BOYBAND – wann ist ein Mann ein Mann

Das Theaterkollektiv notsopretty, in Kooperation mit dem Ringlokschuppen Ruhr, führte das Stück über Männlichkeit, männliche Sexualität und die gesellschaftliche Stellung des Mannes in Theater im Depot in der Immermannstraße 29 auf.



Eine Boygroup oder Boyband (englisch boy band) ist eine Popgruppe mit ausschließlich männlichen Mitgliedern im Teenager- und Twen-Alter, die oft auch synchron zum Gesang tanzen. Nicht unter diesen Begriff fallen für gewöhnlich rein männliche Bands, deren Mitglieder Instrumente spielen

Bereit zum Auftritt: Die Boyband. (Foto:  (c) Anne Spindelndreier)
Bereit zum Auftritt: Die Boyband. (Foto: (c) Anne Spindelndreier)

Die Bezeichnung, Boygroup oder Boyband, wird erst seit den 1990er-Jahren verwendet, auch wenn das Konzept der analog zu Girlgroups meist von Managern oder in einem Casting zusammengestellten Gruppen bereits früher erfolgreich war. So in den 1960ern die Monkees, in den 1970ern die Bay City Rollers und die New Kids on the Block in den 1980ern, übrigens produziert in Deutschland, in Herne. Dann kamen die geradezu identisch konzipierten Gruppen wie Take That, East 17, Worlds Apart, Backstreet Boys, *NSYNC (beide letzteren Lou Pearlman) und Caught in the Act. Mitte der 1990er-Jahre wurde der Begriff Boygroup im deutschen Sprachraum geläufig. In der ersten Hälfte der 2010er-Jahre war One Direction international erfolgreich, in der zweiten Hälfte war vor allem die südkoreanische Gruppe BTS bis heute populär. Gecastet Boygroups und der K Pop sind seit den 1980ern vor allem in Asien sehr erfolgreich. Seit den 2010er-Jahren zunehmend weltweit.

Eine Besonderheit von Boygroups ist ihr kommerzieller Charakter, da sie auf die Zielgruppe der weiblichen Teenager ausgerichtet sind. Daneben bedienen die Boygroups auch die LGBTQIAplus community, aber ohne das zu verbalisieren. Und leider werden Gruppenmitglieder, die gay sind, daran gehindert sich zu outen, weil es die weiblichen Fans verschrecken würde … was eher eine calvinistische Prüderie ist als eine Tatsache. Zumal Boylove Filme und Mangas gerade unter weiblichen Lesern und Zuschauern größter Beliebtheit erfreuen.

Die Musik folgt aktuellen Trends, Satzgesang ist typisch. Ein Musikproduzent überwacht das Gesamtkonzept von der Musik über die Choreografien bis zum Image. Oft lösen sich Boygroups nach einigen Jahren wieder auf, wenn ihre Fans das Teenager-Alter verlassen haben oder eine neue Gruppe vermarktet werden soll, wobei aber einzelne Mitglieder durchaus auch Solo-Karrieren durchlaufen und sich, wie Robin Williams, dauerhaft etablieren können. Die koreanische K Pop Gruppe BTS ist hier eine herausragende Ausnahme, weil sie länger stabil im Markt blieben; Kulturbotschafter Koreas sind und jetzt in eine „Militärpause“ gehen, da sie ihre Militärpflicht erfüllen müssen.

Soweit der Exkurs, nun zum Stück. Es beginnt mit Versatzstücken aus Gesprächen und Fragen an die Protagonisten. Oberflächlichkeiten, die an Instagram-Posts erinnern, sie bleiben unbeantwortet. Wie die unerfüllten Liebessehnsüchte ihrer Fans. In diesen Fragen schwingen Sex und Homoerotik offen und unterschwellig mit. Und über allem schwebt die Frage, was ist das Konzept „Mann“ eigentlich, wie definiert sich ein „Mann“, wie muss oder soll er sein?

Wie toxisch das Konzept Mann ist, wird im Lauf des Stückes immer deutlicher. Ohne dabei an den derzeitigen Krieg zu denken, wo russische Soldaten und Wagner Söldner die in Russland gelebte toxische Männlichkeit „ausleben“, inklusive Vergewaltigung.

Wie schnell diese toxische Männlichkeit, deren Vertreter meine Grandmère immer mit „Männekens“ bezeichnete, gefährlich abgleiten kann, wird im weiteren Verlauf des Stückes von den Protagonisten gut herausgearbeitet und dargestellt.

Im Stück bleibt es nicht bei der Anklage, sondern es wird eine Lösung angeboten, die gerade unsere AltRight Helden im Reichsbürger- und Blut und Boden Wahn auf die hier nicht wachsenden Palmen treibt. Die das Gendern der Sprache, am alten Männlein-Konzept festhaltend, kategorisch ablehnen und dafür einen in Russland, durch einen gewissen Dugin, pervertierten Begriff verwenden, der eigentlich aus der Afro-Community der USA kommt: „woke“. Damit wird alles abgelehnt, was nicht konservativ „männlich“ ist, beginnend beim Gendern, über Trans-Menschen und am Ende alles was LGBTQIAplus ist sowie einfühlsame, sensible Männer, die sich erlauben auch Gefühle zu zeigen.  Der Ausspruch, dass alle Wölfe sein müssen, wabert in den Köpfen der AltRight (Faschisten/NAZIs) vor sich hin. Wo das endet, sieht man in der Ukraine und vor 90 Jahren hier in Deutschland.

Woke entstand im Übrigen in den 1930 in den USA unter der Afroamerikanischen Bevölkerung, die sich für Demokratie, Teilhabe, Bildung, Weltoffenheit und Menschenrechte interessierten.

Die drei Schauspieler, David Martinez Morente, Lars Nichtvontrier und Felix Breuel, schwirren zum Höhepunkt im „transparenten“ Drag als geschlechterübergreifende, fluide Individuen auf der Bühne umher und reißen das Publikum mit in den Strudel.

Zum Ende hin wird deutlich, wie sehr Männlichkeit ein Konstrukt ist, in das wir als Männer und Frauen, die Weibchen in dem primatösen Konzept, hinein geordnet und erzogen werden. Ein toxisches Konzept, das schon Herbert Grönemeyer mit „Wann ist man ein Mann?“ hinterfragte.

Eine Buchempfehlung zum Thema Boygroup/-band

Georgina Gregory: Boy Bands and the Performance of Pop Masculinity. Routledge, New York / London 2019, ISBN 978-1-138-64731-2.

Konzept / Künstlerische Leitung        notsopretty

Video                                                  Pooyesh Frozandek

Technik                                              Nils Hestermann

Outside Eyr                                        Miriam Michel

Grafikdesign                                      Viviane Lennert

Fotographie                                       Anna Spindelndreier




Vom Ich zum Wir

„Wohin gehen schwarze Menschen, wenn sie sterben?“ Das Zitat aus dem Stück „Ewigkeit, Ende, und alles, was niemals begann“, der Gemeinschaftsarbeit von TA-NIA, ist eine der Fragen, die bei der Uraufführung des Stückes am 17. März 2023 im Studio gestellt wurden.



Erst einmal irritiert die Frage, denn was macht es für den Tod einen Unterschied, ob er schwarze, gelbe oder weiße Menschen ereilt? Doch die Glaubensvorstellung, was nach dem Tod passiert, variiert. Denn trotz Christianisierung oder Islamisierung ist der Glaube an den Ahnenkult in Afrika immer noch wach.  Der Ahnenkult spielt in vielen afrikanischen Kulturen eine wichtige Rolle und ist oft eng mit dem Glauben an eine spirituelle Welt und der Verehrung von Vorfahren verbunden. 

Dena Abay und Simon Olubowale vor einer Art "Thron". (Foto: (c) Birgit Hupfeld
Dena Abay und Simon Olubowale vor einer Art „Thron“. (Foto: (c) Birgit Hupfeld

Und „Ewigkeit, Ende, und alles, was niemals begann“ ist eine Art von Ritual, das die Transformation eines Menschen durch den Tod in eine Ahnin, in einen Ahnen. Ahnen, wie die Figur der Shi-Shi, werden als Vermittler zwischen der irdischen und der geistigen Welt angesehen, und es wird angenommen, dass sie weiterhin Einfluss auf das Leben ihrer Nachkommen haben können.

Nun gibt es den Ahnenkult nicht nur in Afrika, sondern auch in Asien. Beispielsweise im Schintoismus in Japan. Die Verehrung von Ahnen im Schintoismus beinhaltet oft die Errichtung von Schreinen oder Altären, an denen Ahnenbilder und -relikte aufbewahrt werden. Viele dieser Schreine und Altäre sind eng mit der Geschichte und Tradition der Familie oder Gemeinschaft verbunden, und es wird angenommen, dass sie als Vermittler zwischen den Ahnen und der irdischen Welt dienen.

Das Stück ist eine Form eines Rituals. Wir sehen eine Strohpuppe (die die Leiche symbolisiert und verbrannt wird), zwei Personen, Xo (Dena Abay) und Kofi (Simon Olubowale) halten Trauerreden und Gebete, aber der Frust über den Tod lässt sie verzweifeln. Sie wenden sich an die „Death Doula“ (eine Art Sterbebegleiterin) und Ahnin Shi-Shi, die ihnen erklärt, wie der Tod als Weg zu begreifen ist, um das Leben neu zu gestalten.

Das Stück besteht aus zwei Teilen, die durch eine Pause unterbrochen werden. In dieser Pause konnte man sich einen thematisch passenden Kurzfilm im ehemaligen Institut ansehen.

Insgesamt ist das Stück sehr physisch, viel Bewegung, aber – trotz des eher traurigen Themas „Tod“ – doch sehr vergnüglich. Vor allem, wenn Simon Olubowale als „Kofi“ mit dem Klettband ins Publikum geht und etwas absteckt. Gegen Ende des ersten und zweiten Teils wird das Stück etwas esoterisch, wenn kosmologische Begriffe wie „schwarzes Loch“ in den Ahnenglauben implementiert werden, doch das ist verzeihlich.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Gemeinschaft. In dem Kurzfilm „Alles, was niemals begann“ führt Shi-Shi (Ruby Commey) ein autogenes Training mit uns durch, mit der Botschaft „Aus Ich wird Wir. Ich fühle mich verbunden“. Dieses Denken in Gemeinschaft ist ein Element vieler Kulturen Afrikas. Im südlichen Afrika gibt es dafür den Begriff „Ubuntu“. Die Aufklärung in Europa stellte das Individuum in den Mittelpunkt des Denkens und lehnte die Idee ab, dass eine Person durch ihre soziale oder religiöse Herkunft oder ihre natürlichen Eigenschaften vorbestimmt sei. Dabei kann es passieren, dass ein übertriebenes Streben nach individueller Freiheit und Autonomie ohne Rücksicht auf andere zu egoistischen Verhalten („Ich, ich, ich“) führen kann. Ubuntu hingegen bezieht sich auch auf das Konzept der Verantwortung und des Mitgefühls in einer Gemeinschaft. Wenn jemand in einer Gemeinschaft leidet, betrifft dies alle Mitglieder der Gemeinschaft, und es wird erwartet, dass jeder sich um den betroffenen Menschen kümmert und ihm Hilfe anbietet.

Somit ist „Ewigkeit, Ende und alles, was niemals begann“, eine spannende Reise in die – sicher nicht nur – afrikanische Sichtweise von Leben und Tod. 




Tanztheater-Performance „Alles spiegelt sich“

In Koproduktion mit dem Dortmunder Theater im Depot hatte die Tanzwerkstatt KOBI Seminare in dessen Örtlichkeit am 11.03.2023 mit ihrem neuen Projekt „Alles spiegelt sich“ Premiere.



Seit September 2022 beschäftigten sich 14 Frauen, die zwischen 48 und 65 Jahre alt sind und deren leidenschaftliches Hobby Tanz und Theater ist, mit diesem neuen Stück. Konzept und die Choreografien stammen von Birgit Götz.
An der Bühnenwand waren mehrere Spiegel zu sehen und auf der Bühne vier begeh- und bewegbar gemachte große. Diese wurden später von den Beteiligten für ihre Choreografie-Performance ausgiebig genutzt.
Zudem kamen auch offene Kartons mit Spiegelfolien oder dünne weiße Masken zum Einsatz, welche die Akteure über den Kopf ziehen konnten, ohne dass ihre individuellen Gesichter erkannt werden konnten.

"Alles spiegelt sich" (Foto: (C) Birgit Götz)
„Alles spiegelt sich“ (Foto: (C) Birgit Götz)

Es geht um die Frage, wie wir uns und andere sehen. Was und wen spiegeln wir? Durch welche Erfahrungen, Schönheitsideale und Vorbilder wird unser „Bild“ über uns und dem Gegenüber bestimmt? Lohnt es sich, hinter den Spiegel und die oberflächlichen Fassaden zu blicken, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten auszuloten?
Die Frauen auf der Bühne fügen mit viel Humor und Selbstironie ihre Spiegelbilder zusammen und verbünden sich mit dem Publikum. Dies hat die Möglichkeit, schon vorher mit Taschenlampen die sich auf der Bühne bewegenden Darstellerinnen (die eine Art reflektierenden Handschuhen trugen) zu „durchleuchten“.
Da sich alles spiegelt, waren die Zuschauenden zudem selbst mit kleinen „Spiegelfolienträgern“ ausgestattet und wurden in das Stück aktiv einbezogen. Sie sollten nach Aufforderung zum Beispiel in den Spiegel schauen und sagen, ob sie damit zufrieden sind. Dann wurden auch noch Fragen zu den Personen auf der Bühne gestellt.
Witzig war die kleine, humorvoll-ironisch eingebaute Modeschau, bei der die Zuschauenden jeweils aus zwei Kleidungsstücken oder Accessoires auswählen durften.
Neben der Choreografie war natürlich die passende Musikauswahl von Marianne Rosenberg bis Aretha Franklin für die Ausdruckskraft bedeutend.
Das Wichtigste ist wohl, dass man sich gut fühlt und mit sich im Reinen ist. Nur wer sich mag, kann den Ähnlichkeiten und Unterschieden zu anderen Menschen offen begegnen.
Kompliment an alle Beteiligten für die starke Leistung.




Opulente, bildgewaltige Oper – Nixon in China

Eine Oper über einen Staatsbesuch in den 70er Jahren? Nicht nur ein Staatsbesuch, eines der wichtigsten Treffen zweier Staatsmänner nach dem Zweiten Weltkrieg. Nixons Staatsbesuch in China im Jahr 1972 war ein historisches Ereignis, das zu einer wichtigen Wende in den Beziehungen zwischen China und den USA führte. Vor diesem Besuch hatten China und die USA seit fast 25 Jahren keine diplomatischen Beziehungen mehr, und beide Länder betrachteten sich gegenseitig als Feinde. Der Besuch führte zu einer deutlichen Entspannung in einer Zeit des kalten Krieges.



Daraus machte John Adams nach einem Libretto von Alice Goodman eine Oper, die 1987 aufgeführt wurde. Martin C. Berger verwandelte mit seinem Team die Opernbühne in ein visuelles Kunstwerk. Musikalisch begleitet von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Olivia Lee-Gundermann und einer starken Solistencrew stand einem gelungenen Opernabend zur Premiere am 26. Februar 2023 nichts im Weg.

Morgan Moody (Henry Kissinger), Daegyun Jeong (Chou En-lai), Petr Sokolov (Richard Nixon), Irina Simmes (Pat Nixon), Opernchor Theater Dortmund, Foto: (c) Thomas M. Jauk
Morgan Moody (Henry Kissinger), Daegyun Jeong (Chou En-lai), Petr Sokolov (Richard Nixon), Irina Simmes (Pat Nixon), Opernchor Theater Dortmund, Foto: (c) Thomas M. Jauk

Die Bilder, die Berger vor allem im ersten Akt auf die Bühne zauberte waren umwerfend. So lächelte uns ein riesiger Mao an, das bekannte Bild des Mondes mit einer Rakete im Auge aus „Frau Luna“ tauchte auch auf. Auf der Bühne hatte Kostümbildner Alexander Djurkov Hotter Nixon und Kissinger im ersten Akt in College-Uniformen gesteckt, während Mao und seine Sekretärinnen in einer Hippiekommune zu leben schienen.

Musikalisch betonte Komponist John Adams die kulturellen Unterschiede. Während bei den Amerikanern Jazz-Rhythmen eingewoben wurden, erklang bei den Chinesen eher traditionelle Klänge. Doch insgesamt ist die Musik von „Nixon in China“ typisch für den minimalistischen Stil von John Adams, der sich durch repetitive Rhythmen, klare melodische Linien und eine ständige Entwicklung und Transformation musikalischer Motive auszeichnet.

Während der erste Akt dem Besuch von Nixon gewidmet ist und allgemeine Freude darüber herrscht, wird es im zweiten Akt etwas ruhiger. Er zeigt im Dialog zwischen Nixon und Mao die politischen und ideologischen Unterschiede zwischen den USA und China auf. Ein weiterer wichtiger Punkt ist das Ballett, aus der Feder von Maos Frau Chiang Chìng stammt. Dort kämpfen Frauen gegen den Missbrauch durch Männer. Es ist ein wichtiges politisches Statement, das die Ideologie der chinesischen Führung unterstreicht und die Rolle der Frauen im revolutionären Kampf betont. Nixons Ehefrau Pat nimmt das Ballett so mit, dass sie anscheinend Teil davon wird. Auch ein Seitenhieb an die Rolle der Frau im Westen.

Der dritte Akt ist geprägt von introspektiven und emotionalen Momenten und zeigt die persönlichen Auswirkungen der Reise auf die Protagonisten. Hier erinnern sich Nixon und seine Frau an Ereignisse aus dem Zweiten Weltkrieg und Mao und seine Frau an das erste Kennenlernen.

Ein paar besondere Einfälle hatte das Regieteam beim wechseln zwischen den Akten. Im ersten Akt gab es gegen Ende eine Sammlung von „ungleichen Paaren“, die sich in Zeitlupe küssten. Von Hitler und Stalin bis BVB-Fan und Schalke-Fan war einiges ungewöhnliches dabei.

Zwischen dem zweiten und dritten Akt hatte das SeniorInnentanztheater einen großen Auftritt, denn sie verkleideten sich als mehr und minder berühmte und beliebte Prominente. Das Ehepaar Honecker war vertreten, Karl Marx kam in Begleitung eines Queen Elizabeth war da, Saddam Hussein und viele mehr. Martin C. Berger hatte die Idee, den dritten Teil in einem Seniorenheim spielen zu lassen, passend zum ruhigen und zurückblickenden Charakter des Aktes.  

Bleiben die Stimmen: Hier jemanden herauszuheben ist schwer. Vielleicht noch Daegyun Jeong, der als Premier Chou En-lai brillierte. Aber auch Petr Sokolov (Richard Nixon), Irina Simmes (Pat Nixon), Alfred Kim (Mao), Hye Jung Lee (Chiang Ch’in) und Morgan Moody (Henry Kissinger) hatten ihre Szenen. Wichtig ist aber in der Oper der Chor, schließlich spielt das Stück ja in China. Hier konnte sich der Opernchor Dortmund und das Projekt Extrachor verdientermaßen auszeichnen. Mit dabei war auch das NRW Juniorballett.

Ein Opernabend der besonderen Art. Es lohnt sich.




SPAAASS – WER BESTIMMT, WAS LUSTIG IST?

Interaktives Theaterstück von Christian Giese im KJT Dortmund

Sportunterricht. Während des Wartens auf den Sportlehrer bringen sich die Kids (Sekundarsufe2, 11 – 12 Jahre) auf den neusten Stand:

Wer macht gerade was mit wem, welcher Schuh ist angesagt und was kann man jetzt unter keinen Umständen mehr tragen? Die Frisur von Bruno geht jedenfalls gar nicht und trägt er da etwa …!? Bruno hat ein Fernglas und beobachtet gerne Vögel … Strange, für die im Frühpubertierstadium befindlichen Kids. Daraus entwickelt sich eine ausgezeichnet dargestellte Dynamik mit einer Zielscheibe.



Der Buzzer ertönt und Stopp. Das Geschehen auf der Bühne ist eingefroren.

Die Moderation/Sportlehrer unterbrach das Geschehen und befragt konkret die Beteiligten, wieso wer was genau gerade tut oder nicht, um anschließend auch das Publikum zu befragen: Wer mobbt hier wen und warum eigentlich? Und welche Rolle spielt Thilo, welche Jana? Was könnten die verschiedenen Rollen aus der Klassengemeinschaft tun?

Thomas Ehrlichmann, Jan Westphal, Wenja Imlau, Bianka Lammert und Rainer Kleinespel (im Hintergrund). Foto: (c) Birgit Hupfeld

Dabei zeigten die jungen Erwachsenen im Publikum ein ausgesprochen reges Interesse und nahmen beherzt den Mikrowürfel in ihre Hände, um ihre Ansichten und Meinungen zu äußern. Erstaunlich wie sensibel die Kids auf Missstände reagieren und sie benennen können, selbst wenn ihnen die Fachtermini dazu fehlen. Und erhellend, welche Lösungen sie anbieten konnten.

Bevor jedoch das Stopp Signal buzzt werden die entscheidenden Szenen wiederholt, die dann zurückgespult wurden … was das Ensemble hervorragend im Rückwärtsgang zur Belustigung aller zurückspulte, um dann die entscheiden 4 Stellen zu kommen, bei denen dann das Publikum interagieren durfte, konnte, sollte … erfrischend. Auch wenn sich das Stück zuerst an die jüngeren Erwachsenen richtet, auch die älteren Erwachsenen spürten einen Drang, sich zu Wort zu melden. Aber die Kids sind in diesem Stück die Gefragten.

Ausgehend von Christian Gieses Text `Spaaaß – Wer bestimmt, was lustig ist? ´ geht Johanna Weißert, Ensemblemitglied des KJT und Regisseurin Gruppendynamiken im Umfeld der Schule auf den Grund. Schon in ihrer erfolgreichen Inszenierung `Kein leichter Fall´ beschäftigte sie sich mit dem gesellschaftlichen Miteinander und der Frage nach Verbrechen und Täter*innenschaft. Denn auch Mobbing ist ein Verbrechen!

Mindestens eine*n in der Klasse trifft es immer. Viel öfter ist es ein wechselseitiger Prozess, der mehreren der Schüler*innen gleichermaßen begegnet: Mobbing. Fühlt sich eine Gruppe erst durch Aus- bzw. Abgrenzung als Gemeinschaft? Was ist schlimmer, aktive Provokation oder die passive Rolle der Mitlaufenden? Wo verläuft die Grenze hin zur Straftat? Und vor allem: Wie kann Courage aussehen?

Gemeinsam mit den Spielenden und dem Publikum geht dieses interaktive Theaterstück auf die Suche nach Antworten, Motiven und Handlungsoptionen.

Und jeder von uns hat Mobbing in den verschiedensten Stationen erlebt oder miterlebt. Der eine oder andere fand sich in Bruno wieder, andere in Jana, wieder andere in Sophie oder gar auch dem Thilo … Was oder wer er war entgegen seinem Selbstbild, wurde in dem Stück auch sehr deutlich … Der Bully ist der eigentliche Loser in der ganzen Mobbing Geschichte. Und das zu erkennen kann ganz schön weh tun.

Das Stück bietet auch allen Brunos, Janas und Sophies einen Rettungsring, um aus bestimmten Mobbingsituation heraus zu kommen, und gegen zu steuern. Dem Opfer zu helfen.

Das Ensemble des KJT hat wieder einmal ein perfekt professionelles und doch leichtes Spiel geboten, dass ein sehr ernstes, ja sogar lebensbedrohliches Problem thematisiert und zum Nachdenken und Lösungen finden spielerisch anregt.

Gedankt wurde es dem Ensemble mit Standing Ovations der Kids die mit den Füßen trampelnd applaudierten.

In einem Interview antwortet mir Bianka Lammert einmal, auf die Frage welches Publikum das schwierigste sei: die Kinder! entweder Du begeisterst sie vom ersten Moment oder du bist verloren.

Hier hat das Ensemble wieder vom ersten Moment an gewonnen.

Das Stück ist sehenswert und sollte man wirklich ansehen. Ich würde sagen ein Must See.

Jana                                        – Bianka Lammert

Moderator/Sportlehrer            – Rainer Kleinespel

Thilo                                       – Thomas Ehrlichmann

Bruno                                     – Jan Westphal

Sophie                                    – Wenja Imlau




Berührendes Maskentheater im Fletch Bizzel

Am 24.02.2023 gab es im Dortmunder Theater Fletch Bizzel mit „LONELY HEARTS CLUB“ eine besondere Premiere. Die vier Darsteller*innen führten das ganz neue Genre des nonverbalen Musiktheaters unter der Regie von Björn Leese ein. Der Regisseur hat im Bereich Maskentheater schon einige Erfahrung (z.B. Familie Flöz).



Da die Gesichtsmimik wegen der Masken und die Sprache als Ausdrucksmittel wegfallen, spielen Gesten und genaues Timing der Akteure eine wesentliche Rolle. Als zusätzlicher „emotionaler Vermittler“ dient die Musik. Passgenau eingesetzt vom musikalischen Leiter Dixon Ra.

Der Lonely Hearts Club. Alle vier DarstellerInnen auf einen Blick. (Foto: (c) Fletch Bizzel)
Der Lonely Hearts Club. Alle vier DarstellerInnen auf einen Blick. (Foto: (c) Fletch Bizzel)

Nicht nur, dass die Schauspielenden – für sie ungewohnt – keine vorgegebenen Texte lernen mussten, sondern zudem mit Atmung und Orientierung durch ihre Masken zu kämpfen hatten. Eine physisch starke Beanspruchung. Außerdem spielten die Darstellenden nicht nur eine Rolle, sondern meisterten die Aufgabe, sich gleich in mehrere Charaktere hinein zu versetzten.

Ort der Handlung war eine zeitlose, liebevoll Retro (etwa mit zwei alten Telefonen mit Wählscheibe, oder einer Musik-Box) eingerichtete Bühne als „Club“. Dieser spezielle Ort im Bahnhofsviertel hat schon bessere Zeiten gesehen. Die Kostüme sorgfältig ausgewählt.

Die (couragierte) Chefin Frau Hartmann spielte Rada Radojčić , zusätzlich noch den Gast Siggi. Ihre Nichte Dzaki Radojčić die Reinigungskraft Heidi und eine alte Dame. Cristiane Wilke begab sich in die Rollen des Geschäftsführers Fritz, einer schönen Dame in Blau sowie in die des Schlägers Carlo. Mika Kuruc übernahm die Rolle des Barkeepers Ernie und als albanischer Mafiosi. Allen gelang es gut, sich in die emotionalen Lagen ihrer Charaktere einzufühlen und für das Publikum rüber zu bringen.

Das Maskentheater changiert zwischen Komik und Tragik. Das erinnert uns an den Clown aus unserer Kindheit. Die ganz Palette der Gefühle, ob heimliche Liebe, Ängste, Melancholie oder Sucht fanden auf der Bühne ihren Platz. Scheitern mit Chance als Option inklusive.

Die verschiedenen Personen, die Angestellten, heimische Gäste oder auf der Durchreise verbindet die Sehnsucht nach Abenteuer und nach dem Tanz ihres Lebens.

Es blieb der Raum für die ganz persönlichen Interpretationen und wie es Björn Reese formulierte „Spiegelungen der eigenen Seele“.

Ein wunderbares Theatererlebnis über alle Sprachgrenzen hinweg. Ein kleiner Gegenpol zum  „Action-Trend“.  Informationen über weitere Aufführungstermine erhalten Sie unter www.fletch-bizzel.de oder Telefon: 0231/ 14 25 25




Eine queere Geistergeschichte

Mit „Tanz der Krähen“ zeigte das Theater im Depot am 24. und 25. Februar eine Produktion des Queeren Theater Kollektivs. Ars tremonia war am 24. Februar dabei und hat sich zwar nicht gegruselt, aber dafür viel über queere Lebenswelten erfahren.



„Tanz der Krähen“ basiert lose auf den Kurzgeschichtenband „Die Geisterjägerin“ von Chris* Lawaai. In einer Welt, die voller Magie ist, mit Tarotkarten und natürlich mit Geistern.

Kann sich noch jemand an den Aufschrei erinnern, als eine Neuauflage des „Ghostbuster“-Films erschien, weil die Protagonisten Frauen waren? Das Theaterstück dreht die Schraube nochmals weiter. Die Hauptfigur Robyn (keine Pronomen) identifiziert sich als genderfluid, demisexuell und demiromantisch. Stilsicher und in der Magie versiert, führt Robyn das familiäre Geschäft mit dem Übernatürlichen auf die eigene Art weiter. Eine weitere Hauptfigur Sammi (they/them) identifiziert sich als nicht-binär, androsexuell und mit emotionaler Anziehung. Sammi bezeichnet sich selbst als Geisterjäger*in und hat dabei eine besondere Bindung zu zwei Krähen. Hinzu kommt Cael, er identifiziert sich als androgyn, pansexuell und panromantisch. Hat aber ein Problem: Er ist tot und taucht als Geist auf dem Smartphone auf.

Es gibt bereits Filme, die sich dem Thema Geister auf Smartphones widmen, wie beispielsweise „Unfriended“ von 2014, aber die Geschichte orientiert sich eher an „klassischen“ Künsten, die dem Wicca-Kult“ ähneln. Es gibt Rituale mit den vier Elementen, Tarot-Karten, Kräuterbehandlungen und Tiermagie.  

Unterbrochen wurde das Stück durch kleine Choreografien, bei denen die Darstellenden ihre Gedanken zu emotionaler Nähe und Beziehungen ausdrücken.

Die Aufführung bestach nicht so sehr mit dem Gruselfaktor, sondern mit Informationen über queere Lebenswelten. Hier erfuhren die BesucherInnen einiges über nichtbinäre Geschlechteridentitäten, Demiromantik oder der chosen familiy.

Besonders gefiel mir die Bühne, die mit weißen Bannern gefüllt war. Auf diesen Bannern wurden Filme und Bilder projiziert und es gab eine Art Schattentheater.

Auf der Bühne standen Nys (Robyn), Francis Siefer (Sammy), Johanna Angona, Emir Ersoy, Nikola Asif, Lisa und Markus.




Geierabend 2023: Positive Bilanz – Claudia Roth gewinnt Pannekopporden

Nach zwei Jahren Pause konnte endlich wieder der Dortmunder Alternativkarneval abheben: Der Geierabend war zurück auf Zeche Zollern. Mit beinahe 90 Prozent Auslastung konnten der Präsident, der Steiger und das Team zufrieden sein. Insgesamt konnten über 8000 ZuschauerInnen über die Gags „geiern“.



Dabei standen am Anfang große Fragezeichen. Würden sich die Dortmunder nach der langen Pause durch Corona noch an den Geierabend erinnern? Der Vorverkauf verlief zufriedenstellend und so konnte die Spielzeit 2023 an den Start gehen. Wie würden die ZuschauerInnen die neuen MitstreiterInnen aufnehmen? Denn alte, geliebte Figuren sind verschwunden. Doch das Team um den Präsidenten (Roman Marczewski) und den Steiger (Martin Kaysh) konnte sie schnell überzeugen.

Ob Claudia Roth sich den Pannekopporden umhängt? Hier wird er präsentiert von Mit-Regisseur Joey Gerome Porner, Martin Kaysh (Steiger) Roman Marczewski (Präsident) und Sandra Schmitz.
Ob Claudia Roth sich den Pannekopporden umhängt? Hier wird er präsentiert von Mit-Regisseur Joey Gerome Porner, Martin Kaysh (Steiger) Roman Marczewski (Präsident) und Sandra Schmitz.

Die lange Pause war die Möglichkeit neue KollegInnen ins Team zu werfen. Das gelang überraschenderweise sehr gut. „Alte Figuren wurden gut ersetzt“, so Schauspielerin Sandra Schmitz, „neue Figuren gut angenommen.“ Dazu gehörten „Die Experten“ (Sebastian Thrun und Angelo Enghausen Micaela), die mit ihrem Spruch „Uns fragt ja keiner“ schon jetzt einen künftigen Klassiker des Geierabends geschaffen haben. Der Spirit in der Truppe scheint sehr gut gewesen zu sein, denn „wir mussten nichts nachproben“, erzählt der Steiger.

Zufrieden kann auch Joey Gerome Porner sein, einer der beiden Regisseure. Neue Autoren wie Tobias Brodowy brachten Schwung hinein, ebenso wie Musiker wie David Finke (beratender musikalischer Leiter) oder Boris Gott. Lob gab es auch für das junge Designerteam, das Logos, Kostüme und Bühne gebaut hat.

Glücklich war das Geierabend-Team, dass wenig am Programm geändert werden musste.  Die größte Angst, so der Steiger war, dass Jude Bellingham in der Winterpause von Dortmund zu einem anderen Verein gewechselt wäre.

Kommen wir zur wichtigsten Sache: Wer hat den Pannekopporden gewonnen? Für 2023 war es eine eindeutige Sache: Claudia Roth hat deutlich gewonnen gegen die Kaulitz-Brüder (Tokyo Hotel). Hat sie Online „nur“ zwei Drittel der Stimmen erhalten, gewann sie jede der einzelnen 28 Vorstellungen mit meist sehr deutlichem Vorsprung. Die vergangenen Male als die Abstimmungen so deutlich waren, gewannen Opel und (natürlich) Schalke. Ob Claudia Roth an diesem Abend (21.02.23) den 28 Kilo schweren Metallschrott abholt, darf allerdings bezweifelt werden.

Gibt es wieder ein Sommerfestival bei Tante Amanda in Westerfilde? Hier sind noch nicht alle Fragen geklärt, es gibt im Sommer noch Gespräche.

Allen Fans des Geierabends sollten sich aber schon den 28. Dezember 2023 im Kalender groß anstreichen, denn dann ist der Premierentermin für die neue Saison.




Das relative Empfinden der Zeit

Als erste Premiere in diesem Jahr hatte das KJT Dortmund (Sckelly)  am 17.02.2023 „Time out“ (Ein Spiel um Geschwindigkeit) von Christina Kettering unter der Regie von Antje Siebers auf seinem Programm.



Das Stück für Kinder ab 6 Jahre behandelt fantasievoll das Thema Zeit.

Eine*r (Sar Adina Scheer), mit schwarzem Hut und dunkler Kleidung (an Brust und einer Seite kariert gemusterte Jacke), ist da und wartet schon länger voll Ungeduld, als Noch Eine*r (Andreas Ksienzyk) endlich kommt.  Noch Eine*r ist nicht nur genau wie Eine*r jedoch spiegelverkehrt angezogen und eher der gemütliche Typ.

Sar Adina Scheer (li) und Andreas Ksienzyk in Time Out. Foto: (c) Birgit Hupfeld

Das Thema Zeit und Relativität wird von den Beiden mit Humor, Abenteuerlust und Spielfreude dargestellt.

Es geht unter anderem um die Frage, warum sich Zeit so lange „zieht“, wenn wir uns langeweilen oder auf irgendetwas lange warten müssen. Lohnt es sich manchmal Zeit für bestimmte Dinge zu lassen als immer nur von einer Sache zur nächsten zu hetzen? Vergeht die Zeit schneller, wenn wir sie vergessen (zum Beispiel beim Spielen, Natur beobachten, einem schönen Essen, Musik oder beim Theater)? Ist es wichtig, was wird aus der Zeit machen? Wäre es manchmal schön, sie anhalten zu können?

Der Einfluss von Tag (Sonne) und Nacht (Mond) oder Jahreszeiten wurden sensibel vermittelt.

Mehrere weiße Holzklötze werden als variable Spielfläche wie Bauklötze aus der Kindheit in unterschiedlicher Weise geschickt eingesetzt, egal ob als zum Bau eines Renn-Parcours, Haus, Garten oder Baum.

Mit passgenauem Einsatz der Beleuchtung sowie Musik & Soundeinsatz durch Michael Kessler sorgten für die entsprechenden Stimmungen.

Einfache Mittel, etwa der Einsatz eines Luftballons als wachsender Mond, und das ausdruckstarke Spiel der Schauspieler*innen bot viel Raum für die Fantasie. Das ist wohl nicht nur für Kinder wichtig.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Female Splatter – Opfer oder Täterin?

In der Gesellschaft wird männliche Toxizität bereits benannt und angeprangert. Doch was ist mit weiblicher Toxizität? Sind Frauen als Chefin oder Regisseurin anders oder behandeln sie ihre KollegInnen und BefehlsempfängerInnen genauso schlecht wie manche (nicht alle) Männer. Das Stück „Female Splatter“ beschreibt die versteckten und subtilen Formen der Ungleichheit, vor allem in Kulturbetrieben. Stutenbeißen par exellence. Ein Bericht von der Premiere am 11. Februar 2023 im Theater im Depot.



Die arme Sandra Wickenburg. Die Schauspielerin war in diesem Stück der Punchingball für die „künstlerischen Visionen“ eines Regisseurs und später einer Regisseurin. Sie musste das „Gretchen“ aus Goethes „Faust“ auf Ansage in immer absurderen Formen spielen. Ob mit Kussmund oder als Mann gespielt, es gab nichts, was der Regie nicht einfiel. 

Gab es Unterschiede in der Behandlung? Nein, bei beiden wurde mehr oder weniger offen angesprochen, dass sie (also Sandra) doch froh sein solle, dass sie für diese Rolle besetzt würde.  Der Begriff „weibliche Toxizität“ wird oft verwendet, um negative Verhaltensweisen oder Einstellungen zu beschreiben, die Frauen gegenüber anderen Frauen oder gegenüber Männern zeigen können. Es bezieht sich auf toxische Verhaltensweisen, die speziell von Frauen ausgehen und die darauf abzielen, andere Frauen zu manipulieren, zu demütigen oder zu isolieren.

Ein weiteres wiederkehrendes Element war das „Quiz“ an dem gefragt wurde, welche „Alice“ hat es gesagt. Die Auswahl war zwischen Alice Weidel, Alice Schwarzer und Alice (im) Wunderland. Dabei fiel die Zuordnung nicht schwer, welche Alice sich für Frauenrechte einsetzt und welche Alice eher weniger.

In der Produktion von 4.D spielten neben der bereits erwähnten Sandra Wickenburg noch Cordula Hein, Birgit Götz und Pia Wagner mit. Da Götz vom Tanz und Wagner vom physical theatre kommt, gab es einige schöne Choreografien zu bewundern. Wie das Laufen auf Pumps oder eine Runde Dressurreiten.

Dank des Umbaus im Theater im Depot konnte die Produktion auch in einem besonderen Format durchgeführt werden.  Das Publikum saß im hinteren Bereich, die Sitzreihen in U-Form angeordnet, auf seiner Seite eine riesige Leinwand (für die Videos war Kathlina Reinhardt). So war der direkte Kontakt der Schauspielerinnen zum Publikum gegeben.

Der einzige Wermutstropfen ist, dass „Female Splatter“ (Regie: Swentja Krumscheidt) leider nur zweimal im Depot laufen durfte. Ich hoffe doch sehr, dass es Möglichkeiten gibt, dieses Stück an anderen Orten aufzuführen. Denn es lohnt sich. Alle vier Frauen zeigen eine unglaubliche Bühnenpräsenz.