Spezielles Erlebnis mit „Orpheus und Eurydike“

In einem Kooperationsprojekt waren am 21.11.2025 Akteur*innen des professionellen mixed-abled MusikTanzTheaters „POUR ENSEMBLE“ aus Wuppertal zu Gast im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater (KJT). Unter der Regie von Jakob Fedler interpretierten sie erstmals auf ihre ganz eigene Weise die Oper „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck (1762).

Das tragische Liebespaar der griechischen Mythologie bietet viel Dramatik um Liebe und Leid. Der berühmte Sänger und Leierspieler Orpheus hat seine geliebte Eurydike nach einem Schlangenbiss an das Totenreich verloren. Amor hat Mitleid und erlaubt ihm, hinabzusteigen, um sie ins Leben zurückzuholen – allerdings unter einer Bedingung: Er darf sie auf dem Weg nicht ansehen. Leichter gedacht als getan …

Die mit einem roten Vorhang umrahmte Bühne, versehen mit kleinen angehefteten Büsten von Göttern und Göttinnen, sowie die fantasievollen Kostüme bildeten einen atmosphärischen Rahmen.

Gunda Gottschalk, Fabian Neubauer und Ute Völker gestalteten mit Akkordeon, Keyboard (Nord Electro 3) und Violine professionell und humorvoll den musikalischen Hintergrund. Mit verschiedenen Blas-, Schlag- und Streichinstrumenten mischten die sieben Ensemblemitglieder Tim Alberti, Dorothea Brandt, Stefan Hellwinkel, Luise, Lea Nitas, Kenji Takagi und Lioba Ullrich engagiert mit – oft auch mit eigenwilligen musikalischen Interventionen.

v.l.n.r.: Lioba Ullrich, Luise Kinner, Stefan Hellwinkel, Kenji Takagi, Leo Nitas und Tim Valerian AlbertiFoto © Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Lioba Ullrich, Luise Kinner, Stefan Hellwinkel, Kenji Takagi, Leo Nitas und Tim Valerian Alberti
Foto © Birgit Hupfeld

Das Besondere an der Aufführung war, dass Orpheus und Eurydike nicht von einzelnen Darsteller*innen verkörpert wurden, sondern in wechselnden personellen Kombinationen. Das Leid des Vermissens, die große Sehnsucht und die Liebe wurden durch wiederholte Ausrufe und intensive Körpersprache bis an die Schmerzgrenze gesteigert und so für das Publikum eindrucksvoll spürbar.

Es wurde kraftvoll gesungen, einfühlsam zur Musik getanzt und bisweilen sogar geschrien. Humor fehlte ebenfalls nicht: So sorgte Tim Alberti (unter anderem als Amor) mit kleinen, witzigen Zaubereinlagen für heitere Momente. Entgegen dem Mythos verleiht Gluck seiner Oper ein versöhnliches Ende – und so sang das gesamte Ensemble zum Schluss ein hymnisches Jubellied auf Amor und die Liebe.

Besonders eindrucksvoll war, wie harmonisch alle Beteiligten – ob mit oder ohne Beeinträchtigung – miteinander agierten und mit spürbarer Freude zusammenarbeiteten.

Weitere Aufführungstermine finden sich unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.




Märchen über Freundschaft, Mut und die Kraft der Liebe

Als traditionelles Familienstück zur Weihnachtszeit hatte in diesem Jahr „Die Schneekönigin“ (ab 6 Jahren) von Bettina Zobel nach Hans Christian Andersen (1805–1875) unter der Regie von Andreas Gruhn (Intendant KJT) am 14.11.2025 im Schauspielhaus Dortmund Premiere.

Neben dem KJT-Ensemble stand David Smith (Nationaltheater Mannheim) als Vertretung für Thomas Ehrlichmann in der Rolle des Kai auf der Bühne. Für die DGS-Verdolmetschung sorgten Christina Kirketerp und Tom Temming.

Die Geschichte entfaltet sich als vielschichtige und zeitlose Erzählung voller Symbolik. Im Mittelpunkt steht Gerda, die ihren vom Teufel in die Irre geführten besten Freund Kai sucht. Dieser wurde von einem bösen Spiegel verzaubert und in das kalte Reich der Schneekönigin entführt. Mit wachsendem Mut und Entschlossenheit meistert Gerda Herausforderungen wie Kälte, Frost und andere Widerstände. Auf ihrer Reise belebt sie nicht nur die Blumen im königlichen Hofgarten – ein sprechender Rabe begleitet sie, und sogar eine Räuberbande schlägt sich auf ihre Seite.

hinten: David Smith und Rainer Kleinespel vorne: Johanna Weißert, Annika Hauffe und Andreas KsienzykFoto: © Birgit Hupfeld
hinten: David Smith und Rainer Kleinespel vorne: Johanna Weißert, Annika Hauffe und Andreas Ksienzyk
Foto: © Birgit Hupfeld

Gerda durchstreift eine Welt, in der die Menschen blind für das Wesentliche geworden sind und viele Blicke vergiftet scheinen. Doch mithilfe von Zuspruch, der Kraft der Liebe und der Freundschaft gibt sie nicht auf, Kai aus den Fängen der Schneekönigin zu befreien.

Nicht nur Annika Hauffe als Gerda und David Smith als Kai füllten ihre Rollen mit viel Spielfreude. Auch dem übrigen Ensemble merkte man deutlich die Freude daran an, in verschiedene Rollen und fantasievolle Kostüme zu schlüpfen. Besonders eindrucksvoll waren Kostüm und Auftreten der Schneekönigin, gespielt von Bianca Lammert. Mit dabei außerdem: Rainer Kleinespel, Andreas Ksienzyk, Sar Adina Scheer, Johanna Weißert und Jan Westphal.

Mit starken Hintergrundprojektionen und abwechslungsreichen Bühnenbildern bot die Inszenierung dem Publikum auch optisch viel. Natürlich wurde auch getanzt und gesungen (Musik: Michael Kessler).

Ein Mut machendes Stück zur Weihnachtszeit – für die ganze Familie.

Weitere Infos zu Aufführungsterminen unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231 / 50 27 222
Für Gruppenbestellungen: Tel.: 0231 / 50 27 680




Rock’n-Roll-Musical über junge Liebe und Identitätsfindung

Das in den späten 1950er-Jahren angesiedelte Musical „Grease“ (1971; Buch, Musik und Texte von Jim Jacobs und Warren Casey), in einem Arrangement von Robert Stigwood, feierte am 08.11.2025 unter der Regie von Gil Mehmert im Dortmunder Opernhaus Premiere. Durch den Film mit John Travolta und Olivia Newton-John wurde „Grease“ einem breiten Publikum weltweit bekannt.

Der Musical-Spezialist Mehmert und sein Team führten das Ensemble in einer atmosphärischen Retrospektive zurück ins Abschlussjahr 1959 der Rydell High School (USA). Zu Beginn betreten vier ältere Personen (zwei Frauen, zwei Männer) als eine Art Klassentreffen ihre ehemalige Schule. Anschließend folgen wir ihren Erinnerungen an jene Zeit. Die Jugend versuchte damals, sich nach dem Zweiten Weltkrieg neu zu orientieren und rebellierte auf ihre Weise gegen das biedere, konservative gesellschaftliche Umfeld. Jugendgangs, Haarpomade („Grease“), aufgemotzte Limousinen und Motorräder gehörten ebenso zum Lebensgefühl wie klar getrennte Rollenbilder: Mädchen wurden von den „coolen Boys“ meist als schmückendes Beiwerk betrachtet und bildeten daher eigene Gruppen.

Im Mittelpunkt von „Grease“ steht die Liebesgeschichte zwischen der schüchternen, eher braven Sandy und Danny, dem Anführer der „Burger Palace Boys“. Antonia Kalinowski als Sandy und Philipp Büttner als Danny Zuko – ebenso wie das gesamte Ensemble – überzeugten mit starken Stimmen und meisterten auch die anspruchsvollen tänzerisch-akrobatischen Herausforderungen. Mit viel Empathie füllten sie ihre Rollen aus. Sandy und Danny begegnen sich nach ihrer kurzen Sommerromanze an der Schule wieder; Danny schwankt zunächst zwischen seiner Rolle als harter Greaser und als sensibler Freund.

Antonia Kalinowski, Philipp BüttnerFoto. (c) Leszek Januszewski
Antonia Kalinowski, Philipp Büttner
Foto. (c) Leszek Januszewski

Besonders ironisch und witzig geraten die Szenen, in denen Sandy ihren Freundinnen, den Pink Ladies, und Danny seiner Gang von der Sommerromanze erzählen – jeweils aus ihrer ganz eigenen Perspektive.

Für zusätzliche humorvolle Momente sorgten Brigitte Schirlinger als strenge, zugleich liebenswert-schrullige Direktorin Miss Lynch sowie David Jacobs als selbstironischer Radiomoderator Vince Fontaine.

Am Ende siegt nicht nur die Liebe bei gleich mehreren Paaren: Alle Figuren finden ihren persönlichen Weg. Sandy entwickelt sich zu einer jungen Frau, die weiß, was sie will und selbstbewusst ihren eigenen Stil findet. Auch Danny wird klar, wer er sein möchte – und zu wem er gehört.

Die Inszenierung glänzte mit fantasievoll wechselnden, eindrucksvollen Bühnenbildern. Eingängige Rock’n-Roll-Hits und romantisch-melancholische Songs, kombiniert mit anspruchsvollen Tanzchoreografien, rissen das Publikum immer wieder mit. Eine atmosphärisch wichtige Rolle spielte die stilgerecht gekleidete Live-Band, die das Geschehen musikalisch eindrucksvoll untermalte.

Besetzung der Band:
Keyboard: Stephan Kanyar · Gitarre I: Julien Castanie · Gitarre II: Bastian Ruppert · Bass: Malte Winter · Drums: Stefan Schott · Saxophon I: Wimm Wollner · Saxophon II: Nappo (Klaus) Bernatzky

Weitere Informationen zu Aufführungsterminen erhalten Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222.




Bist du Bär oder Pavian? Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute

Bist du Bär oder Pavian?

Die ebenerdige Bühne im Operntreff zeigt an diesem Morgen ein Zoogehege mit angedeuteter Mauer. Freier Blick auf die Bärenburg, den Affenbaum mit zwei grünen Blättern und den Murmeltierfelsen (Bühnenbild: Emine Günser). Auch die Instrumente des Ein-Mann-Orchesters (Sven Pollkötter) sind links und rechts in das Bühnenbild integriert. Die Dirigentin arbeitet versteckt und wird auf Monitoren übertragen, die das Publikum kaum bemerkt.

Das Murmeltiermädchen ist jung, lebhaft, interessiert und sehr vergesslich.

Der Bär ist eher langsam, dabei aufmerksam für seine Umgebung und nicht zufrieden mit dem, was er wahrnimmt.

Der Pavian ist cool, er fläzt sich auf seinen Baum. Ein bisschen Fellpflege, aber vor allem für Ordnung sorgen. Das angenehme Leben schützen. Nicht zu neugierig sein, nicht auffallen. Ein kleiner, kollegialer Rat.

Willst du der Pavian sein?

Die beiden Sängerinnen (Wendy Krikken und Cosima Büsing) und ihr Kollege Franz Schilling verkörpern die drei Tiere in einem Zoo, der an einen weiteren Zaun grenzt. Eine Grenze, hinter der die Gestreiften eingepfercht sind. Von Gestiefelten. Einen solchen Zoo gab es neben dem Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar.

Nach intensiven Recherchen zu diesem fast vergessenen Zoo entwickelte der Autor Jens Raschke vor zwölf Jahren sein Theaterstück, zu dem die Junge Oper Dortmund jetzt eine Komposition in Auftrag gab. Zur Uraufführung am 10.11.2025 am Platz der Alten Synagoge in Dortmund reiste Jens Raschke eigens an. Im Raum saßen Kinder von der siebten Jahrgangsstufe aufwärts, intensiv von der Theaterpädagogin Kristina Senne und ihren Lehrerinnen und Lehrern in verschiedenen Fächern vorbereitet. Dazu auch eine ganze Reihe von Erwachsenen.

Foto: Franz Schilling, Wendy Krikken, Cosima Büsing(c) Björn Hickmann
Foto: Franz Schilling, Wendy Krikken, Cosima Büsing
(c) Björn Hickmann

Das Thema eine Herausforderung, aber auch die musikalische Umsetzung, wie der Komponist Edzard Locher in der anschließenden Nachbesprechung zugab. Keine Verse, keine Reime. Manche Sätze werden auch gesprochen, mehr als in anderen Opern und der Schluss ist auch als Ensemblearbeit zu verstehen. In den Proben unter Regisseur Stephan Rumphorst haben alle Beteiligten die Vorlagen weiterentwickelt.

Die Sängerinnen und Sänger stellen ihre Tiere sehr glaubwürdig dar. Ihr Verhalten sorgt auch immer wieder für ein Schmunzeln im Publikum. Hin und wieder treten sie auch vor die Mauer und sind Gestiefelte und Gestreifte, Kinder und Erwachsene. Das Leben vor dem Zaun beeinflusst die Tiere, aber auch das Leben und Verhalten im Zoo hat Auswirkungen auf das Lager. Wenn der Bär nicht zur Unterhaltung beiträgt, müssen die Gestreiften leiden.

Das Wort „Buchenwald“ fällt nicht, das Lager ist nicht zu sehen, aber die beklemmende Nähe ist spürbar. Die damaligen „echten“ Besucherinnen und Besucher des Zoos wollen nichts gewusst haben, die Tiere auf der Bühne nehmen sehr viel wahr und riechen den Rauch aus dem weithin sichtbaren Schornstein. Bis es der Bär nicht mehr aushält.

Eine gelungene Uraufführung eines wieder aktuellen Themas, das auch als Oper wunderbar funktioniert. „Wenn man’s nicht mehr sagen kann, fängt man an zu singen.“

Auf jeden Fall sind alle im Publikum hochkonzentriert, anderthalb Stunden ohne Pause. Eine Aufführung für junge Menschen und am besten auch für Erwachsene.

Und jede und jeder kann sich auf dem Weg nach Hause selbst die Frage beantworten: Will ich Pavian sein oder Bär? Wie entscheide ich mich?

 

Weitere Termine unter www.theaterdo.de




Peterchens rasante Mondfahrt – ein Theatersolo für unzählige Figuren für alle ab 5 Jahren

Der kleine Peter starrt ins Publikum. Aber flink sind seine Daumen unterwegs, denn Peterchen spielt ein Computerspiel. Doch dann fällt das Internet aus. Oh, Schreck! Was tun? Plötzlich ist es so still und sooo langweilig. Die Kinder im Publikum versuchen eifrig, Peter zu helfen.
Schon in den ersten Minuten sind die kleinen und großen Gäste im Theater Fletch Bizzel voll bei der Sache und versuchen, seine Langeweile auf der einfach gehaltenen Bühne mit mehreren Stoffbahnen, einem quer gespannten Drahtseil und variablen Kisten zu durchbrechen. Es hilft erst einmal nicht viel, doch dann landet unerwartet Herr Sumsemann, ein Maikäfer mit langer Ahnenreihe, die jeweils nur fünf Beine hatte, weil der Mondmann vor langer Zeit das sechste mitgenommen hatte.

Peterchen (herrlich: Christiane Wilke) ist Feuer und Flamme, das sechste Bein vom Mond zurückzuholen, und so beginnt ihre abenteuerliche Reise, in der keine Sekunde Langeweile aufkommt. Sie werden auf das Nachtfeenfest eingeladen, lernen die unterschiedlichsten Feen und Geschöpfe kennen. Herr Sumsemann, eine große Stoffpuppe, erleidet ein ums andere Mal einen Ohnmachtsanfall, doch im Publikum sind alle begeistert.

Liebevoll hat Regisseur Cvetin Anićic, der für den gesamten Puppenbau verantwortlich zeichnet, die Kleiderbügelsterne, die Windhexe als Kissen, den Blitzmacher mit Riesennase und Blitzzylinder und viele andere skurrile Figuren gestaltet – bis hin zum Mondmann, den Peterchen und Herr Sumsemann treffen. Ein grantiger, überlebensgroßer Stoffgeselle, wiederum mit einer individuellen Stimme von Christiane Wilke gespielt, der das Bein so gar nicht herausrücken mag – ebenso wenig wie die der anderen Tiere, die er im Lauf der Zeit gesammelt hat. Aber es gibt eine Chance: ein Ratespiel. Und die Kinder im Publikum helfen nach Kräften, das Rätsel zu lösen. Kaum dass es sie auf den Stühlen hält. Zu spannend und zu wichtig ist es, das Bein für Herrn Sumsemann zu retten.

Bühnenfoto von "Peterchens Mondfahrt" im Fletch Bizzel. mit Christiane Wilke. (Foto: (c) Martina Bracke)
Bühnenfoto von „Peterchens Mondfahrt“ im Fletch Bizzel. mit Christiane Wilke. (Foto: (c) Martina Bracke)

Christiane Wilke tanzt und singt auf der Bühne – mit musikalischer Livebegleitung von Dimitrije Radisavljevic.

Das Stück basiert auf dem Märchen von Gerdt von Bassewitz, das schon 1912 als Märchenspiel im Alten Theater Leipzig Premiere hatte und dann 1915 erstmals in Buchform erschien. Ein über hundert Jahre alter Klassiker, der auf der Bühne im Theater Fletch Bizzel frisch und jung herauskommt. Christiane Wilke, mit Stimmen für alle auftretenden Puppen, tobt über die Bühne und hat nicht nur ein Drahtseil, sondern auch einen festen Draht zum Publikum.

Natürlich geht alles gut aus: Herr Sumsemann und Peterchen landen wieder auf der Erde, das große Abenteuer ist vorbei. Und jetzt? Langeweile? Doch, oh, das Internet geht wieder, Peterchen greift zum Controller – und aus dem Publikum schallt eine Kinderstimme: „Is‘ jetzt nich‘ dein Ernst?“
Der Saal lacht.

Peterchen findet auch, dass es noch viel anderes zu tun gibt, und nach dem intensiven Schlussapplaus für alle, die noch auf der Bühne stehen, wollen so einige ein Foto mit Herrn Sumsemann und Peterchen mit nach Hause nehmen.

Im Dezember gibt es zwei Vormittagstermine, am 16. und 17.12., und hoffentlich noch ganz viele weitere im kommenden Jahr in der neuen Spielstätte, dem alten Theater Olpketal – dann aber erst nach einer Umbau- und Umzugspause.

Theater Fletch Bizzel: www.fletch-bizzel.de




Das Schweigen der Frauen und der Klang des Widerstands – Hedera

Am 1. November 2025 sah ich im Theater im Depot die Performance Hedera des „Sepidar Theater“. Das Stück verknüpft auf eindringliche Weise historische und mythische Spuren weiblichen Widerstands mit gegenwärtigen Erfahrungen von Gewalt und Überleben.

Die Geschichte der Menschheit ist von einem fortdauernden Muster der Gewalt gegen weibliche Körper geprägt, das sich von den frühesten archäologischen Zeugnissen bis in die Gegenwart verfolgen lässt. Bereits im etwa 7000 Jahre alten Massengrab von Talheim in Süddeutschland fehlen die Skelette junger Frauen – ein Indiz dafür, dass sie nicht getötet, sondern verschleppt wurden. Diese Form der gewaltsamen Aneignung weiblicher Körper zieht sich als konstantes Strukturprinzip durch die Geschichte: Der mythische „Raub der Sabinerinnen“ beschreibt den Zugriff auf Frauen als Akt staatlicher Gründung; im Trojanischen Krieg wurden sie als Beute und Trophäen verteilt. Auch in den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kriegen diente sexualisierte Gewalt der Erniedrigung und Unterwerfung des Gegners, während die Hexenverfolgungen die Kontrolle über weibliche Selbstbestimmung in geistig-religiöser Form institutionalisierten. In den modernen Kriegen des 20. Jahrhunderts – von Nanjing bis Bosnien – wurde der weibliche Körper erneut zum Schlachtfeld, zugleich aber zum Ort des Widerstands und der Zeugenschaft.

Diese Kontinuität macht deutlich: Gewalt gegen Frauen ist nicht bloß Begleiterscheinung von Krieg, sondern Ausdruck eines tieferliegenden kulturellen Mechanismus, der Herrschaft durch Zugriff auf Körper reproduziert – und den Werke wie Hedera künstlerisch befragen.

Das Stück "Hedera" spielt In einer kargen, fragmentierten Landschaft – einem Brachland zwischen Vergangenheit und Gegenwart. (Foto: (c) Sepidar Theater)
Das Stück „Hedera“ spielt In einer kargen, fragmentierten Landschaft – einem Brachland zwischen Vergangenheit und Gegenwart. (Foto: (c) Sepidar Theater)

Hedera (lateinisch für Efeu) steht symbolisch für Überdauerung, Beharrlichkeit und Heilung – Pflanzen, die auch über Ruinen wachsen. Das Stück begibt sich auf die Spurensuche nach übersehenen, verdrängten oder ausgelöschten Formen von Widerstand, insbesondere weiblichem Widerstand, der oft nicht laut oder heroisch, sondern still, alltäglich und körperlich ist. Die beiden Performerinnen Bahar Sadafi und Rashin Didandeh zeigen eindrücklich, wie sie sich mit Beharrlichkeit aus den Trümmern befreien, sich um Wasser streiten und sich mit Nahrung – hier in Form von Konservendosen – versorgen. Ein Neuanfang entsteht aus männlicher Gewalt und Zerstörung. Alles wandelt sich, weil Frauen – wie der Efeu – aus den Trümmern erwachsen und neue Strukturen bilden.

In Hedera wird auch die Geschichte von Okaki und den sechs Tellern (おかきと六枚のお皿) aufgegriffen. Okaki arbeitet als Dienerin in einem Samurai-Haushalt. Der Samurai verliebt sich in sie, doch sie weist ihn zurück – ein Akt weiblicher Selbstbestimmung in einer patriarchalen Gesellschaft. Aus gekränkter Eitelkeit bezichtigt der Samurai sie daraufhin des Diebstahls: Einer der Teller fehlt, und Okaki soll ihn gestohlen haben. Obwohl sie unschuldig ist, wird sie grausam bestraft oder nimmt sich aus Scham das Leben. Nach ihrem Tod kehrt sie als Geist zurück und zählt jede Nacht die Teller – ein klagendes Ritual, das ihre Unschuld und das Unrecht sichtbar macht. Ob Talheim, Troja oder Edo-Japan – überall wiederholt sich das Muster männlicher Besitznahme und weiblicher Auslöschung, aber auch das Aufbegehren durch Erinnerung, Körper, Ritual und Erzählung.




Geteilte Vergangenheit, gemeinsame Zukunft – Deutschland und Kamerun im Spiegel der Kunst

Die Geschichte zwischen Deutschland und Kamerun ist eine Geschichte von Eroberung, Widerstand und Begegnung – aber auch eine Geschichte des Schweigens, das erst allmählich gebrochen wird.

Als Deutschland 1884 Kamerun zum „Schutzgebiet“ erklärte, begann ein Kapitel europäischer Kolonialherrschaft, das von Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung geprägt war. Hinter der beschönigenden Bezeichnung „Protektorat“ verbarg sich ein System der Kontrolle, das Land und Menschen seinem ökonomischen Nutzen unterwarf. Deutsche Handelsgesellschaften eigneten sich riesige Flächen an, die einheimische Bevölkerung wurde zu Zwangsarbeit verpflichtet, ihre Rechte und Kulturen wurden ignoriert oder zerstört.

Szene aus "BÂTIR LE COMMUN". Foto: (c) Kathleen Kunath
Szene aus „BÂTIR LE COMMUN“. Foto: (c) Kathleen Kunath

Doch die koloniale Herrschaft stieß von Anfang an auf Widerstand. Kamerunische Gemeinschaften leisteten mutigen Widerstand gegen die militärische Übermacht – etwa die Bakweri gegen Landenteignungen an den Hängen des Kamerunbergs oder die Duala, die gegen die Verletzung ihrer Handelsrechte protestierten. Diese Akte des Widerstands sind Teil einer Geschichte, die in der deutschen Erinnerung lange verdrängt blieb, während sie in Kamerun als Ausdruck nationaler Selbstbehauptung weiterlebte.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 endete das deutsche Kolonialprojekt abrupt. Frankreich und Großbritannien besetzten das Gebiet, und 1918 besiegelte der Versailler Vertrag den Verlust der deutschen Kolonien. Kamerun wurde geteilt – ein Symbol für die anhaltende Fremdbestimmung durch europäische Mächte. Dennoch bleibt die Zeit der deutschen Herrschaft ein prägendes Fundament der kamerunisch-deutschen Beziehungen – ein Erbe, das bis heute Fragen nach Verantwortung, Erinnerung und Gerechtigkeit aufwirft.
Eine interessante Facette dieses Erbes zeigt sich auch im kulturellen Bereich: In Kamerun entstand im Laufe der Kolonialzeit Tänze, der unter Einfluss der deutschen Kolonialherren entstanden beziehungsweise von ihnen inspiriert wurden. Beispiele dafür, wie koloniale Begegnung – auch wenn sie von Unterdrückung geprägt war – in kultureller Hybridität münden konnte.
Im Rahmen des Stücks „BÂTIR LE COMMUN“, das am 25.10.2025 im Theater im Depot gezeigt wurde, eröffneten die Tänzerinnen aus Kolumbien, Japan und dem Balkan eine Perspektive, die weit über die deutsch-kamerunische Beziehung hinausreicht: Sie erzählten von Kolonialisierten und Kolonialherren, von Machtverhältnissen und Verflechtungen. Begleitend zu ihren Tanzeinlagen wurden auf einer Videoleinwand Aussagen von Nachfahren der Widerstandskämpfer:innen eingeblendet und machten die „Stimme von unten“ hörbar.
Der Abend mündete in ein gemeinsames Tanzevent im Theatersaal – als symbolisches Zeichen dafür, wie Erinnerung, Bewegung und Gemeinschaft zusammenkommen können. Dabei wurde aus der geteilten Vergangenheit eine greifbare Einladung zur gemeinsamen Zukunft, zu einem veränderten Blick auf die Gegenwart – zwischen Deutschland und Kamerun und weit darüber hinaus.




Die Choreografie der Zärtlichkeit auf dem Hansaplatz

Samstagabend, der 18. Oktober, ein grauer, stiller Herbstabend. Der Hansaplatz liegt in kühles Licht getaucht, wenige Passanten, die sich eilig durch die Stadt bewegen. Mit einem Kopfhörer über der Mütze stehe ich, gemeinsam mit einigen anderen, mitten auf dem Platz. Leise Musik und Texte fließen in mein Ohr, während vor uns die Tänzer:innen agieren – manchmal zögerlich, manchmal fließend, immer achtsam.

Die Performance mírate a través de mi ist eine Einladung, das Alltägliche neu zu betrachten – jene kleinen, oft unscheinbaren Gesten, die unser Zusammenleben prägen und doch so leicht im Lärm des Alltags verloren gehen. „What is love?“, fragte einst Haddaway – und mit ihm unzählige andere vor und nach ihm. Eine klare Antwort blieb stets aus. Vielleicht, so legt die Performance nahe, liegt sie nicht in großen Gesten, nicht im „Willst du mich heiraten?“ auf offener Bühne, sondern in den kleinen, fast unbemerkten Momenten: in der Hand der Mutter, die das Kind sicher hält, in vertrauten Ritualen des Miteinanders, im kurzen Blick, der mehr sagt als Worte.

mírate a través de mi – „Sieh dich durch mich“ – ist eine poetische Rückbesinnung auf die Substanz des Zwischenmenschlichen. Die Besonderheit der Performance liegt in ihrer Offenheit: Performer:innen und Publikum teilen denselben Raum, dieselbe Bewegung, denselben Atem. Grenzen zwischen Bühne und Zuschauerraum lösen sich auf, ebenso die Trennung zwischen aktiv und passiv, zwischen Beobachten und Beobachtetwerden. Es entsteht ein Resonanzraum, in dem Wahrnehmung selbst zum Teil der Choreografie wird – ein feines, fast körperloses Gewebe aus Nähe und Achtsamkeit.

mírate a través de mi - kleine Gesten der Liebe. Foto (c) Álvaro Severino
mírate a través de mi – kleine Gesten der Liebe. Foto (c) Álvaro Severino

Die über Kopfhörer eingespielten Stimmen erzählen von Zuneigung, Verbundenheit und Verletzlichkeit – von dem, was Menschen im Innersten verbindet. In der Verbindung von Bewegung und Klang wächst eine „leise Choreografie des Miteinanders“, die sich nicht in geschlossenen Räumen verliert, sondern sich mitten in der Stadt entfaltet, zwischen Pflastersteinen und Passant:innen, zwischen Leben und Kunst.

mírate a través de mi ist damit eine stille Hommage an die Liebe – an das, was sie im Kern ausmacht: die kleinen, fast unsichtbaren Gesten, die das Leben bereichern. Konzipiert und choreografiert wurde das Stück von Camila Scholtbach Sánchez, getanzt von Birgit Götz und Andreas Simons, mit Texten von Judith Grytzka und Musik von Álvaro Severino Ramírez. Gemeinsam erschufen sie auf dem Dortmunder Hansaplatz ein zartes Geflecht aus Bewegung, Klang und Gefühl – eine kurze, aber eindringliche Erinnerung daran, dass Zärtlichkeit kein Luxus, sondern eine Form der Aufmerksamkeit ist.




„touching the not yet“: Liminalität zwischen Brachen und Erwachsensein

Das Ruhrgebiet ist bis heute eine Landschaft der Narben. Ehemalige Industrieareale, Halden, stillgelegte Bahntrassen und verlassene Gewerbeflächen prägen das Gesicht einer Region, die nicht recht weiß, ob sie endlich Zukunft werden oder weiterhin Vergangenheit konservieren will. Diese Brachen sind mehr als topografische Restflächen: Sie sind liminale Räume – Orte ohne klare Funktion, Zonen des Dazwischen, in denen die alte Ordnung abgeschafft ist und die neue noch nicht begonnen hat. Besonders Jugendliche finden hier Rückzugsorte und Möglichkeitsräume, die der kuratierte Stadtraum längst nicht mehr bietet: Graffiti, Skaten, Musik, selbstgebaute Freiräume – nicht erlaubt, nicht geplant, aber möglich.

Mit dieser Ästhetik des Übergangs beschäftigt sich das Stück „Power Strangers – touching the not yet“ der Gruppe Sticky Fragments, das am 17. Oktober 2025 im Theater im Depot zu sehen war. Es führt zurück in eine Zeit, in der solche Brachen noch mythische Orte der Selbstvergewisserung waren. Drei „Power Strangers“ blicken zurück auf Wünsche, Sehnsüchte und verheißungsvoll flackernde Zukunftsentwürfe ihrer Jugend – jene Lebensphase, die selbst liminal ist: Pubertät als Schwebezustand zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Sozialisation und Selbstbehauptung. Doch schnell stellt sich eine Frage, die schwerer wiegt als die Nostalgie, die sie hervorruft: Wer werden wir gewesen sein? Was ist geblieben von den Visionen? Und was hängt heute an uns wie ein ausgeleierter Hoodie, der mehr peinliche Erinnerung als gelebtes Leben ist?

Fundstücke, Erinnerungsstücke? (Foto: Sticky Fragments)
Fundstücke, Erinnerungsstücke? (Foto: Sticky Fragments)

Musik, Videokunst und Physical Theatre versuchen, Antworten zu ertasten. Das Publikum wühlt in Fundstücken aus der Emscher, lauscht dem Sound eines Bahnhofs – selbst ein archetypischer Schwellenort – und beobachtet nächtliche Bushaltestellen, an denen das Stück jene vertraute Urbanpoesie beschwört, die man vielleicht aus Jugendfilmen kennt. Alles ist Bewegung, Suchbewegung, tastendes Voranschreiten.

Doch so sinnlich das Material ist, so bleibt eine Spannung bestehen: Reicht die ästhetische Geste, um die politische Leerstelle zu füllen? Brachen verschwinden im Ruhrgebiet – zugunsten von Investorenfantasien, Logistikboxen und urbaner Verwertungsprosa. Immerhin erlaubt der Schlussmoment – ein gemeinsamer Schritt hinaus in die kalte Dortmunder Nacht – einen Perspektivwechsel: Die Bühne zersplittert, der Stadtraum übernimmt, und plötzlich steht man selbst in einem Zustand, der wieder Übergang ist.

Das Theater verweigert die Antwort. Und vielleicht ist genau das der ehrlichste Satz, den man über Jugend, über Brachen – und über diese Region – überhaupt sagen kann.




Der zerbrochne Krug

Am 11.10.2025 feierte die dritte Inszenierung von Lola Fuchs Premiere auf der Bühne des Dortmunder Schauspiels. „Der zerbrochne Krug“ kündigt sich als eine Mystery-Seifenoper nach Heinrich von Kleist an und hält damit mindestens die Hälfte seines Versprechens. Die Eckdaten aus Kleists ursprünglichem Lustspiel sind gleich, jedoch entstaubt Fuchs die Figuren und Handlung und katapultiert sie in eine schräge Szenerie zwischen entrücktem CDU-Dorfleben und überdrehter Influencer-Realität.

Die Handlung rund um einen Gerichtsprozess bekommt auf der Dortmunder Bühne einen grotesk modernen Anstrich. Die Klägerin und Geschädigte Marthe Rull (Antje Prust) tritt als überambitionierte Keramik-Unternehmerin von „The Pottery Fairy“ auf, die ihre Tochter Evangelista aka Eve (Puah Abdellaoui) für ihren Lebenstraum vereinnahmt. Ihr Trailerpark-Look steht dem von Eves prolligen Geliebten Ruprecht Tümpel (Roberto Romeo) in nichts nach, und doch sind die beiden sich spinnefeind. Das reicht so weit, dass Marthe Ruprecht beschuldigt, ihre Töpferware zerstört zu haben, und wendet sich dafür direkt an den Dorfrichter Mr. A (Linus Ebner). Dieser ist als aktives Mitglied im CDU-Landesverband und Naturwein-Liebhaber Vertrauensperson für die Dorfbewohner:innen, entpuppt sich jedoch schließlich als der Schuldige des Verbrechens. Der Gerichtsschreiber Licht (Lukas Beeler) bezeichnet sich selbst augenzwinkernd als seine „Magd“ und mimt den Erzähler für das Publikum. Aus Gerichtsrat Walter wird bei Fuchs die unterkühlte Compliance-Managerin Wendy Walter (Nika Mišković), die die Ermittlungen überwacht. Und zu guter Letzt taucht noch das Dorfmedium Brigitte auf, die sich zwischen mysteriösem Orakeln, gewitztem Geschäftssinn und verrücktem Vogelnest auf dem Kopf bewegt.

Der zerbrochne Krug.: v.l.n.r.: Tobias Hoeft, Lukas Beeler, Roberto Romeo, Antje Prust, Puah AbdellaouiFoto © Birgit Hupfeld
Der zerbrochne Krug.: v.l.n.r.: Tobias Hoeft, Lukas Beeler, Roberto Romeo, Antje Prust, Puah Abdellaoui
Foto © Birgit Hupfeld

Fuchs verpackt in ihrer Adaption von Kleists Stück über Wahrheit und Recht jede Menge  Gesellschaftskritik. Angefangen bei ihrem humoristischen, aber pointiert kritischen Blick auf digitale Medien, neoliberale Geschäftsmodelle und moderne Sozialstrukturen richtet Fuchs ihre Aufmerksamkeit besonders auf Phänomene, die uns die Gegenwart leicht bekömmlich, aber klar aufzeigen. Eve wurde seit ihrer Kindheit von ihrer Mutter an die Töpferscheibe gezwungen und verkörpert eine Type des Millennials, die unter Leistungsdruck und digitaler Omnipräsenz lost zwischen Hingabe für ihren Geliebten und Selbstbehauptung ihrer Selbst ist.

Dem Publikum werden durch den Modellbau der Dorfgesellschaft Klassismus und soziale Ungleichheiten aufgezeigt – Marthe ist hochverschuldet und Mr. A bereichert sich an privaten Darlehen – ebenso wie patriarchale Strukturen zum Vorschein kommen – Mr. A ist die Autorität über Wahrheit und Sein im Dorf. Und auch Feinheiten wie ein kritischer Blick auf die moderne Vermarktung von Esoterik und Spiritualität werden von Fuchs mit skurriler Leichtigkeit herausgearbeitet. Der Spagat zwischen der alten Sprache des 19. Jahrhunderts und neudeutschen Konstruktionen gelingt dabei nur halb und kommt etwas spröde daher. Auch der Umzug von Fuchs Stücken auf die große Bühne des Theaters kommt ihrer Arbeit nicht unbedingt zugute. Der Charme der Live-Kamera, die zwei simultane Perspektiven auf das Bühnengeschehen zulässt, verkommt jenseits der Studiobühne zur Spielerei, die höchstens noch an ein filmisches Reenactment bei Gericht erinnert. Die extreme Typisierung der Figuren, die fast bis zur Parodie ihrer selbst reicht, gelingt Fuchs wie so oft erneut. Jedoch bewegen sich Handlung und Personen nicht weit genug aus dem Korsett der Stückvorlage und dem Habitus einer großen Bühneninszenierung heraus, wodurch die Adaption teils hölzern wirkt. Lola Fuchs‘ künstlerische Handschrift und ihre eigenwillige Art, die Gegenwart pointiert zu sezieren, verbinden sich nur schwerlich mit den Scherben von Kleists zerbrochenem Krug. Dennoch entsteht ein unterhaltsamer Theaterabend, der den Klassiker mit Witz und schrillen Bildern neu befragt.