehen“, scheinen sie unentbehrlich. Zumal die Geräte ja auch nützlich sind, vor allem, wenn der Freund um 1 Uhr morgens eine SMS schickt, ob man noch raus kommt.

Doch gegen Ende kommt heraus, was den Jugendlichen letztendlich wirklich wichtig ist : Freundschaft, Vertrauen und Freiheit.

„Asche unter meinen Docs“ ist ein frisches kleines Stück, das die Problematiken der Jugendlichen auf angenehme authentische Art angeht. Es ist nicht verkopft wie „Ach je die Welt“ und bietet einen einfacheren Zugang. Lustiges Beiwerk waren die Allegorien auf den Phoenix-See mit schicken Hut, der eines der typischen Häuser dort präsentierte und auch der Bambus erschien auf der Bühne. Ein kleiner Seitenhieb auf den Film „Ted“ brachte auch einige Lacher.

Ein großes Lob an die fünf Schülerinnen und Schüler: Finn Ole Jaworek, Laura Jacqueline Färber, Lea Haubner, Michelle Burmester. Philip Effenberger. Judith Bruzies spielte den See und Michael Kieser den Bambus.

Begleitet haben das Stück die beiden Theaterpädagogen Melanie Nagler und Manuel Schmitt.




Rhythmus ist ein Tänzer

Das Tanzensemble in Aktion. Es wurde auf Live Musik gespielt! (Foto: © Ralf Maserski)
Das Tanzensemble in Aktion. Es wurde auf Live Musik gespielt! (Foto: © Ralf Maserski)

Tanz ist ein Ritual, etwas Archaisches, kann in eine Kunstform gepresst oder sogar missbraucht werden und ist einfach nur ein Ausdruck von Freude. Nach „Kein Stück über Liebe“ hat sich die Junge Tanztheaterwerkstatt den Tanz als Thema ausgesucht. „Give me a vibe, Mr. King“ nahm die Zuschauer am 09. Mai 2015 im Theater im Depot auf eine rhythmische Reise durch die Geschichte des Tanzes mit. Als besonderer Gast: König Ludwig, der XIV., der Sonnenkönig.

Dass Tanz etwas ursprünglich, archaisches ist, erlebten die Zuschauer gleich zu Beginn. Die 24 Tänzerinnen und Tänzer zeigten am Anfang, wie Rhythmus und Körper zueinander fanden. Die einfachste Form, das Klatschen oder Stampfen auf dem Boden, das rhythmische Atmen, der eigene Körper als Resonanzfläche: Die Zuschauer erlebten, dass Tanz etwas natürliches ist und die motorische Kontrolle über den Körper fördert.

Doch Tanz ist nicht gleich Tanz. Ludwig, der XIV. (1638-1712) war ein Förderer des Tanzes, vor allem des Balletts und des höfischen Tanzes. Tanz wurde aus einem freien Spiel in ein Korsett von Notationen gezwängt. Die Rolle des Königs wechselte in dem Stück und wurde von verschiedenen Akteuren übernommen. Natürlich traf der Sonnenkönig im Laufe des Stückes auch auf einen anderen König: Elvis, der King of Rock’n’Roll.

Doch auch die dunklen Seiten des Rhythmus wurde gezeigt, als die Tänzerinnen und Tänzer zu monoton stampfenden Rhythmen marschierten. Techno und Marschmusik ähneln sich auf verblüffende Weise.

Die Choreografien von Birigt Götz und Alexeider Gonzales wurden von den Tänzerinnen und Tänzern bravorös umgesetzt, oftmals gab es spontanen Applaus aus dem Publikum. Großes Lob gehört auch auch Cordula Hein, die zusammen mit Götz die künstlerische Leitung innehatte.

Wer Lust auf 90 Minuten mitreißender Musik, engagierte Tänzerinnen und Tänzer und schöne Choreografien hat, der sollte im Depot um eine Audienz beim König bitten. Er/Sie wird es nicht bereuen. Absolut empfehlenswert.

Weitere Termine:

22.05.15 um 20 Uhr

23.05.15 um 20 Uhr

27.06.15 um 20 Uhr

alle im Theater im Depot




Chipstütenmassaker als surreales Bildungsstück

Marie-Ann (Désirée von Delft) will unbedingt in den "Club der Söhne" ( Götz Vogel von Vogelstein, Thorsten Schmidt und Steffen Happel). Foto:©Birgit Hupfeld
Marie-Ann (Désirée von Delft) will unbedingt in den „Club der Söhne“ ( Götz Vogel von Vogelstein, Thorsten Schmidt und Steffen Happel). Foto:©Birgit Hupfeld

Eigentlich gibt es ja zwei Dortmunder Beiträge für das Projekt „Industriegebietskinder“ neben „Asche unter meinen Docs“ (wir berichteten) inszenierte KJT-Leiter Andreas Gruhn das Stück „Ach je die Welt“, mit der die Dortmunder am 30. Mai nach Halle fahren. In Dortmund hatte das Stück von Anne Lepper am 08. Mai im KJT Premiere.

Gibt es morgen noch Arbeit? Werde ich geliebt? Habe ich als Frau eine Chance in einer Männerwelt? Allein die Beschäftigung mit einer dieser Fragen hätte für ein Theaterstück locker ausgereicht, aber Lepper hat versucht, alle Themen in diesem Stück zu behandeln. Angesichts der anvisierten Zielgruppe (ab 14 Jahren) kann ich nicht sagen, dass ihr das geglückt ist.

Steffen Happel, Götz Vogel von Vogelstein und Thorsten Schmidt spielen die Jugendlichen Marc, Tobias und Christopher. Christopher ist der „Checker“, der sagt, wo es lang geht und Marc ist eher schwerfällig von Begriff. Zusammen sorgen sie sich, dass es keine Arbeit mehr gibt, wenn sie von der Schule kommen. Früher sorgte „Alfred Krupp und seinesgleichen“ dafür, dass es Arbeit gab. Doch heute? Kompliziert wird das ganze dadurch, dass mit Marie-Ann (Desirée von Delft) ein Mädchen in die Jungenwelt eindringt, dessen Wunsch es ist, „geliebt“ zu werden. Besonders gelungen und ein Highlight war der „Schülerchor der Sechstklässler“: Lucas Franken, Oliver Seifert und Sven Voss gaben im Sumoringer-Look den „Chor der dicken Kinder aus Dortmund“. Wenn sie nicht das Stück kommentieren, dann saßen sie am Rand der Bühne und aßen Chips und tranken Cola.

„Alles Rückwärts ab jetzt“ sagt einer der drei Jugendlichen, in der Hoffnung auf Reindustrialisierung. Leppers „Coming of Age“ Stück (früher sagte man Bildungsroman) wirkt ein wenig aus der Zeit gefallen. Manchmal hat man das Gefühl die Sprache und die Figuren von „Ach je die Welt“ stammen aus dem Zeitalter der Industrialisierung. Bei den Gesprächen zwischen den drei Jungen und Marie-Ann wird man an Wedekinds „Frühlings Erwachen“ erinnert, aber auch sonst benutzt Lepper viele Elemente der Popkultur in ihrem Werk. Mal geschieht das sehr witzig, wenn Marc, Tobias und Christopher als die „Drei ???“ unterwegs sind, manchmal etwas surreal, wenn die drei durch eine Riesenlinse in den „Club der Söhne“ verschwinden.

Ob jemand in Deutschland Arbeit findet und ob er in den „Club der Söhne“ gelangt, hängt in Deutschland ganz besonders von der sozialen Herkunft ab. Diese Chancenungleichheit per Geburt wäre ein schönes Thema gewesen, denn nicht jeder Jugendliche kommt automatisch in den „Club der Söhne“ wie bei Lepper, sondern höchstwahrscheinlich in die Unterstadt, wo die Arbeitermassen ihr tristes Dasein fristen müssen, um im Bild von „Metropolis“ zu bleiben.

So bleibt ein Stück, das versucht den Geist des Industriezeitalters wieder zum Leben zu erwecken, aber vergeblich. Das lag nicht an den Schauspielern. Von Delft spielte eine „Pretty in Pink“ Marie-Ann, die an der Liebe und der Tatsache, dass sie ein Mädchen ist, verzweifelt. Happel, Vogel von Vogelstein und Schmidt als Gruppe von drei Freunden, die lernen müssen, mit den Dingen, die auf sie einstürzen (u.a. auch Homosexualität) umzugehen.

Das Bühnenbild zeigt das ehemalige Klärbecken von Phoenix-West, das mit Bambus überwuchert ist und heute ein inoffizieller Treffpunkt von Jugendlichen ist. Während er „Rebellionsphase“ wird der Treffpunkt von den drei Protagonisten gestürmt und der Chipsvorrat des Schülerchores kommen unter den Baseballschläger.

Je mehr popkulturelle Zusammenhänge der Zuschauer begreift, desto eher erschließt sich ihm „Ach je die Welt“, unvorbereitet wird es mühsam. Die Leistung der Schauspieler ist in Ordnung, sehr berührend war die Selbstmordszene von Marie-Ann zu „Asleep“ von The Smiths.

Es gibt noch Termine am: So, 10. Mai 2015, Mo, 11. Mai 2015, Mi, 13. Mai 2015, So, 17. Mai 2015, Di, 19. Mai 2015, Do, 18. Juni 2015, Fr, 19. Juni 2015, Sa, 20. Juni 2015, So, 21. Juni 2015, Do, 25. Juni 2015 und Fr, 26. Juni 2015.

Weitere Informationen unter http://www.theaterdo.de oder 0231 5027222.




Freiraum in der Industriebrache

Glücklich über die Spende des Vereins "Bürger für ihr Schauspiel": (v.l.n.r.)  stellv. Vorsitzende Annegret Niedermeier, Vorsitzender Heinz Dingerdissen, die Schüler Laura Färber und Philip Effenberger, Leiter des KJT Andreas Gruhn. Im Hintergrund noch die Regisseure Melanie Nagler und Manuel Schmitt
Glücklich über die Spende des Vereins „Bürger für ihr Schauspiel“: (v.l.n.r.) stellv. Vorsitzende Annegret Niedermeier, Vorsitzender Heinz Dingerdissen, die Schüler Laura Färber und Philip Effenberger, Leiter des KJT Andreas Gruhn. Im Hintergrund noch die Regisseure Melanie Nagler und Manuel Schmitt

Die Dortmunder Premiere des theaterpädagogischen Projekts „Asche unter meinen Docs“ ist am 15. Mai 2015 im KJT. Regie und Choreografie Manuel Schmitt, Regie und Textentwicklung Melanie Nagler. Die Inszenierung ist eine 50-minütige Theater-/Textperformance zum Strukturwandel am Phönixgelände Dortmund.

Die beteiligten Jugendlichen haben während der Produktion des Stückes viel gelernt: Sie haben Freundschaften geschlossen, Selbstvertrauen entwickelt, freies Sprechen auf der Bühne trainiert und sich selbst und die Mitspieler sehr genau kennen gelernt. In den letzten Monaten ist das Vertrauen in sich und die Anderen gewachsen.

Auf dem Hörder Phönixgelände treffen sich die Jugendlichen in einem Klärbecken das mit Bambus überwuchert ist. Dies ist ihr Ort, den sie selbst gewählt haben, der ihren Freiraum darstellt. Dieser Ort spielt auch im Stück eine große Rolle. Er steht im Kontrast zu dem durchstrukturierten Stadtumfeld, das kaum Möglichkeiten zur Entwicklung bietet. Von zwanzig Jugendlichen zu Beginn sind fünf bis zum Ende dabei geblieben.

Besucher des Stückes „Ach je die Welt“ werden ein De-ja-vu-Erlebnis haben: Denn das Bühnenbild ist das gleiche.

Zum Projekt Industriegebietskinder: Jugendliche aus Halle an der Saale (Thalia Theater), Berlin (Theater Strahl) und Dortmund (KJT, Marie-Reinders-Realschule und Fachhochschule Dortmund) setzten sich mit dem Wandel ehemals eindeutiger Industriestandorte in neue Lebenswelten auseinander. Die Produktion ist Bestandteil des überregionalen Projekts, für das der Förderverein „Dortmunder für ihr Schauspiel“ 4000 Euro gespendet hat.

Jede Gruppe entwickelte anhand eines vorab ausgearbeiteten Fragenkatalogs je ein Theaterstück für eine Aufführung. Mit Unterstützung von Theaterpädagogen, Künstlern und Sozialarbeitern entwickelten die Jugendlichen Themenwelten zu Fragen die mit dem Strukturwandel aufgekommen sind. Ehemals hochproduktive Betriebe verschwanden und hinterließen große Brachen, Arbeitslose die heute Rentner sind. Wie empfinden die Jugendlichen diesen Wandel, wie finden sie ihren Platz in der heutigen Welt? Können sie mit den Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern etwas abfangen? Beeinflusst dies ihre heutiges Leben? Wie finden sie ihren Platz? Welche Träume, Hoffnungen und Frustrationen sind mit diesen Orten verbunden?

Ende Mai treffen sich alle in Halle zu einem Minifestival, bei dem alle Stücke aufgeführt werden sollen.




Intensives Kammerspiel

Der Ort war wie für „Sechs Gramm Caratillo“ gemacht. Der kleine, enge Keller des „Sissikingkong“ im Dortmunder Norden verströmte ein Gefühl des Eingesperrtseins. Hinzu kam das intensive Spiel von Nora Bauckhorn, die aus dem Hörspiel von Horst Bienek ein fesselndes Theaterstück machte. Schließlich hatte Bauckhorn auch ein großes Vorbild: „Sechs Gramm Caratillo“ wurde ursprünglich 1960 von keinem geringeren als Klaus Kinski gesprochen. Ein Premierenbericht vom 08. Mai 2015.

Die Idee „Sechs Gramm Caratillo“ auf die Bühne zu bringen, hatte Nora Bauckhorn schon lange. Zusammen mit dem Regisseur Jens Dornheim wurde das Stück die zehnte Produktion der Theatergruppe glassbooth realisiert (wir berichteten). Aufgepeppt mit einigen Multimediaelementen wie Film und Projektion – „Projektionen sind ja jetzt in“, machte sich die Hauptfigur zu Beginn über den neuesten Theatertrend lustig – verwandelte sich der Keller in einen Performanceraum.

Die Geschichte ist im Grunde die gleiche geblieben: Die namenlose Hauptfigur nimmt zu Beginn ihrer „Performance“ eine tödliche Dosis Gift und erlebt/erleidet mit den Zuschauern ihre letzte Stunde bis zum bitteren Ende. Dabei berichtet sie aus einigen Phasen aus ihrem Leben, die ihr Handeln erklären.

Handelte das Stück in der Originalfassung von einem medizinischen Experiment, so ging es diesmal um eine künstlerische Performance. Die Hauptdarstellerin ist Künstlerin und Schauspielerin, aber es scheint, als ob sie aus dem Leben gefallen ist. „Bin ich denn wirklich so anders“, fragt sie zu Beginn. Mit diesem Anders-sein hat sie ihr ganzes Leben zu kämpfen. Es scheint, dass sie an einem Vaterkomplex leidet: Ihre Träume von ihrem Vater, die Liebe zum Vater ihres Freundes, das alles quält sie. Bis sie sich letztlich zur tödlichen Performance entscheidet. Wie sich zeigt, eine Kurzschlussreaktion. Denn am Ende bekennt sie: „Die Träume sollten doch nur sterben“. Doch die Erkenntnis kommt zu spät.

Bauckhorn und Dornheim haben es geschafft, dieses Hörspiel auf die Theaterbühne zu bekommen. Neben der Protagonistin konnten die Zuschauer auf der Leinwand kurze Filmsequenzen sehen, die von Sascha Bisley und Thaisen Stärke gedreht wurden. Dabei spielten Tobias Schulz den Freund und Robert Adamek den Vater des Freundes. Während der Aufführung filmte Timo Knop das Geschehen. Ein ganz besonderes Gimmick waren die Einspielungen des Originalhörspiels, deren Stimme allen bekannt vor kam, doch es war in Wirklichkeit Jörg Schulze-Neuhoff, der den Kinski mit verblüffender Exaktheit sprach. Gelungen war auch die Auswahl der Musik und Geräusche im Hintergrund. So verbreitete zum Beispiel eine auf der Leinwand projizierte Uhr eine beängstigende Stimmung. Auch die „Störungen“ wurden modernisiert: Klingelte bei Kinski noch das Telefon im abgeschlossenen Raum, musste die Protagonistin in der heutigen Zeit Handy- und Smartphonebesitzer mit Waffengewalt drohen.

„Sechs Gramm Caratillo“ ist kein Stück für große Bühnen. Es kann seine besondere Faszination nur dann richtig zur Geltung bringen, wenn die Zuschauer eng beieinander sitzen und die Wände bedrohlich nahe sind. Ein ideales Stück für kleine Theater. Ansonsten lebt das Stück von seiner großartigen Darstellerin Nora Bauckhorn, die die Zuschauer auf einem emotionalen Parforceritt nimmt. Unbedingt ansehen!




Zukunftsängste und Liebessehnsucht

Steffen Happel Désirée von Delft Thorsten Schmidt Götz Vogel von Vogelstein
Steffen Happel
Désirée von Delft
Thorsten Schmidt
Götz Vogel von Vogelstein

Mit der Uraufführung von „Ach je die Welt“ am 08. Mai 2015 um 19 Uhr präsentiert das Kinder- und Jugendtheater eines ihrer Beitrag zum Projekt „Industriegebietskinder“. Beim Stück, das Anne Lepper extra für das KJT geschrieben hat, dreht sich alles um zwei Fragen: Werde ich Arbeit haben? Werde ich geliebt?

Kohle ist weg. Bier ist auch nicht mehr der große Arbeitgeber und beim Stahl sieht es ähnlich aus: Arbeitssuchende können schon lange nicht mehr bei Karl Hoesch Arbeit finden. Was passiert also, wenn man die Schule verlässt? Gibt es überhaupt noch Arbeit? Wie finde ich mich in diesem Meer von Möglichkeiten zurecht?

Anne Leppers Stück dreht sich um die drei Jugendlichen Christopher, Tobias und Marc, die Angst haben, zu versagen. Zudem werden sie von der Gesellschaft geprägt: Was musst du haben, um dabei zu sein? Wie musst du aussehen, um Erfolg zu haben? Diese Konditionierung durch die Medien und das Umfeld haben ihre Spuren hinterlassen. Ebenso geht es Marie-Ann, der einzigen weiblichen Rolle im Stück. Sie sehnt sich nach Liebe und bietet den Jungen, als sie 15 Jahre alt wird, ihren Körper an.

Wo sind die Utopien geblieben, fragt das Stück. Stagnation, Ratlosigkeit allerorten. Symbolisiert wird dies durch den „Chor der Sechstklässler“, die quasi eine Kommentarfunktion innehaben.

Auf der Bühne wird der Bambus sehr präsent sein, als Symbol für den gleichnamigen Ort auf dem Phoenix-West-Gelände, der gleichzeitig auch ein Jugendtreff ist.

„Ach je die Welt“ wird viele Bezüge zur Popkultur und Filmgeschichte aufweisen wie beispielsweise „Vertigo“ oder „Metropolis“. Die Musik von Oliver Kostecka unterstützt die Szenerie.

Das Projekt „Industriegebietskinder“ ist ein gemeinsamen Projekt des KJT Dortmund, des Thalia Theaters Halle und des Theaters Strahl in Berlin. Dortmund wird neben „Ach je die Welt“ noch das Stück „Asche unter meinen Docs“, das mit Jugendlichen der Marie-Reinders-Realschule entstanden ist, präsentieren. Am 30. Mai werden in Halle an der Saale alle Stücke präsentiert.

Während die Premiere am 08. Mai bereits ausverkauft ist, gibt es noch Termine am: So, 10. Mai 2015, Mo, 11. Mai 2015, Mi, 13. Mai 2015, So, 17. Mai 2015, Di, 19. Mai 2015, Do, 18. Juni 2015, Fr, 19. Juni 2015, Sa, 20. Juni 2015, So, 21. Juni 2015, Do, 25. Juni 2015 und Fr, 26. Juni 2015.

Weitere Informationen unter http://www.theaterdo.de oder 0231 5027222.




Elbe, Flut und Jugendwerkhof

Das Tanztheater „Ossimisten Wessimisten“, das am 02. und 03. Mai im Theater im Depot zu Gast war, erzählte die Geschichte von Torgau. Im ersten Teil stand die Flut im Mittelpunkt, der zweite Teil spülte einen dunklen Punkt in der Stadtgeschichte nach oben: Der geschlossene Jugendwerkhof, in dem im Laufe der Jahre über 4.000 Jugendliche viele Misshandlungen über sich ergehen lassen mussten.

Das Stück „Ossimisten Wessimisten“ ist eine Koproduktion der Kölner Tanzgruppe bodytalk mit den Landesbühnen Sachen. Die Choreografie stammt von Yoshiko Waki, Autor Rolf Baumgart sowie Sänger und Liedermacher Stephan Krawczyk waren für Texte und Lieder zuständig.

Elbe und Hochwasser? Klar, das zwei Dinge auf der Bühne nicht fehlen durften: Wasser und Sandsäcke. Durch den übermäßigen Gebrauch von Mineralwasser erzeugten die Tänzerinnen und Tänzer einen glitschigen Film, auf dem sie ausgelassen herumtobten. Später wurden auch einige Zuschauer überredet, um als Helfer Sandsäcke hin und her zu bewegen. Sehr positiv: In „Ossimisten Wessimisten“ ging es nicht um den Gegensatz zwischen „Wessis“ und „Ossis“, im ersten Teil wurde die verbindende Kraft des gemeinsamen Helfens deutlich vor Augen geführt.

Im Prinzip war das Stück eine Art gesungene und getanzte Stadtgeschichte. Im ersten Teil feucht und fröhlich, nach der Pause ernst und bedrückend. Denn dann wurde die Geschichte des geschlossenen Jugendwerkhofes erzählt. Die dargestellten Szenen von Demütigungen, sexuellen Übergriffen und Gewalt waren sehr klar und machten deutlich, welche Qualen die echten Opfer zu durchleiden hatten. Krawczyk bat mit Melanie Eggert eine Zeitzeugin auf die Bühne, die von ihren eigenen Erfahrungen im Jugendwerkhof berichtete. Eggerts Bericht war sehr emotional, wirkte aber ein wenig wie ein Fremdkörper, denn er hatte den Nachteil, dass der Fluss des Stückes unterbrochen wurde. Kurz danach ging es weiter und das Thema Jugendwerkhof verschwand wieder wie ein kurzer Regenschauer an einem Sommertag.

Insgesamt bot der Abend mit „Ossimisten Wessimisten“ hohe tänzerische Qualität, ein kleines Privatkonzert von Krawczyk in der Pause, rockige Musik, die live gespielt wurde, und einen Einblick in ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte.




Erfolgsballett wieder in Dortmund

Farbenfrohe Choreografien gab es zu bewundern.(Foto: ©Bettina Stöß / Stage Picture)
Farbenfrohe Choreografien gab es zu bewundern.(Foto: ©Bettina Stöß / Stage Picture)

Noch farbiger – noch bildgewaltiger: Die Wiederaufnahme von Xin Peng Wangs Ballett „Der Traum der roten Kammer“ in der Hongkong-Fassung sorgt erneut für einen vollen Opernsaal. Die Version, die in Hongkong für einen politischen Skandal gesorgt hat, wird am 01. Mai 2015 vom Publikum gefeiert.

Die getanzte Geschichte hatte sich nicht viel verändert: Aus dem riesigen Roman „Der Traum der roten Kammer“ von Hóng Lóu Mèng nahm Ballettdirektor Xin Peng Wang einen kleinen Teil heraus: Er konzentrierte sich auf die Geschichte um Pao Yü, der seine verarmte Cousine Lin Dai Yü liebt, aber die reiche Cousine Pao Tschai heiraten muss. Pao Yü verzweifelt so sehr, dass er als stummer Begleiter die Geschichte Chinas bis zu Jetztzeit miterlebt.

Die eigentliche Premiere fand am 11. November 2012 statt. In der ersten Wiederaufnahme gab es ein paar personelle Veränderung. Zwar wurde Pao Yü an diesem Abend erneut von Mark Radjapov getanzt, aber seine Geliebte Lin Dai Yü nicht mehr von Monica Fotescu Uta, sondern von Barbara Melo Freire. Auch der Stein hatte einen anderen Tänzer. Francesco Nigro ersetzte Sergio Carecci.

Es gab einige kleine Änderungen. Bei der Premiere 2012 wurden Pao Yü beide Cousinen verschleiert präsentiert, er wählt aber die falsche. 2015 wurde Lin Dai Yü schon vorher von der Familie „aussortiert“.

Beim Marsch durch die chinesische Gesichtete wurde in der Hongkonger Fassung stärker auf die Kulturrevolution eingegangen. Bilder wurden zerstört, Buddhastatuen mit dem Vorschlaghammer zertrümmert (ein Bild, das einen sofort an die IS denken lässt) und Bücher gingen in Flammen auf. Das gefiel den kommunistischen Funktionären in Hongkong gar nicht und sie verlangten die Absetzung des Stückes. Doch der mediale Druck sorgte dafür, dass ab der dritten Vorstellung wieder die originalfassung gespielt werden konnte.

Wer den „Traum der roten Kammer“ noch nicht gesehen haben sollte, der sollte es jetzt nachholen. Erstklassige Tänzer, beeindruckende Choreografien, opulentes Bühnenbild und großartige Musik von Michael Nyman, live gespielt von den Dortmunder Philharmonikern.

Weitere Termine: Sa, 09. Mai 2015, Sa, 23. Mai 2015, Sa, 30. Mai 2015, So, 07. Juni 2015 und Sa, 27. Juni 2015.




Höhepunkt des Kunstliedes

Wenn es so etwas wie ein Destillat der Romantik gäbe, dann wäre es wohl zusammen mit der „Winterreise“ der Liedzyklus „Die schöne Müllerin“, beide von Franz Schubert. Romantische Gedichte kombiniert mit romantischer Musik machten aus der „Müllerin“ einen Evergreen des Kunstliedes und viele Interpreten haben es gesungen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau. Bei der letzten Liedmatinee in der aktuellen Spielzeit am 26. April 2015 sang Bariton Gerardo Garciacano die „Müllerin“ unterstützt von Sonja Lohmiller am Klavier.

Die 20 vertonten Lieder des Dichters Wilhelm Müller erzählen die Geschichte eines wandernden Müllergesellen („Das Wandern ist des Müllers Lust“), der sich in die Müllerstochter seines neuen Arbeitgebers verliebt („Der Neugierige“). Zunächst macht sie ihm anscheinend Hoffnungen („Mein!“), aber dann verliebt sie sich in den Jäger („Der Jäger“), was den Zorn des jungen Mannes erregt („Eifersucht und Stolz“). Letztlich begeht der arme Müllergeselle Selbstmord („Der Müller und der Bach“) und ertränkt sich. Das letzte Lied „Des Baches Wiegenlied“ singt der Bach, der in dem Zyklus eine übernatürliche Rolle spielt, denn er führt den Gesellen zunächst zu seinem vermeintlichen Glück, das sich aber als Unglück entpuppt.

Garciacano, der in den Da Ponte-Opern von Mozart mitspielte, aktuell singt er den „Don Giovanni“, zog die Zuhörer mit seiner Stimme in die Lieder hinein und vermittelte eindrucksvoll die Stimmungen des Müllergesellen. Von zarter Liebe über wütende Eifersucht beim Lied „Der Jäger“ bis hin zu Trauer und Verzweifelung – Garciacano konnte alle Register ziehen. Dabei wurde er von Sonja Lohmiller auch kompetent begleitet.

Einen kleinen Bonus gab es auch: Georg Holzer, Chefdramaturg der Oper, las vier der fünf nichtvertonten Gedichte von Müller.




Am Volkswillen zerbrochen

Wenn Saul (Christian Sist) wütend wird, muss David (Ileana Mateescu) Angst haben. (Foto: © Björn Hickmann / Stage Picture GmbH)
Wenn Saul (Christian Sist) wütend wird, muss David (Ileana Mateescu) Angst haben. (Foto: © Björn Hickmann / Stage Picture GmbH)

Nach „Elias“ (Mendelssohn-Bartholdy) und die „Schöpfung“ (Haydn) konnte das Publikum in der Oper Dortmund am 25.04.2015 mit der Premiere von „Saul“ (Georg Friedrich Händel) zum dritten Mal ein szenisches Oratorium erleben. Die Koproduktion mit dem Staatstheater Kassel wurde unter der Regie von der Regisseurin Katharina Thoma, den Opern-Fans durch schon sieben Produktionen auch als Spezialistin für barocke Stoffe, wie zum Beispiel „Eliogabalo“ (Cavalli) bekannt, für die Dortmunder Bühne bearbeitet.

Das Libretto von „Saul“ Charles Jennens hat als biblische Grundlage das Buch Samuel.

Unter der punktgenauen und lockeren musikalischen Leitung des 1. Kapellmeisters Motonori Kobayashi spielte ein kleines Ensemble der Dortmunder Philharmoniker: Cembalo/Orgel: Wallewei Witten, Luca Di Marchi und an der Theorbe Andreas Nachtsheim.

Thoma legte bei ihrer Inszenierung ein besonderes Augenmerk auf die Wirkung der „Volksmasse“ auf das Individuum und auf dessen Umgebung. Das gibt dem Opernchor des Theaters Dortmund unter der Leitung des „reaktivierten“ Granville Walker eine große Bedeutung und Chance, sein Können zu zeigen und einmal im Vordergrund zu stehen.

Das Bühnenbild von Sibylle Pfeiffer war minimalistisch aber praktisch gestaltet. Ein großes transparentes Plateau auf der Bühne und ein Zweites von der Decke hängend, dienten als Tempel oder Königshof. Das Deckenplateau war multifunktional verwendbar und diente als Symbol für eine höhere Macht.

Das Libretto orientiert sich überwiegend an die biblische Geschichte. Saul wird per Los zum König der Stämme Israels gewählt. Doch mit der Bürde kommt er schlecht zurecht. Schon gar nicht, als ein junger Kriegsheld, namens David, ihm die Sympathie des Volkes streitig macht. Saul verheiratet David zwar mit seiner Tochter Michal, nachdem ihm die ältere Tochter Merab abgelehnt hatte, aber plant nichtsdestotrotz Davids Tod. Saul fühlt sich von Allen verlassen und sucht in seiner Verzweiflung Rat bei den Mächten der Unterwelt. Der Geist Samuels erklärt, das Saul wegen der nicht Befolgung eines Gottesbefehls seine Herrschaft an David abtreten muss und mit seinem Sohn Jonathan auf dem Schlachtfeld ums Leben kommen wird.

Thoma legt in ihrer Inszenierung einen deutlichen Fokus auf die Psychologie der Protagonisten. Saul treibt die gefühlte Ablehnung des Volkes in eine Art bipolarer Störung. Erst sehr freundlich, dann einen Tag später zum Mord gegen David entschlossen. Saul Wahnsinn führt letztendlich zu seinen eigenen Tod. Interessant ist auch die Beziehung zwischen David und Jonathan, Sauls Sohn. Wenn beide sich treffen, ist eine deutliche homoerotische Beziehung erkennbar, die durch Jonathans Tod abrupt beendet wird. Auch Davids Trauer um Jonathan spricht Bände: „Great was the pleasure I enjoy’d in thee, And more than woman’s love thy wondrous love to me!“(Groß war die Wonne, die mir ward von dir, und mehr als Frauenlieb‘ war deine Liebe mir!)“.

Christian Sist, mit seiner überragenden Körpergröße und Stimme eine passende Besetzung für Saul,

Er zeigt die wachsende Verzweiflung, Neid und Eifersucht auf den neuen Günstling des Volkes überzeugend. Mit ihrem klaren Mezzosopran und viel Empathie spielte und sang Ileana Mateescu, schon fast spezialisiert auf „Hosenrollen“, zuletzt im „Rosenkavalier (Richard Strauss), den David.

Tamara Weimerich als zunächst hochmütige Merab, gelang auch spielerisch den Haltungswechsel gegenüber David überzeugend darzustellen. Als kongenialer Gegenpart spielte Julia Amos die sanfte Michal, der oberflächlicher Standesdünkel fremd ist.

Eine besondere Herausforderung gab es für Lucian Krasznec als Jonathan. Neben dem Vater-Sohn Konflikt gab es noch die besondere Freundschaft zu David. Die Darstellung der unterschwelligen homoerotischen Tendenz der Beziehung von David und Jonathan, wurde mit Feingefühl gemeistert.

Als vielseitiger Mann für skurrile Rolle zeigte sich wieder einmal Kammersänger Hannes Brock. Neben den Hohepriester fungierte er als Abner und als Hexe von Endor aus der Unterwelt.

Den kürzesten Auftritt hatte Min Lee. Als ein Amalekiter, der die traurige Botschaft vom Tod Sauls und Jonathans überbringt, wird er bald von David ermordet.

In der Rolle des Doeg sowie als eindrucksvolle Projektion und Stimme von Samuels Geist war Morgan Moody zu erleben.

Besonders bewegend war der Chor. Er symbolisierte die Volksmasse. Die Masse, die sich leicht formen lässt und (blind) dem nächsten „Superstar“ folgt. Frei nach dem Motto: Vox populi, vox dei – Die Stimme des Volkes ist die Stimme Gottes. Thoma schuf mit dem Chor wunderbare Bilder, beispielsweise als sie David mit ihren Händen vor der Wut und dem Zorn Sauls schützten.

Ein großes Kompliment geht auch an die Kostümabteilung unter Irina Bartels. Sie zeigte verschiedenste epochenübergreifende Kostüme. Ob bunt barock-höfisch, einheitliches schwarz des Chores, mal ohne oder mal mit Verschleierung, oder zeitgenössische Bekleidung der Sängerinnen und Sänger. Das unterstreicht die Zeitlosigkeit des Themas. Es gibt genug Beispiele in der Gegenwart, wie schnell sich die Gunst der Bevölkerung zum Beispiel bei Politikern wenden kann.

Ein eindrucksvolles Zeichen, als am Ende bei der Ernennung Davids zum König bei der Übergabe eines Schwertes Blut am Hemd von David zu sehen ist. Symbolhaft für das Blut der Opfer der kommenden Kriege.

Ein gelungener Abend, der mit viel Beifall honoriert wurde. Die Entscheidung von Jens-Daniel Herzog, in Dortmund Oratorien auch szenisch aufzuführen, zahlt sich aus. Händels Musik passte ideal zu einer „Veroperung“, denn Händel verknüpfte in „Saul“ große Chormusik mit Arien, die mehr in Richtung der italienischen „Opera seria“ gingen. Nicht nur für Barockfreunde empfehlenswert.

Weitere Termine: Fr, 08. Mai 2015, So, 17. Mai 2015, So, 24. Mai 2015, Do, 18. Juni 2015, Sa, 20. Juni 2015 und Fr, 26. Juni 2015.