Was wollen und brauchen wir wirklich?

Im Dortmunder Schauspielhaus hatte die Inszenierung von Paul Spittler nach William Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“ am 14.11.2023 seine Premiere.



Dieses Spiel um das hartnäckige und  Werben des selbstverliebten Herzog Orsino von Illyrien um die Liebe der Gräfin Olivia, eines getrennten Zwillingspaare, Geschlechterrollenwechsel, Machtausübung, Täuschungen und scheinbar unmöglichen Beziehungen bietet viel Stoff für unsere heutige Zeit.

Was ihr wollt: Sarah Quarshie, Linda Elsner, Viet Anh Alexander Tran, Raphael Westermeier und Antje Prust. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Was ihr wollt: Sarah Quarshie, Linda Elsner, Viet Anh Alexander Tran, Raphael Westermeier und Antje Prust. (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Der Regisseur versucht die Verbindung zum 21. Jahrhundert vor allem durch die spezielle Rolle des Narren (Antje Prust), der hier keine nur von außen erklärend-kommentiere Funktion hat. Der Narr ist mitten drin in einer bunten karnevalesken Spaßgesellschafft. Diese möchte generell eigentlich nicht nachdenken außer über Rausch, Flirten, einem zotigen Gag, die persönliche Beförderung, oder einer kleinen Intrige etwa gegen den herablassenden Haushofmeister Malvolio.

Der Herzog Orsino (Raphael Westermeier) und die (um ihren verstorbenen Bruder trauernde) Gräfin Olivia leben selbstgefällig mit Macht oder Reichtum im Hintergrund. Leider nutzt ihnen das in vermeintlichen Liebesdingen wenig. Der arrogante Haushofmeister Malvolio (Ekkehard Freye) im Dienst der Gräfin sieht auf die anderen Bewohner, wie die lustige Zofe Maria (Sarah Quarshie) oder ständig betrunkenen Onkel Toby Rülps (Nika Mišković). Der etwas tumbe, für die Gräfin schwärmende Ritter Sir Andrew Leichenwang (Adi Hrustemović) wird gerne für ihre Intrige gegen den Malvolio einspannen.

Die schiffsbrüchige Viola (gerettet von einem Kapitän), von ihrem Zwillingsbruder Sebastian getrennt, dient verkleidet als Cesario dem Herzog und verliebt sich in ihn. Währenddessen wird der Zwillingsbruder von dem unglücklich in ihn verliebten Antonio (Alexander Darkhoff, auch als Kapitän) gerettet. Die Doppelrolle Viola/Sebastian wurde von Ensemble-Neuzugang Viet Anh Alexander Tran verkörpert. Narr Feste versucht verzweifelt (und vergeblich) in dem Chaos auf das Wesentliche hinzuweisen. Alle suchen doch hinter ihrer Maskerade nach Zugehörigkeit, Wertschätzung, Respekt, Soziale Gerechtigkeit, Freiheit, egal welches Geschlecht oder sexuellen Orientierung, gläubig oder nicht gläubig, und der „wahren Liebe“. Keiner will richtig zuhören. Ablenken ist angesagt.

Bei den heutigen Krisen und Problemen, Klimawandel, Flüchtlingsproblematik, Kriege, soziale Ungerechtigkeit, Armut und Wohnungsnot, Hungersnöte in der Welt, Umweltkatastrophen, Vereinsamung usw. geht es vielen Menschen ähnlich. Aber das ist keine Lösung für die Probleme.

Die frisch-frechen und neuen Texte für den Narren von Laura Naumann brachten einen besonderen Bezug zur Jetzt-Zeit mit einem kritisch-ironischen Blick auf Geschlechterrollen, Machtstrukturen und Spaßgesellschaft.

Optisch, vielleicht ein wenig dick aufgetragen, zog die Inszenierung alle Register. Abgefahrene Kostüme, Männer in Frauenkleidung und umgekehrt. Über alle Geschlechtergrenzen hinweg tobten sich die Schauspieler*innen mit viel Spielfreude auf der Bühne aus. Eine schwierige Balance zwischen Klamauk und ernsthaften Hintergrund.

Häufiger Wechsel des Bühnenbildes (Drehbühne), Video-Einspielung oder witzige Song oder Tanz-Passagen wurden geschickt eingesetzt.

Wer sich selber ein Urteil bilden möchte: Infos zu weiteren Aufführungsterminen finden Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder 0231/55 27 222




Festival-Abschluss mit trashiger Theater-Performance

Das Festival der Freien Tanz- und Theaterszene Dortmunds „Szene machen“.dott endete am Sonntag, den 29.10.2023 mit der Theater-Stückentwicklung unter dem Titel „We ate that up“ (Texte: Juli Mahid Carly & Sar Adina Scheer) im hiesigen Fletch Bizzel.



Sar Adina Scheer ist sicher schon einigen als neue Schauspieler*in des Dortmunder Kinder und Jugendtheaters ein Begriff (zuletzt etwa bei Supertrumpf).

Die beiden Darstellenden präsentieren hier in der Rolle von zwei pubertierenden vierzehnjährigen Tessa (Sar Adina Scheer) und Shamini einem „Testpublikum“ ihr Programm für die Olympischen Sommerspiele der Performancekunst in Addis Abeba.

Da sie, wie durch viele Medien vermittelt denken, ein „normschöner, perfekter Körper“ würde ihnen mehr Empathie und Erfolg bei den Zuschauenden bescheren. Wie weit gehen die jungen Menschen, um ihren Körper vermeintlichen Schönheits-Idealen anzugleichen? Welche Rolle spielen Formate wie „Germanys next Topmodell“ oder Werbung. Es gibt ja immer was am Körper zu verbessern. Im Augenblick wird mit einer sogenannte „Abnehm-Spritze“ (eigentlich für Diabetiker entwickelt) in den sozialen Medien geworben, die gefährliche Folgen für Menschen, die sie einnehmen, haben kann.

In ihrer Performance arbeiten sich Tessa und Shamani nicht nur an ihren Performance-Ikonen rund um Erika Fischer-Lichte, Marina Abramovic und Yoko Ono ab, sondern auch an der Mutter oder Mario Barth (besonders witzige Parodie) ab.

Das Ganze wird mit viel Witz, Ironie (Selbstironie), diversen Maskierungen, Perücken und Kostümwechseln und ganz viel Spielfreude zelebriert.

Bilder, Musiksongs, Tanz, unterschiedlichste Objekte sowie Videoschaltungen wurden effektvoll eingesetzt. Mit Geschlechtern und Geschlechterrollen spielte die Stückentwicklung selbstverständlich wie so nebenbei. Da konnte das Publikum Frauen von Männern, Männer von Frauen oder mit ihrem von Geburt an gegebenem Geschlecht in eingespielten Statements sprechen hören.

Nur mit einer große Schmerzperformance sehen Tessa und Shamini am Ende eine Möglichkeit, auch mit ihrem Körper Identifikationsfläche für die Zuschauer*innen sein zu können.

Es werden verschiedene Metaebenen vermischt, und so komplexe Themen wie Klassismus oder Gewalt der Sprache verhandelt.

Das Festivalende zeigte die Lebendigkeit der darstellenden Künste. Ein wenig schade war, dass es manchmal schwierig war, den schnellen Wortgefechten akustisch genau folgen zu können. Vielleicht ist das ja ein Problem des Alters?




ghostlike – Die Geister, die ich rief

Geister spuken selten mit Bettlaken durch die Räume, öffnen Schubladen oder treiben anderen Schabernack. Echte Geister verfolgen jemanden, weil es ungelöste Konflikte gibt, die in der Vergangenheit ihren Ursprung haben. Manchmal werden wir selbst zu Geistern.



Damit beschäftigte sich das Stück „ghostlike“ von Serna Pau, das am 20. Oktober 2023 im Rahmen des Festivals „szene machen!“ im Theater im Depot lief. Auf der Bühne waren Maren Becker, Yasmin Fahbod und Hannes Siebert.

„ghostlike“ ist eine Performance, die den Zuschauenden in die Zeit der Textadventures der 80er Jahre zurückführt. Die drei Performer:innen erzählen, was sie auf ihrer Erkundungstour durch eine spukende Villa erleben und brauchen dabei die Hilfe des Publikums. Denn jeder bekam eine Taschenlampe und konnte so helfen, die drei Hauptcharaktere durch ihr Abenteuer zu führen. Auch die Musik klang größtenteils nach C64, bis auf ein Disco-Hit und „Back for Good“ von „Take that“.

Welche Geister mussten bekämpft werden? Zunächst einmal die Geister der Vergangenheit. Denn der Sohn des Villabesitzers war homosexuell und der Vater ließ ihn und seine Freunde von der Polizei verhaften. Dann ging es um eine ehemalige Mitbewohnerin, die grußlos verschwand, aber offene Fragen hinterließ. Die dritte Person konnte selbst unsichtbar, also zum Geist werden, was durchaus Vorteile, aber auch Nachteile hatte.

Gekämpft wurde aber nicht. Es gab keine rundenbasierten Kämpfe oder ähnliches, aber es war ein erster Weg, Theater mit „Gamification“ zu verbinden. Natürlich kein „Baldur’s Gate 3“ in Theaterform, aber Sterna Pau hat ein spannendes Projekt vorgelegt und ich bin neugierig wie der Weg in Richtung Zuschauerinteraktion weitergeht.      




Schwanensee und der Kampf mit den inneren Dämonen

Xin Peng Wang (Intendant Ballett Dortmund) hat sich in seinem 20. Jubiläumsjahr zum dritten Mal an das komplexe und wohl bekannteste klassische Ballett Schwanensee von Peter Tschaikowsky (Musik) herangewagt und eine Neufassung 2023 kreiert.



Sein Konzept bietet einen neuen Blickwinkel auf das Handlungsgeschehen, übernimmt jedoch den zweiten und vierten Akt der tradierten Schwanensee-Choreografie.

Die Premiere fand am 21.10.2023 im Dortmunder Opernhaus statt.

Im Zentrum steht jetzt Siegfried, hier ein empfindsamer, nostalgischer aber wohlhabender Künstler. Er wird von dunklen Wahnvorstellungen (personifiziert von Rotbart), seinen Sehnsüchten und innerer Zerrissenheit geplagt. Sein Atelier ist voll von (teils unfertigen) Bildern von Seerosen und Schwänen.

Iana Salenko & Dinu Tamazlacaru. Foto: (c) Leszek Januszewski
Iana Salenko & Dinu Tamazlacaru. Foto: (c) Leszek Januszewski

Immer mehr steigert er sich in seine Halluzinationen hinein und flüchtet in seine Fantasiewelt „Schwanensee“. Odette ist hier nur ein Produkt seiner Sehnsüchte, Sinnbild für die Suche nach wahrer Liebe, Identität und Befreiung.

Odile (schwarzer Schwan), ebenfalls seiner Imagination entsprungen, verkörpert seine geheime dunkle Seite. und Fantasien. Die neue Version von Schwanensee bietet einen tiefen Einblick in die Seele und den Kampf mit der dunklen Seite Siegfrieds. Diese Ambivalenz und innere Konflikte bewegen ja auch heute viele Menschen und treiben sie zu fluchten in Phantasiewelten oder Drogen.

Die bewegende Musik Tschaikowskys, mal sanft melancholisch, dann wieder kraftvoll leidenschaftlich, wurde von der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von GMD Gabriel Feltz mit viel Empathie live passgenau zur Handlung live gespielt.

Das große Aufgebot an Balletttänzer*innen, vom hiesigen Ballettensemble, Juniorballett NRW bis zu auswärtigen Gästen und Stipendiaten, bot klassischen Spitzentanz auf hohem Niveau.

Neben ihrem besonderen tänzerischen Können überzeugten Gastsolist Dino Tamazlacaru (Siegfried), Gastsolistin Iana Salenko (Odette/Odile), Simon Jones (Rotbart), Amanda Vieira (Siegfrieds Mutter), Márcio Barros Mota (Freund Benno) mit ihrer Darstellung der unterschiedlichen Charaktere und Emotionen.

Der Ballettabend ein vielschichtiges und emotional mitreißendes Tanzerlebnis, geschickt mit Projektionen und Spiegelungen verstärkt.

Die gelungene Mischung von traditionellem klassischem Ballett der Extraklasse und dynamischen neoklassischen Elementen und Ausdrucksformen und ein interessanter Blick der neuen Schwanensee-Version wurde vom Publikum mit viel Applaus begeistert gefeiert.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen finden Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222




Geierabend feiert „Pott, Land, Fluss“

Premiere des Dortmunder Alternativkarnevals direkt nach Weihnachten

Dortmund. Der Geierabend 2024 startet ungewöhnlich früh in seine anarchische Karnevalszeit. Bereits am 28. Dezember 2023 feiert das einzige Comedy/Kabarett-Ensemble des Ruhrgebiets die Premiere seines neuen Programms auf Zeche Zollern in Dortmund. Unter dem Titel „Pott, Land, Fluss“ buchstabiert man das Ruhrgebiet satirisch volkommen neu.



„Einmal im Jahr ist Ruhrgebiet“, formuliert Schauspielerin Sandra Schmitz selbstbewusst, „dann wird es bei uns auf Zeche turbulent.“ So schicken die Geier die von ihr gespielte, mehrfach Alleinerziehende Jessica Sch. auf Klassenfahrt ausgerechnet in den Kölner Dom. Die Experten von der Butterpause klagen: „Uns fragt ja keiner!“ Später am Abend fragen sich die Borussen von der Süd, ob es da nicht einen gewissen Samstag im Mai gegeben hat, möglicherweise. Im deutschen Kindergarten wird Abschied vom Pazifismus gefeiert mit früher Wehrertüchtigung und fröhlichem Friedenstaubenschießen.

Dazu wird die spielfreudige Band wieder Eigenes und gut Gecovertes mit satirischen Texten beisteuern. Diese stammen aus einem wachsenden, jungen Team. Zu den Schreibenden zählt Tobias Brodowy, sowas wie der „Chefsatiriker“ des WDR-Hörfunks, unlängst mit dem Deutschen Radiopreis ausgezeichnet.

Drei Stunden dauert die Reise durch „Pott, Land, Fluss“, die Pause kommt obendrauf. Insgesamt sind schon jetzt 30 Abende bis zum Veilchendienstag am 13. Februar 2024 im LWL-Industriemuseum geplant. „Der beste aller Orte für uns“, meint Steiger Martin Kaysh, der wieder durchs Programm führt, schräg und bissig, immer mit Blick auf die täglichen Schlagzeilen.

Tradition hat der vergebliche Versuch, 20 Kilo Stahlschrott an der Kette loszuwerden. Den Pannekopp-Orden wollen die Geier verleihen für „besondere“ Verdienste ums Ruhrgebiet. Seit 20 Jahren stimmt das Publikum über besonders peinliche Kandidaten ab. Ebenso lange wird der Preis am Veilchendienstag doch nicht abgeholt.

Zum liebevollen Drumherum gehört nicht nur die schönste Zeche der Welt mit ihrem wieder erstrahlten Fördergerüst und beeindruckender Lohnhalle. Die traditionelle Currywurst von Tante Amanda zählt ebenso dazu wie Tanz und Plausch mit den Bühnenakteuren nach der Vorstellung.

Neu sind zwei Ticketformen, die sich an Gruppen richten. Unter dem Motto „Lecker lachen“ erhält man als Bonus bei Buchung eines ganzen Tisches Stößchen und Currywurst kostenlos dazu. Bei der „Wilden Sechzehn“ zahlt man für einen 16-er Tisch nur den Preis von 14 Karten.

Mit dabei sind auch 2024 die Sponsoren und Unterstützer der Vorjahre. Stadt Dortmund, Kulturbetriebe sowie Sparkasse Dortmund, Brinkhoffs´s, DOGEWO21, LWL-Museum Zeche Zollern und dieses Jahr neu dabei Radio 91.2. Alle sind davon überzeugt, „dass der Geierabend wichtiger Teil der Stadt, ihrer Kultur und ihrer Bewohnerinnen und Bewohner ist“, wie Hendrikje Spengler vom städtischen Kulturbüro formuliert.

Der Vorverkauf startet am 21. Oktober um 9:30 Uhr.

Tickets gibt es unter www.geierabend.de und in allen Vorverkaufsstellen von Ticketmaster.
In Dortmund empfiehlt der Geierabend „Ruhr Nachrichten Service Center“ an der Thier-Galerie, Silberstraße 21, Ticket-Hotline: 0231-905 90.

Geierabend 2024, Motto: „Pott, Land, Fluss“

Spielort: LWL-Industriemuseum Zeche Zollern II/IV, Grubenweg 5, 44388 Dortmund

Premiere: Donnerstag, 28. Dezember 2023




Doch lieber keine Prinzessin sein

„We’re not gonna take it”, übersetzt “Wir werden es nicht hinnehmen“, sangen „Twisted Sisters“ in den 80er Jahren. Ebenso will die Prinzessin (Wendy Krikken) und der Hauslehrer (Franz Schilling) ihre beengten Rollen nicht länger hinnehmen. Statt mit Hardrock wird bei „Prinzessin sein? Nein danke“ von Alexander Becker allerdings den Jüngsten (ab 4 Jahren) der Zauber der klassischen Oper nähergebracht. Ein Premierenbericht vom 10.Oktober 2023.



Tja, es ist nicht leicht, eine Prinzessin zu sein. Statt selbst zu entscheiden, was man möchte, muss frau auf die Hofetikette achten. Was getragen werden darf oder muss, bestimmt nicht sie. Dass alles funktioniert, darauf achtet ihr Hoflehrer, der aber bald feststellt, dass ihn sein Job anödet, da er eben die Etikette durchsetzen muss.

Wendy Krikken, Franz Schilling Foto: (c) Björn Hickmann 
Wendy Krikken, Franz Schilling Foto: (c) Björn Hickmann 

In der halben Stunde zoffen sich die beiden zunächst, um dann festzustellen, dass sie beide aus ihren Rollen ausbrechen wollen. Natürlich wird auch gesungen, beispielsweise aus der „Fledermaus“ mit „Mein Herr Marquis“, oder aus Mozarts „Hochzeit des Figaro“ „Will der Herr Graf ein Tänzchen wagen“. Für das Stück wurden die Texte passenderweise leicht umgeschrieben.

Ein vergnügliches Stück für Kinder, die damit ein wenig Spaß an der Oper bekommen.

Am 25. November 2023 ist das Stück um 15 Uhr erneut im Opernfoyer zu sehen. Für mobile Vorstellung kann man sich an das Team der Musiktheatervermittlung wenden unter jungeoper@theaterdo.de




szene machen – Bestandsaufnahme der freien Tanz- und Theaterszene

Vom 19. bis zum 29. Oktober 2023 bietet “szene machen!“  ein vielfältiges Programm aus allen Bereichen der Darstellenden Künste.



Der Untertitel „NACHwieVOR“ kann vieles bedeuten. Ist die Situation der freien Szene nach der Pandemie nach wie vor unter Druck oder zeigt das Festival, dass die Qualität nach wie vor gut ist? Wenn ich an die Stücke denke, die ich bisher gesehen habe, kann es nur das zweite sein.

"szene machen" präsentiert 2023 aufregende Produktionen.
„szene machen“ präsentiert 2023 aufregende Produktionen.

Das Repertoire reicht von abendfüllenden Tanz- oder Theaterproduktionen über Performance-Formate bis hin zu Installationen im öffentlichen Raum und szenischen Lesungen an verschiedenen Spielorten der Freien Szene. Die Freien Theater wie das Theater im Depot, das Fletch Bizzel und das Roto Theater öffnen ihre Türen für das Festival. Auch das Turbo Prop Theater in Hörde, das Taranta Babu Kulturcafe, der Rekorder oder in Dortmund noch junge und neue Räume wie raum17 sind Gastgeber*innen.

Das Festival wird nicht kuratiert, doch es gab zwei Bedingungen: es muss professionell sein und es muss einen Dortmund-Bezug haben. Die Besucher:innen dürfen also gespannt sein.

Es gibt am 20. Oktober 2023 einen offenen Tanztag mit verschiedenen Workshops.  Workshopgebühr: pay as you wish, Spendenempfehlung 5€ pro Workshop. Anmeldung unter: hickeycelia@gmail.com

„szene machen“ dient auch als Vernetzung der Akteure rund um die freie Szene. So gibt es ein „mobiles Beratungsbüro“, das über die Fallstricke rund um das Arbeiten im Theaterbetrieb informiert.

Das gesamte Programm finden Sie unter https://www.dott-netzwerk.de/projekte/szene-machen-2023/szene-machen-dortmunder-tanz-und-theaterszene




Stutenbeißen Deluxe – Los(ge)lassen

In der Schauburg Dortmund präsentierten Triarte International und Schnitger Film am 08.10.2023 vorab den neuen Spielfilm von Regisseurin Brigitte Drodtloff „LOS(GE)LASSEN“. Das Drehbuch (Produktion) stammt von Brigitte Drodtloff & Jörg Schnitger, die atmosphärische passende klassische Musik von Anne Nikitin & Tom Kelly.



Der Plot spielt in der Umgebung Münchens während eines kräftigen Schneesturms. Die Stadt wurde vom Blitzeis getroffen und alles ist lahmlegt. Die hochschwangere Alina, eindringlich gespielt von Josefina Vilsmaier – Tochter der Schauspielerin Dana Vávrová (1967-2009) und des Regisseurs Joseph Vilsmaier (1939-2020) – wurde vom Kindsvater und Chef verlassen und lebt aus Kostengründen in einer WG. Sie lebt dort zusammen mit der verbitterten ehemalige Skiläuferin Christa (Mirjam Verena Jeremic), die ihr Bein bei einem Unfall verlor, in der Wohnung der zynisch-hart auftretenden Lucy (Silke Popp). Die hält sich so finanziell über Wasser und pflegt eine offene lesbische Beziehung zu Jessica (Salber Williams), die vor einiger Zeit von Somalia nach Deutschland kam.

Alina ist am Anfang eher eine graue Maus, die unter der Fuchtel ihrer Helikopter-Mutter (Ute Bronder) steckt. Der gelingt sogar der gefährliche Weg zur Tochter. Dann gibt es da noch die Esoterik-Nachbarin Melissa (Valentina Sauca).

Die sechs Frauen mit ihren unterschiedlich-belastenden Päckchen und Lebenseinstellungen im Hintergrundzicken sich sich in erster Linie gegenseitig an, wobei die schüchterne Alina meist das Opfer ist. Durch das Unwetter sind sie aber in dieser Situation auf engem komprimiertem Raum aufeinander angewiesen. In der sich zuspitzenden Situation bröckeln allmählich die Schutzfassaden…

Es ist eine Art Kammerspiel, dass auch für das Theater gut geeignet wäre. Alle möglichen Probleme der Frauen werden oft ironisch-überspitzt und in geballter Form dargestellt. Auch die verschiedenen Ansichten der Generationen aus ihrer Lebensgeschichte werden deutlich.

Den Schauspielerinnen ist es sehr gut gelungen, sich in verschiedenen Persönlichkeiten und deren Situation hinein zu versetzen. Unterstützt wurden sie dabei durch eine sensible Kameraführung (Frank Glencairn).

Es ist (natürlich) kein Film für Action-Fans. In der Problematik der sechs Frauen können viele Zuschauerinnen etwas aus ihrer Lebensrealität widerfinden.

Der Film ist ab Sonntag, dem 15.10.2023 um 13:30 Uhr in der Schauburg (Dortmund) zu sehen. Einlass ist ab 13:00 Uhr.




Max und Moritz – die Streiche gehen weiter

„Rickeracke! Rickeracke! Geht die Mühle mit Geknacke.“ So hat „Onkel Willi“ (Wilhelm Busch) das Ende von Max und Moritz in seinen Bildergeschichten beschrieben. Doch sie leben. Markus Veith und Thomas Strunk haben sich in die beiden Übeltäter verwandelt und erzählen von ihren Streichen über die Jahrzehnte. Denn irgendwie scheinen sie ja unsterblich zu sein oder nur sehr langsam zu altern.



Das Programm „Max & Moritz – der alten Knaben letzter Streich“ stammt aus der Feder von Markus Veith und wurde am 29. September 2023 im Fletch Bizzel natürlich in Reimform präsentiert.

Die Bühne brauchte nicht viel an Requisiten. Eine Bank mit einem Max und Moritz Handtuch. Das reichte, um das Publikum im Fletch Bizzel zu begeistern. Es fing mit den neuen Streichen vielleicht etwas gemächlich an, doch ab dem dritten Streich wurde die Spaßschraube deutlich angezogen. Verständlich, sind die beiden alten Knaben ja etwa 160 Jahre alt.

Es ging gerne gegen Menschen, die ihren Dünkel prominent vor sich hertrugen oder Schwächen hatten, die sie gerne verheimlicht hätten. Am Ende sterben die beiden natürlich nicht, sondern begeben sich aufgrund ihres Alters in ein betreutes Wohnen zurück. Dort geben sie den Staffelstab an die Enkel ihrer Mitbewohner weiter, die auch für reichlich Chaos auf einem Marktplatz sorgen.

Vielleicht hätten die beiden noch etwas über ihre Cousins Hans und Fritz erzählen können, die nach Amerika ausgewandert sind und dort als „Katzenjammer Kids“ Karriere machten. Der deutsche Auswanderer Rudolf Dirks schuf die beiden Hauptfiguren nach dem Vorbild von „Max und Moritz“. Die „Katzenjammer Kids“ gelten als der erste Comic.

Auf alle Fälle war es ein äußerst gemütlicher Abend mit Markus Veith und Thorsten Strunk.




Der Entstörer – ein tiefer Fall ins Kaninchenloch

Ein sehr intensives Klassenzimmerstück hatte am 28. September 2023 im KJT Dortmund Premiere. Es ging um das Thema „Verschwörungsideologien“, die vor allen durch die sozialen Medien immer wieder verbreitet werden. Zu den typischen Verschwörungsideologien gehören beispielsweise „Chemtrails“, die „Mondlandung ist fake“, „Die Impf-Verschwörung“ oder „9/11“. Während die „flache Erde“ meist noch ein Schmunzeln wert ist, gibt es mit „QAnon“ eine gefährliche Ideologie, die davon ausgeht, dass eine geheime Elite das Blut von Kindern trinkt und Donald Trump diese bekämpft.



Die „geheime Elite“, die alles lenkt, ist in fast allen Verschwörungsideologien die treibende Kraft, die hinter allem steckt. Es können Pharmakonzerne sein, die NASA, geheime Gesellschaften wie die Illuminaten oder die sogenannte Finanzelite, womit in der Regel die Juden gemeint sind. Daher kann der Brückenschlag von Verschwörungsideologien zum Antisemitismus auch recht klein sein.

Der Entstörer Jonas (Jan Westphal) mit seinen "Beweisen". Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Der Entstörer Jonas (Jan Westphal) mit seinen „Beweisen“. Foto: (c) Birgit Hupfeld)

In „Der Entstörer“ spielt Jan Westphal den Schüler Jonas, der wahrscheinlich durch die Krebskrankheit seiner Mutter in den Bann von Verschwörungsideologien gerät. Durch das „Informieren“, dem stundenlangen Konsum irgendwelcher Google-Treffer und Youtube-Videos, gerät er immer weiter in diese Welt. Westphal macht das in seinem Spiel wirklich beeindruckend, schnell feuert er seine „Argumente“ und „Beweise“ ab, so dass das Publikum beinahe überrumpelt wird.

Doch in den Nebensätzen wird deutlich, dass die Welt von Jonas ziemlich geschrumpft ist. Seinen Kontakt zu seiner Schwester und ihren Kindern hat er verloren, weil er verhindern wollte, dass die Kinder gegen Masern geimpft werden, er bekommt keinen Zugang zu seiner netten Nachbarin und Besuch bekommt er eh nicht mehr, zumal er seine Wohnung vollständig mit Alufolie beklebt hat. Dafür wird er im Netz für seine Ideen bestärkt. Das ist ein wichtiger Punkt, denn der Mangel an sozialem Leben wird durch das Internet kompensiert.

Konzipiert ist „Der Entstörer“ für Klassen ab der 9. Stufe. Es ist auf jeden Fall ein lohnenswertes Stück, das hoffentlich zur Medienkompetenz beiträgt, die mittlerweile sehr wichtig geworden ist. Es ist wichtig, kritisch zu denken, Informationen aus verschiedenen Quellen zu beziehen und sich der Komplexität der realen Welt bewusst zu sein. Denn die von Verschwörungstheoretikern oft genannten Metapher der „roten Pille oder blauen Pille“ aus dem Film „Matrix“ greift zu kurz.  Die rote Pille repräsentiert die Bereitschaft, die Realität und die Wahrheit zu akzeptieren, auch wenn sie verstörend oder herausfordernd ist. Die blaue Pille repräsentiert die Entscheidung, in einer komfortablen Illusion zu bleiben und die Realität zu vermeiden. In der realen Welt kann die Suche nach Wahrheit jedoch komplex sein und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen.  

Es sollte in vielen Klassen zu sehen sein und wenn möglich auch anderen Gruppen zugänglich gemacht werden.