Wie viele Zähne hat eine Schnecke? – Das Gewicht der Ameisen

Wie viele Zähne hat eine Schnecke?
Aber halt – geht es nicht um Ameisen? Sagt ja schon der Titel des Theaterstücks, das am Sonntag Premiere im KJT, dem Kinder- und Jugendtheater an der Sckellstraße, hatte. Und was hat es mit der Pizza auf sich?

Aber erst einmal sehen wir ein minimalistisches Bühnenbild, das sich in so ziemlich alles verwandeln kann. Ein weißer Kreis bedeckt den Boden, ein weiterer Kreis bildet den Hintergrund. Lichteffekte und wenige Möbel auf Rollen sind Werbeplakat und Schrank oder Schreibtisch und Krankenbett zugleich. Die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler stehen außerhalb der Kreise, in ihrer Nähe einige Requisiten – vor allem Perücken.

Wo wir uns gerade befinden in dem Stück des kanadischen Autors David Paquet, ergibt sich aus den Texten der Darstellenden, die fast alle mehrere Rollen spielen, und aus einem beschreibenden Off-Text, den meistens Thomas Ehrlichmann spricht.
Das harmoniert im gesamten Stück ausgezeichnet als Teil der Inszenierung (Regie: Annette Müller) und ermöglicht sowohl einem sehenden als auch einem nichtsehenden Publikum, der Handlung zu folgen.

Turbulent geht es bereits los: Der Direktor (Harald Schwaiger) erklärt über ein Mikrofon seiner Schule, man habe es unter die letzten zehn der schlechtesten Schuleinrichtungen geschafft. Ihm sei das egal, er gehe in einem Jahr in Rente.
Aber vielleicht ist es ihm doch nicht so egal, denn er ruft die „Woche der Zukunft“ aus. In dieser Woche soll auch eine Schülersprecherin oder ein Schülersprecher gewählt werden. Die erste Kandidatin wird zwangsverpflichtet. Nachdem sie mit einem Werbeplakat auf der Schultoilette gekämpft hat, soll Jeanne (Sar Adina Scheer) antreten. Die hat erst wenig Lust, doch dann nimmt sie die Herausforderung an.
Ihr Gegner ist Olivier (Jan Westphal), ein belesener Junge, der auf der Suche nach Fakten ein Buch über unnützes Wissen erhält.

Bianka Lammert, Harald Schwaiger, Jan Westphal, Sar Adina Scheer, Thomas EhrlichmannFoto: (c) Birgit Hupfeld
Bianka Lammert, Harald Schwaiger, Jan Westphal, Sar Adina Scheer, Thomas Ehrlichmann
Foto: (c) Birgit Hupfeld

Beide suchen sich Unterstützung – mal mehr, mal weniger erfolgreich –, müssen sich mit (Alb-)Träumen und Realitäten auseinandersetzen, mit Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten und mit unerwarteter Konkurrenz.

Zwischen Lachen und Lebensfragen

Schon zu Beginn reizen Text und Darstellung zu den ersten Lachern. Die Inszenierung zeigt eine Leichtigkeit, und die Schauspielerinnen (in vielen kuriosen Rollen: Bianka Lammert) und Schauspieler sind extrem gut aufgelegt. Dabei geht es um schwergewichtige Themen: Umwelt und Politik, das Erwachsenwerden, die eigene Haltung, die Ohnmacht, selbst etwas ändern zu können.
Jede und jeder trägt sein eigenes Päckchen. Aber verzagen? Und dann ist neben dem Ich auch noch das Wir. Da geht noch was. „Nichtstun hat Konsequenzen. Wer nichts sagt, sagt ja.“

Die Figuren erleben Rückschläge und Motivation, kommen zu (be)merkenswerten Erkenntnissen: „Optimismus ist ein Muskel, den musst du trainieren, sonst verkümmert er.“
Es wird gesungen, gelacht – und noch ist offenbar nicht alles verloren.
Am Ende schwappt der Text ein wenig zu deutlich noch einmal viele Botschaften ins Publikum. Das ist aber auch der einzige kleine Kritikpunkt.

Ansonsten eine beeindruckende Inszenierung eines topaktuellen Stücks mit hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern.

Und wie viele Zähne hat nun eine Schnecke? Das kann man in Büchern oder im Netz herausfinden. Man kann aber auch einfach in das Stück gehen und sich die Antworten auf weitere Fragen holen:
Ist der Direktor auch nur ein Mensch?
Was ist mit dem Gewicht der Ameisen?
Und was ist nun mit der Pizza?

Für Jugendliche ab zwölf – und auf jeden Fall auch für alle Erwachsenen! Das altersgemischte Premierenpublikum war begeistert.

Nächste Vorstellungen:
01., 08., 09. April und weitere
im KJT – Kinder- und Jugendtheater an der Sckellstraße, Dortmund
www.theaterdo.de

 




Vatermal – Eine türkische Migrationsgeschichte

Im Schauspiel Dortmund hatte am 22.03.2025 die Familiengeschichte VATERMAL nach dem Roman von Necati Öziri ihre Premiere. Unter der Regie und in der Bühnenfassung von Intendantin Julia Wissert wurde die Geschichte des in Deutschland geborenen Arda (Mouataz Alshaltouh) mit türkischem Migrationshintergrund theatral eindringlich inszeniert.

Der Literatur liebende Arda liegt mit einer lebensbedrohlichen Autoimmunkrankheit, die seine Leber angreift, im Krankenhaus. Genau wie sein Körper die Leber als „fremd“ attackiert, empfindet er seine gesellschaftliche Stellung als widersprüchlich: In Deutschland geboren, aber oft nicht als gleichwertiger Bürger akzeptiert, leidet er unter Diskriminierung, behördlicher Bürokratie und institutionellen Vorurteilen. Auf der Suche nach seiner Identität und ringend mit seiner Herkunft schreibt er einen Brief an seinen verschwundenen Vater Metin (Alexander Darkow, der für den erkrankten Ekkehard Freye einsprang). Arda hatte seinen Vater nie kennenlernen dürfen. Da gibt es viele Fragen und Leerstellen.

Familiäre Konflikte und weibliche Prägungen

Vom türkischen Militär verfolgt, floh der Vater einst nach Deutschland und beantragte Asyl, wurde jedoch nie heimisch und verschwand spurlos in Richtung Türkei. Eine bedeutende Rolle in Ardas Leben spielen seine selbstbewusste Schwester Aylin (Fabienne-Deniz Hammer) und seine traumatisierte, alkoholkranke Mutter Ümran (Lucia Peraza Rios). Seit zehn Jahren haben Mutter und Tochter kein Wort mehr miteinander gewechselt, nachdem Aylin die schwierige familiäre Situation hinter sich ließ und sich ein eigenes Leben in Deutschland aufbaute. Arda, zwischen den beiden Frauen stehend, versucht im Krankenhaus eine vorsichtige Annäherung zwischen Mutter und Tochter zu bewirken.

Lucia Peraza Rios, Chor des Migrantinnenvereins Dortmund e.V., Melek ErenayFoto: (c) Birgit Hupfeld
Lucia Peraza Rios, Chor des Migrantinnenvereins Dortmund e.V., Melek Erenay
Foto: (c) Birgit Hupfeld

Weitere prägende Frauenfiguren sind seine Großmutter und die Teyzeler (Tanten), insbesondere Merve Teyze (Melek Erenay). Ihr Einfluss formte Ardas Frauenbild, das sich deutlich von dem seines „Onkels“ Serkan, eines patriarchalisch geprägten Grillbesitzers, unterscheidet.

Die Bühneninszenierung nutzte eine Wand mit Holzfliesenstruktur, die sich bei Bedarf aufschieben ließ und wie ein „Guckloch“ zu den „echten“ und „inszenierten“ Erinnerungsszenen fungierte. Ob Erdbeben, Bürokratie, Vorurteile, Gewalterfahrungen oder Verlust – alles wurde eindrucksvoll fühl- und erlebbar für das Publikum durch das Ensemble vermittelt. Die Inszenierung zeichnete ein vielstimmiges, berührendes und intensives Echo aus Sehnsucht, Armut und Patriarchat in einer Gesellschaft mit wenig Raum für Empathie.

Vielfältige Musik und Tanzeinlagen lockerten das Geschehe n auf.

Eine starke Stimme verlieh den Frauen dieser Inszenierung der Chor der Migrantinnen e.V. und der Chor der Teyzes. Für eine Portion ironischen Humors sorgte der „Chor der Deutschen“ mit Lukas Beeler, Alexander Darkow und Sarah Quarshie in verschiedenen Rollen.

Weitere Informationen zu den Aufführungsterminen finden Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222.

 




Alle spielen – aber wer bestimmt die Regeln?

Ein ungewöhnlicher Theaterabend feierte am 21. April 2025 im Studio des Schauspielhauses Dortmund Premiere. Die Choreografin und Regisseurin Magda Korsinsky inszenierte gemeinsam mit Viet Ahn Alexander Tran, Akasha Daley und Nika Mišković ein Stück, das stärker an Tanztheater als an klassisches Sprechtheater erinnerte.

Im Mittelpunkt stand das Thema „Spielen“. Bereits der Kulturhistoriker Johan Huizinga prägte den Begriff Homo ludens – der spielende Mensch. Für Huizinga bildet das Spiel eine grundlegende Struktur der Gesellschaft, da es Regeln etabliert, Gemeinschaften schafft und Machtverhältnisse abbildet.

Doch wer ein Spiel nicht kennt oder dessen Regeln nicht versteht, fühlt sich schnell orientierungslos und ausgeschlossen. In der Gesellschaft betrifft dies oft Migrant:innen, Minderheiten oder sozial benachteiligte Gruppen, die sich in einem Regelwerk zurechtfinden müssen, das nicht für sie gemacht wurde. Der Soziologe Pierre Bourdieu beschreibt dieses Phänomen als „symbolische Gewalt“ – das Gefühl der Unterlegenheit gegenüber einer Ordnung, die scheinbar nicht hinterfragt werden darf.

Viet Anh Alexander Tran, Nika Mišković, Akasha DaleyFoto: (c) Birgit Hupfeld
Viet Anh Alexander Tran, Nika Mišković, Akasha Daley
Foto: (c) Birgit Hupfeld

Der Umgang mit Spielregeln ist daher ein zentraler Aspekt von Macht, Gerechtigkeit und Teilhabe. Ein kritisches Hinterfragen dieser Regeln ist notwendig, um ein faires Miteinander zu ermöglichen.

Die Bühne als Spielfeld der Gesellschaft

In Alle Spielen reisen die drei Darsteller:innen aus der Zukunft ins Jahr 2025 zurück und betrachten das „Spielbrett der Gesellschaft“ mit fremdem Blick – wie Neuankömmlinge. Wie lernt man die Regeln? Wie findet man sich zurecht? „Integrier dich. Pass dich an“, wird ihnen gesagt. Wer jedoch versucht, einen eigenen Weg zu gehen, stößt auf Einsamkeit – oder wird in Schubladen gesteckt. Die Regeln bleiben unklar, das Spielfeld erscheint starr. Wie lässt sich damit leben?

Alle Spielen ist eine Mischung aus Sprech- und Tanztheater. Jede der drei Performer:innen sang zudem jeweils einen Song von der Musikerin Ann Weller (Cheap Wedding), sodass Musik und Rhythmus das Stück wesentlich prägten. Viet Ahn Alexander Tran, Akasha Daley und Nika Mišković überzeugten mit großer körperlicher Ausdruckskraft und Ausdauer.

Für Besucher:innen, die Freude an Tanztheater und musikalischen Elementen haben, war der Abend sicherlich eine bereichernde Erfahrung. Der begeisterte Schlussapplaus zeigte jedenfalls: Der überwiegende Teil des Premierenpublikums hatte sichtlich Spaß.




Theatrale Annäherung an ein schwieriges Erbe

Am 20. und 21. März 2025 hatte eine neu formierte Gruppe Kulturschaffender aus Leipzig – mit Ahnen im globalen Süden und Norden – ihr Gastspiel mit Elfenbein – Annäherung an ein fleischloses Erbe im Theater im Depot in Dortmund. Allgemein geht es darum, welche sichtbaren und unsichtbaren Vermächtnisse wir als Erbe mit uns herumtragen. Wie gehen wir damit um?

Ein spezielles Augenmerk dieses performativen Theatererlebnisses liegt auf dem schwierigen Erbe eines ein Meter großen Elefantenstoßzahns, der nun am Küchenschrank des Vaters lehnt. Der Großvater hatte diesen 1971 auf einer Safari geschossen und als „stolzes Erbe“ hinterlassen. Die Erbin fragt sich, was sie nun mit diesem Erbstück tun soll.

Eine künstlerische Spurensuche

Aus diesem Anlass begeben sich die drei Performerinnen Aziza Bouizedkane, Aisha Konaté und Svenja Wolff mit verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmitteln auf die Suche nach einem Umgang mit solch kolonialem Erbe. Zum gelungenen Gesamtkonzept gehörten außerdem die Medienkünstlerin Vanesa Opoku, die Lichtdesignerin Iana Boitcova, die Dramaturgin Jasmin Jerat und die Provenienzforscherin Isabelle Reimann.

Die Performer:innen in Aktion Foto: André Wirsig
Die Performer:innen in Aktion Foto: André Wirsig

Mit starkem Gesang, Tanz, Lesung, der Einspielung originaler historischer Kommentare und Video-Projektionen gehen sie der Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung nach. Kolonialer Kunstraub und menschliche Kopftrophäen schlummern bis heute in Museen und Kellern. Behutsam, aber direkt nähern sich die drei Performerinnen der Dekolonisierung. Es wird eine Haltung für alle gesucht sowie ein besonderer Blick auf den Zahn und seine Zeit geworfen.

Dabei wurde unter anderem eine helle Tuchplane mit drei Löchern fantasievoll genutzt, aus denen die Köpfe der Darstellerinnen langsam und mutig hervorlugten. Die Künstlerinnen machen mit sinnlich-emotionalen Darstellungen und ironischen Zwischentönen das fleischlose Erbe zwischen Trauerritualen, familiärer Spurensuche und spekulativer Science-Fiction (be)greifbar. Auch das Publikum wurde direkt angesprochen.

Wir tragen nicht nur körperliche Merkmale unserer Vorfahren in uns, sondern auch ihre dunklen Vermächtnisse. Es ist wichtig, sich ehrlich und kritisch mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen – und nicht zu verdrängen.




Paradies, gutbürgerlich

Die Schöpfungsgeschichte in 75 vergnüglichen Minuten – Premiere im Theater Fletch Bizzel

Viele Werke des Meistererzählers und scharfzüngigen amerikanischen Journalisten Mark Twain gehören heute zum Kanon der Weltliteratur. Mit den Abenteuern von Tom Sawyer und Huckleberry Finn machten viele junge Leser ihre ersten spannenden Lektüreerfahrungen. Nicht ganz so bekannt sind Mark Twains humoristisch-satirische Einfälle zur Genesis, die er unter dem Titel Die Tagebücher von Adam und Eva 1906 veröffentlichte. Bianka Lammert und Carsten Bülow haben dieses kleine komische Werk für die Bühne aufbereitet. Herausgekommen ist dabei eine kurzweilige, poetische, bisweilen auch nachdenkliche szenische Lesung, bei der sich ein aufgewecktes Premierenpublikum köstlich unterhalten fühlte.

Von der ersten Begegnung bis zur Ehe

Adams Tagebuch hatte Mark Twain bereits 1893 geschrieben. Nach dem Tod seiner Frau ergänzte er die Geschichte durch Evas Tagebuch und überarbeitete das Ganze zu einer Liebesgeschichte der besonderen Art, in der Eva vor allem den poetisch-philosophischen Part bedient, während Adam eher der Mann fürs Praktische ist. Leicht machen es sich die beiden ersten Menschen nicht – es ist wahrlich keine Liebe auf den ersten Blick. Adam fühlt sich gestört in seinem Junggesellendasein von dem lästigen Geschöpf, das unaufhörlich redet und ihn ständig verfolgt. Die neugierige Eva hingegen begreift ihre Beziehung eher als Experiment und erkennt irgendwann, dass es sich bei dem „anderen“ nicht um ein Reptil, sondern um ein verwandtes Wesen handelt, dem sie den Namen „Mann“ gibt. Von diesem Zeitpunkt an kommen sich die beiden unausweichlich näher, sie lernen sich kennen und lieben. Diese Entwicklung erzählt Mark Twain mit viel Witz und Einfühlungsvermögen, wobei seine Protagonisten weniger den biblischen Originalen nachempfunden sind, sondern ganz gegenwärtig ein Paar der bürgerlichen Mittelschicht repräsentieren – mit allen dazugehörigen Ehe-Klischees. Da bedient der Autor auch alle rollenspezifischen Traditionen: Der Mann geht auf die Jagd, während sie Heim und Herd versorgt und dabei – ganz nebenbei – das Feuer entdeckt. Er fragt nach dem Nutzen, sie nach dem Gefühl, er ist der Kopf- und sie der Bauchmensch. Diese etwas unzeitgemäßen Textpassagen werden von den beiden Darstellern mit Augenzwinkern und Ironie gekonnt parodiert.

Carsten Bülow und Bianca Lammert als Adam und Eva. (Foto: (c) Fletch Bizzel)
Carsten Bülow und Bianca Lammert als Adam und Eva. (Foto: (c) Fletch Bizzel)

Besonders kommt dies zur Geltung, als Kain und Abel, die Kinder, in ihr Eheleben treten. Während Carsten Bülow als Adam sich den Kopf darüber zerbricht, zu welcher Tiergattung diese Findlinge wohl gehören – erst hält er Kain für einen Fisch, dann für ein Känguru und schließlich für einen Bären – entdeckt Bianka Lammert als Eva die Mutterliebe und beschützt die Kinder vor dem eher grobschlächtigen Vater. In dieser Passage der szenischen Lesung, die durch wohldosierte Aktionen, kleine Gänge, vorwurfsvolle Blicke und besänftigende Augenaufschläge untermalt wird, darf das Publikum an so mancher Stelle auch herzhaft lachen.

Nach und nach übernimmt dann die Frau das Ruder, lässt sich von der Schlange überreden, Äpfel vom verbotenen Baum der Erkenntnis zu essen, wodurch das Paradies entmythologisiert wird und sich wandelt zu einem gutbürgerlichen Kleingartenidyll. Hier wird sich der Mensch ganz im Sinne seiner Natur der Endlichkeit bewusst – eine Welt, in der der Tod so selbstverständlich dazugehört wie die Liebe.

Carsten Bülow und Bianka Lammert erzählen diese Geschichte mit viel Charme, Witz und vor allem mit Humor. Am Ende sitzen sie Hand in Hand glücklich auf der Gartenbank, haben sich gefunden, und Eva fasst noch einmal zusammen, warum sie diesen Adam liebt: Nicht wegen seiner Klugheit, nicht wegen seines Fleißes, nicht wegen seiner Ritterlichkeit und auch nicht wegen seiner Bildung, sondern ausschließlich deshalb, weil er ein Mann ist. Und Adam sitzt daneben, ganz in ihrem Bann. Beseelt, verliebt, stolz und wehmütig zieht er die berührende Bilanz seiner Liebe und gesteht: „Wo immer sie war, da war Eden.“ Ein bezaubernder Abend mit überzeugenden Darstellern.




Das Duell der Königinnen

Nein, es ging nicht um ein Schachspiel, auch wenn eine weiße und eine schwarze Königin im Mittelpunkt standen. Das Stück ist nach „Die letzte Königin“ und „Die letzte Königin 2“ der dritte und abschließende Teil von Nanas Königinnen-Trilogie. Es stellte starke weibliche Persönlichkeiten schwarzer und weißer Hautfarbe gegenüber – jedoch ohne eine eindeutige Siegerin. Die Aufführung, die am 28. Februar im Theater im Depot in Dortmund stattfand, war eine spannende Mischung aus Theater, Spiel, Musik und Videokunst.

Historische Königinnen im Wettstreit

Die kamerunische Regisseurin Édith Nana und die deutsche Performerin Kerstin Pohle verkörperten mächtige, historische Frauenfiguren – die eine afrikanisch, die andere europäisch. Wobei „Königinnen“ nicht ganz zutreffend ist; „Persönlichkeiten“ beschreibt die Vielfalt der dargestellten Figuren besser. Begleitet wurden sie vom kamerunischen Mvet-Spieler François Alima und dem deutschen Videokünstler Nils Voges (sputnic). Gemeinsam entfalteten sie eine multimediale und philosophische Reise, die Traditionen, Vorbilder und Konzepte von Identität kritisch hinterfragte.

In der ersten Runde traten Aura Poku und Hildegard von Bingen gegeneinander an. Während Hildegard von Bingen den meisten bekannt sein dürfte, sei hier ein kurzer Blick auf Aura Poku erlaubt: Auch bekannt als Abla Pokou oder Abra Pokou, war sie eine aschantische Prinzessin und Begründerin des Königreichs Baulé (heute Elfenbeinküste) im 18. Jahrhundert. Der Legende nach musste sie ihr Kind opfern, um einen Fluss zu überqueren.

Kerstin Pohle (links) und Édith Nana. (Foto: (c) Nils Voges)
Kerstin Pohle (links) und Édith Nana. (Foto: (c) Nils Voges)

In der zweiten Runde verkörperte Édith Nana die angolanische Herrscherin Nzinga Mbande, während Kerstin Pohle in die Rolle Maria Theresias schlüpfte. Nzinga Mbande (auch bekannt als Königin Nzinga oder Njinga von Ndongo und Matamba) war eine bedeutende politische Figur des 17. Jahrhunderts, bekannt für ihre diplomatische Klugheit und ihren Widerstand gegen die portugiesische Kolonialherrschaft.

In der dritten und letzten Runde standen sich Sojourner Truth und Annette von Droste-Hülshoff gegenüber. Sojourner Truth war eine US-amerikanische Abolitionistin und Frauenrechtlerin und die erste schwarze Frau, die einen Prozess gegen einen weißen Mann gewann.

Wenn die Regeln in Frage stehen

Nach der dritten Runde wurde das Spiel abgebrochen – trotz der Aufforderung der künstlichen Intelligenz (KI) weiterzumachen. Beide Spielerinnen waren nicht mehr bereit, sich den Regeln zu unterwerfen. Dabei kam die Frage auf, warum die weiße Spielerin nur die weißen Figuren spielen durfte und nicht die schwarzen. Wäre das „kulturelle Aneignung“, wie die KI insistierte?

Diese Diskussion ist nicht neu und beschäftigt die Kulturbranche schon länger. In alten Western etwa wurden indigene Rollen oft von Weißen gespielt, und auch die Besetzung der Meerjungfrau „Arielle“ durch eine schwarze Schauspielerin sorgte für Debatten.

Das Stück entwickelte sich schließlich zu einem eindringlichen Plädoyer: Es rief dazu auf, sich starke Frauenpersönlichkeiten zum Vorbild zu nehmen – unabhängig von ihrer Hautfarbe.




Ausbruch zum Menschsein – Sepidar Theater

In der neuen Produktion des Sepidar Theaters „Ich werde Tier sein“, die am Freitag im Theater im Depot Premiere hat, verhandelt die Gruppe die Fragen der menschlichen Existenz. Was macht den Menschen zum Menschen? Was macht das Tier zum Tier? Und wie unterscheidet sich der Mensch vom Tier in einer Welt, die Menschen nicht mehr als Individuen sieht?

Eine dystopische Szenerie

In einem fast dystopisch wirkenden Bühnenraum hängen Plastikplanen von der Decke, sie bedecken den Boden, sie grenzen ein, sie verhüllen und verstecken unter sich zwei Körper, die das Publikum erst nach und nach wahrnimmt. Das Zuschauerlicht geht aus, Sounds ertönen, und die Körper beginnen sich zu bewegen. Sie kriechen unter den Planen hervor, kämpfen sich aus ihrem Versteck und beginnen mit ihrer Arbeit.

Sepidar Theater (Foto: Jonathan Zipfel)
Sepidar Theater (Foto: Jonathan Zipfel)

Die Bewegungen der Performer sind mechanisch, routiniert, fast wie in einer Fabrik. Ein stetiger Rhythmus von Arbeit und Pausen, unterbrochen nur von dem schrillen Gong der Pausenglocke, der sowohl Erleichterung als auch Unbehagen mit sich bringt. Wie in einer endlosen Schleife wiederholen sich die Handgriffe, die immer gleiche Tätigkeit – das Packen von Plastik, das Zubinden von Tüten. Der Körper wird zur Maschine, zum Ding, das sich in einem System bewegt und nichts anderes verlangt als Leistung. Es sind vor allem diese starren und eintönigen Abläufe, die in Erinnerung bleiben, und die verzweifelte Standhaftigkeit der arbeitenden und performenden Körper.

Mamadoo Mehrnejad und Bahareh Sadafi liefern eine überzeugende Performance, wenn sie sich körperlich vollkommen, mit scheinbar nie enden wollender Energie in diese wiederholenden, fast animalisch wirkenden Bewegungen werfen, Plastikplanen in Plastiktüten packen und sie wieder ausleeren. Es scheint kein Ausbrechen aus diesen Strukturen möglich zu sein – vielmehr werden die Körper davon vereinnahmt, sie werden geradezu von der Routine verschluckt, scheinbar unbemerkt von der anderen Person. Gleichzeitig schaffen die Planen aber auch eine Distanz, denn der Zuschauer sieht den Arbeitsablauf zunächst nur hinter dem Vorhang als Schattenspiel. So bleibt ein Abstand zu Gefühlen und Gewissen – wir nehmen nur einen Schatten von dem, was passiert, wahr, ohne es wirklich zu erkennen.

Wiederholungen als Spiegel der Gesellschaft

An diesem Abend sehen wir viele Wiederholungen: Wiederholungen von Bewegungen, von Routinen, von Sounds, von Pausen, von Strukturen und von Erzählungen. Und die Wiederholung des Gefühls: Wo soll das hier hingehen? Der Abend – aber vielleicht auch wir als Menschen? Denn die Muster, die wir hier sehen, sind zwar künstlerisch aufgearbeitet, in ein mattes Licht gehüllt und von live-produzierten Sounds unterlegt, aber es sind Muster, die wir kennen. Einfache Metaphern für komplexe Systeme.

Was wir an diesem Abend beobachten können, ist die Blaupause einer kapitalistischen Gesellschaft, die durch Hierarchie und Machtdemonstration funktioniert – durch Wiederholungen in Strukturen und Narrativen. Es ist anstrengend zu beobachten, weil es so erschreckend real ist. Und es entsteht der Wunsch nach einem finalen Ausbruch, einer Störung der Routinen in diesem Kampf bis aufs Blut.

Begleitet wird die Performance von einer Stimme von oben (aus dem Off?): Sie erzählt, sie informiert, sie gibt Anweisungen. Wer diese Stimme ist – Gott, ein Engel oder das System? – bleibt unklar, aber ihre Macht ist spürbar. Es ist eine Stimme von oben, die kontrolliert und der gefolgt wird.

In einer eindrucksvollen Szene fordert die Stimme den Menschen immer wieder zur Opferung eines Schafes auf. Die Szene erinnert an die biblische Geschichte von Abraham, der von Gott auf die Probe gestellt und angewiesen wurde, seinen Sohn Isaak zu opfern, im letzten Moment aber von einem Engel davon abgehalten wird. Es könnte sich um die Folgegeschichte handeln, denn statt Isaak wird ein Schaf geopfert – oder auch nicht, denn die Stimme von oben kann sich nicht entscheiden. Sie ist nicht zufrieden mit der Erzählung, mit den Worten, mit dem Ablauf. Immer wieder wiederholen Mensch und Schaf die Bewegungen, das Ziel bleibt immer die Opferung, doch der Weg und die Ansprache verändern sich.

Dieser Abend ist ein Abend der Routine. Die Bewegungen der Performenden auf der Bühne werden unterstützt von den live produzierten Sounds von Amir Reza Edalat Nobarzad. Es entstehen keine Lücken, keine Brüche, sondern ineinanderfließende Erzählungen. Der Abend liefert beeindruckende Bilder, er ist inhaltlich und ästhetisch rund, und doch lässt er die Zuschauer*innen mit Fragen zurück: Können wir aus diesem System ausbrechen? Wie können wir mehr als die Schatten erkennen? Wie kämpfen wir gegen die Stimme von oben? Und wie werden wir alle Mensch?

Judith Grytzka




Balletterlebnis voll expressiver Dynamik und Emotionen

Im Dortmunder Opernhaus feierte der Ballettabend „Dips“ anlässlich des zehnten Jubiläums des NRW Juniorballetts am 22. Februar 2025 seine Premiere. Es war zugleich die letzte Premiere, die Ballettintendant Xin Peng Wang seinem Publikum präsentieren durfte. Das NRW Juniorballett wurde von ihm 2014 ins Leben gerufen. Seitdem erhalten jeweils zwölf vielversprechende Ballett-Talente die Chance, ihr professionelles Können weiterzuentwickeln und sich als zukunftsweisende „Tanzbotschafter Dortmunds“ weltweit zu präsentieren.

Bevor die jungen Tänzerinnen und Tänzer an diesem Abend ihr Können zeigten, wurden sie von Dorothee Feller (Ministerin für Schule und Bildung NRW) gebührend gewürdigt, die ihre Vorbildfunktion für junge Menschen betonte. Sie hob hervor, wie wichtig ein geförderter Zugang zu Tanz und Kultur für alle Kinder ist – unabhängig von Herkunft und sozialem Hintergrund. Auch Ute Mais (3. Bürgermeisterin von Dortmund) unterstrich eindringlich die gesellschaftliche Bedeutung kultureller Teilhabe.

In einem kurzen Film berichteten einige aktuelle und ehemalige Mitglieder des NRW Juniorballetts von der prägenden Wirkung dieser zweijährigen „Kaderschmiede“ auf ihre persönliche Entwicklung und die Möglichkeiten für ihre weitere Karriere.

Vielschichtige Choreografien mit emotionaler Tiefe

Als ersten „Dip“ erlebte das Publikum die moderne Uraufführung von „Drama Class“ des israelischen Choreografen Nadav Zelner. Das Stück thematisiert den Umgang mit traumatischen und schmerzhaften Erlebnissen. Oft sind es die kleinsten Alltagsdetails, die uns nach langer Zeit in der Dunkelheit schließlich wieder das Licht finden lassen. Unterschiedliche Musikrichtungen begleiteten das Geschehen und verstärkten die emotionale Wirkung.

Das NRW Juniorballett. Foto: (c) Leszek Januszewski
Das NRW Juniorballett. Foto: (c) Leszek Januszewski

Die Bühne war in düsteres Licht getaucht, und die Tänzerinnen und Tänzer traten in futuristisch schwarzen Kostümen auf. Zelner integrierte zu Beginn des Stücks expressiven Gesang, der die emotionale Intensität noch verstärkte. Mit eindringlicher Körpersprache und geräuschhaften Elementen machten die Tänzerinnen und Tänzer den inneren Schmerz greifbar. Erst am Ende der Choreografie erschien die ersehnte Helligkeit als Symbol der Hoffnung.

Es folgte „Blushing“ unter der Choreografie von Marco Goecke. Inspiriert vom Erröten in unangenehmen Situationen, verleiht diese Arbeit emotionalen Zuständen durch eine moderne Bewegungssprache und vielseitige musikalische Begleitung Ausdruck. Dieser „Dip“ schließt thematisch an den ersten an, wirkt jedoch weniger düster und schafft mit seinen feinsinnigen Bewegungen einen spannenden Kontrast.

Mit „Saturn“ (in Reminiszenz an „Paradiso“) führte das NRW Juniorballett gemeinsam mit Mitgliedern der Hauptcompany das Publikum in die unendlichen Weiten des Universums. Unter der Choreografie von Xin Peng Wang thematisiert das Stück die Sehnsucht nach einem „himmlischen Paradies“ – einem Ort des Schutzes, des Friedens und grenzenloser Möglichkeiten. Die neoklassisch geprägten Bewegungen waren weich und fließend, begleitet von sphärischen Hintergrundprojektionen und dem eindrucksvollen Musiksound des Ensembles 48nord.

Ein hoffnungsvoller Ausblick auf eine Zukunft voller unbegrenzter Möglichkeiten.

Weitere Informationen zu den Aufführungsterminen erhalten Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222.

 




Listen, Listen, überall Listen – Wir sind noch nicht fertig

Für die einen ist eine To-do-Liste ein Fluch: Es gibt Rechnungen zu bezahlen, E-Mails zu beantworten und einen Papierstapel auf dem Schreibtisch, der aussieht wie der Eiffelturm in Kleinformat. Und irgendwo zwischen „endlich mal Sport machen“ und „Oma anrufen, bevor sie mich enterbt“ steht noch der Wunsch, ein Musikinstrument zu lernen und fünf Bücher zu lesen.

Für die anderen ist die To-do-Liste ein Segen: Für Menschen wie mich, die mit Konzentrationsschwierigkeiten oder ADHS zu kämpfen haben, sind To-do-Listen nicht nur ein nützliches Werkzeug, sondern oft ein Rettungsanker. Während das Gehirn in alle Richtungen gleichzeitig sprintet – von „Was wollte ich gerade machen?“ zu „Oh, ein Eichhörnchen!“ – hilft eine Liste, den Tag zu strukturieren und den Fokus zu bewahren.

Die Tanzwerkstatt KOBI unter der Leitung von Birgit Götz hat am 15.02.25 und 16.02.25 im Theater im Depot mit Wir sind noch nicht fertig ein kleines Tanztheaterstück auf die Beine gestellt, das diese täglichen Routinen aufs Korn nimmt.

Zwischen Alltagsstress und großen Lebenswünschen

Schon zu Beginn waren die 13 Tänzerinnen in ihrer täglichen Routine gefangen: Aufstehen, sich fertigmachen, frühstücken, zur Arbeit fahren, nach Hause kommen – kurz gesagt: die To-do-Liste abarbeiten. Die Choreografien verdeutlichten eindrucksvoll den Unmut über den eintönigen Tagesablauf.

Erledigte Aufgaben oder unerfüllte Wünsch? (Foto: www.freepik.com)
Erledigte Aufgaben oder unerfüllte Wünsch? (Foto: www.freepik.com)

Dann gibt es noch die Liste der Wünsche: Was möchte eine Person im Leben noch erreichen? Die Weltreise? Eine Fremdsprache lernen? Und wann werden diese Wünsche unerfüllbar? Ich denke dabei an folgende Liedzeilen:

Dein Leben dreht sich nur im Kreis
So voll von weggeworfener Zeit
Deine Träume schiebst du endlos vor dir her
Du willst noch leben irgendwann
Doch wenn nicht heute, wann denn dann?
Denn irgendwann ist auch ein Traum zu lange her

(„Kein Zurück“, Wolfsheim)

Am Ende wurden die Zuschauer:innen selbst involviert: Manche mussten ihre Wünsche für eine Bucket List oder „Löffelliste“ aufschreiben.

Ein Requisit hatte eine besondere Bedeutung: das Pausenbrot – oder hier im Ruhrpott das „Bütterken“. Für mich symbolisierte es eine Pause von der Routine.

Mit dabei waren: Karin Brindöpke, Claudia Dortschy, Marie Ebmeier, Bettina Escher, Birgit Frese, Susanne Grytzka, Juliane Kath, Katharina Schlüter, Heike Schwensow, Sybille Teunissen, Barbara Timmer-Kahl, Maria Wagener, Ulrike Wiggermann.




Zwischen Nordpol und Südpol: Ein Kind zwischen Fürsorge und Vernachlässigung

Mit dem Stück Südpol.Windstill von Armelia Madreiter unter der Regie von Franz Maria Hoffmann hat sich das Dortmunder Kinder- und Jugendtheater (KJT) einem brisanten, oft schamhaft verdrängten Thema angenommen: dem Leben von Kindern in dysfunktionalen Familienstrukturen und prekären Wohnverhältnissen. Die Premiere fand am 14. Februar 2025 im Skelly (KJT) statt.

Eindrucksvoll war die Bühnenausstattung mit einer hellen Kachelwand im Hintergrund und einem vollständig in weißes Glitzertuch gehüllten Innenraum. Links stand ein dreistufiges Treppengestell mit einer Mikrowelle ganz oben, rechts ein Kühlschrank.

Sensibel und ernsthaft, zugleich humorvoll und voller Lebenskraft, stellte die Inszenierung das zehnjährige Mädchen Ida (stark gespielt von Annika Hauffe) in den Mittelpunkt. Ida ist fasziniert vom Nord- und Südpol und träumt davon, Polarforscherin zu werden. Sie liebt die Ruhe und Weite der Polarregionen. Das Publikum erfährt, dass dieses Interesse auch mit Idas Mutter zusammenhängt, mit der sie in einem riesigen Wohnkomplex lebt. Diese liegt oft depressiv auf dem Sofa und trinkt viel Alkohol. An diesen „Nordpol-Tagen“ ihrer Mutter kümmert sich Ida um Haushalt und Mutter, wobei sie aus Rücksicht auf deren psychische Erkrankung absolut leise sein muss. Damit die schwierige Situation zu Hause nicht auffällt, verheimlicht das Kind seine Lage. Halt und Unterstützung findet Ida nur bei ihrem imaginierten besten Freund, dem Polarforscher Robert Falcon Scott (humorvoll dargestellt von Rainer Kleinespel). Gemeinsam planen sie Expeditionen und lösen Kreuzworträtsel, wobei Kleinespel eine gute Portion Humor ins Geschehen bringt.

Ein Alltag zwischen Extremen

Doch es gibt auch die „Südpol-Tage“: Dann ist die Mutter gut gelaunt, interessiert sich für ihre Tochter und übernimmt Verantwortung – so, wie es eigentlich sein sollte. Für Ida fühlt es sich an, als hätte sie zwei völlig verschiedene Mütter. Es wird angedeutet, dass es sich um eine bipolare Störung handelt, begleitet von Alkoholmissbrauch.

Südpol.windstill: Rainer Kleinespel (Robert Falcon Scott), Annika Hauffe (Ida)(c) Birgit Hupfeld
Südpol.windstill: Rainer Kleinespel (Robert Falcon Scott), Annika Hauffe (Ida)
(c) Birgit Hupfeld

Als Ida den zwölfjährigen Ari kennenlernt, der aus einer großen Familie stammt und einen ruhigen Platz für seine astronomischen Forschungen sucht, gewinnt sie einen echten Freund. Ari (kongenial gespielt von Thomas Ehrlichmann) gibt Ida nicht nur Lebenskraft, sondern auch neue Einsichten und Hoffnung.

Lange trägt Ida einen Brief der Schule mit sich herum, aus Angst, er könne schlechte Nachrichten enthalten und ihre Mutter beunruhigen. Die Mutter braucht schließlich oft Stille. Doch irgendwann muss der Brief geöffnet werden …

Erstaunlich ist, welche Ausdruckskraft die fantasievolle Nutzung einfacher Gegenstände wie Blechdosen oder Kacheln in dieser Inszenierung entwickelt. Annika Hauffe als Ida gewährt dem Publikum tiefe Einblicke in das Seelenleben eines Kindes, das trotz widriger Umstände Willenskraft, Fantasie und Mut zeigt – und die Bedeutung von Freundschaften, in denen man sich öffnen kann.

Atmosphärisch und mit viel Feingefühl wurde die Aufführung musikalisch von Murphy Martyna Baginski begleitet.

Weitere Aufführungstermine finden Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/5027222