Junge Oper Dortmund entführt in fantastische Welt

Der Titel „Wo die wilden Kerle wohnen“ war am Sonntag, den
16.06.2019 Programm in der Oper Dortmund. Die Junge Oper lud zur
fantastischen Oper gleichen Namens von Oliver Knussen und dem
Libretto von Maurice Sendak (Deutsch von Claus H. Henneberg). Das
gleichnamige Kinderbuch stammt aus dem Jahr 1963.

Die Geschichte
handelt von dem Jungen Max, gesungen von Irina Simmes, der am
liebsten herumtollen und spielen will. Was gibt es da Dümmeres, als
dass die ganze Verwandtschaft zu Besuch kommt und er immer wieder zur
Ruhe ermahnt wird. Nach einem Wolfsgeheul wird er letztendlich von
seiner Mutter ohne Abendessen ins Bett geschickt wird. Max flüchtet
sich in eine Fantasiewelt, in der sein Stoffaffe zum Leben erweckt
wird und seine Verwandten zu tierischen Spielgefährten werden. Als
es ihm dann aber mit den Wilden Kerlen zu bunt wird, schickt er sie
ebenfalls ohne Essen schlafen, und beschließt selbst diese Welt zu
verlassen…

Musikalisch
begleitet wurde das Geschehen von den Dortmunder Philharmonikern
unter der professionellen Leitung des ersten Kapellmeisters Philipp
Armbruster. Die Opernmusik war passend zur Handlung sehr dramatisch
und dissonant. Komponist Oliver Knussen (*1952) hat die Story mit
leuchtenden Klangfarben ausgeschmückt. Manchmal ging der Gesang in
eine Art Sprechgesang über.

Eine Herausforderung
für Musiker und Sänger.

Das Bühnenbild bot auf zwei Ebenen Einblick in das herrschaftliche Esszimmer mit röhrendem Hirsch als Bild im Hintergrund und darüber das Kinderzimmer von Max. Beide Zimmer waren durch eine Treppe verbunden.. Außer des Lichts vom Kronleuchter war die Bühne ziemlich im Dunklen gehalten. Das erzeugte eine
leicht unheimliche spannende Stimmung.

Max (Irina Simmes) erlebt einige Abenteuer mit den wilden Kerlen. (Foto: © Theater Dortmund)
Max (Irina Simmes) erlebt einige Abenteuer mit den wilden Kerlen. (Foto: © Theater Dortmund)

Nach der Verwandlung
von Mama/Tzippie (Hyona Kim), Onkel/Bart- und Ziegenkerl (Fritz
Steinbacher, Onkel/Hornkerl (Mandla Mndebele), Großmutter/Hahnkerl
(Ian Sidden und Vater/Bullenkerl (Denis Velev) wurde nicht mehr auf
deutsch, sondern in einer „tierischen“ Fantasie-Sprache
gesprochen.

Man muss es so
sagen, da ging es zwischenzeitlich wirklich „wild“ her. Den
beteiligten Sängerinnen und Sängern merkte man den Sing- und
Spielspaß beim Austoben deutlich an. Als kleiner Affenbegleiter
hatte das für dieses Rolle ausgewählte Kind sichtlich auch seine
Freude.

Dass es sich um ein
herrschaftliches Haus handelt, merkte man nicht nur an den Kostümen,
sondern auch daran, dass eine Haushälterin und ein Diener mit von
der Partie waren.

Apropos Kostüme:
Tatjana Ivschina hat wieder einmal viel Fantasie bei den Tier-Masken
bewiesen.

Eine fantasievolle
Oper mit einer am Ende wichtigen Erkenntnis (nicht nur) für den
Jungen Max.




Ein ausgerechneter Tumult oder wann kommt der Waschmaschinenflüsterer

Ordnung muss sein, heißt es im Volksmund. Doch was ist Ordnung
überhaupt und wo sind die Grenzen zum Chaos? Ist Ordnung gleich
Sicherheit? Diese Frage stellt sich die elektronische Kammeroper für
acht Ordnungskräfte mit dem Titel „[… alles gut …]“ von
„Oper, Skepsis und Gleisbau“ unter der Regie des Komponisten
Frank Niehusmann. Ein Bericht von der Dortmunder Uraufführung am 15.
Juni 2019 im Theater im Depot.

Die Ordnung findet
sich auch auf der Bühne wieder. Farbige Linien durchkreuzen den
Boden, als ob sie ein riesiger Schaltplan wären. Tatsächlich ist
die Bühne auf geteilt in drei x drei Quadrate, auf denen 24 Duette
stattfinden. Jedes dieser Duette findet einmal vorne, in der Mitte
und in der hinteren Reihe statt. Eine Regel besagt, dass nie ein
Duett das andere verdeckt. Klingt kompliziert? Ist es auch, denn die
acht Akteure auf der Bühne müssen sich genau an einen Plan halten,
denn ansonsten kämen sie sich ins Gehege. Schließlich dauert ein
Duett exakt drei Minuten und dann wird gewechselt. Vergleichen kann
man diese Herangehensweise mit Sudoku, Go oder einem Schachproblem.

Im Gegensatz zur
festgelegten Struktur sind die Duette weitgehend improvisiert. Einige
dieser Duette werden gesprochen, gesungen, getanzt oder mit
elektroakustischer Musik ausgefüllt. Lässt der mit
Percussioninstrumenten gefüllte Einkaufswagen an die Anfangszeit der
Einstürzenden Neubauten denken, wird in der Inszenierung noch weiter
experimentiert. Da werden Gitarren mit Fidget-Spinner verbunden oder
man lässt ein Modellauto über eine Gitarre fahren. Sehr spannend
sind die Duette mit dem Theremin von Gilda Razani. Razani ist unter
anderem bekannt durch ihre Aktivität als Saxophonistin und
Theremin-Spielerin in der Geierabend-Band. Ihre Klänge waren sehr
variantenreich und reichten von Klängen aus dem All bis hin zu
vorwurfsvollen und klagenden Lauten.

Für die
gesprochenen Duette war Schauspieler Thomas Kemper zuständig. Beim
ersten war eine Tanzpartnerin dabei. Kempers Aufzählung „Ich
kannte mal eine…“ erinnerte in der Form leicht an Ingo
Insterburgs „Ich liebte ein Mädchen“. Dass Werbesprüche von LKW
auch eine poetische Komponente haben, wurde im nächsten Duett
erkennbar. „Just in Time“, „gut verpackt“ – wer oft auf
Autobahnen unterwegs ist, kann die LKW-Sprüche auf den Planen auch
bald mitsingen. In der Religion und in der Werbung wird oft mit dem
Stilmittel der Zukunftserwartung gespielt. „Etwas wird kommen“ –
sei es der Erlöser oder das neue Smartphone. So deklamierte Kemper
unter anderem „Ein Waschmaschinenflüsterer wird kommen“.
Tatsächlich könnte die Welt einen (oder mehrere)
Waschmaschinenflüsterer gut gebrachen.

Thomas Kemper (links) und Peter Eisold  beim Duett über die Poesie von Texten auf LKW-Planen. (Foto: © Christian Spieß)
Thomas Kemper (links) und Peter Eisold beim Duett über die Poesie von Texten auf LKW-Planen. (Foto: © Christian Spieß)

Als weitere Ebene im
Stück gab es Videos, die Szenen aus Essen zeigten oder
Computergrafikanimationen von Erwin Wiemer.

Was auf den ersten
Blick chaotisch abzulaufen scheint, denn viele Duette laufen ja
parallel, hat in Wahrheit einen geordneten Kern. Für den Zuschauer
ergeben sich viele assoziative Bilder, die erst geordnet werden
müssen. Dann aber ergibt das Ganze nicht nur einen Sinn, sondern
macht auch Spaß. Wenn Kemper beispielsweise wie der Papst mit
erhobenen Händen „reziproke Amnesie“ in den Zuschauersaal ruft,
kann man sich ein Grinsen nicht verkneifen. Das Stück „[… alles
gut …]“ spielt mit dadaistischen Elementen und ist eine gelungene
moderne Kammeroper.




Vom Ghetto-Netto zum Vermieter-Gebieter

Der dritte Teil der Nordstadtsaga um den Hinterhof in der
Missundestraße 10 trägt den schönen Titel „Soda und Gomera“.
Nach „Juckpulver und Hagebuttentee“ (2018) und „Im Tal der
fliegenden Messer“ (2017) geht es diesmal mit der Produktion von
artscenico in die Zukunft. Hier ist die Nordstadt das hippe Viertel
der Republik und die Mietwilligen stehen Schlange. Eine schwere
Entscheidung für den Vermieter, der sich als König geriert. Zudem:
The Return of the Omas. Ein Premierenbericht vom 13. Juni 2019.

Zurück in die
Zukunft – wo andere einen Fluxkompensator brauchen, um in die
Vergangenheit zu reisen, reichen Rolf Dennemann, der Kopf hinter
artscenico, nur ein paar Papptafeln um von 2017 und 2018 in die
Zukunft und wieder zurück zu reisen.

Die altbekannten
Gesichter sind wieder dabei: Emmi (Elisabeth Pleß) ist die Frau vom
Vermieter (Linus Ebner) und Walla (Thomas Kemper), der als Oma einen
mobilen Kiosk mit dem schönen Namen „Wallahalla“ betreibt.
Logischerweise gibt es dort Eierlikör in rauen Mengen.

Was tut man/frau nicht alles, um dem Vermieter zu gefallen und die Wohnung zu bekommen. (Foto: © Guntram Walter)
Was tut man/frau nicht alles, um dem Vermieter zu gefallen und die Wohnung zu bekommen. (Foto: © Guntram Walter)

Die Hauptgeschichte
spielt im Jahre 2022: Der junge Hausbesitzer weiß nicht, an wen er
eine seiner Wohnungen vermieten soll. Die Nordstadt ist so attraktiv
geworden, dass die Kandidaten Schlange stehen und an einem
„Mietmarathon“ teilnehmen müssen. Walla ist mit seinem mobilen
Kietz-Kiosk unterwegs als er seinen alten Kumpel Kalla wiedertrifft,
der jahrelang als Maskenverleiher auf Gomera sein karges Leben
fristete.

Rolf Dennemann hat
hier wieder das aktuelle Thema „Wohnungsnot“ in gewohnt
skurril-amüsanter Form aufbereitet. Auch wenn die Nordstadt noch
weit weg ist von der Gentrifizierung, in anderen Städten müssen die
Mietkandidaten sich quasi nackt machen vor dem „Vermieter-Gebieter“.
Schon die kleinste Verfehlung kann das Aus bedeuten. Schwierig ist es
auch für einen unerfahrenen Vermieter, der das Haus vererbt bekommt,
den oder die richtige Kandidatin zu finden. Es hat ja auch etwas mit
Vertrauen zu tun, wem man seine Wohnung vermietet.

Wer es am Ende sein
wird, verrate ich nicht, denn das können die Besucher am 21. und 22.
Juni 2019 noch selbst herausfinden. Wer also etwas Abstand vom
Kirchentag haben möchte und Lust hat sich intelligent und
hintergründig zu unterhalten, der sollte gegen 19:30 Uhr nicht an
der Missundestraße 10 vorbei gehen. 90 Minuten echte
Nordstädter-Hinterhofatmospähre mit überdachter Tribüne.




Seniorentanztheater und das Sinnhafte im Eigensinnigen

Unter der Leitung und tatkräftigen Unterstützung von Barbara Huber
sowie des erfahrenen Choreografen Mark Hoskins bereichert das
Dortmunder Seniorentanztheater schon in der zehnten Spielzeit das
kulturelle Leben in unserer Stadt. Die fitten Seniorinnen und
Senioren (57 bis 82 Jahre) sind keine Profitänzer, sondern haben,
wie man sehen und spüren kann, enormen Spaß an Bewegung und Tanz.

In ihrer neuesten
Produktion „We don‘t need no (s) education“ (frei nach Pink
Floyd), an der sie über Monate zusammen gearbeitet haben, geht es
darum, gegen überkommene Vorstellungen über „ältere Menschen“
mit Mut und das Leben möglichst lange selbstbestimmt und autonom
anzugehen.

Ein aktuelles Thema
aus dem Erfahrungsbereich der älteren Generation. Der demografische
Wandel zeigt deutlich, das die Zahl der Senioren in den nächsten
Jahren stetig ansteigen wird. Die individuelle Situation und
Fähigkeiten sind bei ihnen sehr unterschiedlich und lassen sich
nicht über einen Kmm scheren.

Wie schafft man es, lange selbstbestimmt Leben zu können? Eines der Fragen, die das Seniorentanztheater beschäftigte. (Foto: ©Piotr Gregorowicz)
Wie schafft man es, lange selbstbestimmt Leben zu können? Eines der Fragen, die das Seniorentanztheater beschäftigte. (Foto: ©Piotr Gregorowicz)

Die dreiundzwanzig
beteiligten Personen (sechzehn Frauen und sieben Männer) waren alle
mit einer Art weißen Kittel (ähnlich einem Engels-oder
Krankenhauskittel) anonym und wie „unsichtbar“ gekleidet. Nur
bunte Fäden ihren Köpfen brachten kleine zaghafte Farbtupfer
hinein.

Passend zum ernsten Thema war die energiegeladenen Musik von Igor Strawinskys „Sacre du printemps“ sowie natürlich Ausschnitten aus Pink Floyds „The Wall“ sehr gut ausgewählt.

Strawinky beschwört
in seinem legendären Ballett ein vorzeitliches Ritual und feiert die
stete Erneuerung der Natur. Für die älteren Menschen, die schon
einige Frühlinge und Sommer hinter sich haben, wird aus dem
Frühlings- ein Herbstopfer

Der Druck von außen,
wie man als älterer Mensch zu sein und sich zu verhalten hat, wurde
sehr plastisch und eindringlich tänzerisch dargestellt. Widerstand
entwickelt sich erst langsam nach und nach.

Das Leben wird als
Spiel auf Leben und Tod erfahren, bei der Humor nicht auf der Strecke
bleiben darf.

Im Laufe der
Aufführung werden dann den Beteiligten in goldenen Kelchen „rote
Nasen“ gereicht und sie werden zu Clowns. Glücklich sind sie damit
nicht, mit den roten Nasen lächerlich gemacht zu werden. Sie sind
keine Narren, sondern haben eine Art Freibrief.

Wenige
Videoprojektionen dienten zwischendurch als Hintergrund. Am
Eindrucksvollsten war dabei die bunte „Wall“, die Risse bekam.
Beim Song „We don‘t need no education“ rockte das Ensemble die
Bühne .

Es gab wohl bisher
keiner Produktion des Seniorentanztheaters, wo die tänzerisch und
motorischen Anforderungen für alle so hoch waren. Viele Elemente des
modernen Balletts waren darin eingeflossen.

Ein großes
Kompliment für diese Leistung!




Ein Abend mit Willem

Die Geschichte des 30jährigen Willem erzählt die Komödie „Willems Wilde Welten“ im Theater im Depot. Der Mann steckt in einer tiefen Sinnkrise und sucht als ersten Ausweg eine Therapeutin auf. Hier beginnt eine Reise der Erkenntnis durch Abgründe der Vergangenheit und absurde Traumsequenzen. Rückblicke, Träume und Gegenwärtiges wechseln sich ab bei Willems Suche nach dem Glück.

Die
Komödie des freien Theaters „glassbooth“ plante Regisseur Jens
Dornheim als Fortsetzung des Stückes Container Love aus dem Jahr
2014.

Einige
Sequenzen standen schon länger fest, es bedurfte aber einer
Verknüpfung der Ideen und eines roten Fadens, um nicht in einer
Nummernrevue zu landen. Gemeinsam mit Dominik Hertrich, mit dem Jens
Dornheim schon mehrfach zusammengearbeitet hatte, entwickelte der
Regisseur die Geschichte um die Hauptperson Willem, gespielt von
Dietmar Meinel.

Die
Titelfigur führt die Zuschauer durch ein Leben voller
Zurückweisungen und Niederlagen. Sein Kostüm, bestehend aus einem
beigen Hemd und einem Wollpollunder, der in die zu kurze Anzughose
gestopft ist, unterstreicht das Loser-Dasein, das Willem in die Krise
gestürzt hat. Während seiner Therapiesitzung erzählt er von
Erniedrigungen auf dem Schulhof durch brutale Zwillingsbrüder, der
Unfähigkeit sich mit einem Mädchen zu unterhalten, geschweige denn
sich zu verabreden und einer grotesken Szene am Abendbrottisch der
Familie. Diese wird in eine Videosequenz eindrücklich dargestellt.
Ein despotischer Vater hält Frau und Kind mit strengen Regeln unter
seiner Kontrolle. Als der Vater den Geschmack der abendlichen Suppe
kritisiert und neues Essen einfordert, geht seine Frau in die Küche,
nimmt einen gebrauchten Tampon und rührt das Blut in die helle
Suppe, voilà ein neues Gericht. Dem Vater schmeckt es, Mutter ist
kurzfristig gerettet, der kleine Willem starrt mit großen Augen
hungrig auf seinen leeren Teller. Dieser bleibt leer, da seine Mutter
nur ihren Mann bestrafen will. So mancher Zuschauer konnte angeekelte
Laute nicht unterdrücken.

Auch eine Szene im Arbeitsamt war optisch schwer zu ertragen. Willem sitzt einem sabbernden dicken Mitarbeiter, der aus der Psychiatrie entsprungen scheint, gegenüber und muss sich mit Formalitäten herumschlagen. Die Dialoge sind so absurd, dass man viel Sympathie für den verzweifelten Willem entwickelt. Viele Lacher ernten die Schauspieler auch, als Willem bei der Automatenfee (Foto) ein Passbild anfertigen will, was natürlich misslingt.

Willem (Dietmar Meinel) hat kein Glück beim Passbildautomaten. (Foto: © Anja Cord)
Willem (Dietmar Meinel) hat kein Glück beim Passbildautomaten. (Foto: © Anja Cord)

In
einer Castingshow mit mehreren Videoeinspielern nimmt Willem die
Rolle des Chefs ein und agiert prompt nach dem Vorbild seines Vaters
mit machtbesessenen Starallüren. Die Einspieler sind gespickt mit
Zitaten von Woody Allen bis Dieter Hallervordens Palim Palim.

Im
Schlussbild des Stückes kommt es zu einem versöhnlich Abschluss.
Mit Tiermasken verkleidet lauschen die Schauspieler Opa Walters
Märchenkiste, und im Kreis der Tiere schöpft Willem Vertrauen. Er
beginnt befreit zu tanzen und fühlt sich in die Gemeinschaft
aufgenommen.

Das
sechsköpfige Ensemble, bestehend aus Dietmar Meinel, Safiye Aydin,
Dominik Hertrich, Timo Josefowicz, Timo Knop und Aless Wiesemann
meistert die Aufgabe des ständigen Rollenwechsels mit Bravour.

Das
durch geschickt eingesetzte Garderobenständer schnell wandelbare
Bühnenbild wurde von Sabine Bachem in Szene gesetzt, die
Filmsequenzen drehten Dirk Gerigk und Stefan Bahl von bs-Film, einem
langjährigen Partner der Theatergruppe.

Das
Stück wird nach der Sommerpause am 22. September wieder im Theater
im Depot zu sehen sein.




Soda und Gomera – wenn die Nordstadt zum Hipsterviertel wird

Irgendwann in der Zukunft – also 2022 – verwandelt sich die
Nordstadt in ein beliebtes Hipsterviertel, bei dem sogar der
Prenzlauer Berg vor Neid erblasst. Das ist zumindest die Ausgangslage
von „Soda und Gomera“, dem dritten Stück von Rolf Dennemann, dem
Kopf von artscenico, das im Hinterhof der Missundestraße 10
stattfindet. Die Premiere ist am 13. Juni 2019.

Das Stück „Soda
und Gomera“ ist im Prinzip der dritte Teil von „Tohuwabohu“ und
„Juckpulver und Hagebuttentee“. Nicht nur der Ort ist derselbe,
sondern auch die gleichen Hauptakteure machen wieder die Nordstadt
unsicher.

Handlungsort:
Hinterhof in der Dortmunder Nordstadt. Thema: „Wohnung zu
vermieten“- die Reaktionen auf seine Anzeige stürzt den jungen
Hausbesitzer in seiner Ambition, menschlich und „politisch
korrekt“ zu handeln, geradewegs in die Abgründe seiner
Vorurteile und zwingt zur Konfrontation mit sich selbst und der Frage
nach Vertrauen. Die Nordstadt ist 2022 zum Hipsterviertel geworden
und Menschen aus aller Welt wollen dort hinziehen. Er hat Wohnungen
zu vermieten und es melden sich zahlreiche Interessenten mit
unterschiedlichsten Hintergründen. Wem kann man vertrauen? Er ringt
mit sich und seinen menschlichen Vorstellungen von Zusammenleben.
Eine Stimme sagt ihm immer wieder „Achtung! Hier stimmt was nicht!“
Es entsteht Chaos und Verwirrung. Die Wohnungssuchenden werden mit
Prüfungen konfrontiert und versuchen mit allen möglichen Tricks,
den Zuschlag zu bekommen. Wie schwer wiegt hier Vertrauen und wie
wird Vertrauen aufgebaut?

Probenfoto mit Thomas Kemper (Walla), Linus Ebner (Deniz) und Elisabeth Pleß (Emmi). (Foto: © Guntram Walter)
Probenfoto mit Thomas Kemper (Walla), Linus Ebner (Deniz) und Elisabeth Pleß (Emmi). (Foto: © Guntram Walter)

Dennemann hat also
ein aktuelles Thema auf die Bühne bzw. den Hinterhof gebracht: Der
alltägliche kampf um das Wohnen. Wen darf ich was vermieten und wie
finde ich den richtigen Mieter? Es beginnt für jeden potentiellen
Mieter ein „Miet-Marathon“ durch verschiedene Räume, bei dem
bald alles aus dem Ruder läuft. „Das Wort Chaos wäre eine
Untertreibung“, beschreibt Dennemann die Situationen.

Altbekannte Figuren
wie Kalla und Walla treten wieder auf und es gibt Rückblicke auf die
Vorgängerstücke. Mit dabei sind unter anderem Thomas Kemper,
Matthias Hecht, Elisabeth Pleß, Linus Ebner, Asta Nechajute.

Sichern Sie sich Ihren Platz durch Voranmeldung, die Tickets liegen an an der Abendkasse:

orga@artscenico.de
und telefonisch unter 0176 63826162

PREMIERE:
DONNERSTAG, 13.Juni 2019, 19.30 Uhr

und 14.6., 21./22.6.

Dortmund –
Nordstadt – Missundestraße 10 (Hinterhof)

Und 21./22.6. im
Kulturprogramm des Ev. Kirchentages




Freies Theater glassboth präsentiert „Willems wilde Welt“

Nach ihrem Erfolg mit „Container Love“ (Gewinner des Petra
Sonderpreis 2015) zeigt das freie Theater glassbooth ihre neue
Stückentwicklung „Willems wilde Welt“ unter Leitung von Jens
Dornheim als Premiere am Samstag, den 08.06.2019 um 20:00 Uhr im
Dortmunder Theater im Depot.

Die Theatergruppe
arbeitet in unterschiedlichen Besetzungen und zeichnet sich oft durch
ihre ungewöhnlichen oder kontroversen Stücke aus.

Bei dieser
Produktion sind sechs SchauspielerInnen auf der Bühne, darunter auch
der Co-Autor Dominik Hertrich. Er ist auch maßgeblich an der
Entwicklung des Hauptcharakters Willem beteiligt gewesen. Zunächst
waren nur verschiedene Textfragmente vorhanden, die mit einem roten
Faden verbunden werden mussten.

Willem ( Dietmar Meinel ) hat scheinbar gute Laune. (Foto:© Oliver Mengedoht)
Willem ( Dietmar Meinel ) hat scheinbar gute Laune. (Foto:© Oliver Mengedoht)

„Nach unseren
bisherigen dramatischen Adaptationen sollte es diesmal eine Komödie
mit ein paar ernsten Tönen werden“, so der Regisseur. Es darf also
bei dieser Stückentwicklung über die (Un-) Möglichkeiten auch
gelacht werden.

Der Protagonist Willem gerät mit Mitte 30 in eine Sinnkrise und fragt sich zunächst bei einer Therapeutin, was in seinem Leben schiefläuft, welche Möglichkeiten er verpasst hat und was er jetzt braucht, um sein Glück zu finden. Daraufhin begibt er sich auf eine Reise, die ihn in allerlei skurrile Situation führt. Er trifft auf verschiedene Figuren, die seine Wahrnehmung auf die Probe stellen. Die Grenzen zwischen
Erinnerung, Wunsch und Wahrheit verschwimmen…

Die
musikalisch-atmosphärische Begleitung liegt in der Verantwortung von
Danny-Tristan Bombosch.

Ein 20-köpfige Gruppe semiprofessioneller Schauspielerinnen im Alter von 8 bis 80 Jahren hat sich außerdem an der Entwicklung von sechs Videofilmsequenzen (2 bis 5 Minuten) beteiligt.

Für die Bühnenausstattung war Sabine Bachem zuständig. Vier hohe und praktische Garderoben auf drehbaren Rollen sind, was ihr wichtig ist, auf kleinen Raum multifunktional einsetz- und dann später auch abbaubar.

Außer bei der Premiere kann das Publikum „Willems wilde Welt“ noch am Sonntag, den 09.06.2019 und am Sonntag, den 22.09.2019 jeweils um 18:00 Uhr erleben.

Tickets gibt es unter ticket@theaterimdepot.de oder 0231 / 9822336 (AB) oder an allen bekannten Vorverkaufsstellen. 




Ein Fest für die Sinne – Im Irrgarten des Wissens

Mit „ Im Irrgarten
des Wissens“ unter der Regie von Thorleifur Örn Arnarsson schenkt
uns das Schauspiel Dortmund ein Sommerstück der besonderen Art. Zwar
war die Hauptaktion auf der großen Bühne, doch es gab
Installationen und Ausstellungen im ganzen Schauspielhaus. Was dort
ablief, ist schwer in Worte zu fassen, aber hier ist der Versuch
eines Premierenberichtes vom 25. Mai 2019.

Die Nebelmaschinen
mussten ganze Arbeit leisten, bis sie die große Bühne eingehüllt
hatten. Dann zog ein einsamer Gartenzwerg seine Bahnen, bis das
Ensemble langsam auf die Bühne kam. Der erste Programmpunkt – wie
sollte es anders sein – waren unterschiedliche Schöpfungsmythen
aus verschiedenen Ländern wie Grönland, dem Benin oder Borneo.
Dabei wurde eine immer lauter werdende infernalische Musik gespielt,
die das Schauspielensemble letztendlich zu wilden Tänzen animierte.

Archaischer Beginn im "Irrgarten des Wissens". Foto: © Birgit Hupfeld)
EnsembleArchaischer Beginn im „Irrgarten des Wissens“. Foto: © Birgit Hupfeld)

Insgesamt dauerte
das Spektakel fünfeinhalb Stunden. Jeden Programmpunkt einzeln zu
beschreiben, würde gnadenlos den Rahmen sprengen, was Daniel
Angermayr (Bühne) und Mona Ulrich (Kostüme) auf die Bühne
zauberten, war schlichtweg atemberaubend. Hervorzuheben war der sehr
persönliche Text „Danke, Deutschland“, gesprochen von Alexandra
Sinelnikova, Die Schauspielerin, die in Russland geboren wurde,
reflektiert ihren Bezug zu Deutschland. Marlena Keil war nicht nur
als Sicherheitsexpertin eine Wucht, sondern präsentierte den Text
von Terry Pratchett „Die Sommerfrau und der Wintermann“ gekonnt
witzig. Uwe Schmieder konnte sich nicht nur mit Merle Wasmuth bei
„Adam und Eva in der Wanne“ zu Genderrollen in Schöpfungsmythen
unterhalten, sondern er dirigerte auch „4‘33‘‘“ von John
Cage. Gabriel Cazes begleitete das Ensemble auf unterschiedlichen
Tasteninstrumenten.

Danach gab es die
Möglichkeit, sich im Foyer, im Studio und in den Zwischenetagen
aufzuhalten. Im Foyer gab es die „Bibliothek des Wissens“ per
Kopfhörer zu bestaunen, in Institut konnten die Besucher sich die
Videoinstallation „In the beginning“ anschauen. Sehr meditativen
Charakter hatte die Installation „Meet yourself“, bei der mann
ubnter anderem Reis und Linsen zählen konnte.

Danach konnten die
Besucher wieder zum großen Saal zurückkehren, um sich weiterhin im
„Irrgarten des Wissens“ zu verlaufen, bei der auch der Dortmunder
Sprechchor einen Auftritt hatte.

Alles in allem ist
„Im Irrgarten des Wissens“ ein opulentes Fest für die Sinne, das
auf jeden Fall den Rahmen eines „normalen“ Theaterabends sprengt.
Nicht nur durch die Länge. Es ist in gewisser Weise vergleichbar mit
der Wucht vom „Goldenen Zeitalter“ oder der „Borderline
Prozession“, aber es ist ein eigenständiges Werk. Ich kann
interessierten Besuchern nur empfehlen, sich auf diesen Irrgarten
einzulassen und sich durch die Macht der Bilder und die Kraft der
Musik auf eine Reise schicken zu lassen. Wo das Ziel ist? Das ist
vermutlich bei jedem verschieden. Doch ist nicht schon der Weg das
Ziel?

Infos zu Terminen und Karten unter www.theaterdo.de




Theaterwerkstatt im Depot zeigt kleine Mini-Dramen

„13
Personen wollen spielen“, unter dem Titel zeigte
die Theaterwerkstatt im Depot
an diesem Wochenende ein Stück aus kleinen spritzigen Mini-Dramen.
Die Laienschauspieler unter der Leitung von Regisseurin Barbara
Müller präsentierte
eine Collage aus unterschiedlichen Alltagsszenen. Fünf
SchauspielerInnen stehen bei diesem Stück zum ersten Mal auf der
Bühne.

Das
Bühnenbild besteht aus zahlreichen Pappkisten und an der Decke
aufgehängten Objekten. In schwarzweiß gehaltene Alltagsgegenstände
wie Telefone, Spritzen, Mikrofone, Kladden, Stifte, Zigaretten oder
ein Revolver kommen während der Spielszenen abwechselnd zum Einsatz.
Um die Requisiten flexibel nutzen zu können sind sie mit
Gummibändern an der Decke befestigt. Die ebenfalls in schwarz, weiß
und grau gekleideten Schauspieler greifen danach, benutzen das
Requisit und lassen es nach Gebrauch wieder an die Decke flutschen.
Die einzelnen Teile werden durch kurze Beleuchtungswechsel und kleine
improvisierte Szenen voneinander abgesetzt. Unter Titeln wie
„Bekannte Gerichte – Gemischte Gefühle“, „Delikate Delikte“,
„von Macken und Menschen“, „Literarisches Quartett“ und
„Ein Traum von Menschlichkeit“ werden die verschiedenen
Mini-Dramen entwickelt. Die erste Szene beginnt allerdings mit der
Frage „Warum spielen?“ Nach
verschiedenen Lösungsvorschlägen ist die Antwort des Ensembles: wir
spielen, um zu spielen.

Das Ensemble der Theaterwerkstatt in Aktion bei "13 Personen wollen spielen". (Foto: © Anja Cord)
Das Ensemble der Theaterwerkstatt in Aktion bei „13 Personen wollen spielen“. (Foto: © Anja Cord)

Mit
großem Spaß bringen die DarstellerInnen die kleinen Dramen des
alltäglichen
Wahnsinns auf die Bühne, oft mit viel Wortwitz, mit erwarteten und
unerwarteten Wendungen, auch mit makaberen Pointen. So stopft eine
junge Frau im Teil „Delikate Delikte“ ihr Baby voller Überzeugung
und mit dem Bewusstsein der Haut des Kindes nur Gutes zu tun zum
Baden in die Waschmaschine. Natürlich nur bei schonenden 40 Grad.

Die
einzelnen Stücke stammen von verschiedenen Autoren wie Wolfgang
Deichsel, F.K. Wächter, Gerhard Rühm und anderen. Das Bühnenbild
stammt von Mathias Schubert.

Barbara
Müller ist Theaterpädagogin, Regisseurin und Schauspielerin, sie
leitet die Theaterwerkstatt im Depot
seit 2004. Ihre Workshops, Kurse und Projekte richten sich an die
interessierte Öffentlichkeit, insbesondere auch an die Nachbarschaft
in der Nordstadt. Anfänger und fortgeschrittene
Theaterfans können sich beteiligen.




Echnaton als lichtgewaltiges Bühnenwerk

Die Oper „Echnaton“
von Philipp Glass unter der Regie von Guiseppe Spota wurde in der
Dortmunder Oper als Triumph des Lichtes gefeiert. Beeindrucken konnte
auch der Countertenor David DQ Lee, der Opernchor und die Dortmunder
Philharmoniker, unter der Leitung von Motonori Kobayashi, die die
minimal music von Glass interpretierten. Dazu tanzte das NRW
Juniorballett. Ein Premierenbericht vom 24. Mai 2019.

Für die ägyptische
Hochkultur war neben dem Nil die lichtspendende Sonne von großer
Bedeutung. Doch zunächst ohne vergöttert zu werden. Die Sonne wurde
als rechtes Auge von Re gesehen. Doch dann entwickelte sich eine
„theologische Revolution“, die mit Amun-Re eine Art Götterkönig
an die Spitze setzte. Echnaton, dessen Geburtsname Amenhotep sich
noch auf Amun bezieht, setzte Aton als höchsten Gott durch und
versuchte die alten Götter auszutilgen, was ihm die Gegnerschaft der
Priesterkaste einbrachte.

Kein Wunder, dass
sich Philipp Glass mit dieser außergewöhnlichen Person der
Weltgeschichte auseinandersetzte, schließlich ist neben Echnaton
auch seine Frau Nofretete über ihre Büste bis in unsere heutige
Zeit ein Begriff. Glass lässt uns den Pharao in szenenhaften Bildern
näher bringen, vom Herrschaftsantritt bis zum Sturz, obwohl der
möglicherweise gar nicht stattgefunden hat.

Aber die Oper ist
nicht dazu da, ein historisch genaues Ereignis zu rekonstruieren, sie
will Gefühle, Musik und starke Bilder präsentieren und das gelang
bei der Premiere. Schon der Beginn ist ergreifend, denn wir wohnen
der Grablegung von Pharao Amenophis III., Achnatons Vater, bei. Als
Mumien verkleidete Tänzer legen den ebenfalls mumifizierten Leichnam
zur Ruhe.

Die Herrschaft von Echnaton geht zu Ende. er wird von der Priesterschaft gestürzt. David DQ Lee (Echnaton), NRW-Juniorballett, Chor der Oper Dortmund. (Foto: © Oper Dortmund)
Die Herrschaft von Echnaton geht zu Ende. er wird von der Priesterschaft gestürzt. David DQ Lee (Echnaton), NRW-Juniorballett, Chor der Oper Dortmund. (Foto: © Oper Dortmund)

Der erste Auftritt von Echnaton ist noch in Begleitung von Priestern des Amun, Mut und Chons. Später wird er die Priester gewaltsam aus ihren Tempeln vertreiben und Aton als einzigen Gott einsetzen. Hier war der Countertenor David DQ Lee eine gute Wahl für die Hauptrolle, vor allem sein Lobgesang an Aton am Ende des dritten Satzes war eines der Höhepunkte. Seine Stimme passte auch sehr gut zur ruhigen und fließenden Musik von Philipp Glass, die ähnlich meditativ klang wie bei seiner Oper „Einstein on the beach“ die vor zwei Jahren in Dortmund aufgeführt wurde.

Auch sehr berührend war das Liebesduett zwischen Echnaton und Nofretete (Aytaj Shikhalizada). Als Prister des Amun
machte Fritz Steinbacher ebenfalls eine gute Figur wie Claus Dieter
Clausnitzer als Chronist.

Das Besondere an
„Echnaton“ war die Gesangsprache. Der Chronist erzählte die
Geschichte auf Deutsch, die anderen Texte waren auf Ägyptisch,
Akkadisch und Aramäisch.

Wenn es um einen
Sonnengott geht, dann hat das Licht natürlich eine große Funktion.
Und die brachte den Besuchern Bonnie Beecher und Stefan Schmidt
näher.

Auch das Bühnenbild
von Tatyana van Walsum war effektiv. Durch Höhenverschiebungen
entstanden Hierarchieebenen, beispielsweise als Echnatons Vater zu
Grabe gelegt wurde, versanken die Akteure in Boden und bei Echnatons
Krönung kam das Herrscherpaar von oben herab.

Ein Opernabend der
besonderen Art. „Echnaton“ ist sicher zugänglicher als „Einstein
on the beach“. Ein lehrreiches Stück über einen Herrscher, der
mit seiner Radikalität der Gesellschaft vor den Kopf stieß und nach
seinem Tod dem Vergessen anheimfallen sollte. Glass hat ihn mit
seinen Stärken und Schwächen auf die Bühne geholt. Das NRW
Juniorballett, der Opernchor, die Solisten und die Dortmunder
Philharmoniker haben Echnaton wieder eine Stimme gegeben.