Das Duell der Königinnen

Nein, es ging nicht um ein Schachspiel, auch wenn eine weiße und eine schwarze Königin im Mittelpunkt standen. Das Stück ist nach „Die letzte Königin“ und „Die letzte Königin 2“ der dritte und abschließende Teil von Nanas Königinnen-Trilogie. Es stellte starke weibliche Persönlichkeiten schwarzer und weißer Hautfarbe gegenüber – jedoch ohne eine eindeutige Siegerin. Die Aufführung, die am 28. Februar im Theater im Depot in Dortmund stattfand, war eine spannende Mischung aus Theater, Spiel, Musik und Videokunst.

Historische Königinnen im Wettstreit

Die kamerunische Regisseurin Édith Nana und die deutsche Performerin Kerstin Pohle verkörperten mächtige, historische Frauenfiguren – die eine afrikanisch, die andere europäisch. Wobei „Königinnen“ nicht ganz zutreffend ist; „Persönlichkeiten“ beschreibt die Vielfalt der dargestellten Figuren besser. Begleitet wurden sie vom kamerunischen Mvet-Spieler François Alima und dem deutschen Videokünstler Nils Voges (sputnic). Gemeinsam entfalteten sie eine multimediale und philosophische Reise, die Traditionen, Vorbilder und Konzepte von Identität kritisch hinterfragte.

In der ersten Runde traten Aura Poku und Hildegard von Bingen gegeneinander an. Während Hildegard von Bingen den meisten bekannt sein dürfte, sei hier ein kurzer Blick auf Aura Poku erlaubt: Auch bekannt als Abla Pokou oder Abra Pokou, war sie eine aschantische Prinzessin und Begründerin des Königreichs Baulé (heute Elfenbeinküste) im 18. Jahrhundert. Der Legende nach musste sie ihr Kind opfern, um einen Fluss zu überqueren.

Kerstin Pohle (links) und Édith Nana. (Foto: (c) Nils Voges)
Kerstin Pohle (links) und Édith Nana. (Foto: (c) Nils Voges)

In der zweiten Runde verkörperte Édith Nana die angolanische Herrscherin Nzinga Mbande, während Kerstin Pohle in die Rolle Maria Theresias schlüpfte. Nzinga Mbande (auch bekannt als Königin Nzinga oder Njinga von Ndongo und Matamba) war eine bedeutende politische Figur des 17. Jahrhunderts, bekannt für ihre diplomatische Klugheit und ihren Widerstand gegen die portugiesische Kolonialherrschaft.

In der dritten und letzten Runde standen sich Sojourner Truth und Annette von Droste-Hülshoff gegenüber. Sojourner Truth war eine US-amerikanische Abolitionistin und Frauenrechtlerin und die erste schwarze Frau, die einen Prozess gegen einen weißen Mann gewann.

Wenn die Regeln in Frage stehen

Nach der dritten Runde wurde das Spiel abgebrochen – trotz der Aufforderung der künstlichen Intelligenz (KI) weiterzumachen. Beide Spielerinnen waren nicht mehr bereit, sich den Regeln zu unterwerfen. Dabei kam die Frage auf, warum die weiße Spielerin nur die weißen Figuren spielen durfte und nicht die schwarzen. Wäre das „kulturelle Aneignung“, wie die KI insistierte?

Diese Diskussion ist nicht neu und beschäftigt die Kulturbranche schon länger. In alten Western etwa wurden indigene Rollen oft von Weißen gespielt, und auch die Besetzung der Meerjungfrau „Arielle“ durch eine schwarze Schauspielerin sorgte für Debatten.

Das Stück entwickelte sich schließlich zu einem eindringlichen Plädoyer: Es rief dazu auf, sich starke Frauenpersönlichkeiten zum Vorbild zu nehmen – unabhängig von ihrer Hautfarbe.




Ausbruch zum Menschsein – Sepidar Theater

In der neuen Produktion des Sepidar Theaters „Ich werde Tier sein“, die am Freitag im Theater im Depot Premiere hat, verhandelt die Gruppe die Fragen der menschlichen Existenz. Was macht den Menschen zum Menschen? Was macht das Tier zum Tier? Und wie unterscheidet sich der Mensch vom Tier in einer Welt, die Menschen nicht mehr als Individuen sieht?

Eine dystopische Szenerie

In einem fast dystopisch wirkenden Bühnenraum hängen Plastikplanen von der Decke, sie bedecken den Boden, sie grenzen ein, sie verhüllen und verstecken unter sich zwei Körper, die das Publikum erst nach und nach wahrnimmt. Das Zuschauerlicht geht aus, Sounds ertönen, und die Körper beginnen sich zu bewegen. Sie kriechen unter den Planen hervor, kämpfen sich aus ihrem Versteck und beginnen mit ihrer Arbeit.

Sepidar Theater (Foto: Jonathan Zipfel)
Sepidar Theater (Foto: Jonathan Zipfel)

Die Bewegungen der Performer sind mechanisch, routiniert, fast wie in einer Fabrik. Ein stetiger Rhythmus von Arbeit und Pausen, unterbrochen nur von dem schrillen Gong der Pausenglocke, der sowohl Erleichterung als auch Unbehagen mit sich bringt. Wie in einer endlosen Schleife wiederholen sich die Handgriffe, die immer gleiche Tätigkeit – das Packen von Plastik, das Zubinden von Tüten. Der Körper wird zur Maschine, zum Ding, das sich in einem System bewegt und nichts anderes verlangt als Leistung. Es sind vor allem diese starren und eintönigen Abläufe, die in Erinnerung bleiben, und die verzweifelte Standhaftigkeit der arbeitenden und performenden Körper.

Mamadoo Mehrnejad und Bahareh Sadafi liefern eine überzeugende Performance, wenn sie sich körperlich vollkommen, mit scheinbar nie enden wollender Energie in diese wiederholenden, fast animalisch wirkenden Bewegungen werfen, Plastikplanen in Plastiktüten packen und sie wieder ausleeren. Es scheint kein Ausbrechen aus diesen Strukturen möglich zu sein – vielmehr werden die Körper davon vereinnahmt, sie werden geradezu von der Routine verschluckt, scheinbar unbemerkt von der anderen Person. Gleichzeitig schaffen die Planen aber auch eine Distanz, denn der Zuschauer sieht den Arbeitsablauf zunächst nur hinter dem Vorhang als Schattenspiel. So bleibt ein Abstand zu Gefühlen und Gewissen – wir nehmen nur einen Schatten von dem, was passiert, wahr, ohne es wirklich zu erkennen.

Wiederholungen als Spiegel der Gesellschaft

An diesem Abend sehen wir viele Wiederholungen: Wiederholungen von Bewegungen, von Routinen, von Sounds, von Pausen, von Strukturen und von Erzählungen. Und die Wiederholung des Gefühls: Wo soll das hier hingehen? Der Abend – aber vielleicht auch wir als Menschen? Denn die Muster, die wir hier sehen, sind zwar künstlerisch aufgearbeitet, in ein mattes Licht gehüllt und von live-produzierten Sounds unterlegt, aber es sind Muster, die wir kennen. Einfache Metaphern für komplexe Systeme.

Was wir an diesem Abend beobachten können, ist die Blaupause einer kapitalistischen Gesellschaft, die durch Hierarchie und Machtdemonstration funktioniert – durch Wiederholungen in Strukturen und Narrativen. Es ist anstrengend zu beobachten, weil es so erschreckend real ist. Und es entsteht der Wunsch nach einem finalen Ausbruch, einer Störung der Routinen in diesem Kampf bis aufs Blut.

Begleitet wird die Performance von einer Stimme von oben (aus dem Off?): Sie erzählt, sie informiert, sie gibt Anweisungen. Wer diese Stimme ist – Gott, ein Engel oder das System? – bleibt unklar, aber ihre Macht ist spürbar. Es ist eine Stimme von oben, die kontrolliert und der gefolgt wird.

In einer eindrucksvollen Szene fordert die Stimme den Menschen immer wieder zur Opferung eines Schafes auf. Die Szene erinnert an die biblische Geschichte von Abraham, der von Gott auf die Probe gestellt und angewiesen wurde, seinen Sohn Isaak zu opfern, im letzten Moment aber von einem Engel davon abgehalten wird. Es könnte sich um die Folgegeschichte handeln, denn statt Isaak wird ein Schaf geopfert – oder auch nicht, denn die Stimme von oben kann sich nicht entscheiden. Sie ist nicht zufrieden mit der Erzählung, mit den Worten, mit dem Ablauf. Immer wieder wiederholen Mensch und Schaf die Bewegungen, das Ziel bleibt immer die Opferung, doch der Weg und die Ansprache verändern sich.

Dieser Abend ist ein Abend der Routine. Die Bewegungen der Performenden auf der Bühne werden unterstützt von den live produzierten Sounds von Amir Reza Edalat Nobarzad. Es entstehen keine Lücken, keine Brüche, sondern ineinanderfließende Erzählungen. Der Abend liefert beeindruckende Bilder, er ist inhaltlich und ästhetisch rund, und doch lässt er die Zuschauer*innen mit Fragen zurück: Können wir aus diesem System ausbrechen? Wie können wir mehr als die Schatten erkennen? Wie kämpfen wir gegen die Stimme von oben? Und wie werden wir alle Mensch?

Judith Grytzka




Balletterlebnis voll expressiver Dynamik und Emotionen

Im Dortmunder Opernhaus feierte der Ballettabend „Dips“ anlässlich des zehnten Jubiläums des NRW Juniorballetts am 22. Februar 2025 seine Premiere. Es war zugleich die letzte Premiere, die Ballettintendant Xin Peng Wang seinem Publikum präsentieren durfte. Das NRW Juniorballett wurde von ihm 2014 ins Leben gerufen. Seitdem erhalten jeweils zwölf vielversprechende Ballett-Talente die Chance, ihr professionelles Können weiterzuentwickeln und sich als zukunftsweisende „Tanzbotschafter Dortmunds“ weltweit zu präsentieren.

Bevor die jungen Tänzerinnen und Tänzer an diesem Abend ihr Können zeigten, wurden sie von Dorothee Feller (Ministerin für Schule und Bildung NRW) gebührend gewürdigt, die ihre Vorbildfunktion für junge Menschen betonte. Sie hob hervor, wie wichtig ein geförderter Zugang zu Tanz und Kultur für alle Kinder ist – unabhängig von Herkunft und sozialem Hintergrund. Auch Ute Mais (3. Bürgermeisterin von Dortmund) unterstrich eindringlich die gesellschaftliche Bedeutung kultureller Teilhabe.

In einem kurzen Film berichteten einige aktuelle und ehemalige Mitglieder des NRW Juniorballetts von der prägenden Wirkung dieser zweijährigen „Kaderschmiede“ auf ihre persönliche Entwicklung und die Möglichkeiten für ihre weitere Karriere.

Vielschichtige Choreografien mit emotionaler Tiefe

Als ersten „Dip“ erlebte das Publikum die moderne Uraufführung von „Drama Class“ des israelischen Choreografen Nadav Zelner. Das Stück thematisiert den Umgang mit traumatischen und schmerzhaften Erlebnissen. Oft sind es die kleinsten Alltagsdetails, die uns nach langer Zeit in der Dunkelheit schließlich wieder das Licht finden lassen. Unterschiedliche Musikrichtungen begleiteten das Geschehen und verstärkten die emotionale Wirkung.

Das NRW Juniorballett. Foto: (c) Leszek Januszewski
Das NRW Juniorballett. Foto: (c) Leszek Januszewski

Die Bühne war in düsteres Licht getaucht, und die Tänzerinnen und Tänzer traten in futuristisch schwarzen Kostümen auf. Zelner integrierte zu Beginn des Stücks expressiven Gesang, der die emotionale Intensität noch verstärkte. Mit eindringlicher Körpersprache und geräuschhaften Elementen machten die Tänzerinnen und Tänzer den inneren Schmerz greifbar. Erst am Ende der Choreografie erschien die ersehnte Helligkeit als Symbol der Hoffnung.

Es folgte „Blushing“ unter der Choreografie von Marco Goecke. Inspiriert vom Erröten in unangenehmen Situationen, verleiht diese Arbeit emotionalen Zuständen durch eine moderne Bewegungssprache und vielseitige musikalische Begleitung Ausdruck. Dieser „Dip“ schließt thematisch an den ersten an, wirkt jedoch weniger düster und schafft mit seinen feinsinnigen Bewegungen einen spannenden Kontrast.

Mit „Saturn“ (in Reminiszenz an „Paradiso“) führte das NRW Juniorballett gemeinsam mit Mitgliedern der Hauptcompany das Publikum in die unendlichen Weiten des Universums. Unter der Choreografie von Xin Peng Wang thematisiert das Stück die Sehnsucht nach einem „himmlischen Paradies“ – einem Ort des Schutzes, des Friedens und grenzenloser Möglichkeiten. Die neoklassisch geprägten Bewegungen waren weich und fließend, begleitet von sphärischen Hintergrundprojektionen und dem eindrucksvollen Musiksound des Ensembles 48nord.

Ein hoffnungsvoller Ausblick auf eine Zukunft voller unbegrenzter Möglichkeiten.

Weitere Informationen zu den Aufführungsterminen erhalten Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222.

 




Listen, Listen, überall Listen – Wir sind noch nicht fertig

Für die einen ist eine To-do-Liste ein Fluch: Es gibt Rechnungen zu bezahlen, E-Mails zu beantworten und einen Papierstapel auf dem Schreibtisch, der aussieht wie der Eiffelturm in Kleinformat. Und irgendwo zwischen „endlich mal Sport machen“ und „Oma anrufen, bevor sie mich enterbt“ steht noch der Wunsch, ein Musikinstrument zu lernen und fünf Bücher zu lesen.

Für die anderen ist die To-do-Liste ein Segen: Für Menschen wie mich, die mit Konzentrationsschwierigkeiten oder ADHS zu kämpfen haben, sind To-do-Listen nicht nur ein nützliches Werkzeug, sondern oft ein Rettungsanker. Während das Gehirn in alle Richtungen gleichzeitig sprintet – von „Was wollte ich gerade machen?“ zu „Oh, ein Eichhörnchen!“ – hilft eine Liste, den Tag zu strukturieren und den Fokus zu bewahren.

Die Tanzwerkstatt KOBI unter der Leitung von Birgit Götz hat am 15.02.25 und 16.02.25 im Theater im Depot mit Wir sind noch nicht fertig ein kleines Tanztheaterstück auf die Beine gestellt, das diese täglichen Routinen aufs Korn nimmt.

Zwischen Alltagsstress und großen Lebenswünschen

Schon zu Beginn waren die 13 Tänzerinnen in ihrer täglichen Routine gefangen: Aufstehen, sich fertigmachen, frühstücken, zur Arbeit fahren, nach Hause kommen – kurz gesagt: die To-do-Liste abarbeiten. Die Choreografien verdeutlichten eindrucksvoll den Unmut über den eintönigen Tagesablauf.

Erledigte Aufgaben oder unerfüllte Wünsch? (Foto: www.freepik.com)
Erledigte Aufgaben oder unerfüllte Wünsch? (Foto: www.freepik.com)

Dann gibt es noch die Liste der Wünsche: Was möchte eine Person im Leben noch erreichen? Die Weltreise? Eine Fremdsprache lernen? Und wann werden diese Wünsche unerfüllbar? Ich denke dabei an folgende Liedzeilen:

Dein Leben dreht sich nur im Kreis
So voll von weggeworfener Zeit
Deine Träume schiebst du endlos vor dir her
Du willst noch leben irgendwann
Doch wenn nicht heute, wann denn dann?
Denn irgendwann ist auch ein Traum zu lange her

(„Kein Zurück“, Wolfsheim)

Am Ende wurden die Zuschauer:innen selbst involviert: Manche mussten ihre Wünsche für eine Bucket List oder „Löffelliste“ aufschreiben.

Ein Requisit hatte eine besondere Bedeutung: das Pausenbrot – oder hier im Ruhrpott das „Bütterken“. Für mich symbolisierte es eine Pause von der Routine.

Mit dabei waren: Karin Brindöpke, Claudia Dortschy, Marie Ebmeier, Bettina Escher, Birgit Frese, Susanne Grytzka, Juliane Kath, Katharina Schlüter, Heike Schwensow, Sybille Teunissen, Barbara Timmer-Kahl, Maria Wagener, Ulrike Wiggermann.




Zwischen Nordpol und Südpol: Ein Kind zwischen Fürsorge und Vernachlässigung

Mit dem Stück Südpol.Windstill von Armelia Madreiter unter der Regie von Franz Maria Hoffmann hat sich das Dortmunder Kinder- und Jugendtheater (KJT) einem brisanten, oft schamhaft verdrängten Thema angenommen: dem Leben von Kindern in dysfunktionalen Familienstrukturen und prekären Wohnverhältnissen. Die Premiere fand am 14. Februar 2025 im Skelly (KJT) statt.

Eindrucksvoll war die Bühnenausstattung mit einer hellen Kachelwand im Hintergrund und einem vollständig in weißes Glitzertuch gehüllten Innenraum. Links stand ein dreistufiges Treppengestell mit einer Mikrowelle ganz oben, rechts ein Kühlschrank.

Sensibel und ernsthaft, zugleich humorvoll und voller Lebenskraft, stellte die Inszenierung das zehnjährige Mädchen Ida (stark gespielt von Annika Hauffe) in den Mittelpunkt. Ida ist fasziniert vom Nord- und Südpol und träumt davon, Polarforscherin zu werden. Sie liebt die Ruhe und Weite der Polarregionen. Das Publikum erfährt, dass dieses Interesse auch mit Idas Mutter zusammenhängt, mit der sie in einem riesigen Wohnkomplex lebt. Diese liegt oft depressiv auf dem Sofa und trinkt viel Alkohol. An diesen „Nordpol-Tagen“ ihrer Mutter kümmert sich Ida um Haushalt und Mutter, wobei sie aus Rücksicht auf deren psychische Erkrankung absolut leise sein muss. Damit die schwierige Situation zu Hause nicht auffällt, verheimlicht das Kind seine Lage. Halt und Unterstützung findet Ida nur bei ihrem imaginierten besten Freund, dem Polarforscher Robert Falcon Scott (humorvoll dargestellt von Rainer Kleinespel). Gemeinsam planen sie Expeditionen und lösen Kreuzworträtsel, wobei Kleinespel eine gute Portion Humor ins Geschehen bringt.

Ein Alltag zwischen Extremen

Doch es gibt auch die „Südpol-Tage“: Dann ist die Mutter gut gelaunt, interessiert sich für ihre Tochter und übernimmt Verantwortung – so, wie es eigentlich sein sollte. Für Ida fühlt es sich an, als hätte sie zwei völlig verschiedene Mütter. Es wird angedeutet, dass es sich um eine bipolare Störung handelt, begleitet von Alkoholmissbrauch.

Südpol.windstill: Rainer Kleinespel (Robert Falcon Scott), Annika Hauffe (Ida)(c) Birgit Hupfeld
Südpol.windstill: Rainer Kleinespel (Robert Falcon Scott), Annika Hauffe (Ida)
(c) Birgit Hupfeld

Als Ida den zwölfjährigen Ari kennenlernt, der aus einer großen Familie stammt und einen ruhigen Platz für seine astronomischen Forschungen sucht, gewinnt sie einen echten Freund. Ari (kongenial gespielt von Thomas Ehrlichmann) gibt Ida nicht nur Lebenskraft, sondern auch neue Einsichten und Hoffnung.

Lange trägt Ida einen Brief der Schule mit sich herum, aus Angst, er könne schlechte Nachrichten enthalten und ihre Mutter beunruhigen. Die Mutter braucht schließlich oft Stille. Doch irgendwann muss der Brief geöffnet werden …

Erstaunlich ist, welche Ausdruckskraft die fantasievolle Nutzung einfacher Gegenstände wie Blechdosen oder Kacheln in dieser Inszenierung entwickelt. Annika Hauffe als Ida gewährt dem Publikum tiefe Einblicke in das Seelenleben eines Kindes, das trotz widriger Umstände Willenskraft, Fantasie und Mut zeigt – und die Bedeutung von Freundschaften, in denen man sich öffnen kann.

Atmosphärisch und mit viel Feingefühl wurde die Aufführung musikalisch von Murphy Martyna Baginski begleitet.

Weitere Aufführungstermine finden Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/5027222




Theater als Raumschiff: Das interaktive Theatergame „TARA“

Die Idee klingt faszinierend: Alle Bewohner:innen fliegen in riesigen Generationsraumschiffen ins All und lassen ihren Heimatplaneten zurück, damit er sich regenerieren kann. Nach ihrer Rückkehr wollen sie es besser machen als zuvor. In Anna Kpoks neuem Theatergame TARA – There Are Real Alternatives wird das Theater im Depot zum Raumschiff TARA 3. Die Premiere fand am 7. Februar 2025 statt.

Interaktives Spiel oder zäher Einstieg?

Die Besatzung an diesem Abend bestand aus rund 25 Personen, die in Untergruppen aufgeteilt wurden. Zu Beginn konnte jede:r Teilnehmer:in zwei Ideenkarten auswählen; meine Karten lauteten „Recht auf Sterbehilfe“ und „Alles ausprobieren“. Anschließend führten sogenannte Hosts uns in einen Raum mit „Hinterlassenschaften der vergangenen Generation“. Hier begann der zäheste Teil des Abends: 30 Minuten Zeit, um sich Gedanken zu den unkommentierten Objekten zu machen und dadurch Karten zu tauschen. In einem echten Computerspiel hätte es sicherlich hilfreiche Zusatzinformationen gegeben.

Der Bordcomputer von TARA 3 leitete uns auf die Theaterbühne, wo jede:r eine Karte auswählen und in Kleingruppen die Vor- und Nachteile dieser Idee diskutieren sollte. Für Menschen, die Theater eher als passives Erlebnis verstehen, war diese Situation vermutlich ungewohnt.

Der Bordcomputer von TARA 3 führt die Teilnehmer:innen durch das Stück. (Foto: (c) Anna Kpok)
Der Bordcomputer von TARA 3 führt die Teilnehmer:innen durch das Stück. (Foto: (c) Anna Kpok)

Nach einer Pause in der Theaterbar ging es weiter. Die Zuschauer:innen konnten eine Karte abgeben und mit der anderen Allianzen bilden oder Unterstützer:innen finden. Später wurden alle Ideen gesammelt, und jede:r durfte drei Bohnen auf die favorisierten Konzepte verteilen. Am Ende wurden sieben Ideen ausgewählt.

Ideale und Realität

Die Ideen klangen vielversprechend: „Recht auf freie Transportmittel“, „Wohnen für alle“, „völlige Transparenz“ und weitere. Doch in der realen Welt würden sich wohl erneut Gruppen bilden, die ihre eigene Idee für die wichtigste halten und sich gegenseitig bekämpfen.

Doch genug Pessimismus: TARA richtet sich an Menschen, die ungewöhnliche Theaterformen lieben und bereit sind, aktiv mitzuwirken — sei es durch Diskussionen oder die Vorstellung „ihrer“ Idee. Persönlich hätte ich mir mehr „Game“ im „Theatergame“ gewünscht. Der erste Teil hätte gestrafft oder durch zusätzliche Informationen angereichert werden können. Das Stück dauert insgesamt 150 Minuten, inklusive einer Pause.

Mitwirkende auf der Bühne: Josephine Hock, Kathrin Ebmeier, Omar Guadarrama, Pia Wagner.

Regie und Konzept: Anna Kpok (Emese Bodolay, Gabor Bodolay, Kathrin Ebmeier, Kirsten Möller, Kristin Naujokat, Klaas Werner), Josephine Hock, Omar Guadarrama, Pia Wagner.




Die Gruseltour – Dunkle Geheimnisse im Schauspielhaus

Ja, das Schauspielhaus besitzt so viele dunkle Labyrinthe, dass durchaus das „Phantom der Oper“ hier einen Zufluchtsort gefunden hätte. Schließlich wurde 1904, an dem Ort, wo sich das Schauspielhaus jetzt befindet, die Dortmunder Oper eröffnet. Das Schicksal meinte es jedoch nicht gut mit ihr, denn bereits 1943 wurde sie bei einem Bombenangriff weitgehend zerstört. Noch heute befinden sich tief unter dem Schauspielhaus Mauern und Gänge aus jener Zeit, die wie stumme Zeugen vergangener Tage wirken.

Auf der „Gruseltour“ durch diese finsteren Gänge war ars tremonia am 06. Februar 2025 bei der Generalprobe mit dabei. Als Schauspieler waren Ekkehard Freye und Marlena Keil mit von der Partie, unterstützt von Mitgliedern des Jugendclubs.

Schon seit längerer Zeit gibt es sogenannte Grusellabyrinthe, in denen Besucher:innen durch ein möglichst schauriges Haus gehen und von „Erschreckern“ in Angst und Schrecken versetzt werden. Die erste Phase der Tour begann ähnlich: Ekkehard Freye führte uns durch die düsteren Gänge und erzählte zunächst von abergläubischen Praktiken im Theater – ein geheimnisvolles Thema, das den Anwesenden bereits einen leichten Schauer über den Rücken jagte.

Marlena Keil und Ekkehard Freye begleiten uns auf ihrer gruseltour. (Foto: (c) Jonas Fromme).
Marlena Keil und Ekkehard Freye begleiten uns auf ihrer gruseltour. (Foto: (c) Jonas Fromme).

Doch dann wurde es ernst: Theaterbrände. Freye, begleitet von Marlena Keil, berichtete von schrecklichen Katastrophen wie dem verheerenden Ringtheaterbrand in Wien 1881, bei dem mindestens 384 Menschen starben, oder dem Brand in Chicago, bei dem 605 Menschen ums Leben kamen. Man konnte fast den Rauch riechen und die Schreie der Verzweifelten hören.

Geschichten über die Vergangenheit des Hauses

Auch zur Geschichte des Dortmunder Theaters seit 1904 lieferte Freye spannende Informationen. Der Höhepunkt der Tour war der Besuch unterhalb der Drehbühne, die wie ein okkulter Raum gestaltet war. Flackerndes Licht und die bedrückende Atmosphäre ließen den Ort wie eine Szene aus einem Hexenritual wirken. Selbstverständlich durfte das „verfluchte schottische Stück“ – Macbeth – nicht unerwähnt bleiben, dessen drei Hexen für Unheil berühmt sind.

Zum Abschluss wurden die Besucher:innen nach draußen geführt und durften sich mit einem Reinigungsritual (Salz) von den Flüchen und bösen Einflüssen befreien.

Wer das Theater und seine Geschichten liebt, sollte auf jeden Fall am 21. Februar oder am 01. März jeweils um 19:30 Uhr dabei sein. Ein wenig Grusellabyrinthatmosphäre, zwei herausragende Schauspieler und die engagierten Mitglieder des Jugendclubs runden die etwa einstündige Erfahrung ab.

Mehr Infos unter www.theaterdo.de




Malinches Echos: Jenseits einer einzigen Geschichte

Das Performancekollektiv schall&kreck kehrt mit einem beeindruckenden multimedialen Stück im Solo-Format zurück auf die Bühne.
Pauli Nafer
27.01.2025

Nach dem Performance-Parcours what the fem? (2023) bringt schall&kreck mit der deutsch-nicaraguanischen Elisa Marschall als Performerin eine neue Arbeit auf die Bühne: In vier Aufführungen in Düsseldorf und Dortmund rufen sie Malinche und ihr ambivalentes Vermächtnis ins Gedächtnis.

Malinche: Eine zentrale Figur der kolonialen Geschichte

Präsent mit vielen verschiedenen Namen wird diese Frau des indigenen Nahua-Volkes als zentrale Figur der kolonialen Geschichte Lateinamerikas und der Karibik angesehen. Durch ihre Verbindung zu den spanischen Eroberern wurde Malinche zum Symbol des Mestizaje, eines kolonialen Kastensystems, das indigene und afrikanische Wurzeln verdrängte und bis heute die nationale Identität in Ländern wie Mexiko prägt.

Trotz der Vielschichtigkeit ihrer Geschichte wird Malinche nur auf zwei Lesarten reduziert: die der Verräterin und die des stummen Opfers. Das Performancekollektiv schall&kreck hinterfragt beide Perspektiven und legt die Vorurteile sowie die Gewalt offen, die seit Jahrhunderten auf indigene und weibliche Körper projiziert und ausgeübt werden.

Malinches Echo: Ein lebendiges Vermächtnis

Mehr als ein Mythos der Vergangenheit spricht Malinches Echo von jemandem, der noch lebt. Sie bricht unvermittelt und widersprüchlich in andere Räume ein: Sie wohnt in abfälligen Liedern, in der literarischen Figur der romantischen Liebe, in fortbestehenden Stereotypen und spiegelt ein weitergegebenes Trauma, das unauslöschliche Spuren im Erleben der Körper hinterlässt.

Auf der Bühne reisen die Echos von Malinche durch Zeit und Raum. Manchmal scheint ihre Stimme mit ihrem Echo zu verschmelzen, manchmal ihr Echo mit der Stimme von Elisa Marschall – der Performerin, die mit beeindruckender Leichtigkeit zwischen präzisen choreografischen Sequenzen, zurückgenommenen Gesten und heftigen, abrupten Erschütterungen wechselt, die den Raum mit intensiver Spannung füllen. Kostüme, Medienkunst und Sounddesign begleiten diese Aktionen nicht nur, sondern umhüllen sie und verschmelzen mit ihnen, eingebettet in ein Ritual, das von innerer Transformation und Erneuerung erzählt.

Marschall nimmt das Publikum auf eine biografische Reise mit, in der Körper und Stimme eine Vielzahl von Identitäten und einen existenziellen Schock erfahrbar machen. Ihre Stimme ist stark. Der Körper ist zugleich vertrautes und fremdes Territorium. Die Erinnerung verwischt die Grenzen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Gesten wie das Flechten der eigenen Haare oder das Sich-selbst-Einflechten wecken die introspektive Suche nach Heilung und beschwören das Verlangen herauf, im eigenen Körper einen Raum zu finden, in dem die eigene Existenz möglich wird.

Malinche: Eine zentrale Figur der kolonialen Geschichte steht im Mittelpunkt.
Malinche: Eine zentrale Figur der kolonialen Geschichte steht im Mittelpunkt.

Ein globales Regime der Gewalt

Die Botschaft ist klar: Es gibt viele Malinches. Indigene Frauen, Heilerinnen, Kämpferinnen, weychafescimarronas, Verteidigerinnen der Territorien, Aktivistinnen, Queere, Freie, Hexen. Während in Abya Yala – eine von indigenen Völkern und dekolonialen Feminismen zurückgeforderte Bezeichnung für den amerikanischen Kontinent – koloniale Gewalt gegen indigene Frauen ausgeübt wurde, verbrannte man zur gleichen Zeit in Europa Frauen als Hexen. Dieses globale Regime der Gewalt gegen Frauen offenbart eine gemeinsame Unterdrückung, die zeitliche und geografische Grenzen überschreitet.

Zwischen Tanz und medialer Inszenierung verliert dieses Solo seinen Charakter als reine Einzelperformance, sobald verkörperte Erinnerung und der Ruf des Kollektivs in das Geschehen eindringen. Jede Szene erscheint als Akt des Widerstands gegen dominante Erzählungen, binäre Verständnisse und die Simplifizierung historischer Komplexitäten. Malinche wurde oftmals zu einer einzigen Geschichte reduziert – zur Stärkung bestimmter Identitäten, Marginalisierung indigener und schwarzer Lebenswelten und Vereinfachung diasporischer Wege. Mit solchen Darstellungsweisen gilt es in Malinches Echo zu brechen.

Die Performance wurde gezielt für intime Theaterräume entwickelt. Sie verbindet Fragmente auf Deutsch, Spanisch und – in kleinerem Umfang – Náhuatl, die sich nahtlos zu einem mehrsprachigen Gewebe zusammenfügen. In dieser Auffassung werden feministische Kämpfe gewürdigt, und Malinche bleibt als Figur offen, näher bei uns, als wir denken, und lädt dazu ein, einen neuen Mythos zu erträumen, der den alten überwinden kann.




Szenische Forschungsreisen

Fast schon traditionell zu Beginn des Jahres öffnete Jens Heitjohann, der künstlerische Leiter der freien Spielstätte in der Dortmunder Nordstadt, nun bereits zum dritten Mal seine Pforten für eine unterhaltsame und spannende Werkschau von Studierenden des Masterstudiengangs „Szenische Forschung“ an der Ruhr-Universität Bochum. Es herrscht fast so etwas wie Jahrmarktsatmosphäre, denn nicht nur die Bühne wird bespielt, sondern ebenso das Foyer und ein Studio. Zum Auftakt werden am ersten Tag insgesamt neun Projekte vorgestellt. Hans-Peter Krüger besuchte am 24. Januar 2025 den ersten Tag, Michael Lemken berichtet über den zweiten Tag.

Es gibt Installationen, Performances und szenische Anordnungen, in denen es darum geht – wie es auf der Website des Studiengangs heißt – „mittels spielerischer, spekulativer oder subversiver Entwürfe Aspekte der Wirklichkeit zu entdecken und erfahrbar zu machen, die dem Alltag und den Wissenschaften gleichermaßen verborgen bleiben.“ Herausgekommen sind dabei neun unterhaltsame, spannende und auch verstörende Ausflüge in die vielfältige Landschaft performativer Künste: szenische Forschungsreisen, die formal und inhaltlich die Grenzen traditioneller Theaterformen bisweilen auf überraschend kurzweilige Weise überschreiten.

Persönliche und partizipative Projekte

Fast schon programmatisch schreibt Carolin Pfänder gleich zu Beginn ihrer etwa 60-minütigen Performance „Comfort Binge Watching mit Allerliebst“ mittels Overheadprojektor an die Wand: „Ich darf nicht Theater spielen.“ Was folgt, ist eine sehr persönliche, autobiografische Auseinandersetzung der Künstlerin mit Versagensängsten, Furcht vor Fehlern und seelischer Überforderung. Aber C., wie sie sich kurz nennt, hat eine Strategie dagegen: Sie schaut Serien, die, immer nach dem gleichen Muster produziert, ein verlässlicher Anker für das angeschlagene Seelenschiff sind und die Hoffnung auf die heilende Wirkung von Wiederholungen nähren.

Unterfüttert wird diese Performance durch Filmausschnitte von Serien wie „Gilmore Girls“, „Friends“ oder „Big Bang Theory“ sowie durch wissenschaftliche und literarische Texte, die an die Wand projiziert werden. Am Ende formuliert C. schließlich auch so etwas wie eine Sehnsucht: „Wenn es ein Wort für das Gegenteil von Einsamkeit gäbe, wäre das genau das, was ich will im Leben.“ Eine nachdenkliche, in seiner Dichte manchmal überfordernde, aber doch nie langweilige, verstörende szenische Forschung zum Thema Depression, an deren Ende sie voller Zuversicht an die Wand schreibt: „Ich darf Theater machen.“

Experimantal Toppings:  Alina Mathiak in ihrem Versuch, in die Welt ihres Vaters einzutauchen.
Experimental Toppings: Alina Mathiak in ihrem Versuch, in die Welt ihres Vaters einzutauchen.

Im Foyer sind die Grenzen zwischen Bühne und Publikum aufgelöst. Mitmachen ist angesagt. In Judith Grytzkas partizipativer Installation „Die Ordnung der Dinge“ stehen die Besucher anfangs vor einer Kiste mit unzähligen kleinen Dingen. Daneben stehen zwei leere Setzkästen mit der Anweisung: „Bitte sortieren.“ Es dauert nicht lange, und alle legen tatsächlich Hand an, suchen und verteilen, diskutieren Ordnungsprinzipien, um dann festzustellen, dass Ordnung für jeden etwas anderes ist.

Zum Sortiermaterial gehört auch eine Fotobox mit unzähligen Bildern von mehr oder weniger aufgeräumten Regalen, Schubladen und Schränken, die nach unterschiedlichen Ordnungsvorstellungen an die Wand geheftet, dann wieder neu aussortiert und umgruppiert werden. Einmal angefangen, fällt es einigen schwer, sich loszureißen von der Ordnungsarbeit an der Installation, die, wie ein Besucher treffend formuliert, einen „verführerischen Suchtcharakter“ in sich trägt.

Ungewöhnliche Performances und Installationen

Alina Mathiak und Melina Hylla haben eine Ecke des Foyers mit einem glitzernden Herzchenvorhang eingerichtet für eine Art Sprechstunde in Sachen Liebe. „Let’s talk about love“ heißt ihr Projekt, in dem sie in Einzelgesprächen Menschen bitten, ihre Gedanken, Fragen und Geschichten zu diesem Herzensthema zu formulieren. Und wenn sie keine Worte finden, können sie auch singen, Geräusche und Töne einsetzen oder einfach schweigen. All das wird aufgenommen und in einer Art Archiv zum Nachhören über die Liebe gespeichert, denn an Liebe, da sind sich die beiden Performerinnen sicher, mangelt es in der Welt.

Inspiriert von Mark Rothkos Gemälde „Orange Red Yellow“ hat Nooshin Seifi im Studio 1 einen Tisch mit orangenen und gelben Tischdecken geschmückt. Rote Servietten verbergen noch das Geschirr. Es wird aufgefordert, Platz zu nehmen und die Servietten zu entfernen. Zum Vorschein kommen nicht etwa gleiche Teller und Löffel, sondern sehr verschiedene Behältnisse und Essbestecke.

Dann wird natürlich gelb-orangefarbene Suppe aus Kürbis und Möhren angeboten, und nacheinander erfolgen die Anweisungen: „Find a solution“, „Never give up“, „It’s never too late“. Eine Irritation gewohnter Vorstellungen setzt ein: Ein leicht verschobenes Setting lässt den üblichen Alltag in einem anderen Licht erscheinen. Die Auseinandersetzung mit ungewohnten Handgriffen lenkt den Gedankenstrom in neue Erzählperspektiven. Das Ergebnis ist eine lebhafte Kommunikation, wie man sie sich nach einer spannenden Theaterinszenierung wünscht.

Dzenny Samardzic nimmt uns mit in ein aus Kinderbettwäsche gestaltetes Märchenerzähler-Zelt. In ihrer Performance „Enti, Erna, Wummi & Co“ geht es um Kuscheltiere. Jeder Besucher darf sich aus einem großen Haufen eines aussuchen, bevor er auf weichen Kissen im Zelt Platz nimmt, um in anheimelnder Atmosphäre Geschichten zu hören, die von einem alten Cassettenrecorder abgespielt werden. Das unterstützt den märchenhaft-nostalgischen Charakter und bietet eine wunderbar ruhige, meditative Viertelstunde, in der die Erinnerungen an die eigene Kindheit und die damit verbundenen Gefühle lebendig werden.

„Zutun“ nennt F*Kemmether ihre aktiv herausfordernde Installation. Einzeln darf der Neugierige in ein kleines Versuchslabor eintreten, wo er aufgefordert wird, Reis, Haferflocken oder Leinsamen umzufüllen – aus Tüten in Gläser oder Plastikbehälter. Vor allem Aufmerksamkeit wird verlangt – nur nichts verschütten! Es geht um Sorgfalt, ruhige Planung und Genauigkeit und letztlich darum, mit den Kräften zu haushalten, was in einer allzu hektischen Welt oft vernachlässigt wird.

2026, so verspricht es Jens Heitjohann in seiner Eröffnungsrede, sollen die „Experimental Toppings“ wieder das Jahr im Theater im Depot eröffnen.

Ein Ruhepol zwischen Trubel und Kunst

Am zweiten Tag der „Experimental Toppings“ fand parallel im Depot der Nachtflohmarkt statt. Während sich in der Haupthalle die Menschen eng an eng durch die Stände drängten, blieb das Theater im Depot eine Art kleiner Ruhepol – ein Ort für ungewöhnliche und intensive künstlerische Erlebnisse.

Den Auftakt machte Johanna Sowka mit ihrer Performance „time jockey“ im Studio 1. Wie lange dauert die Reise eines Regentropfens von der Wolke bis zum Boden? Oder die rote Ampelphase vor meiner Haustür? Sowka misst Zeit und setzt sprachliche Punkte, die durch entstehende Loops von einer Kakophonie zu einem Rhythmus werden.

Persönliche Begegnungen und historische Spurensuche

Danach folgte eine Vater-Tochter-Produktion mit dem Titel „SPF“. Eine ungewöhnliche, aber sehr aufwändig und gelungen inszenierte Performance. Alina Mathiak, Künstlerin, und ihr Vater, Ralf Mathiak, Chemielaborant, stellten die Frage: Wie können Kunst und Wissenschaft miteinander in Verbindung bleiben?

Alina benutzte ihr altes Labormikroskop, mit dem sie als Kind ihrem Vater nacheifern wollte. Im zweiten Teil leitete ihr Vater Ralf das Geschehen: Die Zuschauer:innen durften verschiedene Sonnencremes testen und bewerten. Schließlich kehrte die Performance zurück zu Alina, die trotz ihrer frühen Kontakte zur Lebenswelt ihres Vaters keinen nachhaltigen Zugang dazu fand, da ihr Interesse schon früh auf die Kunst gerichtet war. Eine stille Frage blieb am Ende: Wie wird sich die Beziehung zu ihrem Vater weiterentwickeln?

Der dritte Beitrag des Abends stammte von der südkoreanischen Künstlerin Hakyung Kang und führte die Zuschauer:innen nach Guryongpo, ihre Heimatstadt. Unter dem Titel „When Nine Dragons Ascended“ setzte sich die Performance mit den kolonialen Spuren auseinander, die das kaiserliche Japan dort hinterlassen hat.

Neben einer „Japanischen Straße“ mit traditioneller Architektur standen die „Haenyeo“ im Fokus – sogenannte Seefrauen, die einst von der Insel Jeju nach Guryongpo kamen und noch heute als Taucherinnen Meeresfrüchte ernten. Doch Klimawandel und Verschmutzung haben die Bedingungen drastisch verändert, sodass mittlerweile vor allem Seeigel gesammelt werden. Viele dieser Taucherinnen sind inzwischen über 70 Jahre alt, doch ihre Arbeit zeugt von ungebrochener Stärke und Resilienz.




Dicht und doppelbödig

„Antigone“ von Sophokles/Schimmelpfennig feierte Premiere am Schauspiel Dortmund

Die „Antigone“ des griechischen Dramatikers Sophokles gilt gemeinhin als das klassische Drama um den Konflikt zwischen Staatsraison und Humanität und ist angesichts der gegenwärtigen Kriege in Europa und der Welt aktueller denn je. Roland Schimmelpfennigs Überschreibung des Dramas dient als Grundlage für die Spielfassung der Dramaturgin Marie Senf und der Regisseurin Ariane Kareev. Letztere stellt in ihrer gut durchdachten und soliden Inszenierung vor allem den Konflikt zwischen der Titelheldin und Kreon, zwischen männlichem Machtanspruch und weiblicher Rebellion in den Mittelpunkt. Herausgekommen ist dabei ein bildgewaltiger Abend mit zuweilen ein wenig opernhaft und pathetisch agierenden, gleichwohl hervorragenden Darstellern, einem sensationellen Sprechchor und zwei finnischen Artistinnen, was der Inszenierung nicht nur eine inhaltlich-ästhetisch spannende Ebene hinzufügt, sondern auch eine sehenswerte circensische Note verleiht.

Eine kraftvolle Bühne und überzeugende Darsteller

Schon der erste Eindruck ist gewaltig: Der Palast von Theben (Bühne: Nicole Marianna Wytyczak) ist gestaltet aus langen Tuchbahnen, die von der Decke hängen und wie rotmarmorierte Säulen aussehen – eine Szenerie, in der sich Hart und Weich zu einer symbolischen Verbildlichung des Konflikts zwischen Kreon und Antigone ergänzen. Wir blicken auf den Schauplatz eines soeben beendeten Krieges; der Boden dampft noch und ist heiß wie die Gemüter. Das alles ist kongenial untermalt von archaisch dröhnenden, bedrohlichen Sounds (Yotam Schlezinger).

Das Ensemble und der Dortmunder Sprechchor bei "Antigone". (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Das Ensemble und der Dortmunder Sprechchor bei „Antigone“. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Die Geschichte ist zweieinhalbtausend Jahre alt und weithin bekannt: Der Königssohn Polyneikes fühlt sich um sein Erbe am Reich geprellt und greift seine Vaterstadt Theben an. Eteokles, sein Bruder, verteidigt sie. Beide töten sich im Kampf, und das Unheil nimmt seinen Lauf, als ihr Onkel Kreon, der neue Herrscher, bei Todesstrafe verbietet, den Leichnam des Polyneikes zu bestatten. Antigone, die Schwester der beiden Toten, missachtet die Verordnung, bestattet ihren Bruder und bekennt sich öffentlich zu der Tat. Kreon lässt sie daraufhin lebendig einmauern. Doch der Widerstand gegen sein konsequentes Urteil formiert sich: Die eigene Familie, die Seherin und selbst das Volk ergreifen Partei für die Rebellin. Als Kreon verunsichert endlich nachgibt, ist es zu spät – am Ende sind alle um ihn herum tot.

Ekkehard Freye gibt den Kreon zunächst wunderbar als nassforschen, mediengewandten Politiker, der eloquent den Rechtsstaat repräsentiert. Linda Elsner als Antigone inszeniert sich nicht minder medienwirksam als Märtyrerin, die sich scheinbar vor dem Tod nicht fürchtet. Beiden Protagonisten folgt man hochinteressiert bei der Entwicklung ihrer Figuren, die nach und nach den sicher geglaubten Boden unter ihren Füßen verlieren. Auch alle anderen Rollen sind sauber gearbeitet und fügen sich nahtlos in den sehr klaren, dicht inszenierten Erzählprozess. Besonders erwähnenswert ist Alexander Darkow als Wächter, der auch den notwendigen Witz nicht vermissen lässt.

Spektakuläre Choreografien und eine starke zweite Ebene

Der Dortmunder Sprechchor ist so gut wie nie. Schlüssig und wirksam ist die Idee, ihn anfangs im Publikum zu platzieren, wodurch die Zuschauer selbst zum Volk von Theben und damit zu einem aktiven Teil des Geschehens werden. Und wie dieser wirklich auf den Punkt überschriebene Chortext inszeniert ist – ich wiederhole mich gern – ist eine Sensation: Auf höchstem Niveau präsent, präzise und wortgewaltig!

Besonders wird dieser Theaterabend durch die Erfindung einer zweiten Ebene. Bespielt wird sie akrobatisch von Anna und Minna Marjamäki, die als Polyneikes und „Spiegelantigone“ – so lesen wir im gut gemachten Programmheft – die „Sphäre der Toten verkörpern“. Gleich zu Beginn werden wir so zu Zeugen von Polyneikes’ verzweifeltem artistischen Versuch, sich aus dem Schattenreich zwischen Leben und Tod zu befreien. Höhepunkt all dieser sehenswerten akrobatischen Choreografien ist das ausdrucksstarke, wortlose Duett zwischen Hochseil und Boden von Antigone und ihrem Spiegel nach der Vollstreckung von Kreons Urteil. Diesen doppelten Boden als kommentierendes Element neben dem Chor zu installieren, erweist sich als bestechende Idee und rundet eine insgesamt sehr sehenswerte Inszenierung auf spektakuläre Weise ab.