Zwischen Lebenslust und Melancholie

[fruitful_alert type=“alert-success“]Jeder fragt sich, was erwartet einen am Ende des Lebens? Geht man mit erwartungsvoller Freude oder mit Angst? (Foto: © Seniorentanztheater)[/fruitful_alert]

Bei der Premiere von „KNOCKIN‘ ON HEAVEN‘S DOOR“ am 30.06.2017 im Ballettzentrum unter der Leitung von Barbara Huber und der Choreografie von Mark Hoskins zeigten die zweiundzwanzig Akteure (63 bis 81 Jahre alt) des Dortmunder Seniorentanztheaters nicht nur ihre körperliche Fitness, sondern bewiesen neben Humor vor allem Spaß an Tanz und Bewegung.
In einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft setzen sie sich mit einem brisanten Thema auseinander, was uns alle betrifft. Was kommt nach dem irdischen Leben und wie geht man seinen Ängsten und Hoffnungen um? „Das kann doch nicht alles gewesen sein“, frei nach Wolf Biermann.
Auf der Bühne steht eine blaue „Himmelspforte“ und zweiundzwanzig nummerierte Stühle. Sie symbolisieren die Plätze, die Menschen in ihrem Leben einnehmen. An der Seite prangt ein Schild „No Exit“ (Kein Ausgang). Lothar Porschen, einer der Beteiligten, hat eine besondere Rolle. In einem weißen Anzug, ähnlich dem von Morgan Freeman in dem Kinofilm „Bruce allmächtig“ (2003), stellt er eine Art höheres Wesen oder „Gott“ dar. Dieser holt die Personen auf der Bühne nach und nach hinter die Himmelstür. Diese gehen mehr oder weniger freiwillig mit ihm mit. Sie schwanken alle zwischen verhohlener Neugierde auf das, was sie dahinter erwarten könnte und ihrer Lebenslust. Sie haben zumeist noch offene Lebensträume und verrückte Ideen, die sie verwirklichen möchten. Musikalisch drückt sich das besonders gut in dem „Highway to Hell“ (AC/DC) aus, den sie mit einer wunderbaren Choreografie zelebrieren.
Die gelungene Musikauswahl reicht von AC/DC (mit Hells Bells ein weiterer Klassiker) über Bob Dylan, Glenn Miller, Eddy Arnold, Queen, Sting bis hin zum Ende mit klassisch-sakralen Klängen der britischen Gesangsgruppe All Angels.
Die leisen melancholisch-nachdenklichen Momente wechselten sich mit starken Ausdrucksformen von Lebenslust und Freude ab. Stühle wurde dabei gehörig durch die Gegend bewegt und verrückt. Beim furiosem Ende singen alle zusammen den aus dem „Leben des Brian“ (Monty Python) bekannten Song von Eric Idle „Always look on the bright side of life“ (Karaoke).
Das zeigt, worum es geht: nämlich das Leben im hier und jetzt bewusst und bestmöglich zu gestalten.




Top-Stars bei Jubiläums-Ballettgala

[fruitful_alert type=“alert-success“]Das Dortmunder Ballett zeigte Ausschnitte aus „Krieg und Frieden“. (Foto: © Bettina Stoess) (Foto: © Bettina Stoess)[/fruitful_alert]

Nationale und internationale Top-Stars der Ballettszene gaben sich zur „Internationalen Ballettgala XXV“ am 24. und 25. Juni 2017 in Dortmund die Ehre. Ballett-Direktor Xin Peng Wang und seine Crew um Manager Tobias Ehinger und Dr. Christian Baier hatten zur Jubiläums-Gala geladen. Die Moderation übernahm wie gewohnt humorvoll Kammersänger Hannes Brock, und die Dortmunder Philharmoniker unter der professionellen Leitung von Motonori Kobayashi begleiteten den Abend musikalisch.

Die Gala bot eine Mischung aus dem klassischen Ballett-Repertoire und starken Beispielen des zeitgenössischen modernen Ausdruckstanzes.

Am Anfang zeigte die Dortmunder Compagnie ihr Können bei einem Ausschnitt aus der aktuellen Produktion „Faust II“ von Xin Peng Wang. Tänzer des Dortmunder NRW Junior Ballett begeisterte unter anderem mit einem Auszug von „Krieg und Frieden“ (Xin Peng Wang).

Die Tänzer Katja Kahniukova und Osiel Gouneo (English National Ballet/Bayerisches Staatsbalet) gaben dann schon einen meisterhafte Vorstellung des klassischen Balletts mit „Le Corsaire Bedroom Pas de deux“ (Marius Petipa). Das Ganze fand später noch eine Steigerung in „Le Corsaire Pas de Trois“ (Osiel Gouneo +Joseph Gatti+ Bianca Teixeira (Bayerisches Staatsballett , Orlando Ballet). Eindruck machte Joseph Gatti auch zusammen mit dem erst dreizehn Jahre alten Jungtalent Gavin Morales (Orlando Ballet) mit einer flotten Vorführung von „LiL MJ Within“ (Marcelo Gomez) mit der Musik von Michael Jackson. Zum klassischen Repertoire gehörte daneben noch „Schwanensee“ (verschiedene Varianten) und „Dornröschen“.

Das diese Ballettgala in großen Teilen romantisch ausgerichtet war, zeigten dann zum Beispiel ausdrucksstark Maria Daniela Conzales Muňoz + Osiel Gouneo (Bayerisches Staatsballett) mit „Broken heart“ (Maria Conzales Muňoz).

Als ein besonderes Beispiel der vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten des modernen Balletts zeigte sich „Wunderland“ (Edwaard Liang), getanzt von Adiarys Almeida & Taras Domitro (San Francisco Ballet) mit der minimalistischen Musik von Philip Glass.

Einen bewegenden Auftritt hatte Publikumsliebling Mark Radjapov zusmmen mit seinem Kollegen Riccardo De Nigris (Ballett Augsburg) mit „Ultimate Sep“ (Ricciardo De Negris). Mit starken Effekte wurde es ein berührender Abschied mit einem lachenden und einem weinendem Auge vom Ballett-Star Radjapov




Achtsamkeit gegen Angst und Hass

Das Städte übergreifende Jugendtheaterprojekt der Kulturmetropole Ruhr „Pottfiction“ hatte am 17.05.2017 im Dortmunder Kinder-und Jugendtheater Premiere mit ihrer neuen Produktion „Achtung.Liebe!“. Wie wir Achtsamkeit und Liebe in Zeiten von Terror und Gewalt entwickeln können, war hier das Thema.

Die zehn Jugendlichen und jungen Erwachsenen (16-23 Jahre) hatten diese Performance unter der Leitung von Lisa Maria Heigl und der Unterstützung von drei Profis aus verschiedenen künstlerischen Sparten zusammen entwickelt.

Andreas Gruhn (Direktor KJT und Regie) für den Bereich Schauspiel, Oliver Sproll für die Masken, und Felix Bürkle für den Bereich Tanz und Choreografie gaben Inputs und Impulse für dieses sparten-übergreifende spannende Experiment.

Auf der fast leeren Bühne standen nur vier graue Bänke und mehrere Scheinwerfer im Hintergrund sorgten für unterschiedliche Lichtstimmungen.

Die jungen Akteuere schufen beeindruckende Bilder und spielten gekonnt mit den ausdrucksstarken Masken. Mit den künstlerischen Ausdrucksformen wie Pantomime, Tanz und Schauspiel setzten sie sich mit Ängsten vor dem „Fremden“, Menschenmassen und der Sehnsucht nach Geborgenheit, Liebe und als „Ich“ angenommene Persönlichkeit auseinander. Die Masken vor den Gesichtern waren nicht nur Symbol für Bedrohung, sondern auch für die Tatsache, dass wir alle im Alltag oft „Masken“ im übertragenem Sinn zu unserem Schutz tragen, hinter denen wir uns „verstecken“ können. Es geht auch darum, hinter diese Masken zu blicken und so eventuell Ängste und Vorurteile abzubauen und Vertrauen zu entwickeln. Vertrauen entwickeln wurde von den Akteuren plastisch mit der Übung „sich fallen lassen und aufgefangen werden dargestellt.

Die Ängste und Bedrohungen wurden von bedrohlichen Geräuschen und Musik im Hintergrund dramaturgisch verstärkt. Der Wunsch nach Geborgenheit fand besonders seinen Ausdruck, als sich alle Akteure wie ein Embryo im Mutterleib auf den Boden legte. Ein besonderer Moment war, als alle Akteure auf der Bühne langsam nach vorne gehend unter zunehmend bedrohlicher Geräuschkulisse die Daten und Fakten der in immer kürzeren Abständen zunehmenden Terrorakte vorlasen.

Drei der Akteure spielten auch live auf der Bühne mit Gitarre und Streichinstrumenten.

Ein gelungenes Zusammenwirken verschiedener künstlerischer Ausdrucksformen. Ein großes Kompliment auch für die „lebendigen“ wunderbaren Masken.

Informationen über weitere Vorstellungstermine erhalten Sie unter www.theaterdo.de




Vor dem Verfallsdatum?

Unter der Regie des südafrikanischen Choreografen Mark Hoskins und der Leitung von Barbara Huber hat das Seniorentanztheater des Balletts Dortmund die neue Produktion „Knockin‘ on heavens door“ (nach dem Song von Bob Dylan) entwickelt. Die begeisterten und rüstigen 22 Tänzerinnen und Tänzer im Alter zwischen 63 und 81 Jahren habe dafür seit Oktober 2016 geprobt.
In einem Abend voll Witz und Hintersinn hat sich die Gruppe mit einer im gesetzteren Alter naheliegenden Frage tänzerisch auseinander gesetzt. Was erwartet uns im „Wartesaal des menschlichen Verfallsdatum“ an der Schwelle zum Tod? Ist da die Stille des Nichts oder oder lockt ein befreiendes Willkommen? Da hat so jeder seine eigenen Vorstellungen.
Choreograf Hoskins verriet die dahinter steckenden Fragen: „Gibt es ein Ablaufdatum wie bei Lebensmitteln auch für Menschen? Die Tür geht nur in eine Richtung: vorwärts. Was ist hinter der Tür? Gibt es ein noch anderes Ablaufdatum?“ Es klopfen ja nicht nur die Toten an die „Himmelstür“, sondern jeder Schlag an die Pforte kann auch ein Zeichen des Lebens sein.
„Eine herausgestellte Figur übernimmt Lothar Porschen (67 Jahre) als eine Art „Gott“ oder „Übersinnliches Wesen“ in einem weißen Anzug. Er kann auch als Sinnbild für das Leben gesehen werden,“ so Hoskins.
Ein Herzinfarkt vor nicht allzu langer Zeit hat ihm das Thema näher gebracht als ihm lieb war. Seiner guten Kondition durch das Tanzen hat ihn unter anderem am Leben erhalten.
Die Musikauswahl ist von melancholisch bis heiter gemischt. Sie geht von AC/DC , Dinah Washington & Max Richter, Glenn Miller, Queen , Bob Dylan bis hin zu Eric Idle.

Die Premiere am Freitag, den 30.06.2017 im Ballettzentrum Dortmund und am 02.07.2017 sind schon ausverkauft.
Karten gibt es aber noch für die Vorstellung am Samstag, den 01.07.2017 um 20:00 Uhr und am 07. sowie den 08.07.2017 jeweils um 20:00 Uhr.
Informationen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de




Verständnis für Spleens

[fruitful_alert type=“alert-success“]Spleens entdecken im Theater im Depot. (Foto: © Mathias Schubert) [/fruitful_alert]

Vermutlich kennt fast jeder einen Menschen, der einen Spleen, auch Marotte, Fimmel und fixe Idee genannt, hat. Doch ist man auch bereit zuzugeben, dass man vielleicht selber einen Spleen hat? Die Theaterwerkstatt am Theater im Depot unter der Regie von Barbara Müller stellt in ihrem neuen Programm „Spleens“ verschiedene Verhaltensmuster vor, die ein wenig absonderlich klingen, aber was ist schon normal? Ars tremonia war am 17. Juni 2017 im Depot bei der Premiere.

Wann hat man einen Spleen und wie geht man damit um? Das Stück orientiert sich grob am Konzept einer Spielshow, lässt aber den einzelnen Akteuren viel Raum auf der Bühne (Bühnenbild Mathias Schubert), um die jeweilige Eigenart zu präsentieren. Angefangen von der Fixierung auf die Zahl 6, ein strenges Leben nach dem Mondkalender, Putzfimmel, Bedürfnis zu Tanzen, Fussel sammeln oder Angst vor Nudeln: Die Bandbreite der Marotten war groß. Dabei wurden die Figuren liebevoll von den Schauspielern dargestellt, ohne dass sie zu einer Karikatur wurden. Das ist eine Leistung von Regisseurin Müller und natürlich auch der Akteure Christine Ates, Michél Belli, Sonja Berkemann, Doris Calovini-Brankamp, Dirk Leistenschneider, Anke Pidun, Alexandra Probst und Julian Sasse.

Bemerkenswert war auch eine kleine Putzmittelchoreografie mit Besen, Eimer und Handfeger, die mächtig Eindruck auf die Zuschauer machte. Humor brachte vor allem die Sprichwort-Liebhaberin, die ihre geliebten Sprichworte konsequent durcheinander schüttelte wie einen Cocktail.

Im Wesentlichen geht es bei „Spleens“ aber um die Frage: Was ist normal? Wer legt das fest? Und was ist, wenn ich mich in irgendwie nicht „normal“ verhalte? Werde ich dennoch akzeptiert? Nicht alles, was „unnormal“ ist, ist gleich krank und behandlungsbedürftig. Doch die Grenzen zwischen einem „Spleen“ und Angststörungen oder Zwangshandlungen sind schwer auszumachen. Wer sein Leben nach dem Mond ausrichten möchte, soll das gerne tun. Wer denkt, dass ihr die Zahl 6 Glück bringt, soll das ruhig glauben. Doch wenn man Menschen von der Straßenbahnhaltestelle vertreiben will, weil er/sie die Nummer 7 ist, dann wird es doch etwas problematisch. Wenn jemand keine Nudeln ist, kein Problem. Wer aber Angst hat, dass Nudeln ihn erwürgen, hat in meinen Augen eine Angststörung. Zumal ihn das im täglichen Leben behindert, da er sich nicht mit Frauen beim Italiener treffen kann.

Zu sehen ist das Stück noch am 23.06., 24.06. und 25. 06.2017 im Theater im Depot (www.depotdortmund.de)




Unsere kleinen Spleens im Theater-Fokus

[fruitful_alert type=“alert-success“]Spleens entdecken im Theater im Depot. (Foto: © Mathias Schubert) [/fruitful_alert]

Den Spruch von Joachim Ringelnatz „Jeder spinnt auf seine Weise. Der eine laut, der andere leise“ kennen sicher viele Menschen. In ihrer neuen Produktion „Spleens“ nimmt sich die Theaterwerkstatt am Theater im Depot unter der Leitung von Barbara Müller diesem Thema. Humorvoll und mit Selbstironie setzt sich eine Gruppe von acht Amateur-SchauspielerInnen mit unseren harmlosen kleinen „Spleens“, Marotten und Ticks auseinander. Die Gruppe setzt sich aus Personen aller Altersgruppen zusammen. Die Thematik betrifft uns alle, denn jeder ist irgendwie betroffen und kann mit reden.

In einem über zehn Monate gehenden längeren Prozess haben wir uns gemeinsam mit dem Thema befasst und Texte und Improvisationen entwickelt. Jeder der Amateurschauspieler bringt sich nach seinen Fähigkeiten ein,“ erklärte die Regisseurin vorab beim Pressegespräch. Sie ist die Impulsgeberin und begleitet mit drei Profi-Kollegen (Regieassistenz, Bühnenbild, Licht und Choreografie) zusammen das ganze Projekt.

Bei den Theaterwerkstatt-Projekten werden die Karten jedes Jahr neu gemischt. Da gibt es diejenigen, die schon viele Jahre dabei sind, und andere, die ganz neu hinzu kommen. Sie alle bewerben sich, bei einem zu zahlenden Monatsbeitrag um die 50 Euro, um bei der Theaterwerkstatt mit machen zu können. Das Ganze wird aber auch noch durch die Dortmunder Kulturbetriebe finanziell unterstützt.

Die Rahmenhandlung für „Spleens“ bildet eine Varieté-Show, und es kommt zu einigen absurden Situationen. Jeder der acht Akteure spielt einen anderen Charakter. Das Bühnenbild wird sicher entsprechend bunt ausfallen.

Die Premiere ist am Samstag, 17. Juni 2017 um 20:00 Uhr im Dortmunder Theater im Depot. Der nächste Aufführungstermin ist am Sonntag, den18. Juni 2017 um 18:00 Uhr.

Weiter Informationen erhalten Sie unter http://www.depotdortmund.de/




Tichy in der Chemo-Matrix

[fruitful_alert type=“alert-success“]Die Bühne sieht ein wenig aus wie die Brücke eines Raumschiffes. (Foto: © Birgit Hupfeld)[/fruitful_alert]

Stanisław Lem trifft auf „Die Matrix“. Live-Animation trifft auf reale Schauspieler. „Der Futurologische Kongress“ nach Lem mischt Zukunftsvisionen und Darstellungsformen. Ars tremonia war bei der Premiere am 11. Juni 2017 im Megastore dabei.

Ein Stück über die Zukunft in Räumen, die bald der Vergangenheit angehören. Denn das Schauspiel Dortmund wird das Megastore bald verlassen und wieder zurück in ihr angestammtes Domizil am Burgwall gehen.

Für den Schluss hat man sich was besonderes aufgehoben: Eine Live-Animations-Performance. Die Idee hatten die Medienkünstler von sputnic unter der Leitung von Nils Voges. Manche werden sich an das Stück „Die Möglichkeit einer Insel“ erinnern, das 2015 Premiere feierte. Auch beim „Futurologischen Kongress“ gab es die Animationstafeln, die die Akteure auf einer Landwand zum leben erweckten. Daneben gab es Szenen mit Modellen und Puppen, die eher an Arbeiten von Klaus Gehre erinnerten, der ebenfalls in Dortmund inszenierte, beispielsweise mit „Minority Report“. Dazu gab es auch immer wieder Szenen, die live von Schauspielern Marlena Keil, Frank Genser, Friederike Tiefenbacher und Uwe Schmieder gespielt wurden. Musik kam vom musikalischen Leiter Tommy Finke.

Die Handlung orientiert sich an Lems Erzählung „Der Futurologische Kongress. Aus Ijon Tichys Erinnerungen“. Astronaut und Wissenschaftler Tichy wird von seiner Raumstation zurück auf die Erde befohlen. In Costricana findet der Futurologische Kongress statt. Doch Proteste begleiten den Kongress. Im Laufe der Auseinandersetzungen zwischen Polizei, Militär und Demonstranten werden auch psychotrophe Substanzen eingesetzt. Dennoch eskaliert die Gewalt und Tichy sowie sein Bekannter, Professor Trottelreimer, kommen ums Leben, nur um etwa 60 Jahre später wieder zu erwachen. Und zwar im Körper einer Frau. Inzwischen lebt die Gesellschaft in einer Chemokratie, bei der die Einnahme von Pillen zur Grundvoraussetzung gehört. Doch was ist Realität und was nicht?

Die Frage nach der Realität scheint ein beliebtes Thema in der Science-Fiction zu sein. Sputnic zitiert auch beispielsweise aus den „Matrix“-Filmen, gegen Ende muss sich Tichy zwischen der roten und der blauen Pille entscheiden. Lems Erzählung – eigentlich gegen das kommunistische System in seinem Heimatland Polen gerichtet – hat auch in der kapitalistischen Welt seine kritische Berechtigung. Gewalt gegen Demonstranten, Einschränkung von Bürgerrechten sind aktuelle Probleme und Herausforderungen. Tichy wird von Frank Genser und Marlena Keil (ja, der Körpertausch) herrlich dargestellt. Der männliche und weibliche Aspekt von Tichy kamen gut zur Geltung. Auch Uwe Schmieder als überdrehter Professor Trottelreimer war klasse. Friederike Tiefenbacher sprach die künstliche Intelligenz „Automaty“, die ebenfalls an die Matrix erinnerte.

Wobei alle Schauspieler die Doppelfunktion als „Animateure“ und Schauspieler mit Bravour hinbekamen.

Wer „Die Möglichkeit einer Insel“ liebte, sollte den „Futurologischen Kongress“ nicht verpassen.

Karten und Informationen unter www.theaterdo.de




Sehnsucht nach Liebe und Achtsamkeit

[fruitful_alert type=“alert-success“]Den Ängsten ausgeliefert. Assoziative Bilder bei „Achtung, Liebe!“ (Foto: © Carmen Körner)[/fruitful_alert]

Pottfiction wurde als städteübergreifendes Jugendtheaterprojekt der Kulturmetropole Ruhr 2009 ins Leben gerufen. Beteiligt waren die Kinder-und Jugendtheater der Städte Dortmund, Gelsenkirchen, Hamm, Bochum, Herne und Hagen. Es sollte neben der Vernetzung der Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus den Ruhrgebietsstädten vor allem Raum zum Ausprobieren und für die Entwicklung von Zukunftsvisionen geben. Es werden viele Workshops und ein jährliches Sommercamp angeboten. Dieses Jahr werden zum Sommercamp 90-100 junge Menschen in Hamm erwartet. Seit 2013 findet dieses Jugendtheaterprojekt kontinuierlich statt.

Als Ergebnis aus dem letzten Sommer wird jetzt am 17. Juni 2017 um 20:00Uhr im Dortmunder KJT „Achtung Liebe“ im Rahmen von Pottfiction vorgestellt. Es beschreibt ein Thema, was diesen Jugendlichen und jungen Erwachsenen am Herzen liegt. Wie können wir Achtsamkeit und Liebe entwickeln in einer Umwelt, die geprägt ist von Hass, Gewaltbereitschaft und Terrorangst und Mangel an Empathie.

Eine Theaterpädagogin (Lisa Maria Heigl) sowie drei Künstler aus unterschiedlichen Kunstsparten haben zusammen mit zehn jungen Leuten im Alter von 17 bis 23 Jahren ein Jahr an dem ausgesuchten Projekt gearbeitet.

Sie entwickelten gemeinsam Textarbeit, Pantomime und Körperarbeit, sowie Tanz und Performance. Die jungen Menschen bekamen von den drei Künstlern viele wichtige Inputs und Impulse. Andreas Gruhn (Direktor KJT und Regie) für den Bereich Schauspiel, Oliver Sproll für die Masken, und Felix Bürkle für den Bereich Tanz und Choreografie.

Es ist kein Theaterstück im herkömmlichen Sinn, sondern eine Theaterperformance. Schauspiel, Masken und Tanz werden von den jungen Akteuren benutzt, um assoziative Bilder auf der leeren Bühne entstehen zu lassen,“ so Gruhn.

Inhaltlich werden vier Kapitel bearbeitet. Fremd sein, Angst, Wut sowie Achtsamkeit und Liebe.

Es ist eine Auseinandersetzung auf persönlichen Ebene mit einem politisch brisanten und aktuellem Thema. Eingespielte und Live-Musik dient dabei als atmosphärischer Hintergrund.

Für die Uraufführung am Samstag, den 17. Juni 2017 um 20:00 Uhr und am Sonntag, den 18. Juni 2017 um 18:00 Uhr gibt es noch Karten.

Weitere Informationen gibt es wie immer unter www.theaterdo.de




Besonderer Trip durch die Realitäten

[fruitful_alert type=“alert-success“]Mit dabei: Friederike Tiefenbacher, Carlos Lobo, T.D. Finck von Finckenstein, Marlena Keil, Uwe Schmieder. (Foto: © Birgit Hupfeld)[/fruitful_alert]

Nach ihrem ersten Live-Animationsfilm „Die Möglichkeit einer Insel“ (2015) im Schauspielhaus Dortmund hat die Medien-Künstlergruppe „sputnic“ mit Designer Malte Jehmlich, Nicolai Skopalik und Nils Voges mit „Der Futurologische Kongress. Aus Ijon Tichys Erinnerungen“ von Stanislaw Lem (1971) nun ein neues Live Animations Cinema-Abenteuer entwickelt. Die Premiere ist am 11.06.2017 um 19:30 Uhr im Megastore.

Der russische Wissenschaftler und philosophische Essayist Stanislaw Lem (1921 – 2006) hat schon in den siebziger Jahren des letzten Jahrhundert moderne Entwicklungen in unserer Zeit vorweg genommen, ohne das sie so beim Namen genannt werden.

Seine Lieblingsfigur ist der SF-Sternenfahrer Ijon Tichy. Im Rahmen eines „Futurologischen Weltkongresses“ und den während der gewalttätigen Auseinandersetzungen in der Hauptstadt Costricanas kommen ihm und seinem Freund Trottelreiner ein schlimmer Verdacht. Setzt das Militär glücksbringende psychtrope Gase ein als Kampfmittel ein? Es beginnt eine Reise durch verschiedene Zeiten und Realitätsebenen. Was ist Wirklichkeit, was ist Täuschung? Die Künstlergruppe unter der Regie von Nils Voges haben sich der Herausforderung der vielen Realitäten durch eine Weiterentwicklung der Animations-Platten sowie den Einsatz verschiedener Darstellungsformen Rechnung getragen. So werden dieses mal neben Live-Animationen, Live Musik von Tommy Finke, Live Comics, Puppenspiel und Schauspiel je nach Realität eingesetzt. In einer Runde werden neben einem Tisch für den Soundtrack von T. Finke drei Tische für die vier SchauspielerInnen für ihre Cut-Arbeit, Animations-Platten (keine Plexiglasplatten, sondern jetzt Holzplatten) bereit stehen. Das bedeutet, das an einem Tisch zwei Schauspieler zusammen sitzen.

Das sorgt für mehr Dynamik.

Die Bewegungsabläufe werden durch Vordergrund-und Hintergrundstrukturen der Animatios-Platten noch genauer erkennbar. Es werden verschieden verschiedene Charaktere von den Schauspielern dargestellt und die einzelnen Figuren werden entwickelt. Äußerliche Ähnlichkeiten zwischen den lebenden Schauspielern und den Figuren auf den Platten sind von der Charakter Designerin Julia Zejn bewusst gewollt. „Im Unterschied zur „Die Möglichkeit einer Insel“ arbeiten wir jetzt mit mehr Farbe“, verriet der Regisseur Nils Voges.

Die Premiere ist schon ausverkauft.

Weitere Termine und Informationen erhalten Sie unter www.theaterdo.de




Digitale Drecksarbeit für Cleanliness

[fruitful_alert type=“alert-success“]So sehr sich Maggy (Marle Wasmuth) auch vor dem digitalen Schmutz schützen möchte, die Facebook-Gärtner (Dortmunder Sprechchor) sind unerbittlich. (Foto: © Birgit Hupfeld)[/fruitful_alert]

Im Megastore hatte am Samstag, den 03.06.2017 „Nach Manila“ von der Gruppe Laokoon unter der Regie von Moritz Riesewieck seine Uraufführung. Die Gruppe hat sich in den letzten Jahren intensiv mit den sogenannten „Clickarbeitern“ in der 20 Millionen Metropole Manila (Philippinen) beschäftigt und sie auch besuchte.

Sie arbeiten Stunden von Manilas Zentrum entfernt in sauberen, abgeschirmten Großraumbüros in Computerarbeits-Boxen für Outsourcingfirmen im Auftrag eines großen Konzern im Bereich soziale Medien (Facebook). Manila heißt übrigens „Hier gibt es Nilad. Nilad ist eine weißblütige Mangrovenpflanze. Durch die Urbanisierung von Manila ist sie aber im Stadtgebiet verschwunden.

Ähnlich wie die Mangrovenpflanze muss auch der Schmutz aus den sozialen Medien verschwinden. Dafür sind die „Clickarbeiter“ da. Ihr Auftrag ist es, die sozialen Netzwerke wie Instagram, YouTube und andere von brutalen Fotos oder Videos nach einem Kriterienkatalog Inhalten wie Terror, ,Kinderpornografie, Snuff-Videos und anderes als „Content Moderators“ zu reinigen (cleanen). Das streng katholisch ausgerichtete Land bieten scheinbar gute Voraussetzungen für diese Tätigkeit. Präsident Duterte geht gerade in letzter Zeit mit äußerster Härte auch gegen kleine Dealer und ihre Klientel vor. Er schreckt auch nicht davor zurück, sie lynchen zu lassen. Das Motto in den Philippinen lautet: „Cleanliness is next to Godliness“. Die zumeist sehr jungen Menschen müssen nach kurzem Training in wenigen Sekunden entscheiden, „Delete“ oder „Ignore“ für die gezeigten Videos und Fotos.

Riesewieck stellt eine fiktive Autorin , gespielt von Caroline Hanke, mitten in einen auf der Bühne platzierten, recht opulenten Pflanzenwelt. Der „wilde Garten“ symbolisiert Facebook, dass wirkt, als wäre er sich selbst überlassen. Man sieht die Mauer darum nicht und wer im Hintergrund der Bestimmende ist. Der Sprechchor des Dortmunder Schauspiels durchquerten den „Garten“ als gleich gekleidete ordnende Gärtner. Die jungen weiblichen Theaterpartisanen verkörperten mit ihren weißen Kleidern Unschuld und Reinheit.

An den Wänden waren vier große Projektionsleinwände aufgestellt. Das Publikum nimmt mitten auf der Bühne auf Palettenkisten oder Seitenbänken platz. Mitten drin statt nur dabei. Auf der Bühne sind unter anderem auch die blauen Computerarbeits-Boxen mit den Bildschirmen zu sehen. Drei Schauspieler schlüpfen als Erzähler in eine Rolle von unterschiedlichen Typen von „Clickarbeitern“. Sie wurden beim erzählen mit der Kamera begleitet.

Da ist Maggy, deren Geschichte erzählt und extensiv dargestellt von Merle Wasmuth wird. Ihr starker religiöser Hintergrund dient ihr als Hilfe oder Krücke im Umgang mit ihrer traumatisierenden Arbeit. Die dramatischen Folgen dieser Arbeit wird ohne das Publikum mit schlimmsten Gewaltbildern zu schocken, durch die Erzählungen und Darstellungen der Schauspieler eindringlich auf die Bühne gebracht. Maggy zum Beispiel leidet unter schlimmsten Waschzwang und verbraucht Unmengen an Parfüm, um den ekeligen Gestank ihrer Arbeit los zu werden. Sie nimmt nach ihrer Auffassung die „Sünden der Welt“ für alle anderen auf sich, ohne das das gesehen wird. Ein acht bis zwölfstündiger Arbeitstag, wenig Pause, knorpeliges Fleisch in Schaumstoff-Take-Away-Verpackung und Plastikbesteck. Trotz aller Bemühungen hat sie letztendlich keine Chance gegen die Schnecken, die

Nasrim, erzählt und gespielt von Björn Gabriel, ein ein Syrien stammender Clickarbeiter, hoffte auf gut Arbeitschancen und bessere Aussichten als in Europa. Wegen seiner arabischen Sprachkenntnisse hatte er gute Chancen auf den Job. In einer Mischung aus Entsetzten und schützenden Zynismus erzählt er davon, wie ihn die Bilder der Folgen explodierender Bomben eines Selbstmord-Attentätern ihn sexuell erregen und was diese kranke Lust für Folgen für seine Beziehung zu seiner Freundin hat. Er flüchtet sich in Zynismus.

Der dritte Clickarbeiter Dodong (Raafat Daboul), versucht verbissen und hartnäckig, den australischen Pornoring-Chef „Scully“ ausfindig zu machen. „Scully“ steht dabei einerseits für die reale Person Peter Scully, ein Australier, der seit 2015 auf den Philippinen verhaftet wurde, weil er mehrere Kinder missbraucht und die Taten gefilmt hat. Auch ein Mord wird ihm vorgeworfen. Mittlerweile droht im die Todesstrafe.

Aber „Scully“ kann auch für die anderen Personen stehen, die irgendwo auf der Welt Vergewaltigung und Mord filmen und ins Netz stellen. „Irgendwo ist irgendwann immer Nacht“, sagt die Autorin verzweifelt.

Facebook ist in der Diskussion. Beispielsweise soll „Hate Speech“ (Hassreden) stärker bekämpft werden. Doch das sind immer zwei Seiten der Medaillen. Ist es wirklich gut, alles „Schlechte“ fern zu halten anstatt sich mit den (wahren) Ursachen dieses „Bösen“ in und außerhalb von uns auseinander zu setzten. Und wer setzt welche Kriterien?

Im Herbst 2017 erscheint übrigens im dtv Verlag das Buch „Digitale Drecksarbeit. Wie uns Facebook und Co. Von dem Bösen erlösen“. Verfasser: Moritz Riesewieck.

Informationen zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie unter www.theaterdo.de