Dortmunder Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert

Die Schauspielerin, Kabarettistin und Autorin Uta Rotermund gastierte am 06.11.2022 im Fletch Bizzel (Dortmund) mit ihrem neuen Programm „Dieser Mensch war ich“. Es ist kein gewöhnliches Kabarettprogramm, wie man es von ihr sonst kennt.



Inspiriert wurde sie unter anderen durch ihre Tätigkeit als Trauerrednerin in letzter Zeit. Viele Gespräche mit Menschen vor allem im Dortmunder Kreuzviertel bildeten die programmatische Grundlage. Rotermund selbst kennt das Viertel wegen ihrer eigenen Lebensgeschichte sehr gut.

Das zum größten Teil ältere Publikum brachte seine eigenen Erinnerungen an vergangene Zeiten in unserer Stadt ins Fletch Bizzel.

Uta Rotermund schlüpfte in die Rolle der über 90 Jahre alten Angelika, die eigentlich schon tot ist und samt Urne die Bühne betritt.

Sie blickt auf fast das ganze 20. Jahrhundert in ihrer Heimatstadt Dortmund zurück. Dabei erzählt sie ihre persönliche Geschichte und die ihrer Familie im Kontext der damaligen gesellschaftspolitischen Bedingungen. Kriegsgrauen des Zweiten Weltkriegs, Einfluss der katholischen Kirche, Wiederaufbau, der Errichtung der Mauer usw. sowie deren Einfluss auf die Menschen. Mit ein wenig Wehmut berichtet sie von dem alten Kolonialwarenladen, der Bäckerei Feldkamp sowie anderen kleinen Geschäften, die es nicht mehr gibt. Auch der Kampf starker Frauen um ihre Rechte wird teils humorvoll-ironisch thematisiert.

Wie alle Menschen stellt sich Angelika wichtige existentielle Fragen: Was bleibt von meinem Leben? Was wäre aus mir unter anderen Bedingungen und zu anderen Zeiten geworden? Was ist der Sinn des Lebens?

Ihre Antwort darauf: Unser Leben hat nur den Sinn, den wir ihm selber geben. Das ist manchmal anstrengend und erfordert Stärke und Kraft.

Es ist Zufall, in welche Zeit, Ort oder unter welchen Verhältnissen wir geboren werden. Das Beste aus seinen Lebensmöglichkeiten zu machen, darauf kommt es an. Wichtig ist, wenn möglich, die glücklichen Momente auch bewusst zu genießen und mit Mut auch neue Wege zu gehen.

Insgesamt vier großformatige Familienbilder oder Porträts bilden den Bühnenhintergrund. Sie dienen sowohl als persönlicher wie geschichtlicher Rückblick in ein vergangenes Jahrhundert.

Ein nachdenkliches, manchmal auch witzig-ironisches Solo-Programm über eine Frau, die ihre Geschichte mit vielen Frauen ihrer Generation im Ruhrgebiet teilt.




La Juive – Wenn Hass auf eine Minderheit zur Katastrophe führt

Opernpremiere mit Hindernissen. Eigentlich sollte die Premiere von „La Juive“ am 06. November 2022 schon um 18 Uhr beginnen, doch nachdem ein Sänger kurzfristig erkrankt war, musste sein Ersatz Denis Velev aus Paris nach Dortmund kommen. Die Autofahrt schaffte er in guter Zeit, so dass er 19:15 Uhr in Dortmund ankam und die Oper um 19:45 Uhr anfangen konnte. Nach so viel Aufregung konnten sich die Zuschauer*innen auf die Musik und die ebenso aufregende Oper „La Juive“ konzentrieren.  



Die Oper, uraufgeführt am 23. Februar 1835, hat leider immer noch ein aktuelles Hauptthema: Den Antisemitismus. Es spielt in Konstanz, zu Beginn des Konstanzer Konzils (1414). Der Juwelier Éléazar und seine Tochter Rachel geraten als Juden in den Fokus der judenhassenden Gesellschaft des Spätmittelalters. Éléazar arbeitet an einem christlichen Feiertag und seine Tochter Rachel will sich mit dem Christen Léopold verheiraten. Léopold fällt aber kurz vorher noch ein, dass er eigentlich mit Prinzessin Eudoxie, der Nichte von Kaiser Sigismund, verbandelt ist. Eine Verbindung zwischen Juden und Christen ist in der damaligen Zeit mit dem Tod bedroht. Eine weitere Rolle spielt der Kardinal de Brogni, der nachdem er Frau und Tochter verloren hat, sein Leben der Kirche gewidmet hat. Der Kardinal hat allerdings die beiden Söhne von Éléazar auf dem Gewissen, dafür will sich der Juwelier rächen. Denn die Tochter von de Brogni lebt und wer Opern kennt, wird vielleicht schon ahnen, wer seine Tochter ist.

Der Komponist Fromental Halévy war selbst Jude und zeigt in seiner bekanntesten Oper (er hat etwa 40 Opern komponiert) „La Juive“ die hässliche Fratze des Antisemitismus, die auch zu seinen Lebzeiten (1799-1862) nicht ausgerottet war und auch heute leider immer noch präsent ist.

Musikalisch ist „La Juive“ ein Meilenstein der Grand Opera und wurde zurecht von Gustav Mahler oder Richard Wagner hoch gelobt. In den dreieinhalb Stunden schwelgt die Musik, wird dramatisch und hat wundervolle Arien. Damit können die Sänger*innen glänzen wie Barbara Senator (Rachel), Mirko Roschkowski (Éléazar), Sungho Kim (Léopold) und natürlich Denis Velev (de Brogni). Unterstützt wurden die Akteure auf der Bühne von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Philipp Armbruster.

Der Regisseur Sybrand van der Werf inszenierte „La Juive“ in einem zeitgenössischen Setting, es gab also keine mittelalterlichen Kostüme, die auch besser auf dem Dortmunder Hansemarkt gepasst hätten. Die moderne Inszenierung sollte wohl auch darlegen, dass Antisemitismus kein historisches Phänomen ist, sondern immer noch in der heutigen Gesellschaft präsent ist.

Etwas historisch wurde es dennoch, als „Kampfszenen“ als schwarz-weiß Film auf die Leinwand projiziert wurden, der Film hatte etwas von „als die Bilder laufen lernten“.

Auch die Bühne war zweckmäßig modern, schön war die Szene im Garten der kaiserlichen Residenz, bei der die Bühne wie eine Gartenparty gestylt war, geschmückt mit einem riesigen Ball aus Blumen. „La Juive“ stand ja bis zur Zeit des Nationalsozialismus in München und Wien öfter auf dem Spielplan. John Dew hat die Oper 1994 bereits nach Dortmund gebracht. Vielleicht wird sie an dem Ort, wo sich früher die Alte Synagoge befand, öfters gespielt. Ein Besuch der aktuellen Inszenierung lohnt sich auf jeden Fall.  




Die Wut zu Tisch

Am 5. und 6. November präsentierte das Theaterensemble artscenico ihr neues Stück „Die Erregten“ im Theater im Depot. Sehr passend zur heutigen Zeit, bei dem Wutbürger im Internet und im realen Leben ihre Erregung kundtun.



Auf der Bühne befindet sich ein großer Tisch, zwar nicht so groß wie Putins, aber dennoch beeindruckend. Zunächst zu Dritt, entwickelt sich insgesamt mit fünf Akteuren ein munterer Kampf um Wahrheit und Empörung. Mit dabei sind Matthias Hecht, Hans-Peter Krüger, Joanna Stanecka, Sascha von Zambelly und Stefanie Winner.

Wir befinden uns im „Sanatorium des Auskotzens“ und das nehmen alle Beteiligten sehr ernst. Verschwörungstheorien, alltäglicher Ärger (Zahnpastatube) und sonstige Katastrophen sorgen für Erregung am Tisch. Eine besondere Rolle hat Hans-Peter Krüger inne, der später dazu kommt und geheimnisvoll mit seinem Werkzeugkoffer tut. Ist da eine Bombe drin oder ist er wie die anderen eher ein Maulheld. Aufgrund von Videoaufnahmen, die ab und an im Hintergrund laufen, dient das Haus Schulte in Dorstfeld als Handlungsort dieses Sanatoriums.

Der Tisch auf der Bühne im Depot hat eine besondere Funktion. Er dient nicht nur dazu, dass die Beteiligten mal „auf den Tisch hauen können“, sondern er fungiert auch als Laufsteg, Bühne oder Grab. Passend dazu gibt es Tanz und Choreografie von Elisa Marschall.

Woher kommt die Erregung, woher die Wut? Vielleicht liegt es an der Spaltung der Gesellschaft, vielleicht daran, dass sich die Welt immer komplizierter wird. Darauf gibt das Stück keine Antwort. Es ist eine Zustandsbeschreibung der Gesellschaft.  




Hosenrolle – Mit Pseudonym oder ohne

Früher war es für eine Autorin absolut notwendig, ein männliches Pseudonym zu haben, um überhaupt veröffentlicht zu werden.  Doch ist das heute immer noch so? Was bedeutet das? Das Kollektiv Sepidar Theater versucht in seinem Stück „Hosenrolle“ die Frage auszugreifen: Soll die Autorin als weibliche Figur präsent sein, sich hinter einem männlichen Namen verstecken oder dieses Mittel sogar als Ermächtigung sehen? Die Performance hatte am 28.Oktober 2022 Premiere.



Die „Hosenrolle“ war ein gutes Beispiel für „physical theatre“, während den rund 60 Minuten waren die beiden Schauspieler*innen Elina Brams Ritzau und Mamadoo Mehrnejad fast ständig in Bewegung. Höhepunkt war sicherlich der „Schwertkampf“ mit Büchern unterstützt vom bekannten „Wellermann“-Song.

Dennoch blieb das Stück immer bei seinem Hauptthema: Was soll nun die arme Autorin (Ritzau) tun? Mann oder Frau oder gibt es noch etwas dazwischen oder darüber hinaus? Mithilfe des männlichen Gegenparts (Mehrnejad), oder besser des männlichen Bestandteils einer Persönlichkeit wurde nach Lösungen gesucht.

Dabei gingen die beiden durch die Historie, in die Zeiten, als Frauen meist nicht offen als Autorin in Erscheinung treten konnten oder durften, bis hin zu berühmten Piratinnen wie Anne Bonny.

Doch es gibt weitere Möglichkeiten. So bietet die Drag-Szene die Chance, als Dragqueen oder Dragking in eine andere Rolle zu schlüpfen. Im Stück wird auch die surrealistische Künstlerin Claude Cahun erwähnt, ein Pseudonym von Lucy Schwob. Sie wählte den Vornamen Claude, weil er ein Unisex-Name ist, also von Männern und Frauen getragen werden kann. Somit konnte Cahun zwischen den Geschlechtern oszillieren.

Im Bühnenbild spielten Bücher eine zentrale Rolle. So wurden sie  – wie erwähnt – zum Schwertkampf benutzt, dienten als Dominosteine oder als Weg über die Bühne.

„Hosenrolle“ ist ein kreatives Stück voller Ideen, Bewegung und Musik mit zwei engagierten Performer*innen.

Zu sehen am 25. Und am 26. November 2022 jeweils um 20 Uhr im Fletch Bizzel.

www.fletch-bizzel.de




Die Zauberflöte oder die Macht der Liebe

Ars tremonia war am Sonntag, den 30.10.2022 bei der Aufführung der „Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart (1756 -1791) mit dem Libretto von Emanuel Schikaneder in der Oper Dortmund anwesend.



Eine so bekannte und oft gespielte Oper ist es nicht nur eine technische Herausforderung für das Orchester, sondern auch für den Regisseur. Es geht darum, seine eigenen Akzente zu setzen.

Da Nikolaus Habjan sowohl Regisseur als auch Puppenspieler ist, hat er zwei eindrucksvolle Klappmaulpuppen für die Königin der Nacht und den Gegenspieler Fürst Sarastro eingebaut. Zwei Puppenspieler*innen (Manuela Linshalm, Bruno Belil) standen dabei geschickt und ausdrucksstark führend an ihrer Seite. Antonia Vesenina und Denis Velev gaben ihnen ihre starken Stimmen.

Eine Drehbühnenkonstruktion sorgte jeweils für ein imposantes Hintergrund-Panorama.

Musikalisch mit viel Feingefühl begleitet wurde das Geschehen von der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Motonori Kobayashi.

Die Zauberflöte vereinigt gleich mehrere Musiken und Theaterstile, der Opera seria, der Opera buffa oder der lyrischen Tragödie. Mal witzig humorvoll leicht, mal wehmütig oder je nach Lage aufbrausend.

Wer der oder die „Gute“ und „Böse“ lässt sich nicht so leicht auf anhieb erkennen. Alles hat seine zwei Seiten. Es geht vor allem um gegensätzliche Mächte, Rache, Patriachat und Emanzipation. Sarastro ist der Herrscher eines elitären Männerordens mit seinen Priestern, gleichzeitig gilt in seinen “heiligen Hallen“ Vergebung. Tamino, mit großartiger Stimme gesungen von Sungho Kim, ist eigentlich nicht der Held. Er schickt gerne seinen Begleiter, den lustigen Vogelfänger Papageno vor, wenn es brenzlig wird. Die Rolle des Papageno ist Morgan Moody wie auf den Leib geschnitten. Hier kann er seinen Spaß am Spiel und Gesang voll ausleben. Ähnliches gilt für Wendy Krikken als Papagena.

Sie sind eigentlich neben der mutigen Pamina, mit klarer Stimme gesungen von Tanja Christine Kuhn. Sie ist die „starke Frau“.

Für eine weitere humorvolle Komponente sorgten die schützenden Begleitungen in Form der drei Damen von der Königin der Nacht (Heejin Kim, Hyona Kim, Maria Hiefinger) auf der einen, und die 3 Knaben (Solisten des Knabenchors der Chorakademie Dortmund). Gefallen konnten auch die Priester (Mario Ahlborn, Carl kaiser) sowie Fritz Steinbacher in der Rolle des Aufsehers Monostatos.

Die bedeutende Rolle hatte das hilfreiche Glockenspiel und die „Zauberflöte“ als Symbol für die Kraft der Liebe.

Die Macht von der Königin der Nacht und Sarastro konnte in Form der Puppen effektvoll auf den Boden abgeworfen werden.

Die gelungene Inszenierung und alle Beteiligten wurden mit viel Applaus und Standig Ovations vom Publikum belohnt.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie unter www.theaterdo.de oder Tel: 02321/50 27 222




Hosenrolle – Das Weibliche zwischen Selbst- und Fremdbestimmung

Eine Frau steht vor einer entscheidenden Frage: Soll sie ihr Buch unter ihrem Namen veröffentlichen oder unter einem Pseudonym. Männlich? Weiblich? Was würde es bedeuten? Verschwindet dadurch das Weibliche oder ist das ein emanzipatorischer Akt. Dieser Frage geht das Theaterkollektiv „Sepidar“ im Fletch Bizzel unter dem Titel „Hosenrolle“ nach. Premiere ist am 28. Oktober 2022.



In der Theatersprach bezeichnet die „Hosenrolle“ einen männlichen Charakter, der von einer Frau (meist Mezzosopran) gesungen wird. Im Theaterstück geht es aber um eine Autorin, die sich entscheiden muss, unter ihrem Namen oder unter männliches Pseudonym zu veröffentlichen. Beides hat Vor- und Nachteile.  

Das Team um die beiden Performer*innen Elina Brams Ritzau und Mamadoo Mehrnejad hat viel recherchiert. Herausgekommen ist ein Stück, bei dem die beiden Performer*innen die die Vor- und Nachteile und die Widersprüche einer  Pseudonymwahl herausarbeiten. Dabei wird darauf geachtet, keine Klischees zu bedienen. Es gibt auch keine eindeutigen Antworten, denn jede*r sollte die Freiheit haben, zu entscheiden, was ihm oder ihr passt.

Die Bühne wird sehr minimalistisch gehalten sein und es wird viel mit Schatten gearbeitet. Bücher spielen eine große Rolle.

Sepidar Theater – „Hosenrolle“

Fr. 28. Oktober 20.00 Uhr PREMIERE

Fr. 25. November 20.00 Uhr

Sa. 26. November 20.00 Uhr

PREISE: 17/8 €

www.fletch-bizzel.de




Der Vampir, das sind wir

„Die tonight“ von Sivan Ben Yishai hatte bereits die vergangenen Spielzeit Premiere gefeiert, aber aus verschiedensten Gründen konnten wir von ars tremonia niemand zu den Terminen hinschicken. Bei der Wiederaufnahme am 14. Oktober 2022 hat es endlich geklappt und ich konnte mir ein Bild von der Aufführung (Regie: Paul Spittler) im Studio machen.



Das Stück heißt komplett „Die tonight, live forever oder Das Prinzip Nosferatu“ und ist in den vergangenen Jahren öfters auf den verschiedenen Schauspielbühnen aufgeführt worden. Im Mittelpunkt stehen drei namenlose Menschen, die freiwillig oder unfreiwillig zu Nachtmenschen werden oder bereits welche sind.

Da wäre zum einen der Makler (gespielt von Linus Ebner), der ein wenig an die Figur Jonathan Harker aus „Dracula“ erinnert. Er verfällt langsam, aber sicher der Nacht. Drogen und homosexuellen Sex ist für ihn die Erfüllung, aber auch Flucht aus den kalten Vorstädten. Am eindrucksvollsten ist die „Business-Frau“ (Valentina Schüler), die nicht nur scheinbar alle Selbstoptimierungsbücher gelesen hat, sondern alles als ihr „Projekt“ sieht. Selbst als sie mit Krebs konfrontiert wird. Die zweite Frau (Lola Fuchs) kann obwohl sie müde und kaputt von der Arbeit ist, dem Reiz der Nacht nicht widerstehen.

Alle drei sind Getriebene, die der Nacht verfallen sind. Anders gesagt: Sie verwandeln sich aus eigenem Willen in Untote. Kein Vampir – ob Nosferatu oder Dracula – muss sie dazu machen.

Neben dem Blutsaugermythos präsentiert uns das Stück noch einen besonders gruseligen Ort in Paris: Die Katakomben. Von 1785 bis zum 19. Jahrhundert wurden in den alten unterirdischen Steinbrüchen von Paris etwa 6 Millionen Gebeine überführt. Etwa zwei Kilometer vom riesigen, teilweise noch unerforschten Gelände ist öffentlich zugänglich. Natürlich gibt es auch einen Horrorfilm aus dem Jahre 2014 (As above – so below) zum Thema.




Romeo und Julia – eine unvermeidbare Tragödie?!

Am 15.10.2022 hatte im Opernhaus Dortmund das Ballett „Romeo und Julia“ (Musik von Sergej Prokofjew) unter der Choreografie von Jean-Christophe Maillot mit der hiesigen Ballett-Compagnie seine eindrucksvolle Premiere. Musikalisch begleitet wurde die Aufführung von der Dortmunder Philharmoniker unter der sensiblen Leitung der neuen Kapellmeisterin Olivia Lee Gundermann. Der genaue historische Hintergrund stand bei der Inszenierung im Hintergrund.



Das Bühnenbild wurde puristisch einfach gehalten. Weiße Schiebewände und eine Rampe bildeten den multifunktional nutzbaren Hintergrund für die Handlung. Auch die Farben der Kostüme waren in hellen (Montague-Clan) und dunklen Farben (Capulet-Clan) gehalten. Pater Lorenzo (Simon Jones) in schwarz-weiß gekleidet führte emotional als „roter Faden“ die Tragödie. Wegen des tragischen Ausgangs für Romeo und Julia plagt ihn sein Gewissen und er versucht verzweifelt, einen Moment zu finden, um das Unheil zu verhindern. Ihm zur Seite standen oft seine zwei Messdiener (Matheus Vaz, Alessandro Clotta).

Im Mittelpunkt stand das sich trotz ihrer verfeindeten Familien verliebende Teenager-Paar Romeo (Filip Kvačák) und Julia (Sae Tamura). Anrührend stark, mal jugendlich verspielt dann wieder gefühlvoll intensiv, brachten beide tänzerisch den Charakter ihrer Figuren glaubwürdig auf die Bühne. Es ging aber auch um die verschiedenen Formen von Liebe. So die starke Freundschaft von Romeo, Mercutio (Márcio Barros Mora) und Benvolio (Joshua Green), oder die verschmähte Liebe von Rosalinde (Amanda Vieira) und Paris (Maksym Palamarchuk).

Isabelle Maia glänzte als strenge Mutter Lady Capulet, die ihre Tochter mit einem einflussreichen reichen Mann (Graf Paris) verkuppeln wollte Eine lustige Komponente kam durch die Figur der quirligen Amme (Giuditta Vitiello) auf die Bühne. Cousin Tybalt (Javier Cacheiro Alemán) vom Capulet-Clan starb in einem dramatischen Zeitlupen-Kampf mit Romeo (Montague) als einer der Opfer des Hasse und Streites der Familien-Clans. Die Vertreter vom Dortmunder Ballett zeigten virtuos ihr Können.

Alle beteiligten Tänzerinnen und Tänzer dieser Aufführung mussten nicht nur die technischen, teils akrobatischen Herausforderungen meistern, sondern mit viel Gestik die unterschiedlichen Gefühlslagen ihrer Figur darstellen und dem Publikum nahebringen. Das Ganze musste auch noch passgenau zur eruptiven Musik von Prokofjew geschehen.

Ihre starke Leistung wurde Standing Ovations honoriert.

Informationen zu weiteren Aufführungen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.:0231/50 27 222.




Lenz von Trafique – Wahnsinniger oder Held

Woher kommt die Faszination von Georg Büchner sich mit Menschen zu beschäftigen, die nach heutiger Definition als „psychisch krank“ gelten würden? Liegt es daran, dass er Arzt war? Bei „Woyzeck“ ist es der langsame Wahn, vielleicht mitverursacht durch medizinische Experimente, die ihn zu einem Eifersuchtsmord treibt. Und bei Lenz?



Die Theatergruppe Trafique um Björn Gabriel aus Köln präsentierte am 07. Oktober 2022 im Roto-Theater wegen einer Corona-Erkrankung nur einen Film, der aber weit mehr war als nur eine abgefilmte Bühne, sondern auch die Dynamik des Stückes einfangen konnte, wenn auch der wichtige direkte Kontakt zum Publikum fehlte.

Dieses saß trotzdem erwartungsvoll im Roto-Theater, ausgestattet mit einer Tüte Popcorn und lies sich auf den „Lenz“ ein. Im Film von Trafique steht die Begegnung von Lenz mit dem Pfarrer Oberlin im Mittelpunkt und die Entwicklung des Wahnsinns von Lenz. Büchners Arbeit basiert auf dem Schicksal des Schriftstellers Jakob Michael Reinhold Lenz, der von 1751 – 1792 lebte. Auch Pfarrer Johann Friedrich Oberlin (1740-1826) ist eine historische Figur, die bis heute einen positiven Ruf genießt.

Eindrücklich zeigten die drei Schauspieler Anna Marienfeld, Franziska Schmitz und Stephan Weigelin den Weg in den Wahnsinn. In kalter blauer Farbe zeichnet der Film Oberlins Haus, dessen oberflächlicher Humanismus auch viel Kälte ausstrahlt. Im satten Grün hingegen erscheinen die Naturszenen.

Doch woran krankt Lenz? An seinem Idealismus? Vielleicht an seiner Orientierungslosigkeit? Der historische Lenz stammt aus dem Baltikum und hat sich früh von seinem Elternhaus entfernt, ging nach Straßburg und St. Petersburg. Schließlich starb er in Moskau.

Was kann einem Menschen denn Halt geben? Als Sohn eines Pfarrers, der bei einem Pfarrer Asyl sucht, kann es nur die Religion sein. Denn in dieser Zeit wurden psychische Erkrankungen gerne auch als „Sünde“ gegen Gott bezeichnet. Doch die Religiosität Oberlins kann Lenz nicht helfen, Lenz versucht sogar in seinem Wahn ein jüngst gestorbenes Kind wieder aufzuwecken.

Büchners Lenz spielt in einer Zeit voller Umbrüche. 1835 ist in Deutschland die Zeit der Industrialisierung und des Frühkapitalismus. Gewaltige Umbrüche tun sich auf, die die Gesellschaft umwälzen werden. In dieser Zeit leben Menschen wie Lenz, die aus der Zeit gefallen sind. Büchners Lenz versucht seinen Idealismus und Heimat zu bewahren in einer Zeit der Umbrüche und Orientierungslosigkeit und scheitert. Die Religion hat ihre Bindungskraft und ihre Versprechungen verloren. Es bleibt der Wahnsinn.

Manche Zeiten kommen wieder. Die Orientierungslosigkeit, die die Digitalisierung und die aktuellen Krisen manchen Menschen gebracht hat, ist vielfach spürbar.




Zynische Persiflage auf eine kalte neoliberale Gesellschaft

Im Schauspiel Dortmund hatte am 08.10.2022 „GRM.Brainfuck Das sogenannte Musical“ nach dem Roman von Sybille Berg unter der Regie von Dennis Duszczak seine Premiere.



Diese Geschichte beginnt in einer nahen Zukunft im trostlosen Kaff Rochdale. Verlassen von ihren Eltern, fallen gelassen von Staat und Gesellschaft raufen sich dort vier jugendliche Außenseiter*innen (Don, Hannah, Karen, Peter) zusammen. Sie machen sich gemeinsam auf die Reise nach London. In leeren Fabrikanlagen suchen sie Zuflucht vor einem immer extremer werdenden Überwachungsstaat, der nur die Reichen immer reicher macht. Kraft und ein Ventil für ihre Wut findet vor allem Don (Donatella) in der aus Großbritannien stammenden Musikstil Grime (Englisch für Schmutz). GRM hat seine Wurzeln in der elektronischen Musik (etwa 2 Step, Jungle, UK Garage).

Auf ihrem Selbstfindungsprozess, der Suche nach Gerechtigkeit und Racheplänen gegen jene, die ihnen weh getan haben, treffen die Vier auf eine Gruppe von Hacker*innen. Diese streben eine digitale Revolution an. Außerdem werden sie mit der Lebensrealität von Thome (vernachlässigter Sohn aus reichem Elternhaus) konfrontiert. Dessen Vater ist ein Geld und machtgieriger Politiker auf Kosten anderer Menschen ohne Achtung vor Thome….

Das Bühnenbild war passend düster und als Bezug zu unserer Stadt im Hintergrund das Dortmund U in einem grauen Farbton zu sehen. Die in der Geschichte in einer nahen Zukunft dargestellten Probleme betreffen ja auch zunehmen unsere Stadt

Die sechs Schauspieler*innen Lola Fuchs, Christoph Heisler, Sarah Quarshie, Nina Karimy, Linus Ebner, Mervan Ürkmez schlüpften in die unterschiedlichen Figuren und verkörperten sie eindrucksvoll lebendig mit vollem Körpereinsatz. Diese Story von Ungerechtigkeit und Widerstand. Das Erzählte wurde immer jeweils anderen Schauspieler*innen ironisch kommentiert.

Trotz seiner derben dystopischen Grundstimmung gab auch einige humorvoll-ironische Momente im Stück. So sahen die Zuschauer*innen beispielsweise auf einem Bild von dem neuen König Charles III. mit einer Krone von „Burger King“. Dennoch klebt die negative Stimmung wie Kaugummi am Schuh, es gibt kein „Happy End“, keine Hoffnung. Wenn es einen Song gibt, der dieses Stück beschreibt, ist es die Stalker-Hymne von The Police „Every breath you take“, das von Lola Fuchs gesungen wird. Nur wird in „GRM.Brainfuck“ nicht eine Person überwacht, sondern die gesamte Gesellschaft, die das sogar überwiegend freiwillig macht.

Musikalisch begleitet wurde die Inszenierung stark von Malte Viehbahn (Bass, Synthie), Christoph Helm (Schlagzeug) und Emilia Golos (Klavier, Synthie). Schauspieler*innen konnten ihr auch ihr Gesangstalent unter Beweis stellen.

Die Leistung aller beteiligten bei dieser Inszenierung voll aktueller Brisanz wurde mit viel Applaus vom Publikum belohnt. Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel. 0231/ 50 27 222.