Wenn der Zilpzalp zweimal ruft

Zivilisationsmenschen treffen auf die Natur (Bild: © Theaterwerkstatt im Depot)
Zivilisationsmenschen treffen auf die Natur (Bild: © Theaterwerkstatt im Depot)

Großstadtmenschen in der Natur. Wenn Idealismus auf die Realität trifft, gibt es schon mal Wunden, ob körperlich oder seelisch. Bei „#n.a.t.u.r.2.0“, dem neuen Stück der Theaterwerkstatt des Theaters im Depot unter der Regie von Barbara Müller, bilden acht bzw. neun völlig unterschiedliche Charaktere eine Zwangsgemeinschaft, die im Chaos versinkt. Ein Premierenbericht vom 17. Juni 2016.

Die Geschichte: Acht Teilnehmer eines VHS-Kurses wollen eine Woche in der freien Natur (über)leben, unterwegs treffen sie auf eine verirrte junge Dame, die eigentlich zu einem Luxus-Beauty-Wochenende unterwegs war. Doch die Begegnung mit der Natur ist voller Tücken.

Das Stück präsentiert eine Vielzahl skurriler Typen: Eine der Leiter ist ein Rüdiger-Nehberg-Typ, der den Leuten erklärt wie sie in der Natur auf die Toilette gehen können (mit Spaten), die zweite Leiterin ist Therapeutin und versucht die Gruppe mit „sprechenden Bildern“ und ähnlichen Dingen auf ihr Ziel zu lenken. Dazu gibt es den Büromenschen, die spirituelle Sucherin, die Pilzsammlerin, die Waldkindergarten-Geschädigte, die Social Media Fanatikerin, die fesche Naturfreundin sowie die Beautyqueen, die sich verlaufen hat.

Auch wenn die Figuren grob geschnitzt sind und ihre „Spleens“ quasi bis zum Ende durchhalten, das Stück ist voller Komik, denn man kennt solche Typen ja irgendwo her, sei es aus dem Bekanntenkreis oder den Medien. Allein schon das gemeinsame Aufbauen der Zelte sorgte für große Lacher im Publikum, denn wer selbst schon einmal probiert hat, so ein Zelt aufzubauen, weiß welche Tücken sich dabei verbergen können.

Die Gruppendynamik steigert sich vom ersten Abend über die erste Nacht (jede/r hat seine kleinen Geheimnisse) bis zum nächsten Morgen. Immer surrealer werden die Situationen, in die die Gruppe hinein gerät. Erst zum Schluss löst sich das Ganze in einer überraschenden Weise auf.

Die Bühne kombiniert Echtholz mit Fake-Weihnachtsbäumen und Stofftieren. Sie bietet ein ideales Setting, zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit und passt ideal zum Titel des Stückes.

Insgesamt bleibt mir nur noch allen Beteiligten für diese wunderbare Produktion zu gratulieren. Es wäre ungerecht, irgendjemand aus dem Ensemble hervorzuheben, alle haben sichtbar viel Spaß und Energie in das Stück gesteckt. Wer sich 90 Minuten gut unterhalten lassen möchte, der sollte die Chance am 23. Juni 2016 auf jeden Fall nutzen und um 20 Uhr ins Theater im Depot gehen.




Impro-Spaß im Studio

Am Mittwoch, den 15.06.2016 war es wieder einmal so weit. Die Theaterpartisanen, der Jugendclub im Dortmunder Schauspiel luden unter der Führung von Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak zur Improshow in das Studio des Schauspielhaus Dortmund.

Die vier weiblichen und fünf männlichen Theaterpartisanen zeigten wieder ihr Improvisationstalent. Eine wichtige Übung für den Schauspielnachwuchs.

In verschiedenen Impro-Spielen sind Schlagfertigkeit und Einfühlungsvermögen gefragt. Wie zum Beispiel „Parkbank“, bei dem sich ein Theaterpartisan auf einen Stuhl setzt und einem Partner mit einer unerwarteten Situation konfrontiert.

Die „Improshow“ möchte aber auch das junge Publikum für Improvisation und Theater begeistern. Deshalb werden besonders junge Zuschauer animiert, sich aktiv am Programm zu beteiligen. Eingreifen ist erwünscht.

Schon vor Beginn der Vorstellung wird das Publikum gebeten, für das „Zettelspiel“ Begriffe auf Zettel zu schreiben. Die Theaterpartisanen müssen dann später während dieses Spiels die auf dem Boden liegenden Zettel aufnehmen und deren Begriffe in ihr Spiel integrieren.

Die Schülerinnen und Schüler einer anwesenden Schulklasse zeigten sich an diesem Abend nur zu Anfang zurückhaltend und schüchtern. Später tauten sie auf und machten mit Eifer mit.

Ein interessantes Projekt, was hoffentlich viele junge Menschen Mut macht, sich dem Theater zuzuwenden und sich eventuell selbst einmal Schauspieler zu werden.




Herzschmerz kennt kein Alter

Sehnsucht und Verlangen. Vier Mitglieder des Ensembles bei der Probe. (Foto: © Anke Sundermeier)
Sehnsucht und Verlangen. Vier Mitglieder des Ensembles bei der Probe. (Foto: © Anke Sundermeier)

Bei der neuesten Produktion des Seniorentanztheaters „Lechts und Rinks kann mann(n) nicht velwechsern“ nach einem Gedicht von Ernst Jandl, handelt vom Leben als Zufall und dem Zufall, der zum Leben wird. Die Premiere fand am 11. Juni 2016 im Ballettzentrum Dortmund statt.

Trotz des Namens ist das Ballettzentrum im Westfalenpark Dortmund ein eher ungewöhnlicher Ort für die Aufführung des Seniorentanztheaters. Aber die Bühne des Schauspielhauses, sonst Ort der Inszenierungen, stand nicht zur Verfügung, so dass man ausweichen musste. Das hatte den Vorteil, dass die Besucher die Tänzerinnen und Tänzer fast hautnah erleben konnten.

Die Themen des Stückes waren zeitlos: Das Verlieben, das sich wieder trennen, verzweifelte Versuche, den Partner wieder zu bekommen. Hier standen zwei Paare im Mittelpunkt, bei der sich der Mann in die Frau des zweiten Paares verliebte und letztendlich zwei verletzte Menschen zurückließ. Aber auch die Frage wurde behandelt: Wie verschafft man sich im Alter wieder Lust auf Sex?

Stilistisch wurden den Mitgliedern des Seniorentanztheaters einiges abverlangt: Neben kleinen Choreografien gab es Ausflüge zum Tango und in den höfischen Tanz. Alles wurde vom Choreografen Mark Hoskins entwickelt.

Sehr humorig wurde ein Westernduell zwischen Männern und Frauen dargestellt, die sich bei Musik von Ennio Morricone mit Handküsschen duellierten.

Am 17. und 19. Juni gibt es noch die Möglichkeit, sich das Stück im Ballettzentrum anzuschauen. Mehr Infos unter www.theaterdo.de




Die Natur, das unbekannte Wesen

Noch sind alle frohen Mutes. (Foto: © Sonja Berkemann)
Noch sind alle frohen Mutes. (Foto: © Sonja Berkemann)

Das Motiv ist nicht neu: Großstadtmenschen, die es in die Natur verschlägt. In Filmen entweder als Katastrophe („Beim Sterben ist jeder der Erste“, 1972) oder oft als Komödie („Trouble ohne Paddel“, 2005) dargestellt. Regisseurin Barbara Müller hat sich mit ihrer Theaterwerkstatt am Theater im Depot für letzteres entschieden und schickt bei „#N.A.T.U.R.2.0“ Teilnehmer eines VHS-Kurses in den Wald. Die Premiere ist am 17.06.2016 um 20 Uhr im Theater im Depot.

Zivilisationsmüde Menschen gegen die freie (und Wilde) Natur. Welche Tücken hat ein Aufenthalt im Freien, ohne Handyempfang und andere Tücken mit großen und kleinen Tieren. Das Stück beschreibt die ersten beiden Tage des geplanten einwöchigen Aufenthaltes fernab der Zivilisation. Die Leiter Alex und Regine merken schnell: Es läuft nicht so wie geplant.

Das Stück präsentiert skurrile Menschen wie die spirituelle Sinnsucherin oder den Rüdiger-Nehberg-Typen, denn Selbstversorgung ist Pflicht auf dem Trip. Die bunte, unfreiwillige Zusammenstellung bietet eine Menge komödiantisches Potential.

Die Theaterwerkstatt wird seit zehn Jahren von Barbara Müller gleitet. Dabei hat sich das Ensemble durchaus verändert. „Ich finde es schön, dass immer wieder neue Leute und Charaktere hinzukommen“, so Müller. Die vorherige Produktion der Theaterwerkstatt war „Und immer wieder die Zeit“.

Die weiteren Termine sind: 18.06. (20 Uhr), 19.06. (18 Uhr) und 23.06.2016 (20 Uhr).




Getanzte amerikanische Popkultur

Andy Warhol oder Jimmy Hendrix – Ikonen der amerikanischen Popkultur wurde beim Gastspiel „Absoluut America“ von Introdans am 09. Juni 2016 tänzerisch oder musikalisch gehuldigt. Die Choreografinnen Karole Armitage, Lucinda Childs, Jennifer Muller und Choreograf Robert Battle zeigen jeweils einen komplett verschiedenen Stil.

Das Stück „Dance“ (Lucinda Childs) bekam eine multimediale Dimension. Auf einer Leinwand wurde das Original von 1979 eingespielt und die Tänzerinnen und Tänzer agierten daneben live und synchronisierten die Choreografie. So verschmolzen Film und Livetanz zu einem einzigen Werk.

Danach wurde in „Warhol“ (Karole Armitage) das Leben des berühmten Künstlers vertanzt. Die Kostüme waren poppiger als die weißen in „Dance“. Warhol war als Figur auf der Bühne tänzerisch zugegen und auch der Anschlag auf ihn wurde thematisiert.

Nach der Pause kam es in „Three“ von Robert Battle zum „Hahnenkampf“ zwischen drei Männern. Durch schnelle, kraftvolle Bewegungen stachelten sie sich zu immer waghalsigeren Figuren auf.

Punkig wurde es dann bei „GoGo Ballerina“ von Jennifer Muller. Ein kleiner Seitenhieb auf den Künstler Jeff Koons erlaubte sich Muller, als eine Tänzerin mit unzähligen Ballons in den Haaren die Bühne betrat. Neben kleinen Pas de deux wurde das Stück im laufe der Zeit immer intensiver beim Tanz, auch hierbei vergaß man nicht, sich ein wenig auf die Schippe zu nehmen.

Als Umbaupause wurde zwischen dem ersten und dritten Stück ein kurzer Film gezeigt. Beide drehten sich um die Choreografin Childs.




Movie Stars ihrer Jugendzeit

Die Beteiligten des Seniorenclubs 60+ bei der Probe. (Foto © Schauspiel Dortmund)
Die Beteiligten des Seniorenclubs 60+ bei der Probe. (Foto © Schauspiel Dortmund)

Die acht jung gebliebenen Akteure vom Seniorenprojekt 60+ am Schauspiel Dortmund widmeten sich unter der Leitung von Theaterpädagogin Sarah Jasinszczak unter dem Titel „Movie Star“ den Lieblingsfilmen und Schauspielern ihrer Jugendzeit. Im Institut des Schauspiel Dortmund stellten sie am 09. Juni 2016 ihre ganz individuellen Lieblingsschauspieler und Filme und deren besondere Bedeutung und Persönlichkeit vor.

Das Institut war liebevoll mit Zeitungsausschnitten der Schauspieler und Schauspielerinnen geschmückt und auf dem Tresentisch prangte ein kleines goldenes Bambi. Die Filmschätze wurden in Form einer Bambi-Preisverleihung humorvoll vorgestellt.

Ein witziger Einfall zu Anfang: Felicitas Foegen stellte ihrer Lieblings-Schauspielerin Liselotte Pulver (Das Wirtshaus am Spessart) als „Bild der Frau-Reporterin“ Fragen und Heinrich Fischer antworte als Liselotte Pulver. Fischer begeisterte vor allem die selbstbewusste direkte Art von Lilo Pulver. Das ansteckende Lachen wurde durch Filmausschnitten auf der Leinwand belegt.

Annegret Albert begeisterte sich für „Doktor Schiwago“ mit Omar Sharif und Julie Christie. Da konnte man bei den langen Einstellungen und Szenen in Emotionen schwelgen.

Helga Brinkmann Hempel verfiel dem vor-weihnachtlichen zu Herzen gehenden Rührstück „Der kleine Lord“ mit Alec Guiness. Tröstlich, dass Menschen sich verändern können.

Johst Bernd Henseler , gekleidet im Hauptmann-Kostüm, zeigte sich beeindruckt von der Schönheit und dem Glamour der „Sissy-Filme“ und erzählte von der vielschichtigen Persönlichkeit der Romy Schneider.

Der erkrankte Rainer Kirchner konnte seinen Lieblingsfilm „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Heinz Rühmann nicht selber vorstellen. Der für Ton/Licht/Video zuständige Tolga Güclü antwortete der schwärmenden Inge Nieswand aus dem Hintergrund.

Inge Nieswand selbst wurde durch den Antikriegsfilm „Die letzte Brücke“ mit Maria Schell, Barbara Rütting und Bernhard Wicki zu ihrem politischen Engagement angeregt.

Zu der Kategorie Anti-Kriegsfilm gehörte auch der Vorschlag von Heinrich Fischer „08/15“ mit Joachim Fuchsberger, von dessen Persönlichkeit, interessantem Leben und Karriere er berichtete.

Als Befreiung vom bürgerlichen Mief und Verlogenheit schätzte Beate Cassau „Die Reifeprüfung“ mit Dustin Hoffmann (und Anne Bancroft).

Bei allen unterschiedlichen Vorlieben konnten sich am Ende alle auf den Vorschlag von Ursula Fehlberg „Pretty Woman“ mit Julia Roberts als kleinsten gemeinsamen Nenner einigen.

Die Vorstellung überzeugte mit einer gelungenen Mischung aus Tanz-Choreografien, interessanten Hintergrunderzählungen zu Schauspielern und Filmen, kurzen Filmausschnitten und Musik-Einlagen wie „Movie Star“ von Harpo. „Mrs. Robinson“ (Simon & Garfunkel) der als Abschluss „Pretty Woman“. Das Ganze garniert mit Humor und Spielfreude der Beteiligten.




Beeindruckendes Flüchtlingsprojekt

Elias singt über den Verlust seines Freundes. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Elias singt über den Verlust seines Freundes. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Mit „Say it loud – Stories from the brave new world“ hatte am 03.06.2016 ein bemerkenswertes Projekt mit Flüchtlingen (ab 14 Jahren) im Dortmunder Kinder-und Jugendtheater Premiere.

In Kooperation mit dem VMDO, Grone Bildungszentren NRW gGmbH, Haus der Vielfalt, Adlerhaus Dortmund arbeiteten Regisseur Andreas Wrosch, Theaterpädagogin Inga Waizenegger und mit Hilfe des Sprachcoaching von Dr. Ulrike Eichenauer seit August 2015 zusammen mit zunächst 17 damals frisch in unserer Stadt gestrandeten Flüchtlingen aus 5 verschiedenen Ländern.

Von diesen 17 Flüchtlingen wagten sich letztendlich zwei junge Mädchen und sieben junge Männer auf die Bühne. Das beweist ihre starke Persönlichkeit trotz ihrer traumatischen Erlebnisse und schwierigen Lebensbedingungen.

Mit einem Symbolischen pochenden Herzschlag begann die Aufführung, dann Musik und acht der Flüchtlinge kriechen aus ihren Schlafsäcken und Zelten. Auf der Bühne befinden sich acht flexibel einsetzbare Euro-Paletten, wo sie sich hinsetzen oder hinstellen können.

Oamile, Firas, Iman, Elias, Mamet, Ekrem, Osama, Ayam und Mohamad erzählten von ihrem Leben vor der Flucht, ihre Träume und Sehnsüchte, ihre Traurigkeit und Hoffnungen. Neben den anschaulichen Spielszenen und Erzählungen wurde die Aufführung durch Musik, Tanzeinlagen und akrobatischen Kunststücken aufgelockert. Eindrucksvoll berührende Lieder voll trauriger Melancholie wurden in der Heimatsprache gesungen und auf einer Leinwand projiziert in deutscher Sprache für das Publikum übersetzt.

Die neun Menschen kamen aus fünf verschiedenen Ländern (Nordsyrien, Mazedonien, Kosovo, Palästina und Marokko). Im Mittelpunkt stand die schreckliche Situation in den zerstörten Städten in Syrien, wo Assad (unterstützt von Russland und dem Iran ) einen Krieg gegen das eigene Volk führt, im Mittelpunkt. Unter die Haut gingen die authentischen Berichte über Folter, Armut, Angst und Hoffnungslosigkeit. Bilder der völlig zerstörten Stadt Homs waren auf der Leinwand zu sehen.

In Saudi Arabien, Katar, Jordanien oder Libanon gab es keine Hoffnung auf Aufnahme. So führt sie ihr Weg nach Europa. Nur ein System aus Bestechung führt sie dort hin.

Das Publikum bekam auch Einblicke in das strenge Schulwesen in Syrien, wo sich Schüler mit „kleinen Gefälligkeiten“ Erleichterung und bessere Behandlung durch die Lehrer erkaufen können.

An ihre emotionalen Grenzen kamen die aus Syrien geflüchteten jungen Männer, als sie von ihren getöteten Verwandten und Freunden sprachen, deren Bilder auf der Leinwand zu sehen waren.

Am Ende hatten die Flüchtlinge Fragen zu den Ängsten der Menschen in Deutschland und eine eindringliche Bitte an das Publikum und die Politiker.. Helft mit, die Fluchtursachen wie Krieg und Not zu beseitigen! Alle lieben ihre Heimat und wollen eigentlich so schnell wie möglich zurück.

Der Projektleiter Wrosch und Theaterpädagogin Waizenegger gaben noch ein paar Anekdoten über die teils schwierige, aber auch lustige Zusammenarbeit mit den Flüchtlingen zum Besten.

Wie wichtig das Projekt auch von der Stadt Dortmund gesehen wird , zeigte die Anwesenheit von Oberbürgermeister Ullrich Sierau, der vor der Aufführung „DORTBUNT“-Anstecker verteilte.

Werbung für mehr ein wenig mehr Verständnis für die Flüchtlings-Ursachen auf einer direkten, persönlichen Ebene.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten sie unter www.theaterdo.de




Flüchtlingsprojekt „Say it loud“

In Kooperation mit dem Verbund sozial-kultureller Migrantenvereine e.V. Dortmund (VMDO), – Grone Bildungszentren NRW gGmbH, Haus der Vielfalt und Adlerhaus Dortmund hat das Kinder-und Jugendtheater ein besonderes Projekt ins Leben gerufen. Bei der Premiere von „Say it loud – Stories from the brave new world“ am Freitag, den 03.06.2016 um 19 Uhr, nehmen im Augenblick zehn Jugendliche und junge Erwachsene aus dem Norden von Syrien, Mazedonien, Kosovo, Palästina und Marokko teil. Es geht um ihre persönlichen Fluchtgründe und Traumata, ihre Wünsche sowie Erfahrungen in Dortmund. Neben dem ernsten Hintergrund soll aber auch die humorvoll-ironischen Momente nicht zu kurz kommen.

Andreas Gruhn, Direktor des KJT, verriet im Vorgespräch, dass die Idee zu einem Flüchtlingsprojekt schon vor zwei Jahren angedacht wurde. Also noch vor dem massiven Zustrom im seit dem letzten Jahr aufgrund der verheerenden Krisen und Kriegssituation in vielen Teilen der Welt. Seit August 2015 gab es dann erste Kontakte zu den verschiedenen Kooperationspartnern und Flüchtlingen. Die Menschen sind immer noch die selben Menschen. Die Situation in den Ländern hat sich nicht geändert. Wir wollen den einzelnen Menschen mit ihren Wünschen, Ängsten und Hoffnungen Raum für ihre Geschichten geben“, so Gruhn. Dabei geht es um Kommunikation ohne Anspruch auf einfache Lösungen.

Ümit Koşan (VMDO) wies darauf hin, dass dieses Projekt den Flüchtlingen die Möglichkeit einer sinnvollen Beschäftigung und Auseinandersetzung mit ihrer Situation bietet. Wichtig ist dabei die gemeinsame Arbeit an einem Projekt von Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund. Eine Fortsetzung dieser Zusammenarbeit und Öffnung des KJT für Flüchtlinge ist geplant, fügte Gruhn hinzu.

Der Projektleiter und Regisseur Andreas Wrosch lobte die Unterstützung der Stadt. Mit dabei sind seit Anfang zwei Sprachlehrer, darunter Dr. Ulrike Eichenauer. „Die zur Zeit zehn jungen Menschen aus fünf verschiedenen Ländern sprechen inzwischen so verständlich Deutsch, dass wir sie authentisch möglichst ohne Übersetzung sprechen lassen wollen“, so Wrosch.

Mit leichtem Schmunzeln spricht er von der Schwierigkeit für die Flüchtlingen, notwendigerweise pünktlich zu den Proben zu erscheinen.

Ernster wird er, als es um den schwierigen Umgang mit zum Teil auch schwer traumatisierten Menschen geht. „Die jungen Leute bekommen ja über ihre Smartphones und Handys mit, wie schlecht es ihren Angehörigen in der Heimat geht“, weiß der Projektleiter. Von den anfänglich siebzehn Teilnehmen sind zur Zeit nur noch zehn beidem Projekt dabei. Leider keine mehr aus Eritrea und dem Irak.

Wichtig bei der Arbeit ist uns deshalb immer, zwischendurch zu lachen“, erklärte Theaterpädagogin Inga Waizenegger. Es geht bei dem Stück nicht darum , schockierende „Betroffenheitsbilder“ zu zeigen, sondern um Verständnis und Kontakt.

Wir planen auch eine Partnerschaft mit ähnlichen Projekten in Frankreich (Calais), Schweden und eventuell in Portugal. Im September 2016 geht es zunächst nach Calais“, verriet Gruhn zum Schluss. Dann könnte sich zeigen, ob Europa nur eine Wirtschafts- und Währungsgemeinschaft ist, oder uns auch humanistische Ideale verbinden.




Road-Movie in die Walachei

Am 20.05.2016 war im Kinder-und Jugendtheater Premiere für „Tschick“ nach dem Jugendbuch von Wolfgang Herrndorf unter der Regie von Andreas Gruhn. Der Direktor des KJT inszenierte das Stück mit Einsatz von modernen Medien. So wurden Filmsets und Miniaturkulissen auf drei verschiebbare Leinwände projiziert. Die Protagonisten Maik und Tschick machen schließlich einen Video-Blog über ihre „Ferien-Tour“. Auf der Bühne stehen nur wenige Requisiten, wie etwa eine Zinn-Badewanne.

Maik Klingenberg, 14-jähriger Sohn eines Immobilienmaklers und einer alkoholkranken Mutter aus Berlin-Marzahn erzählt im Rückblick von seinem bisherigen Leben als „Langweiler“ oder wahlweise „Psycho“. Oberflächlich wird die Fassade durch den zu Gewaltausbrüchen neigenden Vater aufrecht erhalten. Die Mutter wird offiziell ab und zu auf Urlaub in eine „Beauty-Farm“ zum Entzug geschickt, während der Vater sich mit seiner „Assistentin“ vergnügt.

So auch wieder zu Ferienanfang. Maik bekommt Geld in die Hand gedrückt und wird alleine gelassen. Gerade jetzt, wo er verzweifelt ist, weil Klassenschönheit Tatjana ihn, wie auch den neuen Mitschüler Tschick, einen schon öfter als Kleinkriminellen aufgefallenen „Assi-Russen“ (sowie nur noch den „Nazi“) nicht zu ihrer Geburtstagsfete eingeladen hat.

Plötzlich steht Tschick, mit einem „geborgten“ Lada vor der Tür und überredet Maik zu einer Ferientour in die Walachei, wo sein Großvater wohnt. Es beginnt eine wild-romantische , interessante Reise durch die brandenburgische Landschaft. Sie treffen einige skurrile Menschen, und am Ende bekommen die beiden Jugendlichen ein anderes Verhältnis zur Natur und Maik lernt durch die „Streunerin“ Isa die Liebe kennen…

Es ist eine typische „Coming of Age“ Geschichte vom Erwachsen werden, sexueller Identitätsfindung, Wunsch nach Abenteuer sowie Freiheit und Selbstbestimmung. Lockere Sprüche verdecken Einsamkeit und Unsicherheit.

Die Wandlung von Maik vom unsicheren „Langweiler“ bringt Philip Pelzer humorvoll-ironisch auf die Bühne. Thorsten Schmidt überzeugt als vordergründigen „Macho-Typen“ mit coolen Sprüchen und „weichem Kern“, Talisa Lara als lebenskluges starkes junges Mädchen.

Lara hatte genau wie Bettina Zobel (Mutter) und Rainer Kleinespel (Vater) die große Herausforderung, mehrere Rollen und verschiedene Charaktere zu spielen. Es war schon erstaunlich, wie schnell sie sich nicht nur umziehen konnten, sondern auch wie auf „Knopfdruck“ in die andere Personen verwandeln konnten. Die Gewaltneigung des Vaters und die Alkoholkrankheit der Mutter wurden eindringlich dargestellt.

Die Musik spielte eine untergeordnete Rolle. Neben rockigen Klängen, wie z.B. von den „White Stripes“ begleitete die Reisenden die romantischen Klänge auf einer im Auto gefundenen Kassette von Richard Claydermann.

Der Aufführung gelang eine gute Balance zwischen Humor, Ironie auf der einen Seite, und leise Sensibilität vor allem bei Entwicklung der Freundschaft der beiden Protagonisten und der zarten Liebesgeschichte zwischen Maik und Isa und dessen Beziehung zu seiner Mutter.

Die starke Leistung des Ensembles wurde am Ende mit Standing Ovations belohnt.

Nähere Informationen zu weiteren Terminen dieser Aufführung unter : www.theaterdo.de




Theatrale Rituale

Mit dem Stück „Die Messe“ führt artscenio, unter der Leitung von Rolf Dennemann, nach „Missing Link“ das Publikum weiter in Richtung archaisches Theater. In der Verbindung zwischen Tanz und Schauspiel finden sich die Zuschauer in einer surrealen Messe wieder, deren Rituale sich an religiösen Praktiken anlehnt, aber einer klaren Zuordnung verweigert. Die Premiere ist am 27. Mai 2016 um 20 Uhr im Theater im Depot.

Was erwartet den Besucher? Das Stück inszeniert eine Messe, in der vielleicht manches bekannt vorkommt, aber theatral aufbereitet und liturgisch verfremdet wird. „Es ist kein Gottesdienst“; stellt Dennemann aber sofort klar. „Das Publikum soll nicht aktiv machen.“ Dennoch werden eifrige Kirchengänger sicher das eine oder andere Deja-vu-Erlebnis haben, denn das lautmalerische Sprechen, das besondere Licht und die spezielle Musik sind auch Elemente, die in Gottesdiensten oder anderen rituellen Handlungen vorkommen.

Eine wesentliche Funktion haben die Schauspielerin Elisabeth Pleß, die schon in verschiedenen Produktionen von artscenico mit dabei war. Für die Tänzerin Lim Huynijn ist es die artscenico-Premiere. Dazu kommt Gesang aus dem Publikumsraum von Patricia Bailey mit Chor und selbst Kampfsportelemente dürfen nicht fehlen.

In Gottesdiensten herrscht meistens ein heiliger Ernst vor, den möchte Dennemann aber vertreiben. „Das Stück ist nicht frei von Humor, das geht bei mir auch gar nicht anders.“