Gesunde Kartoffelsuppe und bewegende Geschichte

Am 30.09.2022 konnte die Premiere von „Die Kartoffelsuppe“ (ab 6 Jahre) von Marcel Cremer und Helga Schaus) unter der Regie von Andreas Gruhn (Intendant KJT) im Dortmunder Kinder und Jugendtheater (KJT) nach zweimaligem Ausfall erfolgreich durchgeführt werden.



Schauspielerin Bettina Zobel (KJT) schlüpfte live in die Rolle einer Köchin und zauberte während einer Stunde aus Kartoffeln, Zwiebeln, Rettich, Sellerie, Lauch Zucchini und Möhren eine gesunde Kartoffelsuppe. Außerdem erzählte sie dem anwesenden Publikum mit Körpereinsatz, was alles in diesen Gemüsen steckt und wie wichtig sie für unsere Gesundheit sind. Mission: gesunde Ernährung!

Während sie die Zutaten in einem großen Topf verarbeitete, erzählte die Köchin nebenbei die Geschichte ihrer Mutter Lene in Kriegszeiten.

Lene wuchs zusammen mit Eltern und Großmutter auf dem Land auf. Mit sieben Jahre bekam sie ein kleines Schwein geschenkt. Zunächst führt sie ein glückliche Leben mit Schweinchen Frieda. Kartoffeln waren natürlich auch ein wichtiges Nahrungsmittel für die Bevölkerung. Dann kommt der Krieg, der den Menschen alles nimmt. Es droht eine Hungersnot…

In einem warmen hellen, liebevoll gestalteten Küche mit Kartoffelsäcken und Holzkisten wechselte Bettina Zobel scheinbar leicht mit Feingefühl in die verschiedenen Rollen. Als Schweinersatz mussten auf der Bühne Kartoffeln herhalten.

War das Thema der Geschichte auch ernst, kam der Humor und am Spiel nicht zu kurz.

Besonders lustig: Als diverse Hutkreationen von Tante Friedchen aus Gemüseresten vorgeführt wurden. Das Schicksal von Schwein Frieda nach dem Besuch eines Scherenschleifers wurde offengelassen.

Nach der Aufführung konnten alle Anwesenden von der pürierten Suppe probieren und ein wenig reden und mutmaßen, was mit Frieda wohl passiert sein könnte.

Musikalisch begleitet wurde die Vorführung musikalisch von Michael Kessler.

Eine gelungene Premiere, die allen kleinen und großen Menschen im Publikum nicht nur die Bedeutung gesunder Nahrungsmittel verdeutlichte.

Auf dem Flyer zum Stück kann man übrigens das genaue Rezept für die ZubereitungKartoffelsuppe nachlesen.

Weiter Aufführungstermine erfahren sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Telefon: o231/50 27 222




Was kümmern uns die Toten – Antigone im Fletch Bizzel

In den Zeiten des Ukraine-Krieges gehen andere Katastrophen leicht unter: Klimawandel oder eben Geflüchtete, die über das Mittelmeer fliehen. Das geht nicht immer gut, viele verlieren ihr Leben im Meer. Was hat das mit Antigone zu tun? Nun, sie macht auf die Toten aufmerksam. Das passt nicht jedem. Das Kollektiv HER.story präsentierte eine moderne „Antigone“ im Fletch Bizzel. ars tremonia war am 30. September 2022 dabei.



Weiß und beige. Das Bühnenbild und die Kostüme werden durch diese beiden Farben dominiert. Auf der Bühne liegt massenhaft Müll herum. Die Stadt Theben wird durch eine Holzkonstruktion dargestellt, im Hintergrund ist Platz für die Leinwand. Auf der Leinwand rauscht nicht nur das Meer, auch die Texte des Chores sind dort zu sehen. Der Schauspieler und Musiker Mohammadhossein Mehrnejad macht passende Geräusche zu den einzelnen Szenen.

Aber zurück zu Antigone. In der antiken Version begräbt sie gegen König Kreons Willen ihren Bruder, der gegen Theben gekämpft hat. Hier in der Version, die sich aus den Texten von Thomas Köck und Berichten von Menschen speist, die die Mittelmeerüberfahrt überlebt haben, geht es um die Toten, die das Mittelmeer angespült hat.

„Was kümmern uns die Toten“ sagt der Chor. „man will das doch nicht sehen.“ Die Überflussgesellschaft, die von allem zu viel hat, möchte mit diesem Problem nichts zu tun haben. Schließlich habe man selbst genug am Hals. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Das kann Antigone (Jasmina Musić) nicht akzeptieren, sie bringt die Toten vom Strand in die Stadt, damit sie von allen gesehen werden. Ja, denn es sind auch unsere Toten. Es sind diejenigen, die für unseren Wohlstand sorgen: für unseren Kaffee, unseren Kakao, für unsere seltenen Erden aus den Minen und so weiter.

Kreon (Toni Gajanović) kann das nicht akzeptieren, denn es ist „gegen das Gesetz“. Er verkauft dies als „gelebte demokratische Praxis“. Antigones Schwester Ismene (Nermina Kukić) versucht diplomatisch zu agieren, scheitert aber. Ebenso wie der Versuch von Haimon (Mohammadhossein Mehrnejad) seinen Vater umzustimmen.

Was wiegt schwerer: Ignoranz oder Solidarität? Wie lange kann eine Gesellschaft noch wegschauen? Wir brauchen auf jeden Fall mehr Antigones und weniger Kreons. Denn Europa liegt am Strand.




Moderne Antigone im Fletch Bizzel

Das Künstler*innenkollektiv „HER.STORY“ präsentiert am 30. September und am 01. Oktober 2022 das Stück „Antigone am Strand“. Das Stück basiert einerseits auf den antiken Text von Sophokles, zum anderen auf „Antigone – ein Requiem“ von Thomas Köck sowie Texten von Geflüchteten. Ars tremonia war auf dem Pressegespräch.

Das Kernelement des antiken Stoffes ist, dass Kreon, der Tyrann von Theben, verbietet die Beerdigung seines Neffen Polyneikes, der gegen die eigene Stadt Krieg geführt hat. Antigone, die Schwester von Polyneikos und Kreons Schwiegertochter in spe, widersetzt sich dem Verbot und wird lebendig eingemauert.

Thomas Köck aktualisierte das Stück im Hinblick auf die Flüchtlingswellen über dem Mittelmeer. Bei Köck werden am Strand zahllose Leichen angespült. „Was geht das uns an“, fragt der Chor. Aber Antigone lassen die Toten nicht kalt und stellt sich gegen Kreon.

Auch in der Produktion „Antigone am Strand“ ist die Titelheldin die starke Figur und bietet Kreon die Stirn. Ebenso wie ihre Schwester Ismene, die versucht, liberal und diplomatisch zu bleiben. Kreon wird in dem Stück nicht als antiker Herrscher dargestellt, sondern wie ein moderner, neoliberaler Machtmensch.

Auch wenn das Stück sich um die Bestattung von Toten handelt, geht es auch um die Schönheit des (Über-)Lebens, denn Texte von Geflüchteten, die über die Balkanroute gekommen sind, sind miteingeflossen.

Jasmina Musić spielt die Antigone, Toni Gojanović den Kreon. Der Videokünstler Timo Vogt wird den Chor auf die Bühne bringen.

Gefördert wird „Antigone am Strand“ unter anderem vom Forum Darstellende Künste.

Premiere ist am 30. September 2022 um 20 Uhr, die zweite Vorstellung am 01. Oktober 2022, ebenfalls um 20 Uhr.

Karten unter www.fletch-bizzel.de




Cabaret – wenn die Welt aus den Fugen gerät

Wir leben heute in einer Zeit, die in vieler Hinsicht bedrohlich und aus den Fugen geraten zu sein schein.

Mit dem Musical „Cabaret“ (Buch von Joe Masteroff nach dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John  van Druten, Gesangtexte: Fred Ebb, Musik: John Kander, Deutsch von Robert Gilbert) hat Regisseur Gil Mehmert eine moderne Fassung dieser hochaktuellen Parabel auf die Bühne des Dortmunder Opernhauses gebracht. Die Premiere war am 24.09.2022.



Die Geschichte spielt um die Jahreswende 1929/1930 im pulsierenden Berlin. Die Menschen versuchen (wenn sie es sich leisten können) in Zeiten wirtschaftlicher Bedrohung und politischem Erstarken des Nationalsozialismus Ablenkung, Rausch und Freiräume im Cabaret „Kit Kat Club“. Der amerikanische Schriftsteller Clifford Bradshaw und das glamouröse Showgirl Sally Bowles sowie die ältere Pensionsleiterin Fräulein Schneider und der jüdische Obsthändler Herr Schultz müssen in einem Umfeld der Bedrohung schwere persönliche Entscheidungen betreff ihrer Liebe treffen…

Musikalisch begleitet wurde der Abend (wie so oft) souverän von der Dortmunder Philharmoniker (Musikalischer Leiter: Damian Omansen)

Auf der Bühne gab es Live-Musik zum Geschehen von Bastian Ruppert (Banjo), Karsten Schnack (Akkordeon) und Julia Kriegsmann (Saxophon / Klarinette).

Neben einem Bett war eine große Drehbühne als Mittelpunkt der Hingucker. Mit dieser Bühne konnte geschickt und kontrastreich von er Scheinwelt des Cabaret Kit Kat Club zur matt beleuchteten Pension des Fräulein Schneider und somit in die Realität gewechselt werden.

Auch in dieser Inszenierung von Mehmert kam das überdimensionierte Klavier im Fordergrund wie bei „Berlin Skandalös“ zum Einsatz.

Durch die Geschichteführte eindrucksvoll als Conférencier Rob Pelzer wie durch ein Guckloch durch das „Cabaret Berlin“.

Alles wurde für eine Revue als Ausdruck der Lebensfreude, dem Wunsch nach freier Entfaltung verschiedensten Persönlichkeiten und Charaktere aufgeboten. Freizügig-schillernd knappe Kostüme, symbolhafte Masken, eine Prise Frivolität und Erotik lag in der Luft. Alle, was in der Realität immer unmöglicher wurde, hatte dort einen kleinen Raum.

Die Kit Kat Girls und Boys sorgten mit Temperament und Können für ein für besonderes Revue-Feeling und als Verstärkendes Element der Handlung.

Mit ihrer Stimme und Ausdruckskraft begeisterte Bettina Mönch als Sally Bowles das Publikum. In nichts nach stand ihr aber auch Jörn-Felix Alt mit seiner sensiblen Interpretation des Cliff Bradshaw. Für rührende und humorvolle Momente sorgten Cornelia Drese als Fräulein Schneider und Tom Zahner als Herr Schultz. Samuel Türksoy überzeugte als Darsteller des deutschen Nationalsozialisten und Maja Dickmann als „Matrosen-verschlingende“ Prostituierte Fräulein Kost.

Alle Personen versuchen irgendwie durch die problematischen Zeiten zu kommen. Die einen bleibe in Deutschland mit ernsten Konsequenzen, oder wollen wie Sally für die Karriere in einer Scheinwelt leben.

Die Inszenierung spart nicht an deutlichen martialischen Symbolen (wie etwa Hakenkreuzen, Fackeln u.s.w.). Das macht die Bedrohung noch spürbarer.

Zu Recht gab es für die unterhaltsame wie nachdenklich stimmende Aufführung Standing-Ovations.

Die Demokratien zunehmend durch rechte Autokraten und Nationalisten bedroht. Wie sagte Cliff Bradshaw so klar: „Wenn du nicht dagegen bist, dann bist du dafür“!

Weite Aufführungstermine finden sie unter www.theaterdo.de




Verlorene Jugend – Die Bakchen im Schauspielhaus

Wenn es einen Verlierer in der Dauerkrise gibt, dann sind es die Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Neben Corona-Krise und Ukraine-Krieg existiert weiterhin der Klimawandel und seine Folgen. Gerade die Beschränkungen wegen Corona haben die Jugendlichen stark getroffen. Keine Partys, keine Diskothekenbesuche, Isolation statt mit Kommiliton*innen abhängen. Die Zäsur war gravierend. Und jetzt? In der Ukraine herrscht brutaler Krieg und täglich sterben Menschen, der Klimawandel zeigt immer schneller sein hässliches Gesicht, da bleibt nicht viel Fröhliches?



Das Dortmunder Schauspielhaus widmetet sich dieses Themas und brachte „Bakchen – Die verlorene Generation“ als erste Regiearbeit von Intendantin Julia Wissert in dieser Spielzeit auf die Bühne.

Die Geschichte von Euripides kurz erzählt: Dionysos, der Gott des Rausches, kehrt nach langer Zeit in seine Heimatstadt zurück, aus der er vertrieben wurde. Er sammelt eine Schar von Anhängern (im Original Frauen, in der Dortmunder Inszenierung Jugendliche) und zieht mit ihnen in die Berge. Hier können sie sich unter der Führung von König Pentheus‘ Tochter von den Widersprüchen der Gesellschaft befreien. Doch aus der Idylle wird eine Tragödie.

Julia Wissert inszeniert das Stück ganz im Einfluss von Dionysos. Es wird wild getanzt, rhythmische Bewegungen, stampfende Musik (live gespielt von Yotam Schlezinger), alles scheint in Bewegung. Logisch, dass sich die Tochter von König Pentheus (Valentina Schüler) den Angeboten von Dionysos (Antje Prust) nicht widersetzen kann. Denn ihr Vater (Adi Hrustemović) ist taub und blind für die Sorgen und Probleme seiner Tochter. Einzig Kadmos, (Alexander Darkow), der Vater von Pentheus scheint zu verstehen, was in den jungen Leuten vorgeht, was zu Konflikten mit seinem Sohn führt.

In „Bakchen“ sind neben Euripides noch weitere Texte eingeflossen. Erwähnenswert dabei sind Online-Tagebuchaufzeichnungen von nikxxo auf der Plattform wattpad.com, die von Depression und Suizidgedanken geprägt sind.  In den Texten wird die Unfähigkeit der Eltern deutlich, die ihre Kinder nicht wahrnehmen oder ernstnehmen.

Ein Wort noch zum gelungenen Bühnenbild von Nicole Marianne Wytyczak. Zeigte es zunächst nur ein halbversunkenes Auto entwickelte sich die Bühne später in einen Kontrast zwischen der jugendlichen Idealwelt mit Blumen und der kaputten und zerstörten Welt der Erwachsenen.

Neben den vier Schauspieler*innen gehört ein Lob auch den „Bakchen“: Es waren Physical Theatre Studierende der Folkwang Universität der Künste.

Fazit: Viel Musik, viel Bewegung. Julia Wissert hat den über 2000 Jahre alten Text kräftig entstaubt und ihm eine Erfrischungskur verpasst. Apropos verpassen: Dieses Stück auf keinen Fall.

Termine und Infos: www.theaterdo.de




Was ADHS mit Betroffenen und ihrem Umfeld macht

Am Freitag, den16.09.2022 stand als Premiere im Dortmunder Kinder und Jugendtheater (KJT) in der neuen Saison 2022/23 mit „Wild!“ (Stück von Evan Placey, ab 8 Jahren) ein Thema mit emotionaler Brisanz auf dem Spielplan. Regie hatte Milan Gather.



Die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) wird bei immer mehr Kindern von Ärzten diagnostiziert.

Die betroffenen Kinder können sich schlecht konzentrieren, können schlecht zuhören, nicht lange ruhig sitzen und haben einen starken Bewegungsdrang.

Sie lassen sich von ihren Gedanken und Dingen, die in der Umgebung passieren leicht ablenken. Dabei sind viele auch recht kreativ. Ihre Familie und ihr weiteres Umfeld (etwa Schule) stellen sie vor große Herausforderungen und werden selbst oft zu Außenseitern.

Zur Behandlung stehen Therapien und Medikamente (bekannt: Retalin) zur Verfügung. Die Medikamente wirken jedoch nicht auf Dauer, machen müde und wirken verändernd auf die Persönlichkeit.

Zum Stück: Bei Billy (gerade 11 Jahre alt) summen die Gedanken wild in seinem Kopf herum. Auf ihn treffen alle oben genannten ADHS-Symptome zu. Besonders nah fühlt er sich den Bienen aus dem Bienenstock seines Vaters, der die Familie anscheinend verlassen hat und woanders wohnt. Sie sind scheinbar chaotisch und wild, haben jedoch alle ihre wichtige Funktion.

Die Mutter sieht eigentlich ein, dass ihr Sohn Hilfe braucht. In der Schule ist er auffällig, seine Mitschüler nennen ihn „Billy Biene“. Wenn sein Vater einmal da ist, streiten seine Eltern. Das Verhältnis zum ist gestört. Billy möchte vor allem seinen Vater beweisen, was er kann. Er wünscht sich nicht nur, dass sein Vater zu seinem Geburtstag kommt, sondern kämpft um dessen Beachtung und Zuneigung….

„Wild“ ist ein Solo- Schauspielstück mit musikalisch passender Klang-Begleitung.

Der KJT-Schauspieler Thomas Ehrlichmann schlüpfte sensibel in die Person des Billy sowie zusätzlich noch in die Rolle der Mutter, des Nachbarjungen Justus, Therapeuten oder die des Bruders.  

Auch körperlich verausgabte er sich voll auf die Klettergerüst-Umrahmung des auf der Bühne aufgestellten kleinen Hauses.

Die Schuldgefühle seiner Eltern, die Verzweiflung des Billy – besonders als er erklärt, dass er sich als „beobachtetes Versuchsobjekt“ fühlt, wurden eindrucksvoll dargestellt.

Stark war auch sein kongenialer musikalischer Partner Lukas Joachim an verschiedenen Instrumenten.

Rainer Kleinespel und Bianca Lammert (KJT) liehen Vater und Mutter ihre Stimmen.

Weitere Aufführungstermine erfahren Sie unter www.theaterdo.de




Das Vieh ist noch Natur – Woyzeck zum Spielzeitauftakt

Bunt, reduziert und mit SM-Anleihen – die Inszenierung von Georg Büchners „Woyzeck“ durch Jessica Weisskirchen setzt auf skurrile Einfälle und schräge Kostüme. Die Regisseurin rückt Nebenfiguren wie den Hauptmann und den Doktor stärker in den Mittelpunkt. Die Premiere war am 09. September 2022 im Studio des Schauspielhauses.



Eigentlich ist die Geschichte von „Woyzeck“ aktuell wie nie. Es geht einerseits um einen klassischen Femizid, das heißt ein Mann tötet seine Frau/Freundin aus Eifersucht, andererseits um das Thema „psychische Erkrankung“, den das Woyzeck Probleme hat, spürt man direkt am Anfang, als er über Freimaurer fabuliert. Doch viel wichtiger: Das Stück hat auch eine gesellschaftliche Dimension. Denn Woyzeck steht in der sozialen Rangordnung ganz unten. Er verdient als Soldat nicht genug, um seine Marie zu heiraten und lässt sich daher zu Menschenversuchen ein, die zu einer Mangelernährung führen.  Das verstärkt seine psychischen Probleme immer mehr.

Weisskirchen reduziert die Personen auf vier: Marie (Linda Elsner), Hauptmann (Ekkehard Freye), Doktor (Nika Mišković) und Woyzeck (Raphael Westermeier). Durch die Kostüme erscheinen die Akteure Chimärenhaft. Besonders schön ist der Doktor, der – komplett in Weiß – wirkt wie eine Mischung zwischen Domina und einem verrückten Professor.

Die Inszenierung von Weisskirchen thematisiert das Viehische im Menschen. Oder anders gesagt, Kleidung und Erziehung haben den Tieren die menschliche Seite verliehen. Gut in der Jahrmarktszene zu erkennen: „Mensch, sei natürlich! Du bist geschaffen aus Staub, Sand Dreck! Denn was willst du mehr sein als Staub, Sand, Dreck?“ singt der Chor der Tiere und weiter „Jetzt die Kunst, geht  aufrecht, hat Rock und Hosen, hat ein Säbel“.

Der animalischen Seite steht der Hauptmann mit seiner Moral und Tugendbegriffen und der Doktor als Mann der Wissenschaft entgegen, die beide auf Woyzeck herabsehen, der in seiner gesellschaftlichen Stellung keinen Platz für Moral hat.

Das Tierische, oder besser Viehische kommt den Besucher*innen gleich zu Beginn entgegen, denn die Schauspieler*innen begrüßen die Zuschauer wie Tiere im Zoo oder im Zirkus, die sicher hinter Gittern sind.    

Dadurch das Woyzeck, mehrere Jobs hat, um über die Runden zu kommen, hetzt er durch das Stück, das das Bühnenbild aufnimmt, indem es sich in ein Karussell verwandelt und Schwung aufnimmt.  Auch gelungen war die Szene, als Woyzeck in einem Popcornwagen saß, der mit Erbsen (aus Papier) gefüllt war und vom Doktor über die Bühne gezogen wurde.

Jessica Weisskirchen sorgt mit ihrer Inszenierung für einen neuen Einblick in den allzu bekannten Stoff und findet mit Günter Hans Wolf Lemke einen idealen Partner für Bühnenbild und Kostüme.

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Facettenreiche Internationale Ballettgala XXXV

Die 35. Internationale Ballettgala fand im Dortmunder Opernhaus am 10.09.2022 (zweiter Termin 11.09.2022) wieder einmal vor (nahezu) vollem Haus statt. Darüber waren alle Beteiligten in diesen turbulenten Zeiten glücklich.



Der Intendant des Dortmunder Balletts Xin Peng Wang und sein Team haben es wieder einmal geschafft, ein vielseitiges Programm mit Ballettgrößen aus New York, Toronto, London, Paris, Madrid, Lissabon, Hamburg oder München in unsere Stadt zu locken. Die Dortmunder Compagnie brachte Auszüge aus den Produktionen von Wang (Faust II, Faust I, Tschaikowsky) und zum Schluss das trotz aller schlimmen Nachrichten optimistische „Full of Life“ (Choreografie: Xin Peng Wang) auf die Bühne.

Durch das Programm führte wie immer mit Charme und Humor Kammersänger Hannes Brock.

Die Bandbreite der Vorführungen war groß. So waren etwa das klassische Ballett mit „Don Quixote“ mit den technischen Perfektionisten Maria Kochetkova und Osiel Gouneo ((Bayrisches Staatsballett München) oder Tschaikowskys Pas de deux (Skylar Brandt, Herman Cornejo).

Einen großen Raum nahm das moderne zeitgenössische Ausdrucks-Ballett ein.

Drei starke Beispiele waren da „The Gust“ Choreografie und Tanz: Sebastian Kloborg, Dänemark) oder „Rush for Full“ (Maria Kochetkova, Sebastian Kolborg) oder „12“ Filipa de Castro, Carlos Pinillos, Portugal).

Das man Tradition und modernes Ballett wunderbar verbinden kann, bewiesen bei der ersten Uraufführung des Abends „In progress?“ Juliette Hilaire und Caroline Osmont. Unterstützt wurden sie von Osiel Gouneo. Später begeisterten sie bei „Body and Soul“.

Ein großes Vergnügen war, das NRW Juniorballett bei der dynamischen Uraufführung von „Exhale“ unter der Choreografie von Márcio Barros Mota zu erleben.

Traditioneller Gesang (Midori Marsh) mit Live-Begleitung am Flügel (Michal Bialk) musste bei der Uraufführung von „Lúa descoloriada“ ohne Verbindung mit Ausdruckstanz seinen Reiz entfalten. Evan McKie (The National Ballet Canada) war wegen einer Lebensmittelvergiftung.

Gesangbegleitung gab es auch bei „Seda“. Maria Berasate begleite mit ihrem traditionellen Gesang eifühlsam die ausdrucksstarken Bewegungen von Iratxe Ansa und Igor Bacovich.

Die letzte Uraufführung des Abends bildete „Matilda Dulzura“. Auch hier konnten Filipa de Castro und Carlos Pinillos.

Für romantischte Momente sorgten Alina Cojocaru und Alexandr Trusch (Hamburg Ballett) beim Programmpunkt „Kameliendame“ mit viel Feingefühl zu der Musik von F. Chopin.

Die Leistungen wurden vom Publikum mit viel Applaus belohnt.




Das NEINhorn – Kindertheaterstück um Schwierigkeit des Neinsagens

Im freien Dortmunder Theater Fletch Bizzel gastierte am 04.09.2022 das Duisburger KJT KOM’MA mit dem „NEINhorn“ (nach dem Buch von Marc-Uwe Kling). Regie führte Rene Linke und aus dem Ensemble spielten Christina Wouters und Sascha Bauer.



Bei der Geschichte geht es um ein Einhorn, das in einer traumhaften Welt, in der es alles gibt, was sich Kinder so wünschen (Glücksklee und Zuckerwatte). Alle wollen nur kuscheln und tanzen. Darauf hat da Einhorn keine Lust und sagt zu allem „Nein!“. Das Wort weckt Zauberkräfte und kann die anderen Menschen (Eltern und Freunde) vor den Kopf stoßen und nerven. Manchmal ist diese N-Wort aber auch ein Irrgarten und eine Sackgasse. Das NEINhorn muss sich mit einem Waschbären (will nicht zuhören, einem Hund (ihm ist alles schnuppe), und einer Prinzessin, die immer Widerworte gibt, auseinandersetzen.…

Das Schauspiel fand auf zwei Ebenen statt. Auf der einen Seite waren da beiden Schauspieler*innen, die mit viel Lust an ein wenig Albernheit und Spaß am Spiel in ihren weißen Overalls mit Handpuppen, Requisiten (Einhorn, Krone und Prinzessinnenrock) auf der Bühne agierten. Sie schafften schnell einen guten Draht zu den Kindern im Publikum, die begeistert jede Gelegenheit nutzten, zum Beispiel bei den Wortspielen oder mit Zwischenrufen sich rege zu beteiligen.

Im Hintergrund war zudem noch eine Leinwand aufgebaut. Die Geschichte wurde dort mit wunderbar witzigen Illustrationen von Karl Uhlenbrock begleitet.

Es ist eine lebendige und mitreißende Geschichte um die Schwierigkeit und wichtige Bedeutung des Neinsagens. Nur so können wir eigenen Bedürfnisse und Wünsche kennenlernen und uns eventuell vor unerwünschten Übergriffen schützen. Sie erzählt, wie schnell man sich dabei verrennen kann, zudem jedoch, wie man mit Spielspaß und Phantasie aus einer Sackgasse herauskommen kann.

Wir leben nicht allein auf der Welt und Rücksichtnahme auch auf die Bedürfnisse der anderen Erdbewohner sind für ein friedliches Zusammenleben notwendig.




Wäre Frauenpower die Lösung? – Lysis-Structure im Fletch Bizzel

Wäre das nicht eine schöne Vorstellung? 1914 hätten sich die Frauen in Deutschland, Russland, Frankreich, England, Österreich-Ungarn ihren Männern verweigert und hätten den Ersten Weltkrieg verhindert. So wie in der Komödie „Lysistrata“ von Aristophanes.



Doch wir haben 2022, es tobt der Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine und die Situation der Frauen in dieser Welt könnte nicht unterschiedlicher sein. In dem Stück „Lysis-Structure“ setzt Regisseurin Ayşe Kalmaz zwei Frauen aus unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Lebensentwürfen in einen gemeinsamen Kontext. Können Frauen aus Dortmund und Batman (südöstliche Türkei) für ein gemeinsames Ziel (Frieden!) einstehen? Die Situation für kurdische Frauen unterschiedet sich fundamental. Das macht Schauspielerin Pelda Bal schon gleich zu Beginn deutlich. Menschen werden verhaftet, getötet.

Das Grundproblem wird klar benannt: Alte Männer, die sich wie absolute Herrscher aufführen und ihre Untertanen wie Bauern in den Krieg schicken. Doch was hilft? Wie bei Aristophanes den Sex verweigern? Ohne Kinder, keine Soldaten, kein Krieg. Aber könnte dann die Menschheit nicht aussterben?

Die Besinnung auf das „weibliche Prinzip“ könnte die Lösung sein, doch was ist das genau? Letztendlich geht es ja nicht um das Geschlecht, sondern um Macht und Machtausübung. Und Macht kann korrumpieren, wie das Beispiel Patricia Schlesinger zeigt und Frauen sind auch nicht per se friedfertiger oder sozialer wie ein Blick nach Großbritannien (Margaret Thatcher) beweist.

Aber das Besondere bei „Lysis-Strcuture“ war das Zusammenspiel der beiden Schauspielerinnen. Sie waren zwar gleichzeitig auf der Bühne zu sehen, dennoch über 4000 km voneinander entfernt. Moderne Technik macht es möglich, dass die emotionalen und intensiven Dialoge zwischen Melanie Lüninghöner und Pelda Bal an beiden Orten gleichzeitig zu erleben waren.

Eine weitere Rolle spielte der Dortmunder Sprechchor, unterteilt in Männer- und Frauenchor, die mittels Videoprojektion als „Volk“ ihre Kommentare abgaben. Zudem gab es kurze Interviews mit kurdischen Frauen.

Ayşe Kalmaz kombinierte die beiden Texte von Aristophanes („Lysistrata“) und „Die Revolte der Frauen“ des türkischstämmigen Autors Nâzım Hikmet zu einer gelungenen Einheit, unterstützt von der sehr emotionalen Leistung beider Schauspielerinnen.

Am 14. Oktober 2022 um 20 Uhr haben die Dortmunder noch einmal die Chance, sich „Lysis-Structure“ im Fletch Bizzel anzuschauen, danach gibt es noch eine Aufführung in Köln.

www.fletch-bizzel.de