Heidi – Abenteuer eines Schweizer Naturkinds

Nach “Aschenbrödel – Nuss mit lustig” entführt uns Stefan Keim
diesmal in die Welt der Schweizer Alpen. Mit seiner Version von
“Heidi” von Johanna Spyri geht es mit Cordula Hein, Thorsten
Strunk und Sandra Wickenburg um Almöhis, Ziegen und Kühe. Die
Premiere ist am 02. November 2019 um 20 Uhr.

“Heidi”
von Johanna Spyri ist ein Weltbestseller und hat das Bild über die
Schweiz nachhaltig geprägt. In Deutschland ist der Stoff sicher
vielen von der japanischen Zeichentrickserie bekannt, die im
Fernsehen von 1977 bis 1978 lief. Aber “Heidi” ist immer noch
sehr aktuell, 2015 wurde ein Spielfilm produziert mit keinem
geringeren als Bruno Ganz als Almöhi.

Die
Geschichte in Kurzform: Die Waise Heidi wird von ihrer Tante, die in
Frankfurt bei einer Familie als Dienstmädchen arbeitet, zu ihrem
Großvater auf die Alm geschickt. Nach Anfangsschwierigkeiten
freunden sich beide an, einen Freund findet Heidi auch beim
Geissenpeter. Nach einigen Jahren holt Heidis Tante ihre Nichte zu
sich nach Frankfurt, wo Heidi als Gesellschafterin der gelähmten
Klara werden soll. Beide werden Freundinnen. Dennoch fühlt Heidi
sich immer schlechter in der Stadt und wird letztendlich wieder nach
Hause geschickt.

Sandra Wickenburg als Almöhi, dessen grantige Art von Heidi abgemildert wird. (Foto: © Stefan Keim)
Sandra Wickenburg als Almöhi, dessen grantige Art von Heidi abgemildert wird. (Foto: © Stefan Keim)

Der Regisseur Stefan Keim bleibt nah am Buch. Das Stück “Heidi – Geissen, Gipfel, Sensationen” ist ähnlich wie die Vorgängerproduktion „Aschenbrödel“ eine kleine Hommage an den bekannten Stoff. Ein paar kleine Feinheiten hat sich Keim einfallen lassen. So gibt es einen Prolog im Reisebüro, der sich um die Frage dreht: Warum fährt man in die Berge? Darüber hinaus dienen drei Kühe als Erzähler.

Auch
spielt das Stück in der Jetztzeit, wobei sich auf der Alm relativ
wenig geändert hat, Frankfurt hingegen ist modern. Cordula Hein
spielt die Heidi, während die anderen fünf Hauptfiguren wie der
Geissenpeter oder Klara von Thorsten Strunk und Sandra Wickenburg
gespielt werden.

Wer
durch die Zeichentrickserie der 70er sozialisiert wurde, der hat auch
das Titelstück “”Heidi” von Gitti und Erika noch im Ohr. Auch
das wird wieder auftauchen, aber die Musik hat eine größere
Bandbreite, die von alpinen bis modernen Klängen reicht.

Im
Gegensatz zu “Aschenbrödel” wird “Heidi” etwas technischer,
denn es gibt Videos zu sehen. Die Aufnahmen der Schweizer Berge
entstanden im Sommer.

Für
Keim und seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter ist “Heidi” kein
reines Kinderbuch. Zunächst gehe es auch darum, dass junge Menschen
tun und lassen können, was sie wollen. Außerdem hat die
Originalversion von Spyri Buch durchaus dunkle Seiten. So ist der
Almöhi nicht sofort der nette Opi und auch die erzwungene Abreise
Heidis nach Frankfurt ist bedrückend. Daher ist das Stück auch erst
für Kinder ab acht Jahre konzipiert.

Während
„Aschenbrödel“ ein Stück ist, dass nur zur Weihnachtszeit
passt, kann „Heidi“ dagegen das ganze Jahr aufgeführt werden.
Damit könnte „Heidi“ zum legitimen Nachfolger vom abgespielten
„Moby Dick“ werden.

Das
Stück hat eine Pause und dauert insgesamt zwei Stunden.

Premiere:

SA
02.11.2019 | 20 Uhr

Eintritt Premiere:
VVK 15 € / 8 € erm.
AK 17 € / 10 € erm.
Kinder bis 14 J. VVK + AK 5 €

Weitere Vorstellungen:
SO 03.11.2019 um 16 Uhr
FR 08.11.2019 um 20 Uhr
SA 09.11.2019 um 20 Uhr
SO 10.11.2019 um 16 Uhr
FR 22.11.2019 um 20 Uhr
SA 23.11.2019 um 20 Uhr

Eintritt:
VVK 14 € / 8 € erm.
AK 16 € / 10 € erm.
Kinder bis 14 J. VVK + AK 5 €




Auf der Suche nach der Identität

Mit „Die Geworfenen“ zeigte das Sepidar Theater im Roto-Theater eine beeindruckende Premiere

Zwei Koffer, zwei Spieler. Mehr brauchte das Sepidar Theater nicht,
um in dem Stück „Die Geworfenen“ im Roto-Theater für
Begeisterung zu sorgen. Die Premiere am 19. Oktober 2019 war
jedenfalls ein großer Erfolg.

Bahareh Sadafi und
Mamadoo Mehrnejad haben die beiden Akteure, die „in die Welt
geworfen wurden“. Nur mit einem Koffer, der aber alles enthielt,
was wichtig war. Die erste Assoziation für Menschen mit Koffer war
natürlich die Flucht. Und aus dem Off kamen passenderweise die Orte
und Daten von Kriegen und Krisen, die Menschen dazu genötigt haben,
ihre Heimat zu verlassen. Und das waren eine Menge vom 20.
Jahrhundert bis heute.

Safadi und Mahrnejad
ersinnen noch eine besondere Komponente: Sie markieren mit großen
Klettbändern ein Grenze auf dem Theaterboden. Beim Versuch, die
Grenzen zu durchschreiten, ertönt ein heulender Wind, der die beiden
zurück bläst.

Bahareh Sadafi und Mamadoo Mehrnejad beeindruckten mit ihrer Körperlichkeit bei "Die Geworfenen". (Foto: © Robin Junicke)
Bahareh Sadafi und Mamadoo Mehrnejad beeindruckten mit ihrer Körperlichkeit bei „Die Geworfenen“. (Foto: © Robin Junicke)

Daher müssen sie in
ihren engen Grenzen bleiben. Im Koffer finden sie Requisiten, die sie
für ihre Performance benötigen. Beim Fußballspielen wird
beispielsweise der Unterschied zwischen Frauen- und Männerfußball
hörbar, denn jedes mal wenn Mamadoo den Ball hat, ertönt Jubel, bei
Bahareh dagegen bleibt es still.

Humor beweisen die
beiden Akteure bei der Ballettszene, als Bahareh als verzweifelte
Balletttänzerin „Schwanensee“ tanzen soll und vom Ballettlehrer
ständig korrigiert wird, bis sie es satt hat. Die Koffer können
aber nicht nur Requisiten lagern, sondern sie dienen auch als Tafel
oder Schneidebrett für eine imaginäre Küchensendung.

Gesungen wurde auch:
Georg Kreislers „Tauben vergiften“ erklang unter kräftigen
Streuen von Vogelfutter. Doch das blieb das einzig makabere Stück in
der Performance. Gegen Ende verkleideten die beiden Schauspieler noch
in verschiedene Personen wie Monroe, Rocker oder Fußballer, um aber
sofort weggeweht zu werden. Nur als echte Persönlichkeit ohne
Verkleidung konnten dann zum Schluss auch die Grenzen überwunden
werden.

Neben Bahareh Sadafi
und Mamadoo Mehrnejad sorgte Ruben Philipp mit seinen Sounds und
Live-Klängen am Klavier für einen gelungenen Abend.

„Die Geworfenen“
ist ein gelungen Performance um Identitätsfindung, die mit einfachen
Mitteln Stück für Stück eine ungeheure Kraft entwickelt. Es zeigt
viele Facetten des menschlichen Lebens und die Möglichkeiten, sich
in dieser Welt zurecht zu finden.

Weitere Termine:
08.11.2019 | 20 Uhr (Parzelle im Depot | Immermannstraße 29,
Dortmund) und

09.11.2019 | 20 Uhr
(Parzelle im Depot | Immermannstraße 29, Dortmund).




Ein Haus voller Klänge, Rhythmen und Tänze

„Inhouse – Die Welt unter einem Dach“ ist der Titel einer interkulturellen Tanz-Performance unter der Leitung von Monica Fotescu-Uta, Dortmunds ehemaliger Primaballerina. Die renommierte Tänzerin choreographierte, führt Regie und tanzt selbst. Am 26. Oktober erlebt die Produktion ihre Premiere im Schauspielhaus Dortmund.

Die Rahmenhandlung
dieser einzigartigen Mischung der Musikrichtungen und Tanzstile
spielt „in den eigenen vier Wänden“. Auf der Bühne,
stellvertretend für diesen Ort der Privatheit, ist aus vielen
einzelnen Sequenzen eine neue Inszenierung entstanden. InHouse öffnet
die Fenster und ermöglicht dem Zuschauer einen Blick auf die
interkulturelle Realität dieser Stadt, auf Hausbewohner aus
verschiedenen Kulturen, die echte Kommunikationsexperten sind. Dies
geht nicht nur mit Vokabeln und Grammatik!

Monica Fotescu-Uta (stehend am Rand) beim Choreografieren der einzelnen Szene bei der Generalprobe im Dietrich-Keuning-Haus.
Monica Fotescu-Uta (stehend am Rand) beim Choreografieren der einzelnen Szene bei der Generalprobe im Dietrich-Keuning-Haus.

Mit dabei sind
zahlreiche Künstlerinnen und Künstler sowie in Dortmund
trainierende Tanzgruppen aus Argentinien, Deutschland, Griechenland,
Indonesien, Kolumbien, Korea, Kuba, Rumänien, Serbien, Spanien, Peru
und vielen weiteren Nationen. InHouse verknüpft dabei Elemente des
Theaters mit modernem Tanz, Folklore und Live-Musik.

Nach Abschluss der erfolgreichen interkulturellen Tanzperformance DANCEtination hat das DKH dieses neue Tanzprojekt entwickelt. Es hat durch die finanzielle Förderung von House of Ressources Dortmund, eine inhaltliche Weiterentwicklung und Ausweitung der bisherigen Tanz-Theaterproduktionen mit neuen Protagonisten ermöglicht. Als herausragendes Kulturprojekt mit Nachhaltigkeit ist „Inhouse“ vom Lions-Club Rothe Erde 2018 ausgezeichnet worden.




Die Doppelmoral der Oberschicht – Jekyll und Hyde

Mit Jekyll und Hyde bringt die Oper
Dortmund einen Bestseller unter den Gruselgeschichten als Musical auf
die Bühne. Das Premierenpublikum war begeistert und sprang spontan
aus den Sesseln, um das Ensemble mit anhaltenden Standing Ovations zu
belohnen.

Das
Musical, konzipiert von Steve Cuden und Frank Wildhorn, beschreibt
die Suche von Dr. Jekyll nach einer Möglichkeit das Gute und das
Böse im Menschen zu trennen und dadurch zu beherrschen. Frank
Wildhorn, der auch die Musik schrieb, und Leslie Bricusse,
verantwortlich für Buch und Liedtexte, fügten der ursprünglichen
Novelle von Robert Louis Stevenson zwei Frauenrollen hinzu. Lisa,
Jekylls Verlobte und Lucy, eine Prostituierte, der Hyde verfällt.
Außerdem verdeutlichen sie stärker die Doppelmoral
der Upperclass der damaligen Zeit, bei der moralischer Anspruch und
Wirklichkeit weit auseinander klafften. Auf der Suche nach der
richtigen Dosierung eines Elexiers im Selbstversuch, verfällt Jekyll
seinem Alter Ego Edward Hyde fast vollständig. Neun Leichen sind das
Ergebnis seines Wahns.

Dr. Jekyill präsentiert den faustischen Trank. David Jacobs (Henry Jekyll) und Ensemble bei "Jekyll und Hyde". (Foto: © Theater Dortmund)
Dr. Jekyill präsentiert den faustischen Trank. David Jacobs (Henry Jekyll) und Ensemble bei „Jekyll und Hyde“. (Foto: © Theater Dortmund)

Die
Sehnsucht des Dr.Jekyll nach höherer Erkenntnis ist ein Desaster.
Kurz bevor er auch seine Verlobte Lisa tötet, besinnt er sich in
einem lichten Moment und richtet sich selbst.

Im
Original griff Autor Stevenson in seiner Geschichte eine wahre
Begebenheit auf. In Edinburgh lebte im 18. Jahrhundert ein gewisser
William Brodie, der tagsüber als ehrbarer Geschäftsmann fungierte,
nachts aber als Einbrecher unterwegs war. Das Genre der Gothic Novel
war zum Ende des 18. Jahrhundert sehr en vogue. Die Ursache des Bösen
wurde jetzt in Mitten der Gesellschaft gesehen und nicht mehr nur
höheren Mächten zugeschrieben. Aufklärung und der Fortschritt der
Naturwissenschaften führten zu veränderten, oft schwierigen
Lebensumständen. Im Vergleich mit dem schauerlichen Geschehen in den
Erzählungen, relativierten sich die eigenen Sorgen ein wenig.

David
Jakobs zeigt in seiner Doppelrolle eine große stimmliche
Variationsbreite. Lisa (Milica Jovanovic) als Verlobte verliert mit
ihren zarten Balladen ein wenig gegen die kraftvoll und frivol
auftretende Prostituierte Lucy Harris (Bettina Mönch). Unterstützt
durch die hervorragenden Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung
von Philipp Armbruster geben die Sänger alles, um die gruselige
Spannung des Stückes hochzuhalten.

Besonders
gelungen ist die Regiearbeit von Gill Mehmert. Um die
unterschiedlichen Szenen miteinander zu verbinden bewegen sich die
Schauspieler während des Singens und der Erzählung durch vier auf
einer Drehbühne inszenierte viktorianische Bühnenbilder. Dies
erzeugt den Eindruck einer filmischen Darstellung und ist sehr
dynamisch. Vervollständigt wird dies durch die gleichzeitige Ansicht
der Szenerie auf der Drehbühne und Jekylls Labor in der Kelleretage,
Dort ist mit diversem Laborzubehör, brodelnden Flüssigkeiten und
Theaternebel der Raum für die Verwandlung in den monströsen Hyde
geschaffen.

Insgesamt
ein unbedingt sehenswertes Stück, wenn auch durch die
Vorhersehbarkeit der Handlung und die zahlreichen Balladen sich hin
und wieder einige Längen einschleichen.

Termine
bis Ende des Jahres: 18., 20., 23., 26. Oktober, 3. ,16. , 22., 29.
November, 18., 19., 28., 29., 31. Dezember.

Mehr
Informationen unter: www.theaterdo.de




Herzensbildung schlägt Bücherwissen

Zum Abschluss der russischen Kulturtage im Kinder- und Jugendtheater
präsentierte das Akademische Jugendtheater aus Rostow am Don am 13.
Oktober 2019 das Stück „Monsieur Ibrahim und die Blumen des
Koran“. Das Stück von Éric-Emmanuel Schmitt über die schwierige
Zeit des Erwachsenwerdens ist inzwischen zu einem Klassiker der
Toleranz und des Verständnisses geworden.

Die Geschichte
spielt irgendwann in den 50er/60er Jahren: Der elfjährige Moses, der
von Monsieur Ibrahim Momo genannt wird, lebt mit seinem Vater, der
Rechtsanwalt ist, in einer Wohnung in der Rue Bleue in Paris. Seine
Mutter, sowie seinen Bruder Popol hat er nie kennengelernt. Sein
Vater ist gefühlskalt zu ihm und vergleicht ihn mit seinem perfekten
Bruder Popol. Zuneigung findet Moses nur in den Armen der
Prostituierten und in Monsieur Ibrahim, den Inhaber eines kleinen
Kolonialwarenladens. Als sein Vater Selbstmord begeht, wird Monsieur
Ibrahim sein Vater-Ersatz und tritt später in seine Fußstapfen.
Zusätzlich findet er einen späten Frieden mit seiner Mutter.

Das kleine Skelly
verwandelte sich im Nu in eine alte Pariser Straße mit ihren kleinen
Läden. Dank eines Kastens, der sich durch Öffnen in einen Kramladen
verwandelte und die typische Musik der damaligen Zeit. Trotz der
Sprachbarriere – die Schauspieler sprachen natürlich Russisch –
konnte man Dank der Texteinblendungen an der Seite der Handlung gut
folgen.

Monsieur Ibrahim erklärt Momo die Feinheiten des Lebens. (Foto: © Akademisches Jugendtheater Rostow am Don)
Monsieur Ibrahim erklärt Momo die Feinheiten des Lebens. (Foto: © Akademisches Jugendtheater Rostow am Don)

Schmitt stellt den
Sufismus in den Mittelpunkt seines Stückes. Die Toleranz dieser
Richtung des Islams steht im Gegensatz zu strengen, gesetzestreuen
Auslegung des Korans. Daher trinkt Ibrahim, der im übrigen kein
Araber ist, sondern Türke, auch gerne einen Anisschnaps trinkt.
Ibrahims Grundsatz uist: „Ich glaube nicht an Bücher“. Im
Gegensatz zu Moses‘ Vater, der viele Bücher liest, dessen
Buchwissen ihn kalt gemacht hat.

Dabei hat Moses‘
Vater kein leichtes Leben: Seine Eltern wurden von den Nazis ermordet
und seine Frau hat ihn verlassen. Zudem erfindet er einen imaginären
Bruder für Moses: Popol, der perfekt und unerreichbar. Für einen
Heranwachsenden ist es sicher mit das Schlimmste, ständig mit
jemanden verglichen zu werden, der dieses oder jenes besser kann als
man selber. Ibrahim gibt ihm hingegen die Wertschätzung, die er von
seinem Vater nicht bekommt.

Die vier
Schauspielerinnen und Schauspieler erwecken auf faszinierende Weise
die Geschichte zum Leben. Musik und ein paar Requisiten genügen
ihnen völlig. Auch der Humor durfte nicht fehlen, als beispielsweise
Brigitte Bardot für Filmaufnahmen in der Nähe ist und den Laden von
Monsieur Ibraim besucht. Die Derwischkostüme am Anfang und Ende des
Stückes lassen die mystische Richtung des Sufismus greifbar werden.
Eine gelungene Aufführung.




PLAY: Möwe – Mash up mit Tschigorin, Godard und einer Menge Erinnerungen

Ein „Mash-up“ ist laut Wikipedia spezifische Form der Musikcollage, die aus Tonaufnahmen von Stücken verschiedener anderer Interpreten zusammengemischt wird. Auf das Theater übertragen wäre ein Mash-up eine Stückcollage, die aus Stücken anderer Autoren zusammengestellt wird. Auch Tschechows „Möwe“ wurde mit Jean-Luc Godards Film „Histoire(s) de Cinema“ gemischt und vor allem mit Erinnerungen des Ensembles kräftig gewürzt. Eine Freude vor allem für die unter dem Publikum, die Kay Voges schon seit seiner Ankunft folgen und die Anspielungen aus „Nora“, „Das goldene Zeitalter“ oder die „Borderline-Prozession“ erfreut zur Kenntnis nahmen.

Auch das letzte Stück in Dortmund unter der Regie von Kay Voges enthielt natürlich Elemente, die ihn weit über Dortmunds Grenzen bekannt werden ließen: Loops, gefilmte Schauspieler hinter der Bühne und ein frischer, unverbrauchter Blick auf die Stoffe.

Wer Tschechows „Möwe“ nicht kennt: Treplew ist ein Nachwuchsschriftsteller, dessen Ideen etwas zu neu sind. Er verliebt sich in die Nachwuchsschauspielerin Nina, in die sich der etablierte Romancier Trigorin ebenfalls verguckt. Nina folgt Trigorin nach Moskau, um in dessen Windschatten Karriere zu machen, was aber nicht aufgeht. Sie wird eine Provinzschauspielerin, während Treplew spät aber immerhin Erfolg hat. Bei Tschechow gibt es kein Happy-End wie in Hollywood: Nina besucht Treplew, verlässt ihn jedoch wieder, worauf sich Treplew erschießt.

Auch die Figur der "Nina" gerät in den Loop bei "PLAY: Möwe": (v.l.n.r.) Marlena Keil; Bettina Lieder; Caroline Hanke; Andreas Beck; Uwe Rohbeck; Anke Zillich. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Auch die Figur der „Nina“ gerät in den Loop bei „PLAY: Möwe“: (v.l.n.r.) Marlena Keil; Bettina Lieder; Caroline Hanke; Andreas Beck; Uwe Rohbeck; Anke Zillich. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Die Figuren in Tschechows Stück sind und bleiben immer noch aktuell. Treplew ist jemand, der nach der perfekten Kunst strebt, es aber schwer hat, in einer Welt, die eher dem Massengeschmack huldigt. Das gilt auch für das Theater, wo manche noch immer erwarten, dass ein Klassiker mit dem selben heiligen Ernst aufgeführt werden soll, wie bei der Premiere im 19. Jahrhundert. Da sind moderne Interpretationen natürlich des Teufels.

Nina ist ebenfalls eine tragische Figur, denn ihr Traum als große Schauspielerin in Moskau hat sich nicht erfüllt. Sie muss nun auf den Bühnenbrettern der Provinz ihr Können zeigen. Das aber auch von Selbstzweifeln geprägt ist. Und hier kommen wir wirklich zu den emotionalen Höhepunkten der Inszenierung. Als das gesamte Damenensemble als „Nina“ auf der Bühne steht und sich in einem internen Wettkampf damit brüsten, wer wann ein Hochzeitskleid oder gar ein weißes Kleid getragen hat. So beklagte sich Anke Zillich: „Warum habe ich nie eine Jungfrau gespielt? Nie eine Jungfrau spielen dürfen? Ich sah halt nie wie Gretchen aus.“

Besonders emotional ist Bettina Lieder als „Nina“, die den Druck und den Stress einer Schauspielerin auf der Toilette los wird: „Aber niemand zwingt mich. Vielleicht hätte ich ja in der Provinz bleiben sollen. Aber ich kann nun mal nichts anders! Ich kann nicht mehr, als mein Bestes zu geben. Auch wenn das immer nur scheiße sein kann!“ Schließlich „Nicht der Ruhm ist wichtig, sondern die Kraft, etwas auszuhalten.“ Ihr Monolog bekam verdientermaßen Sonderapplaus.

Und sonst? Natürlich tauchten wieder bekannte Figuren aus vergangenen Inszenierungen von Kay Voges auf: der berühmte rosa Hase, Adam und Eva aus „Das Goldene Zeitalter“, Wum und Wendelin und selbstverständlich durften auch die Lolitas aus der „Borderline-Prozession“ nicht fehlen.

„PLAY: Möwe“ ist ein Stück, eine Geschichte eines Theaters, nein, die Geschichte des Dortmunder Schauspielhauses in den vergangenen zehn Jahren. Es ist sehr emotional, sehr bewegend, aber auch sehr kraftvoll und positiv. Wer die Arbeiten von Kay Voges in Dortmund verfolgt hat, sollte dieses Stück nicht verpassen.

Mehr Informationen unter www.theaterdo.de




In die Welt geworfen

Eine Welt, in der es kein Halten gibt. Heulender Wind und unsicheres Schwanken in der gähnenden Leere. Mit diesem Gefühl beschäftigt sich die aktuelle Performance der Gruppe „Sepidar Theater“.

Die jungen Theatermacher*innen feiern im Oktober im ROTO-Theater Premiere mit ihrer Produktion „Die Geworfenen“. Die Bühne ist leer – nur zwei Performer*innen und zwei Koffer befinden sich in dem großen, weiten Raum. Die Besucher*innen werden empfangen von einer akustischen Wolke.

Gemeinsam mit den Performer*innen sind sie dieser Geräuschkulisse ausgesetzt – sie werden in sie hineingeworfen. Rund um dieses Gefühl des Geworfen-Seins dreht sich die Arbeit der jungen Theatermacher*innen. Mit ihren Koffern begeben sie sich auf eine Erkundungssuche danach, wie sie sich zu dieser Welt verhalten können, sollen und wollen. Sie fragen danach, wer sie sind und was sie mit den Koffern und ihrem Inhalt verbindet.

Bahareh Sadafi und  Mamadoo Mehrnejad in Aktion bei "Die Geworfenen". (Foto: © Robin Junicke)
Bahareh Sadafi und Mamadoo Mehrnejad in Aktion bei „Die Geworfenen“. (Foto: © Robin Junicke)

Die Künstler*innen vom Sepidar Theater setzen bei ihrer Inszenierung gezielt auf Körperlichkeit. Sie werfen sich über die Koffer, klettern auf ihnen herum und fahren mit ihnen durch die Gegend. Mit ihren Körpern erforschen sie die Bühne und suchen, welchen Platz sie dort – und somit stellvertretend in der Welt – haben.

Das Sepidar Theater existiert seit 2016. Gegründet wurde die Gruppe von den iranischen Theaterwissenschafts-Studierenden Bahareh Sadafi und Mamadoo Mehrnejad. Mittlerweile gehören viele Kulturschaffende mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen der Gruppe an. Mit ihrer ersten Produktion „Der kleine schwarze Fisch“ wurde die Gruppe zum 45. Fritz-Wortelmann-Preis eingeladen.

„Die Geworfenen“ feiert Premiere am 19.10. Premiere im ROTO-Theater Dortmund (Gneisenaustraße 30). Weitere Vorstellungen finden am 8. und 9. November in der Parzelle im Depot (Immermannstraße 29) statt. Karten können per Mail reserviert werden unter sepidar.theater@gmail.com. Für die Premiere kosten die Karten 12 Euro (10 Euro ermäßigt) und können bei allen Vorverkaufsstellen von ProTicket erworben werden. Bei den weiteren Vorstellungen kosten die Karten 10 Euro (8 Euro ermäßigt).




Poetisch-bewegende Geschichte um den treuen Hund Kaschtanka

Das dritte Stück im Rahmen der Russischen Kulturtage mit dem
Akademischen Jugendtheater aus Rostow am Don am Sonntag, den
13.10.2019 um 15:00 Uhr im Kinder- und Jugendtheater (KJT) war ein
poetisches Stück nach der Erzählung „Kaschtanka“ von Anton
Tschechow (ab 6 Jahren) unter der regie von Pawel Sobnin.

Das zahlreich
erschienene Publikum lernte die Hündin Kaschtanka aus der Geschichte
in Form einer jungen Schauspielerin schon vor Beginn der Aufführung
kennen. Zudem waren da zwei fleißige russische Schauspieler mit
warmer Pelzkappe, Mantel und Filzschuhen, die mit einem Reisigbesen
den Boden im Vorraum säuberten. Einer von ihnen führte das Publikum
in den Vorstellungsraum mitten auf die Bühne.

Schuh, Fisch,oder
Restaurants waren symbolisch auf großen bemalten Stellplakaten
dargestellt an der linken Seite zu sehen. Wie in einer die
Circus-Manege konnten sich die Zuschauer*innen nach zehn Minuten auf
kleine, in einem Kreis gestellte Bänke setzen.

Die Vorstellung von "Katschanka" brachte etwas Zirkusatmosphäre ins KJT Symbolbild. (Foto: © Jörg Brinckheger  / pixelio.de )
Die Vorstellung von „Katschanka“ brachte etwas Zirkusatmosphäre ins KJT Symbolbild. (Foto: © Jörg Brinckheger / pixelio.de )

Entsprechend der
bewegenden Geschichte um die treue Hündin Kaschtanka, wurde das
geschehen mit ruhigen Flöten oder Lautenklängen begleitet. Die
empfindliche Hündin büxt ihrem Herrchen, dem Tischler Luka
Aleksandrytsch und seinem Sohn, wegen des Lärms einer Musikkapelle
aus..

Der reiche Mr.
George nimmt das verängstigte Tier auf und füttert es besser als
der oft betrunkene Tischler. Kaschtanka taucht in die magische Welt
des Zirkus ein und findet in einem Schwein, einem Kater und einem
Gänserich neue Freunde. Sie müssen gemeinsam hart für eine
Kunstfigur namens „Ägyptische Pyramide“ trainieren. Bei einem
(misslungenen) Zirkusauftritt am Schluss erkennen der Tischler und
sein Sohn ihre Hündin und es gibt ein freudiges Wiedersehen.

Fantasievolle
Kostüme machen die Aufführung zu einem bunten Spektakel.

Die Schauspieler
arbeiten mit Mimik, Gesten und vielen Tiergeräuschen und einer
insgesamt starken Körperlichkeit.

Die deutschen
Erläuterung zu der Handlung, konnten von der Seite leider nicht so
gut gelesen werden.

Die gute Bildsprache
des Ensembles erleichtere aber auch so das Verständnis.

Ein rührend
poetische Inszenierung.




Bumbarasch – zerrissen in Kriegs und Revolutionszeiten

Das zweite Stück des Akademischen Jugendtheaters aus unserer
Partnerstadt Rostow am Don – „Bumbarasch“- im Dortmunder Kinder-
und Jugendtheater (KJT) am 12.10.2019, war für Kinder- und
Jugendliche ab 12 Jahren konzipiert. Es befasste sich mit der
aufrührenden Zeitspanne vom Ersten Weltkrieg (1914 -1918) bis zur
russischen Revolution (1917), die zur Sowjetunion führte. Das
Musical, oder genauer die Revue von Julij Kim und Wladimir
Daschkewitsch wurde (wie schon „Eines Tages… oder alle Jungs sind
blöd“ am Vortag,) von Mikhail Zaets inszeniert.

Zum Verständnis für
die nicht der russischen Sprache mächtigen Zuschauer*innen, wurde
der Text mit Hilfe eines Schriftlaufbandes ins Deutsche übersetzt.

Es ist die
Geschichte des jungen Bauern Bumbarasch, der kurz nach der Hochzeit
mit seiner geliebten Frau als Soldat in den Ersten Weltkrieg
eingezogenen wird und „sattgeschossen“ und desillusioniert aus
der österreichischen Gefangenschaft zurückkommt.

Er will eigentlich
nur noch ein glückliches Leben mit seiner Frau führen. Da er als
im Krieg verstorben gemeldet wurde, hat diese inzwischen den Bruder
von Bumbarasch geheiratet. Ein glückliches Wiedersehen dauert nur
kurz. Inzwischen brodeln in seinem Heimatdorf revolutionäre
Umtriebe.

Vom Militär hat Bumbarasch nach seinen Erfahrungen die Nase voll. (Foto: ©  Akademischen Jugendtheater Rostow am Don)
Vom Militär hat Bumbarasch nach seinen Erfahrungen die Nase voll. (Foto: © Akademischen Jugendtheater Rostow am Don)

Die Kämpfe zwischen
den „Roten“, den „Weissen“ und den „Grünen“ (Banditen),
zermürben Bumbarasch. Er möchte nur ein ruhiges, friedliches Leben
führen. Die Liebesgeschichte muss tragisch enden…

Die Bühne wurde mit
einem kleineren und größeren Holztisch und Holzbänken ländlich
gestaltet.

Auch eine
Konstruktion mit herunterhängenden langen Bändern (weiß, rot oder
grün) bot genug Raum, um in das lebendige Spiel mit eingebunden zu
werden.

Wie es sich für
eine Revue gehört, spielte Musik, mal lustig, dann wieder
melancholisch eine große Rolle. Die Aufführung wurde von einer
Live-Band begleitet. Harmonika und russisch traditionelle Klänge
waren vorherrschend. Diese zeichneten sich durch eine oft
symbolhafte, dann wieder direkte Sprache aus.

Originale
Video-Einspielungen auf einer Leinwand aus dieser Zeit sorgten für
einen reale Bezug.

Da ein
Ensemble-Mitglied des russischen Jugendtheater wegen einer Verletzung
nicht mitspielen konnte, sprang erfreulicher Weise der
KJT-Schauspieler Rainer Kleinespel (als begleitender Kameramann) ein.
Sozusagen eine spontane deutsch-russische Zusammenarbeit.

Der Hintergrund war
vollständig mit weißen Bauernbekleidungen behangen. Die
Inszenierung wurde wieder voll bunten (auch traditionellen Kostümen),
akrobatischen Element, starker Bildsprache und Symbolik sowie
Tanzchoreografien getragen. Schreckhaft durfte man nicht sein, da
öfter laut geschossen wurde.

Die russischen
Frauen wurden eher nicht als Individuen, sondern als bewundernde
Anhängsel ihrer Männer dargestellt. Nur die Anführerin der
Banditen bildete da als „stärkere Frau“ eine Ausnahme.

Eindringlich war das
verzweifelt-melancholische Ende.

Kritik am Krieg fand
eher auf der symbolischen Ebene statt. So ragten zum Beispiel aus
Soldaten-Uniformen auf dem Boden verzweifelte „Getreidearme“
heraus.

Es gab verdienten
Applaus für die intensive, russisch-melancholischen
Theateraufführung.




Zauberhafte und fantasievoll-theatrale Reise in die Kindheit

Auf Einladung der Stadt Dortmund und des hiesigen Kinder- und
Jugendtheater unter der Leitung von Andreas Gruhn gastiert das
Akademische Jugendtheater Rostow am Don mit vier Stücken im KJT.

Den Anfang machte am 11.10.2019 um 11:00 Uhr „Eines Tages…oder alle Jungs sind blöd“ (ab 6 Jahren) von Ksenija Dragunskaja.

Die insgesamt neun
Schauspielerinnen und Schauspieler boten einen guten Einblick in das
bunte russische Theater mit einer Menge Musikalität, Akrobatik und
sehr fantasievollen Kostümen. Die Texte wurden für das Publikum
jeweils ins Deutsche übersetzt, obwohl auch die starke Gestik und
bildhafte Sprache auch schon viel für das Verständnis beitrug.

Im Hintergrund waren
zahlreiche größere bunte Holzkonstruktionen (Schiff, Tiere,
Flugzeug u.s.w.), die sich wie Windräder drehten oder später bei
Bedarf abnehmen ließen. Diese kamen aber erst in der Traumebene des
Stückes zur Geltung.

Musik, Akrobatik und Schauspielkunst bot das Akademische Jugendtheater Rostow am Don. (Foto: © Akademische Jugendtheater Rostow am Don)
Musik, Akrobatik und Schauspielkunst bot das Akademische Jugendtheater Rostow am Don. (Foto: © Akademische Jugendtheater Rostow am Don)

Zunächst ruht sich
ein russischer Schriftsteller mit Schreibblockade in seinem weißen
Schaukelstuhl aus. Dann öffnen sich die weisen Wohnungstüren, der
Hintergrund wird sichtbar, und sehr fantasievoll gekleidete weibliche
und männliche Wesen traten hervor. Der Schriftteller wird in ihre
Welt gezogen und soll helfen das „kahlköpfige Monster zu
bezwingen, das einen Familienvater entführt hat. Das Monster liebt
Märchen, und so soll der Schriftsteller versuchen, ein Märchen zu
schreiben. Das Publikum kommt mit auf eine Reise in seine Kindheit,
wo er als Mädchen auftaucht und lebt. Mit dem Jungen aus der
Nachbarschaft gibt es wilde Kissenschlachten, man lügt und hänselt
sich. Es wird mit den Rollenbildern von Mädchen und Jungen nach
Herzenslust changiert aber auch bestimmte Rollenklischees gebrochen.
So ist die Lehrerin der Trommler-Schule eine taffe Punkrock-Lady, die
zu dem bekannten Intro zu „Smoke on the Water“ von Deep Purple
auf die Bühne kommt und sich wild bewegt. Der folgende
„Mathematiklehrer“ hat es da schwer.

Die Mädchen und
Jungen klatschen, trampeln und kreischen nach Herzenslust, und das
Publikum wird animiert, mit zu machen.

Es geht um die Kraft
der Fantasie, die in jungen Jahren noch ausgeprägter ist. Erste
Direktive für die Erwachsenen ist,sich daran zu erinnern, wie es
war, als sie selber noch Kinder waren.

Die Inszenierung
arbeitet mit einfachen Dingen wie Luftballons, bunten Kissen,
Stofftelefon oder Seifenblasen, während das Geschehen mit
traumhafter Musik (Glockenspiel oder Trompete) oder mal mit rockigen
Klängen begleitet wurde. Am Ende wird das traurige „kahlköpfige
Monster“ mit einer glitzernden silbernen Lametta-Perücke erfreut
und zufriedener gemacht. Es ist auch egal, ob der Schriftsteller
früher ein Mädchen gewesen sein sollte und dann eben zu einem
Jungen wurde. Der Mensch hat sowohl weibliche wie männliche Anteile
in sich. Ein furioses musikalisches Ende gab es mit „Eight days a
week“ von den Beatles. Starke Bilder und lebendiges Spiel
begeisterten das (überwiegend junge) Publikum. Das durfte am
Schluss auch noch Fragen an das Ensemble aus unser Partnerstadt
Rostow am Don stellen.