Was war das für ein Operntag mit Richard Wagners „Walküre“ am 21. Mai 2022. Worauf sollte ich den Fokus lenken? Auf die überzeugende Stéphanie Müther als Brünnhilde? Auf Astrid Kessler und Daniel Frank als Liebes- und Geschwisterpaar Sieglinde und Siegmund? Auf die frische Bearbeitung von Regisseur Peter Konwitschny und Frank Philipp Schlößmann (Bühne und Kostüme)? Oder auf die Musik mit den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz? Zusammenfassend kann ich sagen, dass alle Komponenten dazu beigetragen haben, dass der Abend ein sehr gelungener Abend wurde.
Doch eine kleiner Wermutstropfen bleibt. Warum wurde der Dortmunder „Ring“ mit dem zweiten Teil eröffnet? Was ist mit dem „Rheingold“? Ich lese ja auch nicht den zweiten Teil von „Herr der Ringe“ vor dem ersten Teil. Dadurch fehlt mir persönlich der logische Faden. Warum handelt Wotan (Noel Bouley) so „merkwürdig“? Vereinfacht gesagt: Wotan hat beschlossen, dass die Welt nach Gesetzen handelt, an die sich alle halten müssen. Dummerweise auch er. Das hat für das Liebespaar Sieglinde und Siegmund (beide Wotans Kinder) schlimme Folgen. Denn statt der „freien Liebe“, muss Wotan auf die Moralgöttin Fricka (Kai Rüütel) hören, die ausgerechnet auch seine Frau ist. Zumal Sieglinde ihren Ehemann Hunding (Denis Velev) verlassen hat. So muss er der Walküre Brünnhilde, seiner Tochter, widerwillig den Befehl geben, Hunding siegen zu lassen und Siegmund nach Walhalla zu bringen. Doch Brünnhilde lässt sich von Siegmund erbarmen und wird im dritten Akt für ihren Frevel gegenüber Wotan bestraft.
Die Geschichte, dass sich Götter oder ähnlich hohe Tiere an ihren eigenen Gesetzen verstricken und böse auf die Nase fallen, ist nicht neu, aber die Wucht und Dramatik, die Richard Wagner in über drei Stunden auf die Bühne bringt, ist bemerkenswert. Vor allem der erste Akt mit Siegmund und Sieglinde ist atemberaubend, als beide erkennen, dass sie Geschwister sind, aber nichts gegen ihre Gefühle tun können und sich ihre gegenseitige Liebe gestehen. Die Dortmunder Philharmoniker und Gabriel Feltz scheinen die „Walküre“ auch zu genießen und kosten jeden Moment musikalisch aus.
Kommen wir zur Inszenierung. Konwitschny und Schlößmann haben ein kleines Faible für Küchen, denn in allen drei Akten steht die Küche im Mittelpunkt. Ist sie im Haus von Hunding noch ziemlich ärmlich, wird sie im Haus von Wotan etwas moderner, bis im dritten Akt eine schöne moderne Küche im Zentrum der Auseinandersetzung zwischen Tochter Brünnhilde und Vater Wotan wird.
Verständlich, denn Wagners „Ring“ ist immer noch eine hochaktuelle Erzählung von der Gier nach Macht und Reichtum bis zum Untergang. Da haben (fake) Wikingerhelme und ähnliches nichts verloren.
Ein großes Lob haben auch die Sängerinnen und Sänger verdient. Vor allem Stéphanie Müther als Brünnhilde. Zunächst fröhlich herumtollend mit ihrem Vater, gegen Ende voller Verzweiflung und Entsetzen nach seinem Urteilsspruch. Jeder im Publikum konnte mit ihr mitfiebern. Großartige Leistung. Nicht zu vergessen Astrid Kessler und Daniel Frank als Sieglinde und Siegmund, die den ersten Akt glänzend gestalteten. Auch Noel Vouley war als Wotan beeindruckend.
Jede Sekunde war ein Erlebnis. Ein Muss, nicht nur für Wagner-Fans.
Mädchen wie die – Rollenklischees und gefährliche Gruppendynamik
In dem neuen Jugendclubprojekt „Mädchen wie die“ nach einem Text von Evan Placey geht es um gesellschaftliche Rollenklischees, gefährliche Gruppendynamiken, Sexismus und der Angst vor Ausgrenzung. Insbesondere geht es aber um notwendige Solidarität unter Mädchen und Frauen. Dabei ist es wichtig, sich die eigenen sowie männlichen Vorurteilen und gängigen Rollenklischees bewusst zu machen, um sie zu überwinden. Am 20.05.2022 war Premiere im Dortmunder Kinder und Jugendtheater.
Die sieben jungen Nachwuchsschauspieler*innen (darunter ein junger Mann) begaben sich unter der Leitung von Alina Baranowski und Jacqueline Rausch in einer Art Suchbewegung zwischen verschiedenen Zeiten, Orten und Situationen.
Dabei benutzten sie wenige Requisiten und drei verschiebbare multifunktionale beleuchtbare Bankkonstruktionen. Zudem werden daneben Videos (etwa aus dem Jahr 1945) auf einer kleinen Leinwand gezeigt.
Alle waren gleich gekleidet (hellgrau), geschminkt (grüner Lidschatten) und nach hinten gekämmten Haare.
Sie kennen sich seit der Kindergartenzeit und besuchten dann die St. Helens Schule.
Diese ist ein besonderer Ort für Mädchen, die wegen ihres kreativen Potenzials oder unkonventionellem Denkens auserwählt wurden.
Zusammen aufgewachsen, verbinden sie viele gemeinsame Erfahrungen und sie befinden sich in einer klaren hierarchische Ordnung. Man kennt all die kleinen Missgeschicke oder Erfolge jeder einzelnen.
Die Solidarität unter den Mädchen hat seine Grenzen erreicht, als ein Nacktfoto (schnell verbreitet im Netz) der einen (Scarlett), den Ruf aller anderen gefährdet. Darf sich ein Mädchen so benehmen?
Wie sich verhalten? Distanzieren und sich lustig machen, damit man selber nicht „in die Schusslinie“ gerät? Oder sich männlichem „Macho-Gehabe“ und Vorurteilen solidarisch entgegenstellen und sich verantwortungsvoll Position zu beziehen?…
Eine kurzweilige Aufführung zu einem wichtigen Thema, bei dem sich alle Beteiligten auf der Bühne mit viel Engagement einbringen konnten.
DEPECHE MODE – oder Überleben in der Zwischenzeit
Autor Serhiy Zhadan Übersetzt von Juri Durkot und Sabine Stöhr
Im freien Fall auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, ein schräges, postsozialistisches Roadmovie
Charkiw 1993. Sowjetische Kriegsveteranen und neureiche biznesmeny, ein amerikanischer Erweckungsprediger. In ehemaligen Komsomolbüros der ostukrainischen Metropole residieren Werbeleute. Das Jugendradio bringt in Kooperation mit London ein Feature über die irische Musikgruppe DEPECHE MODE und die Rolle der Mundharmonika beim Kampf gegen kapitalistische Unterdrückung. Durch diese aberwitzige Szenerie irren drei Freunde, Teenager, Dog Pawlow, Wasja Kommunist und der Ich-Erzähler Zhadan, neunzehn Jahre alt und arbeitslos, um ihren Kumpel Sascha Zündkerze zu finden. Sie müssen ihm mitteilen, dass sich sein Stiefvater erschossen hat. Ihre Suche führt sie auf ein verfallendes Fabrikgelände, wo sie eine Molotow-Büste klauen, ins Roma-Viertel zu einem befreundeten Dealer und schließlich per Nahverkehrszug ins Pionierlager »Chemiker«, wo Zündkerze als Betreuer arbeitet. DEPECHE MODE, Zhadans erster Roman, adaptiert zu diesem Bühnenstück im Schauspiel Dortmund, führt mitten hinein in die Anarchie der postsowjetischen Umbruchzeit und entfaltet ihre enorme ästhetische, aber auch anarchische Produktivkraft.
Am 24.02.2022 meldeten die Medien den Beginn des Überfallkrieges von Russland auf die Ukraine, doch der Krieg begann lange zuvor. Putin ging es um die Einflussnahme auf die Ukraine, nach der 2003 Orangenen Revolution, wieder 2014 nach dem Euro Maidan, Annexion der Krim, Separatisten im Dombass … seitdem herrscht in der Ukraine Krieg. In seinen Romanen, Gedichten und Tagebüchern beschreibt der ukrainische Autor Serhij Zhadan wie der Krieg näher kommt, sich anschleicht, unter die Haut geht, die Menschen verändert, bis er offen ausbricht und seine ganze hässliche Gewalt mit den übelsten Fratzen zeigt, und wie dann Menschen immer noch weitermachen, weiter leben. Zhadan lebt in Charkiw und berichtet von dort über die aktuellen Entwicklungen seit dem 24. Februar, der Zeitenwende in Europa.
Mit seinem ersten Roman DEPECHE MODE, unserem Bühnenstück, den wir in einer Fassung von Markus Bartl zeigen, erzählt er aus seiner Jugendzeit. Wir reisen zurück ins Jahr 1993 nach Charkiw, in stillgelegte Fabriken, neu eröffnete Werbeagenturen und gehen mit den drei Freunden Dog Pawlow (Valentina Schüler), Wasja Kommunist (Mervan Ürkmez) und dem Ich-Erzähler Zhadan (Adi Hrustemović), 19 Jahre alt und arbeitslos, auf einen Road-Trip durch die Anarchie der postsowjetischen Umbruchszeit. Die drei machen sich auf den Weg, um ihren Kumpel Sascha Zündkerze (Linus Ebner), zu finden. Sie müssen ihm mitteilen, dass sich sein Stiefvater erschossen hat. Ihre Suche führt sie auf ein verfallendes Fabrikgelände, wo sie eine Molotow-Büste klauen, zu einem befreundeten Dealer und schließlich per bummelnden Nahverkehrszug ins Pionierlager »Chemiker«, wo Zündkerze als Betreuer arbeitet. Der Dialog aber mit Zündkerze ist belanglos, geradezu unbedeutend. Man redet, aber aneinander vorbei. Ist sich seltsam fremd, ganz so wie das neue System, das von der Ukraine Besitz ergriffen hat und das Land und seine Menschen verändert.
Vier Freunde müsst ihr sein, dann kann euch auch in der Ost-Ukraine nichts Schlimmes geschehen. Zumal, wenn ihr so sprechende Namen tragt wie Dog Pawlow, Wasja Kommunist, Sascha Zündkerze und Zhadan. Der letzte Name ist natürlich eine Ausnahme von der Regel der comicartigen Charakterisierung, der Ich-Erzähler heißt so wie der Autor. Das Literaturwunderkind Serhij Zhadan, 1974 im ostukrainischen Starobilsk, Oblast Luhansk, geboren und Verfasser von bereits elf Büchern Lyrik und Prosa, erzählt in seinem ersten Roman DEPECHE MODE von drei Freunden, die an vier Tagen im Juni 1993 nach dem fehlenden vierten suchen. Das 2004 erschienene Debüt wirft einen Blick zurück auf eine Ukraine, in der der Sozialismus vorüber ist, der Manchesterkapitalismus sich ankündigt, die Verwirrung komplett und die Suche nach dem Freund daher durchaus symbolisch zu verstehen ist.
Das zeigt schon das ungewöhnliche Personal des Road Movies DEPECHE MODE: prügelnde Polizeibeamte, besoffene Wodka-Schmuggler, durchgeknallte Kleinkriminelle, ein amerikanischer Erweckungsprediger, ein bekiffter Roma-Dealer und eine unschuldig-promiske verstrahlte Lolita, eindringlich durch Linus Ebner personifiziert. Denn noch spielen Liebe und Sex keine große Rolle. Die Herzen der Freunde schlagen für Alkohol in jeder Form sowie Tabak und Hasch, deren Konsum nach vorheriger Beschaffung durch Schmuggel, Betrug und Einbruch die Suche nach dem Freund recht kurzweilig gestaltet.
In der Mitte des Buches hören die Suchenden im Haus eines schwulen Chefredakteurs im „Superphono“ eine Sendung über die „legendäre irische Musikgruppe DEPECHE MODE“, in der die Reste sozialistischer Ästhetik („Dave beschließt, ein eigenes musikalisches Kollektiv zu gründen“) heftig aneinandergeraten mit der souveränen Wurschtigkeit des Moderators.
Später blättert Zhadan in einem Band der „Bibliothek des fleißigen Werktätigen“, worin die „humanitär-technische Abteilung des Donezker Gebietskomitees“ der ukrainischen Kommunisten allerlei hilfreiche Hinweise zum Verständnis der „Prinzipien und Tendenzen der Entwicklung der sozialen Produktionsverhältnisse“ gibt: von „1.1. Genosse! Stell Napalm her!“ über „1.3. Genosse! Bastle dir einen Molotowcocktail!“ bis zur Gasbombe unter 1.5. Eine bitterböse Persiflierung sozialistischer Parolen und Kampfbegriffe, die sich besonders in den Köpfen der AltRight bewegten Faschisten eingefressen haben, um ihre zersetzende Demagogie herauszuspucken.
Die Parodien und Travestien von eben noch ehrenwerten sozialistischen Texten, Motiven und Erklärungsmustern entfalten auch hierzulande erheblichen subversiven Charme. Dabei belässt es Zhadan jedoch nicht. Mit Genuss persifliert er die übliche Erzählweise: DEPECHE MODE bietet vier Prologe, ebenso viele Epiloge und schreitet mithilfe präziser Stundenangaben chronologisch voran. Bleibt den Freunden, die über sozialistische, mit Unsinnigkeit und Begrifflichkeiten überfrachteten Begriffe, ironisierend den „Piep-Schnurzismus“ so eloquent zu referieren vermögen wie über die Unmöglichkeit ehrlicher Geschäfte in der Ukraine. Hier ist Zhadan, das Ensemble, am Erheiterndsten. Man kann nicht anders als Lachen, aber es schwingt etwas Düsteres mit. Das zwingende Scheitern des Kommunismus an seinen eigen Ansprüchen, den er nie auch nur im Ansatz gerecht werden konnte.
Serhij Zhadan gelingt das Kunststück, aus hochtourigem Leerlauf höheren erheiternden Blödsinn zu generieren, was das Ensemble gekonnt interpretiert und umsetzt und den Zuschauer mitreißt. Das Stück ist eine einzige Lockerungsübung. Er lässt Traditionen und Autoritäten aller Couleur ungeheuer alt aussehen. Aber am Ende wird es dystopisch. Es kündigt sich mit dem leeren Gespräch von Zündkerze mit seinem Freund Zhadan an … Der freie Fall. Wenn am Ende Zhadan seinen Schlussmonolog hält, sitzen seine drei Freunde, inklusive dem unterwegs wegen Notdurft verloren gegangenen Wasja, der blutig geschlagenen Dog Pawlow, am Küchentisch sich laut anschweigend im Halbdunkel einer undefinierbaren Zukunft. Die sinnentleerte, keinen Halt gebende nähere Zukunft. Was wird aus der Ukraine, was aus der Gesellschaft, den Menschen … Ein Putin kann keine funktionierende Demokratie an seinen Grenzen dulden, sie könnte attraktiver als seine dystopische, vergiftende faschistische Mafia und KGB Diktatur sein.
Bis dahin hat die Ukraine und seine Menschen noch zwei demokratische Revolutionen, eine Annexion, und einen Separatisten-Bürgerkrieg Zeit, sich des revisionistischen russischen Bären zu erwehren.
Darsteller: Adi Hrustemović, Mervan Ürkmez, Linus Ebner, Valentina Schüler Regie: Dennis Duszczak Ausstattung: Thilo Ullrich Sounddesign: Lutz Spira Dramaturgie: Sabine Reich Licht: Stefan Gimbel Ton: Christoph Waßenberg, Gertfried Lammersdorf Regieassistenz: Ruven Bircks Bühnenbildassistenz: Meike Kurella Kostümassistenz: Ksenia Sobotovych Inspizienz: Christoph Öhl Soufflage: Violetta Ziegler Die im Bühnenbild verwendete Sonne wurde von Lili Anschütz entworfen.
Termine: 29.05.2022 18Uhr und 25.06.2022 19:30Uhr
Serhiy Zhadan, 1974 im Oblast Luhansk/Ostukraine geboren, seit 2014 Kriegsgebiet,studierte Germanistik, promovierte über den ukrainischen Futurismus und gehört seit 1991 zu den prägenden Figuren der jungen Szene in Charkiw. Er debütierte als 17-Jähriger und publizierte zwölf Gedichtbände und sieben Prosawerke. Für „Die Erfindung des Jazz“ im Donbass wurde er mit dem Jan-Michalski-Literaturpreis und mit dem Brücke-Berlin-Preis 2014 ausgezeichnet (zusammen mit Juri Durkot und Sabine Stöhr). Die BBC kürte das Werk zum »Buch des Jahrzehnts«.
Wenn Morgen auch noch ein Tag ist
Am 12. Mai präsentierte Tobi Katze im Fletch Bizzel sein Programm „Morgen ist leider auch noch ein Tag“, was auch als Buch erschienen ist. Depression ist mittlerweile durchaus ein Thema, neudeutsch könnte ich sagen, dass die awareness dafür gestiegen ist. Aber trotz Menschen wie Torsten Sträter oder Kurt Krömer, die die Krankheit in den Fokus gebracht haben, hängt depressiven Menschen immer noch nach, dass Depression eigentlich keine „richtige“ Krankheit sei. Der/Die Betroffene soll einfach mal was Lustiges machen, dann ginge das schon vorbei. Jeder sei mal traurig.
Doch die gesamte Problematik sitzt tiefer. Katze fängt ganz am Anfang an, nämlich beim Hausarzt. Denn zunächst müssen die Betroffenen ja den Hausarzt überzeugen, dass ihre Symptome fachmännisch untersucht werden sollten. Das kann je nach Hausarzt durchaus mit Schwierigkeiten verbunden sein.
Auch die „guten Ratschläge“ von Freunden sind nicht sehr hilfreich, vor allem wenn sie sich in Plattitüden erschöpfen wie „Reiß dich gefälligst am Riemen“ oder „Jeder hat mal einen schlechten Tag“. Als endlich der Tag der Diagnose gekommen war, fühlte sich Katze „nicht traurig, sondern leer“. Die Gespräche mit seinem Therapeuten nehmen einen guten Teil seines Bühnenprogramms und geben einen guten Einblick in dessen Arbeitsweise, Katze mit den richtigen Fragen die richtigen Antworten selbst geben zu lassen.
Auch ein ein kleines Stück zum Thema Antidepressiva gab es von Katze. „Ohne Antidepressiva säße ich nicht hier“, ist er über die Notwendigkeit dieser Medikamente überzeugt. Danach folgte ein besonders witziges Stück, als er nämlich bei seinem Geburtstag seine Erkrankung vor seiner Familie öffentlich macht. Auch hier herrschte Ratlosigkeit, gefolgt von Plattitüden, zeigte aber auch den Zusammenhalt in einer Familie, die sicherlich wichtig ist.
Denn, so Katze gegen Ende seines literarischen Programms, man braucht Geduld und Ausdauer, um mit Depressionen umzugehen, sie zu besiegen oder auch ein Leben lang mit ihr zu existieren. Daher seine logische Konsequenz als Philosophie: „Ist eben so“.
Die Rückkehr von Kara Ben Nemsi
Winnetou, Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi, die Figuren von Karl May sind auch heute noch sehr bekannt. Während Old Shatterhand den Wilden Westen unsicher gemacht hat, kümmerte sich Kara Ben Nemsi um die Schurken im Orient. Wobei es die Theorie gibt, dass Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi ein und dieselbe Figur seien, quasi die Personifizierung von Karl May, aber das würde zu weit führen. Es geht also um Kara Ben Nemsi und seine Abenteuer auf dem Balkan aus dem Buch „Durch das Land der Skipetaren“, also Albanien und dem Kosovo.
Am 09. Mai zeigte das Theaterensemble „Qendra Multimedia“ aus dem Kosovo im Schauspielhaus das Stück „The return of Karl May“ von Jeton Neziraj in albanischer Sprache. Der Untertitel „Ein Lustspiel für das deutsche Volk“ machte klar, dass es nicht ganz bierernst wurde.
„The return of Karl May“ ist ein Stück im Stück. Wir sehen Schauspieler proben und den Regisseur Dinge tun, die ein Regisseur eben tut. Einsätze vorgeben beispielsweise. Die Grundidee dahinter ist, dass die Theatergruppe zu einem europäischen Theaterfestival nach Berlin zur Volksbühne eingeladen wurde. Das Stück dreht sich um die Wiederkehr von Kara Ben Nemsi und seinem Pferd Rih (der im Stück ein Frosch ist), der diesmal vom Kosovo nach Deutschland gelangen möchte. Nachdem Karl May in „Durch das Land der Skipetaren“ die Albaner doch sehr stereotypisch skizziert hat „Für die Deutschen sind wir Banditen, eiskalte Mörder, Rächer, Räuber, wild, brutal, ungebildet, fanatische Muslime, Betrüger, heißblütig und hinterhältig“ so der Regisseur im Stück.
Auf der „Rückreise“ vom Kosovo nach Deutschland wird ebenfalls mit den Stereotypen gespielt. Diesmal halt umgekehrt und es bekommen Kroaten, Slowenen oder Österreicher ab. Ein besonderes Hühnchen haben das Stück mit Peter Handke zu rupfen. Dessen Parteinahme für die Serben und für Slobodan Milošević kommt natürlich bei den Albanern nicht gut an. Kaum in Deutschland, treffen sie auf eine Gruppe von Neonazis in Hanau. Eine Anspielung auf den Anschlag am 19. Februar 2020, bei dem neun Menschen von einem Rechtsextremen getötet wurden.
Es war erfrischend, mal ein Stück aus einer nicht-deutschzentrierten Perspektive zu sehen. Auch wenn Flüchtlinge seit 2015 im Theater thematisiert wurden, der kleine Seitenhieb passte: „In den europäischen Theatern beschäftigt sich jedes zweite Stück mit den Geflüchteten. Die Europäer mögen die Geflüchteten nur auf der Bühne, als Fiktion, aber nicht in der Wirklichkeit.“
Schön auch die Spitze an den modernen Theaterbetrieb, der Schubladen mit diffusen Begrifflichkeiten liebt. „Kollegen, unsere Aufführung wird etwas zwischen dem ‚postmigrant theatre‘ und dem ‚capitalist realism‘ sein, aber sie kann aber auch als ‚post-truth theatre‘ definiert werden.“
Auch wenn das Lesen von Untertitel manchmal nicht einfach ist – schaut man auf die Bühne oder liest man den Untertitel – es ist immer wieder bereichernd, andere Theaterkulturen und -traditionen kennenzulernen. So etwas sollte es öfter geben.
Rabenschwarze Nachtgeschichten – Gruselgeschichten im Rombergpark
Am 21. Mai hat ein ungewöhnlicher Spaziergang Premiere im Rombergpark. Markus Veith lädt ein zum „Rabenschwarzen Nachtgeschichten“. Schließlich bevölkern auch im Rombergpark Geister, Vampire und andere Geschöpfe der Nacht, findet Veith.
Texte von Roald Dahl, Wilhelm Busch, Theodor Fontane und anderen sollen für Gänsehaut und Grusel bei den BesucherInnen sorgen. Natürlich darf ein großer Meister des subiteln Grusels nicht fehlen: Edgar Allen Poe. Niemand kennt sich besser in der Finsternis aus. – Edgar Allen Poes Rabe löst sich aus dem Gruselgedicht und lädt Sie ein zu einem schaurig-makabren Spaziergang durchs Dunkelgrün. Denn dieser düstere Vogel kann nicht nur „Nimmermehr“ von sich geben. Er vermag die Seelen Verstorbener zu sehen, weiß genau, wo sich auf welche Weise Morde zugetragen haben und trägt diese Geschichten in Zeilen rabenschwarzen Humors vor. Er führt Sie durch den Busch, wo Ringel natzen, krächzt lyrische Fontanen und über allem glimmt der Morgenstern.
Markus Veith braucht kaum Requisiten, sein Outfit als Rabe steht im Mittelpunkt. Er verwandelt sich in den krächzenden mythologischen Vogel und spricht fortan in Reimform.
Das Schöne dabei: Bei den 15 Stationen lernen die Besucher den Romberg neu kennen, die Anzahl der TeilnehmerInnen ist auf 30 Personen begrenzt.
Veith macht erfolgreich Parkspaziergänge, beispielsweise verwandelt er sich in Wilhelm Busch und erzählt die Geschichten rund um Max und Moritz und anderen.
Organisiert wird der Gruselspaziergang von melange e.V., der literarischen Gesellschaft für Förderung der Kaffeehauskultur. Auf deren Seite können auch Karten erworben werden: https://www.melange-im-netz.de/kalender
Termine zum Gruseln sind 21.05.2022, am 09.07.2022, am13.08.2022, am 16.09.2022 und am 17.09.2022 jeweils 17:30 Uhr und 20:00 Uhr.
Auf der Suche nach dem Femininen – Cherchez la femMe
Es ist schon ziemlich interessant, woher der Begriff „Cherchez la femme“ stammt. Es stammt aus den französischen Kriminalromanen des 19. Jahrhundert, wonach die Kriminalisten nach einem schlauen verbrecherischen Anschlag nach der Frau suchen sollten, die dahinter steckt. Doch das Stück „Cherchez la femme“, welches am 30. April 2022 im Studio des Schauspielhauses Premiere feierte, war kein Kriminalstück. Es ging mehr um die Rolle des Femininen in der Performance.
Was würde passieren, wenn Claude Cahun, Josephine Baker und Eartha Kitt in einem Raum zusammen geholt werden? Wäre das überhaupt historisch möglich gewesen. Ja, Claude Cahun (1894-1954), Josephine Baker (1906-1975) und Eartha Kitt (1927-2008) hätten sich beispielsweise nach dem Zweiten Weltkrieg auf Jersey treffen könne, wo Cahun lebte.
Die Surrealistin, Fotografin und Schriftstellerin Cahun hätte mit der Josephine Baker und Eartha Kitt sicher einiges zu besprechen gehabt. Alle drei waren neben ihren Berufen auch gesellschaftlich engagiert. Cahun war homosexuell und lebte mit Suzanne Malherbe zusammen und verwandelte ihr Atelier in einen Salon. Josephine Baker wurde als Tänzerin weltbekannt, war aber auch in der Résistance und kämpfte gegen Rassismus. Die Sängerin Eartha Kitt wandte sich ausgerechnet im Weißen Haus gegen den Vietnamkrieg, was ihre Karriere für Jahrzehnte zurückwarf.
Sarah Yawa Quarshie, Linda Elsner, Christopher Heisler und als Gast Iman Tekle entwickelten in „Cherchez la femme“ die Suche nach dem Femininen. Zunächst wirkte die Bühne wie nach einer Oarty in einer Frauen-WG. Dabei wurden ein paar Szenen aus dem Leben der drei Vorbilder präsentiert. Cahun mit ihren Fotografien, die mit dem Geschlechterbild Mann/Frau spielte, Baker hatte eine Tanzeinlage und Kitt zeigte sich in ihrer ersten Rolle als „Catwoman“.
Musik und Choreografien gab es reichlich, nicht nur in der Szene mit Josephine Baker, Songs wie „New York“ und „Would I lie to you“ belebten das Stück. Daneben sorgte die „Backshow“ mit dem Rezept für die perfekte Frau für einige Lacher im Publikum. Auch insgesamt war das Stück unterhaltsam.
Auch wenn wir einige Aspekte des Femininen erleben durften, wir werden uns wohl weiterhin auf die Suche nach der Frau machen. „Cherchez la femme“ ist ein kleines, schönes Studiostück.
Zwei Männer und die Midlife-Crises
Zu Gast im Theater Fletch Bizzel in Dortmund waren am 01.05.2022 die beiden Komiker Guido Fischer und Björn Jung mit ihrem Programm „Innen zwanzig, außen ranzig“. Wie der Titel schon vermuten lässt, geht es hier um eine humorvoll-augenzwinkernde Auseinandersetzung mit den Problemen des Älterwerdens, der Midlife-Crises in diesem Fall von zwei Männern, welche im Comedy-Genre arbeiten.
Beide sind äußerlich unterschiedlichen Typen, die sich aber wunderbar ergänzen und sich die komödiantischen Bälle geschickt hin und her werfen.
Guido Fischer, der smarte sportliche, Björn Jung eher der „Normalo“ mit Glatze und Haaren, die an den unmöglichsten Stellen wachsen.
Deren Ego will natürlich immer noch vom Publikum geschmeichelt werden. Groupies, teure Hotels für ihre Auftritte, das wird von ihnen erwartet. Das Publikum wird gleich zu Beginn angesprochen und in das Geschehen einbezogen.
Eine gute Portion Standup-Comedy ist mit dabei. Die Komiker reagieren schnell (und dankbar) auf jede Reaktion im Raum.
Als Björn sich zunächst nicht traut, seine Flamme bei „Elite-Partner“ ganz analog anzurufen, stellt sich Guido als „Übungsobjekt“ mit verstellter Frauenstimme zur Verfügung. Dieser wiederum bekommt von seinem Comedy-Freund Tipps, wie seine Ehe wieder aufgefrischt werden könnte. Der Abend bleibt nicht frei von schlüpfrigen Zweideutigkeiten und direkten Anspielungen.
Die Frotzeleien der Protagonisten gehen bis zu einem ernsten Thema wie „Sterben“ und wo und wie man beerdigt werden möchte.
Besonders witzig wird es zum Ende hin, als die Künstler den Zuschauer*innen vorführen, wie ihre Auftritte in etwa dreißig Jahre aussehen würden.
Die einzigartige Mischung aus Theater, Comedy, starke Körpersprache und zum Schluss noch Gesang war unterhaltsam.
Freunde des gehobenen politischen Kabaretts sind hier vielleicht nicht so gut aufgehoben.
Nabucco – Verdis bekannte Oper auf Zeche Zollern unter freiem Himmel
[Update: Achtung TERMINÄNDERUNG:]
Am 13. August 2022 um 20 Uhr verwandelt sich die Zeche Zollern in Bövinghausen für einen Abend in das Babylon der Antike. Denn die Festspieloper Prag präsentiert Verdis Oper „Nabucco“ als Open-Air-Spektakel.
Diese Oper mit dem dramatischen Spiel um Liebe und Macht begeisterte bisher Hunderttausende von Zuschauern. Der Besucher wird von Beginn an durch die Stimmen, die Handlung, die Kostüme und das Bühnenbild in den Bann gezogen. Es erwartet den Klassik-Besucher mit Giuseppe Verdis Nabucco eine der größten Opern der Musikgeschichte und zugleich ein wunderbares Open Air-Spektakel. Man muss Nabucco mit dem weltberühmten Gefangenenchor wenigstens einmal unter freiem Himmel Inszenierung erlebt haben. Der gewaltige Chor der Gefangenen wird erklingen mit einem Aufgebot an klangstarken und facettenreich singenden Solisten. Open Air-Produktionen bedeuten für jedes Opernensemble eine besondere künstlerische Herausforderung. Hier gilt es Aufführung und Ambiente der Spielstätte zu einem unvergesslichen Opernspektakel zu vereinen. Sänger, Orchester, Regie und Technik müssen sich bei jeder Spielstätte neu auf die atmosphärischen und akustischen Gegebenheiten einstellen. Dies ist der Oper bei den bisherigen Sommer-Open-Air- Aufführungen mit über 2 Millionen Zuschauern hervorragend gelungen.
Grundlage der Oper ist das Libretto des Italieners Temistocle Solera (1816–1878). Die Handlung speist sich aus Legenden um den biblischen Herrscher Nabucco (dt. Nebukadnezar II), König Babylons von 605 bis 562 vor Christus. Mit seiner Herrschaft sind Bauten wie das Ischtartor, die Hängenden Gärten und der babylonische Turmbau verbunden. Hintergrund der Opernhandlung sind die Eroberung Jerusalems 587 v. Chr. und die Wegführung des jüdischen Volkes in babylonische Gefangenschaft 586 v. Chr. (2. Könige 25). Das Libretto übernimmt daraus nur wenige Motive. Die Handlung besteht aus vier Akten.
Es spielt das Orchester der Festspieloper Prag unter der Leitung von Martin Doubravský. Dazu singt der Festivalchor Prag unter der Leitung von Lukáš Kozubik. Die Regie hat Oldřich Kříž. Bühnenbild und Kostüme stammen von Olga Kokošková.
Karten gibt es an allen örtlich bekannten Vorverkaufsstellen.
Möglichkeitsräume für eine positiv gestaltbare Zukunft
Am 29.04.2022 hatte die interdisziplinäre Stückentwicklung „The Future“ unter der Regie von Annette Müller seine Premiere im Dortmunder Kinder und Jugendtheater (KJT) für Publikum ab 16 Jahren. Es handelt sich hierbei um eine Kooperation mit der hiesigen Akademie für Digitalität im europäischen Projektrahmen von PlayOn.
Es geht um nichts Geringeres als die Zukunft – vor allem der jungen Menschen. Deren Gegenwart ist einerseits von beängstigenden Themen wie Pandemie, Klimakatastrophe oder aktuell Kriegsangst geprägt, andererseits werden sie im digitalen Zeitalter von einer ungeheuren Datenflut im Netz bombardiert. Wie können sie da die den Kontakt zur „realen Welt“ behalten? Auch eine rasante Entwicklung der sogenannten Künstlichen Intelligenz (KI) stellt uns vor neue Fragen. Wie kommunizieren und gestalten wir unsere Welt?
Die forschende Stückentwicklung beschäftigt sich mit Hingabe den Möglichkeitsräumen und Visionen einer positiv gestalteten Zukunft. Wie wir sie gestalten, hat vor allem die junge Generation in der Hand. Das Internet mit seinen diversen Videos, Literatur, Bildern und Klängen wurde dabei als Archiv genutzt. Die Regisseurin collagierte gemeinsam mit ihrem Team (Technik und Programmierung, Dramaturgie, Musik Sound) zeitgenössische Denkmodelle mit Konzepten der Identitätspolitik oder auch moderner Science-Fiction. Unterstützung gab es dabei auch von der Europaschule und der Geschwister- Scholl-Gesamschule.
Auf der Bühne standen vom KJT-Esemble (zunächst alle versteinert auf ihren weißen Podesten) als „Roboter-Frau“ Ann-Kathrin Hinz, als nachdenklicher junger Mensch Thomas Ehrlichmann mit all seinen Fragen sowie Rainer Kleinespel als älterer Mann mit dem Erfahrungsschatz aus einer vergangenen Zeit.
Doch bevor es so richtig losgehen konnte, bekam jede Person im Publikum einen Kopfhörer am Eingang und anschließen eine Einweisung.
Die „Roboter-Frau“ sprach passend mit heller schriller Stimme in der „hippen“ internationalen Sprache Englisch von einer hoffentlich „glücklichen Zukunft voller Liebe, Hoffnung und schönen Überraschungen“.
Die KI sprach mit einer Aneinanderreihung von bekannten Songs wie etwa „I am what I am“. Das zeigt deutlich ihre Abhängigkeit vom menschlichen Input bei einem schnellen Lerntempo.
Projektionen im Hintergrund ermöglichten neben Texten, Logarithmen-Fluten auch ein Interview mit einer Pflanze.
Der ältere Mann bot einen fast schon poetischen Rückblick in sein Leben in den 1970er Jahren, mit all seinen Begegnungen, Naturerlebnissen und Gerüchen.
Ein Plädoyer für den besonderen Wert der realen Welt und die Schönheit der Erde.
Schön zu sehen war am Ende die langsame Annäherung von Roboter und Mensch auf der Bühne. Die drei Schauspieler*innen hatte auch einige körperliche Herausforderungen zu meistern. Schwierige Choreografien meisterten sie gekonnt.
Es war ein spannendes interdisziplinäres Projekt und ein Beispiel für modernes Theater.
Informationen zu weiteren Vorstellungsterminen erhalten sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231750 27 222.