Tanzen als Gemeinschaftserlebnis – 30 x anders

Individualität und Gemeinschaft kommen beim modernen Tanz zusammen. Sehr eindrucksvoll zu sehen beim neuen Programm des JugendTanzTheaterBallettDortmund mit dem Titel „30 x anders“. Jedes der 30 Mitglieder ist ein Individuum mit all seinen verschiedenen Fähigkeiten, die in den verschiedenen Choreographien von Justo Moret gekonnt gezeigt wurden.



Schon der Beginn war sehr beeindruckend. Düster, in Nebel gehüllt, präsentierte sich die Bühne, auf der eine Gruppenchoreographie den Start ins Programm eröffnete. Später kamen verschiedene Duette und Soli, die das Können der einzelnen Akteur:innen unter Beweis stellten.

Das komplette Programm war in keinster Weise „amateurhaft“, außer man benutzt das Wort in seiner ursprünglichen Bedeutung: Nämlich um jemanden zu beschreiben, der eine bestimmte Aktivität aus Leidenschaft oder als Hobby ausübt, im Gegensatz zu jemandem, der professionell oder beruflich in diesem Bereich tätig ist. Und die Leidenschaft für den modernen Tanz war jedem der 30 Akteur:Innen deutlich anzumerken.

Was dem JugendTanzTheaterBallettDortmund noch fehlt, ist mehr männliche Beteiligung, denn von den 30 Tänzer:innen, waren nur zwei Männer (wenn ich die Besetzungsliste richtig gelesen habe). Also, Jungs, traut euch!




Phantomschmerz – Geschichten über Verlust und Widerstand

Mit „Phantomschmerz“ hatte der letzte Teil der Trilogie über die Existenz der Frau Premiere, die das Sepidar Theater auf die Bühne brachte. Nach „Ich bin schon tot“ (2021) und „Hosenrolle“ (2022) ging es bei „Phantomschmerz“ feministischen Kämpfe und Wunden von Frauen. Das Solostück für Bahar Sadafi hatte am 26. Mai 2023 im Theater im Depot Premiere.



Wer hat die Macht über den Körper der Frau? Gewalt gegen den Körper der Frau hatte in der Geschichte viele Formen angenommen. Von Säureangriffen über Fußbinden im alten China, Narben- und Brandmarkierungen, um äußerlich zu zeigen, zu welcher Gemeinschaft die Frau gehört reicht das (sicherlich nicht vollständige) Repertoire. Doch eine der schlimmsten Formen der weiblichen Verstümmlung ist die der Genitalverstümmlung, die immer noch praktiziert wird.   

Phantomschmerz von Sepidar Theater. Bild: (c) Parva Zahed)
Phantomschmerz von Sepidar Theater. Bild: (c) Parva Zahed)

Um diese Genitalverstümmlung drehte sich der Anfang der Performance von „Phantomschmerz“. Eindrucksvoll berichtet Sadafi als Erzählerin von der Beschneidung ihrer älteren Schwester, wobei deutlich wird, dass auch Frauen dieses barbarische Ritual unterstützt haben.

Die zweite Geschichte handelt von einer kämpferischen Frau, die im Gefängnis versucht, sich individuelle Freiräume zu erkämpfen, was aber – auch durch die Mitinsassinnen – niedergeschlagen wird. Das Abschneiden ihrer Haare ist auch eine Form der Verstümmelung.

Das Stück hat natürlich auch eine positive Perspektive. Denn wenn Frauen sich gegen jegliche Verstümmelung und Aneignung ihres Körpers zur Wehr setzen, diesen „Phantomschmerz“ über den Verlust in Wut und Energie umsetzen, dann können sie den Kampf gewinnen. Im Stück präsentiert Sadafi folgende Analogie: Bei Schere-Stein-Papier gewinnt die Schere gegen das Papier. Aber das Papier wird zerschnitten und die Streifen werden immer mehr.




Halbwache Geister – Stück über Demenz und den Kreislauf des Lebens

Der Dortmunder Sprechchor hat sich inzwischen als Ensemblemitglied des hiesigen Theaters gut etabliert. Regine Anacker (Sprechchor) hat nun unter der Regie von Ludwig Robert Jung und Ekkehard Freye ein besonderes Stück geschrieben, das sich mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft immer brisanter werdenden Thema Demenz sowie den Kreislauf des Lebens befasst. Sie spielt auch selbst als Psychologin darin eine Rolle.



Am 26.05.2023 hatte „Halbwache Geister – ein Abend im Heim“ seine Uraufführung im Studio des Schauspiels Dortmund.

Das Publikum wird zusammen mit einigen Bewohner*innen von der Psychologin (Gruppe) am Einlass abgeholt. Das Heimleben zwischen Langeweile und Hilferufe wird von einer Pflegerin geregelt. Fichte (Jörg Karweick) und Anna (Sylvia Reusse) werden der Ordnung und Ruhe halber gerne in die Ecke zur Fake-Bushaltestelle geschickt. Da wird gewartet.  Vielleicht auf einen Brief von den Liebsten oder die Rückfahrkarte nach Hause.

Der Sprechchor bei "Halbwache Geister" (Foto: (c) Florian Dürkopp
Der Sprechchor bei „Halbwache Geister“ (Foto: (c) Florian Dürkopp

Die Bewohner*innen des Heimes leisten sich Gesellschaft beim Vergessen und der von ein wenig Hoffnung getragenen Spurensuche im Trümmerhaufen der Erinnerungen. Das Erinnern geht tief in die evolutionäre Vergangenheit. Die alte Heimkatze, wunderbar performt von der Künstlerin Gudrun Kattke, nimmt die Erinnerungsspuren früher wahr als die anderen.

Der Sprechchor (51 Personen) spielt, spricht, singt und summt in diesem absurden, komisch-tragischen Theater in verschiedenen Konstellationen. Als Bewohner*innen, Pflegerin oder Psychologin (jeweils in kleinen Gruppen).

Musik und Sounddesign des Stückes hat Roman D. Metzner atmosphärisch passend übernommen und sich zudem live auf der Bühne unter die Bewohner*innen gemischt.

Eine spezielle Rolle kommt dabei auch den sich in Liebeserinnerungen verlierenden Herrn (Roland Schröter-Liederwald) und die Dame gegenüber (Sabine Bathe-Kruse) oder Waltraud (Waltraud Grohmann) im Rollstuhl zu. In lichten Momenten tun sie ausdrucksstark ihren Unmut und „Missbilligung“ kund. Am Ende bleibt der Wunsch, nach Hause zu kommen.

Eine Collage von bunten Textpassagen unterschiedlicher Autor*innen wird vom Sprechchor zielgenau eingesetzt.

Vergessen ist aber auch lebensnotwendig und nicht nur beängstigend.

Wir nehmen die Dinge selektiv wahr. Das ist für uns existenziell wichtig, um Raum zu schaffen für Neues, als einen produktiv-kreativen Prozess. Wir sortieren „wichtiges von nicht so wichtigem“.

Die Balance zwischen Erinnern und Vergessen hält dabei einiges aus – ehe das Vergessen überwiegt.

Ein berührender-nachdenklicher Theaterabend mit situativ komischen Momenten.

Informationen zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer über www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222




Siegfried mit Witz und Klasse

Nach der „Walküre“ in der vergangenen Spielzeit hatte am 20. Mai 2023 „Siegfried“ aus dem Ringzyklus von Richard Wagner einen großen Auftritt in der Oper Dortmund. Und wie schon in der „Walküre“ hat Peter Konwitschny wieder eine gelungene Inszenierung auf die Bühne gezaubert, dessen zweiter Akt sehr an der Humorschraube dreht.



Die Geschichte von „Siegfried“ ist schnell erzählt. Er ist das Kind der Zwillinge Siegmund und Sieglinde und der Enkel von Wotan. Die schwangere Sieglinde wird von der Walküre Brünhilde gerettet, was deren Verbannung nach sich zog (Das passierte in „Walküre“).

Siegfried wächst beim Zwerg Mime auf, der zwar Schmied ist, aber das zerbrochene Schwert Nothung nicht zusammenfügen kann. Siegfried, der genervt ist von seinem Ziehvater, schafft es alleine Nothung zu reparieren und tötet damit den „Wurm“ Fafner. Zur Belohnung bekommt Siegfried den Niebelungenhort, auf den Mime und sein Bruder Alberich (Morgan Moody) auch scharf ist. Mime wird von Siegfried getötet und unser Held begibt sich zu dem Ort, an dem Brünhilde hinter einem Riegel aus Feuer schläft und befreit sie.

„Siegfried“ zeichnet sich aus, dass es wenig weihevoll ist und die Handlung durchaus auch komödiantisch interpretiert werden kann. Konwitschny charakterisiert Siegfried (Daniel Frank) im ersten Akt als aufmüpfigen Jugendlichen, der die Autorität seines Ziehvaters Mime (Matthias Wohlbrecht) recht deutlich in Frage stellt. Siegfried, der aussieht wie eine Mischung zwischen Hippie und Jack Sparrow, möchte auch gar nicht die Zuneigung von Mime haben, die auch nur vorgetäuscht ist, wie wir später erfahren.

Im zweiten Akt wird es komödiantenhaft, alle Schwere von Wagners Bühnenfestspielen wird hinweggeblasen. Alleine dafür lohnt sich der Besuch von „Siegfried“. Hier ein paar Einfälle: Siegfried kann sein Horn nicht blasen, zur Unterstützung kommt Hornist Jan Golebiowski auf die Bühne,  die dunkle Höhle von Fafner entpuppt sich als goldener Raum mit Fafner (Denis Velev) in der Badewanne und der Waldvogel (Alina Wunderlin) hat ein wenig was von der Fee Tinkerbell.

Im dritten Akt hat Wotan alias Der dunkle Wanderer (Thomas Johannes Mayer) einen Auftritt mit der Göttin Erda (Aude Extrémo) hat, die er aus einer Art Tiefkühltruhe hervorzaubert. Ihre Warnung vor dem Ende von Göttern, Riesen und Zwergen bekommt Wotan bei einem Zusammentreffen mit seinem Enkel Siegfried selbst zu spüren. Das Ende gehört natürlich Brünnhilde (Stéphanie Müther) und Siegfried, der seine Wunschfrau trotz Rettung erstmal noch überzeugen muss. 

Da staunt Siegfried (Daniel Frank) nicht schlecht, was für Töne Hornist Jan Golebiowski aus seinem Instrument zaubert. (Foto: (C) Thomas M. Jauk)
Da staunt Siegfried (Daniel Frank) nicht schlecht, was für Töne Hornist Jan Golebiowski aus seinem Instrument zaubert. (Foto: (C) Thomas M. Jauk)

Die Inszenierung von „Siegfried“ zeigt wieder, warum Dortmund zur Oper des Jahres gewählt wurde. Tolle Stimmen bis in die kleinsten Nebenrollen, engagierte musikalische Begleitung durch die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Gabriel Feltz und eine frische, humorvolle Inszenierung von Peter Konwitschny. So verwandelt man die vier Stunden Musik in ein anspruchsvolles Seh- und Hörerlebnis. Kein Raum für überbordenden Pathos, keine Germanentümelei oder ähnliches.

Das Bühnenbild von Johannes Leiacker ist sehr reduziert. „Siegfried“ spielt größtenteils in Büro- oder Baucontainer, die man von großen Baustellen kennt, die aber effektiv als Wohnort eingerichtet wurden. Besonders die Höhle von Fafner war sehr fantasiereich ausgestaltet. Die Reduktion des Bühnenbildes ging zum Schluss noch weiter, denn Siegfried und Brünnhilde treffen sich auf der fast leeren Bühne.

Der Schlussapplaus für alle Beteiligten machte deutlich, dass in Dortmund ein zeitgemäßer und gleichzeitig qualitativ hochwertiger „Siegfried“ im Spielplan steht, der vom Publikum angenommen wird.




Kunstwandeln – theatrale Spaziergänge durch das Grün des Ruhrgebiets

Das Festival wird veranstaltet von artscenico performing arts, Dortmund und Jelena Ivanovic, Essen in Kooperation mit Theater Kreuz&Quer, Duisburg sowie
ORKESTRA/Markus Stollenwerk, Hattingen. Es findet an vier Wochenenden zwischen dem 18. Mai und dem 12. Juni an öffentliche Orten in den beteiligten Städten statt
und präsentiert verschiedene Kunstgenres von Theater über Kindertheater, Musik bis zu Tanz.



Am Pfingstwochenende, vom 27. – 29.Mai., gastiert das Festival nun mit drei Veranstaltungen in Dortmund.
Hierbei präsentiert das Festival mit dem bekannten Dortmunder Theaterlabel artscenico e.V. als Gastgeber an drei Tagen die Produktionen dreier Gastgruppen.

Was erwartet das Publikum?

Am 27.05.2023 um 18.00 Uhr erlebt das Publikum auf dem Gelände der Galopprennbahn Dortmund-Wambel einen konzertanten Spaziergang mit Live-Malerei, inszeniert von
ORKESTRA/ Markus Stollenwerk, Hattingen
mit dem Titel Soundscaping

 
Am 28.05.2023 um 15.00 Uhr laden wir alle Menschen ab 5 Jahren ein zur Kindertheatervorstellung des Theater Kreuz & Quer – Von Einer, die auszog das Fürchten zu lernen –
Ein Clownstheater mit zwei Rucksäcken, einem Hochsitz und einem Märchenwald…

Veranstaltungsort ist hier der Fredenbaumpark (Eingang Beethovenstraße/Klinikum Nord)

Und am 29.05.2023 um 18.00 Uhr präsentiert Kunstwandeln die Essener Choreographin und Tänzerin
Jelena Ivanovic und ihre Gruppe Tanzgebiet mit der Tanztheaterproduktion Heimland? im Externbergpark (Evinger Stadtpark) in Dortmund-Eving.

Infos zu den Veranstaltern und teilnehmenden Gruppen entnehmen Sie bitte den Anhängen oder unter www. kunstwandeln-ruhr.de
Alle Veranstaltungsorte sind für mobilitätseingeschränkte Personen zugänglich. Bei Fragen hierzu kontaktieren Sie
uns bitte unter orga@artscenico.de

Ticketpreise 17 €/ermäßigt 10 €/6 € Kinder bis 14 J und Einheitspreis Kindertheater am 28.05.
Tickets unter: https://ticketree.de/event/kunstwandeln/ oder orga@artscenico.de (Reservierung)
oder an der Tageskasse der jeweiligen Orte.




Bodybild oder wie viel Sahne verträgt eine Erdbeere?

Das KJT Dortmund hat mit Bodybild ein heißes Thema aufgegriffen, dass sowohl Kinder, Jugendliche als auch Erwachsene betrifft … nervt … bestimmt … quält …



Spätestens seit den Social Medien, hier besonders INSTAGRAM, herrscht ein unerbittlicher, ja fast schon faschistoider, Körperoptimierungsdruck, dem bereits Kinder ausgesetzt sind. Aber leider auch durch die Erwachsenen, ihre Eltern, zuerst, als ersten Rollenmodelle. Lange vor den A-Social Medien herrschte Druck in den Kinder- und Jugendzimmern. Waren es zuerst die Noten und der Numerus Clausus, kam schnell durch die Werbung, besonders die der Fashion Industrie, der optimierte Körper hinzu … der Leistungsdruck begann sich in den 1980er/90ern zu steigern.

Das Ensemble der Jugendclubproduktion "Bodybild" (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Das Ensemble der Jugendclubproduktion „Bodybild“ (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Waren die Bilder von Bruce Weber noch sportliche „Jedermann“ Typen bei Männern und Frauen, so wandelte sich das Trendbild in den 90er-Jahren mit den Female und Male Supermodels dramatisch. Die durchPeter Lindbergh für die Titelseite der Januar-Ausgabe 1990 platzierten Cindy Crawford, Naomi Campbell, Linda Evangelista, Christy Turlington und Tatjana Patitz setzten den Trend. George Michael veranlasste das, sie für sein Freedom ’90!Video zu casten. Später setzte Madonna mit Vogue einen weiteren Meilenstein, wie auch Dragqueen und LGBTIQIA+ Aktivist Ru Paul mit seinem Song Supermodel … ich liebe die Schluss Sentenz „you better work!“ Lange vor dieser Fashion Ikonen Welt galt u. a. Elizabeth Taylor als perfekte Schönheit. Zu den genannten Supermodels stießen später auch Claudia Schiffer, Stephanie Seymour, Kate Moss und Nadja Auermann. Aber auch bei den Männern gab es diese Supermodels. Da wäre zuerst einmal Markus Schenkenberg und Tavis Fimmel, von denen der Spruch kam, dass sie nicht im Fitness-Studio ihre Figuren geformt hätten … Tyson Beckford, später Jon Kortajarena, Evandro Soldati, Oliver Cheshire.

Ich selbst hatte eine langjährige Beziehung mit meinem idealtypischen Mann … in all den Jahren verdrängte ich dabei seine Probleme mit sich selbst, seinem Aussehen, seinem Körper, seiner Sexualität und seinem daraus resultierenden eigentlich nicht vorhandenen Selbstwertgefühl. Gutes zureden und an den richtigen Stellen bestätigen halfen nichts. Es wurde toxisch und ich musste die Reißleine ziehen. Der Teller war schön … aber … im Grunde leer.  Manchmal hatte ich das Gefühl, er lebt in einer Dailysoap oder einer Vorversion von Instagram.

Sie alle, inklusive der Modefirmen und Werbeindustrie, man denke allein an die ersten Lätta TV Spots, diktierten nun, wer wie auszusehen hatte … Tragisch, als Mann, wenn man nicht den V-förmigen Oberkörper hatte, besonders tragisch, weil als Unterdrückungsmechanismus verwandt, wenn Frauen nicht die Idealmaße hatten. Hier setzte erstmals Dove in seinen Spots in den 2000ern einen signifikanten und notwendigen Kontrapunkt. Sosehr die Dove Kampagne gerühmt wurde, so wenig Wirkung hatte sie leider … Bodyshaming ist besonders beliebt unter denen, die besser, sorry, ihren Mund halten sollten, wie die Maulaffen aus der Ansammlung führerputinageiler Dauerlutscher mit ihrem frauenverachtenden Weltbild, trotz Quotenfrauen … Wobei zu statuieren ist, dass Hass häSSlich macht.

Bodybild beginnt genau dort, bei und mit dem „geforderten“ Körperkriterien … sie werden im Intro aufgezählt und immer wieder mit dem Zusatz versehen „normal eben“.

Aber was ist „normal“? Dem genau geht Bodybild rasant auf die Spur, um sich in einem „Gehen Lassen“ orgiastisch fast zu implodieren, also dem Körperidealbild. Denn früh regt sich im fantastisch spielenden Ensemble erste Gegenwehr gegen das Schönheitsideal, weil der Druck zu groß, zu übermächtig wird. Weil man sich selbst nicht mehr in dem optimierten Körper wohlfühlt und sich in einer permanenten Diätspirale befindet. Wo bleibt die eigene Stimme, auch wenn man von seiner Umgebung angezweifelt, dass man den terrorhaften, faschistoiden Druck des/der geltenden Schönheitsideale nicht mehr gehorchen will.

Wie aber entdeckt man sein eigenes Schönsein, seinen eigenen Golden Cut, zwischen all den glatten glitzernden Oberflächen, schönen Körpern, perfekt ausgeleuchteten Werbungen und Instagram Fotos/Posts und Destinationen? Der Golden Cut ist evolutionär in uns und beflügelt das Schönheitsideal.

Das Selbst, sein eigenes Ich zu finden, ist gar nicht so leicht, wenn man sein Leben im Selfie Modus zu führen gewählt hat, aber trotzdem an sich zweifelt und sich selbst sucht. Wir Zuschauer können es nachvollziehen oder sich hineinversetzen in die Protagonisten auf der Bühne, die um ihr Selbst und Selbstbild sehr eindringlich und, wenn auch plakativ, authentisch kämpfen.

Am eindringlichsten wurde der Weg zum eigenen Selbst, und eigenen Schönheitsideal, bei dem orgiastischen Picknick mit Waffel und Sahne … Ich selbst pflege immer etwas Kaffee zu meinem Zucker zu trinken … Zur Sahne brauchte es eine Waffel als Grundlage, und kein in Orangensaft getauchtes Wattebäuschen … Oder wie viel Sahne passt auf eine Erdbeere?

Das Stück, basierend auf dem Text von Julia Haenni, welcher schon 2019 entstand, wurde am KJT zum Ausgangspunkt für das KJT Dortmund und seiner eindringlichen Bühneninterpretation zu den Themen Körper, Stereotypen, Schönheitswahn, Selbstwahrnehmung, Selbstoptimierung und Gender. Die Schauspieler*innen, zwischen 16 und 25 Jahren alt, erarbeiteten gemeinsam mit dem Regieteam eine körperliche Show der Bodybilder, extrem spielfreudig und begeisterndes, humorvolles, manchmal mit dem Lacher im Halse stecken bleibend und erfrischend direktes Schauspiel, das, so kurzweilig es ist, sehr nachdenklich macht und machen will.

Eine gelungene Theatershow mit Tiefgang und Grundberührung, Ein sehenswertes Stück, nein ein Must See egal welches Alters, von und mit

Künstlerische Leitung                        Christine Appelbaum und Franziska Hoffmann

Ausstattung                            Sandra Linde

Choreogrphie                          Janna Radowski

Dramaturgische Beratung      Milena Noëmi Kowalski

Produktionsassitenz               Hannah Löwer

Desreller*innen                      Carla

                                               Merit Briese

                                               Nessa Cofala

                                               Daria Deuter

                                               Charlie Lutomski

                                               Stelle Hanke

                                               Paula Hees

                                               Julie Meyer

                                               Hanna Pfafferot




Doom – ein nebliger, düsterer Ort

Es war alles angerichtet für ein Metal-Konzert am 13. Mai 2023. Die Fläche des Theaters im Depot war in dichtem Nebel gehüllt. Die Zuschauer konnten es sich aber gemütlich machen, Sitzkissen waren vorbereitet.



Bei „Doom“ denken Gamer natürlich sofort an das legendäre Computerspiel, doch die Schöpfer Layton Lachman und Samuel Hertz verbinden mit dem Titel die gleichnamige Spielart des Heavy Metals „Doom Metal“. „Doom Metal“ zeichnet sich dadurch aus, dass die Akkordwechsel sehr langsam vonstattengehen und die Songs durchaus über 10 Minuten dauern können. Die Abgabe von Ohrstöpsel machte klar: Es wird laut werden.

Insgesamt stand vier Performer:innen auf der Bühne, von denen drei hauptsächlich getanzt haben und ein Gitarrist. Die erste Phase wirkte – so mein Eindruck – als wenn die drei Tänzer:innen typische Rockposen annahmen, die Musiker auf der Bühne performen. In der zweiten Phase wurde es dann laut, denn dann benutzten alle vier Gitarren und Bässe und sorgen dank Rückkopplung dafür, dass die Musik im wahrsten Sinne des Wortes spürbar war.

Aber es gab auch ruhigere Phasen, ein Solotanz mit Fahrradfahrendem Kollegen oder einen eher spirituellen Gesang.  Nicht zu vergessen, ein Stück Orange für das Publikum in einem Setting, das etwas an BDSM erinnerte.

Doom war ein Erlebnis für alle Sinne. (Foto: (c): Carla Schleiffer)
Doom war ein Erlebnis für alle Sinne. (Foto: (c): Carla Schleiffer)

Dass das Stück über Trauer und Verlust handeln soll, wie in dem kleinen Begleitzettel erklärt, wird mit nicht deutlich gemacht. Ich finde es aber auch nicht schlimm, denn ich finde es wichtiger, dass der Betrachter sich selbst seine Gedanken machen muss.

„Doom“ ist kein Produkt für die Masse. Schon allein deshalb, weil „Doom Metal“ selbst eine Nische in der Nische Heavy Metal ist.  Diese Musik wird man im Radio äußerst selten hören.

„Doom“ war ein Erlebnis für alle Sinne, das den Betrachtenden hineinzog in eine düstere, neblige Welt. Es bedarf schon etwas an Unerschrockenheit, um sich dieser Erfahrung zu stellen.

 Die Beteiligten: Layton Lachman, Samuel Hertz, emeka ene, und Caroline Neill Alexander.




Musikalisch-literarische Revue über Frauengeschichte

Am 13.05.2023 gab die Schauspielerin und Sprecherin Jutta Seifert mit ihrem frech-humorvollem Programm „Angebissen!“, eine literarisch-musikalische Revue rund um die Frauenfrage, die Liebe, das Leben und die Gewürze dazwischen, ein Gastspiel im Dortmunder Theater Fletch Bizzel.



In 70 Minuten führte sie das Publikum durch die letzten hundert Jahre Frauengeschichte in Deutschland. 

Revue über Frauengeschichte mit Jutta Seifert. (Foto: (c) M. Bischoff)
Revue über Frauengeschichte mit Jutta Seifert. (Foto: (c) M. Bischoff)

Scheinbar mühelos, mit wenigen Accessoires und passender Gestik, Mimik und Bewegungen schlüpfte Seifert in verschiedene Charaktere. Ob als Diva und Vamp der 1920er-Jahre, als die Frauen sich von dem beengenden Korsett befreiten, oder in die Rolle als „Gebärmaschinen für den Führer“, kennzeichnend für Zeit des Nationalsozialismus. In den 1950er-Jahren zogen jungen Frauen Petticoats an und tanzten Rock ’n’ Roll. Gleichzeitig wurden sie in die Rolle des „Hausmütterchens“ gedrängt, die für Wohlbefinden bei Mann, Haushalt und Familie zu sorgen hatte.

Erst Ende der 1960er-Jahre kämpften sie für das Recht auf eigener Berufswahl, Gleichberechtigung und Abtreibungsmöglichkeit unter legalen Bedingungen.

Klischees, witzig-ironisch interpretierten Songs, Texte von Djuna Barnes bis Lisa Fitz, oder Tucholsky bis Katja Kulmann beleuchten nicht nur das Frauenleben.  Auch die Männerwelt wird bei dieser Revue ironisch und teilweise mit Galgenhumor betrachtet.

Diese bissig-komische Zeitreise zeigt am Ende aber auch, dass die Frauen von heute sich immer noch für gleiche Bezahlung bei derselben Arbeit wie die Männer einsetzen müssen.

Sie stoßen oft an „gläserne Decken“, die ihnen das Leben schwer machen.

Interessant und eindrucksvoll waren die eingeschobenen O-Töne aus der damaligen Zeit.

Für Play-back und Technik verantwortlich war Roland Klare.




Klingendes Spiel für die Jüngsten im Operntreff Dortmund

Am 11.05.2023 wurden die Jüngsten (ab 2 Jahre) zusammen mit ihren Eltern (oder Großeltern) zur Uraufführung des Auftragswerks „RIESEN RIESELN“ unter der Regie von Julia Dina Heße in das Dortmunder Opernhaus ein. Zusammen mit der Komponistin Kathrin A. Denner und dem gesamten künstlerischen Team wurde im Opernfoyer die Größenverhältnisse gehörig auf den Kopf gestellt.



Auf der kleinen Bühne agierten in einer fantasievoll gestalteten Umgebung mit viel Spielspaß und Stimmvolumen von der Jungen Oper Dortmund Wendy Krikken, Marcelo de Souza Felix sowie Natascha Valentin. Sie vermessen mal als grölende Ries*innen, dann wieder als flüsternde Winzlinge die Welt um sich. Das Geschehen findet im Spannungsfeld von Groß und Klein, Laut und Leise oder Schnell und Langsam statt. Die Gegenstände waren in verschiedenen Größen auf dem Bühnenboden verteilt und multifunktional verwendbar.

Wendy Krikken, Natascha Valentin, Marcelo de Souza Felix
(c) Björn Hickmann
Wendy Krikken, Natascha Valentin, Marcelo de Souza Felix
(c) Björn Hickmann

Ob etwas groß oder klein ist, hängt immer von der Perspektive ab. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Alles Große besteht aus vielen kleinen Teilchen.

Die drei Sänger*innen nehmen das „große Ganze“ unter anderem mit Hilfe von selbstgebauten Instrumenten und Geräuschemachern auseinander, bei dem „Papierkonzert“ wird beispielsweise den kleinen Zuhörer*innen klar: Es entstehen durch das Reißen eines großen Papierbogens nicht nur Geräusche, sondern der Bogen besteht aus vielen winzigen Papierschnipseln, die auf den Boden oder in ein Gefäß (wahlweise Hände) rieseln können.

In bunte Trichter konnten die Kinder am Ende dann nach Herzenslust und mit sichtbarem Vergnügen kleine Nudel „rieseln“ lassen und mit auf die Bühne kommen.

Die verschiedenen Temperamente des sehr jungen Publikums (ein Paar vielleicht nicht einmal 2 Jahre?) konnte gut beobachtet werden. Egal ob mutig neugierig oder eher zurückhaltend, sie hatten viel Freude an diesem Musiktheater.

Weitere Vorstellungstermine: Sa.:10.06.2023 um 11:00 Uhr

Für die vorgesehenen mobilen Vorstellungen wenden Sie sich bitte an das Team der Musikvermittlung jungeoper@theaterdo.de




Von Weißert bis Wissert – gelungene Gala für die Schauspielfreunde

Viele Köche verderben den Brei – so sagt man. Aber der Galaabend am 12. Mai 2023 zu Ehren des 40-jährigen Jubiläums der „Schauspielfreund*innen“ bewies das Gegenteil. Alle sechs Sparten des Theaters präsentierten sich von ihrer besten Seite bei „6und40“.



Vor 40 Jahren kamen in Dortmund Pläne auf, die Schauspielsparte aus Kostengründen zu schließen. Dagegen regte sich bürgerschaftlicher Protest und in Folge wurde der Verein „Dortmunder für ihr Schauspiel“ gegründet. Der Verein ist eine Lobby für das Schauspiel sowie das Kinder- und Jugendtheater, und unterstützt beide Bühnen tatkräftig.

Schlussapplaus mit allen Beteiligten; vorne: Mandla Mndebele
(c) Birgit Hupfeld
Schlussapplaus mit allen Beteiligten; vorne: Mandla Mndebele
(c) Birgit Hupfeld

Aber bei so einem Jubiläum ließ sich das Theater es nicht nehmen, mit allen Sparten zu feiern und so gab es unter der Gesamtleitung von Andreas Gruhn, dem Leiter des KJT, ein buntes Programm mit alten Bekannten und jungen Gesichtern.  Moderiert wurde das ganze von Ensemblemitglied Raphael Westermeier.

Den Beginn der Gala gestaltete der Sprechchor mit „A little help from my friends“. Andreas Weißert und Harald Schwaiger aus der Zeit vor Kay Voges waren da, ebenso wie Andreas Beck, der zehn Jahre unter Voges spielte. Ja, auch Kay Voges persönlich war aus Wien angereist, um den „Schauspielfreund*innen“ für ihre Unterstützung zu danken. Von der Oper waren Sungho Kim und Mandla Mndebele gekommen, die ein Duett aus „La Bohéme“ sagen.

Neben den alten Recken gab es natürlich auch neue Gesichter zu sehen. Das NRW Juniorballett tanzte und der Jugendclub des Schauspiels zeigte einen kleinen Ausschnitt aus seinem aktuellen Programm.   Den Besucher*innen wurde vom Schauspiel eine kleine Kostprobe aus „Bakchen“ geboten.

Gegen Ende zeigten Ensemblemitglieder des KJT den Auftritt der Handwerker aus Shakespeares „Sommernachtstraum“.  Der kurze Ausschnitt kam beim Publikum sehr gut an, steht aber nicht im Programm der kommenden Spielzeit. Bei der positiven Resonanz – vielleicht ändert sich dies noch.

Mit „You’ll never walk alone”, gesungen von Mandla Mndebele, wurde die gelungene Gala beendet.

Mehr zu den Schauspielfreund*innen unter www.schauspielfreunde.do