Zweifeln erlaubt

Laura und ihre Onkel beim Üben der Kommunionsfeier. (v.l.n.r.) Talisa Lara, Andreas Ksienzyk, Thorsten Strunk und Rainer Kleinespel. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Laura und ihre Onkel beim Üben der Kommunionsfeier. (v.l.n.r.) Talisa Lara, Andreas Ksienzyk, Thorsten Strunk und Rainer Kleinespel. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Knapp 200.000 katholische Kinder gehen alljährlich zur Kommunion. Trotz Rückgänge ist die Zahl immer noch imposant. Um so erstaunlicher ist es, dass es bis jetzt kein Theaterstück darüber gibt. Welche Fragen haben die Kinder? Geht es eigentlich nur noch um die Geschenke? Jörg Menke-Peitzmeyer schrieb das Stück „Kommunionkinder“ im Rahmen des Projektes „Nah dran! Neue Stücke für das Kindertheater“. Eins vorweg: Das Stück soll auch für Eltern und Kinder von Protestanten, Muslimen oder Konfessionsfreien geeignet sein. Premiere ist am 25. September 2105 um 19 Uhr im KJT.

Das Stück handelt von der 10-jährigen Laura, die sich auf das kommende Kommunionsfest freut und auch auf ihr Geschenk, ein Handy. Laura hat drei Onkel mit denen sie die Kommunion übt. Dabei sind die Onkel in ihrer Art völlig unterschiedlich. Einer ist Priester, ein anderer wieder skeptisch und sieht die Kirche durchaus kritisch. Der dritte Onkel ist harmoniebedürftig und versucht zwischen den beiden Polen zu vermitteln.

Der Sinn und Zweck des Kommunionsfestes wird in diesem Stück nicht in Frage gestellt, doch Laura (und somit alle anderen Kinder) soll, so Regisseurin Antje Siebers, in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden, vielleicht auch mal an Gott zu zweifeln oder ihn in Frage zu stellen. Auf welche Antwort sie kommen, sollen sie selbst herausfinden. So könnte die Kommunion auch als Abschied vom Kinderglauben zu verstehen sein.

Wie es zu einem kirchlichen Fest gehört, wird viel gesungen. Die Onkel stimmen häufig ein Kirchenlied an. Die Musik kommt aber vom Band. Dazu gibt es ein Bibelquiz mit einem Publikumsjoker. Die Käbbeleien zwischen den Onkeln sind ein großer Spaß nicht nur für Laura, sondern auch für alle Kinder, egal welcher Konfession.

Für die Premiere gibt es noch Restkarten. Weitere Vorstellungen gibt es am 18.10.15 (16 Uhr) und am 08.11.15 (16 Uhr). Für Schulklassen bieten sich die Aufführungen am 21.10.15, 04.11.15 und 05.11.15 jeweils um 11 Uhr an.




Requiem für Frida Kahlo

Am 20. September 2015 um 18 Uhr präsentiert das Roto Theater in der Gneisenaustraße 30 eine neue Premiere: „Frida Kahlo – ein Requiem für eine Malerin“. In dem literarischen Stück präsentiert Barbara Kleyboldt die mexikanische Malerin unter den Schwerpunkten „Liebe“ und „Tod“. Musikalisch begleitet wird sie dabei vom Saxophonisten Roger Hanschel. Regie führt Rüdiger Trappmann.

Frida Kahlo (1907-1954) ist mit Abstand die bekannteste Malerin Mexikos. Ihr Schicksal, ihre Liebesbeziehungen und natürlich ihre Kunst lieferte den Stoff für Filme, Opern und Theaterstücken. Ihre Bilder, die zwischen volkstümlichen Surrealismus, magischen Realismus und Neue Sachlichkeit einzuordnen sind, zeigen Kahlos Sichtweise auf das Leben in farbenfrohen Gemälden.

So bunt wie ihre Bilder war ihr Leben oft nicht. Kahlo litt zeitlebens unter starken Schmerzen, sie erkrankte mit sechs Jahren an Kinderlähmung und hatte in jungen Jahren einen schweren Busunfall, worauf rund 40 Operationen folgten. Ihre lange Leidenszeit überlebte sie durch das Malen.

Sie war (zweimal) mit dem mexikanischen Maler Diego Rivera verheiratet, der sie mit anderen Frauen betrog. Aber auch Frida war kein Kind von Traurigkeit, einer ihrer berühmtesten geliebten war der Revolutionär Trotzki, der vor Stalins Rache nach Mexiko geflohen war.

Frida Kahlo war durch ihre Krankengeschichte zeitlebens mit dem Tod verbunden. Besonders faszinierte sie anscheinend der mexikanische Feiertag „Día de los Muertos“ (Tag der Toten) am 02. November. An dem Tag wird auf dem Friedhof ein Feiertag zelebriert, dabei wird auch die Leibspeise der Verstorbenen zubereitet. Kahlo hatte in ihrem Tagebuch eine Kochrezepte für diese Opferspeisen gesammelt.

Wer einen kunsthistorischen oder mexikanisch-folkloristischen Abend mit Mariachi und Sombrero erwartet, wird enttäuscht sein, denn die Musik, die Hanschel spielt, ist eher moderne, symphonische Jazz-Musik. Das Sopran-Saxophon unterstützt die Texte, die Kleyboldt liest, tritt aber auch ab und an in Dialog.

Die Basis der Texte stammt aus dem Roman „Das geheime Buch der Frieda Kahlo“ des mexikanischen Autors Francisco Haghenbeck.

Die Premiere am 20. September 2015 ist bereits ausverkauft, für die Vorstellungen am 23. Oktober (19.30 Uhr) und am 13. Dezember (18 Uhr) gibt es noch Restkarten.




Afrikanische Tanzkunst eroberte Ballettgala

Die Tänzerinnen udn Tänzer der Compagnie Moving Into Dance Mophatong zeigten irh Können. (Foto: © Ed Blignaut)
Die Tänzerinnen udn Tänzer der Compagnie Moving Into Dance Mophatong zeigten irh Können. (Foto: © Ed Blignaut)

Die 22. Ausgabe der Dortmunder Ballettgala vereinigte wieder klassisches und zeitgenössisches Ballett. Ein besonderes Highlight der Galas sind die Gäste. Neben Wiederholungstätern wie Steven McRae oder Marlon Dino gaben Vittoria Valerio und Claudio Coviello ihr Ballettgala-Debut. Doch einen großen Eindruck auf das Publikum machte eine Compagnie aus Afrika, die Compagnie Moving Into Dance Mophatong. Ein Bericht vom 13. September 2015.

Es war ein deutlicher Kontrast: Die Balkonszene aus „Romeo & Julia“ klassisch getanzt nach der Musik von Sergej Prokofiev und die Ausschnitte aus „Romeo & Juliet“ mit starken afrikanischen Einflüssen. Die Tänzerinnen und Tänzer der Compagnie Moving Into Dance Mophatong zegiten das Leben und die Gewalt in Afrika in kräftigen und eindrucksvollen Bildern.

Sehr stark war auch Joseph Gatti, der mit seiner Hommage an den Tanzstil von Michael Jackson das Publikum begeisterte. Doch der Star des Abends war ohne Zweifel Steve McRae. Sein Pas de deux aus „Don Quichotte“ mit Iana Salenko war schon eine Klasse für sich, doch sein Solo als Steptänzer brachte das Opernhaus aus dem Häuschen.

Xin Peng Wang hat es erneut geschafft, ein abwechslungsreiches Programm auf die Opernbühen zu stellen. Ernste Stücke wie der „Sterbende Schwan“ mit Polina Semionova waren ebenso vertreten wie humorige Choreografien wie „Cacti“, getanzt von Denise Chiarioni und Guiseppa Ragona.

Alles in allem war es ein gelungener Abend mit gut aufgelegten Solisten und Compagnien. Natürlich durfte auch der Conferencier, Kammersänger Hannes Brock, nicht fehlen.




Von der Kunst zuzuhören

Yasemin Cetinkaya (Hamide) und Thorsten Schmidt (Anton) haben sich was zu erzählen. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Yasemin Cetinkaya (Hamide) und Thorsten Schmidt (Anton) haben sich was zu erzählen. (Foto: © Birgit Hupfeld)

„Gespenstermädchen“ ist kein Gruselstück, obwohl es um ein Mädchen geht, das kurz auftaucht und wieder verschwindet. Es geht vielmehr um die Kunst, jemanden zuzuhören. Das Stück ist ein Klassenzimmerstück und kann für Schulklassen gebucht werden. Daher ist die Premiere am 18.09.2015 auch im Robert-Schumann-Berufskolleg. 2012 gewann das Stück den Jurypreis des 3. dm-Autorenwettbewerbs.
Das Mädchen Hamide ist nur einen Tag in der Schule anwesend und hinterlässt dennoch deutliche Spuren. Zu Beginn spricht sie nicht, und Anton versucht ihr mit Hilfe der Zeichensprache etwas zu erzählen und sie aus der Reserve zu locken. Hamide ist schüchtern und taut aber langsam auf. Nach und nach erzählt sie ihre Geschichte. Ihre Mutter ist Deutsche, sie kommt aber aus Afghanistan. Hamide erzählt vom Krieg und von Menschen auf der Flucht. Anton erzählt von seiner Befürchtung, dass die tote Biene, die er in den Käsekuchen gesteckt hat, seinen Opa umgebracht hat. Wohin sie am Ende des Stückes geht wird offen gelassen.

„Gespenstermädchen“ ist ein Zweipersonenstück mit unterschiedlichen Rollen. Während der Gespräche schlüpfen die Schauspieler in die verschiedenen Charaktere. Schauspieler Thorsten Schmidt hat die Arbeit an dem Stück auch selbst bereichert. Die Auseinandersetzung mit der aktuellen Flüchtlingssituation sei für ihn viel intensiver geworden.

Da das Stück in verschiedenen Klassen vor unterschiedlichen Schülern und verschiedenen Orten gespielt wird, ist auch viel Improvisation mit eingeplant. Reaktionen und Bemerkungen der Schüler sollen aufgegriffen werden, ohne den roten Faden der Handlung zu verlieren. Es wird vor 3. – 6. Klassen gespielt. Termine sind noch frei. Die Dauer des Stückes beträgt 35 Minuten. Der gesamte Zeitbedarf mit Vor- und Nachbesprechung mit der Theaterpädagogin etwa zwei Schulstunden.

Die Premiere am 18.09.2015 im Robert-Schuman-Berufskolleg ist ausverkauft. Mobile Termine sind am: 22., 23., 29., 30. September 2015, Informationen und Buchung unter: 0231 / 50 22 416.




Episoden-Theaterstück über Essen auf Rädern

Die drei von Culinaritas (v.l.n.r.) Holger Wontorraczewski (Thomas Kemper), Hedwig Liebermann (Kule Vollmer) und Herr Stöhr (Jörg Hentschel). (Foto: © Meike Willner / Phil Niggemeier).
Die drei von Culinaritas (v.l.n.r.) Holger Wontorraczewski (Thomas Kemper), Hedwig Liebermann (Kule Vollmer) und Herr Stöhr (Jörg Hentschel). (Foto: © Meike Willner / Phil Niggemeier).

Essen auf Rädern hat nicht den besten Ruf, er gilt als „Alte Leute Essen“, obwohl jeder dort bestellen kann. Am 18. September 2015 hat die Produktion „Culinaritas – Essen auf Rädern“ im Theater im Depot Premiere. In der Tragikomödie geht es um einen Lieferdienst, der nicht nur Essen liefert, sondern auch „Gesprächs-Zeit“ im Angebot hat. Ähnlich wie bei einer Fernsehserie gibt es einen „Pilotfilm“ sowie mehrere Episoden der ersten Staffel.

Die Handlung in Kurzform: Der Hauptcharakter Holger Wontorraczewski (Thomas Kemper) ist ein ehemaliger Sterne-koch, der seinem Hartz IV Schicksal entkommen möchte und bei „Culinaritas“ als Essen Austräger anfangen möchte. Die Chefin von „Culinaritas“ ist Hedwig Liebermann (Jule Vollmer) und Jörg Stenzel spielt Herrn Stöhr, den Buchhalter mit leicht autistischen Zügen.

In den drei jeweils 25 Minuten langen Folgen geht es um die Erlebnisse von Wontorraczewski mit seinen Kunden, die ebenfalls von Vollmer und Stenzel gespielt werden. Am Ende gibt es eine Abschlussfolge mit einem Cliffhanger.

Am Anfang des Stückes stand die Recherche. Thomas Kemper ist also tatsächlich für einen Tag beim Dortmunder Menüservice mitgefahren. „Ich finde das Essen erstaunlich gut“, so Kemper über die Qualität der Speisen. Die Essensauslieferung ist für die überwiegend älteren Menschen eine der wenigen Gelegenheiten, bei der sie Kontakt zur Außenwelt haben. Daher spielt das Thema Einsamkeit auch eine Rolle in manchen Episoden niederschlägt. „Viele Menschen werden diese Situationen durch ihre eigenen Verwandten wiedererkennen“, ist sich Regisseur Olaf Reitz sicher.

Geschrieben wurde die gesamte „Staffel“ von Molly Müller, dem Pseudonym von Jule Vollmer. Das Konzept war, etwas ähnliches zu machen wie beispielsweise der „Tatortreiniger“. Und ähnlich wie beim Fernsehen gibt es eine Trailermusik, die von Elmar Dissinger komponiert wurde. Das Bühnenbild wird projiziert, ansonsten ist das weitere Bühnenbild auf Tisch und Stühle reduziert.

Neben der Premiere am 18. September um 20 Uhr gibt es weitere Aufführungen am 19. September (20 Uhr), am 04. Oktober (18 Uhr), am 08. November (18 Uhr) und am 19. November (20 Uhr).

Für ganz Neugierige hier der Trailer: [vsw id=“138319298″ source=“vimeo“ width=“425″ height=“344″ autoplay=“no“]




Getanzte Paarbeziehung

Der Bildhauer Rodin bei der Arbeit. In Tanzbilder umgesetzt durch Boris Eifmann. (Foto: © Berin Artmanagement)
Der Bildhauer Rodin bei der Arbeit. In Tanzbilder umgesetzt durch Boris Eifmann. (Foto: © Berin Artmanagement)

Mit gleich zwei Vorstellungen am Sonntag, den 11.10.2015 um 16 und 20 Uhr erwartet die Ballettfreunde im Opernhaus Dortmund ein besonderes Erlebnis. An diesem Tag kommt der erfolgreiche russische Choreograf Boris Eifman, geboren 1946 in Sibirien, mit seinen Sankt Petersburger Ballett-Theater und seinem neuen Programm „Rodin“ nach Dortmund. Bei einem französischen Thema gehört auch französische Musik. Zu hören sind Musikcollagen von Ravel, Saints-Saëns sowie Massenet nach Dortmund.

Eifman leitet das besondere „Ballett-Theater“ seit über 30 Jahren und gilt als ein Meister des modernen russischen Ausdruckstanzes. Ballett-Manager Tobias Ehinger machte beim Pressegespräch deutlich, dass Eifman versucht, neue Bewegungen und Themen zu finden. Das schafft Parallelen zu Ballettdirektor Xin Peng Wang, der ähnliche Ansätze hat. Eifman vertanzte Literatur (Dostojewski, Tolstoi) und gestaltete „Klassiker“ neu. Für die russische Tanzwelt ist es die aktuellste, am meisten vernetzte Companie. Denn Eifman hat schon früh darauf gesetzt, Gastspiele zu geben.

Das neue Stück „Rodin“ befasst sich mit dem Leben des Bildhauers Auguste Rodin (1840 – 1917) und der Beziehung zu seiner Muse Camille Claudel. Die Beziehung endete tragisch. Claudel kam in die Psychiatrie. Eifman thematisiert in seinem Ballett die Verbindung zwischen den beiden Menschen und die künstlerische Schaffensprozesse. Im Spannungsfeld von Kunst und Privatem zahlen die Beteiligten oft einen hohen Preis.

Für diese tänzerische Darstellung von künstlerischen Schaffensprozessen arbeitet Eifman mit vielen starken physischen Elementen. Daher braucht man auch entsprechende Tänzerinnen und Tänzer. Die um die 50 Tänzerinnen und Tänzer sind sehr groß und athletisch. Ihre Bewegungen sind dynamisch-aggressiv.Denn Eifman sucht im Gegensatz zum klassischen Ballett Reibungspunkte.

Stehen im klassischen Ballett Körper und Schönheit im Fokus, sind es bei Eifman Charakter, Kanten und Ecken.

Die Vorstellung dauert knapp 2 Stunden. Mehr Informationen und Online Tickets unter www.berin-artmanagement.de




Liebe gegen das System

Ein kurzer Moment des Glückes für Tristan (Lance Ryan) und Isolde (Allison Oakes). Foto: © Thomas Jauk.
Ein kurzer Moment des Glückes für Tristan (Lance Ryan) und Isolde (Allison Oakes). Foto: © Thomas Jauk.

Mit der Inszenierung von Wagners „Tristan und Isolde“ befördert Regisseur und Opernintendant Jens-Daniel Herzog das romantische Mittelalterdrama in eine DDR der 80er Jahre. Für Romantik ist kein Platz mehr, selbst nicht für Isoldes Liebestod. Ein Premierenbericht vom 06. September 2015.

Romantik trifft auf ein kaltes, durchorganisiertes Regime. Kühler Beton, eine nüchterne Schreibstube und ein Porträt des Staatsoberhauptes, König Marke. So empfing der erste Akt von „Tristan und Isolde“ die Zuschauer. Jens-Daniel Herzog entführt uns nicht die die mittelalterliche Märchenwelt, sondern in die kalte Atmosphäre eines totalitären Systems. Von den Uniformen könnte es in der DDR der 80er Jahre Spiegeln oder in einem der unzähligen Militärdiktaturen. Welches Schicksal Systemfeinden droht, zeigt gleich eine Hinrichtung zu Beginn des ersten Aktes. Wer kann, der flüchtet. Auch dieses hochaktuelle Thema behandelt Herzog und sein Team Bühnenbildner Mathis Neidhardt und Sibylle Gädeke (Kostüme).

Tristan (Lance Ryan) ist in der Inszenierung treuer Gefolgsmann von Kornwalls König Marke (Karl-Heinz Lehner). Für den Erhalt des Staatswesens überredet Tristan Marke, eine Frau zu nehmen. Die Wahl fällt auf die Irenprinzessin Isolde (Allison Oakes), die von Tristan als eine Art Rosenkavalier nach Kornwall eskortiert wird. Pikant: Tristan hatte Isoldes Verlobten im Kampf umgebracht. Isolde will Rache, vertauscht aber die Zaubertränke und nimmt den Liebestrank. Die beiden verlieben sich ineinander, sehr zum Unwillen von König Marke und seinen Begleitern. Schnell wird die Liaison entdeckt und Tristan vom Ziehkind zum Verräter.

Herzogs Inszenierung wusste vor allem in den ersten beiden Akten zu gefallen. Es beginnt mit einem Schockmoment der Hinrichtung eines Gefangenen und der Abfertigung von Isolde und ihrer Begleiterin Brangäne (Martina Dike). Alles erinnert an die deutsch-deutsche Grenze und gleichzeitig an die aktuelle Flüchtlingssituation. Gegen Ende des ersten Aktes legt Herzog auch Wagners Humor frei, als Tristan den Liebestrank zu sich genommen hat. Lustig und beschwingt lässt er sich auch von Kurwenal (Sangmin Lee) kaum bändigen.

Auch im zweiten Satz ist das Bild perfekt. Tristan und Isolde scheinen es zu spüren, dass ihre Affäre nicht unentdeckt geblieben ist. Schon gar nicht in einem solchen Staat wie ihn Herzog zeigt. Tristan und Isolde gehen von einem Raum zum anderen, überall sitzt jemand, der Akten anlegt, überwacht und aufzeichnet. Im letzten Raum dann die dramatische Auflösung. Kurwenal sitzt blutüberströmt auf einen Stuhl, Tristan wird mit Melot, dem neuen Ziehsohn von Marke gefoltert.

Der dritte Akt bringt die Entscheidung: Kurwenal wird von Melot erschossen (im original ist es andersherum), Tristan stirbt, bekommt aber ein ehrenvolles Begräbnis, obwohl in autoritären Regimes die Abweichler gerne aus der Geschichte getilgt werden wie beispielösweise bei Stalin und Trotzki. Isolde bleibt der Liebestod erspart. Vielleicht ist in dieser kalten Gesellschaft auch kein Platz für solche Romantik.

Lance Ryan und Allison Oakes sind routinierte Wagner-Interpreten und sangen ihren Part ebenso gekonnt. Doch den größten Applaus gab es für die Lokalmatadoren Karl-Heinz Lehnert und Sangmin Lee. Lehnert spielte einen eiskalten Marke, der für den Machterhalt ohne mit der Wimper zu zucken auch seinen Ziehsohn fallen lässt. Lee spielte Kurwenal als treuen Adlatus, der seinem Freund Tristan auf Gedeih und Verderb folgt und konsequenterweise in dieser Inszenierung dessen Schicksal teilen muss.

Ein großes Lob verdienten sich die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Gabriel Feltz, der gekonnt die Feinheiten von Wagners Partitur ausarbeitete.

Die Inszenierung stieß nicht auf ungeteilten Beifall des Dortmunder Publikums. Waren die beiden Hinrichtungen (Gefangener, Kurwenal) zu viel? Auch wenn Herzogs Regiearbeit im dritten Akt nicht mehr die wunderbaren Bilder produzierte wie in den beiden ersten Akten, war die Gesamtkonzeption stimmig: Menschlichkeit (die Liebe als intensive menschliche Regung) dringt in ein bürokratisch-autoritäres System ein und muss scheitern. Es ist wie fast immer bei Herzogs Arbeiten: Man muss sich schon trauen, aber es lohnt sich.




Theater ohne Worte

Bettina Zobel, Johanna Weißert und Philip Pelzer spielenj die drei Wesen, die die Welt der Klänge erleben. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Bettina Zobel, Johanna Weißert und Philip Pelzer spielenj die drei Wesen, die die Welt der Klänge erleben. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Mit ihrem Projekt „Als die Musik vom Himmel fiel“ im Kinder-und Jugendtheater Dortmund für die Kleinen (und Großen) ab 3 Jahren experimentieren der Leiter des KJT Andreas Gruhn und Peter Kirschke mit einem Theater ohne Worte, nur mit Klang. Die Premiere ist am 11.09.2015 um 18 Uhr.

„Die Idee dahinter ist, kleinen Kindern nahe zu bringen, wie es zur Musik kommt. Diese ist nicht bloß alleine im Radio zu hören, sondern kann von ihnen selbst mit Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs erzeugt werden“, erklärte Gruhn. Dabei spiele es keine Rolle, ob es sich dabei um eine Kartoffelpresse, eine alte Schreibmaschine, ein gezupftes gespannte Seil oder echte Musikinstrumente handelt. „Es stellt sich die Frage, welche Qualität ein Klang haben kann“, so Gruhn.

Zur Geschichte: Drei vergessene „Wesen“ in einer vergessenen Ecke der Welt haben nur einfache Laute zur Verständigung. So sitzen sie stumm in ihrer stillen Welt, bis eines Tages ein kleiner Würfel vom Himmel fällt. Aus diesem kommen wunderbare Töne, die Haah (ängstlich), Beeh (halb blind) und Fiih (wild) verzaubern. Nach einer Wiederholung dieses wunderbaren Klangerlebnisses verstummt die Musik plötzlich. Nun versuchen die Drei, Geräusche zu erzeugen und aus allen möglichen Gegenständen Instrumente zu bauen. Sie tuten, zupfen und trommeln auf alles was sie finden können. Gemeinsam üben sie hartnäckig so lange, bis sie die zauberhafte Musik aus dem Würfel nachspielen können…

Peter Kirschke, auch bekannt als Regisseur von der Produktion „Ein Freund für Löwe Boltan und Musik und Video der Produktion aus dem letzten Jahr „Ach je die Welt“, ist bei diesem Projekt für die Musik verantwortlich. „Wir wollen mit einer kleinen bezaubernden Melodie den vergangenen Sommer (wieder) ins KJT holen“, verriet Kirschke.

Von großer Bedeutung ist bei dieser Produktion auch die Ausstattung. Die Verantwortliche Sandra Linde erläuterte dazu: „Wir haben als Symbol für eine vergessene Welt irgendwo eine Art Iglu-Zelt als Wohnstätte ausgewählt. Für die drei Wesen wurden extra übergroße Pullover hergestellt. Der Würfel ist ca. 25 cm x 25 cm groß und zwei riesige Rohre, werden von oben ihre Kommentare abgeben. Ein Rohr als „Good Rohr“, das andere als auch mal schimpfendes „Bad Rohr“.

Andreas Gruhn wies auf die Bedeutung dieser Produktion in unsere Zeit mit vielen Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund ohne deutsche Sprachkenntnisse hin.

Die Spieldauer des Stückes ist 40 Minuten.

Die Premiere am 11.09. 2015 ist bereits ausverkauft. Weitere Termine: So, 13. September 2015, So, 20. September 2015, Di, 29. September 2015, Do, 15. Oktober 2015, So, 18. Oktober 2015 und So, 25. Oktober 2015.

Am Mittwoch, den 09. September gibt es um 17:30 Uhr einen Themenabend für Pädagogen. Infos bei der Theaterpädagogin Erika Schmidt-Sulaimon eschmidt@theaterdo.de

Besonders für Kitas geeignet sind die 10 Uhr Termine am 29. September und am 15. Oktober 2015.




Selbstreflexion und Selbstmitleid

Krapp (Ekkehard Freye) hält Zwiesprache mit seinem jüngeren Ich. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Krapp (Ekkehard Freye) hält Zwiesprache mit seinem jüngeren Ich. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Zwei Menschen halten am Ende ihres Lebens Rückschau. Eine Frau und Ein Mann. Marcus Lobbes inszeniert im Studio Samuel Becketts „Glückliche Tage“ und „Das letzte Band“ als intensives Kammerspiel und vergisst dabei nicht den Humor, der den Stücken von Becketts innewohnen. Ein Premierenbericht vom 05. September.

Die letzte Reise. In Lobbes Inszenierung überquert Winnie (Merle Wasmuth) in einer Mischung zwischen Boot und Sarg den Fluss Styx, der in der griechischen Mythologie die Lebenden von den Toten trennt. Bleich geschminkt auf ihrer Reise spricht Winnie meist mit sich selbst, denn sie ist ist in der Beziehung mit Willie der aktive Teil, Willie (gespielt von Ekkehard Freye) der deutlich passive. Nur spärlich und beinahe widerwillig kommentiert er Winnies Monologe. Trotz dieser Entfremdung ist immer eine Art Band zwischen den beiden zu spüren, selbst wenn Lobbes das Ehepaar durch eine Glaswand trennt. Willie sitzt im Zuschauerraum und kann trotz zweier Versuche nicht zu Winnie gelangen, die in ihrem Boot langsam Richtung Toteninsel gezogen wird. Man merkt es Winnie an, dass sie sich freut, wenn Willie reagiert. „Ich weiß, welche Mühe es dich kostet“, sagt sie einmal.

Winnie freut sich an den vergangenen Dingen, an den Gewohnheiten, die sie „der alte Stil“ nennt. Dennoch ist ihr die Vergänglichkeit deutlich bewusst. „Früher dachte ich, dass all die Sachen, zu früh in den schwarzen Sack gesteckt, wieder heraus geholt werden könnten“, erinnert sie sich. Jetzt weiß sie, dass dies nicht passiert. Aus und vorbei.

Krapp hingegen sieht die Rückschau auf sein Leben weniger gelassen. „Welkom op het feest van de gemiste kansen, jongen!“ (Willkomen auf dem Fest der verpassten Chancen, Junge!) sang die niederländische Band „Tröckener Kecks“, doch für Krapp ist es kein Fest. Schon gar kein fröhliches. Die Fragen „Was wäre, wenn…“ und „Wie konnte ich nur so blöd sein.“ Freye, diesmal mit Perücke und Brille, zeigt dabei die Karikatur eines älteren Intellektuellen. Auf der Leinwand erscheint sein jüngeres Ich mit 38-jahren, das selbstgefällig und überheblich über die Ereignisse des vergangenen Jahres berichtet. Anfänglich noch mit lustigen Kommentaren bedacht, werden diese Anmerkungen immer bitterer. Die angestrebte Karriere als Schriftsteller ist als Seifenblase zerplatzt und die Liebesbeziehung aus Überheblichkeit zerbrochen oder gar nicht erst entstanden. So bleibt Krapp im Alter nur noch das letzte Band als bittere Erinnerung, bei dessen Betrachtung er in Selbstmitleid zerfließt.

Winnie und Krapp. Zwei Menschen, deren Rückblick auf ihr Leben nicht unterschiedlicher sein kann. Winnie ist ein klein wenig sentimental, aber zufrieden mit den kleinen Dingen. Krapp hingegen versinkt in Selbstmitleid, nachdem seine selbstgefällige Maske heruntergerissen wurde.

Lobbes inszeniert das Beckett-Doppel nicht ohne Humor, vor allem Krapp bietet durch sein Selbstmitleid ein Quell an Humor, die Freye durch sein Spiel auch wunderbar aus-reizt.

Wasmuth zeigt als Winnie eine fast klaglose Sanftmut auf ihrem letzten Weg.

Ein intensiver Abend, ohne Musik, aber mit zwei sehr präsenten Schauspielern. Für die Vorstellung am 11. September gibt es noch Restkarten. Weitere Termine in diesem Jahr sind 23. September, 01. Oktober, 25. Oktober und 28. Oktober.




Carmen im Zirkus

Carmen ist und bleibt eine faszinierende Persönlichkeit. Ihre tragische Liebesgeschichte inspirierte im vergangenen Jahr das Kinder- und Jugendtheater mit „Carmen: Außer Kontrolle“, zum Festival „Djelem Djelem“ zeigten die Kulturbrigaden am 04. September 2015 das Jugendmusiktheaterstück „Circus Carmen“ im Theater im Depot.

Im Original schließt sich Carmen einer Schmugglerbande an, in „Circus Carmen“ hingegen wird sie (kindgerechter) Zirkusartistin. Ansonsten bleibt die Geschichte fast gleich. Carmen bandelt mit Don José an, der sich sich unsterblich in Carmen verliebt, seine Verlobte Micaela und sein Leben als Soldat aufgibt, um ebenfalls mit dem Zirkus umher zu ziehen.

Doch Carmen lernt den Matador Don Camillo kennen und verliebt sich in ihn. Nachdem er erkannt hat, dass er Carmen nicht mehr zurückbekommt, ermordet Don José Carmen.

Eigentlich ist Carmen eine tragische Geschichte, die mit einer „Beziehungstat“ (so heißt das wohl juristisch) endet. Radojcic und Wachholz haben sich dennoch alle Mühe gegeben, den Stoff spannend und kindgerecht aufzubereiten. Die bunte Zirkusatmosphäre half natürlich dabei. Auch Slapstickeinlagen wie ein simulierter Faustkampf unter der Musik von „Kung Fu Fighting“ brachten das Theater im Depot zum Beben. Carmen wird durchaus als selbstständige dominante Frau gezeigt. Beim Duell zwischen Don José und Don Camillo geht sie mit zwei Degen dazwischen.

Alle Figuren in den Stück wurden von Frauen gespielt, mit Ausnahme des Gitarristen und Sängers Alberto Carrasco. Vielleicht die Folge eines Männermangels in solchen Theaterprojekten. Dennoch haben die beiden „Dons“ ihre Rollen sehr amüsant gespielt. Besonders, wenn sie aus der Rolle gefallen sind und beispielsweise auf Sächsisch besprochen haben, statt mit einem spanischen Akzent. In dem Stück wurde mit Humor das romantische Bild der Roma auf die Schippe genommen. So wurde der deutsche Text der „Habanera“ aus der Oper vom Chor gesungen, die die Liedzeile „Die Liebe von Zigeunern stammet“.

Besonders hervorzuheben waren die Kostüme. Angefangen vom Theaterdirektor, der ein wenig indisch-orientalisch gestylt war bis hin zu den Hauptfiguren, die alle Kostüme trugen, wie sie in Zeiten von Carmens Entstehung üblich waren. Alle Akteure brachten viel Spielwitz auf die Bühne. Ein großes Lob an die Verantwortlichen. Ein Extralob verdiente sich Carrasco, der mit seinen Flamenco-Stücken für spanisches Feeling sorgte. Nach „Alice“ ist „Circus Carmen“ eine weitere gelunge Produktion von Radojcic und Wachholz 2015. Neben Carrasco spielten Freya Erdmann, Leonie Goeke, Lina Härmstaädt, Ronahi Kahraman, Alicia Maselli und Anna Schwarz mit.

Wer es verpasst hat, am 12.09.2015 um 20 Uhr im Depot bietet sich nochmals die Gelegenheit das Stück zu sehen. Es lohnt sich.