Geierabend 2024 – Barbie, Taylor Swift und Waltrop

Was haben die Begriffe Barbie, Taylor Swift und Waltrop miteinander zu tun? Nun, sie waren Themen beim Geierabend 2024, der etwas früher, nämlich am 28. Dezember 2023 seine Premiere auf Zeche Zollern in Dortmund-Bövinghausen feierte.



So schnell geht ein Jahr herum, war es nicht erst gestern, dass wir bei der Geierabend-Premiere waren. Egal, fetzig geht’s los mit der Motto-Musik der diesjährigen Session „Stadt, Land, Pott“. Die altbewährte Mischung von Sketchen und Musik funktioniert wie immer, auch wenn die erste Nummer „Prada und Pedigree“ über Reiche und ihre Hunde in meinen Augen noch nicht so richtig zündet, nimmt der Geierabend langsam, aber sicher an Fahrt auf.

Kurze Session: Der Geierabend 2024 geht nur bis zum 13. Februar 2024. (Foto: (c) Anja Cord)

Das liegt daran, dass einige neuere Figuren wie „Die Experten“ schon einen gewissen Kultstatus erarbeitet haben und die Stimmung im Saal nach oben treiben können.

Vor allem beim zweiten Teil ging so richtig die Post auffe Zeche ab. „Hartmut“ schob Maskottchenfrust, eine Reviergeschichtsstunde über den Kohlefund Anno 1536, ein Tuppermusical oder die „Heckenfreunde Huckarde“ (Motto: Liberté, Egalité, Huckardé) mit Hanfanbauproblemen: Die Besucher waren aus dem Häuschen.

Selbstredend durfte auch Klassiker wie „Nikki und Oppa“ nicht fehlen, die neuen „2 vonne Süd“ oder die alleinerziehende „Jessica Schmottke“.

Stark ist der Geierabend immer dann, wenn er aktuelle Themen auf‘s Korn nimmt. Die Flüchtlingskrise wird sehr böse abgehandelt, die Situation der LieferdienstfahrerInnen wird angesprochen oder die Frage gestellt, was macht die Künstliche Intelligenz im Urlaub? Beim letzteren Sketch übrigens ein großes Sonderlob an die Kostümbildnerin.

Die musikalischen Beträge konnten ebenfalls gefallen, waren passend und zeugten von der großen Musikalität des Ensembles und der Band.

Und was hat es mit Barbie, Taylor Swift und Waltrop jetzt auf sich? Natürlich konnte der Geierabend den jüngsten Erfolgsfilm über die – mittlerweile feministisch gelesene – Plastikpuppe nicht ignorieren und schickte sie mit Ken zu ihrem Vorbild in den Pott. Taylor Swift tritt 2024 ausgerechnet in Gelsenkirchen auf, was natürlich nicht unkommentiert blieb. Und Waltrop ist die „Partnerstadt“ des Geierabends 2024.

Selbstverständlich wurden auch die beiden Nominierten für den Pannekopp-Orden vorgestellt: Zu Wahl standen Der NABU für die konsequente Verhinderung eines Radweges auf einer stillgelegten Zechenbahntrasse und Siegfried Russwurm, der BDI-Chef, der mit seiner Idee, den Aufsichtsrat bei Thyssen-Krupp von drei auf fünf aufzublähen. Am Premierenabend gewann übrigens Russwurm.

Auch für 2024 gilt: Der Geierabend ist Pflichtprogramm für Dortmunder und darüber hinaus. Das Ensemble um den Präsidenten Roman Marczewski und dem Steiger Martin Kaysh lieferten wie gewohnt Qualität ab. Was anderes wird im Ruhrpott auch nicht erwartet. Sandra Schmitz, Angelo Enghausen-Micaela, Silvia Holzhäuser und Sebastian Thrun sorgten unter der Regie von Björn Jung für 3 ½ Stunden gute Laune.

Karten gibt es unter www.geierabend.de




A Christmas Carol – Dickens in der verzauberten Backstube

Seit nun schon über 15 Jahren wird eine spezielle Variante der Weihnachtsgeschichte „A Christmas Carol“ nach dem Roman von Charles Dickens (1812 – 1870) im Theater im Depot (Dortmund) auf die Bühne gebraucht. Regie führt dabei Thos Renneberg.



Am 16.12.2023 hatte das Publikum wieder die Möglichkeit, das besondere Kultstück um den vergrämten Geizkragen und reichen Geldverleiher Ebenezer Scrooge dort zu erleben. Wie vielen Menschen bekannt, ist der Kaufmann Scrooge rücksichtslos gegenüber Schuldnern, Angestellten, Verwandten, Kindern und auch zur Weihnachtszeit verbittert und kaltherzig. Durch den Einfluss von drei Geistererscheinungen, die ihm seine Vergangenheit, Gegenwart und trübe Zukunft vor Augen führen, wird er allmählich geläutert…

Bei dieser außergewöhnlichen Inszenierung wird der Klassiker humorvoll mit Herz und viel Fantasie „gegenwärtig“ von vier Bäcker*innen in ihrer verzauberten Backstube auf der Bühne erzählt.

Die vier wunderbar aufeinander eingespielten Darsteller*innen sind Cordula Hein, Jörg Hentschel, Thomas Kemper und Sandra Wickenburg.

Für eine heimelige Atmosphäre sorgt der Backofen und der entsprechende Backgeruch.

Die vier Protagonist schlüpfen nicht nur in verschiedene Rollen, sondern nutzen alle Requisiten (variable kleine Schränke auf Rollen, Lastenschieber, Eimer, Handpuppe) aber vor allem den Plätzchenteig ausdrucksstark und flexibel.

Neben dem bewegungsintensiven Spiel wird zwischendurch immer wieder nach dem Weckerklingeln auf die live gebackenen Plätzchen mit einem Aufschrei „Die Plätzchen“ geachtet.

Aus dem großen Dickens Romanbuch bekommt das Publikum nebenbei auch einzelne Abschnitte vorgelesen.

Mit viel Spielfreude und körperbezogenen Slapstick-Elementen wurden die Gefühlslagen „plastisch“ anschaulich auf die Bühne gebracht. Die Aufführung war für die beteiligten Personen physisch höchst anstrengend. Neben ihren komisch-ironischen Schauspieltalent konnten sie sich auch bewegungstechnisch voll austoben. Das Geschehen wurde musikalisch einfühlsam untermalt.

Der ernste Hintergrund mit der Frage nach sozialer Verantwortung und Werten einer Gesellschaft sind von zeitloser Aktualität.

Am Ende durften die gebackenen Plätzchen wie immer von allen Anwesenden probiert werden.

Bis zum Sonntag, den 26.12.2023 gibt es noch ein paar Termine, diese Inszenierung in der Originalbesetzung zu genießen.

Weitere Infos unter www.theaterimdepot.de

Jörg Hentschel und Thomas Kemper verabschieden sich nach dieser Saison schweren Herzens aus dem Kultstück. Verständlich wegen der körperlichen Anforderung. Ein bisschen Wehmut ist jedoch mit dabei.




Das NEINhorn in der Jungen Oper

Im Foyer des Dortmunder Opernhauses hatte „Das NEINhorn“ (eine Mobile Oper von Michael Essl, Libretto: Pamela Dürr) nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Marc-Uwe Kling am 13.12.2023 seine Uraufführung.



Dieses Auftragswerk (hiesige Oper) unter der von Regie Kristina Stahl wurde von den Ensemble-Mitgliedern der Jungen Oper Cosima Büsing (NEINhorn), Wendy Krikken und Franz Schilling (beide in mehreren Rollen) stimmgewaltig sowie bewegungsintensiv mit Leben erfüllt. Mit viel kindlicher Spielfreude brachten die Drei ihr junges Publikum (ab 4 Jahre) auf ihren Kissen zum Mitfiebern und lachen. Sie wurden am Ende auch zur Unterstützung in die Geschichte einbezogen. Das Geschehen wurde durch die sensible musikalische Leitung (Koji Ishizaka) begleitet.

Wendy Krikken, Cosima Büsing und Franz Schilling. Foto: (c) Björn Hickmann 
Wendy Krikken, Cosima Büsing und Franz Schilling. Foto: (c) Björn Hickmann 

Die Regisseurin war zudem für die „flauschige“ Bühnen sowie Puppengestaltung (Hund und Waschbär) sowie die passenden Kostüme verantwortlich.

Es geht um ein „trotziges“ junges Einhorn, dass sich von seiner schnuckeligen-süßen und flauschigen Herzwald-Welt (das alle Kinderträume zu erfüllen scheint) in das Nirgends verabschiedet und seine Ruhe sowie Freiheit haben möchte. Auf seiner Reise trifft es einen Waschbären (WASbär), der nicht richtig zuhört, einem Hund (NAhund), den nichts aus der Ruhe bringt und einer Königstochter (KönigsDOCHter), die ständig Widerworte gibt. Nachdem die Königstochter trotz der unterschiedlichen Persönlichkeiten gemeinsam befreit wurde, können alle zusammen herrlich bockig sein…

Seine eigene Persönlichkeit zu entfalten, Grenzen ausloten und sich mit anderen Individuen auseinandersetzen sind wichtig für den weiteren Lebensweg.

Die Musiktheatervermittlung lag in der Hand von Kristina Senne.

Das Opernfoyer bot einen intimen Rahmen, und die Kinder waren sehr nah am Geschehen. So werden auch später Berührungsängste zur Oper abgebaut.

Interessant war, diese Version für die Junge Oper im Vergleich zur Theaterversion im Fletch Bizzel (05.09.2022) zu erleben. Die zusätzliche Kraft des Gesangs und der Musik in der Oper auf der einen, und die schauspielerische Energie plus zeichnerische Begleitung auf der Leinwand im Theater auf der anderen Seite.

Infos zu weiteren Vorstellungterminen im Opernfoyer erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222 Für die Buchung der mobilen Vorstellungen wenden Sie sich bitte an das Team der Musiktheatervermittlung: jungeoper@theaterdo.de




Eine mitreißende wahrhafte Gute-Laune-Show.

I wanna be loved by you – von Shari Asha Crosson

Es ist ein empowerndes. kurzweiliges und stürmisches Spektakel über Gefühle, des Zusammenfindens und -seins, Musik und das Finden neuer Lebensformen und Identitäten.



Das Stück ist ansteckend mit seiner Energie, seiner Kraft und seiner Lebensfreude. Es ist Black Female Queer Power. Aber nicht nur, denn es ist durchaus auf uns alle übertragbar, egal of lesbisch, gay, hetero, trans, etc.

Die beiden Schauspieler*innen. Akasha Daley und Dena Abay, präsentierten dem Publikum ein lustvolles Mash Up aus popkulturellen Zitaten, Poesie. Musik und Tanz. Die beiden Multitalente Abay und Daley lassen nicht nur gekonnt die Emotionen der Frauen über ihre Gesichter und Körper (Körpersprache) huschen. Sie erheben auch den unfertigen Satz, den die jeweils andere weiterführt, zur Kunstform und tanzen in den kraftvollen Choreografien von Willie Stark Glück und Wut heraus.

Jung, lesbisch, Schwarz sucht… Wir alle lernten und lernen zu lieben, denn wir üben miteinander, an uns selbst, in allen Arten von Beziehungen. Die Stars unserer Zeit, besonders auf Instagram, wie zuvor die Yellow Press, leben uns vermeintlich vor, oder auch nicht, wie das geht und wir genießen es, sie scheitern zu sehen. Das Leid der Anderen ist eine pervertierte Lust am Scheitern. Mit unserem Lernen zu Lieben, wiederholen wir die Muster von Intimität und Schmerz, die viele von uns beim Aufwachsen vor allem in einem rassistischen und heteropatriarchalen Umfeld erfahren haben. Was wir dabei leicht vergessen: Beziehung ist Verhandlungssache und Liebe ist (k)eine endliche Ressource.

Dena Abay und Akasha Daley in "I wanna be loved" (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Dena Abay und Akasha Daley in „I wanna be loved“ (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Radikal, denn Audre Lorde hat uns gelehrt, dass Wut voller Informationen und Energie steckt, und zärtlich, denn Shari Asha Crosson inszeniert mit Akasha Daley und Dena Abay eine humorvolle Liebeserklärung an die unendlichen Möglichkeiten des queeren Zusammenseins. Aber nicht des queeren alleine! Es ist auch nicht typisch lesbisch, es kann auch auf das schwule Lieben lernen bezogen werden! Die beiden Protagonist*innen arbeiten an einer Neuordnung und Überschreibung ihrer erlernten Beziehungsmuster und lernen, dass die Sorge um uns selbst keine Selbstverliebtheit ist, sondern ein Akt des politischen aber auch persönlichen Widerstands.

I wanna be loved by you ist Shari Asha Crossons vierte Regiearbeit und ist ihr überaus gelungenes Debüt am Schauspiel Dortmund, nach ihren erfolgreichen Inszenierungen Mermaids und I wanna be a Boi Band in Oberhausen.

Das Stück ist emotional, mitreißend, mit tollen R&B-Songs und irrwitzigen Kostümen, das gerade mal einstündige Stück von Shari Asha Crosson, bietet eine Wahnsinns-Gute-Laune-Show. (Okay Wiederholung!, nur es war so). Aber nicht nur das: Unter der unterhaltsamen Oberfläche stecken sehr fein empfundene und genial gespielte Szenen einer Beziehung, egal welcher Orientierung.

Mit der Musik von Beyoncé, Faith Evans, Missy Elliott oder der Gesangs-Ikone Nina Simone wird ein Gesamtkunstwerk daraus, bei dem es bei der Uraufführung Freitagabend die Zuschauer und Zuschauerinnen kaum auf den Stühlen hielt.

Bitte selber schauen … und … Hingehen!

Mit                                          Akasha Daley, Dena Abay

Regie, Sound & Konzept       Shari Asha Crosson

Bühne                                     Marian Nketiah

Kostüme                                 Lorena Ayleen Diaz Stephens

Choreografie                          Willie Stark

Dramaturgie                           Jasco Viefhuess

Theatervermittlung                 Sarah Jasinszczak

Licht                                       Markus Fuchs

Ton                                         Robin Lockhardt

Regieassistenz                        Karl Georg Gierth

Ausstattungsassistenz Sandra Kania

Inspizienz                               Christoph Öhl

Soufflage                                Klara Brand




Eine humorvoll-satirische Adventslesung mit musikalischer Begleitung

Das konnte das Publikum am 02.12.2023 im Institut des Dortmunder Schauspielhauses unter dem Motto „Alle Jahre wieder…“ erleben.



Atmosphärisch-kulinarisch abgerundet wurde das Erlebnis mit frischen Waffeln. Auch die kleine Bühne war gemütlich weihnachtlich-festlich eingerichtet.

Thomas Ehrlichmann und Annika Hauffe auf dem Schlitten mit Raphael Westermeier und Lukas Beeler. (Foto: (c) Lisa Bunse)
Thomas Ehrlichmann und Annika Hauffe auf dem Schlitten mit Raphael Westermeier und Lukas Beeler. (Foto: (c) Lisa Bunse)

Die Schauspieler Raphael Westermeier und Lukas Beeler vom hiesigen Schauspielensemble ließen den „vorweihnachtlichen Wahnsinn“ mit seinen Überforderungen, Ritualen, Erwartungen, Stress, übervollen Städten, Weihnachtsmärkten und Arztpraxen mit Texten von Kurt Tucholsky bis Loriot mit humorvoller-Ironie lebendig werden. Besonders bei Loriots „Der Familienbenutzer- vielleicht weglassen?“ und „Uff Ächz schnief hust“ (Sandra Da Vina) konnten sie ihr schauspielerisches Können gut ausspielen.

Drei passend ausgesuchten Songs mit einem ironischen Augenzwinkern von Thomas Ehrlichmann und Annika Hauffe vom KJT Dortmund sorgten für gute Laune. Eine gelungen Crossover-Zusammenarbeit und gelungene Vor-Advents-Veranstaltung. Das Publikum ging mit guter Stimmung in den frühen Abend.

Gelegenheit, diese Adventslesung mit Musik zu erleben gibt es noch am Sonntag, den 10.12.2023 um 15:00 Uhr im Institut (Schauspiel Dortmund).

Karten und Infos erhalten Sie wie immer über www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/50 27 222 eventuell an der Kasse des Schauspielhauses.




Beyond gravity – das zweite Wochenende

Vom 24.11. bis zum 26.11. wurden wieder im Theater im Depot und in der Akademie für Theater und Digitalität die VR-Brillen aufgesetzt und die ZuschauerInnen in virtuelle Welten geschickt.



Am Freitag erlebte ich ein Doppelprogramm mit „Touching clouds“ (akademie) und „Bodies under Influence“ (Depot). In „Touching Clouds“von Norbert Pape und Simon Speiser gelangte ich in eine Welt, die gefüllt war mit Objekten wie Steinen, Tarotkarten oder merkwürdigen Pflanzen, die eine Aktion ausführten und/oder eine Sounddatei abspielten. So ging ich auf Entdeckungstour durch eine magisch anmutende Welt. Die anderen BesucherInnen waren in einem schemenhaften Schwarz-Weiß zu erkennen, so dass wir uns nicht gegenseitig über den Haufen liefen.

„Bodies under Influence“ von Fernanda Ortiz war eine außergewöhnliche Tanzperformance. Mit VR-Brillen ausgestattet wurden wir in eine futuristische Welt entführt. Dort tanzte ein menschlich aussehendes Wesen, dass sich aber immer in eine Symbiose mit der Natur und anderen Lebewesen hineinwächst. Sidn unsere Avatare zunächst ohne Gliedmaßen, so „bekommen“ wir später Hände, mit denen wir eine kleine blaue Kugel steuern können. Ein tolles Erlebnis!

Zum Schluss sah ich mir am Samstag noch „Get real“ an. Hier wurden wir zunächst in Paare eingeteilt. Ich begann mit meiner Reise in die virtuelle Welt. Es begann mit einer Raumerkundung und ging dann weiter auf eine Art Platz, auf dem zu Technomusik getanzt werden konnte. Es konnte Kontakt zu den anderen Avataren aufgenommen werden oder einfach der Raum erkundet werden. Es war irre, einfach mal durch einen der Pfeiler zu fahren. Gegen Ende haben die Partner, die die ganze Zeit auf einem Stuhl saßen, die anderen „abgeholt“. Dann wurden die Plätze getauscht.

Gesamtes Fazit: Insgesamt habe ich in den zwei Wochen wirklich spannende, aufregende und innovative Formate erlebt. Dabei stehen wir bei diesen Technologien sicher noch am Anfang und die Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft. Ich hoffe auch, dass das Festival einen festen Platz in Dortmunds Kulturkalender findet und ich die Entwicklung von Theater und Digitalität weiter verfolgen kann.




Dortmunder Deklamationen – Dada in Dortmund lebt (noch)

Am 23. November 2023 fanden im Theater Fletch Bizzel die zweiten Dortmunder Deklamationen statt. Sie wurden organisiert und von der Dortmunder Dada-Gruppe DADADO. Es gab für die BesucherInnen Wort- und Musikbeiträge der besonderen Art.



Den Beginn machte das Mitch Heinrich Quartett dessen Performance ein wenig an Free Jazz erinnerte.
Hans-Ulrich Heuser war der erste, der mit seinen Wortbeiträgen an die große Dada-Kultur von vor 100 Jahren anknüpfte. Was kaum in Dortmund bekannt ist: auf dem Südwestfriedhof liegt mit Richard Hülsenbeck ein Mitbegründer des Dadaismus begraben.
Ellen Widmaier und Guido Schlösser kombinierten Text und Musik. Die Texte von Widmaier, beeinflusst durch konkrete Poesie, wurden durch die musikalische Begleitung von Schlösser interessant gestaltet.
Calvin Kleemann zeigte mit seinen Beitrag das auch Poetry Slam in Richtung Dada gehen kann.

Danach wurde das Publikum involviert, denn Christiane Köhne alias Adda veranstaltete ein Quiz zum Thema Dada. Es musste erraten werden, von welchem Dadaisten die vorgelesenen Zitate stammten. Selbst für die Experten war das Quiz schon eine harte Nuss.
Nach einem weiteren musikalischen Beitrag präsentierten Thomas Kade und Michael Heinrich wieder dadaistische Wortbeiträge, bis die Dortmunder Deklamationen nach einem weiteren Musikbeitrag feierlich durch Dieter Gawol alias A.Dièga beendet wurden.

Was auffällt: Wenn Dada in Dortmund eine Zukunft haben soll, muss an einer Verjüngungskur (Publikum und AkteurInnen) gearbeitet werden. Mit Calvin Kleemann ist DADADO sicherlich auf einem guten Weg, der aber weiter beschritten werden sollte.




Eine Geschichte von Mut und Fantasie

Im Schauspielhaus Dortmund konnte das Publikum (ab 6 Jahre) am 24.11.2023 die Uraufführung des KJT-Familienstücks „Die Abenteuer von Don Quijote und Sancho Panza“ nach Miguel de Cervantes unter der Regie von KJT-Intendanten Andreas Gruhn erleben. Fast das gesamte Ensemble des KJT war beteiligt.



Die Geschichte handelt vom kleinen Landadeligen Alonso Quijano „irgendwo“ in Mancha (Spanien), der schon viele Ritterromane gelesen hat und sich immer mehr in die Rolle eines fahrenden Ritters hineinsteigert. Er zieht mit einer rostigen Rüstung, einem alten Rappen, und seinem treuen (Schildknappen) Diener Sancho Panza aus, um gegen Ungerechtigkeit und für Freiheit zu kämpfen. 

Thomas Ehrlichmann (Sancho Panza) und Rainer Kleinespel (Don Quijote). Foto: (C) Birgit Hupfeld
Thomas Ehrlichmann (Sancho Panza) und Rainer Kleinespel (Don Quijote). Foto: (C) Birgit Hupfeld

Don Quijote ist jetzt sein Name, später erhält er den Zusatz „Ritter der traurigen Gestalt“. Freund*innen und Verwandte und der Pfarrer halten ihn für etwas verrückt. Man möchten ihn wieder nach Hause holen und von seinem „Wahn“ abbringen.

Der treue Diener Sancho Panza ist im Gegensatz zum (scheinbar furchtlosen)  idealistisch-fantasievollen Träumer Don Quijote ein kleinerer, immer hungriger, und praktisch denkender Mensch mit gesundem Menschenverstand.  

Beide erleben auf ihrer Reise viele Abenteuer. Kampf gegen Windmühlen („verzauberte Riesen“), Hilfe für eine von Don Quijote als seine „Herzensdame Dulcinea von Toboso“ gesehene Küchenmagd und einiges mehr. Das geht nicht ohne schmerzhafte Blessuren ab. Viele der Personen, denen sie begegnen, machen sich über den Ritter von der traurigen Gestalt lustig. Durch eine List wird versucht, ihn von seinem „Ritterwahn“ weg zu bringen und wieder nach Hause zu holen…

Das Ganze wird auf der Bühne lebendig aus der Sicht von Sancho Panza (Thomas Ehrlichmann) erzählt. Zusätzlich bot er auch kleine musikalische Beiträge. Mit viel Herzblut und Engagement versetzte sich Rainer Kleinespel in die Rolle des Don Quijote. Bianca Lammert sang unter anderem als die verehrte „Dulcinea“ berührend den Song „Cucurrucucu Palom“ (Lola Beltrán).

Alle beteiligten Darsteller*innen ging mit viel Spielfreude in die unterschiedlichen Charaktere auf.

Das Bühnenbild war passend mit einer aufklappbaren Front aus Bücherattrappen und einigen Büchern ausgestattet, die gegebenenfalls zu einem Berg mit zwei Seitenaufgängen umfunktioniert wurde.

Schöne Landschaftsprojektionen im Hintergrund und die dazu ausgewählte Musik von Michael Kessler sorgten für ein „Spanien-Feeling“.

Am Ende bleibt als kleines Credo: Der Einsatz für eine gerechtere Welt und Freiheit sollte auch gegen Unverständnis und Widerstände unbeirrt weitergeführt werden.

Ein Stück für die ganze Familie, wobei die Altersangabe (ab 6 Jahre) beachtet werden sollte. Kleineren Kindern fällt die Aufmerksamkeit bei der zeitlichen Länge des Stückes wohl etwas schwer. Infos zu weiteren Aufführungsterminen im Schauspielhaus erfahren Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222.




Jenseits der Schwerkraft – Festival Beyond Gravity

Newton, Einstein und andere aufgepasst: Das Festival „Beyond Gravity“ bringt vom 17. bis zum 26. November 2023 die Schwerkraft durcheinander. Schon das erste Wochenende bot unglaubliche Erlebnisse in der Virtuellen Realität, vom Fahrstuhlfahren über Wüstenwind, der über die Haut streicht, bis hin zu modernem Tanztheater, bei dem der Zuschauer mittendrin ist.



Das Festival, das im Theater im Depot und in der Akademie für Theater und Digitalität stattfindet, zeigt auch eine Richtung, in der sich das Tanztheater hinbewegen kann: Eine Mischung zwischen VR und „echten“ Menschen.

Dabei sollte es aber nicht vergessen werden, dass dieser Weg auch einige Hürden hat: Die VR-Brillen, die bis jetzt zum Einsatz kamen, verursachen noch hohe Kosten. 50 Personen gleichzeitig in virtuelle Tanzräume zu schicken, wäre vermutlich unbezahlbar. Ein anderes Problem, das ich persönlich teile: 38,1 % aller Erwachsenen in Deutschland tragen eine Brille. Es muss daher auf diese nicht kleine Gruppe geachtet werden.

Kommen wir zum bisherigen Programm. Das erste, was ich am 17.11.23 besucht habe war „I AM (VR)“ von Susanne Kennedy und Markus Selg, die für diese Arbeit mit Rodrik Biersteker zusammengearbeitet haben. Das war unglaublich. Auf einem Fluss fahrend gelang ich in einen Raum mit vielen weiteren Kammern, von denen sich eine als Waldschlucht entpuppte, ein Fahrstuhl brachte mich nach oben und ich fuhr über eine Planetenoberfläche. Eine Wahnsinnsreise.

Der zweite Beitrag an diesen Abend war „Coded Rituals“, vom Cistifellea Collective (Dortmund) & Camila Scholtbach (Tänzerin). Ein Tanztheaterstück, das in zwei Teilen aufgebaut war. Der erste Teil spielte in einem hellen Kasten, der mit durchsichtiger Folie umspannt war. Im Innern befand sich die Tänzerin, die sich langsam aus ihrem Käfig befreite. Eine Analogie mit dem Verpuppen eines Insekts war zu erkennen. Im zweiten Teil tanzte Scholtbach nicht mehr alleine, sondern hatte virtuelle Begleitung, hier drehte es sich offenbar um Reproduktion.

“One Window is Enough” von Sara Escribano Maenza (Köln), Anna Schneider (Hamburg) & Lieve Vanderschaeve (Bonn) führte uns wieder teilweise in virtuelle Welten.

Die Choreografin Sara Escribano präsentiert in Zusammenarbeit mit der Tanzkünstlerin Anna Schneider und der Videokünstlerin Lieve Vanderschaeve eine Mischung aus Tanzperformance und digitaler Kunst.

In einem Spiel zwischen Körper und Technologie, bei dem der Körper eine Quelle und die Technologie ein Übersetzer/Mitgestalter der Choreografie ist, lassen sie Bewegung entstehen. Dabei entführten sie die BesucherInnen in eine Wüste und schafften es sogar mit Windmaschinen einen Sandsturm erlebbar zu machen. Der zweite Part ihres Programms fand wieder in der Realität statt, beide Tänzerinnen tanzten auf und mit einer Schaukel.

Am Samstag (18.11.23) stand mein erster Besuch in der Akademie für Theater und Digitalität auf dem Programm. „Das Totale Tanz Theater 360“ nimmt Ideen von Oskar Schlemmer aus den 1920er Jahren auf und bringt sie in die virtuelle Zukunft. Erschaffen von der Interactive Media Foundation und Filmtank, in Ko-Kreation mit Artificial Rome tauchen die Besucher mittels VR-Brille in einen gewaltigen, virtuellen Bühnenbau ein und durchlaufen mit einer von ihnen aktivierten Tanzmaschine eine tänzerische Choreographie über drei Ebenen. Dabei begleitet sie die Frage nach ihrer wirklichen Einflussmöglichkeit auf Raum und Maschine. Aus dem Ineinandergreifen von menschengemachter Choreographie, persönlicher Intervention sowie maschinellem Algorithmus ergeben sich dabei immer neue Formen der Bewegung und des Tanzes im Raum.

The Dead Code Must Be Alive!” von Brigitte Huezo brachte am Sonntag (19.11.23) wieder die Kombination zwischen realer Tänzerin auf der Bühne und zeitgliecher Animation auf drei Bildschirmen. Während sich ein Tänzer über die Bühne bewegt, entfaltet sich ein unendlicher virtueller Raum um einen Avatar, der seine Bewegungen widerspiegelt. Der physische und der virtuelle Körper sind untrennbar miteinander verbunden, aber nie ohne Reibung. Denn es ist nicht alles perfekt im Cyberspace.




Parodie um Ehe-Frust und patriarchalem Machtgehabe

In der Oper Dortmund feierte am 11.11.2023 „Orpheus in der Unterwelt“ von Jacques Offenbach (1819 – 1880) unter der Regie von Nikolaus Habjan seine Premiere.



Eingepackt in die mythologische Götterwelt schoss damals der deutsch-französischem Komponisten in dieser Opéra-bouffon zwei (Akte und vier Bilder, Libretto von Hector Crémieux und Ludovic Halévy) humorvoll gegen die französische Gesellschaft im Zweiten Kaiserreich (Napoleon III.).

Rinnat Moriah (Eurydike) und das Tanzensemble. Foto: (c) Björn Hickmann
Rinnat Moriah (Eurydike) und das Tanzensemble. Foto: (c) Björn Hickmann

Mit seiner neun Inszenierung übertrug Habjan die Geschichte mit kleinen subtilen Anspielungen auf den „Rosenkrieg“ zwischen Schauspieler Johnny Depp und Amber Heard. Der ursprüngliche komisch-humorvolle Charakter zwischen Erotik und Lächerlichkeit blieb erhalten.

Zur Story: Der seiner Frau Eurydike überdrüssige Orpheus ist hier nur ein Geigenlehrer. Beide können sich kaum noch ausstehen und betrügen sich gegenseitig. Trennen können sie sich wegen der „Öffentlichen Meinung“ nicht. Die ist streng und unerbittlich. Als es dem als Physiotherapeut getarnte Gott der Unterwelt Pluto gelingt, Eurydike in das Totenreich zu entführen, soll Orpheus im Olymp (mit seinen unzufriedenen Göttern und Göttinnen) von Herrscher Jupiter auf Geheiß der Öffentlichen Meinung seine Frau aus der Unterwelt zurückverlangen. Da zudem sowohl der lüsterne Jupiter selbst als auch Pluto Eurydike für sich haben wollen, wird es spannend. Eine List von Jupiter sorgt für eine Entscheidung…

Den modernen Erden-Vordergrund auf der Bühne bildete ein großes Schwimmbecken mit Liege zum Ausruhen. Die führte den Dirigenten Motonori Kobayashi direkt über eine Beckenleiter zur Dortmunder Philharmoniker. Diese sorgte für sensible musikalische Begleitung der Handlung.

Ein wunderbares Tanzensemble und der engagierte Opernchor Theater Dortmund sorgten für Stimmung beim Publikum und komische Momente.

Das große Aufgebot an starken Stimmen aus dem Dortmunder Opernensemble plus einem Geiger (Nemanja Belej) hatte ausgiebig Gelegenheit, seine komische Seite auszuleben.

Für besonderen Spaß sorgten neben den Scharmützeln zwischen Zachary Wilson (Orpheus) und Eurydike (Rinnat Moriah) die Zusammenkünfte von Morgan Moody (Jupiter) und Fritz Steinbrecher (Pluto). Die Göttinnen und die „Öffentliche Meinung“ (Maria Hiefinger) zeigten, unterstützt von Pluto, gehörige Frauenpower. Da bekam der „alte Jupiter“ schon mal zu hören, dass ein Seitensprung nicht automatisch jung macht.

Ein großes Kompliment gebührt Denise Heschl für die witzig-passende Kostümwahl und für die großartige Tanz-Choreografie von Adriana Naldoni.

Natürlich war der Höllen-Cancan ein Höhepunkt.

Die Inszenierung überzeugte zudem durch gutes Timing und überraschenden lustigen Einfällen, die Darstellenden auch mit ihrem Mimik Spiel.

Eine gelungene Aufführung, die mit feiner Satire und Humor das Publikum zum Lachen zu bringen.

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222.