Satres „Das Spiel ist aus“ in Gender-Zeiten

Jean Paul Sartres „Das Spiel ist aus“ (geschrieben 1943, Drehbuch 1947), in Deutsch von Alfred Dürr /Uli Aumüller, hatte am 20.01,2022 unter der Regie von Azeret Koua im Studio des Schauspiels Dortmund seine mit Spannung erwartete Premiere.

Die zwei Hauptfiguren, Eve, eine feine Dame der Gesellschaft (Ehefrau des Milizsekretärs André) und der Revolutionär Pierre, kommen aus total unterschiedlichen Welten. Sie werden zur selben Zeit umgebracht und treffen sich im Totenreich. Es stellt sich heraus, dass der „Direktion“ des Totenreichs ein Fehler passiert ist. Beide waren eigentlich füreinander bestimmt und hätten sich bereits vor langer Zeit ineinander verlieben sollen. Innerhalb von 24 Stunden müssen sie es schaffen, sich zu verlieben und jeglichen Zweifel an der gemeinsamen Zukunft hinter sich zu lassen. Nur dann dürfen sie weiterleben. Reichen ihre erwachenden Gefühle? Pierre war Chef der „Liga für Freiheit“ und fühlt sich verpflichtet, seine Mitstreiter (sie wurden von einem Spitzel des Regenten verraten) zu warnen. Eve wiederum möchte ihre Schwester Lucette vor ihrem Mann, der es nur auf das Erbe abgehen hat, schützen.

In der Inszenierung geht es um die Sehnsucht nach der romantischen „rettenden Liebe“, Geschlechterrollen und inwieweit wir durch unseren sozialen, gesellschaftspolitischen Hintergrund determiniert sind.

Raphael Westermeier und Antje Prust in "Das Spiel ist aus" (Foto: © Birgit Hupfeld)
Raphael Westermeier und Antje Prust in „Das Spiel ist aus“ (Foto: © Birgit Hupfeld)

Auf der Bühne stand nur ein multifunktional verwendbarer schwarzer Kasten mit dunklen Vorhängen sowie zwei Mini „Auto-Skooter“. Sarah Yawa Quarshie als Eve und Adi Hrustemović als Pierre gingen voll in ihren Rollen auf.

Die Romantik wurde durch die Farben ihrer Kleidung, sie im pinken Mädchentraum, er im türkisfarbenen Cordanzug mit Feinripp-Unterhemd ironisierend betont.

Es wurden auch viele passende bekannte Schlagertextzeilen, etwa Helene Fischers „Atemlos“, eingeworfen. So kam es zu einigen komischen Momenten.

Hervorragend aufgelegt und mit viel Humor zeigten sich Antje Prust und Raphael Westermeier. Sie mussten in verschiedene Rollen schlüpfen, was sie mit einer gehörigen Portion Spielwitz taten. Es war ihnen anzumerken, mit welcher Freude und Lust sie in verschiedene Geschlechterrollen schlüpften. Antje Prust überzeugte etwa in der Rolle des dominanten Regenten genauso wie als Schwester von Eve. Raphael Westermeier, ebenso als Marktschreier, devoter Spitzel Lucien oder Lucette.

Atmosphärisch begleitet wurde das Geschehen musikalisch von Lutz Spira. Leuchtröhren unterstützten das Ganze mit Lichteffekten.

Eine humorvoll mit ironischem Inszenierung mit Augenzwinkern, die auch als Grundlage zum Nachdenken über für die Frage, wofür es sich zu Leben lohnt genommen werden kann.

Informationen über weitere Vorstellungstermine erhalten Sie wie immer über www.theaterdo.de oder Tel.: 02321/50 27 222




Rauschender Ballettabend mit Strawinsky

Zwei beeindruckende Interpretationen von „Petruschka“ und „Le Sacre du Printemps“ von Igor Strawinsky zeigt das Dortmunder Ballett im Opernhaus.

In der Inszenierung von Xing Pen Wang begibt sich das Ballett auf eine Zeitreise durch das 20. Jahrhundert bis heute. Ein weißer riesiger Stoffzylinder in der Mitte der Bühne dient als Projektionsfläche für gefilmte und gezeichnete Bildikonen. Die Zeitreise beginnt im Entstehungsjahr des Stückes 1911, im Zusammenspiel mit den Tänzern ist man an Fritz Langs Metropolis erinnert. Die zahlreichen Filmzitate enden in einer digital animierten futuristischen Szenerie.

Unter aus dem Off eingespieltem wahnsinnigen Gekicher erscheint Petruschka (Javier Cacheiro Alemán) auf der Bühne. Selbstverliebt und selbstbewusst tanzt er durch die Zeiten, spielt mit den Frauen, stellt sich zur Schau und genießt das Leben. Nachdem er während einer seiner Eskapaden niedergeschlagen wird, rettet ihn ein Mädchen, in das er sich sofort verliebt. Nach einigen koketten Annäherungen, wendet diese sich jedoch einem reicheren, besser situierten Geschäftsmann zu. Petruschka gerät in eine Abwärtsspirale, sein Glück schwindet, sein Selbstvertrauen ist dahin. Das Ensemble tanzt als Straßengang und zeigt ihm, dass er nicht mehr dazu gehört. Er ist allein. Mit einem letzten Aufbäumen in pinkfarbenen und gelben Outfit, geschminkt als Joker, versucht er sich noch einmal zu etablieren, schafft dies aber nicht. Als letzten Ausweg geht er in den Tod. Das gleiche gruselige Gekicher vom Beginn des Stückes erschallt zum Ausklang erneut.

Javier Cacheiro Alemán (Petruschka), Ensemble; Foto: (c) Leszek Januszewski
Javier Cacheiro Alemán (Petruschka), Ensemble; Foto: (c) Leszek Januszewski

Spektakuläre Tanzszenen im Dauerregen zeichnen die Inszenierung von Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ aus. In Kaskaden stürzte immer wieder Wasser auf die Bühne herab. Zeitweilig meinte man das Wasser am Boden müsse in den Orchestergraben überlaufen. Eine Meisterleistung vollbrachten die Tänzer und Tänzerinnen auf dem spiegelglatten Tanzboden. Sehr deutlich veränderten sie ihre Haltung. Sie tanzten mit tiefer gebeugten Knien, um besseren Halt zu finden, was einen erdverbundenen Eindruck verstärkte. Mit wirbelnden Figuren und rutschenden Bewegungen entstehen völlig ungewohnte Bilder. Das Dortmunder Ballett studierte die Choreografie des „Bewegungspoeten“ Edward Clug mit Tänzer und Choreograf Gaj Zmavc ein, der das Ensemble mit den Vorstellungen von Clug vertraut machte.

Zu Beginn sind sechs Männer und Frauen isoliert auf einer dunkelblauen Bühne zu sehen. Sie tanzen für sich, sind dann aber auf der Suche nach dem zukünftigen Frühlingsopfer. In einer archaisch wirkenden Tanzszene erwählen sie schließlich das Opfer aus ihrer Mitte, brillant verkörpert von Sae Tamura. Sie wird eingekreist, versucht zu fliehen, erkennt nach einigen Kämpfen mit der Gruppe die Aussichtslosigkeit ihrer Lage und nimmt sie an. In einem atemberaubenden Finale wird Sae Tamura vom hellen Licht, in dem sich die Gruppe befindet ins Dunkel und in die Ausweglosigkeit geworfen. Das Publikum war wie gebannt und applaudierte dann mit langanhaltenden Standing Ovations für dieses wundervolle Tanzerlebnis.




Ödipus meets Fargo auf dem Mars

Wild ging es her auf der Studiobühne am 16. Dezember 2021. Denn die Premiere von „Ödipus auf dem Mars“ war ein besonderer Ritt von eines der ältesten Sagen hin zu aktuellen Raumfahrplänen von Milliardären. Die Inszenierung von Florian Hein brachte Erinnerungen an die Zeit von Kay Voges zurück.

Ödipus ist sicher eine der ältesten Sagen der Welt. Kurz gesagt, ein Mann, der seinen Vater tötet und seine Mutter heiratet. Vorher überlistet er die Sphinx. Angeblich soll die Geschichte aus dem alten Ägypten stammen, wo Inzest in der Herrscherfamilie ja nicht unbekannt war. Beispielsweise waren Tutenchamuns Eltern Geschwister. Sigmund Freud hat Ödipus in seinen Ödipuskomplex verwurstet.

Lola Fuchs, Christopher Heisler und Linda Elsner bei "Ödipus auf dem Mars" (Foto: © Birgit Hupfeld)
Lola Fuchs, Christopher Heisler und Linda Elsner bei „Ödipus auf dem Mars“ (Foto: © Birgit Hupfeld)

Und was hat das mit dem Ödipus zu tun? Nun, zunächst begrüßte uns Peggy, aus der zweiten Staffel von „Fargo“, die zu verheimlichen versucht, dass sie einen Menschen überfahren hat und ihren Mann als Alibi benötigt.

Danach verwandelte sich die Szenerie. Im Studio stand eine große Box, in der die drei SchauspielerInnen Linda Elsner, Lola Fuchs und Christopher Heisler, als weiß gekleidete Damen auf ihre Therapiesitzung warteten (Freud!). Zu Beginn wurde noch über die Städtische Theaterkultur debattiert, ein kleiner Seitenhieb auf sich selbst und die Rolle des Theaters in der Stadtgesellschaft.

Zwischendurch trat der Sprechchor auf (in Schwarz) und brachte die Handlung mit Ödipus nach vorne. Das Ende spielte auf dem Mars und gehörte der Grafiknovel „Watchmen“.

Für Liebhaber griechischer Tragödien wird dieser Abend sicher nichts. Doch wer Spaß an einer leicht abgedrehten Stückentwicklung hat, von der Verwandlung von antiken Helden in moderne Superhelden, von Schauspielern auf der Bühne, von gefilmten hinter Bühne und vom Dortmunder Sprechchor, sollte sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Auch wenn wir zu Beginn gewarnt wurden, der Humor kommt in den 90 Minuten definitiv nicht zu kurz.




Virtuelle Ausstellung: Cartoons gegen Rassismus

Unter dem Titel „Caught in Hate: Get out!“ ist vom 13.12.2021 bis 30.04.2022 eine neue virtuelle Ausstellung im am Dortmunder schauraum: comic + cartoon (im Schaufenster, Max-von-der-Grün-Platz 7) zu sehen. Nonstop zu sehen sind rund um die Uhr auf einem Monitor nationale und internationale Cartoons gegen Rassismus.

Alle Bilderstammen von Comiczeichner*innen und Cartoonist*innen aus aller Welt, die ihren Arbeiten im größten Social Network für Cartoons „toonpool.com“ hochgeladen haben. Aus über 300.000 Bildern zum Thema „Cartoons und Rassismus“ hat der Toonpool-Gründer Bernd Pohlenz von allen Kontinenten zum großen Teil auch aktuelle Zeichnungen ausgewählt.

Bei der Eröffnung des digitalen Schaufensters (v.li.) Roman Kurth (Projektleiter Comic-Schauraum), Sophia Paplowski (Stadt- und Landesbibliothek) und Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe Dortmund). Foto: Katrin Pinetzki, Stadt Dortmund
Bei der Eröffnung des digitalen Schaufensters (v.li.) Roman Kurth (Projektleiter Comic-Schauraum), Sophia Paplowski (Stadt- und Landesbibliothek) und Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe Dortmund). Foto: Katrin Pinetzki, Stadt Dortmund

Durch die Ausstellung soll das immer virulente Thema Rassismus gerade in polarisierenden Zeiten der Pandemie in Erinnerung gerufen werden. Wird etwa durch die Corona-Verunsicherung „Fremdenhass“ noch gefördert?

50 internationale Künstler*innen dokumentieren hier ihre ganz persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Die Bandbreite geht von provozierend schrill oder ironisch-bissig bis nachdenklich anklagend.

Vorangestellt ist dieser Bildschau eine plakative Grafik des niederländischen Zeichners Ronald Slabbers. Sie wollen das Gefangensein des Einzelnen in seinen Vorurteilen visualisieren. Das weiße Individuum ist in einem „Gedankenkäfig“ eingesperrt und „Sklave“ seiner düsteren Gedanken. Eine offene Tür („Get out!“) weist ihm einen Weg, sich aus seinem Käfig zu befreien.

Es gibt hierzu auch eine kostenlose Postkarten-Edition, die auch von City-Card bis Mitte Januar verteilt wird.

Rassismus wird zumeist über die Erziehung erworben und erlernt. Das machen zum Beispiel die Arbeiten von Orhan Ates (Türkei), von der italienischen Künstlergruppe Alagooon oder die des deutschen Zeichners Hans Koppelredder deutlich.

Andere Cartoons zeigen wiederum, wie der hilflose Umgang mit fremden Bräuchen, Kulturen, Religionen und Sprachen zu einer Verunsicherung führen können. Diese endet im schlimmsten Fall in Hass und Gewalt.

Die Vielfältigkeit der Cartoons ist erstaunlich und es lohnt sich, mal vorbeizuschauen.

Auch die diversen wechselnden Ausstellung im schauraum comic + cartoon sind interessant.

Das virtuelle Ausstellungsprojekt ist ungekürzt auch abrufbar unter www.dortmund.de/comic und topticker.de .




Game of Thrones bei den Merowingern

Es war wild damals, in der Zeit zwischen Antike und Mittelalter, als das Römische Reich verschwand und die neuen germanischen Herrscher erst einmal das Machtvakuum füllen mussten. Die Franken herrschten über den größten Teil des heutigen Frankreichs, Westdeutschland (mit Ausnahme Norddeutschland) sowie dem heutigen Österreich und der Schweiz. Die Merowinger waren ein Herrschergeschlecht, das vom 5. Jahrhundert bis 751 die Königswürde innehatten.

Die Oper „Frédégonde“ spielt in der Zeit, als das Frankenreich in verschiedene Teilreiche aufgesplittet war, wobei die wichtigsten Austrasien und Neustrien waren. Die Oper handelt von den Machtintrigen ebenjener Frédégonde sowie ihrer Erzfeindin Brunhilda. Frédégonde hatte sich von einer Konkubine zur Ehefrau von König Chilperich von Neustrien („Hilpéric“ in der Oper) hochgearbeitet. Brunhilda war mit dem Halbbruder von Chiperich, König Sigibert, verheiratet, dem König von Austrasien. Den ließ Frédégonde ermorden, da er militärisch überlegen war. So gehört der Sieg Hilpéric, der die besiegte Brunhilda nun von seinem Sohn Mérowig in ein Kloster schicken lässt. Doch Mérowig verliebt sich in Brunhilda und die beiden heiraten. Das kann Frédégonde nicht akzeptieren und versucht die beiden zu vernichten.

Kampf zweier Königinnen Anna Sohn (Brunhilda), Hyona Kim (Frédégonde). Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture)
Kampf zweier Königinnen Anna Sohn (Brunhilda), Hyona Kim (Frédégonde). Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture)

Der Besuch am 27. November 2021 war ein ungewöhnlicher. Denn im Parkett saß niemand, alle Zuschauer mussten in die Logenplätze, denn das Parkett war dem Chor vorbehalten. Darüber hinaus wurde das Geschehen parallel per Film über eine Leinwand gezeigt und auf der Bühne live gesungen. So konnte noch etwas mehr Dramatik aus dem spannenden Stoff geschaffen werden.

Ein wesentliches Merkmal der Inszenierung von Marie-Eve Signeyrole war die Metapher des Schachspiels. Auch wenn den Merowingern Schach vermutlich unbekannt war, es gelangte erst ab dem 9. Jahrhundert ins abendländische Europa, bieten die Züge zwischen Frédégonde und Brunhilda eine willkomene Visualisierung der Intrigen.

Die Oper wurde 1895 aufgeführt und verantwortlich dafür waren nicht nur die beiden Herren Ernest Guiraud und Camille Saint-Saëns, auch Paul Dukas orchestrierte noch einige Skizzen der Oper. Dadurch spürt man natürlich etwas die „Ungleichheit“ in der Musik, doch die Mischung zwischen französischer Romantik und Wagnerisch anmutenden Klängen macht den Reiz aus. Nach nur neun Aufführungen verschwand die Oper, bis die Oper Dortmund den Schatz wieder hob. In den Händen von Motonri Kobayashi und den Dortmunder Philharmonikern konnte die Oper wieder erklingen.

Mag die Inszenierung auch noch so fesselnd sein, bei einer Oper sind natürlich die Stimmen entscheidend. DA hatte Regisseurin Marie-Eve Signeyrole ein gutes Händchen. Hyona Kim (Frédégonde) singt ihre Titelfigur mit kalter entschlossener Skrupellosigkeit, die gnadenlos ihre Ränke schmiedet. Dagegen hat Anna Sohn als „Brunhilda“ auch romantische Szenen mit dem ebenfalls gut aufgelegten Sergey Romanovsky als „Mérowig“.

In den Nebenrollen konnte Dennis Velev als Kleriker Prétextat Akzente setzen, dessen Verzweiflung spürbar wurde, ob er nun zum König Hilperíc oder zu seinem Sohn Mérowig halten soll.

Die Opernfans sollten sich den Mail 2022 vormerken, denn am 07. und am 22. Mai 2022 wird „Frédégonde“ wieder ihre Strippen ziehen und ihre Schachkunst zeigen.




La Belle et la Bête – Das Weihnachtsmärchen

Die Schöne und das Biest

Fast jeder kennt die DISNEY Zeichentrick Version mit den „lieblichen“ klischeehaften Figuren. Kaum jemand jenseits der Grenzen Frankreichs aber das Original. Und wer kennt die fantastische Verfilmung mit Jean Marais als Prinz/Biest?

Die erste Veröffentlichung war eine Aufbereitung der Französin Gabrielle-Suzanne de Villeneuve, die 1740 im „La jeune américaine, et les contes marins“ erschien. Diese griff wiederum auf Motive zurück, die sich in den Märchensammlungen von Giovanni Francesco Straparola finden (König Schwein in Ergötzliche Nächte, 1550–1555).

Der Vater von Belle (Rainer Kleinespel), Max Ranft als „Bête“ und  Ann-Kathrin Hinz als „Belle“. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Der Vater von Belle (Rainer Kleinespel), Max Ranft als „Bête“ und Ann-Kathrin Hinz als „Belle“. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Das KJT hat wieder zu Weihnachten einen Klassiker der für seine jungen und jung gebliebenen Zuschauer auf die Bühne gestellt, der nicht in stereotypen Rollenbildern und Klischees kleben bleibt. So wie 2019 mit Cinderella. Ich denke, unser Direktor des KJT, Andreas Gruhn, kann gar nicht in Stereotypen denken oder / und inszenieren.

Dieses Dortmunder KJT Weihnachtsmärchen handelt von einem mächtigen und bösen Fluch über jemanden der kaltherzig und nur auf den Schein bedacht war. Der Prinz verwandelte sich ein Biest, mehr Raubtier als Mensch. Sein Fluch aber könnte aufgelöst werden, wenn sich ein Mädchen in ihn, das hässliche Biest, verlieben würde. Also wartete das Biest fortan auf das eine Mädchen … Normalerweise warten ja die Mädchen auf den Prinzen, der sie „wegheiratet“ …

Belle, natürlich schön, kommt in das Schloss des Biestes, als Geisel für den liebenswürdigen, aber grantelnden Vater, der sich einer Rose des Biestes bemächtigte und ungefragt von den aufgetischten Speisen aß … Belle ist natürlich und unprätentiös, verdeutlicht durch den Wechsel von eleganten Schuhen, zu für ihre Interessen förderlicheren, Gummistiefel symbolisiert. Ann-Kathrin Hinz gelingt die Belle mit Bravour. So wie Bianka Lammert hinreißend die unglückselige oder unzufriedene Gundula darstellt.

Andreas Ksienzyk und Bettina Zobel, als Conférencier und Assistentin sind zum einen die Erzähler und geradezu „Antreiber“ des Spieles und doch auch ein eigenes Schauspiel im Schauspiel, mit ihren Kabalen und Zänkereien.

Das Biest, Max Ranft, stöhnt und röhrt sich nach Liebe sehend durch das Stück und robbt sich gleichsam, seinen Charme ausspielend an Belle heran, die seinem Werben zu erliegen scheint … Man hofft es, doch Belle lässt sich nicht so leicht erobern. Dazu ist sie zu selbstbewusst und sich ihrer sicher, dass sie nicht gleich jedem Hornochsen auf den Leim ginge. Nur „ihr Gefängnis“ wird ihr vom Biest verschönt, erleichtert. Seine Sehnsucht nach Erlösung vom Fluch lässt das Biest, wie ein Teenager fragen, ob Belle denn nun was für ihn empfände … Es wirkte wie die fürchterlichen Zettel auf denen die Frage „Willst Du mit mir gehen? Ja / Nein / Vielleicht“ standen …

Sie kehrt, mit dem Versprechen der Rückkehr, aus Sorge um den erkrankten Vater, nach Hause zurück. Gundula, ganz „liebreizend“ und eigennützig, schafft es, dass Belle nicht ins Schloss zurückkehrt … vorerst … Der Vater ist schnell wieder genesen. Und so bricht aber doch die Erinnerung an das nicht so schreckliche Biest wieder in Belle hervor …

Ganz wie im Film mit Jean Marais, wird das Biest, bei ihrer Rückkehr geradezu siechend, mit einem Knall, nach ihrer Liebeserklärung wieder der schöne, nun geläuterte Prinz Phillip, Thomas Ehrlichmann.

Das Schöne an der französischen Version des Märchens ist die Tatsache, dass hier der Mann, das Biest, auf die Erwählung durch die Frau/das Mädchen warten und hoffen muss, um in die Zweisamkeit zu segeln. Die DISNEY Version hingegen ist versteift im Klischee der prüden 50er der USA, wo die unemanzipierte Frau als Kreischobjekt auf der Leinwand zu agieren hat/hatte … Es gibt mittlerweile emanzipiertere Frauen, auch in DISNEY Verquälungen oder Hollywoodinszenierungen. Das alte französische Märchen ist nicht erst durch die Inszenierung des KJT modern. Es war immer schon modern. Moderner als es die Zeit seiner ersten gedruckten Publizierung gestattete … Wobei damals schon sehr emanzipierte Frauen in Frankreich unterwegs waren, die eigene Salons führten, in denen sich Voltaire und andere Geistesgrößen trafen und diskutierten. So waren es auch die Frauen von Paris, die die Französische Revolution von 1789 auslösten.

Das Ensemble:

Der Mann in Pink, der Conférencier – Andreas Ksienzyk

Cécile, seine französische Assistentin – Bettina Zobel

Belle, die Heldin – Ann-Kathrin Hinz

Gundula, ihre unglückseelige Schwester – Bianka Lammert

Vater, ihr noch unglückseeligerer Vater – Rainer Kleinespel

Biest, eine traurige, angsteinflößende Kreatur – Max Ranft

Phillip, ein schöner Prinz – Thomas Ehrlichmann

Mutter, ein Geist – Bianka Lammert

Regie – Andreas Gruhn

Ausstattung Oliver Kostecka

Dramaturgie – Milena Noëmie Kowalski und Lioba Sombetzki

Musik – Michael Kessler

Video – Peter Kirschke

Regieassistenz – Alina Baranoswki

Inspizienz – Peter Kirschke

Theatervermittlung – Erika Schmidt-Sulaimon und Linda Thaller

Licht – Markus Fuchs

Bühnenbildassistenz – Janina Hudde

Kostümbildassistenz – Nicola Gördes




Matinee weckt Vorfreude auf Premiere von „strawinsky!“

Erste Einblicke in die aktuelle Inszenierung von „Petruschka“ und „Le Sacre du Printemps“ erhielten die Gäste einer Tanzmatinée im Ballettzentrum Westfalen. Choreografiert von Xin Peng Wang (Petruschka) und Edward Clug (Sacre).

Aus Petruschka sahen wir zwei Tanzszenen. Einmal, wie Petruschka auf die Ballerina aufmerksam wird und um sie wirbt. Als Zweites die Niederlage des Harlekins, denn die junge Frau folgt lieber dem gut situierten Rivalen. Dieser kommt mit einem Segway, als Zitat einer Kutsche, in den weißen Probenraum gefahren. Das Ballett zeigt die dramatische Entwicklung einer unerwiderten Liebe von Petruschka zu einer jungen Frau und deren Entscheidung für Macht und Geld. Xin Peng Wang beschreibt das Stück zusammenfassend „Sehr viel Drama und viel Musik in sehr kurzer Zeit“. Eine Herausforderung für alle Beteiligten. Auf das digitale Bühnenbild in der Oper, gestaltet vom Videodesigner Hartmut Schörghofer, dürfen die Besucher gespannt sein.

So dürfen die Zuschauer die fertige Fassung von "Le Sacre du Printemps" im Opernhaus erleben. Zu sehen ist Sae Tamura (Opfer) und das  Ensemble. (Foto: ©Leszek Januszewski)
So dürfen die Zuschauer die fertige Fassung von „Le Sacre du Printemps“ im Opernhaus erleben. Zu sehen ist Sae Tamura (Opfer) und das Ensemble. (Foto: ©Leszek Januszewski)

Aus Strawinskis Sacre zeigte die Kompanie zwei kurze, aber brilliante Tänze. Einen heidnischen Gruppentanz zur Einstimmung auf das Frühlingsopferfest und den Tanz eines jungen Mädchens, das durch seinen Tod das Frühlingsritual abschließt und erfüllt.

Die leidenschaftliche Musik Strawinskys und deren komplexe Gefühlswelten finden ihren Ausdruck in den Bewegungen der Tänzer. Die gefeierte Choreografie des „Bewegungspoeten“ Edward Clug erarbeitete sich das Ensemble mit Tänzer und Choreograf Gaj Zmavc, der im Sinne von Clug die Tänzer an das Stück heranführt.

Durch die einstündige Veranstaltung führte die Gastdramaturgin Ira Goldbecher. Im Gespräch mit Xin Peng Wang und Gaj Zmavc brachte sie den sonntäglichen Gästen Motivation und Hintergründe der Inszenierungen nahe.

Premiere des Balletts ist am 3. Dezember um 19.30h in der Oper Dortmund.




Heldenabend beim LesArt.Festival

Am 05. November 2021 präsentierten Studentinnen und Studenten des Fachbereichs Kulturwissenschaften der TU Dortmund wieder den Held*innen-Abend
mit Künstler*innen, Dichter*innen und Poetry-Slammer*innen im Fletch Bizzel.

Das Thema in diesem Jahr hieß »Neue Welt – Zwischen Utopie, Dystopie und Realität.« Und so war es nicht verwunderlich, dass sich einige Beiträge um das Thema Umweltzerstörung drehten. Manches war gut gemeint und gut vorgetragen, wie beispielsweise von Lisa Brück, aber weniger Betroffenheitslyrik wäre nicht verkehrt gewesen, auch wenn das Thema natürlich prädestiniert ist, seine dystopischen Gedanken freien Lauf zu lassen. Stand-up-Comedian Florian Weber brachte treffend auf den Punkt: „Ich darf mich nicht verkleiden, aber Poetry-Slammer*innen dürfen sich als sozialkritische Mittelstandskinder verkleiden“.

.Studierende der TU Dortmund organisierten erneut einen bunten Abend mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Region im Rahmen des LesArt.Festivals.
.Studierende der TU Dortmund organisierten erneut einen bunten Abend mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Region im Rahmen des LesArt.Festivals.

Ein anderes Thema – nämlich „loslassen“ behandelten Elena Rosenberg und Immanuel Mummelthaler auf sehr ruhige Weise. Mummenthaler spielte Klavier und Rosenberg sang einen jazzigen Song. Eine andere Teilnehmerin, Felina Goos, zeigte neben ihrem Textbeitrag auch einen Film. Zudem hingen im Theatersaal des Fletch Bizzels einige Arbeiten der Künstlerin Inga-Maria Glahn.

Ein gut organisierter Abend, der von den Studierenden professionell organisiert und durchgeführt wurde.




Publikumsbelobigung im Haus Schulte-Witten

Am 11.11.21 lud artscenico im Rahmen von „Brennschärfe X“ zur Veranstaltung „Irgendjemand zu Gast“. Ein buntes Programm mit Publikumsbelobigung und anderen Behauptungen.

Sascha von Zambelly, Stefanie Winner, Elisabeth Pleß und Matthias Hecht präsentierten ein Kaleidoskop von Ideen und kleinen Stücken, was die Vielseitigkeit der Theatergruppe um Rolf Dennemann unterstreicht. Dabei wurde das Erdgeschoss des ehrwürdigen Schulte-Witten Hauses ausgenutzt.

Das Ensemble von artscenico bot einen kleinen bunten Abend in der Veranstaltungsreihe Brennschärfe X
Das Ensemble von artscenico bot einen kleinen bunten Abend in der Veranstaltungsreihe Brennschärfe X

Zunächst war ein Videoabend angesetzt. Insgesamt fünf kleine Tutorials auf Youtube zum Thema „Tipps für Schauspieler“. Hier spielt artscenico ironisch mit der „Tutorial-Kultur“ im Internet, indem sie das Thema (z. B. Arbeiten mit der Kamera“ konterkariert.

Danach ging es für die Besucher in einen weiteren Raum. Die vier Akteure standen gekleidet in grauen Anzügen und schwarzen Pullovern und deklamierten feierlich eine umgekehrte Version der Publikumsbeschimpfung von Peter Handke.

Danach ging die Tour weiter. Elisabeth Pleß erzählte das Märchen vom „eigensinnigen Kind“ und nach einem kurzen Rundgang durch die Räume saßen wir alle wieder auf unseren Ursprungsplätzen. Matthias Hecht verwandelte sich in den Versicherungsvertreter Lohmann. Ein Vorgeschmack auf den 26.11.21, ein Abend der Matthias Hecht und seinem Alter Ego Herrn Lohmann gewidmet war.

Zum Schluss gab Rolf Dennemann noch einen Ausblick auf seinen Abend „Ich zu Gast bei mir“, der am 12.11.stattfand.

Ein Potpourri aus Ideen, Fragmenten und Programmen der Theatergruppe, die ihre Vielseitigkeit, ihren Witz und ihren Humor präsentierten. Der Abend hätte deutlich mehr Besucher verdient.




Eindringliches „Zwischen den Stürmen“

Am 27.11.2021 hatte im Dortmunder Schauspiel „Zwischen den Stürmen“ unter der Regie von Poutiaire Lionel Somé (Burkina Faso) seine bemerkenswerte Premiere.

Grundlage für die Inszenierung bildete einerseits Shakespeares „Der Sturm“, andererseits das 1969 von Politiker, Schriftsteller und Mitbegründer der Négritude-Bewegung Aimé veröffentlichte „Ein Sturm“. Dieser konzentrierte die Geschichte auf Prospero (von seinem Bruder vertriebene einstige Herzog von Mailand, der zusammen mit seiner Tochter Miranda auf eine einsame Insel strandete.). Als Herrscher der Insel (bei ihm Karibik) unterstützen ihn der Luftgeist Ariel und sein Diener Caliban. „Ein Sturm“ ist eine Art Überschreibung des und Hinterfragung des Originals und stellt Fragen nach Macht, Kolonialisierung und Kultur in den Vordergrund. Somé sucht eine aktuelle Auseinandersetzung mit beiden Autoren und ihren Texten.

Es wurde eine modernen, interdisziplinären Inszenierung mit eindrucksvollen Video-Installationen, starken Bildern und fantasievollen Kostümen. Das Geschehen wurde zudem passend begleitet durch die Musik von Abdoul Kader Traoré.

Sarah Yawa Quarshie als "Caliban"  (Foto: © Birgit Hupfeld)
Sarah Yawa Quarshie als „Caliban“ (Foto: © Birgit Hupfeld)

Eindrucksvoll war das, wenn nötig flexibel nach oben verschiebbare, runde Bühnenkonstrukt mit Stelen, die herausgenommen werden konnten. Die sieben Schauspielerinnen verliehen dem Thema Kolonialisierung und seinen Folgen bis heute eine zusätzliche Authentizität.

Die kurzfristig eingesprungene Marlena Keil spielte den etwas chaotischen, selbstverliebten und herrschsüchtigen Prospero mit viel Humor, Ironie und Temperament. Ariel, gespielt von Valentina Schüle, sehnt sich nach Freiheit und ist hier ein Verbündeter von Prosperos Tochter Miranda (Nika Mišković). Miranda, die seit früher Kindheit auf der Insel lebt, hat im Gegensatz zu Prospero Respekt vor Natur und der Kultur dort und fühlt sich hier frei. Ariel spielt Prospero einfach die Rolle des Ferdinands vor. Prospero wollte den Königssohn mit ihrer Tochter verkuppeln, um wieder Macht zu bekommen.

Selbstbestimmung und kulturelle Identität sucht Caliban (Sarah Yawa Quarshinie). Sein wachsendes Selbstbewusstsein zeigt sich deutlich, als er nur noch mit seinem wirklichen Namen Bamawo angesprochen werden will. Er ist der Sohn der als „Hexe“ verschrienen Sycorax (Storytelling / Co-Autorin Bernice Lysania Akouala). Diese kam Ursprünglich aus Algier, spricht mit ruhiger klarer Stimme und erzählt ihre Geschichte.

Yemaya wird in ihrer Kultur als die Göttin des Meeres und der Mutterschaft verehrt und man hat Respekt vor jeglichem Leben. Die Erde ist für sie nicht „tot“ und kann nicht nach Belieben durch Menschen wie Prospero oder andere Eroberer ausgeplündert werden.

Seine Macht ist gebrochen.

Gehen wir den Weg gegenseitigen Achtung oder der Ausbeutung und Zerstörung fremder Kulturen sowie der Natur? Es liegt an uns. Der nächste „Sturm“, ob gewalttätige Aufstände gegen Unterdrückung oder Umweltkatastrophen kommen sonst schneller als uns lieb ist.

Informationen zu weiteren Aufführungsterminen finden sie wie immer unter

www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222