In der Übersetzung verlorengegangen – Aşk (Liebe)

Das türkische Wort „Aşk“ kann man im Deutschen mit „Liebe“ übersetzen, doch dann geht einiges von den Nuancen des Wortes verloren – es ist „Lost in Translation“ wie der komplette Titel des deutsch-türkischen Stückes heißt. „Aşk – Lost in Translation“ begibt sich auf die Suche nach den unterschiedlichen Bedeutungen dieses kleinen Wortes. Sinem Süle und Aydın Işık wühlen sich im Theater im Depot gemeinsam durch die ost-westliche Literatur. Begleitet wurden sie von Kemal Dinç mit seiner Bağlama. Regie, Texte und künstlerische Leitung hatten Ayşe Kalmaz und Kemal Dinç.



„What is love?“ sangen bereits Howard Jones in den 80ern und Haddaway in den 90ern. Unzählige Lieder über die Liebe wurden getextet und komponiert. Doch die Frage ist ja, was für eine Art „Liebe“ ist „Aşk“? Ist es das körperliche Begehren nach einer anderen Person, oder kann es auch die Liebe zu einer Idee oder ähnlichem bedeuten. So gibt es den Begriff der „Agape“, die selbstlose, nicht sinnliche Liebe, im Gegensatz zu „Eros“, dem sinnlichen Verlangen.

Sinem Süle und Aydın Işık auf der Suche nach der Bedeutung von "Aşk". (Foto: (c) Kalmaz / Dinç)
Sinem Süle und Aydın Işık auf der Suche nach der Bedeutung von „Aşk“. (Foto: (c) Kalmaz / Dinç)

So diskutieren und streiten Süle und Işık über die verschiedenen Bedeutungsebenen und machen für mich eines deutlich: Der Job eines Übersetzers ist nicht ohne. Denn ohne den richtigen Zusammenhang, kann in der Übersetzung einiges an Feinheiten verloren gehen. Das ist etwas, an dem Übersetzungsprogramme trotz immer besser werdender KI scheitern. Hier ist immer noch der Mensch gefragt, der durch sein Wissen und seine Erfahrung Begriffe richtig einordnen kann.

Das 60-minütige Stück war sehr kurzweilig und hatte mit Kemal Dinç auch jemanden, der musikalische Highlights setzen konnte. Ein vergnüglicher ost-westlicher Ritt durch die Literatur.




Wo kommt der Strom für die Roboter her?

Im Stück „Strom – eine Robotergeschichte“ erzählte uns Yvonne Dicketmüller am 30. April 2023 im Theater Fletch Bizzel einiges über Energiesparen und Stromfresser. Das Theaterstück ist konzipiert für Kinder ab 5 Jahren.



In einer Robotermetropole leben Roboter in Saus und Braus. Sorglos verprassen sie Strom, wo sie nur können. Eines Tages aber stellen sie fest, dass ihr Lebenselixier, der Strom, zu versiegen droht. Alle Energiereserven sind verbraucht und die Roboter stehen vor dem Aus. Sie drohen auszusterben.

Szenenbild aus "Strom - eine Robotergeschichte" von Yvonne Dicketmüller. (Foto: (c) Yvonne Dicketmüller)
Szenenbild aus „Strom – eine Robotergeschichte“ von Yvonne Dicketmüller. (Foto: (c) Yvonne Dicketmüller)

Auch dem kleinen Roboter Adam setzt der bereits beginnende Energiemangel zu. Doch als sein geliebtes Haustier, Bello, verschwindet, mobilisiert er seine letzten Energiereserven, um Bello wiederzufinden.

Das Stück überzeugt nicht nur durch die liebevoll gestalteten Hauptfiguren und die Spielorte, auch Dicketmüller gibt ihren Hauptfiguren die nötige Tiefe. Vielleicht sind die Fragen, die sie im Laufe des Stückes stellt, für die ganz Kleinen noch zu schwer, aber alle konnten der – an manchen Stellen urkomischen – Handlung gut folgen.

Der zweite Aspekt, der in dem Stück eine Rolle spielt, ist das Stromsparen. Denn ein hoher Energieverbrauch sorgt dafür, dass immer mehr Energie benötigt wird. Wenn dann wie in der Roboterstadt die Kohle ausgeht, wird es im wahrsten Sinne des Wortes zappenduster.

Das Stück bietet einen großen Mitmachcharakter für danach. Denn die Lösung, die „Mutter Natur“ vorschlägt, ist die gute alte Gemüsebatterie. Eine Gemüsebatterie ist eine Art von Bio-Batterie, die durch den Einsatz von elektrisch leitfähigen Gemüsesorten wie Kartoffeln, Gurken oder Tomaten Strom erzeugt. Die Funktionsweise einer Gemüsebatterie beruht auf einem elektrochemischen Prozess, bei dem die in den Gemüsesorten enthaltenen Elektrolyte (in der Regel Phosphorsäure) in Verbindung mit zwei verschiedenen Metallen als Elektroden verwendet werden.

Damit kann man beispielsweise eine LED-Lampe zum Glühen bringen, aber ob es für Roboter Adam reichen würde?

Auf jeden Fall lernen die Kinder in diesem Stück, dass sie sorgsam mit Energie umgehen müssen.




Theaterstück über Hatespeech – CO-OP MODE

Im Kinder- und Jugendtheater hatte am 28. April 2023 die Stückentwicklung „CO-OP MODE“ unter der Regie von Nora Kühnhold und Renée Grothkopf Premiere. Das große Thema war der Umgang mit Hatespeech.



Hatespeech kann sowohl online als auch offline auftreten und kann schwerwiegende negative Auswirkungen auf die betroffenen Personen haben. Es kann zu einer Verbreitung von Angst, Hass und Intoleranz führen und kann dazu beitragen, bestehende soziale Ungleichheiten und Diskriminierungen zu verstärken.

Thomas Ehrlichmann und Jan Westphal in "CO-OP MODE" (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Thomas Ehrlichmann und Jan Westphal in „CO-OP MODE“ (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Darüber hinaus kann Hatespeech auch dazu beitragen, die freie Meinungsäußerung zu unterdrücken und die öffentliche Debatte zu verzerren. Es kann dazu führen, dass bestimmte Gruppen von Menschen aus der Diskussion ausgeschlossen werden und sich zurückziehen, aus Angst vor Angriffen oder aus Frust über eine nicht zugängliche Debatte.

In dieser Stückentwicklung ging es einerseits um das Onlinespiel „Consentia“, das auf einem Kooperationsmodus basiert und in dem Spielziele gemeinsam erreicht werden sollen. Doch der Server bricht zusammen. Ist es ein Hackerangriff von Rechtsextremen, denen das Spiel zu „links“ ist? Jedenfalls ist Vincent samt seinem Freund*innen im Netz ratlos.

Gleichzeitig stehen für Vincent (Thomas Ehrlichmann) und seinem Freund Lukas (Jan Westphal) ein Referat über Nietzsche an. Lukas, der sich auch nicht in „Consentia“ einloggen kann, stöbert durch Foren und wird durch die dortige negative Stimmung immer weiter heruntergezogen, bis er auch an Mobbing gegen eine Mitschülerin teilnimmt.

Nach dem chaotischen Referat vergisst Lukas sein Handy und Vincent entdeckt die Forengespräche. Vincent und seine Freunde machen sich zunächst daran, offensiv mit Gegenrede gegen das Mobbing vorzugehen und später stellt Vincent Lukas zur Rede.

Das Spiel „Consentia“ ist der Aufhänger und der Anker in diesem Stück. Es dominiert die Bühne, denn rechts neben der Bühne zeigt eine Leinwand die Grafik des Spiels, während in der Mitte auf einem aufgemalten Spielfeld die Avatare „in echt“ zu sehen sind.

Doch gezeigt wird, dass das größere Problem die Internetforen ist, in denen unmoderiert jeder schreiben kann, was ihm passt. Auch Hatespeech. Was die einen als „ultimative Freiheit“ sehen, dient rechtsextremistische und frauenfeindliche Gruppen wie INCELS dazu, junge und leicht beeinflussbare Menschen zu rekrutieren und zu radikalisieren.

Dennoch ist es falsch, das Internet in Bausch und Bogen zu verdammen. Denn gerade für marginalisierte Minderheiten kann das Internet ein Ort sein, sich mit Gleichgesinnten zu verbinden und Kontakt aufzunehmen. Das wurde in „CO-OP MODE“ durch kleine Einspielfilmchen gezeigt.

Wer Hatespeech bekämpfen möchte, kann sich unter anderem bei hassmelden.de oder der App „Meldehelden“ informieren.

Weitere Vorstellungen sind am 21., 22. und 23. Mai. Informationen unter www.theaterdo.de




Kuckucksei – Eine Fabel über Akzeptanz

Das mit den Neuankömmlingen ist so eine Sache. Sie haben andere Bräuche, andere Nahrungsgewohnheiten und so weiter. Doch dann entdeckt man, dass es viele Gemeinsamkeiten gibt. So auch beim Stück „Kuckucks-Ei auf Insel 3“ vom Turbo Prop Theater am 23. April 2023 im Fletch Bizzel. Geeignet ab vier Jahren.



Mitten im Meer schwimmt eine grüne Insel – ein Paradies für bunte Vögel.

Unterschiedlich, aber doch ähnlich. Gemeinsamkeiten verbinden. (Foto: (c) Turbo Prop Theater)
Unterschiedlich, aber doch ähnlich. Gemeinsamkeiten verbinden. (Foto: (c) Turbo Prop Theater)

Hier fühlt Familie Kugelhupf sich richtig wohl. Papa Caruso hat heute Nestdienst auf dem Ei, denn Mama Lizzi schmettert ein flottes Liedchen auf Nachbars Vogelhochzeit.

Doch dann passiert es: Ein fremder Vogel nistet sich ausgerechnet in den Baum von Caruso ein. Natürlich versucht er den fremden Vogel zu vertreiben, aber schließlich lässt er sie gewähren. Beide brüten über ihren Eiern, aber als die Zeit zum Schlüpfen kommt, gibt es eine Überraschung.

“Kuckucksei“ ist eine kleine Fabel über Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie Bekämpfung von Vorurteilen. Schön, dass Fluchtgründe – hier die Erderwärmung – zumindest kurz angesprochen wird. Von den beiden Puppenspielern wird „Kuckucksei“ sehr gut gespielt, die Kinder sind sehr schnell im Stück und sind die 60 Minuten bei der Sache.




Inside Carmen

… oder befreit man eine Bühnenlegende von toxischer Männlichkeit

Carmen aufgefrischt und „zurecht“ gemacht für das 21.Jahrhundert. Eine emanzipierte Carmen, befreit von Klischees und Zerrbildern des 19.Jahrhunderts, in dem sich heute leider immer noch zu viele bewegen oder wieder zurückhaben möchten.



Die Carmen, der in Noten gegossene feuchte Männertraum, der Jungen Oper Dortmund entstieg schon mal untypisch einem toten Stier … wobei der Stier Carmens unausweichliches Schicksal symbolisiert, wie auch der Stier im Kampf in der Arena etwas archaisch Sexualisiertes darstellt.

Lennart Pannek (Don José), Lina Förster (Carmen)
Foto: (c) Björn Hickmann
Lennart Pannek (Don José), Lina Förster (Carmen)
Foto: (c) Björn Hickmann 

Meine Grandmère benutzte gerne, auch für Braunauer, das Wort Männeken/s, weil sie ihr toxisch daherkamen. Erstaunlich für eine Dame Jahrgang 1899. Aber meine Grandmère war schon vor 1919 emanzipiert und brauchte auch keine verlorene Schwarzer.

Hört man den Namen der Oper von George Bizet, Carmen, dann haben die meisten sicher ein Bild von Erotik, überbordender Sinnlichkeit, Verführung und verbotener Liebe, aber von einer verruchten Halbwelt. Lina Förster präsentierte uns eine andere Carmen als die gewohnte Projektion von toxischer Männlichkeit.

Die Carmen, ein erotisch prägender oder besser geprägter Bühnenklassiker, von George Bizet tropfte immer schon vor toxischer Männlichkeit und stellte Carmen als Lustobjekt ins Rampenlicht. Frei nach „mit der könnte ich auch mal“ … die typische Aussage derer, die aus welchen Gründen auch immer, über bleiben am Ende einer Party, oder einer anderen Veranstaltung mit Brautschaueffekt. Die Carmen von Bizet war als Produkt des 19. Jahrhunderts und der „Nichtrolle“ von Frauen darin, ein somit typisches Weibchen Schema und Projektionsfläche für Männerphantasien … etwas das in AltRight Kulturkampf gerade widerliche Auswüchse erlebt.

Doch das schillernde Wesen von Carmen kommt mit einem immens hohen Preis. Die leidenschaftliche Affäre mit Don José, von Lennart Pannek eindringlich dargestellt, besessen von dem Bild, dass er sich von Carmen gemacht hat, endet in einer Katastrophe.

Hat Carmen es mit ihrem Freiheitsdrang, ihrer Lust am Leben zu weit getrieben? Sie eckt an, auf der Arbeit, bei Feiern. Sie lebt ihr Ding, emanzipiert und frei von Zwängen. Sie ist kein Weibchen, wie so mancher Mann / Männeken es gerne haben möchte. Frauen auf Augenhöhe mit ihnen können sie nicht vertragen, reizen sie. Wie der Chef der Polizeitruppe, der kurz davor ist abzudrücken … ein Menetekel dem Carmen fassungslos gegenüber steht.

Was Carmen unter Liebe versteht, sie liebt ihre uneingeschränkte Freiheit der Gefühle. Sie will sich auch von moralischen Bindungen und gesellschaftlichen Zwängen nicht einengen lassen. Sie weiß ihre Reize einzusetzen und betört damit Frauen, eher ungewollt, wie die Kartenlegerinnen, und Männer gleichermaßen. Aber, sie ist aber kein leichtes Mädchen. Ihre bei Bizet doppelt sexualisierte Rolle, weil dessen Carmen nicht nur wie ein leichtes Mädchen daher tanzt, sondern auch eine „Zigeunerin“, Sinti. ist. Damit bricht Alexander Becker und lässt seine Carmen leben wie eine selbstbewusste Frau des 21.Jahrhunderts.

Leichtfüßig und humorvoll, auch dank des Conferencier Quartetts (Moderator*innen), kommt unsere Carmen der Jungen Oper Dortmund auf die Bühne und nutzt dabei auch Popsongs neben den Opernmelodien. Das Carmen eine Sinti ist wird durch GIPSY La Gaga verdeutlicht. Ihr Lebensgefühl hingegen kommt viel besser in den Popsongs DON’T LET ME BE MISUNDERSTOOD von  Santa Esmeralda in seiner nunmehr auch klassischen DISCO Version und HUMAN von The Killers zum Vorschein.

Alexander Becker und die Junge Oper haben Carmen wirklich ins 21.Jahrhundert geholt und auch jungen Menschen zugänglich gemacht.

Dadurch wird auch das aufgeladene Spannungsverhältnis zwischen dem alten und überkommenen Wunschbild von einer Frau und ihren tatsächlichen Wünschen und Bedürfnissen, hier von Carmen, aufgelöst … obgleich Carmen immer noch in einem Femizid endet. Die Femme Fatal aber wird von ihrem Sockel gehoben und bekommt Menschlichkeit. Das zeigt sich auch in dem Zwiegespräch von Micaëla, glänzend gespielt und gesungen von Lisa Pauli und Carmen deutlich-

Die Junge Oper spielte und spielt eine von toxischer Männlichkeit, aber durch sie bedrohte, befreite Carmen ohne die Korsage des 19.Jahrhunderts oder irgendeinen Kopftuchzwang. Ein Ohren- und Augenschmaus, auch für das Instagram Zeitalter.

Carmen                       Lina Förster
Don José                     Lennart Pannek
Micaëla                       Lisa Pauli
Escamillo                    Malte Beran Kosan, Jan Schebaum
Le Remendado           Ulrich Kemajou
Le Dancaïre                 Massimo Buonerba
Zuniga                         Maximilian Berns
Mercédès                    Celina Sedlatschek
Frasquita                     Lilli Schnabel
Moderator*innen       Jacob Ambrosius, Lena Frericks, Selma Kirketerp, Jonathan Pannek

Ensemble

(OpernYoungsters)     Lilli Bracklow, Kathrin Engelhardt, Sabine Flora, Katja Lehnen,                                           Johanna Niesse, Sophie Marie Stein
Ensemble

(OpernKids)                Lilia Al-Jundi May, Rosa Al-Madani, Emil Schreier, Hannah Boeck,                                     Can Böhler, Enya Dehrenbach, Lisa Kemper, Felix Kemper, Cataleya                                 Maria Kronwald, Liselotte Thiele

Projektorchester        Inside Carmen
Flöte                            Marlene Ambrosius
Oboe                           Pauline Hensel
Klarinette                    Simon M. Schebaum
Trompete                    Marc Scherbarth
Posaune                      Jonas Wirtzfeld
Violine 1                      Johanna Töpfer, Patricia Gildekötter, Lukas Meyer Puttlitz
Violine 2                      Elisabeth Bovensmann, Nevio Cafuk, Fay Fahl
Bratsche                      Carolin Bernhard, Lars Pollmeier
Kontrabass                  Daniel Gruber
Schlagwerk                 Finn Birk
Piano                           Florian Koch
E-Gitarre                     Anton Krun
E-Bass                         Sabrina Neumann

Musikalische Leitung Andres Reukauf
Inszenierung               Alexander Becker
Bühne und Kostüme   Dorothee Schumacher
Licht                            Bianca Fischer
Choreografie              Jutta Maas
Choreinstudierung &

Musikalische Assistenz Karsten Scholz
Vocal Coaching           Marcelo de Souza Felix, Wendy Krikken
Dramaturgie               Daniel Andrés Eberhard
Projektleitung &

Orchester Koordination Kristina Senne
Regieassistenz            Fabius Tietje
Produktionsleitung     Fabian Schäfer
Kostümassistenz         Nina Albrecht-Paffendorf




Selbstermächtigung des weiblichen Körpers – Velvet

In ihrer Tanzperformance „Velvet“ setzt sich Tänzerin Claire Vivianne Sobottke mit der Geschichte des weiblichen Körpers auseinander. Das Stück spielt in einem Garten mit Steinen, und Blumen und bietet mit der archaisch, rhythmischen Musik von Tian Rotteveel einen Par-Force-Ritt. Ein Bericht über die zweite Aufführung am 21. April 2023 im Theater im Depot.



Es ist erstaunlich, welche Querverbindungen entstehen können. Auf dem Internationalen Frauenfilmfestival lief im Wettbewerbsprogramm der Film „Regel 34“ der brasilianischen Regisseurin Júlia Murat über eine angehende Pflichtverteidigerin, die tagsüber Frauen hilft, aber abends über eine Plattform ähnlich wie „Onlyfans“ ihren Körper gegen Geld zur Schau stellt. In „Velvet“ wie in „Regel 34“ geht es um die Wiederaneignung des weiblichen Körpers.

"Velvet" ist eine sehr ausdrucksstarke, intensive Tanzperformance von Claire Vivianne Sobottke. (Foto: (c)  Eike Walkenhorst)
„Velvet“ ist eine sehr ausdrucksstarke, intensive Tanzperformance von Claire Vivianne Sobottke. (Foto: (c) Eike Walkenhorst)

Über Jahrtausende haben Männer geschafft, den weiblichen Körper durch Kleidervorschriften und Verbote unter ihrer Kontrolle zu bekommen. Die Angst vor dem weiblichen Körper und der weiblichen Sexualität scheint tief zu sitzen.

Ein anderer Aspekt, die tierisch-animalische Wildheit fasziniert Sobottke ebenfalls. Der Begriff „Wildnis“ symbolisiert für sie ein unerforschtes Gebiet, in dem keine menschlichen Regeln gelten und nicht-menschliche Kräfte und Wesen wirken. So taucht gegen Ende eine Bärin auf, mit die Tänzerin Sex simuliert, dabei wird seine Dominanz gebrochen und die Tänzerin ist die aktive Person.

Die Performance von Sobottke ist ein grotesker Tanz mit vielen repetitiven Elementen. Sie erzählt quasi in ihrem Stück die „Menschwerdung“ von Menschenaffen bis hin zum modernen Menschen und durchbricht dabei die vierte Wand. So wurde beispielsweise meine Brille zum Requisit.

Das Stück „Velvet“ ist nicht umsonst ab 14 Jahre, denn Sobottke tanzt den Großteil ihres Programms nackt. Es ist für die Zuschauenden die direkte Konfrontation mit einem weiblichen Körper.

Nicht zu vergessen ist die intensive Musik von Tian Rotteveel. Zusammen mit Kelly O’Donohue, Abigail Sanders (beide Blechblasinstrumente), Almut Lustig, Sabrina Ma (beide Percussion) , Camilla Scholtbach (Bärin) und Tian Rotteveel (Spinett, Harmonium) wurden archaische Klänge erzeugt, die die Tanzperformance sehr effektvoll ergänzte.

Ja, die Wildnis ist nicht ganz ungefährlich und hat nichts mit sauberen, gefegten Wegen zu tun. Wer sich traut, kann mit „Velvet“ ein außergewöhnliches wildes Tanztheater erleben.




Wir wollen dein Feuer nicht mehr – Downsizing Prometheus

Tja, zu spät. So wie die Büchse der Pandora, einmal geöffnet und nicht wieder schließbar, ist auch das Feuer, dass uns Prometheus gebracht hat, nicht wieder an Zeus zurückzubringen. In „Downsizing Prometheus“ zeigte uns die Gruppe Trafique aus Köln am 14. und 15. April 2023 im Theater im Depot welche Folgen das Geschenk an die Menschen hatte.



Laut dem Mythos hatte Prometheus Mitleid mit den Menschen, die in Kälte und Dunkelheit lebten und deshalb beschlossen, ihnen das Feuer zu bringen, damit sie warm bleiben und ihre Nahrung kochen konnten. Dieses Geschenk brachte jedoch den Zorn von Zeus auf Prometheus, da er der alleinige Herrscher des Feuers war.

Die zwei Pärchen (Max Renft, Nancy Pönitz, Johanna Reinders, Tomasso Tessitor) bei ihrer Scharade. (Foto: (c) Peter Ritter)
Die zwei Pärchen (Max Renft, Nancy Pönitz, Johanna Reinders, Tomasso Tessitor) bei ihrer Scharade. (Foto: (c) Peter Ritter)

Als Strafe für seine Tat ließ Zeus Prometheus an einen Felsen im Kaukasus binden, wo er Tag für Tag von einem Adler besucht wurde, der ihm die Leber herauspickte. Die Leber wuchs jedoch nachts wieder nach, so dass Prometheus immer wieder dieselbe Qual erleiden musste.

So weit die Mythologie. Doch was haben die Menschen mit diesem Geschenk angefangen? Trafique führt uns mit Hilfe von popkulturellen Hinweisen durch das Stück. So gibt es Sequenzen aus „2001: Odyssee im Weltraum“ zu sehen oder Zitate aus „Wolf of Wall Street“. Quintessenz: Wir haben das Feuer ordentlich missbraucht, statt es im Sinne der Aufklärung (Platons Höhlengleichnis spielt auch eine Rolle in dem Stück) zu benutzen, zerstören wir unseren Planeten durch unsere Gier und Verantwortungslosigkeit.

Das Stück selbst ist ein Gesellschaftsabend zweier Pärchen (Nancy Pönitz, Max Ranft, Johanna Reinders und Tomasso Tessitori), die sich durch ein philosophisches Scharade-Spiel unterhalten. Alle vier in silberner Kleidung ausstaffiert, wodurch bereits ein materielles Mindset deutlich wird.

Alles in allem ein gelungener Theaterabend, nachdenklich, komisch, visuell anregend.




Aus der Dystopie zur Utopie

Der Jugendclub des Schauspiels Dortmund hat mit „Next step! From Distopia to Utopia“ ein neues Stück auf die Beine gestellt und am 06. April 2023 im Studio präsentiert.



Machen wir uns nichts vor: Gerade die Jugendlichen hatten in Zeiten von Corona nicht viel zu lachen, denn vor allem die Freizeitaktivitäten waren stark eingeschränkt. Hinzugekommen ist der Krieg in der Ukraine und der Klimawandel gegen den immer noch nicht genug getan wird. Kein Wunder, dass für die jungen Erwachsenen eher Endzeit-Gefühle aufkommen als blühender Zukunftsträume.

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Elisa Grewe, Gamze Demir, Hannah Flottmann, Lena Grote, Patricia Madeleine Hosemann, Ediz Memet, Jennifer Schmidt, Yagmur Cihan, Eren Guillermo Itgensoy, Lisa Petersen, Quinn Mengs. Foto: (c) Florian Dürkopp
Elisa Grewe, Gamze Demir, Hannah Flottmann, Lena Grote, Patricia Madeleine Hosemann, Ediz Memet, Jennifer Schmidt, Yagmur Cihan, Eren Guillermo Itgensoy, Lisa Petersen, Quinn Mengs. Foto: (c) Florian Dürkopp

Unter der Regie von Sarah Jasinsczak und der Choreografie von Birgit Götz entwickelte sich aber ein interessantes Stück. Denn es ging um ein Klassentreffen, etwa 5 oder 10 Jahre später. Und auch dort wird Bilanz gezogen: Was hast du erreicht? Was ist aus deinen Träumen geworden? Und wie im echten leben gibt es Aufschneider, Gewinner, Verlierer, die sich beim Genuss einer Flasche hochprozentiger „Wahrheit“ so manches zu erzählen haben.  

Ein wenig zur Utopie gehört auch, dass dem Aufschneider, der mit Motivationssprüchen wie „um 4 Uhr morgens aufstehen“ und mit Geld um sich warf, nachgewiesen werden konnte, dass er seinen Reichtum unrechtmäßig erworben hatte. Das könnte ruhig öfter in der Realität passieren.

Wer Lust hat, kann sich dieses Stück am 13. April 2023 um 20 Uhr noch einmal ansehen. Weitere Vorstellungen sind in Planung.




Onkel Wanja – Zerstörte Ideale, Sehnsüchte und Sinnfragen des Lebens

Im Dortmunder Schauspielhaus hatte am 01.04.2023 die Neuinszenierung von Anton Tschechows (1860 1904) Drama „Onkel Wanja“ unter der Regie des britischen Regisseurs Rikki Henry seine Premiere.



Diese Inszenierung verlegt das Geschehen in unsere hektische Zeit in einen nüchternen Büroraum mit Computer, Papierwust und Fitnessgerät.

In diesem Drama verwaltet Iwán Petrówitsch Wojnizkij, genannt Onkel Wanja, leidenschaftlich gespielt von Ekkehard Freye, aufopferungsvoll über viele Jahre das Gut seiner verstorbenen Schwester und finanziert damit das Stadtleben seines Schwagers, dem Kunstprofessor Serebrjaków. Er trauert seinen verpassten Chancen hinterher. Was hätte aus ihm werden können, wenn er nicht diese Verantwortung und Schuldenlast übernehmen würde? Selbstmitleid ist in diesem Stück dauerhaft präsent.

Er wird tatkräftig von seiner Nichte Sonja unterstützt, die unglücklich verliebt ist in den zynischen Arzt und Umweltschützer Astrow.

Adi Hrustemović, Lola Fuchs, Antje Prust, Alexander Darkow und Ekkehard Freye. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Adi Hrustemović, Lola Fuchs, Antje Prust, Alexander Darkow und Ekkehard Freye. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Wir lernen die Schauspielerin Nika Mišković von einer neuen Seite kennen.

Den von der „Dummheit der Menschen enttäuschten“ und vom Landleben angeödeten Arzt und Freund von Wanja Astrow spielt eindrucksvoll Alexander Darkow. Er kann sich das Leben nur mit viel Wodka schön trinken.

Bodenständig und pragmatisch veranlagt sind die Schwiegermutter Maria Wassiljewna (Antje Prust), Marina (Lola Fuchs) – im Original die ehemalige Amme von Sonja – sowie der komisch-humorvolle, ein wenig an einen Harlekin erinnernde verarmte Gutsbesitzer Telégin (Adi Hrustemović).

Bewegung in das eintönige Landleben kommt, als der Professor mit seiner zweiten Frau Elena (Sarah Quarshie) eintrifft. Das Stadtleben ist teuer, und Serebrjaków hat die Idee, das Gut zu verkaufen. Bedrohlicher Sturm kommt auf.

Linus Ebner spielt den egoistischen Hypochonder voll Selbstmitleid mit viel Humor und Ironie.

Die schöne Elena verdreht sowohl Wanja als auch Astrow den Kopf.

Nicht nur Wanja steht vor den Scherben seines Lebensentwurfes – alle Beteiligten müssen sich ihren unerfüllten Sehnsüchten stellen.

Am Ende bleibt alles beim Alten. Die ganz normalen Antihelden schaffen es nicht, ihre Wut und Sehnsucht in konstruktive Aktivität für ein besseres Leben zu transformieren.

Das Stück hat eine aktuelle Brisanz. Wie verhalten wir uns heute in Umbruchzeiten mit diversen Krisen (Klimaveränderung, Kriege, Inflation, zunehmende Entfremdung u. a.)?

Das gilt vor allem auch für Kulturschaffende, Intellektuelle, die Privilegierten in der Gesellschaft.

Die Frage bleibt: „Wie soll man leben?“.

Diese Premiere, mit viel Herzblut und Engagement der Schauspielenden mit Leben gefüllt, wurde zu Recht mit viel Applaus vom Publikum belohnt.

Informationen zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter

www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




BOYBAND – wann ist ein Mann ein Mann

Das Theaterkollektiv notsopretty, in Kooperation mit dem Ringlokschuppen Ruhr, führte das Stück über Männlichkeit, männliche Sexualität und die gesellschaftliche Stellung des Mannes in Theater im Depot in der Immermannstraße 29 auf.



Eine Boygroup oder Boyband (englisch boy band) ist eine Popgruppe mit ausschließlich männlichen Mitgliedern im Teenager- und Twen-Alter, die oft auch synchron zum Gesang tanzen. Nicht unter diesen Begriff fallen für gewöhnlich rein männliche Bands, deren Mitglieder Instrumente spielen

Bereit zum Auftritt: Die Boyband. (Foto:  (c) Anne Spindelndreier)
Bereit zum Auftritt: Die Boyband. (Foto: (c) Anne Spindelndreier)

Die Bezeichnung, Boygroup oder Boyband, wird erst seit den 1990er-Jahren verwendet, auch wenn das Konzept der analog zu Girlgroups meist von Managern oder in einem Casting zusammengestellten Gruppen bereits früher erfolgreich war. So in den 1960ern die Monkees, in den 1970ern die Bay City Rollers und die New Kids on the Block in den 1980ern, übrigens produziert in Deutschland, in Herne. Dann kamen die geradezu identisch konzipierten Gruppen wie Take That, East 17, Worlds Apart, Backstreet Boys, *NSYNC (beide letzteren Lou Pearlman) und Caught in the Act. Mitte der 1990er-Jahre wurde der Begriff Boygroup im deutschen Sprachraum geläufig. In der ersten Hälfte der 2010er-Jahre war One Direction international erfolgreich, in der zweiten Hälfte war vor allem die südkoreanische Gruppe BTS bis heute populär. Gecastet Boygroups und der K Pop sind seit den 1980ern vor allem in Asien sehr erfolgreich. Seit den 2010er-Jahren zunehmend weltweit.

Eine Besonderheit von Boygroups ist ihr kommerzieller Charakter, da sie auf die Zielgruppe der weiblichen Teenager ausgerichtet sind. Daneben bedienen die Boygroups auch die LGBTQIAplus community, aber ohne das zu verbalisieren. Und leider werden Gruppenmitglieder, die gay sind, daran gehindert sich zu outen, weil es die weiblichen Fans verschrecken würde … was eher eine calvinistische Prüderie ist als eine Tatsache. Zumal Boylove Filme und Mangas gerade unter weiblichen Lesern und Zuschauern größter Beliebtheit erfreuen.

Die Musik folgt aktuellen Trends, Satzgesang ist typisch. Ein Musikproduzent überwacht das Gesamtkonzept von der Musik über die Choreografien bis zum Image. Oft lösen sich Boygroups nach einigen Jahren wieder auf, wenn ihre Fans das Teenager-Alter verlassen haben oder eine neue Gruppe vermarktet werden soll, wobei aber einzelne Mitglieder durchaus auch Solo-Karrieren durchlaufen und sich, wie Robin Williams, dauerhaft etablieren können. Die koreanische K Pop Gruppe BTS ist hier eine herausragende Ausnahme, weil sie länger stabil im Markt blieben; Kulturbotschafter Koreas sind und jetzt in eine „Militärpause“ gehen, da sie ihre Militärpflicht erfüllen müssen.

Soweit der Exkurs, nun zum Stück. Es beginnt mit Versatzstücken aus Gesprächen und Fragen an die Protagonisten. Oberflächlichkeiten, die an Instagram-Posts erinnern, sie bleiben unbeantwortet. Wie die unerfüllten Liebessehnsüchte ihrer Fans. In diesen Fragen schwingen Sex und Homoerotik offen und unterschwellig mit. Und über allem schwebt die Frage, was ist das Konzept „Mann“ eigentlich, wie definiert sich ein „Mann“, wie muss oder soll er sein?

Wie toxisch das Konzept Mann ist, wird im Lauf des Stückes immer deutlicher. Ohne dabei an den derzeitigen Krieg zu denken, wo russische Soldaten und Wagner Söldner die in Russland gelebte toxische Männlichkeit „ausleben“, inklusive Vergewaltigung.

Wie schnell diese toxische Männlichkeit, deren Vertreter meine Grandmère immer mit „Männekens“ bezeichnete, gefährlich abgleiten kann, wird im weiteren Verlauf des Stückes von den Protagonisten gut herausgearbeitet und dargestellt.

Im Stück bleibt es nicht bei der Anklage, sondern es wird eine Lösung angeboten, die gerade unsere AltRight Helden im Reichsbürger- und Blut und Boden Wahn auf die hier nicht wachsenden Palmen treibt. Die das Gendern der Sprache, am alten Männlein-Konzept festhaltend, kategorisch ablehnen und dafür einen in Russland, durch einen gewissen Dugin, pervertierten Begriff verwenden, der eigentlich aus der Afro-Community der USA kommt: „woke“. Damit wird alles abgelehnt, was nicht konservativ „männlich“ ist, beginnend beim Gendern, über Trans-Menschen und am Ende alles was LGBTQIAplus ist sowie einfühlsame, sensible Männer, die sich erlauben auch Gefühle zu zeigen.  Der Ausspruch, dass alle Wölfe sein müssen, wabert in den Köpfen der AltRight (Faschisten/NAZIs) vor sich hin. Wo das endet, sieht man in der Ukraine und vor 90 Jahren hier in Deutschland.

Woke entstand im Übrigen in den 1930 in den USA unter der Afroamerikanischen Bevölkerung, die sich für Demokratie, Teilhabe, Bildung, Weltoffenheit und Menschenrechte interessierten.

Die drei Schauspieler, David Martinez Morente, Lars Nichtvontrier und Felix Breuel, schwirren zum Höhepunkt im „transparenten“ Drag als geschlechterübergreifende, fluide Individuen auf der Bühne umher und reißen das Publikum mit in den Strudel.

Zum Ende hin wird deutlich, wie sehr Männlichkeit ein Konstrukt ist, in das wir als Männer und Frauen, die Weibchen in dem primatösen Konzept, hinein geordnet und erzogen werden. Ein toxisches Konzept, das schon Herbert Grönemeyer mit „Wann ist man ein Mann?“ hinterfragte.

Eine Buchempfehlung zum Thema Boygroup/-band

Georgina Gregory: Boy Bands and the Performance of Pop Masculinity. Routledge, New York / London 2019, ISBN 978-1-138-64731-2.

Konzept / Künstlerische Leitung        notsopretty

Video                                                  Pooyesh Frozandek

Technik                                              Nils Hestermann

Outside Eyr                                        Miriam Michel

Grafikdesign                                      Viviane Lennert

Fotographie                                       Anna Spindelndreier