Shockhead Peter – Die Struwwelpeter Junk Opera

Struwwelpeter ist der Titel eines Werkes des Frankfurter Arztes und Psychiaters Heinrich Hoffmann aus dem Jahr 1844 und zugleich die Titelfigur seines Buches. Das seit 1845 gedruckte Bilderbuch enthält mehrere Geschichten, in denen oft Kinder nach unvorsichtigem Verhalten drastische Folgen erleiden, die von Fall unter den Tisch, einem Sturz ins Wasser bis zum Tod reichen.

Der Struwwelpeter gehört zu den erfolgreichsten deutschen Kinderbüchern und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Die vielen Adaptionen werden Struwwelpet(e)riaden genannt. Den Geschichten des Struwwelpeters wirft man seit den 1970er und 80er Jahren einen autoritären Erziehungsstil und Schwarze Pädagogik vor.

Szene aus "Shockheaded Peter". (Foto: © Kulturbrigaden)
Szene aus „Shockheaded Peter“. (Foto: © Kulturbrigaden)

Die Premiere der Kulturbrigaden im Fletch Bizzel musste Coronabedingt verlegt werden. Am 18. Februar war es dann so weit. Die Adaption von Phelim Mc Dermott und Julian Crouch mit Musik von Matyn Jaques und den Tiger Lillies, macht eine groteske, schaurig-schöne Junk Oper aus dem Struwwelpeter. Die Britische Version genießt längst Kultstatus. in der deutschen Übersetzung von Andereas Marber ist eine wahrhaft schwarze Moritaten Sammlung entstanden. Hoffmanns Panoptikum wird in den einzelnen Bildern zu einem großen bösen Ganzen geführt. Böse? Bitterböse und heiter.

Moritaten wurden von Bänkelsängern auf Straßen und Plätzen vorgetragen, oft in Verbindung mit Bildern, die zu den einzelnen Strophen gezeigt wurden. Wie ein Bänkelsänger fungiert die Conférencière und führt von einem Bild zum anderen, vom Struwwelpeter zu Pauline, dem Hasen und weiteren. Überall springt der bitterböse, britische Humor, für böse Lacher sorgend, hervor. Dabei ist das Art Punk-Varieté und Musik Theater in bester Brecht-Weill-Nachfolge.

Eine gelungene Mischung, sehenswert und kurzweilig. Auch wenn der Text der Gesang der Conférencière bleibt, sind die Bilder pantomimisch, brauchen aber auch keinen Text, ganz wie das Buch Hoffmanns, das nur die Bildunterschriften hat. Ein wenig wie ein moderner Comic und doch wieder nicht.

Es spielt das Ensemble Kulturbrigaden

Regie: Rada Radojcic

Musikalische Leitung: Dixon Ra

Kostüm & Bühne: Rada Radojcic und Anna Hörling

Fr. 06.05              20.00 Uhr

Sa. 07.05              20.00 Uhr

Fr. 20.05              20.00 Uhr




Neue weibliche Doppelspitze im Museum Ostwall

Ab dem März 2022 erhält das Museum Ostwall im Dortmunder U mit der bisherigen langjährigen Leitung des MO Regina Selter und der promovierten Kunstwissenschaftlerin Dr. Florence Thurmes (zuletzt in Dresden aktiv) eine weibliche Doppelspitze.

Bei einem Pressegespräch wurden die beiden Frauen am Freitag, den 25.02.2022 vom Kulturdezernenten der Stadt Dortmund Jörg Stüdemann herzlich begrüßt. Er erklärte, dass er sich sehr freue, noch eine sehr erfahrene Person für die Position zu bekommen.

eue Doppelspitze des Museum Ostwalls (v.l.n.r.) Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe), Regina Selter (eine der beiden Doppelspitzen MO), Jörg Stüdemann (Kulturdezernent), Florence Thurmes (eine der beiden Doppelspitzen MO) und 
Thomas Heitkemper (Leiter des Dortmunder U)
Begrüßung für die neue Doppelspitze des Museum Ostwalls (v.l.n.r.) Dr. Stefan Mühlhofer (Geschäftsführender Direktor der Kulturbetriebe), Regina Selter (eine der beiden Doppelspitzen MO), Jörg Stüdemann (Kulturdezernent), Florence Thurmes (eine der beiden Doppelspitzen MO) und
Thomas Heitkemper (Leiter des Dortmunder U)

Wie Florence Thurmes verriet, verbindet sie mit Regina Selter vor allem der Glaube, dass Kunst die Kraft hat, Positives für das Leben zu bewirken.

Es geht ihr um die Verbindung von Kunst und Leben, Kooperation mit den Partnern in und außerhalb des Museums zum Beispiel mit der TU Dortmund oder Projekte auf der UZWEI sowie mit verschiedenen Institutionen in unserer Stadt.

Das Ziel ist neben Ausstellungen, Installationen, interaktiven Projekten sich immer weit zu vernetzen, internationaler, diverser und weiblicher zu werden. Kunst und Leben sollen näher zusammengebracht werden, Schwellenängste für die Menschen herabgesetzt werden. Ein Bürger*innenbeirat soll die Diversität im Museum Ostwall künftig weiter stärken.

Sonderausstellungen sind dabei wie ein Pulsschlag, die Sammlung ist eine Art DNA des Hauses. So treten mit den Wechselausstellungen etwa die Sammlungsbestände in einen künstlerischen Dialog.Teilhabe der Stadtgesellschaft, Nachhaltigkeit, ein hochkarätiges Programm aber auch Digitalität werden eine größere Rolle spielen.

Fluxus-Kunst hat im MO einen großen Raum und Bedeutung. Nach dessen Leitbild soll die Entwicklung des Museums gefördert, und sich, wie Selter betonte, nach den Lebensbedingungen und der gesellschaftlichen Relevanz ausrichten.

Im Frühjahr (30.04. – 25.09.2022) steht mit der Ausstellung „Flowers! Blumen in der Kunst des 20. und 21 Jahrhunderts“ schon ein Thema im MO an, das uns nicht nur im Alltag begleitet, sondern zu einer Kooperation mit dem hiesigen Botanischen Garten anregt, der gerade sein 200-jähriges bestehen feiern.

Das Blumen-Thema ist sicher auch für eine Teilhabe der Stadtgesellschaft geeignet.

Thomas Heitkemper als Leiter des Dortmunder U freut sich schon auf eine Ausstellung mit den Bund Bildender Künstlerinnen und Künstler NRW (BBK) später im Jahr.

Weitere und genauere Informationen gibt es zur gegebener Zeit.




Der Häßliche – sind schöne Menschen im Vorteil?

Glaubt man der Wissenschaft, dann ja. Schon Babys schauen hübsche Gesichter länger an als hässliche. Zum anderen schließen Menschen von den äußeren Attributen auf die inneren Merkmale. Das heißt schöne Menschen gelten als erfolgreicher, kompetenter, selbstsicherer und so weiter. So kommt es in der Oper „Der Häßliche“ von Thierry Tidrow, dass der gute Herr Lette (Marcelo de Souza Felix) sein eigenes Projekt nicht auf dem Kongress vorstellen darf, sondern sein Assistent Karlmann (Daegyun Jeong). Die Begründung vom Chef (Ruth Katharina Peeck) lautet: Er sei zu hässlich. „Ihr Gesicht geht nicht“, wird Lette gesagt. Auch seine Frau (Anna Lucia Struck) findet ihn hässlich, sagt aber zur Entschuldigung „Als Mensch bist du sehr schön“.

Lette geht zum Schönheitschirurgen und lässt sich ein neues Gesicht verpassen und siehe da, alle lieben ihn. Sie lieben ihn so sehr, dass er sich vor weiblichen Avancen kaum retten kann und er mit dem Doktor als Anschauungsmaterial durch die Lande zieht. Lettes Erfolg bringt Neider auf den Plan, sein Kollege Karlmann lässt sich ebenfalls das Gesicht verschönern.

Die OP scheint gelungen: Ruth Katharina Peeck (Scheffler), Marcelo de Souza Felix (Lette), Anna Lucia Struck (Fanny) Foto:Björn Hickmann, Stage Picture
Die OP scheint gelungen: Ruth Katharina Peeck (Scheffler), Marcelo de Souza Felix (Lette), Anna Lucia Struck (Fanny) Foto:Björn Hickmann, Stage Picture

Und hier wird die Geschichte der Oper etwas abstrus, denn der Doktor hat anscheinend in der „VEB Schönheitschirurgie“ gelernt und kann nur ein Gesicht modellieren. So bekommen mehr und mehr Menschen Lettes Gesicht und sind nicht mehr zu unterscheiden, außer durch die Stimme. Klingt ein wenig wie „Angriff der Klonkrieger“. Nachdem sich viele Menschen Lettes neues Gesicht tragen, wie beispielsweise Karlmann, ist die Besonderheit nicht mehr da. Lette wird gefeuert, verliert auch seine Frau und findet erst in der Beziehung zum Sohn einer Unternehmerin, der auch „sein“ Gesicht trägt, anscheinend eine gewisse Erfüllung. Obwohl beide wie verliebte Narzissten wirken.

Die Premiere vom 20. Februar im Operntreff zeigte vier gut aufgelegte Sängerinnen und Sänger. Das Bühnenbild von Emine Güner konnte gefallen, denn aus den wenigen Elementen wurde viel gemacht. So verwandelte sich der Arbeitsplatz in einen Küchentisch oder eine OP-Liege. Die Musik von Tidrow ist abwechslungsreich, mal erklingt ein Walzer, mal scheint man barocke Elemente herauszuhören.

Mehr Informationen zur Oper „Der Häßliche“ gibt es auf dieser Seite




Der letzte Vorhang – Bohème oder Biedermeier

Nachdem mich der ÖPNV bei der Premiere von „Der letzte Vorhang“ schmählich im Stich gelassen hatte, nutze ich die Gelegenheit, um mir die nächste Vorstellung am 11.02.22 im Fletch Bizzel anzuschauen. Julias Seifert und Karl Hartmann überzeugten in der Rolle von Lies und Richard.

Das Zweipersonenstück von Maria Goos fesselt auf zwei Ebenen. Zum einen ist da die Probe zu einem nicht genannten Stück, das die beiden Proben, welches deutliche Anklänge an „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ besitzt. Zum anderen geht es um verschiedene Lebensentwürfe. „Der letzte Vorhang“ unter der Regie von Rainer Muxfeldt wechselt öfter zwischen diesen Ebenen.

Lies und Richard waren ein Traumpaar des Theaters, vor zehn Jahren entschied Lies sich, einen reichen Arzt zu heiraten und nach Südfrankreich zu gehen. Richard hingegen blieb dem Theater und seinem unsteten Leben treu. Für das aktuelle Stück, an dem er arbeitet, fehlt ihm die Bühnenpartnerin. Also fragt er Lies, die zusagt.

Foto vom Flyer für das Stück „Der letzte Vorhang“.
Foto vom Flyer für das Stück „Der letzte Vorhang“.

Die Wortgefechte zwischen Lies und Richard – ob im „realen“ Leben oder im zu probenden Stück – wecken Erinnerungen an Richard Burton und Elisabeth Taylor, die ihre Eheprobleme in der Verfilmung von „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“ quasi mit verarbeiteten.

Doch „Der letzte Vorhang“ ist noch mehr. Es geht hier auch über verschiedene Lebensentwürfe. Richard ist der geborene „Bohème“, typischer Künstler, dessen zweite Wohnung seine Stammkneipe ist und der natürlich ein Alkoholproblem hat, wie seine Rolle im Theaterstück. Lies hat sich in den 10 Jahren in Frankreich an ein geregeltes Leben in Südfrankreich gewöhnt. Bezeichnend dazu ist, dass Richard in der Probenpause einen gekauften Hamburger isst, während Lies an einer Möhre knabbert. Lies Mann, Wouter, der seine Frau begleitet, taucht nur kurz auf (auch gespielt von Hartmann). Der Gynäkologie, der sich für Kunst interessiert, ist Richard jedoch nicht gewachsen. Dennoch bleibt Lies bei ihm, auch wenn Wouter sich mit einem Rubens verspekuliert und Richard sie an die schönen gemeinsamen Momente erinnert.

„Der letzte Vorhang“ ist ein ruhiges Zweipersonenstück, es hat ein leisen Humor und zeigt vor allem die innere Zerissenheit von Lies ganz deutlich, die die Schauspielerei vermisst, aber dennoch die Sicherheit vorzieht. Richard hingegen entwickelt sich immer mehr zu seinem „Kollegen“ Bruscon aus dem Stück „Der Theatermacher“ von Thomas Bernhard, der rechthaberisch alle seine Kolleginnen und Kollegen vergrault.




Interaktive Performance im Dortmunder dott.werk

Das neue Experimentierlabor dott.werk (Dortmunder Tanz & Theaterszene) in der Düsseldorfer Straße 18) war am 11.02.2022 ab 18:00 Uhr ein Ort für die interaktive Performance des Sepidar Theater Kollektivs. Es ist bekannt für seine Stückentwicklungen aus den Elementen Schauspiel, Klanginstallationen sowie Physical Theatre.

Dazu gehören Aylin Kreckel, Bahareh Sadafi und Mamadoo Mehmejad. Sie haben unter dem Motto „Erzähl mir eine Geschichte!“ ein interessantes Projekt mit dem Ziel entwickelt, an dessen Ende ein Theaterstück stehen soll. Für ihr neues Projekt haben sie prägende Geschichten aus dem Kaiserstraßenviertel gesammelt und auf diese Weise neue Erzählungen initiiert. Am Freitag konnten sich Zuschauer*innen von außen durch das große Schaufenster des Kulturortes ein Bild von dem gegenwärtigen Entwicklungsstand machen.

Dekorierte Fensterscheibe für das Projekt „Erzähl mir eine Geschichte!“  vom Sepidar Theater.
Dekorierte Fensterscheibe für das Projekt „Erzähl mir eine Geschichte!“ vom Sepidar Theater.

Der Innenraum war wie ein gemütliches Wohnzimmer eingerichtet. Die drei Künstler*innen hatten vor sich zwischen Kartons mit Aufdrucken wie „Vorsicht zerbrechlich“, „Fragil“ oder „Küche“, allerlei „Erinnerungsstücken“ sowie alten Schallplatten und ähnliches platziert.

Während unterschiedliche kurze Erzählungen der Befragten für das Publikum hörbar eingespielt wurden, wurden von innen am Schaufenster jeweils passende Begriffe aufgeklebt. Die Erinnerungen umfassten Erlebnisse am Meer, Natur, Geruch von Kaffee, Liebe, aber auch Ängste.

Danach wurden die Erzählungen der Viertelbewohner mit gemalten Begriffen oder Gegenständen angebracht und so ein Zusammenhang hergestellt.

Es gab auch die Möglichkeit, über eine Handy-Nummer mit den Akteuren im Innenraum (interaktiv) in Kontakt zu treten.

Der Prozess zeigt, wie die einzelnen Geschichten des Viertels zu einem kollektiven Gedächtnis verbunden werden können. Es stellt sich hier die Frage, inwieweit Heimat bedeuten kann, an gemeinsamen Erzählungen und Erlebnis-Erinnerungen zu partizipieren.

Schließlich wurde das Schaufenster mit den Begriffen und Symbolen noch auf eine Leinwand im Hintergrund des Innenraums projiziert und mit einer Video-Installation mit eindringlichen unterschiedliche Farbwellen begleitet.

Ein außen vor dem Schaufenster angebrachter Kasten lädt immer noch ein: „Erzähl deine Geschichte!“… Wir dürfen gespannt sein, wie es weiter geht.




„Ist das Ruhr oder kann das weg?“ jetzt online zu sehen

Krüger und Kemper präsentieren Kunst-Film über Heimatgefühle

Zwei Urgesteine der Dortmunder Theaterszene, Hans-Peter Krüger und Thomas Kemper, präsentieren im .dott.werk, Düsseldorfer Str. 18 in Dortmund, ihren Kurzfilm „Ist das Ruhr oder kann das weg?“ Mittlerweile ist der Film auch auf der Internetseite vom .dott.werk zu sehen https://www.dott-netzwerk.de/dott-werk/profile/ist-das-ruhr-oder-kann-das-weg oder auf Vimeo: https://vimeo.com/674535963

Zum Film sagt Hans-Peter „Fips“ Krüger: „Frei nach Kafka ist die Heimat ein Mütterchen, das Krallen hat. Eine Sehnsucht, der wir glücklich entflohen sind und die wir uns doch immer wieder herbeiwünschen. Eine Erinnerung, die wir lieben und hassen, Heimat ist eine fiktive Absurdität, eine absurde Fiktion, eine Inszenierung des Wünschenswerten. Im Ruhrgebiet ist Heimat Abschiedsschmerz und Willkommenskultur, eine Herzensangelegenheit.“ Oder vielleicht nur im Suff zu ertragen.

Kunstsinnige Diskussion über das (R)uhrgebiet: Hans-Peter Krüger (links) und Thomas Kemper . Film-Stills (© Mario Simon)
Kunstsinnige Diskussion über das (R)uhrgebiet: Hans-Peter Krüger (links) und Thomas Kemper . Film-Stills (© Mario Simon)

Der Text von Hans-Peter Krüger, vielen Dortmunder:innen bekannt als langjähriger Protagonist des Geierabends, spielt mit Worten, Klischees und Gefühlen. Im gekonnten Schlagabtausch mit Krüger entfaltet Thomas Kemper seine komplette Bandbreite an tiefsinniger und komischer Darstellungskunst, die er bereits in zahlreichen freien Produktionen unter anderem am Theater im Depot oder bei artscenico unter Beweis gestellt hat.

Das Ganze hat Mario Simon, an der Akademie für Theater und Digitalität verantwortlich für audio-visuelle Medientechnik und Audio-Video-Produktion, in eine phantastisch-ästhetische Klang- und Bildwelt eingebettet. Da wird Ruhrwald wieder Urwald, da erklingt ein leiser Ruhrschrei hinaus in den Wahn der Welt.

Der .dott.salon ist der neue Treffpunkt im Kaiserviertel für Kulturinteressierte, Anwohner:innen aus dem Viertel und Akteur:innen der freien Szene. Freitags steht die Tür im .dott-werk ab 15 Uhr offen, Neugierige sind stets willkommen. Immer wieder geben Künstler:innen Einblicke in ihre aktuellen Projekte.




Die lustige Witwe im Geist er 1920er Jahre

„Die lustige Witwe“ als Revue-Operette zu inszenieren, erwies sich als voller Erfolg. Unter der Regie von Thomas Enzinger entspinnt sich die Geschichte einer enttäuschten Liebe der Chansonette Hannah zum Grafen Danilo auch zu einer Erzählung über die Selbstbestimmtheit einer Frau.

Nachdem die geplante Hochzeit mit Danilo gescheitert war, vermählt Hannah sich kurzentschlossen mit dem älteren Millionär Glawari. Dieser verstirbt jedoch direkt nach der Heirat. Das macht Hannah Glawari zur reichen Witwe und damit zu einem Objekt der Begierde zahlreicher Herren, nicht nur in ihrem südamerikanischen Heimatland. Sich ihrer Macht durchaus bewusst, spielt sie mit den angebotenen Avancen ohne sich fest zu binden. Die finanzielle Unabhängigkeit ermöglicht es ihr sich von den traditionellen Rollen der Frau zu emanzipieren und ihren eigenen Weg zu gehen. In der Rolle der Glawari spiegelt sich die gesellschaftliche Entwicklung der 20er Jahre, in denen die Frauen gegen die männerdominierte Welt aufbegehrten.

Auch Valencienne, als Frau des Baron Zeta (Sooyeon Lee) nimmt sich im Rahmen dessen, was ihr ohne Gesichtsverlust möglich ist. Sie spielt und kokettiert mit ihrem Verehrer Rosillon, ohne ihren Status als Baronin zu gefährden. Baron Zeta, der versucht Hannah Glawari zu einer Heirat mit seinem Landsmann Rosillon schmackhaft zu machen, ignoriert die Abwege seiner Frau. Nach zahlreichen Verwicklungen finden Graf Danilo und Hannah beim Tanz im Maxim doch noch zusammen. Ihr intensives Duett „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen“ ist hinreißend emotional.

ebecca Nelsen (Hanna Glawari) und Matthias Störmer (Graf Danilo Danilowitsch) in "Die Lustige Witwe" (Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture)
Rebecca Nelsen (Hanna Glawari) und Matthias Störmer (Graf Danilo Danilowitsch) in „Die Lustige Witwe“ (Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture)

Die Neuinszenierung von Enzinger und Jenny W. Gregor basiert auf einer Aufführung von Eric Charell, der 1928 für das Große Schauspielhaus Berlin das Werk von Franz Léhar an den Zeitgeist anpasste. Er nahm die Jazzeinflüsse aus den USA auf, und fügte einige Revuetänze hinzu. Aus den vorhandenen Musikvorlagen dieser Aufführung von 1928 rekonstruierten Matthias Grimminger und Henning Hagedorn die aktuelle Bühnenfassung der beliebten Melodien. Sie änderten die Verteilung der Lieder und den Rhythmus der Melodien. So singt zum Beispiel Hannah das Lied der Grisetten, das sonst der Rolle der Valencienne zugeordnet wird. Und auch das Viljalied singt Hannah auf einer Chaiselonge liegend sehr langsam und wehmütig. Als Hanna Glawari gelingt Rebbecca Nelson ein glänzendes Debüt auf der Dortmunder Bühne.

Sooyeon Lee zeigt ihre stimmlichen Fähigkeiten mit dem Lied „Mein kleiner Pavillon“ in dem ihr weicher Sopran voll zur Geltung kommt. Mit einem umwerfenden Fächertanz begleiten die Grisetten diesen Auftritt. Das Publikum war hellauf begeistert. Mit sexy Corsagenkostümen, Stöckelschuhen und mit Federschmuck auf den Köpfen interpretierten die Tänzerinnen und Tänzer die mitreißenden Melodien und erzeugten überzeugend die das frivole Nachtleben im Pariser Maxim.

Nach anhaltendem Schlussapplaus spielte das coronabedingt dezimierte Orchester noch einmal „Dann gehen wir ins Maxim“ was das Publikum zu begeistertem Mitklatschen animierte.




Neuer Verbund freier Theater- und Performance-Festivals vorgestellt

Mit Hilfe des Bundesprogramms „Verbindungen fördern“ entwickelt FESTIVALFRIENDS seit dem letzten Jahr den strukturellen Aus – sowie Ausbau eines überregionalen Festival-Verbunds. Unter diesem Namen haben sich insgesamt sieben Festivals der Freien Darstellenden Künste in Deutschland als Verbund zu einem solidarischen Wissenstransfer zusammengeschlossen. Bei einer hybriden Pressekonferenz mit analoger Teilnahme vor Ort im Dottwerk in Dortmund wurde das Pilotprojekt (ca. 3 Jahre) vorgestellt.

Die sieben Verbundpartner sind:

Baden-Württemberg – Stuttgart: 6 tage frei (25.04. – 30.04.2922),

Berlin: Performing Arts Festival (24.05. – 29.05.2022),

Sachsen – Chemnitz: Der Rahmen ist Programm (01.06. – 05.06.2022)

Hamburg: Hauptsache Frei (22.06 – 02.07.2022)

Nordrhein-Westfalen – Dortmund: 15.09. – 25.09.2022)

Hessen – Frankfurt: Implantieren (10.09.2022 – 26.02.2023)

Bayern – München: Rodeo meets Freischwimmen Doppelfestival (07.10. -15.10.2022

Ein Wissens- und Erfahrungsaustausch unterschiedlicher künstlerischen Positionen sollen zu einer strukturellen Entwicklung, kultureller Bandbreite sowie größerer Sichtbarmachung der Szene führen.

Präsentieren den Verbund FESTIVALFRIENDS (v.l.n.r.) Silvia Werner (Netzwerkdirektorin), Julian Kamphausen (Netzwerk-Berater), Ulrike Seybold ( NRW Landesbüro Frei darstellende Künste) und Martin Bien (Öffentlichkeitsarbeit).
Präsentieren den Verbund FESTIVALFRIENDS (v.l.n.r.) Silvia Werner (Netzwerkdirektorin), Julian Kamphausen (Netzwerk-Berater), Ulrike Seybold ( NRW Landesbüro Frei darstellende Künste) und Martin Bien (Öffentlichkeitsarbeit).

Ukrike Seybold ( NRW Landesbüro Frei darstellende Künste) betonte, das der politische Nährwert des Verbundes überzeugte und zur Förderung durch das Bundesprogramm führte. Das wird ein längerer Entwicklungsprozess werden.

Um die künstlerische Produktion und ihr Touring zu stärken und spezifischen Arbeits- und Organisationsstrukturen von freien Theater- und Performance-Festivals einem näheren Blick zu unterziehen, bietet FESTIVALFRIENDS vier festival-bezogene Formate an:

FRIENDS BESUCH: Künstler*innen bekommen hier die Gelegenheit, Festivals und ihre Programme als Besucher*innen zu erleben und Kontakte zu neuen Komplizen und Komplizinnen zu knüpfen. Neue Erfahrungen und Eindrücke werden gesammelt.

FRIENDS GASTSPIEL: Die Vernetzung von bestehenden Produktionen mit den sieben Verbundpartnern mit zunehmender überregionaler Sichtbarmachung von Künstler*innen und neuen Positionen wird durch Gastspiele vergrößert. Das ist dann eventuell entwicklungsfähig. Ein nachhaltiger Austausch ist das Ziel.

FRIENDS LABOR: Hier sollen zwei künstlerische Positionen und Praktiken zusammengebracht werden. Es bringt Raum und Zeit für künstlerische Experimente mit ergebnisoffenen Formaten nach den eigenen Bedürfnissen.

FRIENDS FESTIVAL schließlich möchte künstlerische Produktionen (Kunst) mit kulturpolitischem Diskurs (Außendiskurs) im Kontext von Festival-Strukturen verbinden.

Ein gemeinsames Festival erarbeitet, dass die Spezifika dieser Arbeitsform (Festival-Arbeit) im Blick hat.

Nähere und weitere Informationen erhalten Sie unter www.festivalfriends.de




Matinee New London Moves

Spannende Einblicke in die zeitgenössische britische Tanzkunst ermöglicht Ballettintendant Xin Peng Wang mit seiner aktuellen Stückauswahl. Unter dem Titel „New London Moves“ tanzt das Ensemble Choreografien von Wayne McGregor, Douglas Lee und Akram Khan. Kleine Ausschnitte der Stücke Eden/Eden (McGregor), Dust (Akram Khan) und Marquette (Douglas Lee) zeigten die Dortmunder Tänzerinnen und Tänzer in einer Matinee im Ballettzentrum Westfalen.

In Eden/Eden setzt sich McGregor mit den Möglichkeiten und Verirrungen des Clones auseinander. Ausgehend von Steve Reichs Komposition Dolly aus dem Werk „Three Tales“ beleuchtet der Choreograf das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Menschlichkeit beleuchtet. Eine Fragestellung lautet : Gibt es mehr als einen Garten Eden? Was ist Original, was eine Kopie? In der gezeigten Szene bilden sich aus anfänglich androgyn erscheinenden Wesen viele Individuen heraus.

Choreografien aus Großbritannien stehen im Mittelpunkt bei "New London Moves". (Foto: © Rike  / pixelio.de)
Choreografien aus Großbritannien stehen im Mittelpunkt bei „New London Moves“. (Foto: © Rike  / pixelio.de)

Zum Stück „Marquette“ von Douglas Lee komponierte Nicolas Savva seine erste komplett elektronische Partitur. Die Einschränkungen durch die Coronaepidemie zwangen den Musiker ausschließlich im Homeoffice zu komponieren. Er begann die Instrumente, die er vor Ort hatte, einzuspielen. Er verlangsamte den Rhythmus, zog die Akkorde auseinander und drehte die einzelnen Musikschnipsel so lange durch die elektronische Mangel bis etwas völlig Neues entstand.

Tänzer und Choreograf Akran Khan bearbeitet in seinem Stück „Dust“ die schrecklichen Auswirkungen der Materialschlacht im 1. Weltkrieg und ihre Folgen für die Soldaten, die dieser entmenschlichten Kriegstechnik ausgesetzt waren. Die Verletzungen und Traumata, sowie die sozialen Auswirkungen, wenn die Heimkehrer auf die eigenen Familien trafen. Dieses Thema setzen Alisa Uzunova und Márcio Barros Mota in einer ergreifenden tänzerischen Erzählung um. Sie nehmen die Zuschauer mit in eine Auseinandersetzung eines Paares, das seine Rollen neu definieren muss. Die Emanzipation der zurückgelassenen Frau und eine traditionelle Rollenzuschreibung prallen aufeinander. Die Beziehung muss neu ausgehandelt werden.

Die Premiere der „New London Moves“ ist am 19. Februar im Opernhaus.




The Head in the Door

oder Das Vaudeville der Verzweiflung

von Milan Peschel und Ensemble

Als Gestern noch Heute, also das Morgen von Vorgestern war …

Ein Abend im Vaudeville mit Sprachslapstick, tiefgreifenden Fragen nach der Kreativität dem Glück und der Selbstverwirklichung immer etwas tun müssen oder doch nicht, dadaesquem Humor, Lust am Stillstand der wortgewandt und bewegt übertönt wird und Schauspielern in einem Theater oder doch einem Vergnügungspark mit einem Anflug von Kafka …

Das Ensemble vollzieht einen gekonnten Spagat vom Vaudeville, den einstigen französischen Vor- und Kleinstadt Theatern. In den USA fand man den Begriff Chic und betitelte die Schaubuden so. Darin verdienten sich dann Charlie Chaplin, die Marx Brothers, Stan Laurel, W.C. Fields und Buster Keaton die ersten Meriten.

Marlena Keil, Linus Ebner, Ekkehard Freye, Bettina Engelhardt, Nika Misÿkovic, Anton Andreew in "The Head in the door" (Foto: © Birgit Hupfeld)
Marlena Keil, Linus Ebner, Ekkehard Freye, Bettina Engelhardt, Nika Misÿkovic, Anton Andreew in „The Head in the door“ (Foto: © Birgit Hupfeld)

Das Vaudeville hüben wie drüben ging mit der Depression nach 1929 und dem Tonfilm unter. Aber Peschel und sein Ensemble lassen es wieder auferstehen mit dem Scheitern, Straucheln und wieder Aufstehen. Nicht ohne einen Seitenhieb auf einen gewissen Ortsteil der einst spanischen Stadt der Engel, aber auch das Vaudeville welches einst im Fredenbaumpark war erinnernd.

Unsere Helden leben dann auch gleich im Theater, weil das Leben so teuer ist, aber das Leben auch Kunst ist, und Kunst Leben, sie, wir sie brauchen, wie die Luft zum Atmen, die Freiheit zum Leben. Als Metapher für die Lust des Künstlers/Schauspielers am Spiel und seinem Hunger nach verdientem Applaus. Witzig, schnell, wendig wieselt das Ensemble durch die Kulissen und den Kulissenregen, wobei sie uns die Schnelligkeit des Vaudeville mit Sprache und agieren vorführen und fast atemlos machen und man aufpassen muss, dass man beim Lacher, nicht die nächste Pointe überhört.

Wo bleiben die, die keinen langen Atem mehr haben? Hier wird das Stück hochmodern im Zeitalter des Fame für 15min, sich verkürzenden Aufmerksamkeitsspannen und sich überschlagender Social Media Aufmerksamkeitheischerei. Alles begann eigentlich im Vaudeville mit seinen kurzen Sketchen und Szenen, was sich im Film fortsetzte.

Ein szenischer Parforceritt durch die sich drehenden Kulissen, etwas gebremst durch Verständlich- und Verfolgbarkeit der Sprache, der Dramaturgie, ansonsten wäre man vielleicht etwas außer Atem geraten. Oder man hätte den Einsatz zum Lachen verpasst … wohltuend, das Lachen. Die Verzweiflung der Schauspieler erschien jedoch nicht allzu gravierend, zu sehr war ihre Spielfreude zu erleben.

Es braucht Menschen, hier unsere Schauspieler, die imstande sind, andere Menschen zu begeistern, das Publikum der Premiere.

Als Gestern noch Heute … also das Morgen … von Vorgestern war …

Besetzung

Anton Andreew

Alexander Darkow

Linus Ebner

Bettina Engelhardt

Ekkehard Freye

Marlena Keil

Nika Miskovic

Regie: Milan Peschel

Regieassistenz: Anna Tenti

Regiehospitanz: Victoria Di Bello

Bühne: Nicole Timm

Bühnenbildassistenz: Christiane Thomas

Kostüm: Magdalena Musial

Dramaturgie: Sabine Reich

Dramaturgiehospitanz: Sabine Buchholzer, Hannah Straßheim

Licht Design: Henning Streck

Licht: Stefan Gimbel

Inspizienz: Mathilde Wienand

Souflage: Violetta Ziegler

Weitere Termin

03. Feb. 2022 19:30

18. Feb. 2022 19:30

19. Feb. 2022 19:30

05. März 2022 19:30

13. März 2022 18:00

Eintritt € 9,00 bis 23,00