Sie ist anscheinend das Zeichen einer modernen, mobilen Gesellschaft: Die Fernbeziehung. Der Schmerz der räumlichen Trennung kann zumindest im IT-Zeitalter ein klein wenig gemildert werden durch Skype. Hier kann man nicht nur mit dem Partner reden wie beim Telefon, sondern ihn auch sehen. Das Stück „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“ wurde von Regisseur Ed. Hauswirth und dem Ensemble erarbeitet und hat am 25. Februar 2016 im Megastore Premiere.
Am Anfang standen Interviews: Die Schauspieler und der Regisseur machten zunächst mit Menschen aus ihrem Umfeld, die Erfahrung mit Fernbeziehung hatten, einstündige Interviews. Mit diesem und weiteren Material entstand in gemeinsamer Arbeit „Die Liebe in Zeiten der Glasfaser“.
Die Geschichte: Europa in einigen Jahren. Tomasz ist Logistiker bei Ikea, seine Freundin Antonia ist Studentin für Mediensoziologie und bekommt die Chance ein Jahr nach Rom zu gehen. Das zweite Paar ist Wolf-Adam (Professor für Mediensoziologie) und die Schauspielerin Helena. Wolf-Adam bekommt die Möglichkeit für ein Jahr nach Aalborg zu gehen, während seine Lebensgefährtin für ein Theaterprojekt nach Breslau gehen kann.
Das Stück dreht sich um die Frage: Was verbindet einem mit den Partner? Denn zunächst wird freudig geskypt, um mit dem anderen in Kontakt zu bleiben. Doch reicht das? Was ist mit der fehlenden Nähe, die kein Skype oder ähnliches ersetzen kann. „Ist man eigentlich nicht immer allein? Was bleibt einem“, fragt Regissseur Hauswirth.
Durch den Kniff, dass es in der nahen Zukunft spielt, bleibt ein „fiktionales Gefühl eines Unbehagens über die Situation in Europa“, so Dramaturg Alexander Kerlin. Um was es genau geht, wird in dem Stück nicht verraten.
Das Stück wird um die 1 Stunde und 50 Minuten gehen. Mehr Informationen unter www.theaterdo.de
Petra Meurer Theatertage 2016
Das Ensemble der Residenz des Maschinenhauses Essen freut sich über den Hauptpreis bei den Petra Meurer Theatertagen 2016 für die Produktion „Blaubart“.
Im Theater am Depot wurden zum fünften Mal mit Unterstützzug durch die DEW21 und der TU Dortmund die Petra Meurer Theatertage ausgerichtet. Das kleine Theater- und Performance Festival für die freie Theaterszene im Ruhrgebiet stand diesmal unter dem Motto „#Fusionen“.
Dazu gehört zum Beispiel das energetische Zusammenspiel von Slam und Klassik
Der erste Theatertag am 19.02.2016 zeigte an drei Beispielen die verschiedenen Möglichkeit der Ausgestaltung von freiem Theater und Performance. Durch das Programm führte mit einer Portion Humor und Ironie Festivalleiter Rainer Holl.
Zu Beginn wurde „Hamlet.3“ als ein theaterpädagogisches Projekt der TU Dortmund unter der Leitung von der Bochumer Theaterpädagogin Clara Nielebock aufgeführt. Exklusiv für diese Theatertage zeigten Studierende der TU Dortmund nach intensiver Zusammenarbeit ihre Performance als Stückentwicklung und Collage. So haben sie neben dem Shakespeare Text zum Beispiel auch Textpassagen aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“ verarbeitet.
Mit ihrer sogenannten Lecture Performance „Bertram und die Feinstrumpfhosenfabrik“ begeisterte danach das Ensemble „Komplott Legal“ mit Thorsten Bihegue, Dramaturg Dortmunder Schauspiel, und Lioba Sombetzki am Cello. Regie führte Isabel Stahl vom Kinder-und Jugendtheater.
Mit Tempo, Pfiff , Ironie und kongenialer musikalischer Begleitung geht hier Buchhalter Bertram allen gesellschaftlichen Widerständen zum Trotz unbeirrt seiner Obsession nach: Eine Feinstrumpfhose herzustellen, die ein Leben lang hält.
Nach der Pause konnte das Publikum ein „Fusionserlebnis“ der besonderen Art erleben,
Zu den Themen „Liebe“ , „Mozart“ und „Pop“ das Mercator Ensemble (Quartett) klassische Musik oder Popmusik. Dazwischen zeigten drei bekannte Poetry Slammer aus dem Ruhrgebiet, Svenja Gräfen, Theresa Hahl sowie Björn Gögge ihr Können.
Die Preisverleihungen am 20.02.2016
Der 20.02.2016 war für die freie Theaterszene im Ruhrgebiet ein besonderer und spannender Tag,
Im Dortmunder Depot wurden die mit insgesamt 2.600 € dotierten Petra Meurer Preise verliehen.
In diesem Jahr wurden gleich fünf Gruppen aus dem Kreis freier Theatermacher/innen und Literaturaktivisten des Ruhrgebiets mit einem Preis ausgezeichnet. Eine Jury aus Studierenden, Theatermachern, Kulturschaffenden und Lehrenden der TU Dortmund hatte die schwierige Aufgabe, aus 24 Projekten 5 auszuwählen. Zwei Förderpreise ( je 300 €), zwei zweite Preis (je 500 €) und der Hauptpreis ( 1.000 €) waren zu vergeben. Moderiert wurde der Abend erneut von Festivalleiter und Jury-Mitglied Rainer Holl.
Nun zu den Preisträgern:
Der erste Förderpreis ging an die Dortmunder Kulturbrigaden für ihre Produktion“Alice“ unter der Leitung von Jens Wachholz und Rada Radojcic.
Die Kulturbrigaden zeichnet sich durch fantasievolle Kostüme und ausdrucksstarkes Theater aus.
Das Publikum bekam schon einmal eine Kostprobe aus der neuen Produktion „Ein Sommernachtstraum“ nach William Shakespeare zu sehen.
Der zweite Förderpreis ging an Young’n’Rotten (Rottstr.5 Theater in Bochum) für die Produktion „Hexenjagd“ nach Arthur Miller unter der Regie/Textfassung von Denise Rech. Teile des Ensembles zeigten einen atmosphärisch beeindruckenden Ausschnitt aus dieser Produktion.
Ein zweiter Preis ging an die multikulturelle Gruppe Labsa aus Dortmund für ihre Produktion „Sugar Snap Paradise“. Dieses noch nicht so lange existierende bunte gemischte Ensemble zeichnet sich durch ihre Spiel- und Bewegungsfreude aus. Das zeigten sie mit einem Ausschnitt aus der Produktion, diesem Traum von der Möglichkeit eines glücklichen Zusammenlebens von Mesnschen unterschiedlichster Herkunft.
Einen weiteren zweiten Preis gab es für „Schluckreiz in Paradise“ des Armada Theater aus Essen unter der Leitung von Michael Zier und Anina Büchenbacher. Bei der Produktion geht es rund um Pornografie und der Suche nach wirklicher Liebe.
Die Gründungsmitglieder Michael Zier und Clara Gohmert zeigten bei der Preisverleihung einen amüsanten und nachdenklichen Ausschnitt der Performance um die verschiedenen Aspekt um „Zusammen sein“.
Der Hauptpreis 2016 ging an die Residenz aus dem Maschinenhaus für die Produktion „Blaubart“.
Das ist eine interessante experimentelle, collagenhafte Stückentwicklung um den Mythos „Blaubart“, der Beziehung zwischen den Geschlechtern sowie der Faszination des Verbotenen.
Das Publikum bekam einen Ausschnitt daraus zu hören und sehen.
Es waren zwei gelungene Theatertage, die einen kleinen Einblick in die Vielfalt der freien Theaterszene des Ruhrgebiets gab.
Oberon und Puck aus der aktuellen Produktion „Sommernachtstraum“ der Kulturbrigaden.
Gespenstischer Beginn aus „Hexenjagd“ von Young ’n‘ Rotten vom Theater Rottstr5 in Bochum.
Musikalischer Beitrag aus „Blaubart“.
„Sugar Snap Paradise“ auf dem Weg ins Glück.
Traute zweisamkeit? Das Armada Theater zeigte eine kleine Szene.
Heiner Müller und Rambo – eigentlich treffen zwei komplett unterschiedliche Welten aufeinander. Doch Müllers „Zement“ und Rambo haben eine Gemeinsamkeit. Ihre Titelhelden sind Gespenster aus der Vergangenheit, die stören und weg müssen. Klaus Gehre verwandelt beide Stücke in einen surrealen Live-Film mit einer ähnlichen Technik wie bei seiner Vorgängerproduktion „Minority Report“. Ein Premierenbericht von „Rambo plusminus Zement“ vom 17. Februar 2016.
In der Mitte ein Bett. Da schläft Gleb Tschumalow (Sebastian Kuschmann). Soldat der Roten Armee, die erfolgreich gegen die Weißen gekämpft hatte. Nun kehrt er in seine Stadt zurück und will die neue Gesellschaft aufbauen. Doch die Realität hat die Utopie besiegt. Seine Frau hat ihr Kind ins Kinderheim gegeben, die Zementfabrik, in der Tschumalow als Schlosser arbeitete, ist dem Verfall preisgegeben. Angebliche „Feinde“ der Revolution werden hingerichtet.
Plötzlich ein Schnitt. John Rambo möchte in Hope (Texas) nur was essen. Doch der örtliche Sheriff hat etwas dagegen. Die Situation eskaliert.
„Rambo plusminus Zement“ ist dreigeteilt. In den beiden Zement-Teilen stehen die Schauspieler im Mittelpunkt, während der „Rambo“-Part in vielen dem „Minority Report“ ähnelt. Es ist faszinierend, mit welchen Material die fünf Schauspieler einen Film auf die Leinwand bringen. Klaus Gehre hat um die 15 Stationen aufgebaut, die als Setting für den Live-Film dienen. Matchbox-Autos werden zu Polizeifahrzeugen, ein altes Landschaftsbild wird zum Filmhintergrund und Rambo (auch Kuschmann) simuliert bravurös den Abstieg aus einer Felswand.
Exklusion statt Inklusion. Ausgrenzung statt Mitnahme. Das ist das Kernthema von „Zement“ und „Rambo“. Die Revolution frisst ihre Feinde, in ihrer maßlosen Gier aber auch mehr als ihr gut tut. Der Ingenieur Kleist (Andreas Beck) ist Tschumalows letzte Hoffnung für das Zementwerk, obwohl er die Revolution hasst. Denn Kleist hat das Wissen, wie das Werk funktioniert. Daher darf er nicht getötet werden. Auch Rambo will niemanden töten, sondern einfach nur in Ruhe gelassen werden.
Sebastian Kuschmann überzeugt in der Doppelrolle des John Rambo/Gleb Tschumalow ebenso wie Andreas Beck in der Rolle des feisten Ingenieurs Kleist bzw. des ebenso feisten Sheriffs Teasle. Kleinere Rollen übernahmen noch Ekkehard Freye, Caroline Hanke und Marlena Keil.
Wer „Minority Report“ von Gehre mochte, wird auch „Rambo plusminus Zement“ lieben. Es sind mehr schauspielerische Elemente enthalten, das Stück bietet aber wieder die gewohnte skurrile Filmoptik wie die Vorgängerproduktion. Trotz des eher tragischen Stoffes, gibt es einige sehr erheiternde Momente, beispielsweise wenn die Minions versuchen, Lenin wiederzubeleben.
Mit ihrer Inszenierung von Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“ für das Kinder-und Jugendtheater (Sckellstraße 5-7) in Dortmund will Regisseurin Johanna Weißert einen umfangreichen, komplexen Stoff für Jugendliche und Erwachsene ab 13 Jahren, auch ohne politisch-historisches Hintergrundwissen, auf verständliche Weise näher zu bringen.
Beim Presse-Vorgespräch erklärte Weißert: „Wir versuchen, die komplette Geschichte in anderthalb Stunden komprimiert darzustellen. Dabei konzentrieren wir uns auf die eigentliche Handlung mit ausgewählten Textstellen und sechs klare Hauptfiguren.“ Rainer Kleinespel spielt als Einziger nur den Tell, während die fünf anderen Schauspieler/innen KJT- Ensembles gleich mehrere Rollen übernehmen. Das einfache ländliche Leben mit Volksmusik und Alphorn (aus dem Baumarkt) wird der Welt der Besatzer (Habsburger) und der durch zwei junge Figuren repräsentierten Welt gegenüber gestellt. Daher ist der Stoff spannend und von aktueller Brisanz.
Das 1804 erschienene Geschichtsdrama spielt um 1300 in der Schweiz und behandelt den Freiheitskämpfer der Urkantone. Tell wird als Einzelkämpfer wider Willen zum Tyrannenmörder. Er handelt so, weil er nicht anders kann. „Es geht um die Frage: Welche Stellung innerhalb eines Konflikts nehme ich ein?“, so Weißert. Johanna Weißert erläuterte:„Wilhelm Tell ist ein Außenseiter und Einzelgänger, der seine Entscheidungen selbstständig trifft. Er ist eine brüchige und ambivalente Figur.“ Die Inszenierung hat laut der Regisseurin durchaus auch komische Elemente (ohne Schenkel klopfen).
Die Kostüme sind einfach und der ländlichen Umgebung mit viel Holz auf der Bühne angepasst. „Die Bühne wird ein Alpenwestern-Ambiente vermitteln“,verriet Weißert. Für die Musik im KJT ist wieder einmal Peter Kirschke zuständig.
Die Premiere am am 26.02.2016 um 19 Uhr im KJT ist schon ausverkauft. Weiter Aufführungen , wie zum Beispiel am 28.02.2016 und den Rest der Spielzeit gibt es aber noch Karten zu kaufen.
Achtung! Eine extra Aufführung für Pädagogen findet vorab am 24.02.2016 um 18.00 Uhr statt. Eine Einführung gibt es schon ab 17.30 Uhr.
Die vierten Petra Meurer Theatertage stehen unter dem Stichwort „Fusion“. Denn hier zeigt die freie Theaterszene unterschiedliche Theaterformen wie Performance, Lesung, Poetry Slam. Am 19. Februar 2016 steht die Performance im Vordergrund: Drei Gruppen zeigen ihr Programm, während am 20. Februar 2016 die Preisverleihung stattfindet. Von 24 Bewerbungen wurden fünf ausgewählt.
Am Freitag, dem 19. Februar 2016 beginnt der Abend mit dem Theater-pädagogischen Projekt der Theatermacherin Clara Nielebock. Gezeigt wird die Performance „HAMLET.3“. Danach gibt es einen Preisträger zu sehen: Das Dortmunder Ensemble „Komplott legal“ mit Thorsten Bihegue und Isabel Stahl zeigt „Bertram und die Feinstrumpfhosenfabrik“. Das Stück gewann die Versionale 2015“ in Leverkusen.
Nach der Pause präsentiert das „Mercator Ensemble“ eine Fusion von klassischer Musik und Poetry Slam. In drei Blöcken (Pop, Liebe und Mozart) werden drei Slammer, unterstützt von einem Streichquartett, klassische Musik und Literatur fusionieren. Nach der Premiere in Duisburg wird das Format in Dortmund zum zweiten Mal zu sehen und zu hören sein.
Am Samstag, dem 20. Februar 2016 steigt die Preisverleihung. Der dritte Preis, mit 300 € dotiert, wird zweimal verliehen, ebenso wie der zweite Preis (jeweils 500 €). Der Gewinner des ersten Preises geht mit 1.000 € nach Hause.
Von allen fünf Preisträgern wird natürlich auch etwas zu sehen sein.
Tickets für den Performance Abend am Freitag kosten 7 €, der Eintritt zur Preisverleihung ist kostenlos.
Nach dem Handlungsballett „Zauberberg“( Literarische Vorlage von Thomas Mann) hat sich Ballettdirektor Xin Peng Wang mit der Bearbeitung des „Faust I“ (J.W. von Goethe) für seine Company einer weiteren großen Herausforderung gestellt. Die Premiere war am 13. Februar 2016.
Im Laufe der Geschichte der letzten Jahrhunderte haben sich viele Künstler (Schauspiel, Oper, Ballettintendanten oder auch Puppenspieler) an den schwierigen und immer aktuellen Themenkomplex des „Faust“ gewagt. Am Beginn steht die Wette zwischen Gott und Teufel. Ist der Mensch nur ein Spielball seiner Leidenschaften und Instinkte, oder wohnt in ihm ein Wissen um das Gute, Wahre, Aufrechte und den rechten Weg? Gelingt es, ihn bis in die Seele verderben?
Der Teufel Mephisto will es am Beispiel des rastlos Wissbegierigen Dr. Faust beweisen. Er verspricht diesem allumfassende Erkenntnis, wenn er dafür dessen Seele erhält. Dies hat hat katastrophale Folgen für die unschuldige Margarethe. Mephisto führt sie erst den in Leidenschaft entbrannten Faust zu und ermordet dann deren Tante Marthe. Als Margarethe für Mephistos Tat zum Tode verurteilt wird, lässt sie Faust im Stich. Die Reue kommt zu spät ….
Die Inszenierung von Xin Peng Wang ist modern, von der Musikauswahl, dem Bühnenbild, der Choreografie, bis hin zu aktuellen Zeitbezügen, die per Video und Live-Ticker über der Bühne rasen, in die Mephisto Faust die Zukunft (unsere Zeit) sehen lässt.
Geschickt gewählt war ein Schachbrett-Muster auf der Bühne, auf dem die Tänzer als Figuren des Lebensspiels agierten. Der Teufel Mephisto, wunderbar getanzt von Dann Wilkinson, muss sich zunächst mit einem Eimer am Fuß bewegen. Er versucht, aus der Enge der gegebenen Strukturen auszubrechen.
Ein überdimensionaler großer Spiegel hängt über der Bühne und spiegelt als gelungener Effekt das Geschehen auf der Bühne. Für das Publikum wird das Ausbrechen von Mephisto visuell als Krümmung der Begrenzung einzelnen Schachfelder wahrgenommen. Als Projektionsfläche zur Darstellung der einzelnen Wissenschaften, wurden diese per Video effektvoll auf einzelne, herunter gezogene Leinwände erstellt.
Eine drehbare Hebebühne wurde punktuell, zum Beispiel für die Dämonen der Walpurgisnacht ausgenutzt. Eindrucksvoll umgesetzt wurde die Idee, den Faust einmal als alte Version (Harold Quintero), und dann durch den aus „Bilderrahmen“ kommenden jungen Faust (Javier Cacheiro Alemán) darzustellen. Das erinnerte an „Das Bildnis von Dorian Gray“ (Oskar Wilde).
Die Tänzerinnen und Tänzer zeigten, was moderner Ausdruckstanz bedeutet. Angefangen bei Barbara Melo Freire als Margarethe, Jelena-Ana Stupar als Marthe Schwerdtlein, Javier Cacheiro Alemán als junger Faust, Harold Quintero als alten Faust oder Dann Wilkinson als Mephisto brachten sie als Solisten oder in kongenialem Zusammenwirken mit den Geistern, Wissenschaftlern, Dämonen und Engeln eine große tänzerische Leistung auf die Bühne.
Wichtig für die Vermittlung der unterschiedlichsten Emotionen wie Leidenschaft oder Verzweiflung ist das punktgenauem Zusammenspiel von Bewegung und Musik. Eine große Herausforderung war die moderne Musikauswahl für die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster. Für den Faust wurde moderne zeitgenössische Musik von verschiedenen Komponisten ausgewählt. Dabei spielte die disharmonische moderne Musik des polnischen Komponisten Henryk M. Gόrecki (1933 – 2010) die Hauptrolle. Außerdem erklang Musik von Igor Wakhevitch, Michael Daugherty und Bryce Dresser. Eingespielt wurde der „Faust Step von Super Flu und zur Walpurgisnacht das archaische „Ich will“ von Rammstein.
Für einige im Publikum war die Musik vielleicht etwas gewöhnungsbedürftig, aber war passend zur musikalischen Verstärkung zum Geschehen auf der Bühne und deren Aussagekraft.
Die vielen Effekt oberhalb der Bühne machten es manchmal etwas schwer, die Augen konzentriert auf das Tanzgeschehen zu halten. Die beeindruckenden Kostüme (Bernd Skodzig) für die Geister, die vier Wissenschaften, Dämonen und Engel waren aufwendig und mit Fantasie ausgewählt.
Die Inszenierung zeigt die zeitlose Aktualität des „Faust“. Auch wir leben in Zeiten der Verunsicherung. Im Faust gibt es kein schwarz-weiß Denken, kein Gut und Böse. Wissenschaftliche Erkenntnis an sich ist nicht schlecht oder gut. Es kommt darauf an, mit seinem Wissen verantwortungsvoll umzugehen und die Folgen seiner Handlungen zu bedenken.
Das Publikum war begeistert und am Ende gab es lang anhaltenden Beifall und Standing Ovations für die Akteure. Es lohnt sich sicher, dieses Handlungsballett noch einmal anzusehen.
Rambo mit Heiner Müller zu kreuzen, klingt zunächst gewagt. Doch Klaus Gehre findet erstaunliche Parallelen zwischen Müllers „Zement“ und dem ersten Rambo-Film. Beide Hauptfiguren sind Kriegsheimkehrer, die plötzlich von den eigenen Leuten als Gegner gesehen werden. Freunde von Gehres vorheriger Arbeit „Minority Report“ dürfen sich freuen, denn auch „Rambo plusminus Zement“ wird ein Live-Film werden. Eigentlich war die Premiere geplant am 07. Februar, aber aufgrund eines technischen Defektes wird sie am 17. Februar um 20 Uhr stattfinden.
Die Hauptgeschichte handelt von Gleb Tschumalow, der als Soldat für die Rote Armee in der Oktoberrevolution kämpfte. Nach dem Sieg möchte Tschumalow, dass die neue sozialistische Gesellschaft aufgebaut wird, mit all ihren utopischen Ideen. Doch die Realität lässt die Utopie in der Bürokratie ersticken. Ähnlich ergeht es John Rambo, der vom Vietnam-Trauma gezeichnet, in die Kleinstadt Hope kommt. Doch statt Hoffnung (Hope) wird er von den Menschen, auf dessen Seite er in Vietnam gekämpft hat, misshandelt.
Wer „Minority Report“ von Gehre in der vergangenen Spielzeit gesehen hat, kann sich erneut auf einen Live-Film mit vielen Miniaturwelten freuen. Etwa 15 von diesen kleinen Welten erzeugen dann auf der Leinwand den Eindruck, dass die Besucher einen Film schauen. „Es wird kein Feel-Good-Stück“, sagte der Regisseur zu den Unterschied zu „Minority Report“. „Große Teile der Geschichte sind tragisch. Es ist eher eine Art ‚Being John Rambo“.
Was will ich oder wohin will ich? Wo finde ich das Glück? 13 Personen, die meisten unbegleitete jugendliche Flüchtlinge, nahmen die Zuschauer mit auf eine Reise ins Glück. Zusätzlich wurden sie von sechs Musikern begleitet. „Sugar Snap paradise“ heißt das Stück, das am 04.02.2016 im Theater im Depot Premiere hatte und vom Ensemble Labsa realisiert wurde.
Spielfreude, Improvisationsfähigkeit und Musikalität. Die dreizehn Spielerinnen und Spieler zeigten, unterstützt von einer gut aufgelegten Band, ihre künstlerischen Fähigkeiten.
Das skurrile Stück über eine Reise auf einen fernen Planeten, um das Glück zu suchen, spiegelt ihre eigene Geschichte. Auch sie kommen aus verschiedenen Ländern, um in Deutschland das Glück zu suchen. Doch was ist das Glück?
Die Spielszenen sind sind kurz und abwechslungsreich und bieten allen Mitmachenden eine gute Möglichkeit, ihr Können einzubringen. Ein gelungenes und kurzweiliges Stück.
Kann sich ein Mensch von seiner Religion lösen? Oder sehen ihn die Mitmenschen immer noch als Muslim, Christ, Hindu, Jude? Ist er immer noch verantwortlich für das, was seine Ex-Religion tut oder nicht tut? In dem intensiven Kammerstück „Geächtet“ von Ayad Akhtar in der Inszenierung von Kay Voges dreht sich alles um die Frage, wie schwer es ist, aus dem Schubladendenken zu entkommen. Die zweite Premiere im Megastore schafft es, ein punktgenaues Kammerspiel in der großen Halle zu kreieren.
Das Stück von Akthar handelt vom erfolgreichen Anwalt Amir und dessen Ehefrau und Künstlerin Emily. Zum gemeinsamen Abendessen haben sich das befreundete Ehepaar Isaac und dessen Frau Jory eingefunden. Jory arbeitet in der gleichen Kanzlei wie Amir. Eine kleine Rolle spielt Abe (Merlin Sandmeyer), der Neffe Amirs. Wer jetzt an „Der Gott des Gemetzels“ von Yasemine Reza denkt, der liegt nicht ganz falsch. Auch wenn „Geächtet“ über mehrere Monate spielt, ist doch das gemeinsame Essen der dramaturgische Höhepunkt.
Amir (Carlos Lobo) hat es geschafft. Der Sohn pakistanischer Eltern hat es als Einwanderungskind zum Anwalt in einer guten Anwaltskanzlei geschafft. Seine Religion hat er ad acta gelegt und fühlt sich eher der USA verpflichtet als seinem Heimatland, das er sogar verleugnet. „Mein Vater ist in Indien geboren, nicht in Pakistan. Pakistan gab es 1946 noch nicht“. Im Gegensatz zu Amir ist seine Frau Emily (Bettina Lieder) seit einiger Zeit in einen Islam vernarrt und zwar aus ästhetizistischen Gründen. Die politische und soziale Komponente des Islams versucht sie zu negieren oder zu verharmlosen. So entstehen schon einige Konflikte mit Amir, der auch die dunklen Seiten des Islams von seinem Elternhaus kennt.
Das zweite Ehepaar Isaac (Frank Genser) und Jory (Merle Wasmuth) wirkt im Vergleich ein wenig blass und konstruiert. Isaac, der Kurator, ist Jude und offensichtlich eher in Emily verknallt, als in ihre Bilder, was auch letztendlich das Fass zum Überlaufen bringt. Jory ist extrem opportunistisch, denn anstatt sich mit Amir solidarisch zu erklären, sie kommt als Schwarze ebenfalls aus schwierigen Verhältnissen, setzt sie ihre Karriere in der Kanzlei auf Amirs Kosten fort.
Schweinefleisch und Wein? Angepasst im „american dream“ bis ins kleinste Detail? Amir bekommt keine Chance. Man steckt einfach Menschen in Schubladen. Schublade „Muslim“ auf und Amir rein. Amir hat sich von seiner Religion losgesagt? „Du hast einen Selbsthass auf den Islam“. Amir möchte weiter Karriere machen in einer jüdischen Anwaltskanzlei? Ob man jemand vertrauen kann, der seiner Frau zuliebe einem Imam im Gefängnis unterstützt hat?
Letztendlich wird Amir das Stigma „Moslem“ nicht los, weil weder Emily noch Isaac oder Jory in ihm einen Menschen sehen, sondern nur eine Projektionsfläche für ihre Bedürfnisse. Die Abschlussszene ist eine Art Tribunal. Hier wird Amir vor allem von seinem Neffen Abe mit den Trümmern seines Lebens konfrontiert. Durch das Scheitern von Amir wird Abe radikalisiert. „Wenn schon du keine Chence bekommt, was soll ich dann tun…“
Kay Voges‘ Inszenierung beginnt mit einem Kniff. Alle Darsteller sind als Albinos mit weißer Haut und roten Augen geschminkt. Das verhindert nicht nur die Problematik mit einem eventuellen Blackfacing von Jory, sondern macht auch deutlich, dass trotz optischer Gleichheit tief im Inneren Vorurteile lauern. Dass das Stück von der ersten Sekunde fesselt, liegt am feinen Zusammenspiel von Lobo, Lieder, Genser, Wasmuth und Sandmeyer. Komplettiert wird das Ganze von einer feinen Videoarbeit von Mario Simon und der Musik von Tommy Finke.
Das Stück hat nicht nur wegen den Diskussionen um die Flüchtlingspolitik eine große Aktualität, es beschäftigt sich auch mit der Frage: Sind wir bereit den Menschen zu akzeptieren wie er ist ohne ihn in Schubladen zu stecken? Unbedingt ansehen!
Ein Christ, ein Jude und ein Moslem diskutieren über Moral und Religion. Doch anders als bei Lessings Parabel „Nathan der Weise“ bleibt bei „Geächtet“ von Ayad Akhtar nach 9/11 kein Platz für Friede, Freude, Eierkuchen. Das Setting ist ähnlich wie bei Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“: Zwei Ehepaare, aufgeklärt und kultiviert, unterhalten sich nett beim Abendessen, bis die Sprache auf den 11. September kommt. Die Premiere ist am 06. Februar um 19:30 Uhr im Megastore.
Zwei typisch New Yorker Ehepaare: Amir, ein Anwalt mit pakistanischen Wurzeln, seine Frau Emily, eine Künstlerin, ist weiß und protestantisch und Isaac, amerikanischer Jude und Kurator mit seiner Frau Jory, eine Schwarze. Alle liberal und aufgeklärt, bestes Bildungsbürgertum. Doch schnell dringt in diese Gesellschaft die Abgründe der Kulturen und Religionen. Wie gehen wir mit verschiedenen Kulturen um, ist laut Regisseur Kay Voges die Kernfrage des Stückes. Welche Unterschiede gibt es, welche Gemeinsamkeiten.
Doch ganz bierernst wird das Ganze nicht ablaufen, denn die verbalen Schlachten auf der Bühne haben natürlich auch etwas Komödiantisches. Wo wir bei der Bühne sind: Das Kammerspiel wird ja in einer großen Halle gezeigt. Die Bühne wird also nicht breit, sondern lang sein. „Ein Gefühl, als ob man bei einem Tennisspiel zuschaut“, so Kay Voges. Auch wenn die Konflikte durch das Bühnenbild abstrahiert werden, das Stück wird ein schönes Beispiel für die Freunde nuancierter Schauspielkunst werden, verspricht Voges.