Liebe ist immer anders

Ich Lieb Dich – Theaterstück von Kristo Sagor für Erwachsene ab 8 Jahren

„Ich lieb Dich“, gesteht Julian seiner besten Freundin Lia, die ihm keck und selbstbewusst antwortet: „Ich Dich nicht!“ Daraus entspinnt sich ein Reigen über Liebe, lieben und Vorlieben, deren Bedeutung, in verschiedensten Ebenen.

Nur die Antwort bleibt Lia für Julian offenbar nicht begründet, denn er will das warum „nicht“ wissen. Für Menschen im Pubertieralter durchaus ein zur Beantwortung stehendes Problem. Ich lieb/e Dich, Du nicht? Warum?

Lia (Bianka Lammert) und Julian (Thomas Ehrlichmann) und die Rätsel der Liebe. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Lia (Bianka Lammert) und Julian (Thomas Ehrlichmann) und die Rätsel der Liebe. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Um dieses warum entspinnt sich der Reigen von Ebenen, Zeiten und Personen. Bianka Lammert und Thomas Ehrlichmann schlüpfen dabei ohne Pause, Absatz, Punkt oder Komma in Ebenen, Zeiten und Personen, um das Thema Liebe zu ergründen.

Da sind die Großeltern von Lia, von denen wir im Stück lernen, dass der Opa lange vor der Oma von Lia starb. Oder die Eltern von Julian, die, wie wir erfahren müssen sich das Scheitern ihrer Ehe und Liebe eingestehen und sich zur Scheidung entschlossen haben. In dem Zusammenhang lernen wir auch den Unterschied von „Ich liebe Dich“ und „Ich lieb´ Dich“ kennen.

Wir lernen alte Lieben und Vorlieben von Julian kennen, wie Zitroneneis und Kastanien, eigentlich das Sammeln, einen Geruch, oder klebrige Hände vom Eis, ein quiekendes Meerschweinchen mit Namen Moppi … aber auch einen Blick in die Zukunft, eine zukünftige Liebe, die Julian an Lia erinnert. Dass er jetzt doch lieber Cola-Eis mag.

Was ist Liebe? Wo kommt sie her? Wann beginnt sie? Ist sie Verlustangst? Hass? Alle Gefühle auf ein Mal? Wann hört Liebe auf?

Am Ende ist eines klar: Liebe ist immer anders, bei jedem, und sie verändert sich, einen selbst, den anderen, und alles um einen herum. Julian wird eines am Ende klar … er hat Lia auch als Freundin verloren, weil sie bei einem Unfall starb, aber es gibt für ihn eine Liebe, die immer da ist.

Bianka Lammert als Lia fantastisch und überzeugend. Mit ihrem ersten Auftritt auf der Bühne, einem Erscheinen gleich, während Julian Gitarre spielt, kündigt sie in ihrer unnachahmlichen Art ein Ereignis aus der Zukunft des Stückes an, das man am Beginn weder kennt noch erahnt.

Thomas Ehrlichmann als Julian ist der 14-jährige in Lia verliebte Julian, der par tout wissen will, warum Lia ihn nicht liebt, wodurch er mit Lia auf die Reise zur Ergründung von der Liebe geht … Dass diese Reise seine Gedanken sind, erfährt der Zuschauer erst zum Ende …

Das Stück ist vielschichtig, anregend, erklärend und durch die Sprünge in Zeiten und Räumen, zwischen und zu Personen zur Aufmerksamkeit zwingend. Der Aufbau hat etwas von einem modernen TV Stück seh gerecht für junge und junge gebliebene Erwachsene.

Regie – Bert Geurkink

Julian – Thomas Ehrlichmann

Lia – Bianka Lammert

Ausstattung – Gus van Geffen, Anneloes van Assem

Musik – Wiebe Gotink

Dramaturgie Milena Noëmi  Kowalski

Regieassistenz – Jana Radowski




Der Chor kriegt die Krise

Seit 2.500 Jahren ist er fester Bestandteil des Theaters: der Sprechchor. Die alten Griechen benutzten ihn als „Stimme des Volkes“, als „moralische Instanz“ oder als „Kommentator“. Mittlerweile gehört er wieder öfter zu Inszenierungen dazu, im Schauspiel Dortmund ist der Sprechchor sogar ein festes Ensemblemitglied. Nach „anfassen“ ging der Sprechchor wieder „fremd“ für die neue Produktion „schwierig“ von vier.D. Sie stellt in der großen Mittelhalle des Kulturorts Depot den Sprechchor in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Die Premiere war am 22. Oktober 2021.

Auf weißen Papphockern sitzend erlebt das Publikum mitten in der Halle ein Chor, der irgendwie in eine Krise gekommen ist. Sind es die Anforderungen? „Viel zu viel“ und „viel zu hoch“ klingt wie eine Kritik an zu absurden Texten oder an zu merkwürdigen Regieanweisungen von Regisseuren, die beispielsweise einen Sprechchor aus Hartz-IV-Empfängern fordert.

Verdienter Schlussapplaus für die beiden Protagonisten und den Sprechchor. (Foto: © Lukas Staab)
Verdienter Schlussapplaus für die beiden Protagonisten und den Sprechchor. (Foto: © Lukas Staab)

Schnell kommt auch etwas wie Neid gegenüber der Protagonistin (Christiane Wilke) auf, die im Laufe des Stückes eine Entwicklung durchlaufen kann, was dem Chor als Einheit, als Masse verwehrt bleibt. Dieser Konflikt zwischen Individualität und dem „Wir“ durchzieht das gesamte Stück. Der Versuch eines zweiten Protagonisten (Thomas Kemper) aus dem Chor heraus eine Individualität zu erreichen, scheitert letztendlich.

Aber hat der Chor nicht recht mit seiner Bemerkung, dass es das „Volk“ oder eine „moralische Instanz“ gar nicht mehr gebe? Sind wir nicht alle mittlerweile zu Individuen geworden, die ein „gesundes Volksempfinden“ wie es perfide unter den Nazis hieß, nicht mehr nötig haben? Oder haben wir den Chor als moralischen Rückhalt weiter nötig. Eine Antwort darauf gibt es nicht, auch dem Chor fällt keine andere Antwort ein und sagt deshalb fast resignierend: „Ich möchte gern ein anderer sein, mir fällt aber keiner ein.“

„Schwierig“ ist nicht nur ein Stück über dem Chor, sondern auch mit dem Chor und die Mittelhalle des Depots ist ein sehr guter Ort, um die mehr als 20 Chormitglieder in Szene zu setzen. Da das Publikum in der Mitte saß, mussten sie die Perspektive mal ändern. Trotz des Halls in dem großen Raum konnte ich alles gut verstehen. Eine weitere Arbeit von Thorsten Bihegue, der wie bei „Anfassen“ den Text schrieb und die Regie führte. Birgit Götz war für zwei wunderschöne Choreografien zuständig und Manuel Loos für die Musik. Es war ein sehr gelungenes Stück über das Seelenleben eines Sprechchors.

Das Stück wird noch am 26. und 27. Oktober 2021 im Depot gespielt. Kartenreservierungen sind über die Homepage möglich: www.depotdortmund.de. Weitere Informationen zum Stück sind auf der Homepage www.vier-d.info/projekte/schwierig oder den Social Media Kanälen von vier.D und dem Dortmunder Sprechchor erhältlich.




Judas tritt ins Rampenlicht

Judas, der Name, der zum Synonym des Verrats schlechthin geworden ist … Du Judas Du … wie oft mögen wir das schon gehört haben, wie es jemandem in Verachtung entgegengeschleudert wurde, wir es vielleicht sogar waren, die es herausspuckten.

JUDAS (Amelle Schwerk) erzählt uns seine Version der Geschichte. (Foto: © Schauspielhaus Dortmund)

Dieses Synonym für Verrat hat sich längst aus dem religiösen Kontext gelöst und ist zu etwas eigenem geworden. Wirklich? Steckt nicht doch sehr viel mehr Religion und auch noch das andere, diese widerwärtige Haltung darin oder dahinter?

Lot Vekemans, die niederländische Autorin des Bühnenstückes, lässt Judas in ihrem Monolog zum ersten Mal durch Amelle Schwerk selbst sprechen. Vekemans lässt uns in dem Monolog teilhaben an den Gedanken des Apostels, der Jesus auslieferte, damit der die Prophezeiung erfüllt und die Schuld der Menschen auf sich nimmt. Judas provoziert mit seinem Statement, das ja eigentlich er und nicht Jesus die Schuld der Menschen, mit seinem Handeln auf sich, seine Schultern, die Schultern des Judas Iskariot, genommen habe. Starker Tobak.

Judas tritt damit endgültig aus dem Schatten der jahrhundertelangen Verachtung ins Rampenlicht einer erstaunten Öffentlichkeit und lässt uns teilhaben an seiner Geschichte. Eine Geschichte die wir alle glauben zu kennen, weil sie uns hinlänglich erzählt, gepredigt wurde, und nachzulesen war im Buch der Bücher …  Eine Geschichte, die vor mehr als 2000 Jahren begann.

Judas liefert uns keine Rechtfertigung, lamentiert nicht, keine Entschuldigung, sondern er nimmt uns mit auf seine Seite der Geschichte. Die Geschichte von Judas und Jesus, in der die Tat des Verrats neu beleuchtet wird. Die Seite der Geschichte, die die Evangelisten nicht niedergeschrieben haben.

Einige Zuschauer schienen irritiert worden zu sein. Zu Recht, denn es besteht keine allgemeine, alleinige Wahrheitsgültigkeit der Evangelien. Es sind Geschichten, die Jahrzehnte nach den Ereignissen in Judäa niedergeschrieben wurden von Menschen … und Erinnerungen sind flexibel, ändern sich mit der Zeit, der Distanz zum Ereignis. Auch dem nicht religiösen, kritischen Zeitgenossen gehen zu Judas doch weitere, andere Gedanken durch den Kopf.

Unser Judas ist Amelle Schwerk die mit uns zu flirten scheint, damit ihre Sicht der Dinge einfacher zu verdauen ist. Sie kungelt geradezu mit uns dem Publikum. Sie wird laut, schreit und fleht gar. Warum? Bringt uns mit ihrem kraftvollen Gesang ihr Anliegen nahe. Dieser Monolog in der Inszenierung von Oliver Meyer ist mehr als nur ein Rahmen, in dem eine Schauspielerin ihre künstlerischen Fertigkeiten demonstriert. Amelle Schwerk ist energiegeladen, nicht aufgedreht oder geltungssüchtig, sondern immer ganz bei sich. Mit dieser Innerlichkeit füllt Schwerk die Bühne aus und greift über in den Raum des Publikums, nicht nur mit der Frage nach der nicht bezahlten Eintrittskarte. Es ist eine Show, eine ruhige Show. Nachdenklich und Nachdenklichkeit erzeugend.

Judas, ist nicht mehr der Name, der zum Synonym des Verrats schlechthin geworden ist.

Judas – Amelle Schwerk
REGIE – Oliver Meyer
BÜHNE – Vanessa Maria Sgarra
KOSTÜM – Annabelle Gotha
MUSIK – Christian Decker
DRAMATURGIE – Melanie Hirner
Credits – Staatstheater Hannover




Eine Reise durch die Nacht mit Lucia Lacarra und Mathew Golding

Liebe, viel ist darüber geschrieben worden, die fantastischsten Dramen, die wunderbarsten Romanzen und natürlich getanzt … auch über die unmöglichen, verbotenen Lieben, wie im Schwanensee. Für mich ist der Schwan ein Synonym für eine andere geliebte Person, als die weibliche, die nicht gesellschaftlich tolerierte.

Aber zu unserer Premiere zurück.
„In the Still of the Night“ ist die neueste Arbeit von Lucia Lacarra und Mathew Golding. Sie hatten sich schon mit Fortlandia als neues Kreativpaar der internationalen Tanzwelt in Dortmund vorgestellt, und mit der Eigenproduktion einen Zustandsbericht zum globalen Stillstand abgegeben.

Liebe, in ihrem Beginn wohnt das Ende. Sie ist aufregend, blendend, erfüllend, verstörend durch Ängste von Verlust und wieder Einsamkeit, beides setzen Lacarra und Golding fantastisch in ihren Pas de Deux im Film und auf der Bühne um. Morgen ist jetzt! Die Momente und Augenblicke reihen sich. Man spürt regelrecht den Herzschlag der Liebenden. Man ahnt aber auch das Drama, das jeden Moment zuschlagen könnte.

Bis … bis, dass das Schicksal zuschlägt. Ist es wirklich der Unfall? Oder ist er nur ein Synonym für das Scheitern der Liebe?
Der Schmerz, der danach kommt, ist der Gleiche in beiden Fällen. Er ist tötend. Er ist wie Lehm, der sich über einen legt und förmlich erstickt. Die Einsamkeit, die folgt, ist erschlagend und laut, unerträglich und man spürt den Menschen, den man sich herbeisehnt, ersehnt, erfühlt wie eine Realität.

Die letzte Szene gibt etwas zum Nachdenken zur getanzten Beziehung … aber auch für Zuschauer. Vor allem diejenigen unter uns, die eine schmerzhafte Trennung durchlebt haben.

Das Tanztheater von Lacarra und Golding lässt uns eine intensive Liebe erleben, nicht unsere, aber eine schöne, eine schreckliche, eine brutale Liebe.
Das Stück ist eine kreative Union zwischen Film und Bühne, die unterschiedliche Musikstile verbindet und dabei etwas Neues, sehr kraftvolles auf die Bühne zaubert und fesselt.

Musik von Five Satins, Philip Glass, Ben E. King & The Drifters, Edith Piaf, Max Richter, Righteous Brothers, The Ronettes,
Tänzer – Lucia Lacarra, Mathew Golding
Konzept und Inszenierung, Choreographie, Filmregie – Mathew Golding
Video – Valeria Rebeck, Craneo Media

Lucia Lacarra und Mathew Golding zelebrieren die Zustände der Liebe. (Foto: © Leszek Januszewski)
Lucia Lacarra und Mathew Golding zelebrieren die Zustände der Liebe. (Foto: © Leszek Januszewski)



Mädchenschule – eine subtile Gratwanderung

Ein Schauspiel von Nona Fernandéz in der deutschsprachigen Erstaufführung übersetzt von Friederike von Criegern.

Der erste Akt wirft den Zuschauer direkt hinein in ein Problem, das er sich allerdings selbst erarbeiten muss, was es ist und wo. Aus dem Off sind spanische Worte zu hören, der Raum ist also die spanische Welt, nur die ist sehr groß … die vier Personen, als Film präsentiert, sind offensichtlich zu Hause, gegen Abend, zwei „Mädels“ und zwei Männer … eine gleichgeschlechtliche Ehe? Spanien? Nach Franco? Dazu passen aber die zu verstehenden Wortfetzen nicht, hier sind ehemalige Lateinschüler oder regelmäßige Spanienurlauber etwas im Vorteil. Die Reaktion der Erwachsenen zeigt urplötzlich doch einen Hinweis auf die Zeit, 1980er Jahre und den Ort … der Ort des Geisterhauses, Allende, Chile … die Stimme aus dem Off, es muss zur Zeit von Pinochet sein.

Es kann nicht Spanien sein, weil auch das Stück nicht europäisch auf einen einstürmt.

Die Familie ist eine klassische, mit Mann, Mutter und zwei Töchtern, die einen Geflüchteten bei sich aufgenommen haben. Nur der Geheimdienst meldet sich und droht. Also schützt man die Familie, denn die Töchter werden zuerst in ihr Zimmer geschickt, wo sie sich verstecken sollen.

Es fällt ein Schuss und die Kamera nimmt die Position der Seele ein und entflieht der Erde.

Die Szene wechselt brutal, während man noch den ersten Akt verarbeitet. Aber man ist derart gefangen, dass man umschaltet, man will wissen, was passiert … und vielleicht kommt die Auflösung ja gleich …

Chile, 9/11 1973 putschte das Militär gegen den demokratisch gewählten Salvador Allende, der das Land aus dem kolonialen Griff der USA und Europas herausführen wollte. Die USA boykottierten Chile, ein zweites Kuba befürchtend und destabilisierten das Land, nachdem Allende Schlüsselindustrien, Bergbau, Banken, Versicherungen und die Kupferminen verstaatlichte … es ging wie immer um US-Investitionen, wie damals in Kuba. Aus Chile wurde ein neoliberales Musterland gemacht, mit anderen Worten, die US pervertierte Bronzezeitwirtschaft radikal durchgesetzt, alles, inklusive der Grundversorgung, z.B. mit Wasser, ist privatisiert.

Der Lehrer telefoniert, sein Mobil benutzend, wirkt zum Bersten gestresst und geht hektisch, immer wieder betonend, dass er sich im Griff habe, hin und her. Er hatte seine Psychopharmaka selbst abgesetzt, um wieder normal leben zu können.
Er hört eine Stimme aus der Wand und kurz darauf steht Maldonado vor ihm. Sie taxieren sich Gegenseitig mit größtem Misstrauen aus unterschiedlichen Gründen. Es braucht einige Zeit, bis dass sie einen Nenner erreichen. Der wieder unausbalanciert wird, als zwei weitere Personen aus dem Loch in Wand hervorkriechen … Riquelme und die stumme Fuenzalida, die alles, was sie zu fragen oder zu sagen hat, aufschreibt und dabei zusehends rasender schreibt … es kulminiert in einem ersten Wort, das sie wieder spricht.

Die drei und weitere Companieras befinden sich seit Oktober in ihrem Versteck und realisieren, dass sie ihre Abschlussprüfungen verpasst haben …
Dem Zuschauer schwant, dass die drei nicht im Oktober des gleichen, aktuellen, Jahres im Versteck verschwanden. Oder ob der Lehrer ohne seine Medikamente gerade eine Psychose erlebt … so reagieren aber auch die drei SchülerInnenprotestler. Sie haben zudem aufgrund des Erlebten eine Paranoia entwickelt, die sich in gelegentlich komischen, Lacher erzeugenden, Situationen zeigt … wie auf das Mobil des Lehrers, das für eine Bombe gehalten wird …
Das die geflüchteten Schülerinnen 1985 in dem Versteck verschwanden, wird nach Fuenzalida erstem Wort und der folgenden Beichte ihres Lebens nach den Ereignissen, die zur Flucht zwangen, berichtet.

Im Zuschauer, der gebannt ist, in die Geschichte tief hineingezogen wurde, entsteht ein Konflikt … hat der Lehrer halluziniert, weil er seine Medikamente abgesetzt hat, oder wie haben die Companieras in ihrem Versteck über 30 Jahre überleben können?

Das Stück bezieht sich auf die 1985 verstärkten Schülerproteste gegen General Pinochet im Jahre 1985 und die Folterungen des Regimes, die auch in der von dem Deutschen Evangelikalen, Paul Schäfer, in Chile 1961 gegründeten Sektengemeinschaft, der Colonia Dignidad, durchgeführt wurden … Neben diesen Menschenrechtsverletzungen und Beteiligungen an Staatsmorden, beging Schäfer auch massiv Kindesmissbrauch.

Nona Fernandéz gelingt mit dem Stück eine subtile Gratwanderung zwischen Wahnsinn, Psychosen, möglicher Realität und fantasievoller Sciencefiction. Es spiegelt die Situation derjenigen ansatzweise wider, die in die Mühlen eines terroristischen, diktatorischen Regimes geraten sind, Folter und Brutalität erleben müssen oder mussten.

Ein Stück, das uns vor Augen führt, wie privilegiert wir hier in Deutschland leben und doch bedroht sind durch eine populistische Sekte und querschlagende Sozialverweigerer, besonders weil auch wir in Deutschland immer mehr die Destabilisierung des Systems durch die Brutalität des US-Kapitalismus, besonders seit 2007/08, jedes Jahr ein Stück mehr erleben.

Mädchenschule ist eine faszinierende und fesselnde Inszenierung, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Denn nicht nur die Geschichte zieht einen in das Stück, sondern auch das Ensemble spielt fantastisch fesselnd … inklusive Situationskomik, die gelegentlich im Halse stecken bleibt.

Der Lehrer – Alexander Darkow, Maldonado – Nika Miskovic, Riquelme – Valentina Schüler, Fuenzalida – Linus Ebner, der gealterte Junge – das Ensemble
Regie – Anna Tenti, Bühne – Nane Thomas, Kostü, + Videokonzept – Lena Kremer, Musik – Tobias Hoeft, Dramaturgie – Sabine Reich, Regieassistenz – Christian Feras Kaddoura, Souflage – Violetta Ziegler

Nika Mišković, Valentina Schüler, Linus Ebner, Alexander Darkow (Foto: © Florian Dürkopp)
Nika Mišković, Valentina Schüler, Linus Ebner, Alexander Darkow (Foto: © Florian Dürkopp)



Fünf – Schicksale von Fünflingen

Das Stück „Fünf“ von Lina Mareike Wolfram, Seth Tietze und Sofie Neu erzählt das Schicksal von fünf eineiigen Mädchen, die am 28. Mai 1934 in Kanada geboren wurden. Die Weltsensation warf schnelle ihre Schattenseiten auf die Mädchen, die als Begaffungsobjekte in einem Vergnügungspark leben mussten und somit ihrer Kindheit beraubt wurden. Premiere hatte „Fünf“ im Rahmen des Summer up Festivals am 17. Oktober 2021.

Die Geschichte handelt von Yvonne, Annette, Cécile, Emilie und Marie Dionne. Entgegen aller Erwartungen überleben die Fünflinge und werden zur Sensation. In der Folge werden sie ihren Eltern weggenommen und in einer Art Vergnügungspark namens „Quintland“ zur Schau gestellt. Mit neun Jahren kehrten sie wieder zu ihren Eltern zurück, wurden dort nicht glücklich, weil sie unter anderem von ihrem Vater sexuell missbraucht wurden. Mit 19 Jahren zogen sie gemeinsam aus ihrem Elternhaus aus. Emilie starb schon früh mit 20 Jahren, Annette und Cécile sind noch am Leben.

Fünflinge im Vergnügungspark: Das Schicksal der Dionne-Mädchen im Studio. (Foto: © Susanna Poldauf)
Fünflinge im Vergnügungspark: Das Schicksal der Dionne-Mädchen im Studio. (Foto: © Susanna Poldauf)

Wolfram und Tietze erzählen die Geschichte der fünf Mädchen und Frauen mit sehr viel Humor, auch wenn sie aus heutiger Sicht sehr traurig ist. Die Mädchen werden im Prinzip wie Tiere im Zoo behandelt und von Eltern und anderen Menschen als Geldquelle missbraucht. Der Schwerpunkt des Stückes liegt deutlich auf die Jahre in „Quintland“.

Die Schauspielerinnen wechselten die Kostüme, benutzen Fotomasken, um beispielsweise den Hausarzt der Dionnes, Dr. Dafoe, darzustellen oder fuhren als die kleinen Fünflinge mit dem Dreirad über die Bühne des Studios. Gelungen war auch die Idee mit der Kamera und einem Puppenhaus manche Szenen auf die Leinwand zu bringen. Wie es sich für die damalige Zeit gehört, natürlich in Schwarz-Weiß.

Ein gelungener Geschichtsunterricht in Schauspielform über das Leben von fünf Mädchen, dessen Schicksal in Deutschland so gut wie unbekannt sein dürfte. Ihrer Kindheit und Jugend beraubt, wurden sie benutzt, um andere reich zu machen. Ob es heute anders wäre? Gut, in einen Vergnügungspark würde man die Kinder wohl nicht mehr stecken. Aber wir haben heute genug andere Vermarktungsmöglichkeiten, sodass es für skrupellose Eltern genug Gelegenheiten gäbe, die Kinder auf twitch, instagram oder youtube zur Schau zu stellen, um den berühmten Rubel rollen zu lassen.




Kreatives Herbstlabor 2021 Enter Culture

In den Herbstferien bekamen fünfundzwanzig Jugendliche zwischen 14 bis 21 Jahren in Dortmund vom 11.- 15.10.2021 die Gelegenheit, sich kreativ in verschiedenen kulturellen Bereichen wie Schauspiel, Performance, Objekttheater und Fotografie auszuprobieren. Ein wichtiges Angebot gerade in Corona-Zeiten.

Das hiesige Schauspiel und die UZWEI im Dortmunder U boten in den fünf Tagen unter dem Motto Enter Culture – Anfassen/Ausprobieren/Experimentieren vier Workshops an. Angeleitet wurden diese von fachkompetenten Personal aus den jeweiligen Bereichen.

Gelungener Abschluss des Herbstlabors 2021.
Gelungener Abschluss des Herbstlabors 2021.

Die Abschlusspräsentation fand am 15.10.2021 in der Jungen Oper statt.

Der Performance-Workshop 1 stand unter dem Motto „Guten Tag, ich bin ein Experiment“ (Leitung: Birgit Götz, Performerin, VIER.D).

Die sechs weiblichen Jugendlichen stellten sich Fragen nach Identität, Selbst- und Fremdwahrnehmung und ihren Vorstellungen für sich und einem Theater jetzt und auch in der Zukunft. Man merkte ihnen den Spaß am Verkleiden, Tanzen in allen Variationen und Schauspielern an.

Die zweite Workshop-Gruppe „Big Bang Theater“ wurde von Ekkehardt Freye (Schauspiel Dortmund) und der Theaterpädagogin Lisa Kaufmann geleitet. Die Entwicklung ging vom Gedanken über das Papier auf die Bühne. Heraus kam eine interessante Geschichte über ein Labor und vergiftetes Wasser. Ein kleiner „Umweltkrimi“ mit viel Raum auch für Improvisation, den die beteiligten weiblichen Jugendlichen mit viel Engagement ausfüllten.

Die beiden letzten Workshops „Fotografie“ (Erfundene Wirklichkeit) und „Theater-Materialschlacht“ (Objekttheater) wurden zusammen gelegt. Geleitet wurden diese von Sofia Brandes (Freie Fotografin) und dem freien Theaterpädagogen Hans Peters. Hier waren weibliche wie männliche Jugendliche beteiligt.

Es ging um geschickt „inszenierte Fotografie“ (Erfundene Wirklichkeiten) und Dinge des Alltagslebens wie Konfetti, Lippenstift, Luftballons, bunte Büroklammern und ähnliches. Diese Objekte werde mithilfe von spezieller Belichtung durch einen Fotografen und der jeweils fotografierten Person sowie einer Regisseur*in in Szene gesetzt.

Viel Raum für Kreativität in kurzer Zeit.




John Steinbecks „Früchte des Zorns“ zeitlos aktuell

Am 10.10.2021 fand die mit Spannung erwartete Premiere von John Steinbecks „Früchte des Zorns“ unter der Regie von Milan Peschel im Schauspiel Dortmund statt.

Das neue Ensemble unter der Intendantin Julia Wissert hatte nach der Corona-Pause endlich die Gelegenheit, ihr schauspielerisches Können in einem großen sozialkritischen Klassiker unter Beweis zu stellen. Hier werden die Mechanismen des Kapitalismus schonungslos und deutlich dargestellt.

Erzählt wird im Theaterstück die Geschichte der Farmerfamilie Joad aus Oklahoma in den 1930er Jahren. Wegen der schlimmen klimatischen Bedingungen in dieser „Dust Bowl“ (Staub-Schüssel) und der daraus resultierend Ernteausfällen sowie Überschuldung verlieren sie ihr Land. Durch Handzettel werden sie in das „gelobte Land“ Kalifornien in den Westen der USA gelockt. Dort werden angeblich viele Obstpflücker gesucht.

Nika Mišković als Prediger Casey, Ekkehard Freye als Vater Joad und  Anton Andreew als "Al" (Foto: © Birgit Hupfeld)
Nika Mišković als Prediger Casey, Ekkehard Freye als Vater Joad und Anton Andreew als „Al“ (Foto: © Birgit Hupfeld)

Die Familie besteht aus dem Sohn Tom (Alexander Darkow), der wegen Totschlags (aus Hilfsbereitschaft) für sieben Jahre Haft verurteilt wurde, aber nach vier Jahren auf Bewährung aus dem Knast kommt. Seine Familie will sich gerade mit einem gebrauchten Lastkraftwagen auf den Weg nach Kalifornien machen. Dieser wurde (verantwortlich Nicole Timm) fantasievoll mithilfe einer Aneinanderreihung von Couchsesseln auf die Bühne gebracht.

Tom ist jemand, der, der gegen die Ungerechtigkeit und Unterdrückung der hungernden Massen einsetzen will. Er drängt auf den Zusammenhalt und Organisation der immer schlechter bezahlten Arbeiter gegen übermächtige Banken und Großgrundbesitzer.

Sein Bruder Al (Anton Andreew) ist ein jugendlicher Rebell.

Die Mutter (Bettina Engelhardt) versucht so gut es geht Familie zusammen zu halten und das Überleben zu sichern. Der Vater (Ekkehard Freye) geht zunächst mit viel Optimismus voran. Die Tochter Rosa ist schwanger und träumt von einem Leben in der Stadt, Studium und einer guten Zukunft mit dem Baby und dem verschollenen Kindsvater Connie.

Adi Hrustemović spielte gleich in mehreren Rollen. So unter anderem einen Hilfssheriff, der unter Druck und für das Überleben seiner Familie seine Arbeit versieht.

Interessant ist in der Inszenierung, dass die Rolle des hilfsbereiten und mutigen Predigers Casy mit einer Frau (Nika Mišković) besetzt wurde. Sie spielte dir Rolle selbstbewusst und stark.

So sehr sich die Siedler bemühen, sie werde immer mehr von der (armen) einheimischen Bevölkerung abgelehnt und als „Okies“ verachtet. Eine brisante Mischung aus Wut, Zorn und Angst. Die Farmer-Vereinigung geht mit immer stärkeren Polizeigewalt gegen die ungerechte Bezahlung der streikenden Obst- oder Baumwollpflücker vor. Dabei wird der ihnen beistehende Prediger Casy ermordet und Tom zum Totschläger, der sich verstecken muss.

Das Geschehen wurde atmosphärisch gezielt sparsam von Musik (Karsten Riedel) begleitet. Wenn nötig, wurden auch per Video zusätzlich zur Situation passende Bilder an die Wand projiziert.

Letztendlich zerbrechen alle Träume von einem glücklichen Leben in Kalifornien.

Ein paar aktuelle Bezüge zur Jetztzeit wurden gezielt eingestreut (Pharmaindustrie, „Rote Socken“). Es gibt heute Millionen Menschen, die ihr Land aus den unterschiedlichsten Gründen verlassen müssen. Wie gehen wir damit um?

Neben dem Bewusstsein für die Ursachen sollte klar werden, dass wir nur gemeinsam an Problemen wie Ungerechtigkeit oder ungebremste Umweltzerstörung etwas ändern können. Die Spaltung der Gesellschaft und Gewalt werden sonst immer weiter zunehmen.

Informationen über weitere Aufführungstermine erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222.




Kontinentaldrift als Theaterstück

Wir können in sekundenschnelle Nachrichten von Europa nach Australien verschicken, fliegen in hoher Geschwindigkeit von A nach B und auch sonst ist unsere Zeit eher von Hektik geprägt. Ein Beispiel könnten wir uns an den Kontinentalplatten nehmen. Sie bewegen sich langsam, sehr langsam. Entweder voneinander weg oder aufeinander zu, es kommt vor, dass sie sich berühren und es in Folge zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen kommt.

Doch ich war bei keiner geologischen Veranstaltung, sondern habe am 08. Oktober 2021 die Premiere von „körper kontinent/kontinent körper von dorisdean im Theater im Depot geschaut. Mit dabei waren von dorisdean Patrizia Kubanek, Anna Júlia Amarel, Philipp Hohmann und Natasha Padilha.

Ein besonderer Fokus der freien Performance-Kompagnie liegt darauf, dass möglichst viele Menschen mit verschiedenen Einschränkungen der Theatervorstellung folgen können. So wurde die Vorstellung der Akteure zu Beginn nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch oder Spanisch gemacht. Oft wurde erzählt, was die Schauspieler*innen gerade tun und wo sie sich auf der Bühne befinden. Eine sehr gute Aktion, die Blinden oder stark Sehbehinderten eine Möglichkeit bot, das Stück zu verfolgen.

Zu Beginn des Stückes: Natasha Padilha, Patrizia Kubanek und Anna Júlia Amarel. (Foto: Lukas Zander)
Zu Beginn des Stückes: Natasha Padilha, Patrizia Kubanek und Anna Júlia Amarel. (Foto: Lukas Zander)

Gleich zu Beginn wähnte man sich kurz in einer Art Fitnessstudio, denn Amarel, Hohmann und Padilha stellten mit Gymnastikbällen und Sport erst den Urkontinent Pangäa dar, dann die weitere Entwicklung instruiert von Kubanek, die im E-Rollstuhl saß. Eine kurze Geschichte des Kontinentaldriftes in tänzerisch-sportlicher Form.

Das Stück war insgesamt in vier Teile unterteilt, wobei der zweite Teil „Dinosaurier“ sehr emotionale Elemente hatte, denn das Zusammentreffen zweier Kontinentalplatten wurde wie eine erotische Begegnung zweier Menschen dargestellt, erst fordernd die Nähe gesucht, dann vielleicht erschreckt über die Härte des Zusammenkommens.

Bewegung oder das Bewegtwerden spielt eine wichtige Rolle im Leben der Menschen. Doch es gibt nicht nur die Freiheit sich bewegen zu können, sondern auch die Freiheit zu bleiben, also nicht bewegt zu werden.

Ein ungewöhnlicher Theaterabend mit einem ungewöhnlichen Thema, der aber zum Nachdenken anregt.




Europa verschwindet – eine theatrale Installation

Der Mythos von Europa war das Thema von „europa verschwindet“ einem Theaterstück oder einer Installation im Theater – je nach Ansichtssache. Denn es traten im engeren Sinne keine Schauspieler auf, sondern im Mittelpunkt stand ein Diorama, gestaltet von der Bühnenbildnerin Nicole Marianna Wytyczak. Text bekamen die Zuschauer*innen über Kopfhörer serviert. Ein Premierenbericht vom 02. Oktober 2021.

Europa und der Stier. Laut dem Mythos entführte der Gott Zeus die phönizische Königstocher Europa in Gestalt eines Stieres. Doch welche weiteren Mythen hat Europa? In künstlerischer Hinsicht sicherlich das Eurovision Song Contest, der ein gesamteuropäisches Event ist und mittlerweile sogar Australien als Teilnehmer hat.

Das Diorama von Nicole Marianna Wytyczak. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Das Diorama von Nicole Marianna Wytyczak. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Aber zurück zum Stück. Das Diorama zeigt eine Meereslandschaft, daneben Wald und Wasserfälle. Steine und Gräser bilden sind außerhalb des Bildes, ebenso wie ein grüner Steg, der ins Bild hineinführt.

Die Texte stammen von unterschiedlichen Autor*innen wie Marlena Keil, Tucké Royale, isabella Sedlak, Rebecca Solnit, Miroslava Svolikova und Raphael Westermeyer, der auch einen Live-Auftritt als Museumsbesucher hat.

Die Kernfrage nach der Identität von Europa bleibt ungeklärt. Europa hat einiges in der Welt verursacht. Weltkriege, Kolonialisierung, um nur zwei zu nennen, die die Welt nachhaltig verändert haben. Aber trotzdem bleibt Europa immer noch ein Sehnsuchtsort für Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als dass ein Stier sie über das Mittelmeer trägt.

Ein weiteres Thema in dem 50-minütigem Stück war der Eurovision Song Contest, kurz ESC. Eine schweizerische Erfindung, um die Völker nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zusammenzubringen, zumindest musikalisch. Nicht ganz zu Unrecht wurde das Spektakel bei „europa verschwindet“ karikiert und als durchkommerzialisiert beschrieben.

Sehr schön fand ich das Ende, als Raphael Westermeyer als Museumsbesucher durch das – mittlerweile bewusst demolierte – Diorama geht und wir über Kopfhörer die Beschreibung eines Kunsthistorikers zu dem zum Kunstwerk gewordenen Bühnenbild hören. Da auch die Zuschauer als Teil der Installation bezeichnet werden, ist die nächste Metaebene erreicht.