Musical „RENT“ rockt Dortmunder Opernhaus

Erst Anfang September 2023 hatte Puccinis Oper „La Bohéme“ unter der Regie von Gil Mehmert seine bewegende Premiere im Dortmunder Opernhaus.



Am 30.09.2023 startete nun das in den 1990-iger Jahren (New York) zur Weihnachts- und Silvesterzeit verlegte moderne Musical-Pendant „RENT“ (Miete) in der Inszenierung des Regisseurs am gleichen Ort. Buch, Musik und Liedertexte sind von Jonathan Larson, (Deutsch von Wolfgang Adenberg). Das Originalkonzept und die zusätzlichen Liedtexte stammen von Billy Aronso.

Die drei jungen Bohemians (Gespielte von Christof Messner, Alex Snova und Lukas Mayer). Foto: (c) Thomas M. Jauk
Die drei jungen Bohemians (Gespielte von Christof Messner, Alex Snova und Lukas Mayer). Foto: (c) Thomas M. Jauk

Hier werden (vordergründig) ähnliche Geschichten erzählt. Mehmert hat nicht nur das Bühnenbild mit dem Dach-Appartement übernommen, sondern auch einige kleine Anlehnungen an die „La Bohème“-Inszenierung übernommen.

Begleitet wird die Story musikalisch sensibel und rockig von einer Band unter der Leitung von Jürgen Grimm.

Junge Bohemiens kämpfen auch bei RENT um ihre nackte Existenz und Leben in einem schäbigen „Loft“ über den Dächern von New York. Ihnen wird hier jedoch unter anderem bewusst die Obdachlosen auf der Straße unten gegenübergestellt.

Beide Gruppen sind von den Plänen Vermieters und ehemaligen Mitbewohners des Appartements bedroht, der der die Mieter aus der Wohnung heraushaben will, um sie in eine Luxusimmobilie zu verwandeln. Der Filmemacher Mark (Christof Messner) und Musiker Roger (David Jacobs), beide noch Mieter des Appartements, bekommen Unterstützung von Marks Ex-Freundin Maureen (Bettina Mönch), deren neue Partnerin Joanne (Amani Robinson), dem arbeitslosen Universitätsprofessor Tom (Alex Snova) sowie dessen neue Liebe Drag-Künstler Angel ( Lukas Mayer). Dazu kommt die drogenabhängige und schwer kranke Mimi, in die sich Roger allmählich verliebt.

Die harte Lebenswirklichkeit holt die Paare bald ein….

Das Musical besticht durch rasante Choreografien, starken Stimmen der Darstellenden und eindringlichen geschickt wechselnden Bühnenbildern auf verschiedenen Ebenen.

Während bei Puccini Mimi an Tuberkulose leidet, spielt bei Larson Drogensucht und die in den 1990-iger Jahren akute Aids-Problematik eine Rolle. Viel ist aus seiner eigenen Lebenswirklichkeit entnommen. Ungleichheit, Armut, Gentrifizierung, Obdachlosigkeit, Homophobie werden ebenfalls schonungslos aufgezeigt.

Leider haben diese Probleme auch heutzutage nichts von ihrer Brisanz verloren.

Optisch am Auffallendsten war sicherlich Lukas Mayer in seiner Rolle als „Drag-Queen“. Bei all den tollen Stimmen beeindruckte mich persönlich besonders Amani Robinson.

Humorvoll unterstützt wurden die Hauptakteure von dem Rest des Ensembles in ihren verschiedenen Rollen.

RENT ist etwas für von Musical-Freunde wie auch Fans von romantischen Rockballaden und fetzigem Rock. Modern, aktuell, frisch und mit einer Prise Erotik.

Es ist eine musikalische Feier der Liebe („Seasons of Love“, einziger Song in englischer Sprache), der Bohème, und vor allem des „Leben im Jetzt“.

Die Premiere wurde vom Publikum stürmisch gefeiert. Weiter Aufführungstermine erfahren Sie wie immer unter www.theaterdo.de  oder Tel.: 0231/50 27 222




Instame – Gefährliche Vermengung von Internet und Real Life

Im Operntreff der Oper Dortmund konnte das junge Publikum am 27.09.2023 die Uraufführung des Auftragswerks „Instame“ erleben.



Es handelt sich hierbei um eine moderne und frische Oper, die sich mit den Gefahren, die aus einer Vermengung der beiden Daseinsebenen (digitale und reale Welt) musikalisch und theatral auseinandersetzt.

Franz Schilling (Batman, im Hintergrund), Cosima Büsing (Linny), Wendy Krikken (Sanny)
Foto: (c) Björn Hickmann
Franz Schilling (Batman, im Hintergrund), Cosima Büsing (Linny), Wendy Krikken (Sanny)
Foto: (c) Björn Hickmann 

Es geht um ein brisantes Thema, das die Realität der Jugendlichen betrifft und sie eventuell für das Genre „Oper“ zugänglich macht.

 Die Oper von Kathrin A. Denner unter der Regie von Lukas Wachernig ist in Kooperation mit der Akademie für Theater und Digitalität entstanden.

Musikalisch begleitet wurde die Oper von einer kleinen Abordnung der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Olivia Lee-Gundermann.

Die verschiedenen Stimmungslagen, ob spielerisch-humorvoll bedrohlich, fanden ihren atmosphärischen Ausdruck in Geräuschen und der Musik.

In „Istame“ wird der digitale Raum auf eine Bühne (Ort der Selbstdarstellung) verlegt. Das Publikum blickt unmittelbar in das Jugendzimmer der Influencer*in Sanny (Wendy Krikken), die wie ihre Freundin Linny (Cosima Büsing, neu im Junge Oper-Ensemble) ständig online ist. Es geht nur um Selbstdarstellung, „Likes“, viele „Follower“, Geld, Werbegeschenke und Shoppen. Als sich Sanny im den geheimnisvollen „Schiller“ verliebt und die Reality (OMG) in Form des „ertinderten Batmans“ die Lebenswirklichkeit bedroht, sind die beiden Insta-Girls überfordert. Das System ist überlastet und stürzt ab…

Das neue Ensemble-Mitglied der Jungen Oper spielte sowohl den als witziges Einhorn verkleideten „Happycorn“ vom Shopping-Lieferdienst wie auch den „Batman“ mit viel Herzblut. Alle drei Darsteller*innen konnten sowohl mit ihren Stimmen als auch ihrer schauspielerischen Darstellung der Typen.

Oft humorvoll-ironisch überzeichnet, doch auch provokant-radikal, weist die Oper deutlich auf mögliche Gefahren mit katastrophalen Folgen hin, wenn sich digitale und reale Welt konfliktreich vermengen.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Supertrumpf – Essstörung als familiäre Belastungsprobe

Im Dortmunder Kinder und Jugendtheater (KJT) steht aktuell das Stück „Supertrumpf“ (Premiere war am 22.09.2023) ab 10 Jahre (Esther Becker) unter der Regie von Antje Sieber auf dem Programm.



Behandelt wird hier sowohl für die betroffenen Personen wie auch das familiäre Umfeld das sensible und komplexe Thema Essstörung.

Sar Adina Scheer (vorne), Thomas Ehrlichmann, Annika Hauffe, Bianka Lammert
(c) Birgit Hupfeld
Sar Adina Scheer (vorne), Thomas Ehrlichmann, Annika Hauffe, Bianka Lammert
Foto (c) Birgit Hupfeld

Aus der Perspektive der zehnjährigen Lou (eigentlich Marie-Louise) wird vom schwierigen Familienleben nach der Entlassung ihrer magersüchtigen vierzehnjährigen Schwester Maya nach drei Monaten erzählt.

Mit viel Empathie versetzen sich die neuen Schauspieler*innen Annika Hauffe (Lou) und Sar Adina Scheer (Maya) in die Situation der Schwestern. Während des dreimonatigen Klinikaufenthalt von Maya hat sich Lou die Zeit mit ihrem Lieblingsspiel Supertrumpf (gerne als Bezeichnung für Autoquartett) vertrieben und sich abgelenkt.

Der Aufbau der Bühne (Ausstattung: Julia Schiller) in Form von unterschiedlichen Podesten und Höhen verdeutlichte die Schwierigkeiten im alltäglichen Leben und dient gleichzeitig als eindrucksvolle Video-Projektionsfläche für bekannte Ratschläge und Sprüche für den Umgang mit Essstörungen. Für Musik, Geräusche und Video zeichnet Peter Kirschke verantwortlich.

Die ambivalente Gefühlswelt der Schwestern wird mit prägnanten Dialogen, klaren Bildern, wenig Pathos, Humor und herzlichen Momenten dargestellt.  Lou kämpft zum einen um Beachtung in ihrer Familie, wo gerade die zurück gekommenen Maya im Zentrum der Aufmerksamkeit steht. Andererseits liebt sie ihre Schwester und hat Angst um das Leben von Maya. Es entsteht eine Stimmung von Misstrauen und Kontrollzwang. Drunter leidet Maya, die ja extreme Kontrolle schon genug in der Klinik erlebt hat.

Die Verunsicherung der Eltern und Freunde von Lou verkörpern wunderbar Bianka Lammert und Thomas Ehrlichmann.

Ganz langsam finden wieder eine Annäherung und Vertrauensbildung statt.

Während der Aufführung wird geschickt zwischen Erzählung und direktem Konfrontationsspiel changiert.

Ein sensibler Umgang mit dem Thema Essstörungen. Die eine und einzige Ursache für deren Entstehen gibt es nicht. Allen Betroffenen gemein ist eine gestörte Selbstkontrolle. Da sind viel Geduld und vertrauensbildende Maßnahmen notwendig.

Weitere Aufführungstermine erfahren Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Penthesilea – wie den Kampf der Geschlechter überleben?

Penthesilea, das Drama von Heinrich von Kleist, diente dem Theaterkollektiv Trafique unter der Leitung von Björn Gabriel als Vorbild für ihre Version von „Penthesilea“ mit dem Untertitel „Battle oft he Sexes“. Das zeigte schon von Anfang an, wohin die Reise in den kommenden 90 Minuten gehen wird. Ein Premierenbericht vom 22.09.2023 aus dem Theater im Depot.



Die Geschichte von Achill und der Amazonenkönigin Penthelisea geht auf Homers (der auch zu Beginn auf der Leinwand erschien) Erzählung über den Trojanischen Krieg zugrunde. Bei ihm nahm Penthelisea ein böses Ende, bei Heinrich von Kleist siegte die Amazonenkönigin.

Lassen wir mal die ganzen Überlegungen über das sagenumwobene Amazonenvolk (no evidence) beiseite, natürlich gab es, mehr als manche bis jetzt annehmen, Kriegerinnen zu allen Zeiten. Doch Trafiques „Penthelisea“ ist auch kein Stück über das weibliche Heldentum, sondern seziert die Beziehung zwischen Mann und Frau.

Diese Beziehung ist nicht einfach und geprägt und Ungleichbehandlungen. Im Stück träumt Penthelisea von einer Welt ohne Männer, die sie als „große Plage der Welt“ bezeichnet. Dieser Monolog, ich könnte ihn neudeutsch auch als „Rant“ bezeichnen, erinnert an einige Science-Fiction-Filme, in denen durch eine Katastrophe oder ähnliches, (fast) nur noch Frauen auf dem Planeten Erde leben. Die Serie „Y: The Last Man“ ist so ein Beispiel.

Wie hat sich Mann denn nun zu verhalten in der Welt, in der Frau ihren gerechten Anteil fordert? Bezeichnet er sich schnell als Feminist, um als „pinker Gockel“ eine Frau in Bett zu bekommen?

Und was wäre, wenn Achill und Penthelisea beide überlebt hätten? Trafique zeigt es uns gegen Ende des Stückes in all seiner Schönheit. Ehe, Kind, Alltagstrott. (K)Eine Alternative?

Eine weitere Figur hat in dem Stück Platz. Ein Namenloser, der anscheinend mit der strikten Einteilung von Mann und Frau bricht. Von der Gesellschaft ausgeschlossen, ist er aber jemand, der sexuelle Selbstbestimmtheit lebt.

„Penthesilea“ gibt keine Antworten auf die Kämpfe zwischen den Geschlechtern, sondern zeigt einen kleinen Einblick in die aktuellen Diskurse. Hervorzuheben sind die drei Darstellenden auf der Bühne: Nicolas Martin, Johanna Reinders und Tomasso Tessitori, die ihre Figuren mit Leben erfüllen. Hinzu kommt der typische Trafique-Stil mit einer Mischung von Film und Schauspiel und den obligatorischen Backgroundgesprächen der Schauspielenden.

Nicht zu vergessen: Trafique schafft es wieder, die Vorlage (hier Kleist) zu entstauben und für den aktuellen Diskurs aufzupeppen.




Ein Tanzfestival der Extraklasse

Internationale Ballettgala XXXVII

Die Internationale Ballettgala, gefördert von den Ballettfreunden Dortmund e. V. und weiteren kunstsinnigen Sponsoren, bot einen einmaligen Tanzfest Abend von internationalem Rang. Xin Peng Wang lud das Publikum in dieser Saison dazu ein, mit ihm sein 20-jähriges Dortmund-Jubiläum zu feiern! Durch den Abend führte als Conférencier/Moderator Hannes Brock.



Die bei dieser 37. Internationalen Ballettgala präsentieren Tänzer*innen international namhafter Compagnien, wurden von den Dortmunder Philharmonikern begleitet. Die Tänzer präsentierten die vielen Facetten und Schattierungen der Ballettkunst. Stars des Stuttgarter Balletts, des Royal Ballet London, des National Ballet of China und Het Nationale Ballet Amsterdam waren im Opernhaus zu Gast und zeigten ein höchst abwechslungsreiches Programm.

Eine Choreografie von Ted Brandsen, ebenfalls seit 20 Jahren Direktor und Chefchoreograf des Dutch National Ballet, gab den Auftakt zu dieser feierlichen Gala.

Das Dortmunder Ballett erarbeitete/ertanzte sich mit und unter Xin Peng Wang seit 2003 zu Weltruhm und Reputation. Sonst wären andere weltbekannte, renommierte Tanzkompanien nicht nach Dortmund gereist. Dieser Aufstieg ist auch durch die von Xin Peng Wang 2014 gegründete NRW Ballett Junior Academy begründet. Diese Ballett Junior Academie war auch an diesem Abend Teil des begeisternden Programms. Die eröffneten nach der Pause den zweiten Teil des Abends mit einer fantastischen Choreografie von Xin Peng Wang, Im Wald, mit der Musik von Camille Pepin. 

Die insgesamt 17 Stücke, Ballettszenen, begeisterten das Dortmunder Publikum, das die Tänzer, eigentlich Tanzkünstler, zu Ovationen begeisterte … auch inmitten ihrer Darbietungen. So wie bei Polina Semionova vom Staatsballett Berlin, sie zeigte, dass eine Frau/Ballerina auch auf kleinster Fläche standhaft stehen kann …

Die Gründung der NRW Junior Academy durch Xin Peng Wang machte Dortmund zu einem international beachteten Knotenpunkt für hochbegabten Ballettnachwuchs. Jährlich können zwölf Tänzer*innen aufgenommen werden. Allerdings ist die Bewerberzahl um ein Vielfaches höher. Diese jungen Ballettkünstler sind bereits professionell ausgebildet und erhalten in Dortmund ihren letzten Schliff. Kein Wunder, dass die Welt auf die Dortmunder Jugend Academy schaut, wenn es um die besten Nachwuchstänzer geht.

Auch dies ein Grund für die starke internationale Resonanz auf die Einladung zur 37. Internationalen Ballettgala.




Mein lieber Scholli

Ein Tegtmeierabend im Fletch Bizzel, am 22. September, Beginn 20:00, mit Carsten Bülow, Peer Claßen und Monika von Manger, der Nichte von Jürgen von Manger, alias Adolf Tegtmeier.



Tegtmeier schwadronierte in bestem Ruhrpottslang über die Widrigkeiten des Lebens auf Bühnen und bundesweit im ZDF in 6 verschiedenen TV Formaten. Mein beliebtestes und weithin bekannteste war/ist Tegtmeier´s Reisen. In diesem Format bereist von Manger als Tegtmeier die Welt und war dabei herrlich skurril provinziell … ein Spagat für den kosmopolitischen von Mager, den er mit Bravour hinlegte oder besser darbot. Der literarische Kabarettist war aber nicht nur der Kabarettist sondern auch ein Schauspieler von Rang und Gesangskünstler.

Bülow, Claßen und von Manger lassen im 100 Geburtsjahr von Jürgen von Manger den Ausnahmekünstler hochleben. In diesem Programm. dass sich um das Bühnenschaffen von von Manger dreht, und mit der Familie von Manger erarbeitet wurde, werden wir ein Gesamtbild wiedererstehen sehen.

www.fletch-bizzel.de




Im Zwiegespräch mit der Musik

Es ist zunächst ungewöhnlich, denn im Stück „Duett“ beginnen die drei Tänzer:innen Chris Leuenberger,  Jenny Beyer und Chihiro Araki ohne einen Tanzpartner oder Tanzpartnerin. Warum also „Duett“?



Jenny Beyer studierte an der Ballettschule des Hamburg Ballett und bei Codarts/Rotterdam. Ihre vorwiegend auf Kampnagel und bei K3 Tanzplan Hamburg verankerte Arbeit steht für die Einbeziehung und Bindung von Zuschauer*innen durch regelmäßige offene Proben. Sie konzipierte „Duett“ vor zehn Jahren als ein Tanzstück, dass die enge Beziehung des Tanzenden mit der Musik beschreibt. Drei Klavierstücke von Chopin waren die „Begleitung“ der einzelnen Akteure auf dem Tanzparkett.

Jenny Beyer, Chris Leuenberger und Chihiro Araki – Duett (Foto: (c) Thies Rätzke

Am 16. September 2023 im Theater im Depot begann Chris Leuenberger, der „mit“ der Prelude, Op.28, Nr. 4 tanzte. Bekannt geworden ist das Stück auch weil die Band „Radiohead“ die Musik von Chopin für ihren Song „Exit Music for a film“ benutzten. Die anderen Stücke waren Prelude Nr 15, Op. 28 und die Ballade Op. 23.

Es war spannend zu sehen, wie sich die Musik durch die Tanzenden in eine imaginäre Partnerin verwandelte, die durchaus nicht immer wohlgesonnen war, sondern von ihrem menschlichen Counterpart geformt werden musste.  Im letzten Teil sind alle drei Tänzer:innen auf der Bühne, die sich gleichzeitig mit der Musik auseinandersetzen.  

Das rund eine Stunde dauernde Stück war auch ein Einladung an die Besucher:Innen sich mit dem zeitgenössischen Tanz auseinanderzusetzen. Chris Leuenberger,  Jenny Beyer und Chihiro Araki zeigten an diesem Abend die wichtige Beziehung zwischen Tänzer und der Musik.




Theaterstück über ein dunkles Kapitel

Euthanasie bedeutet eigentlich „schöner Tod“, doch was die Nazis im sogenannten „Dritten Reich“ vor allem mit dem Aktion T4 getan haben, war nichts anderes als Mord an Menschen mit Behinderungen.



Das Theaterkollektiv „i can be your translator” zeigte am 09. September 2023 im Studio des Schauspielhauses ihre Stückentwicklung “Das Konzept bin ich“, dass 2018 einen Preis beim Favoriten Festival 2018 gewonnen hatte.

„i can be your translator“ ist ein inklusives Theaterkollektiv, das aus Menschen mit und ohne körperliche und geistige Behinderungen besteht. Daher ist das Thema „Euthanasie in der NS-Zeit“ eines, persönlich betrifft.

Natürlich begann die Ausgrenzung von Behinderten nicht von heute auf morgen. Ähnlich wie beim Antisemitismus musste durch die damaligen Medien (Bücher, usw.) im 19. Jahrhundert die „Volksmeinung“ vorbereitet werden. Nur dass bei der „Euthanasie“ oft pseudowissenschaftlich argumentiert wurde. Der damalige Sozialdarwinismus kombiniert mit nackter Wirtschaftlichkeit führte dazu, dass ein Mensch danach beurteilt wurde, ob er für die Wirtschaft nützlich ist oder nicht. Menschen, die halt nicht wirtschaftlich nützlich waren, wie „Schwachsinnige“ oder „Idioten“, sollten getötet werden. Das bereitet die Aktion T4 der Nationalsozialisten vor.

Über ein Jahr hinweg haben i can be your translator zu den historischen Fakten und ideologischen Rechtfertigungen der Tötungen recherchiert, sind zu Mahnmalen und Gedenkstätten gefahren, haben sich konfrontiert und emotional auseinandergesetzt. Sie tasten sich spielerisch heran, schaffen leise Momente für Erinnerung und Trauer, wie auch starke Momente der Entgegnung: Das Konzept bin ich!

Die Aufführung war eine sehr emotionale Erfahrung, vor allem wenn man bedenkt, wie lange es gedauert hat, dass die Taten der Nazis an den Behinderten auch als Verbrechen bezeichnet wurden.

Das schlimme ist, in Deutschland scheint es wieder eine Partei zu geben, die die Inklusion bekämpft. Jeder sollte aufpassen, dass keine Anti-Humanistische Stimmung erstarkt, die Menschen plump nach „wirtschaftlich nützlich“ und „wirtschaftlich unnütz“ einteilt.  




Theatrales Live-Hörspiel mit wohligem Gruseleffekt

Mit „Grusel“, einem theatralen Live-Hörspiel für Blinde und Sehende (ab 8 Jahre) startete das Dortmunder Kinder und Jugendtheater (KJT) am 09.09.2023 in die neue Spielzeit.



Die Produktion unter der künstlerischen Leitung von Hannah Biedermann und Norman Grotegut (pulk fiktion), entstand in Koproduktion mit dem Performancekollektiv pulk fiktion.

Mohammed Marouf Alhassan, Zuschauer-Kinder (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Mohammed Marouf Alhassan, Zuschauer-Kinder (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Das Faltblatt zum Stück wurde zusätzlich mit einem Extrablatt in Blindenschrift versehen.

Das Publikum wurde zunächst durch einen Seiteneingang in den Vorraum des Vorstellungsereignisses gelotst. Danach bekam jede Person einen Kopfhörer mit Sender überreicht und der Puls wurde kontrolliert. Jeder Mensch wurde einzeln von einem der Schauspielenden abgeholt und am Arm zu dem ihm zugewiesenen Platz geführt.

Über Kopfhörer bekam man nicht nur Anweisungen bekam, sondern auch Interviews mit Kindern über deren Angsterlebnisse lauschen konnte.

Es wurde für die sehenden angeregt, die Augen zu schließen und sich auf das Geschehen mit dem Gehörsinn einzulassen, was mir nicht die ganze Zeit gelang.

Bei der Produktion ging es nicht allein um die alleinige Furcht, sondern vor allem um den Schrecken sowie das verbindende Lachen.

Durch die Aktionen von Mohammed Marouf Alhassan (pulk fiktion) und Rainer Kleinespel, Johanna Weissert, Jan Westphal (KJT Dortmund) begegnete das Publikum Skeletten, Fledermäusen, Monstern und Geistern. Da knarrten auch Türen und es knisterte in den Ecken und ganz ohne Berührungen ging es nicht ab. Die Ängste des Alltags, zum Beispiel vor Krieg, wurden nicht außen vorgelassen.

Zum beruhigend-friedlichen Ende wurden die „guten Geister“ gerufen und gemeinsam hintereinander an einem Band zu Ausgang geschritten.

Eine durchaus interessante Erfahrung gerade für Menschen, die sehen können.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0213/50 27 222




Musical um Kulturwerte im entfesselten Kapitalismus

Im Schauspiel Dortmund konnte das Publikum am 08.09.2023 die deutschsprachige Erstaufführung von „Das Kapital: Das Musical“ (Nick Rongjun Yu) unter der Regie von Kieran Joel in einer Fassung für die deutsche Theaterrealität. Es wird hier Frage nach der Finanzierung von Kunst und Kultur vom gesamten Ensemble klar und konkret gestellt. In dem Stück kommt dem neuen Ensemble-Mitglied Lukas Beeler gleich eine besondere Rolle zu.



Ausgerechnet das Hauptwerk von Karl Marx „Das Kapital“ soll in der kommerziellsten Theaterform „Musical“ aufgeführt werden. Der „Neue“ als hochmotivierter Schauspieler soll dem Theater aus der Finanzmisere helfen und geht dafür ganz eigene Weg. Die Aufführung wird bestreikt und als scheinbare Lösung ein neues Finanzierungsmodell präsentiert. Das Publikum sowie finanzkräftige Investor*innen sollen eine „geile“ Luxus-Aufführung von  „Kapital: Das Musical“ möglich machen und dem Theater die nötige Relevanz verschaffen. Natürlich auch fette Rendite für die Investierenden!

EnsemSofia Galin, Saranya Bosch, Alexander Darkow, Sarah Quarshie, Nila Habibzadeh, Raphael Westermeier, Lukas Beeler, Adi Hrustemović, Galatea Weber, Marlena Keil, Antje Prust, Sarah Avanitis, Lili Michalski
Foto: (c) Birgit Hupfeldble

Es folgt eine musikalische Komödie und Musicalparodie, die gehörig Fahrt aufnimmt und durch die Widersprüchlichkeit des entfesselten Kapitalismus führt.

Bei der Inszenierung wurde nicht an Musical-Glanz gespart. Aufwendige Bühnenbilder, viele Kostümwechsel und Songs mit einem gewissen Ohrwurmpotential (Leitung: Leonardo Mockridge), Tänzerinnen vom Tanzhaus Dortmund sorgten dafür.

Die Schauspieler*innen des Dortmunder Ensembles spielten nicht nur sich selber, sondern schlüpften teilweise mit viel Humor, Selbst-Ironie und viel Spielspaß in die Rollen des Finanzmoguls, Investment-Bankers, Aktien-Queen oder der Intendantin. Neue Medien wurden mit kurzen Video-Einspielungen an den Seiten oder auf der Leinwand im Hintergrund geschickt eingebunden. Das Publikum wurde durch die Schauspieler*innen an manchen Stellen direkt einbezogen.

Ein Theaterabend zwischen Lachen, Witz, Ironie und leiser Nachdenklichkeit in manchen Momenten.

Das Dilemma zwischen den Anspruch eines kritischen und unabhängigen Theaters (offen für gesellschaftlich relevante Themen durch städtische Subventionen gestützt) und den Mechanismen und Gegebenheiten des „real existierenden Kapitalismus“.

Werden auf der Bühne nur „Reproduktionen unmittelbarer Lügen, in denen wir in der Realität leben“ gezeigt, wie Schauspielerin Antje Prust sagt? Ist das, was die Schauspielenden machen denn überhaupt Kapitalismuskritik – oder nur eine kulturindustrielle Bestätigungsmaschine? Der Umgang mit diesem Bruch und der Identitätskrise bleibt am Ende offen.

Die übrig gebliebene riesige Abrissbirne am Ende auf der Bühne ist hoffentlich nicht nur ein pessimistisches Omen.

Die gelungene Aufführung, bei der sich auch der Ensemble-Neuzugang gut einführte, wurde vom Publikum mit viel Applaus honoriert.

Die weiteren Aufführungstermine erfahren Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222