Beyond Gravity Festival, 03.10.2025

Vom 01.-05. Oktober 2025 wurden beim Beyond Gravity Festival 2025 künstlerische Forschung, digitale Innovation und gesellschaftspolitische Fragestellungen verhandelt. Veranstaltet wurde das Festival vom Theater im Depot, der Akademie für Theater und Digitalität sowie dem Kulturforum Witten, das regionalen und internationalen Künstler:innen eine Plattform für transkulturelle Zusammenarbeit, kritische Reflexion und künstlerisch-technologische Zukunftsentwürfe bot. Dafür vereinte das Festival ein Residenz- und Diskursprogramm mit einer Reihe aus kuratierten Gastspielen aus dem Ruhrgebiet, Deutschland und dem europäischen Ausland. Dabei setze das Programm einen klaren Schwerpunkt auf den Einsatz von Künstlicher Intelligenz in künstlerischen Produktionsprozessen sowie auf die Entwicklung hybrider Aufführungssituationen zwischen digitalen und physischen Räumen, Körpern und Narrativen.

Am 03. Oktober kreiste das Publikum um die Spielorte Akademie für Theater und Digitalität am Dortmunder Hafen und das Depot am Fredenbaumpark, in dem die große Mittelhalle, das A29 und das Studio 2 bespielt wurden. Die Performance „Breath‘In You“ von Laura Waltz vereinte klassische Choreografie und Körperarbeit mit digitalen Mitteln. Während sich die Performerin Waltz dynamisch über die Bühne bewegte, fächerte sich nach und nach ein Mosaik digitaler Abbilder ihrer Bewegungen auf den Wänden um sie herum auf – ein wechselseitiger Tanz zwischen Körper und digitalem Avatar.

Climb a mountain / MIRA-Julia Riera
Climb a mountain / MIRA-Julia Riera

In der Mittelhalle des Depots und dem Raum A29 konnten unterschiedliche Installationen besucht werden, die durch kleine und große Bildschirme eine Reflexion des Sozialen im Digitalen erfahrbar machten. Eine dieser Arbeiten mutierte am Abend des Freitags zu einer Live-Performance, bei der das Publikum über drei Screens – zwei von der Größe einer Kinoleinwand und einer XR-Brille – in eine jenseitige Welt abtauchen konnte. Norbert Pape & Simon Speiser entführten die Besucher:innen durch die Mehrkanal-Video- und Extended Reality (XR)-Installation in eine Sphäre jenseits anthropozentrischer Weltbilder.

Beim abendlichen Symposium „Beyond Gravity Reflexionen“ im Studio 2 kamen interessierte Besucher:innen und Fachpublikum in den Austausch über die Fragestellungen des Festivals und seiner Arbeiten. Die performative Aktivierung „Vector 0.002: We Make with Memory“ vom Pangea IA Collective flankierte die Gesprächsrunde des Symposiums mit einer mit dekolonialen Perspektive auf die blinden Flecken sowie die Potenziale von künstlicher Intelligenz.




Beyond Gravity 2025

Vom 01. bis 05. Oktober 2025 fand die zweite Ausgabe des Festivals „Beyond Gravity“ statt – ein Festival für digitale Kunst, Tanz und Performance. Wie bereits vor zwei Jahren wurden die Veranstaltungen hauptsächlich im Theater im Depot und in der Akademie für Theater und Digitalität gezeigt. Neu dabei war in diesem Jahr auch das Kulturforum Witten.
Zusätzlich war ein Residenzprogramm unter dem Titel „Decolonising the Digital“ integriert. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie digitale Technologien gesellschaftliche Ungleichheiten verstärken können – und wie Kunst dazu beitragen kann, diese sichtbar zu machen und Alternativen zu entwickeln. Dafür wurden zwischen Juni und Oktober 2025 drei Künstler*innen-Teams aus dem sogenannten „Global South“ eingeladen, die gemeinsam mit Partnern aus dem Ruhrgebiet neue Projekte entwickelten.

„Früher war mehr Lametta“, heißt es bei Loriot. Vor zwei Jahren boten Programme wie „I AM (VR)“ von Susanne Kennedy und Markus Selg atemberaubende Erlebnisse. Dieser Wow-Effekt fehlte mir in dieser Ausgabe ein wenig. Am ehesten kam noch „Turbulence“ von Norbert Pape und Simon Speiser heran, das mich im Meer schwimmen und Muscheln berühren ließ. Die beiden zeichneten auch verantwortlich für „Touching Clouds“, das vor zwei Jahren gezeigt wurde. Darüber hinaus gab es in der Mittelhalle des Depots verschiedene Games, die zum Mitspielen einluden.

Ein fotografischer Einblick in die Arbeit "Turbulence" von Norbert Pape & Simon Speiser.
Ein fotografischer Einblick in die Arbeit „Turbulence“ von Norbert Pape & Simon Speiser.

Im Theatersaal des Depots sah ich am 01. Oktober „Dear Dead Doctor“, ein Stück von Kiran Kumār über seinen Großvater, der in Indien in westlicher Medizin ausgebildet wurde. Kumār nimmt Ivan Illich zum Vorbild, um die westliche Medizin zu kritisieren. Illich argumentierte, dass die moderne Medizin ein „iatrogenes“ System hervorgebracht habe – also mehr Schaden anrichte, als sie heile, indem sie Menschen passiv mache, ihnen Eigenverantwortung entziehe und das Leben pathologisiere. Als säkularer Humanist lehne ich diese normativen Kritikpunkte von Illich – und damit auch von Kumār – ab. Für mich wären vielmehr Aufklärung, Partizipation der Patient:innen, transparente Entscheidungsprozesse und Zugangsgerechtigkeit zentrale Forderungen, um die Medizin menschlicher zu gestalten.
Die Umsetzung des Stücks war jedoch sehr gelungen: Zwei Darstellerinnen hängten Stoffbahnen nebeneinander, auf denen Fotos, Tagebuchauszüge und auch Tanzszenen projiziert wurden. Das erinnerte ein wenig an eine Petersburger Hängung.

Am nächsten Tag verbrachte ich die Zeit in der Akademie für Theater und Digitalität. Das erste Stück führte die Besucher:innen nach Kamerun und stellte die Frage: Welche Kriterien muss ein Häuptling oder König erfüllen, um als würdig zu gelten? „KAM (noble)“ zeigt, dass dies kein angeborener Wert ist, sondern innerhalb der Gemeinschaft erworben werden muss, die darüber genau wacht. Dies wurde in einem Animationsfilm verdeutlicht.

Den Abschluss bildete „Climb a Mountain: Mira“ von Julia Riera. Es erinnerte mich etwas an „The Dead Code Must Be Alive“ von Brigitte Huezo damals, doch es ist immer wieder faszinierend, welche Wirkung die auftauchenden digitalen Körper auf den Leinwänden entfalten.




Von Radiohead bis Dornröschen: Gala voller Kontraste

Die 41. Internationale Ballettgala im Dortmunder Opernhaus am 27. und 28. September 2025 stand ganz im Zeichen eines Neuanfangs. Auch der ehemalige Intendant Xin Peng Wang ließ es sich am 27. September nicht nehmen, dabei zu sein.

Ars tremonia war am ersten Abend vor Ort. Kammersänger Hannes Brock führte mit seiner gewohnt humorvoll-ironischen Moderation durch den Abend und bleibt dieser beliebten Gala – traditionell zu Beginn und am Ende der Spielzeit – weiterhin treu.

Neben dem neuen Intendanten Dr. Jaš Otrin (Gesamtleitung) für das Ballett Dortmund und das NRW Juniorballett wurden auch die beiden Artists in Residence, Annabelle Lopez Ochoa und Edward Clug, vorgestellt. Mit ihrer unverwechselbaren Handschrift sollen sie die künstlerische Ausrichtung der Sparte prägen.

Sae Tamura, Simon Jones (Ballett Dortmund), Ballett Dortmund, NRW Juniorballett in O Fortuna aus Carmina Burana; Choreografie Edward Clug(c) Leszek Januszewski
Sae Tamura, Simon Jones (Ballett Dortmund), Ballett Dortmund, NRW Juniorballett in O Fortuna aus Carmina Burana; Choreografie Edward Clug
(c) Leszek Januszewski

Annabelle Lopez Ochoa nutzt eine poetische Bildsprache und hat – ihrer lateinamerikanischen Herkunft entsprechend – eine besondere Vorliebe für Farbenreichtum. Sie setzt sich in Handlungsballetten mit bekannten, oft schwer zu fassenden Frauenpersönlichkeiten wie Coco Chanel, Evita Perón oder Frida Kahlo auseinander. Davon erhielt das Publikum einige Einblicke durch Auszüge, getanzt von internationalen Gästen des Ballet Hispánico, des American Ballet Theatre, des Het Nationale Ballet, dem Dortmunder Ballett sowie dem NRW Juniorballett. Deutlich spürbar war ihre Affinität zu Jazz und Flamenco, aber auch die Verbindung von Jazz mit rockigen Elementen, etwa in „One for All“ (Ballett Dortmund/NRW Juniorballett).

Die Arbeiten von Edward Clug (geboren in Rumänien) bestechen durch Feinsinn, eine Prise Humor, Klarheit und Expressivität. Selbst einst Tänzer am Slowenischen Nationaltheater Maribor, dessen Direktor heute der Slowene Dr. Jaš Otrin ist, bindet er regelmäßig Ensemblemitglieder dieses Hauses in seine Produktionen ein.

Nicht nur die Handschrift dieser beiden starken Persönlichkeiten, sondern auch die Interpretationen internationaler Gäste – etwa vom Bayerischen Staatsballett – machten den Abend zu einem besonderen Erlebnis. Ein Höhepunkt war unter anderem „Radio and Juliet“ (Musik: Radiohead, Choreografie: Edward Clug) mit Ksenia Shevtsova und Jacob Feyferlik (Bayerisches Staatsballett).

Auch die Freunde des klassischen Balletts kamen bei Auszügen aus „Dornröschen“, „Satanella“ und „Diana und Actaeon“ auf ihre Kosten.

Gleich zu Beginn stimmte „O Fortuna“ (Carmina Burana von Carl Orff) mit seiner dramatischen Wucht auf eine spartenübergreifende Produktion ein: ein Ballett von Edward Clug in Kooperation mit der Oper Dortmund und den Dortmunder Philharmonikern. Premiere ist am 18. Oktober 2025.

Um das Dortmunder Ballett und das NRW Juniorballett innovativ neu aufzustellen, sind strukturelle Änderungen in Form eines Drei-Säulen-Modells vorgesehen, bestehend aus Kreativ-, Förder- und Kompetenzzentrum.

Wir dürfen gespannt sein.




Täuschung im Chat: „Cyber Cyrano“ am KJT Dortmund

Mit „Cyber Cyrano“ von István Tasnádi in der Regie von Johanna Weißert präsentierte das Kinder- und Jugendtheater Dortmund am 27. September 2025 ein Stück, das Motive des bekannten Dramas „Cyrano de Bergerac“ von Edmond Rostand aufgreift. In Rostands Stück verliebt sich der Titelheld Cyrano in seine Cousine Roxane. Cyrano ist ein Meister der Worte, leidet jedoch unter seiner großen Nase. Roxane wiederum schwärmt für Christian, den Cyrano heimlich mit seiner Sprachgewandtheit unterstützt.

Tasnádi stellt diese Grundidee auf den Kopf. Hier ist es nicht der „hässliche“ Mann, der dem hübschen, aber einfältigen Rivalen hilft, sondern die Schülerin Zoe (Sar Adina Scheer), die sich in ihren langjährigen Klassenkameraden Mats (Jan Westphal) verliebt hat. Dieser wiederum scheint Gefühle für die neue Mitschülerin Lina (Annika Hauffe) zu entwickeln. Aus Eifersucht erfindet Zoe ein wohlhabendes Geschwisterpaar, Viktor und Moira, mit denen sie angeblich befreundet ist. In Wahrheit steckt jedoch sie selbst hinter deren Chatnachrichten: Viktor schreibt mit Lina, Moira mit Mats.

Jan Westphal, Annika Hauffe, Sar Adina Scheer(Foto: ©Birgit Hupfeld)
Jan Westphal, Annika Hauffe, Sar Adina Scheer
(Foto: ©Birgit Hupfeld)

Schon das Bühnenbild macht die Szenerie klar: Wir befinden uns in einer Schule. Rechts stehen zwei Schulbänke mit Tafel, links deutet sich eine Aula an, in der Lina und Mats eine Choreografie zu einem Song von Taylor Swift proben – sehr zum Missfallen von Zoe. Wenn sie über ihre Intrigen nachdenkt, nimmt sie Platz in einem Ball Chair.

Das Stück, das sowohl komische als auch nachdenkliche Momente bietet, wirft die Frage auf: Sind junge Menschen tatsächlich so leichtgläubig, dass sie jede Nachricht auf dem Smartphone unhinterfragt akzeptieren? Selbst Menschen mit Lebenserfahrung haben sich schon von angeblichen „Prinzen“ aus Nigeria täuschen lassen, die ihnen Millionen versprachen. Ähnlich überzogen wirken die Geschichten des angehenden Diplomaten Viktor, der mit eigenem Segelboot und angeblicher Fähigkeit in die Zukunft zu blicken daherkommt – oder Moira, die angeblich schon mit 14 als Model um die Welt reiste. Erst sehr spät überprüft Mats die Erzählungen und entlarvt Zoe, was schließlich zu ihrem Rauswurf aus der Schule führt.

„Cyber Cyrano“ ist somit keine Liebesgeschichte und auch keine Tragödie, sondern vielmehr ein Appell an die Medienkompetenz: Glaubt nicht alles, was in Chats oder sozialen Medien steht, und überprüft Informationen kritisch – vor allem dann, wenn sie zu schön klingen, um wahr zu sein.

Die Inszenierung richtet sich sprachlich klar an ein jugendliches Publikum, ohne dabei in künstlichen Jugendslang zu verfallen. Zudem hatte das Stück durchaus poetische Momente. Sar Adina Scheer, Jan Westphal und Annika Hauffe überzeugten durch lebendiges Spiel und wurden vom fast ausverkauften Saal mit großem Applaus belohnt.

So zeigt „Cyber Cyrano“, dass es nicht nur pädagogisch relevant, sondern auch als Theatererlebnis sehenswert ist.

 




Melancholische Puppen

„Leonce und Lena“ als kommentiertes Kammerspiel am Schauspiel Dortmund

Für die Inszenierung klassischer Dramen braucht es oft eine besondere Idee. um dem Zuschauer eine neue Sichtweise auf den Text zu erschließen. „Leonce und Lena“, Georg Büchners einziges Lustspiel ist seit seiner späten Uraufführung 1895 viele Male aufgeführt und neu interpretiert worden. Jana Vetten sucht in ihrer ambitionierten Inszenierung auch nach dem Besonderen und erfindet eine Person hinzu, die als Alter Ego des Autors, als Moderator das Geschehen auf der Bühne musikalisch begleitet, verbal kommentiert, eine Art Narr, der den Zuschauern erklären soll, was der Dichter meint. Die Idee scheint verführerisch, geht aber nicht unbedingt auf. So entfaltet sich ein zweistündiger Abend, der trotz schöner Bilder und spielfreudiger Akteure bisweilen dem Zuschauer einen langen Atem abverlangt.

Büchner, blutjunge 22 Jahre alt, ein frühreifer, genialer Heißsporn, sozial und politisch engagiert, schrieb 1836 eine Komödie. Er wollte sich am Wettbewerb des Cotta-Verlags beteiligen, versäumte aber den Einsendeschluss. Die Komödie schrieb er trotzdem. Widersprüchlich erscheint es auf den ersten Blick, dass der sozialrevolutionäre Dichter von „Dantons Tod“, dem „Hessischen Landboten“ und des „Woyzeck“, plötzlich Lust bekam auf ein seichtes Lachstück, eine romantisierende Verwechslungskomödie in den Kreisen des schmarotzenden Hochadels. Tatsächlich hat die Geschichte etwas von einer modernen Seifenoper.

Fabienne-Deniz Hammer, Viet Anh Alexander TranFoto © Birgit Hupfeld
Fabienne-Deniz Hammer (Lena), Viet Anh Alexander Tran (Leonce)
Foto © Birgit Hupfeld

König Peter, ein regierungsmüder Monarch, arrangiert eine Ehe zwischen seinem Sohn Prinz Leonce und Prinzessin Lena. Die zwei vom Leben desillusionierten jungen Leute kennen sich gar nicht, wollen auch nicht heiraten und suchen – unabhängig voneinander – ihr Heil in der Flucht. Begleitet von einer gestressten Gouvernante (Beatrice Masala) und dem lässigen Valerio (Stefan Hartmann) begegnen sich die beiden zufällig im Wald und verlieben sich blitzartig – in Unkenntnis ihrer wahren Identitäten. So kommt es zufällig doch noch zu einem Happy-End.

Auf den zweiten, genaueren Blick ist „Leonce und Lena“ eine bissige Satire auf den dekadenten, schmarotzenden Adel. Im „Hessischen Landboten“ findet Büchner wuchtige Worte für seinen Hass: „Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag. Sie wohnen in schönen Häusern, sie tragen zierliche Kleider, sie haben feiste Gesichter. Das Volk aber liegt vor ihnen wie Dünger auf dem Acker.“ Zwei Jahre später war sein politischer Ehrgeiz abgekühlt. Enttäuscht stellte er fest: „Das ganze Leben besteht nur aus Versuchen, sich die entsetzlichste Langeweile zu vertreiben.“

Diese Langeweile und das bisweilen suizidale Verzweifeln an der Welt ist durchaus auch ein aktuelles Thema. Jana Vetten greift es in ihrer durchaus ideenfreudigen Inszenierung auf. Dabei wertet sie – eine gute, zeitgemäße Entscheidung – die Rolle der forschen Lena (Fabienne Deniz Hammer) auf, indem sie ihr Texte von Leonce (Viet Anh Alexander Tran) in den Mund legt. So entsteht ein differenzierter Dialog auf Augenhöhe.

Der Bühnenraum (Lan Anh Pham) passt sich wunderbar an das Stück an. Der Bau auf der Drehbühne erinnert weniger an ein Schloss, mehr an ein Treppenhaus, eng wie in einem Käfig und ist Symbol für eine Welt, die sich vorwiegend um sich selbst dreht. Im ersten, etwas zähen Teil werden die Szenen in geometrischen Rahmen als Tableaus inszeniert, Schnappschüsse von außen in ein Puppenhaus. Eine bedrückende Welt, die sich erst öffnet, als die beiden Königskinder aus ihr fliehen. Draußen wird auch das Spiel lebendiger. Die Liebesszene zwischen Leonce und Lena, ein Tanz in Ketten, ein Liebeskampf eher, ist toll und intensiv gespielt. Ebenso wie das Ritual, das König Peter (Ekkehard Freye) mit seinem blechblasenden Hofstaat inszeniert, der als witziger Bewegungschor aus sechs Dortmunder Jugendlichen immer wieder eifrig mitmischt.

Kalle Kummer komponierte die stimmige Musik und Sounds, spielt live am Flügel den kommentierenden Narren Schorsch Typhus, wie er in Anlehnung an Büchners tödliche Krankheit genannt wird. Er empfängt das Publikum schon beim Hereinkommen mit melancholischen Klängen, hat Schmerzen, leidet, das sieht man ihm an. Am Ende liegt er am Boden, desillusioniert im Scherbenhaufen seiner revolutionären Träume. Dazwischen füllt er alles mit Büchnerschem Sarkasmus und Anekdoten, versucht auch die Geschichte zu ändern, wenn er Valerio immer wieder auffordert, den Prinzen umzubringen, um so die Französische Revolution doch noch nach Deutschland zu tragen. An all dem verzweifelt er und ändert doch nichts am Zustand der Welt, am „gräßlichen Fatalismus der Geschichte“, wie es bei Büchner heißt. Nachhilfe in Sachen Büchnerverständnis nimmt viel Raum ein an diesem Abend. Das ist gut gemeint, wirkt aber eher bemüht schulmeisterlich als spielfreudig, überfrachtet den Abend, hemmt den Spielfluss und ist zudem nicht witzig genug, um neben der Inszenierung der eigentlichen Komödie zu bestehen. Zweite Vorstellung, verhaltener Applaus.




„Die Sonne tönt“ – Goethe ganz persönlich. Andreas Weißert im Studio des Schauspielhauses

„Die Sonne tönt“. Ob das die beiden Sonnenblumen, die von Scheinwerfern hervorgehoben die Bühne flankieren, auch wissen? Der Saal ist jedenfalls erfüllt von erwartungsvoller Stille, in die die Stimme des Schauspielers und ehemaligen Dortmunder Theaterdirektors Andreas Weißert tönt.

Goethes Werke erklingen, Lyrik, Prosa, Drama. Eingebettet in Informationen zu Goethes Werdegang und Bezügen zum Leben des Vortragenden. Wir erfahren, dass zu allen Geburtstagen in der Familie Weißert schon vor achtzig Jahren Gedichte und Lieder dazugehörten. Und bei der entsprechend großen Familie gab es im Jahreslauf viel zu feiern, zu rezitieren und zu singen. So entstand beim Vortragenden schon früh eine besondere Beziehung zu Goethes Werken, die bis heute hält.

Und anstatt eines „Dinners for One“ kann sich der Schauspieler an diesem Abend mit einer „Lesung für Hundert“ selbst beschenken. Ein Geschenk, das sich wunderbar teilen lässt. Und so kann das Publikum im ausverkauften Studio des Schauspielhauses dem Sphärenklang des Universums lauschen, den Goethe bei Pythagoras entlehnte, über das Jenseits nachdenken – und wem man dort nicht begegnen möchte, denn der „Langeweile würde kein Ende nehmen“.

Wir erfahren, dass man als Regisseur vor Proben viel beten muss. Und das hat sich in den Jahrhunderten auch nicht geändert. Doch ängstliches Klagen wendet kein Elend. Amüsiert erfahren wir von einem Theaterdirektor, der zu gern selbst einsprang, um die Aufführung zu „retten“, falls jemand erkrankte, aber auch einfach jede Gelegenheit nutzte, wieder auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zu kommen.

Und da tobt Andreas Weißert sich an diesem Abend weiter aus. Zwar sind auf der Bühne nur ein Tisch und ein Stuhl vorgesehen, dekoriert mit den beiden weit entfernten Sonnenblumen, doch bei verschiedenen Rezitationen hält es den Schauspieler nicht auf dem Stuhl. Er dirigiert ein Gedicht mit Taktstock, nutzt eine Ukulele als Requisit und springt beinahe auch auf den Stuhl. Ein riskantes Unterfangen, aber wie viel riskanter ist es, wenn der Zauberlehrling die Gewalten entfesselt, die er nicht mehr im Zaum halten kann?

Andreas Weißert  - Geburtstag mit Goethe. (Foto: Martina Bracke)
Andreas Weißert – Geburtstag mit Goethe. (Foto: Martina Bracke)

„Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister, wird‘ ich nun nicht los.“

Auf der Bühne geht es glimpflich aus, der Meister kommt und der Flut wird Einhalt geboten. Im wirklichen Leben ist es nicht immer so einfach. Weißert empfindet, dass der Zauberlehrling zum Normalfall geworden sei. Die Frage bleibt offen, wer denn dann die Welt rettet.

Aber an diesem Abend erfreuen wir uns weiterhin an den meisterlich vorgetragenen Werken Goethes, an Sequenzen aus dem Werther, der Harzreise im Winter und aus der Urfassung zum Wilhelm Meister, bevor der Schauspieler auch zu dramatischen Partien aus dem Egmont und der Iphigenie übergeht.

Goethe wird gefeiert von Andreas Weißert an diesem Abend, ebenso wie Andreas Weißert von seinem Publikum gefeiert wird. Darüber hinaus lässt es sich die aktuelle Schauspieldirektorin am Theater Dortmund, Julia Wissert, nicht nehmen, höchstselbst den Jubilar hochleben zu lassen und einen dicken Blumenstrauß mit Dank zu überreichen.

Eine Zugabe rundet den Abend ab. Der Goethe-Abend ist zu Ende, die Geburtstagsfeier auch, die Sonne muss in den Herzen weitertönen. Doch halt, vielleicht nur bis Silvester. Denn dann kommt Andreas Weißert wieder auf die Bühne, lässt seine Stimme zu einem bunten Strauß aus Werken der Literatur er- und das Jahr ausklingen, auf dass die Sonne auch in das kommende Jahr hineintönt. Bis jetzt ist der Silvesterabend noch nicht im Vorverkauf, deshalb muss man die Augen offenhalten, die Karten werden schnell vergeben sein.

 

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Figaros Hochzeit durch „Mozarts Augen gesehen“

Mit Mozarts „Le nozze di Figaro“ hat die Oper Dortmund am 21. September 2025 die neue Spielzeit eröffnet. Regisseur Vincent Boussard zeigt in seiner Neuinszenierung eine Oper, die weit mehr ist als eine leichte Komödie. Unter der musikalischen Leitung des neuen Generalmusikdirektors Jordan de Souza gestalteten die Dortmunder Philharmoniker einen Abend, der musikalisch wie szenisch überzeugte.

Ein Spiel um Macht und Gefühle

Im Zentrum steht Graf Almaviva (Mandla Mndebele), der die junge Zofe Susanna (Sooyeon Lee) bedrängt – sehr zum Missfallen seiner Frau (Anna Sohn). Doch Susanna ist mit Figaro (KS Morgan Moody) verlobt und will diesen heiraten. Gemeinsam schmieden die beiden mit der Gräfin einen Plan, um den übergriffigen Grafen bloßzustellen. Was folgt, ist ein turbulentes Verwirrspiel aus Eifersucht, Intrigen und leidenschaftlichen Verwechslungen.

Bühne als Experimentier-Labor

Boussard verlegte die Handlung in einen kühlen, weißen Raum, der an ein Experimentier-Labor erinnert. Spiegelwände und sterile Flächen ließen die Figuren gleichsam unter Beobachtung agieren – ein Raum der Selbstreflexion, in dem die Figuren ihre Masken ablegen mussten. Besonders eindrucksvoll: das Opernchor-Ensemble (Einstudierung: Fabio Mancini), das erhöht saß, in weißen Perücken Mozarts Zeit verkörperte und das Bühnengeschehen wie durch die „Augen des Komponisten“ kommentierte.

Anna Sohn, Mandla Mndebele(c) Björn Hickmann
Anna Sohn, Mandla Mndebele
(c) Björn Hickmann

Stimmen voller Ausdruck

Sängerisch bot die Premiere hohe Qualität. Sooyeon Lee überzeugte als Susanna mit Leichtigkeit und Spielfreude, Morgan Moody als Figaro mit kräftigem Bariton und sicherem Humor. Anna Sohn gestaltete die Gräfin mit klarem, warmem Sopran und viel Gefühl. Einen bleibenden Eindruck hinterließ auch der junge Maayan Licht, dessen heller Sopran und akrobatische Bühnenpräsenz das Publikum begeisterte.

Fazit

„Figaros Hochzeit“ in Dortmund ist keine bloße Wiederholung eines Klassikers, sondern eine kluge Reflexion über Macht, Freiheit und das Individuum im Spannungsfeld gesellschaftlicher Zwänge. Mit klaren Bildern, starker Musik und einem spielfreudigen Ensemble gelang eine Premiere, die das Publikum zu Recht mit langem Applaus feierte.

Weitere Termine finden Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.




Eindringliche Adaptation eines universalen Melodramas

Im Studio des Dortmunder Schauspiels feierte am 19. September 2025 Rainer Werner Fassbinders „Angst essen Seele auf“ Premiere. Unter der Regie von Dor Aloni entstand eine Inszenierung, die den Klassiker aus den 1970er-Jahren in die Gegenwart holt – eindringlich, reduziert und universell verständlich.

Das Stück erzählt die Geschichte von Emmi, einer älteren Putzfrau, die in einer Bar den zwanzig Jahre jüngeren marokkanischen Autoschlosser Ali kennenlernt. Aus vorsichtiger Nähe wird eine Beziehung, die unter den Vorurteilen und Ablehnungen des Umfelds fast zerbricht. Fassbinders Themen – Rassismus, Isolation, Einsamkeit – sind leider heute noch aktuell.

Regiekonzept: Stimmenvielfalt und Stille

Das Studio verwandelte sich in eine arabische Bar mit langem Tisch, Barhockern, Jukebox und einem weißen Vorhang als Raumteiler. Dor Aloni bricht die vertrauten Textstrukturen auf, verteilt die Rollen auf mehrere Stimmen und schafft so neue Spannung. Eine zentrale Rolle spielt dabei der Dortmunder Sprechchor: Mehrere Personen übernehmen abwechselnd die Figur der Emmi. So werden unterschiedliche Facetten dieser Frau aus der Sicht Alis sichtbar.

Aviran Edri überzeugte in der Rolle des Ali mit einer intensiven, zurückgenommenen Darstellung. Linda Elsner und Sarah Quarshie aus dem Dortmunder Ensemble glänzten in wechselnden Rollen.

v.l.n.r.: Sabine Bathe-Kruse, Aviran Edri, Henri Hoffmann, Sarah Quarshie, Birgit Korte, Bärbel Gobel, Elke Kalwa-Feige© Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Sabine Bathe-Kruse, Aviran Edri, Henri Hoffmann, Sarah Quarshie, Birgit Korte, Bärbel Gobel, Elke Kalwa-Feige
© Birgit Hupfeld

Spielweise: Schweigen als Ausdruck

Das Besondere an dieser Inszenierung sind die gezielten, langsamen Bewegungen. Sie lenken die Aufmerksamkeit auf die kleinsten Gesten und Zwischentöne. Schweigen und Blicke erzeugen eine starke Spannung, die das Publikum ebenso aushalten musste wie die Darstellenden selbst. Besonders eindrucksvoll wirkte das musikalische arabische Mantra aus der Jukebox, das sich wie ein Echo der immer wiederkehrenden Ausgrenzung einprägte.

Fazit

„Angst essen Seele auf“ bleibt ein Stück über die Brüchigkeit menschlicher Beziehungen und gesellschaftliche Vorurteile. Die Dortmunder Inszenierung zeigt eindringlich, dass die Fragen nach Fremdheit, Nähe und Einsamkeit auch heute nichts an Dringlichkeit verloren haben. Ein Abend, der lange nachhallt.

Weitere Termine finden Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.




Piratenstück mit Fantasie und Humor

Als erste Premiere der neuen Spielzeit zeigte das Dortmunder KJT (Kinder- und Jugendtheater) am 18. September 2025 „Käpten Knitterbart und seine Bande“ von Cornelia Funke (Bühnenbearbeitung: Stefan Dehler). Regie führte Antje Siebers.

Die Bühne des Skelly verwandelte sich in einen etwas staubigen Holzkellerverschlag, gefüllt mit allerlei Gegenständen, Kleidungsstücken und Holzpaletten. Schon seit jeher regen Abenteuerbücher wie „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson die Fantasie der Lesenden an. Das Leben der Seeräuber und ihrer Mannschaft bot Abwechslung und spiegelte die Sehnsucht nach Freiheit wider. Laut, wild und frei sein zu dürfen – diesem Wunsch wurde hier Raum gegeben.

Der Schauspieler Rainer Kleinespel verkörperte mit viel Humor und Spielfreude den „Käpten Knitterbart“. Sein Kollege Andreas Ksienzyk schlüpfte scheinbar mühelos in die unterschiedlichsten Rollen der Bandenmitglieder. Das Verkleiden bereitete beiden sichtbar großes Vergnügen. Auch die auf der Bühne vorhandenen Gegenstände wurden kreativ eingesetzt. Mit lauter Stimme, Säbelrasseln und Pistolengetöse heizten die Piraten dem Publikum ordentlich ein und fühlten sich unbesiegbar. Doch ein Schiff hätten sie besser vorbeifahren lassen sollen – an Bord befand sich die kleine Molly (hier dargestellt durch einen Wischmopp), die den Piraten gehörig Angst einjagte.

v.l.n.r.: Rainer Kleinespel und Andreas Ksienzyk© Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Rainer Kleinespel und Andreas Ksienzyk
© Birgit Hupfeld

Mit einfachen Mitteln und viel Witz entführten die Schauspieler ihr Publikum in eine abenteuerliche Piratenwelt. Schauspielerische, pantomimische und teils auch körperlich anspruchsvolle Szenen meisterten sie souverän mit Erfahrung und Professionalität.

Musikalisch wurde das Geschehen atmosphärisch untermalt, unter anderem mit Auszügen aus Wagners „Fliegendem Holländer“.

Ein Stück für Kinder ab sechs Jahren, das dazu anregt, der eigenen Fantasie auch in der „realen Welt“ Ausdruck zu verleihen.

Karten und Informationen zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter Tel. 0231/50 27 222 oder unter www.theaterdo.de.

 




Hall of Fame: Der rote Teppich neu interpretiert

Angeblich lief Agamemnon über einen purpurnen Teppich, als er von Troja zurückkehrte. Glück brachte ihm das allerdings nicht. Das Symbol des roten Teppichs als Laufweg für Filmstars wurde erst in den 1920er-Jahren populär. Seitdem war er von Filmfestivals nicht mehr wegzudenken.

Am 5. September zeigte das Ensemble Hall of Fame eine besondere Mischung aus Tanz, Performance, Audio- und Video-Collagen sowie einer Fotoinstallation. Thema waren gesellschaftliche Fragen rund um Gerechtigkeit und Zusammenleben.

Das Symbol des roten Teppichs – sonst ein Zeichen für Ruhm und Prominenz – wurde in neue Bedeutungen überführt. Der Teppich verwandelte Alltagsorte in ungewöhnliche Erlebnisse:

  • Auf dem Teppich zu liegen konnte ein Protest sein.
  • Sich darin einzurollen konnte Schutz bedeuten.
  • Über ihn zu schweben verwies auf Privilegien und Gleichgültigkeit.

Das Projekt gliederte sich in mehrere Phasen:

Recherche: Erfahrungen und Sichtweisen wurden gesammelt. Dabei ging es auch um Mechanismen sozialer Ausgrenzung.

Aktionen im Stadtraum: Der rote Teppich tauchte an überraschenden Orten auf – an Tankstellen, Haltestellen, Schrebergärten, in Industrie-Ruinen oder Wertstoffhöfen. Dort waren Menschen zwischen 16 und 99 Jahren eingeladen, mitzuwirken – unabhängig von Behinderung, sozialem Status oder kulturellem Hintergrund.

Regisseurin Swentja Krumscheidt ludt an ungewöhnlichen orten Menschen ein, auf dem roten Teppich zu laufen. (Foto: (c) vier-D)
Regisseurin Swentja Krumscheidt ludt an ungewöhnlichen orten Menschen ein, auf dem roten Teppich zu laufen. (Foto: (c) vier-D)

Präsentation: Fotos und Videos der Aktionen wurden ausgewertet. Daraus entstand die Abschlussinszenierung Hall of Fame, die am 5. September im .dott.werk gezeigt wurde – mit Performances, Collagen und einer Fotoinstallation.

Vor allem die erste Performance war ein Hingucker. Die Tänzerinnen standen zunächst auf kleinen roten Teppichen, um anschließend nach der Choreografie über den ausgerollten Teppich wie Filmstars zu schreiten. Damit nicht genug: Sie luden auch die anwesenden Zuschauer*innen ein, gemeinsam mit ihnen über den Teppich zu gehen. Begleitet wurde dies von Interviewausschnitten, in denen Menschen darüber sprachen, wer eigentlich über den roten Teppich gehen sollte oder welcher ihr persönlicher „roter Teppich-Moment“ gewesen war. Auch die Choreografie von Birgit Götz und Pia Alena Wagner war sehr berührend, da beide den roten Teppich als Schutz benutzten, in dem sie sich einrollten.

Am Ende diente der rote Teppich als Unterlage für einen großen Tisch, an dem alle Beteiligten gemeinsam essen konnten.

Ein rundum gelungener Abend im .dott.werk.