artscenico – Der Klang der Stille am Hauptfriedhof

Im winterlichen Ambiente präsentierte die Theatergruppe artscenico ihren dritten Teil der „Creatures“-Reihe unter dem Titel „Sound of silence“. Am 29.01.23 begaben sich die Künstlerinnen und Künstlermit den Zuschauenden auf eine kleine künstlerische Tour über den Dortmunder Hauptfriedhof.



Angeführt von zwei „Vogelkundlern“ (Ismail Monagas und Cynthia Scholz) nach der Melodie von Mozarts „Vogelfänger“ marschierte die Gruppe von Station zu Station, um dort einige der Kreaturen zu erleben.

Natürlich waren die bekannten Gesichter von artscenico wieder da. Sascha von Zambelly spielte unter anderem einen Friedhofsbesucher, der lautlos die Besucher unterhielt. Schließlich hieß das Programm auch „Sound of silence“ und der Dortmunder Sprechchor, sang passend dazu das bekannte Lied von „Simon & Garfunkel“.

Skurrile Stationen gab es natürlich auch. So suchte beispielsweise ein Taucher jemanden, der in einen „Brunnen“ (Wasserentnahmestelle) steigt. Sehr schön war die Szene auf der Toilette im Hauptfriedhof. Hier spielten zwei Mitglieder des Sprechchors eine große Rolle, der eine als Kuckuck, die andere als Wetterhäuschenfigur. Nach einem unterhaltsamen Vortrag über das Nichts ging es zur nächsten Station.

Es war ein sehr musikalischer theatraler Spaziergang. Neben „Sound of silence“, wurden auch „Der lachende Vagabund“ oder „Auf einem Baum ein Kuckuck“ zum Besten gegeben. Als Akteure dabei waren: Sprechchor Dortmund, Jochen Brüse, Roman D. Metzner, Ismail Monagas, Elisabeth Pleß, Cynthia Scholz, Lars wege und Sascha von Zambelly.

Nach fast zwei Stunden war Schluss und die tapferen Wandernden wurden mit einer Tasse Punsch wieder aufgewärmt. Am 19.02.23 und 12.03.23 wird „Sound of Silence“ wiederholt. Dan ist zu hoffen, dass die Temperaturen etwas höher sind als Ende Januar. Zumindest sollte an warme Kleidung gedacht werden.

Wer lyrische, musikalische und szenische Perfomances mag, sollte sich unter www.artscenico.de anmelden.




Unter Grund – Fakten statt Emotionen

Willkommen im Schauspiel-Kolleg. Heute geht es um Bergbaugeschichte, Klimawandel und Terraforming des Mars. Als Bonus gibt es noch eine kleine Krimigeschichte. Klingt spannend? War es aber nicht.



Zum Plot von “Unter Grund”. Umweltaktivisten entführen einen Milliardär in ein wiedereröffnetes Bergwerk, in dem die Menschen in Zukunft leben sollen, weil es auf der Oberfläche zu heiß ist. Wohingegen einige reiche Personen sich auf dem Mars abgesetzt haben, der dank Terraforming lebenswert geworden ist.

Ein klein wenig Emotion zwischen Vater (Ekkehard Freye) und Tochter (Antje Prust) (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Ein klein wenig Emotion zwischen Vater (Ekkehard Freye) und Tochter (Antje Prust) (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Was hätten wohl Streaminganbieter wie Netflix daraus gemacht? Natürlich ist es unfair, das städtische Schauspiel mit einem milliardenschweren Unternehmen zu vergleichen, aber was am 28. Januar 2023 auf der großen Bühne unter dem Titel “Unter Grund” präsentiert wurde, war zwar informativ, aber leider auch emotionslos und blutleer.

Das Stück wurde geschrieben von Sanja Mitrović, die auch Regie führte. Sie schafft es reale Fakten mit einem fiktiven Szenario zu verknüpfen, vergisst aber das Wichtigste: Eine Geschichte zu erzählen mit Figuren, die Emotionen bei den Zuschauenden auslösen.

Schon der Beginn, die Exposition, war langatmig. Die Tochter (Antje Prust) erzählt aus dem Off über die Beziehung zu ihrem Vater (Ekkehard Freye), während er auf der Bühne ist.

Beim Wiedersehen kommt es nur zu einer kurzen Umarmung. Emotion pur.

Immerhin die Zuschauenden lernen etwas über die Beweggründe, warum Menschen aktiv werden und über Konzepte wie die CO2-Münze oder höhere Besteuerung von Wohlhabenden.

Zusätzlich wird Terraforming so erklärt, als wenn man einen Artikel im „Spektrum der Wissenschaft“ liest. Alles sehr informativ, aber das können Harald Lesch und Mai Thi Nguyen-Kim besser.

Der Antagonist, der entführte Milliardär (Alexander Darkow), kommt als eindimensionaler Unsympath daher, er könnte glatt ein Schild mit „Elon Musk“ um den Hals tragen. 

Am Ende finden beide Parteien irgendwie zusammen, weil es auf dem Mars zu Problemen kam und die Reichen festgestellt haben, dass mit Umweltschutz doch Geld zu verdienen ist. Aha. Das Stück endete mit dem Steiger-Lied, Ruhrgebiets-Kitsch par excellence, aber immerhin etwas, was emotional ist.

Wie bereits erwähnt, das Stück ist sehr informativ: Ein wenig Bergbaugeschichte, Ideen und Konzepte der Klimaaktivisten, Terraforming des Mars, alles das wird vermittelt. 

Auch möchte ich das Bühnenbild von Jasmin Holbus positiv erwähnen, ein riesiger drehbarer Kohleklotz, der sich in eine Schwarzkaue und in ein Bergmannszimmer verwandeln konnte.

Ich hätte mir nur eine Geschichte etwas mehr Emotionen gewünscht und ich vermute, die Schauspielenden Ekkehard Freye, Antje Prust, Raphael Westermeier, Adi Hrustemović, Valentina Schüler und Alexander Darkow auch.




Die Not steht ihr gut – Trashkomödie um Kapitalismus und Patriarchat

Das als „gewinnorientierte Trashkomödie“ bezeichnete Stück „Die Not steht ihr gut“ von Ensemblemitglied Lola Fuchs hatte am 26.01.2023 seine Uraufführung im Studio des Schauspiel Dortmund.



Lola Fuchs ist nicht nur Autorin und Regisseurin des Stücks, sondern übernahm auch die Rolle der emotional missbrauchten Seminarteilnehmerin Gisela.  Diese werden von der angesagten Coaching-Agentur der Gründerinnen Sharon (Linda Elsner) und Dana (Nika Mišković) angeboten. Mit List und Ausnutzung aktueller emanzipatorischer Strömungen schlagen sie Kapital. Die Aushöhlung ihrer Ideale und Abhängigkeit vom charmant-skrupellosen Investors Charlie (Christopher Heisler) nehmen sie dabei in Kauf. Der unterbezahlte Dauerpraktikant Dominic (Linus Ebner), der es nicht einmal Wert ist, sich seinen Namen zu merken, steht ihnen dienend zur Seite.

Nika Mišković ,und Linda Elsner als Gründerinnen einer Coaching-Agentur. (Foto:  Florian Dürkopp)
Nika Mišković ,und Linda Elsner als Gründerinnen einer Coaching-Agentur. (Foto: Florian Dürkopp)

Heimlich träumt er von einer gerechten sozialistischen Welt, in der die Menschen gleichberechtigt, unabhängig von Geschlecht oder Herkunft leben und nach ihren Fähigkeiten entwickeln können. Er tritt auch als Erzähler der Geschichte auf.

Nach dem verhängnisvollen Tweet einer ehemaligen Seminar-Teilnehmerinnen ändert sich die sich die Situation der beiden Businessfrauen schlagartig. Gemeinsam mit ihrem Gehilfen müssen sie den Weg ins gefährliche und angstauslösende Dickicht hinter den Mauern ihres Büros antreten…

Die Bühnenausstattung und Kostüme sind in auffallenden, knalligen Farben gehalten und entsprechen der ironisch-humorvoll überzeichneten Charaktere auf der Bühne. Das gleiche gilt für die wunderbare Arbeit der Maske.

Den Schauspieler*innen gelang es überzeugend, sich in die Persönlichkeiten hinein zu versetzen. Das Ganze mit vollem Körpereinsatz. Eindrucksvoll auch, wie die Persönlichkeitsveränderungen von Dana (von eher naiv lebensfroh zu kämpferisch) oder Sharon (von selbstbewusst zu angepasst) dargestellt wurden.

Die Rolle der dem Investor Charlie ergebenen „Brüderhorde“ übernahmen witziger Weise mit viel Freude am Spiel sechs junge Damen des Jugendclubs (Theater Dortmund).

Das Geschehen wurde von einer Live-Kamera (Ismael Khudida) effektvoll begleitet. Auch die Souffleuse (Klara Brandi) durfte ab und zu auf der Bühne mitmischen. Tanz und kleine Gesangseinlagen zwischendurch sorgten für etwas Auflockerung.

Die Mechanismen des Kapitalismus wurden durch die Trashkomödie offen und klar mit einer guten Portion schwarzen Humor dargelegt.

Starken Beifall gab es für die Leistung der Beteiligten.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Peterchens Mondfahrt im digitalen Zeitalter

Die ältere Generation erinnert sich sicher noch an die Verfilmung von „Peterchens Mondfahrt“ (Märchen von Gerdt von Bassewitz) aus dem Jahr 1959 (Gerhard F. Hering).



Es ist die Geschichte vom Maikäfer Sumsemann, der auf einer großen Kastanie hinter dem Haus der Kinder Anneliese und Peterchen wohnt. Seinem Urgroßvater wurde vor langer Zeit von einem Holzdieb ein Bein abgeschlagen. Zur Strafe wurde dieser von der Nachtfee auf den Mond verbannt. Versehentlich ist das Maikäferbeinchen mit auf den Mond gelandet und nun fehlt den nachfolgenden Maikäfer-Generationen das sechste Bein. Sumsemann kann sein sechstes Beinchen nur mit Hilfe von zwei lieben Kindern, die noch nie ein Tier gequält haben, zurückholen. Anneliese und Peterchen wollen ihm helfen und eine abenteuerliche Reise zum Mondberg beginnt. Sie benötigen aber auch die Hilfe der Naturgeister, um dem Mondmann das Beinchen wieder zu entwenden…

Diese Geschichte wurde während des Lockdowns vom jungen Ensemble Kulturbrigaden unter der Regie von Rada Radojcić (auch Kostüme/Musik) mit den modernen digitalen Möglichkeiten (Video: Anna Marienfeld) technisch aufwendig verfilmt. Die musikalische Leitung lag bei Dixon Ra.

Im Dortmunder Theater Fletch Bizzel wurde der Film (ab 6 Jahren) bei freiem Eintritt am 15.01.2023 gezeigt.

Visuell aber auch akustisch ein besonderes Erlebnis für die kleine und große Zuschauer*innen.

Es war eine Veranstaltung der LAG Arbeit Bildung Kultur. Gefördert vom Kulturbüro Dortmund und unterstützt von der Akademie für Theater und Digitalität.




Aufstand der Dinge – surreales Objekttheater im Fletch Bizzel

In unserer Gesellschaft werden Dinge in Massenfertigung hergestellt, um nach Gebrauch einfach weggeworfen zu werden. Doch was ist, wenn diese Dinge eine Art Seele haben und eigene Wünsche formulieren könnten? Undenkbar? Doch im japanischen Volksglauben gibt es Alltagsgegenstände, die zum Leben erwachen und den Besitzer für seinen mangelnden Respekt strafen. Sie werden „Tsukumogami“ genannt.



Doch das Theaterstück „Aufstand der Dinge“ ist kein Horrorstück. Das Turbo Prop Theater (Rüdiger Eggert, Oliver Kockskämper und Thomas Wienand) unterstützt von Bianca Lammert und Hans-Peter Krüger, der auch den Text schrieb, nahmen die Geschichte „Aufstand der Dinge“ von Erhart Kästner als Grundlage. Die Premiere war am 14.01.2023

Die Kugelschreiberin Isabella und der Engländer Brain proben den Aufstand der Dinge. (Foto: (c) Oliver Kockskämper)
Die Kugelschreiberin Isabella und der Engländer Brain proben den Aufstand der Dinge. (Foto: (c) Oliver Kockskämper)

Das Fletch Bizzel verwandelte sich an diesem Abend in einen Kinosaal, auf dessen Leinwand eine Live-Animation gezeigt wurde. Die Dinge, die zum Leben erwachten, wurden auf einer Art Techniktisch gefilmt und auf die Leinwand projiziert.

Zur Geschichte: Anders als in der Bibel gab es noch einen achten Schöpfungstag: Da wurden die Alltagsgegenstände erschaffen. Doch die Menschen wurden der Dinge überdrüssig und alte, unbrauchbare Sachen wurden in den Abfall geworfen oder fristeten ihr Dasein auf den Dachboden. Die beiden Hauptfiguren Kugelschreiber(in) Isabella und der Engländer Brain (also das Werkzeug)  machen sich mit weiteren Leidensgenossen wie einer Milchtüte oder einer Gießkanne zu einem fernen Ort auf, der sie zu ihrem Sehnsuchtsort bringen soll.  Ob sie ihre Erlösung finden?

Das Stück lehrt uns auf witzige Art und Weise, dass wir mit den Alltagsgegenständen achtsamer umgehen sollten. Nicht, weil sie eine Seele haben, sondern weil wir mit unserer Wegwerfmentalität auch für die Umweltproblematik verantwortlich sind. Müllberge wachsen und für jedes neue Ding müssen Rohstoffe und Energie verbraucht werden. Mehr Wertschätzung für die Alltagsgegenstände um uns herum würde uns ganz guttun.

Noch zu erleben am 28.01., 17.03. und 18.03. Mehr Infos unter www.fletch-bizzel.de




Sie sind wieder hier, in ihrem Revier – Geierabend 2023

So lange mussten wir und das Ensemble des Geierabends aufeinander warten. Am 05. Januar 2023 war es endlich soweit: Die Premiere der aktuellen Geierabend-Session konnte im altbekannten Ort, der Zeche Zollern II, starten. In der Zwischenzeit hatte sich beim Ensemble einiges geändert. Wie haben sich die Neuen integriert?  Ars tremonia war vor Ort.



Der Geierabend war schon immer dafür bekannt, dass neben den allgemeinen Katastrophen, die passiert sind, auch der Pott im Mittelpunkt des Programms steht. Nicht nur, weil Recklinghausen dieses Jahr die „Partnerstadt“ des Geierabends ist. Nein, hier treten Figuren auf, die besonderen Ruhrpott-Charme versprühen wie „Miss Annen“ oder auch die Mehrfach-Alleinerziehende „Jessica“ – beides gespielt von Sandra Schmitz. Nachbarschaftsstreitigkeiten gibt’s zwar überall, doch wo werden sie musikalisch schöner aufbereitet wie im „Grillmusical“. Doch es gibt im Ruhrgebiet ernste Themen, vor allem in Dortmund: Rechtsradikalismus bei der Polizei, Stichwort „Rassist*innen“.

Das Ensemble des Geierabends beim Finale. (Foto:  © busseniusreinicke.de )
Das Ensemble des Geierabends beim Finale. (Foto:  © busseniusreinicke.de )

Es ist das Markenzeichen des Geierabends geworden, politische und eher klamaukige Themen bunt zu mischen und zu präsentieren. Lieferengpässe, Home-Office im AKW, Olaf Scholz wurden ebenso durch den Kakao gezogen wie die Grünen. Oder besser gesagt: die Oliv-Grünen.

Doch damit bekamen die Grünen nicht genug Fett weg, denn eine ihrer bekanntesten Politikerin, Claudia Roth, wurde zur Trägerin des Pannekopp-Ordens nominiert, weil sie das „Bundesinstitut für Fotografie“ lieber in Düsseldorf haben will, statt in Essen, wie es Experten vorschlugen. Sie gewann bei der Premiere haushoch gegen die Kaulitz-Brüder, die Dortmunds Architektur kritisierten. Unter www.geierabend.de kann auch online abgestimmt werden.

Sehr schön fand ich persönlich die Szenen „Immer noch warten auf Godot“, weil der analoge Godot keinen Zugang zu dem digitalen Estragon und Wladimir findet und „Altersgeilzeit“, die den Trend zu „Milfs“, also die sexuelle Begierde jüngerer Männer zu älteren Frauen, karikiert.

Und wie passten die neuen und alten Mitglieder des Geierabends zusammen? Nahezu perfekt. Angelo Enghausen Micaela, Sebastian Thrun, Nina Mühlmann und Silvia Holzhäuser wirkten so, als hätten sie schon ewig mit Sandra Schmitz, dem Steiger (Martin Kaysh) und dem Präsidenten (Roman Marczewski) zusammengearbeitet.

Auch die Geierabend-Band sorgte dafür, dass es musikalisch rund lief. Die Songs zu den einzelnen Stücken waren sehr gut ausgewählt.

Mehr möchte ich nicht verraten, denn ihr sollt natürlich die Chance ergreifen und euch selbst überzeugen, dass der Geierabend wieder live vor Ort ist. Eins ist klar: Es lohnt sich.

Termine, Karten und weitere Informationen unter www.geierabend.de




Weihnachten dem Roboter überlassen?

Eine Mischung aus Tanz und Theater präsentierte das Ensemble pottporus im Theater im Depot am 23. und 24. Dezember 2022. Selbstverständlich ging es um Weihnachten. Dortmund war der Abschluss der kleinen Tournee, die das Ensemble durchs Ruhrgebiet und ins Rheinland führte.



HipHop und Weihnachten – wie passt das zusammen. Erst einmal gar nicht, so scheint es. Ülkü Öztürk ist der neue Hausmeister im Hochhaus an der Emscherstraße 55 und muss von seinem Vorgänger Kalle Gutowski die jährliche Weihnachtsfeier im Partykeller des Hochhauses organisieren. Doch er hat keine Ahnung, was er tun muss. Daher soll sich seine Tochter Yasemin darum kümmern, doch die hat einen großen Tanzwettbewerb im Kopf. Die Lösung scheint einfach: Ein Weihnachtsroboter soll alles erledigen. Was kann da schon schiefgehen.

Das Stück von Till Beckmann (Text) und Zekai Fenerci (Idee) in der Regie von Jennifer Ewert spielt geschickt mit der Idee der künstlichen Intelligenz. Auch wenn das Motiv des Roboters, der doch nicht so intelligent ist, wie er anfangs erscheint, nicht neu ist, es ist immer wieder schön – vor allem für die jüngeren Zuschauer:innen – wenn der Roboter für Chaos sorgt.

Zudem sorgen die Tanzeinlagen und Choreografien von Jacqueline Neuenhausen, Souhail Jalti und Claudio Schulz-Keune gut ins Stück integriert.

Ohne zu spoilern kann ich verraten, dass es ein Happy End für alle Beteiligten gibt (außer für den Roboter), auch wenn das Ende vielleicht etwas abrupt kommt.




Abrechnung mit Peter Handke

In der Musikrichtung Rap würde man das Stück „The Handke Project“ einen Diss nennen, aber wir sind ja beim Theater. Das paneuropäische Ensemble bestehend aus Mitgliedern aus Deutschland, Italien und verschiedenen ehemaligen jugoslawischen Staaten rechnete mit der Person Peter Handkes ab. Handkes umstrittene Positionen zu Serbien, Srebrenica und Milošević gab immer Anlass zu Diskussionen. Das „Handke Project“ machte am 16. Und 17. Dezember Station in Dortmund.

Wie vielleicht beim Titel zu vermuten war, „The Handke Project“ wurde in Englisch (mit Übertitel) performt. Wobei performen der richtige Ausdruck ist, denn das Ensemble bot auch ordentliches physisches Theater. So verwandelte sich das Studio in ein Schwimmbad und in ein SM-Studio, denn nicht nur Handke bekam sein Fett weg, auch das Nobelpreiskomitee für Literatur, dessen Jurymitglied Jean-Claude Arnault wegen Vergewaltigung verurteilt wurde. Hat das Nobelpreiskomitee den Preis 2019 deshalb an den umstrittenen Handke vergeben, um von dem Sexskandal abzulenken? Das vermutet zumindest der Autor des „Handke Projects“ Jeton Neziraj.



Doch im Mittelpunkt stand der österreichische Autor und seine umstrittenen Aussagen während der Jugoslawienkriege und speziell auch zu Milošević. Die Frage bleibt: Kann man das Werk vom Autor trennen? Ein ähnliches Problem tritt ja auch bei Richard Wagner auf: Ist der Ring der Nibelungen noch zu genießen, wenn man weiß, dass der Komponist antisemitisches Zeug zu Papier gebracht hat?

Der Regisseur von „The Handke Project“ gibt im Fall Peter Handke eine klare Antwort: „Wir haben uns klar dagegen positioniert – gegen den Schriftsteller, der mit seinen Werken und öffentlichen Äußerungen auf Kriegsopfern und dem Schmerz unschuldiger Menschen herumtrampelt wie ein wütender Kriegsverbrecher“.    „The Handke Project“ ist absolut nichts für Handke-Fans, das Stück ist schonungslos und bringt nochmal die Schrecken und Gräueltaten des Jugoslawien-Krieges in Erinnerung.  




Mädchen in Not – absurd-komisch und gesellschaftskritisch

Am 16.12.2022 konnte die Oper „Mädchen in Not“ (Michael Essl, Libretto v. Paula Fünfeck) unter der Regie von Sybrand van der Werf als Uraufführung der Jungen Oper in Dortmund endlich durchstarten. Die Oper entstand nach dem gleichnamigen Schauspielstück von Anne Lepper für Jugendliche ab 16 Jahre.



Musikalisch und mit passenden Geräuschen unterstützt wurde die Aufführung von einer kleinen Delegation der Dortmunder Philharmoniker unter der empathischen Leitung von Olivia Lee-Gundermann.

Die Bühne war romantisch gestaltet und die vier beteiligten Personen Mangatypisch gekleidet.

Natascha Valentin (Dolly), Wendy Krikken (Baby), Daegyun Jeong (Franz), Marcelo de Souza Felix (Jack)
(c) Björn Hickmann
Natascha Valentin (Dolly), Wendy Krikken (Baby), Daegyun Jeong (Franz), Marcelo de Souza Felix (Jack)
(c) Björn Hickmann

Nicht nur stimmlich, sondern auch spielerisch und mimisch forderte die Oper den beteiligten Sänger*innen einiges ab.

Das reiche und schöne junge Mädchen Baby, stark gespielt und gesungen von der Sopranistin der Dortmunder Oper Wendy Krikken, träumt von einem selbstbestimmten Leben in Italien mit einer Puppe als Mann. Mit Geld kann man sich ja viel kaufen. Das gefällt ihren beiden Geliebten Franz (der lyrische Bariton Daegyun Jeong) und Jack (Marcelo de Souza Felix, Junge Oper Dortmund) nicht. Sie sind in ihrer Macho-Ehre gekränkt und wollen in die Rolle von Puppen schlüpfen und ihr dann das Leben schwer machen. So wird sie schon zu ihnen zurückkommen.

Natascha Valentin (Mezzo-Sopran) füllte die Rolle der ärmeren und „hässlicheren“ Freundin Dolly großartig aus. Männer lassen sie im Gegensatz zu Baby links liegen Puppen als Ersatz hat sie auch keine. Dann gerät sie auch noch in die Fänge der Gesellschaft der Freunde des Verbrechens….

Die Rolle der aufhetzenden Gesellschaft übernimmt die Gruppe der Musiker*innen der Philharmoniker.

Mit viel schwarzen Humor und Kritik an gesellschaftlichen Strukturen werden Probleme wie überkommene Geschlechterbilder, Gewalt, Rassismus, Ausgrenzung, Körperkult und Bodyshaming, Homophobie sowie Frauenfeindlichkeit geschickt miteinander verwoben.

Musikalisch wird die dystopische Handlung mittels Musikzitaten etwa von Strawinskys „Sacre du printemps“ oder Wagners „Walkürenritt“ satirisch überzeichnet.

Die Aufführung bietet dem Publikum einen scheinbar überraschenden Schluss. Leider ist es auch aktuell für einige Menschen verlockend, einen Sündenbock für komplexe Probleme zu suchen, um sich besser zu fühlen.

Viel Stoff zum Nachdenken und diskutieren.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen finden Sie unter www.theaterdo.de oder Tel: 0231/ 50 27 222




Die Zauberflöte für Kinder

Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ ist nicht ganz unkompliziert. Ist die Königin der Nacht die Gute oder die Böse? Wer ist der geheimnisvolle Sarastro? Warum müssen Tamino und Pagageno im Tempel schweigen? Was sollen die Erwähnungen von Isis und Osiris? Die Oper Dortmund hat vom 13. bis 15. Dezember 2022 die ehrenvolle Aufgabe übernommen, die „Zauberflöte“ für junges Publikum erfahrbar zu machen. Mit Das Geheimnis der Zauberflöte, das Nikolaus Habjan und der Autor Paulus Hochgatterer speziell für die Oper Dortmund geschrieben haben, erzählen sie die spannende Geschichte um Tamino, Pamina und den Kampf zwischen Gut und Böse in einer kindgerechten Fassung.



Ist das gelungen? Zu den positiven Dingen gehörte vor allem, dass das Ensemble und die Inszenierung der „großen“ Zauberflöte übernommen wurde.  So staunten die Kinder über die große Schlange und die großen Puppen von Sasastro und der Königin der Nacht. Dazu kommt natürlich die wunderbare Musik von Mozart, vor allem die bekannte Arie der Königin der Nacht dürfte fast jeder kennen.  Begleitet durch zwei Erzähler*innen Gitti (Manuela Linshalm) und Marwin (Johnny Hoff) ging es durch die Handlung der Oper. Positiv zu sehen ist, dass die beiden Erzähler*innen die doch für heutige Ohren doch frauenfeindlichen Statements Sarastros anmerkten. Auch bemerkten sie zurecht, dass Pamina die eigentliche Heldin des Stückes ist. Denn sie widersetzt sich ihrer Mutter und unterstützt die beiden „Helden“ Tamino und Papageno.

Morgan Moody (Papageno), Jonny Hoff, Manuela Linshalm 
(c) Björn Hickmann, Stage Picture
Morgan Moody (Papageno), Jonny Hoff, Manuela Linshalm
(c) Björn Hickmann, Stage Picture

Bleibt zu hoffen, dass sich möglichst viele Kinder von der Musik haben verzaubern lassen, aber die Handlung zu verstehen, ist meiner Meinung nach für 8-jährige noch etwas zu kompliziert. Aber vielleicht liege ich auch falsch.

Insgesamt machten alle Sängerinnen und Sänger, der Opernchor und die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Motonori Kobayashi einen tollen Job, um Kindern die Welt der Oper nahezubringen.